Aufgabe 2 - Teilaufgabe 3 · Abitur NRW Psychologie LK · Nachtermin 2021
Thema: Psychische Störungen und Psychotherapie · Aus der Prüfung LK · Nachtermin (2021)
Aufgabenstellung
Freunde im Doppelpack
Anstrengend, verstaubt und spießig – um das Image des Pärchenabends steht es nicht gut. Zu Unrecht: Die Freundschaft unter Paaren bereichert nicht nur die Freizeit. Ihre Dynamiken beleben die Beziehung
[...]
Egal ob Kabarett, Kino, Theater oder Literatur – das Aufeinandertreffen zweier Paare dient
gerne als Vorlage für satirische Scherze und hämischen Spott. Dabei ist die Paarfreund-
schaft weit mehr als eine Lachnummer. Die Begegnung zwei plus zwei lässt uns wachsen,
5 bereichert unser Leben und stärkt unsere Beziehung – oder führt zu Tragödien. Trennt sich
ein Paar, eckt ein neuer Partner an oder kommt Neid ins Spiel, zeigt sich, wie komplex und
fragil diese Konstellationen sind. Wer um ihre Besonderheiten weiß, kann die Fallstricke
vermeiden.
„Das Bedürfnis, uns mit anderen zu verbünden, ist tief in uns verwurzelt“, sagt die Kölner
10 Paartherapeutin Marina Gardini. „Wir brauchen den Zusammenschluss mit Freunden – auch
als Paar.“ Das gilt besonders für westliche Gesellschaften. Denn sie sind geprägt von „einer
Abkehr vom gemeinschaftsorientierten Leben, hin zu einem zunehmenden Maß an Privati-
sierung und Individualismus“, wie der Familienforscher Allen Barton von der University of
Georgia beobachtet. Dieser Kulturwandel zieht nach sich, dass Paare selten ein Teil größerer
15 Gemeinschaften sind, etwa der Kirche oder des Dorfs. Entsprechend bedeutsamer wird die
Rolle von kleineren sozialen Einheiten. Einheiten wie der Freundschaft im Doppelpack. Das
zeigt auch eine der wenigen wissenschaftlichen Untersuchungen, die sich mit dieser Konstel-
lation beschäftigen. Mehr als 400 Personen haben Geoffrey Greif und Kathleen Holtz Deal,
Professoren an der University of Maryland School of Social Work, für ihr Buch Two Plus
20 Two. Couples and Their Couple Friendships interviewt. 78 Prozent der 246 vergebenen
Personen in der Stichprobe gaben an, die Freundschaft mit anderen Paaren sei ihnen wichtig
oder sogar sehr wichtig.
[...]
„Paarfreundschaften spielen im Laufe des Lebens mal eine größere, mal eine kleinere Rolle.
25 Am wichtigsten sind sie jedoch zu Beginn der ersten Ehe, wenn sich ein Paar neu als Paar
definieren muss.“ Während die meisten Menschen in ihrer Jugend und den frühen Zwanzigern
einzelne Freunde oder ganze Cliquen als Bezugspunkte haben, etablieren sich mit den ersten
langfristigen und ernsthaften Beziehungen auch Paare im Freundeskreis. Sie dienten als
Vergleichsbasis, so Greif, um die eigene Identität der Partnerschaft zu festigen, und spielten
30 eine wichtige Rolle im sozialen Gefüge.
Paare in den mittleren Jahren hätten hingegen oft Schwierigkeiten, diese Freundschaften
aufrechtzuerhalten. Neben Karriere, Kindern und pflegebedürftigen Eltern bleibt in der
Rushhour des Lebens nicht viel Zeit, in soziale Kontakte zu investieren. „Sobald aber der
Nachwuchs das Haus verlassen hat und die berufliche Position gesichert ist, haben Paare
35 mehr Kapazitäten“, sagt Greif. „Ältere Menschen schätzen diese Art der Verbindung wieder
sehr.“ Das gilt auch für das letzte Viertel des Lebens. Doch fällt es Ehepaaren dann zuneh-
mend schwer, sich mit anderen zu vernetzen. „Wenn im Bekanntenkreis schon einige ver-
witwet sind und die Freunde immobiler werden, werden Paarfreundschaften seltener.“
Doch egal in welchem Alter – die Rechnung zwei plus zwei geht nicht immer auf. „Sie
40 glauben, dass es schwer ist, einen echten Freund zu finden?“, fragt etwa Irene Levine,
Psychologin an der New York University School of Medicine und Autorin eines Freund-
schaftsblogs. „Multiplizieren Sie diese Komplexität mit zwei und versuchen Sie dann, ein
Paar zu finden, mit dem Sie und Ihr Partner harmonieren.“ Damit die Suche erfolgreich ver-
laufen kann, hilft es, vor allem auf eines zu achten: Ähnlichkeit. „In einer extrem pluralisti-
45 schen Gesellschaft fühlen sich Paare in der Gegenwart ähnlicher Menschen wohler“, sagt
Gardini. Buchliebhaber möchten mit Buchliebhabern, Triathleten mit Triathleten und FDP-
Wählern mit FDP-Wählern ihre Freizeit verbringen. „Natürlich können auch Unterschiede
bereichern, aber nur wenn sie nicht zu groß sind.“
Stimmen Wertevorstellungen, sozioökonomischer Status und Bildungshintergrund halbwegs
50 überein, müssen sich schließlich auch noch die Erwartungen an die Freundschaft decken. So
haben Greif und Holtz Deal herausgefunden, dass sich Paare in den USA zwischen zwei Polen
bewegen: Spaßorientierung und emotionaler Teilhabe. „Die meisten Paare suchen ein anderes
Paar, mit dem sie sich amüsieren können“, sagt Greif. „Ihre Freundschaft basiert auf gemein-
samen Aktivitäten und gleicht eher der Herangehensweise von Männern.“ Eine kleinere
55 Gruppe von Paaren definiert ihre Freundschaft hingegen über Empathie und Selbstoffenba-
rung – dem typischeren Interaktionsstil von Frauen. Gardini nimmt an, dass dieses Verhältnis
hierzulande ähnlich ausfällt. Denn: „Paarfreundschaften fokussieren sich oft auf Hobbys“,
sagt die Psychologin. „Sie brauchen keine sonderliche Tiefe und beruhen nicht unbedingt
darauf, dass man sich bei schweren Lebensereignissen unterstützt.“
[...]
Paarfreundschaften tun uns gut. „Menschen mit Freunden leben länger und glücklicher“, sagt
Greif. „Denn Freunde halten uns auf Trab, sozial und geistig. Sie achten auf unsere Gesund-
heit und sorgen dafür, dass wir in Bewegung bleiben.“ Gefüttert mit aktuellen Studienergeb-
nissen, ließe sich die Liste der Wohltaten noch eine ganze Weile fortsetzen: vom sinkenden
65 Risiko für Bluthochdruck und Depressionen über ein gesteigertes Selbstwertgefühl bis hin
zum gestärkten Immunsystem. Im Vergleich zur klassischen Sandkasten-, Fußball- oder
Frühstücksfreundschaft hat die Konstellation aus zwei Paaren aber noch einen weiteren, ent-
scheidenden Vorteil: Sie steigert die Beziehungsqualität. „Paare, die Freunde teilen, werden
stärker in ein soziales Netzwerk integriert, und das kann ihre eigene Beziehung stärken“,
70 schreiben Greif und Holtz Deal. „Wir glauben deshalb, dass Paare durch ihre Freundschaften
mit anderen Paaren nicht nur viel Spaß haben, sondern sich auch gegenseitig mehr schätzen.“
Empirisch belegt wurde diese Vermutung durch den Psychologen Keith Welker an der
University of Colorado Boulder. In einer Studie mit 176 Probanden untersuchte er, ob die
Interaktion zwischen zwei Paaren das Gefühl von Nähe innerhalb der Partnerschaften ver-
75 stärken kann. Tatsächlich zeigten seine Experimente, dass gemeinsame Aktivitäten die Zu-
neigung zwischen den jeweiligen Partnern erhöhen. „Paarfreundschaften können damit eine
Möglichkeit sein, das Gefühl von leidenschaftlicher Liebe in romantischen Beziehungen neu
zu entfachen“, schreibt Welker.
[...]
80 Doch natürlich schlagen in solchen Konstellationen auch schwierige Erscheinungen auf, etwa
das Like him, hate her -Phänomen. So bezeichnen Greif und Holtz Deal es, „wenn ein Paar
mit einem anderen Paar befreundet ist, von dem es einen der beiden mag, den anderen aber
nicht“. Variationen seien das Like him but don’t talk about politics - oder das Don’t get her
started on her work -Syndrom 1. In diesen Fällen, das zeigt ihre Studie, versuchen Paare den
85 Kontakt zu reduzieren oder sich nur noch in einer größeren Gruppe zu treffen. Ein Konflikt-
herd nicht nur für die Viererrunde, sondern auch für beide Partnerschaften. Denn: „Manch-
mal möchte der eine seine knappe Freizeit nicht für einen anstrengenden Kontakt opfern, der
andere fühlt sich aber dem Freund zur Loyalität verpflichtet“, sagt Greif. Das zweite Paar
wiederum muss damit umgehen, dass der oder die Neue nicht mit offenen Armen in den Kreis
90 der Freunde aufgenommen wird. In manchen Fällen gelingt es dann, den Kontakt auf be-
stimmte Aktivitäten zu begrenzen. Findet sich gar keine gemeinsame Ebene, kann es eine
Lösung sein, die Beziehung in einen Eins-zu-eins-Kontakt unter den Männern oder Frauen
auszulagern. Doch auch dieser Schritt müsse behutsam erfolgen, meint Gardini: „Es ist sehr
schwer zu ertragen, wenn der eigene Partner abgelehnt wird. Die Freizeit ist ein Luxusgut,
95 da soll es reibungsfrei laufen.“
Noch schwieriger wird es, wenn größere Brocken in das Getriebe der Freundschaft gelangen:
Lebenskrisen wie Arbeitslosigkeit, Krankheit – oder Trennung. Geht eine der Beziehungen
in die Brüche, stellt das die Freundschaft des ganzen Quartetts auf die Probe. Wer hält zu
wem, wenn der Abschied kein einvernehmlicher war? Wer trifft wen, wenn es die übliche
100 Runde nicht mehr gibt? Und wer teilt welche Informationen, wenn plötzlich Fronten auftau-
chen, die es vorher nicht gab? Greif und Holtz Deal haben 58 geschiedene Personen und
123 Paare dazu befragt, was diese Herausforderungen mit ihrer Viererrunde machten. Über
die Hälfte der Paare berichtete, dass die Freundschaft mit einem der beiden Expartner in die
Brüche ging. Und 13 Prozent erlebten, dass der Kontakt sogar zu beiden Personen abbrach.
[...]
Ein typischer Verlauf, glaubt Psychologin Gardini. Denn wenn sich die Lebenssituation o-
der Interessenslage bei einem der Paare ändere, setze das viel Kooperationsbereitschaft und
Einsatz bei allen Beteiligten voraus. „Alte Strukturen, Aktivitäten und Dynamiken passen
dann einfach nicht mehr, und es wird schnell deutlich: Geht es nur um gemeinsame Aktivi-
110 täten oder auch um ein Interesse an den Menschen?“ Wem die Freundschaft etwas bedeutet,
der sollte ihr ausreichend Zeit geben, sich auf einer neuen Ebene einzupendeln. Und akzep-
tieren, dass Geben und Nehmen – etwa nach einer Trennung – für eine Weile unausgeglichen
sind.
[...]
1 sinngemäß: Lass sie gar nicht erst anfangen, über ihre Arbeit zu sprechen
3. Erörtern Sie, ob sich ein systemisch-therapeutisches Vorgehen dazu eignet, Paarfreundschaften, die in Gefahr geraten sind, zu festigen. (18 Punkte)
a)
b)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
Skizzierung der Grundannahmen der systemischen Therapie
Lösung: Indexpatient als Symptomträger im dysfunktionalen System; Störungen entstehen durch verfestigte Kommunikations- und Rückkopplungsmuster; Ziel ist die Wiederherstellung des Fließgleichgewichts durch Eingriff in Kommunikations- und Interaktionsstrukturen (z. B. zirkuläres Fragen, Reframing, positive Konnotation, paradoxe Interventionen).
Erörterung der Eignung eines systemisch-therapeutischen Vorgehens für Paarfreundschaften
Lösung: Zustimmende Argumente: Systemische Interventionen (z. B. Reframing, positive Konnotation bei Zeitmangel, Aufdecken von Vorbehalten durch zirkuläres Fragen) können dysfunktionale Kommunikationsmuster lösen und Kooperation fördern; Vermeidung voreiligen Beendens der Freundschaft. Ablehnende Argumente: Systemische Therapie setzt die Bereitschaft zur professionellen Reflexion voraus; Paarfreundschaften sind oft freizeitorientiert und wenig bindend, sodass die Schwelle zur professionellen Hilfe unangemessen hoch ist; bei Scheidung/Trennung eines Paares bricht ein Subsystem weg, wodurch das gemeinsame System obsolet wird. Eigener begründeter Standpunkt.
Die ausführliche Erklärung Schritt für Schritt (mit KI) gibt es mit Premium. Premium
Löse sie direkt hier: automatische Korrektur, Hinweise und Lösung Schritt für Schritt.
‹ Aufgabe HT 3 - Aufgabe 3 · LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021 · Aufgabe 3 - Teilaufgabe 1 · LK · Nachtermin 2021 ›
Mehr Aufgaben zu Psychische Störungen und Psychotherapie
- Aufgabe HT 3 - Aufgabe 3 · GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021
- Aufgabe HT 3 - Teilaufgabe 2 · LK · Haupttermin 2021
- Aufgabe HT 3 - Teilaufgabe 3 · LK · Haupttermin 2021
- Aufgabe HT 3 - Aufgabe 2 · LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021
- Aufgabe HT 3 - Aufgabe 3 · LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021
- Aufgabe 3 - Teilaufgabe 1 · LK · Nachtermin 2021
- Aufgabe 3 - Teilaufgabe 2 · LK · Nachtermin 2021
- Aufgabe 3 - Teilaufgabe 3 · LK · Nachtermin 2021