Aufgabe 3 - Teilaufgabe 2 · Abitur NRW Psychologie LK · Nachtermin 2021

Thema: Psychische Störungen und Psychotherapie · Aus der Prüfung LK · Nachtermin (2021)

Aufgabenstellung

Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy

Schulenübergreifende Psychotherapie der chronischen Depression

Erste Therapiesitzung: Patient Herr P. (lächelnd und mit abschätzigem Tonfall zu seinem Therapeuten): „Sie glauben doch nicht, dass Sie mir etwa helfen können? Ich habe Ihre Doktorarbeit gelesen und recherchiert. Sie sind viel zu jung und doch gar kein Experte in Psychotherapie.“

5 Erste Therapiesitzung: Patientin Frau H. (mit leiser Stimme, schaut ihre Therapeutin nicht an): „Oh je, mir geht es so schlecht und es wird immer schlimmer. So viele Medikamente und Therapien habe ich schon ausprobiert. Nichts hat bisher geholfen. Also bitte, bitte helfen Sie mir. Ich mache auch alles, was Sie wollen.“

Das Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy (CBASP) ist die erste störungs- 10 spezifische Psychotherapie für die Behandlung chronisch depressiver Patienten. CBASP wurde von James P. McCullough […] entwickelt und kombiniert als integrative Therapie kognitive, verhaltensorientierte, interpersonelle und psychodynamisch-analytische Strategien, um direkt an der spezifischen Psychopathologie 1 chronisch depressiver Patienten anzusetzen. […]

15 McCullough hat sich vor der Entwicklung von CBASP Jahrzehnte lang mit dieser Patientengruppe beschäftigt und folgende Besonderheiten entdeckt:

ein wiederholter Ausdruck von Hilflosigkeit und Elend,

ein submissives 2 und überfordertes oder feindseliges und abwertendes Verhalten,

ein auffälliges Misstrauen in zwischenmenschlichen Beziehungen,

20 eine nahezu unverrückbare Überzeugung, dass nichts getan werden kann, um die Depression unter Kontrolle zu bringen,

rigide und verfestigte Verhaltensmuster, die weder durch positive noch durch negative Ereignisse beeinflussbar zu sein scheinen.

25 Diese Merkmale treffen auch auf die beiden Patientenzitate zu, wobei sich die Patienten bezüglich des zweiten Punktes klar unterscheiden: Frau H. zeigte zu Behandlungsbeginn vorwiegend submissives und überfordertes und Herr P. überwiegend feindseliges und abwertendes Verhalten. Aufgrund dieser Besonderheiten der Patienten und auf der Basis von Studienergebnissen hat McCullough zwei Grundannahmen über die Psychopathologie dieser Patienten- 30 gruppe formuliert, auf denen CBASP basiert.

1.

Viele chronisch depressive Patienten haben in der Kindheit frühe traumatisierende Beziehungserfahrungen erlebt. Sie berichten häufig, dass sie insbesondere emotionale Vernachlässigung, emotionalen Missbrauch, jedoch auch körperlichen Missbrauch und Vernachlässigung erfahren haben. McCullough geht davon aus, dass chronisch depressive 35 Menschen durch diese frühen traumatisierenden Beziehungserfahrungen ein hohes Misstrauen gegenüber Mitmenschen entwickelt haben und sich generell von Menschen eher zurückziehen bzw. diese abwerten, da sie nichts Gutes erwarten. Sie bauen eine Art Mauer zwischen sich und der Umwelt auf und entkoppeln dadurch ihre Wahrnehmung von der Umwelt. Infolgedessen fehlt ihnen zunehmend das Bewusstsein dafür, dass dieses 40 dysfunktionale Verhalten und ihre dysfunktionalen Interpretationen von Situationen dazu führen, dass sie sich immer wieder als hilflos, erfolglos und abgewiesen erleben.

2.

[…] McCullough [nimmt] zudem an, dass der kognitiv-emotionale Zustand chronisch depressiver Patienten präoperatorisch und somit vergleichbar mit dem kognitiv-emotionalen Zustand von Kindern zwischen vier und sieben Jahren sei. Das präoperatorische 45 Niveau ist gekennzeichnet durch folgende Aspekte: globales und prälogisches Denken,

Denkprozesse, die kaum durch die Denkweise und Logik ihrer Gesprächspartner beeinflusst werden können,

eine ich-zentrierte Sicht von sich und anderen,

50 monologisierende verbale Kommunikation,

Mangel an authentischer interpersoneller Empathie sowie

wenig affektive Kontrolle in Stresssituationen […].

Das auf diesen Annahmen basierende ätiologische 3 Modell […] postuliert, dass es aufgrund der ungünstigen, traumatisierenden Sozialisations- und Lernerfahrungen zu der Entkopplung 55 der Wahrnehmung von der Umwelt kommt, was korrigierende positive Lernerfahrungen erschwert. Daher wiederholen sich im Leben chronisch Depressiver immer wieder schwierige Beziehungserfahrungen, was eine chronische zwischenmenschliche Ineffektivität und schließlich die resistente Hilflosigkeit bzw. die therapieresistente chronische Depression triggert 4 und aufrecht erhält.

60 […]

[Fallbeispiel]

Herr P. ist ein 23-jähriger Patient, der sich eigenständig aufgrund einer chronifizierten depressiven Symptomatik zur stationären CBASP-Behandlung vorstellte. Der Patient berichtet, dass er bereits seit dem 12. Lebensjahr unter depressiven Symptomen mit Antriebslosigkeit, Schlaf- 65 und Konzentrationsstörungen und sozialen Rückzug leide. Weiterhin habe er unkontrollierte Essanfälle. Aufgrund einer daraus resultierenden schweren Adipositas habe er sich einer Magenbypass-OP unterzogen. Insgesamt seien drei stationär-psychiatrische Behandlungen mit verschiedenen Antidepressivabehandlungen […] erfolgt sowie zwei verhaltenstherapeutische Psychotherapien. Zu keinem Zeitpunkt habe sich unter der Behandlung eine Verbes- 70 serung der Symptomatik ergeben. […] In der psychiatrischen Vorgeschichte liegen zusätzlich ein stationärer Aufenthalt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie wegen gestörten Sozialverhaltens […]. Bereits in den ersten Gesprächen stellten sich interaktionelle Besonderheiten in der Beziehungsgestaltung heraus. Herr P. war ausgesprochen fordernd gegenüber seinem Einzeltherapeuten, jedoch auch gegenüber Mitpatienten, teilweise überheblich, aber 75 gleichzeitig auch schnell kränkbar. Die Interaktion war geprägt von Ironie und Zynismus sowie immer wieder auf Spielebene stattfindenden Beziehungstests.

[…]

Herr P. kommt in die Sitzung und der Therapeut fragt nach einer Situationsanalyse, die der Patient vorbereiten sollte. Zum wiederholten Male berichtet Herr P., er habe es nicht ge- 80 schafft diese vorzubereiten, wirkt dabei sehr selbstsicher und sagt dann: „Sie sind jetzt sicher böse auf mich.“ Auf die Frage, warum er es nicht geschafft habe, antwortet Herr P., er habe es vergessen. […]

TH: „Herr P., können Sie sich vorstellen, wie es mir gerade geht?“

Herr P. antwortet: „Sie sind sicher wütend und wollen nicht mehr mit mir arbeiten.“

85 TH: „Schauen Sie mich doch mal an, was sehen Sie denn?“

Herrn P. fällt es schwer den Therapeuten anzuschauen.

TH: „Was sehen Sie denn?“ (TH schaut traurig)

Herr P. kann nur kurz Augenkontakt halten und missdeutet den Gesichtsausdruck als Ärger.

TH: „Darf ich Ihnen sagen, wie ich mich gerade fühle?“

90 Herr P.: „Meinetwegen, auch wenn das schon wieder nervt.“

TH: „Ich merke gerade, dass ich richtig traurig werde, dass sie wieder keine Situationsanalyse mitgebracht haben. Denn so nehmen Sie mir die Möglichkeit mit Ihnen zu arbeiten, um wirklich etwas zu verändern. Und eigentlich will ich Ihnen helfen, dass es Ihnen besser geht. Aber wenn Sie so in der Therapie sind, merke ich, dass mir richtig die Energie verloren 95 geht mit Ihnen zu arbeiten. Und das macht mich richtig traurig.“

Herr P. wirkt plötzlich deutlich weniger selbstsicher und überheblich. Ihm scheint die Situation geradezu unangenehm.

TH: „Können Sie meine Gefühle aus meiner Sicht nachvollziehen?“

Herr P.: „Ach, ich bin doch auch nur irgendein Patient. Es ändert sich sowieso nichts, ob 100 ich was mitbringe oder nicht.“

TH: „Doch, genau das tut es. Ich möchte Ihnen helfen, weil ich Sie mag und Sie mir wichtig sind. Daher möchte ich Sie fragen: Wollen Sie, dass Sie mich traurig machen und mir die Lust nehmen, Ihnen zu helfen?“

Herr P.: „Nein, das will ich natürlich nicht.“

105 TH: „Aber warum machen Sie das dann?“

Herr P., fühlt sich sichtlich unwohl: „Ach, ich weiß es ja auch nicht“

TH: „Besteht möglicherweise eine Verbindung zwischen ihren Prägungen und ihrem Verhalten?“

Herr P.: „Naja, meine Mutter hat mich hängen lassen und mir nie gezeigt, dass ich ihr 110 wichtig bin. Mein Vater denkt sowieso, dass ich eine Flasche bin und hat immer mit Wut und Ablehnung reagiert, wenn ich was falsch gemacht habe. Vielleicht spielt das hier auch eine Rolle, wenn ich vertrauen und mich einlassen soll.“

[…]

TH: „Können Sie sich an eine ähnliche Situation wie heute erinnern, aber mit Ihrer Mutter 115 oder Ihrem Vater – also eine Situation, wo sie etwas vergessen oder falsch gemacht haben?“

Herr P.: „Ja klar. Das ist oft passiert. Meine Mutter hat sich ja irgendwann nur noch für meinen Stiefvater interessiert. Der war ich doch dann egal. Ob ich was gemacht hab oder nicht, hat sie nicht interessiert. Höchstens wenn es wieder Streit und Ärger gab, ist sie wütend geworden und hat mich immer gefragt, warum ich ihr das antue.“

120 TH: „Und Ihr Vater?“

Herr P.: „Der hat doch eh gedacht ich bin zu blöd um irgendwas hinzubekommen. Da hab ich mir dann immer Geschichten ausgedacht, warum ich irgendwas nicht mache. Es wäre ja so oder so nicht gut genug gewesen. Da hab ich dann immer eine Show gespielt, um nicht wieder gesagt zu bekommen, dass ich sowieso nicht fähig wäre irgendwas hinzukommen.“

125 TH: „Und wie hat Ihr Stiefvater reagiert?“

Herr P.: „Der hat mich ja komplett ignoriert, bei allem. Der hat dann nur immer zu meiner Mutter gesagt: Was ist das nur für ein Kind? Teilweise hat er sich über mich lustig gemacht. Dann hab ich ihn immer heftig angegriffen bis er damit aufgehört hat und am Ende nur noch ignoriert.“

130 TH: „Und wie habe ich heute reagiert?“

Herr P.: „Sie waren traurig, irgendwie betroffen.“

TH: „Ja, weil ich ihnen helfen will, weil Sie mir wichtig sind! Ich denke sogar, dass Sie die Therapie sehr gut hinbekommen würden. Welche Unterschiede sehen Sie denn zwischen meinem heutigen Verhalten und dem Verhalten Ihrer Familie früher?“

135 Herr P.: „Da ist alles anders. Ihnen war es nicht egal, aber sie haben auch nicht gesagt, dass ich es sowieso nicht schaffen würde und waren nicht wütend, haben mich nicht angeschrien und ausgelacht.“

TH: „Und können Sie schon sagen, was es für Sie bedeutet, wenn ich so anders reagiere?“

Herr P.: „Mm, das fühlt sich seltsam an, anders als ich es kenne und erwartet habe. Viel- 140 leicht sind manche Menschen heute doch anders als ich es bisher erlebt habe und haben doch Interesse an mir und meinen Problemen.“

[…]

Nachdem Herr P. diese Erkenntnis mit dem Therapeuten erarbeiten konnte, war er sichtlich betroffen. Es stellte sich ein Moment der Ruhe in der Therapiestunde ein, in der Herr P. 145 sichtlich bewegt von seinen eigenen Gefühlen war und erstmals in der Lage in der Therapie „Schwäche“ zu zeigen. […]

1 Lehre von den psychischen Erkrankungen

2 unterwürfiges

3 Ätiologie = Die Lehre der Ursachen von Krankheiten

4 aktivieren/auslösen

2. Arbeiten Sie die Symptome von Herrn P. und das Zusammenspiel zwischen ihm und seinem Therapeuten strukturiert aus dem Text heraus und erklären Sie beides tiefenpsychologisch, indem Sie das passende Persönlichkeitsmodell und das passende Therapieverständnis heranziehen. (34 Punkte)

Aufgabenstellung: Aufgabe 3 - Teilaufgabe 2 · Abitur NRW Psychologie LK · Nachtermin 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

2. Arbeiten Sie die Symptome von Herrn P. und das Zusammenspiel zwischen ihm und seinem Therapeuten strukturiert aus dem Text heraus und erklären Sie beides tiefenpsychologisch, indem Sie das passende Persönlichkeitsmodell und das passende Therapieverständnis heranziehen.

Lösung: Die Ausarbeitung umfasst folgende Elemente gemäß den amtlichen Kriterien: 1. Strukturierende Herausarbeitung der Symptome von Herrn P.: - *Emotional:* Schnelle Kränkbarkeit, ausgeprägte Überlegenheits- und Abwertungsgefühle, Antriebslosigkeit, innere Hilflosigkeit. - *Kognitiv:* Misstrauen, Überzeugung, dass ihm niemand helfen kann oder will, Annahme, anderen Menschen gleichgültig zu sein, Fehlattribution von Gesichtsausdrücken (sieht Trauer als Ärger). - *Behavioral / Somatisch:* Abwertendes, forderndes und zynisches Verhalten, Beziehungsspiele/Tests, sozialer Rückzug, Schlaf- und Konzentrationsstörungen, unkontrollierte Essanfälle (Adipositas, Magenbypass). 2. Herausarbeitung der Interaktion mit dem Therapeuten: - Zu Beginn Provokation und Abwertung (zu jung, Doktorarbeit recherchiert, keine Kompetenz), Ausbleiben der Situationsanalyse mit Vorwegnahme von Wut („Sie sind böse auf mich“). - Der Therapeut spiegelt/verbalisiert authentisch seine eigene Gemütslage (Traurigkeit, Energieverlust statt des erwarteten Ärgers). - Herr P. reflektiert daraufhin eigene familiäre Prägungen (Gleichgültigkeit der Mutter, Wut/Abwertung des Vaters, Ignorieren/Hohn des Stiefvaters). - Das Erleben einer unerwarteten Reaktion (Fürsorge und Trauer statt Aggression/Abweisung) ermöglicht es Herrn P., Schwäche zu zeigen und Beziehungsmuster zu hinterfragen. 3. & 4. Tiefenpsychologisches Persönlichkeitsmodell und Psychodynamik: - *Instanzenmodell:* Konflikt zwischen Es (orale Bedürfnisse nach Nähe/Zuwendung), Über-Ich (strenge, entwertende verinnerlichte Elternansprüche) und Ich (versucht Konflikt abzuwehren). - *Schichtenmodell:* Bewusstes, Vorbewusstes und das Unbewusste als Ort verdrängter frühkindlicher Konflikte und Kränkungen. - *Bedeutung der frühen Kindheit & Abwehrmechanismen:* Reaktionsbildung, Projektion, Rationalisierung, Regression/orale Fixierung (Essen als Ersatzbefriedigung für fehlende mütterliche Liebe). 5. Grundlagen der Psychoanalyse: - Konzepte der Übertragung (Reaktualisierung unbewusster infantiler Beziehungsmuster auf den Therapeuten) und Gegenübertragung. - Ziel: Aufdeckung des Unbewussten und Ermöglichung einer korrigierenden emotionalen Erfahrung. 6. & 7. Tiefenpsychologische Erklärung von Symptomen und Interaktion: - *Erklärung der Symptome:* Überlegenheitsgefühl und Zynismus dienen als Abwehr gegen Minderwertigkeitsgefühle und Kränkungsängste. Essanfälle kompensieren oral die emotionale Vernachlässigung. Die Annahme, wertlos zu sein, ist eine Introjektion der elterlichen Ablehnung. - *Erklärung der Interaktion:* Herr P. überträgt das Bild der ablehnenden/wütenden Bezugspersonen auf den Therapeuten (Übertragung). Indem der Therapeut nicht mit Gegenaggression oder Abweisung reagiert, sondern mit Traurigkeit und echter Zuwendung, wird die Übertragungsfalle durchbrochen und eine korrigierende emotionale Erfahrung ermöglicht, die unbewusste Muster bewusst macht.

Die ausführliche Erklärung Schritt für Schritt (mit KI) gibt es mit Premium. Premium

Löse sie direkt hier: automatische Korrektur, Hinweise und Lösung Schritt für Schritt.

‹ Aufgabe 3 - Teilaufgabe 1 · LK · Nachtermin 2021 · Aufgabe 3 - Teilaufgabe 3 · LK · Nachtermin 2021 ›

Mehr Aufgaben zu Psychische Störungen und Psychotherapie