Aufgabe 4 - Teilaufgabe 3 · Abitur NRW Psychologie LK · Nachtermin 2021

Thema: Persönlichkeitsdiagnostik und Personalauswahl · Aus der Prüfung LK · Nachtermin (2021)

Aufgabenstellung

Anfänge der beruflichen Entwicklung von der Kindheit bis ins frühe Erwachsenenalter

Ein wichtiger Auslöser individueller Entwicklungsprozesse sind sog. Entwicklungsaufgaben,

die als geteilte normative Erwartungen von der sozialen Umgebung an das Individuum her-

angetragen werden. Beispielsweise erwartet man von einem Kind ab einem bestimmten Alter,

dass es sich selbst anziehen kann, dass es lernt »bitte und danke« zu sagen etc. Entwicklungs-

5 aufgaben begleiten uns entlang unserer gesamten Lebensspanne. Die erfolgreiche Bewälti-

gung einer Entwicklungsaufgabe führt zu Zufriedenheit und Anerkennung, während das

Versagen bei einer Entwicklungsaufgabe das Individuum unglücklich macht, auf Ablehnung

durch die Gesellschaft stößt und zu Schwierigkeiten bei der Bewältigung späterer Entwick-

lungsaufgaben führt. Entwicklungsaufgaben von Jugendlichen sind beispielsweise der Auf-

10 bau von Beziehungen zu Gleichaltrigen, die Akzeptanz des eigenen Körpers, das Erreichen

emotionaler Unabhängigkeit von den Eltern, die Vorbereitung auf das Berufsleben und die

Auswahl eines Berufes sowie Bemühungen zur Sicherung der späteren wirtschaftlichen Un-

abhängigkeit.

In der Laufbahnentwicklungstheorie (Savickas, 2002) wird das Alter zwischen 4 und 13

15 Jahren als Wachstumsphase der beruflichen Entwicklung bezeichnet. Mit zunehmendem

Alter erwartet man von Heranwachsenden, dass sie sich mit ihrer eigenen beruflichen Zu-

kunft befassen, diese als persönliche Herausforderung begreifen lernen, Kriterien für ihre

Ausbildungs- und Berufswahlentscheidungen entwickeln und das Selbstvertrauen haben,

eine für sie angemessene und realistische berufliche Weichenstellung vorzunehmen. Die

20 eigenen Berufswünsche der Heranwachsenden äußern sich in Tagträumen.

Eine sichere psychische Bindung 1 an die primären Bezugspersonen stärkt das Zutrauen der

Heranwachsenden zu sich selbst, fördert ihren Optimismus sowie ihr Vertrauen in andere

Personen. Damit werden eine vorausschauende Haltung und planende Einstellung gegen-

über der eigenen beruflichen Zukunft gebahnt und die Grundlagen für die spätere berufli-

25 che Planungskompetenz gelegt. Die sichere Bindung an die primären Bezugspersonen

schafft auch die Voraussetzung für spätere vertrauensvolle Beziehungen zu Mentoren, Vor-

gesetzten und Kollegen. Unsichere Bindungen an die primären Bezugspersonen führen da-

gegen zu einem negativen Selbstkonzept bei den Heranwachsenden, erhöhter Ängstlichkeit,

ambivalenten oder sogar gleichgültigen Einstellungen gegenüber der eigenen beruflichen

30 Zukunft und z. T. zu antisozialen Einstellungen (»Man kann alles machen, solange man

nicht erwischt wird.«).

Wenn eine heranwachsende Person den Freiraum bekommt, eigene Entscheidungen zu

treffen, wenn sie dazu ermutigt wird, kleine kurzfristige Annehmlichkeiten zugunsten grö-

ßerer langfristiger Belohnungen aufzuschieben, wenn sie lernt, mit anderen zu verhandeln

35 und für ihre eigenen Rechte einzutreten, entwickelt sich bei ihr ein Gefühl der persönlichen

Autonomie und der Kontrolle über die eigenen Entscheidungen. Dies fördert auch die emo-

tionale Unabhängigkeit und stärkt die persönliche Willenskraft. Insgesamt werden damit die

Grundlagen für die spätere berufliche Entscheidungskompetenz gelegt.

Von einer heranwachsenden Person wird auch erwartet, dass sie Kriterien für die Ausbil-

40 dungs- und Berufswahl entwickelt. Solche Kriterien können ganz unterschiedlich sein, wie

z. B. »Hauptsache, es macht Spaß!«, »Man soll das als Beruf wählen, worin man gut ist!«,

»Ich will etwas lernen, wo ich unabhängig und auf niemand angewiesen bin«, »Den Beruf,

den man wählt, hat man sein ganzes Leben«, »Man kann den Beruf auch wechseln, wenn er

keinen Spaß mehr macht«, »Ich will nie arbeitslos werden!«, etc. Die Herausbildung solcher

45 Kriterien fördert das Wissen über die eigene Person und erleichtert es damit, später eine

bessere Übereinstimmung zwischen den eigenen Bedürfnissen und Fähigkeiten mit den An-

geboten in der Berufswelt herstellen zu können.

Die erfolgreiche Problembewältigung in Alltagsdingen zu Hause, in der Schule oder bei

Hobbys erhöht die eigene Selbstwirksamkeitseinschätzung, fördert die Selbstakzeptanz und

50 steigert das Selbstwertgefühl. Dies schafft die Grundlagen für das Zutrauen zu sich selbst,

die Herausforderungen der Berufswahl und der erforderlichen beruflichen Anpassungen er-

folgreich bewältigen zu können.

Das Alter zwischen 14 und 24 Jahren wird in der Laufbahnentwicklungstheorie (Savickas,

2002) als Explorationsphase der beruflichen Entwicklung bezeichnet. In dieser Zeit sollen

55 die Personen den Weg von ihren beruflichen Wünschen und Tagträumen zu einer konkreten

Stelle in der Arbeitswelt finden. Die Entwicklungsaufgabe besteht also darin, eine Berufs-

wahlentscheidung treffen und umsetzen zu sollen. Man unterscheidet dabei drei Aspekte

dieser Entwicklungsaufgabe: Kristallisation, Spezifikation und Aktualisierung.

Die Kristallisationsaufgabe besteht einerseits darin, durch gezielte Selbsterprobungen zu einer

60 differenzierteren Einschätzung der eigenen beruflichen Interessensfelder (z. B. primär Um-

gang mit Menschen oder primär Umgang mit Dingen), der eigenen berufsrelevanten Fähig-

keiten (liegen z. B. Stärken eher im sprachlichen Bereich oder im mathematischen Bereich)

sowie der Ausprägung der eigenen Arbeitswerte (z. B. Sicherheit des Arbeitsplatzes vs. Ab-

wechslung am Arbeitsplatz) zu gelangen. Es besteht also die Aufgabe, ein differenziertes be-

65 rufliches Selbstkonzept zu entwickeln. Andererseits soll die berufssuchende Person gezielt

Informationen über die Anforderungen, Routinen und Belohnungen, die bestimmte Berufs-

felder und Berufe stellen und bieten, sammeln, um damit eine individuelle kognitive Land-

karte über die Berufswelt zu entwickeln. Aus dem Vergleich von Selbstkonzept und indivi-

dueller kognitiver Berufslandkarte sollen sich vorläufige Präferenzen für bestimmte Berufs-

70 felder ergeben. Die Spezifikationsaufgabe beinhaltet dann die Auswahl einer spezifischen

Wunschtätigkeit aus den vorläufigen Präferenzen. Die Aktualisierungsaufgabe besteht

schließlich darin, den Weg vom Wunsch zu dessen aktiver Realisierung tatsächlich – auch

gegen Widerstände und angesichts von Schwierigkeiten – zu gehen.

Für die Bewältigung dieser Entwicklungsaufgaben haben Jobs von Jugendlichen in Ergän-

75 zung zur Schule eine wichtige Bedeutung (Kirkpatrick Johnson & Mortimer, 2002): Jugend-

liche gewinnen so erste Erfahrungen im Erwerbsleben und können besser für sich ihre beruf-

lichen Interessen und individuellen Arbeitswerte klären. Empirische Studien zeigen, dass

diese Jobs bei den Jugendlichen zu einer verbesserten Pünktlichkeit, einem stärkeren Verant-

wortungsbewusstsein, höherer Zuverlässigkeit, einem größeren Selbstvertrauen und einem

80 verbesserten Bewerbungsverhalten führen. Wenn die Arbeitszeiten im Job allerdings zu lange

dauern, erhöht dies die Wahrscheinlichkeit von Substanzmissbrauch (Tabak und Alkohol),

Delinquenz und eines Absinkens der schulischen Leistungen. Gute Schüler haben relativ

kurze Arbeitszeiten in ihren Jobs und können deshalb stark davon profitieren. Schlechte

Schüler haben oft zu lange Arbeitszeiten parallel zur Schule, was mit den genannten

85 negativen Effekten einhergeht.

Savickas (2002) berichtet über drei Stile, mit den Entwicklungsaufgaben der Explorations-

phase umzugehen:

• Der informationsorientierte Stil zeichnet sich durch ein aktives Suchverhalten sowie

ein eigenständiges, stark problemorientiertes Vorgehen aus.

90 • Der normorientierte Stil zeichnet sich durch eine sehr enge Anlehnung an die Vorga-

ben und Erwartungen signifikanter anderer Personen und eine enge Bindung an die Her-

kunftsfamilie aus.

• Der vermeidende Stil äußert sich in hinauszögernden und vermeidenden Verhaltensweisen

gegenüber beruflichen Entscheidungen. Den Betroffenen fehlen positive Rollenmodelle.

95 Ihr Verhalten hat Defizite beim problemorientierten Vorgehen und zeichnet sich durch

emotionszentrierte Bewältigungsversuche aus.

Wenn ein informationsorientierter Stil vorliegt, kann man von einer hohen sog. Berufswahl-

reife ausgehen. Damit bezeichnet man die Bereitschaft und die Fähigkeit, die Entwicklungs-

aufgabe der Berufswahl in Angriff zu nehmen und erfolgreich zu bewältigen. Berufswahl-

100 reife umfasst folgende Aspekte: Planungskompetenz, Entscheidungskompetenz, Wissen

über das Selbst und die relevante berufliche Umwelt sowie die Berufswahlzuversicht.

In der Bundesrepublik Deutschland dürfte der Alterskorridor von jungen Erwachsenen ohne

Hochschulausbildung für die Explorationsphase in der Tat zwischen 14 und 24 Jahren liegen.

Da Hochschulabsolventen hierzulande ihr Studium aber häufig erst nach dem 25. Lebens-

105 jahr abschließen, ist für diesen Teil des Berufsnachwuchses die Explorationsphase länger.

Durch eine Verkürzung der Gymnasialzeit sowie die Einführung des 3-jährigen Bachelor-

studiums als erstem berufsqualifizierendem Hochschulabschluss wurden in jüngster Zeit

aber zielgerichtet berufspolitische Maßnahmen initiiert, um eine frühere Berufseinmündung

bei Hochschulabsolventen herbeizuführen.

1 Im Sinne des Konzepts von Bowlby et al. ist Bindung eine enge, emotionale Beziehung zwischen Menschen, welche vor allem durch Sicherheit und Vertrauen geprägt ist. Die Qualität des Bindungsverhaltens entwickelt sich vor allem im ersten Lebensjahr im Kontakt mit wichtigen Bezugspersonen (meist den Eltern).

3. Prüfen Sie, ob und wie sich Aspekte der Explorationsphase bei der Planung eines Assessment-Centers für Abiturienten erfassen lassen, und nehmen Sie abschließend Stellung dazu, inwieweit die Schule zu einer hohen Berufswahlreife beitragen kann.

(26 Punkte)

Aufgabenstellung: Aufgabe 4 - Teilaufgabe 3 · Abitur NRW Psychologie LK · Nachtermin 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

3. Prüfen Sie, ob und wie sich Aspekte der Explorationsphase bei der Planung eines Assessment-Centers für Abiturienten erfassen lassen, und nehmen Sie abschließend Stellung dazu, inwieweit die Schule zu einer hohen Berufswahlreife beitragen kann.

Lösung: Ausarbeitung gemäß den amtlichen Kriterien: 1. Grundlegende Merkmale eines Assessment-Centers (4 P.): - Ziel: Reduzierung von Unsicherheiten und Fehlentscheidungen bei der Personalauswahl. - Verhaltensbeobachtung in anforderungsnahen, berufsbezogenen Situationen (Simulationsorientierung). - Kombination mehrerer Verfahren (psychometrische Tests, Einzel- und Gruppenübungen wie Rollenspiele, Postkorb, Präsentationen) unter Beobachtung geschulter Assessoren nach festgelegten Kriterien (Mehrfachbeobachterprinzip). 2. Prüfung der Erfassung von Explorationsaspekten – Zustimmende Argumente (6 P.): - Konkrete Vorstellungen und kognitive Landkarte der Berufswelt lassen sich in Präsentationen oder strukturierten Interviews gut abbilden. - Aktualisierungsaufgabe (Bereitschaft zur aktiven Realisierung auch bei Widerständen) zeigt sich in Belastbarkeit und Engagement während fordernder AC-Übungen. - Der individuelle Bewältigungsstil (z. B. informationsorientiert vs. vermeidend/emotionszentriert) wird in Gruppendiskussionen und Rollenspielen verhaltensnah sichtbar. 3. Prüfung der Erfassung von Explorationsaspekten – Ablehnende / Einschränkende Argumente (6 P.): - Ein verbal geäußertes berufliches Selbstkonzept ist bei Abiturienten oft noch nicht stabil gefestigt oder beruht auf sozial erwünschten Antworten. - Die Tiefe der kognitiven Landkarte und die innere Kristallisation lassen sich in kurzen künstlichen Prüfsituationen nur oberflächlich diagnostizieren. - Das Auftreten kann stark durch vorangegangene Nebenjobs oder AC-Trainings geprägt sein, was keine verlässliche Prognose über eine dauerhafte Berufswahlreife als Persönlichkeitsmerkmal erlaubt. 4. Begründetes Fazit / eigener Standpunkt (4 P.): - Differenzierte Synthese zur Eignung des ACs für Abiturienten unter Abwägung von diagnostischem Nutzen und Entwicklungsstand der Zielgruppe. 5. Stellungnahme zur Rolle der Schule bei der Berufswahlreife (6 P.): - Schule kann Selbstwirksamkeit durch erfolgreiche Problembewältigung in schulischen und fachlichen Kontexten fördern. - Gezielte Unterstützung beim Aufbau kognitiver Landkarten (Praktika, Berufsberatung, Recherchetage, Betriebsbesichtigungen). - Grenzen schulischen Einflusses: Tiefliegende Bindungserfahrungen, primäre Sozialisation und die Fähigkeit zum Belohnungsaufschub entstehen maßgeblich im Elternhaus und entziehen sich weitgehend rein schulischen Maßnahmen.

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