Abitur NRW Psychologie 2021 · GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg
Abiturprüfung Psychologie in Nordrhein-Westfalen 2021, GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg: 12 Aufgaben mit Lösungen. Mit automatischer Korrektur.
Themen der Prüfung: Experimente und Studien analysieren · Texte auswerten und Paradigmen zuordnen · Sozialpsychologische Theorien anwenden · Persönlichkeitstheorien anwenden und vergleichen · Psychische Störungen und Psychotherapie · Persönlichkeitsdiagnostik und Personalauswahl
Aufgabe HT 1 - Aufgabe 1 · Experimente und Studien analysieren
Soziale Anerkennung schlägt Geld
Schadet eine Lüge dem Status, verzichten Menschen eher auf finanzielle Vorteile
Menschen sind ehrlicher, wenn sie über Wissensbereiche mit hohem gesellschaftlichen
Ansehen sprechen. Das gilt auch dann, wenn sie einen finanziellen Anreiz haben zu lügen,
5 zeigt eine neue Studie aus der Verhaltensökonomie. Vertrauensfragen werden in der
Wirtschaft wichtiger, wenn Expertise zu immer komplexeren Technologien immer
schwieriger zu überprüfen ist.
Vertrauen ist essentiell für jede Geschäftsbeziehung. Kunden wollen, dass eine Verkäuferin
ehrlich über ein kompliziertes Hightech-Produkt informiert. Doch können sie sich darauf
10 verlassen? Schließlich könnte die Verkäuferin die Nachteile des Produkts leugnen, um eine
Verkaufsprovision zu erhalten.
In welchen Situationen können wir unseren Mitmenschen vertrauen, obwohl sie durch Lügen
einen finanziellen Vorteil erzielen könnten? Eine Studie am Max-Planck-Institut zur Erfor-
schung von Gemeinschaftsgütern ist dieser Frage nachgegangen. In einem Experiment stellten
15 Michael Kurschilgen (inzwischen Technische Universität München) und Isabel Marcin
(inzwischen Universität Heidelberg) rund 190 Testpersonen auf die Probe.
Allgemeinwissen versus Promi-Klatsch
Die Teilnehmenden bekamen Multiple-Choice-Wissensfragen vorgelegt, zum Beispiel:
„In die Botschaft welches Landes flüchtete Julian Assange?“. Die Testpersonen waren in
20 zwei Gruppen aufgeteilt: Sender und Empfänger 1. Die Sender sahen neben der Frage vier
Antwortmöglichkeiten und empfahlen den Empfängern eine Antwort. Die Empfänger sahen
nur die Frage und die Empfehlung eines Senders. Während die Empfänger drei Euro für jede
richtige Antwort bekamen, verdienten die Sender drei Euro für jede falsche Antwort der
Empfänger. Die Sender hatten also einen finanziellen Anreiz zu lügen.
25 Der Test bestand für eine Hälfte der Teilnehmenden aus Fragen zum Allgemeinwissen, etwa
zu Geschichte, Geographie, Kunst und Politik, zum Beispiel diejenige zu Wikileaks-Aktivist
Assange. Die andere Hälfte bekam Fragen zu TV-Serien, Werbespots und Promi-Klatsch,
zum Beispiel: „In welchem Land wurde Irina Shayk, die Ex-Freundin des Fußballstars
Cristiano Ronaldo geboren?“ In einer Vorstudie hatten Kurschilgen und Marcin Fragen er-
30 mittelt, bei denen der durchschnittliche Wissensstand für beide Kategorien mit 63 Prozent
identisch war.
1 Zu einem direkten Face-to-Face-Kontakt zwischen Sender und Empfänger kam es während des Experiments nie. Die Versuchspersonen sahen nur, dass insgesamt noch andere Teilnehmer (überwiegend handelte es sich um Studentinnen und Studenten) im Raum waren.
Mehr Ehrlichkeit bei Kultur und Politik
Wären alle Sender immer ehrlich, würden sie also zum Allgemeinwissen genauso viele
richtige Antworten empfehlen wie zu den anderen Fragen. Im Experiment zeigte sich jedoch:
35 Bei Fragen zu Fernsehen und Klatsch wurden 32 Prozent zutreffende Antworten vorgeschla-
gen. Beim Allgemeinwissen gaben die Sender dagegen für 46 Prozent der Fragen eine kor-
rekte Empfehlung.
„Wenn die Testpersonen signalisieren konnten, dass sie sich in Wissensbereichen mit hohem
Renommee gut auskennen, war vielen ihr Image wichtiger als das Geld, das sie verdienen
40 konnten“, sagt Michael Kurschilgen. „Das Experiment zeigt, dass der Wunsch nach sozialer
Anerkennung finanzielle Anreize, zu lügen, überwinden kann.“ Dass Wissen aus Geschichte,
Kultur und Politik tatsächlich einen höheren Status hat als die anderen Themen, bestätigte
das Forschungsteam in einer ergänzenden Studie.
Vertrauen im Wirtschaftsleben wird wichtiger
Intrinsische Einflussfaktoren auf das Verhalten zu identifizieren, also Motive, die nicht materi-
45 ell sind, ist ein aktueller Schwerpunkt in der Verhaltensökonomie. „Produkte und Prozesse
werden aufgrund der technologischen Entwicklung immer komplexer. Sie erfordern viel Fach-
wissen, das schwer zu überprüfen ist. Deshalb wird Vertrauen im Wirtschaftsleben noch
wichtiger“, erklärt Isabel Marcin. „Finanzielle Anreize, nicht zu lügen, funktionieren wieder-
50 um nur, wenn die Aussagen überprüfbar sind. Es kommt also stärker denn je darauf an, ob
es einen eigenen Antrieb gibt, ehrlich zu sein.“
Die Studie zeigt, wann dies der Fall sein kann: „Wenn fundierte Kenntnisse über komplexe
Technologien ein ähnliches Renommee genießen wie Allgemeinwissen, oder sogar ein höhe-
res, können wir der Verkäuferin des Hightech-Produkts eher vertrauen“, sagt Kurschilgen.
55 „Dann motiviert sie der Wunsch nach sozialer Anerkennung zu mehr Ehrlichkeit.“
Quelle: Max-Planck-Gesellschaft (2019). Soziale Anerkennung schlägt Geld. Über eine verhaltensökonomische Studie von Michael Kurschilgen und Isabel Marcin.
Aufgabe 1 [32 Punkte]
Analysieren Sie das Experiment von Kurschilgen und Marcin. Erklären Sie dessen Ergebnisse sowohl mithilfe der Dissonanztheorie als auch mithilfe von konformem Verhalten.
Aufgabe HT 1 - Aufgabe 2 · Persönlichkeitstheorien anwenden und vergleichen
Soziale Anerkennung schlägt Geld
Schadet eine Lüge dem Status, verzichten Menschen eher auf finanzielle Vorteile
Menschen sind ehrlicher, wenn sie über Wissensbereiche mit hohem gesellschaftlichen
Ansehen sprechen. Das gilt auch dann, wenn sie einen finanziellen Anreiz haben zu lügen,
5 zeigt eine neue Studie aus der Verhaltensökonomie. Vertrauensfragen werden in der
Wirtschaft wichtiger, wenn Expertise zu immer komplexeren Technologien immer
schwieriger zu überprüfen ist.
Vertrauen ist essentiell für jede Geschäftsbeziehung. Kunden wollen, dass eine Verkäuferin
ehrlich über ein kompliziertes Hightech-Produkt informiert. Doch können sie sich darauf
10 verlassen? Schließlich könnte die Verkäuferin die Nachteile des Produkts leugnen, um eine
Verkaufsprovision zu erhalten.
In welchen Situationen können wir unseren Mitmenschen vertrauen, obwohl sie durch Lügen
einen finanziellen Vorteil erzielen könnten? Eine Studie am Max-Planck-Institut zur Erfor-
schung von Gemeinschaftsgütern ist dieser Frage nachgegangen. In einem Experiment stellten
15 Michael Kurschilgen (inzwischen Technische Universität München) und Isabel Marcin
(inzwischen Universität Heidelberg) rund 190 Testpersonen auf die Probe.
Allgemeinwissen versus Promi-Klatsch
Die Teilnehmenden bekamen Multiple-Choice-Wissensfragen vorgelegt, zum Beispiel:
„In die Botschaft welches Landes flüchtete Julian Assange?“. Die Testpersonen waren in
20 zwei Gruppen aufgeteilt: Sender und Empfänger 1. Die Sender sahen neben der Frage vier
Antwortmöglichkeiten und empfahlen den Empfängern eine Antwort. Die Empfänger sahen
nur die Frage und die Empfehlung eines Senders. Während die Empfänger drei Euro für jede
richtige Antwort bekamen, verdienten die Sender drei Euro für jede falsche Antwort der
Empfänger. Die Sender hatten also einen finanziellen Anreiz zu lügen.
25 Der Test bestand für eine Hälfte der Teilnehmenden aus Fragen zum Allgemeinwissen, etwa
zu Geschichte, Geographie, Kunst und Politik, zum Beispiel diejenige zu Wikileaks-Aktivist
Assange. Die andere Hälfte bekam Fragen zu TV-Serien, Werbespots und Promi-Klatsch,
zum Beispiel: „In welchem Land wurde Irina Shayk, die Ex-Freundin des Fußballstars
Cristiano Ronaldo geboren?“ In einer Vorstudie hatten Kurschilgen und Marcin Fragen er-
30 mittelt, bei denen der durchschnittliche Wissensstand für beide Kategorien mit 63 Prozent
identisch war.
1 Zu einem direkten Face-to-Face-Kontakt zwischen Sender und Empfänger kam es während des Experiments nie. Die Versuchspersonen sahen nur, dass insgesamt noch andere Teilnehmer (überwiegend handelte es sich um Studentinnen und Studenten) im Raum waren.
Mehr Ehrlichkeit bei Kultur und Politik
Wären alle Sender immer ehrlich, würden sie also zum Allgemeinwissen genauso viele
richtige Antworten empfehlen wie zu den anderen Fragen. Im Experiment zeigte sich jedoch:
35 Bei Fragen zu Fernsehen und Klatsch wurden 32 Prozent zutreffende Antworten vorgeschla-
gen. Beim Allgemeinwissen gaben die Sender dagegen für 46 Prozent der Fragen eine kor-
rekte Empfehlung.
„Wenn die Testpersonen signalisieren konnten, dass sie sich in Wissensbereichen mit hohem
Renommee gut auskennen, war vielen ihr Image wichtiger als das Geld, das sie verdienen
40 konnten“, sagt Michael Kurschilgen. „Das Experiment zeigt, dass der Wunsch nach sozialer
Anerkennung finanzielle Anreize, zu lügen, überwinden kann.“ Dass Wissen aus Geschichte,
Kultur und Politik tatsächlich einen höheren Status hat als die anderen Themen, bestätigte
das Forschungsteam in einer ergänzenden Studie.
Vertrauen im Wirtschaftsleben wird wichtiger
Intrinsische Einflussfaktoren auf das Verhalten zu identifizieren, also Motive, die nicht materi-
45 ell sind, ist ein aktueller Schwerpunkt in der Verhaltensökonomie. „Produkte und Prozesse
werden aufgrund der technologischen Entwicklung immer komplexer. Sie erfordern viel Fach-
wissen, das schwer zu überprüfen ist. Deshalb wird Vertrauen im Wirtschaftsleben noch
wichtiger“, erklärt Isabel Marcin. „Finanzielle Anreize, nicht zu lügen, funktionieren wieder-
50 um nur, wenn die Aussagen überprüfbar sind. Es kommt also stärker denn je darauf an, ob
es einen eigenen Antrieb gibt, ehrlich zu sein.“
Die Studie zeigt, wann dies der Fall sein kann: „Wenn fundierte Kenntnisse über komplexe
Technologien ein ähnliches Renommee genießen wie Allgemeinwissen, oder sogar ein höhe-
res, können wir der Verkäuferin des Hightech-Produkts eher vertrauen“, sagt Kurschilgen.
55 „Dann motiviert sie der Wunsch nach sozialer Anerkennung zu mehr Ehrlichkeit.“
Quelle: Max-Planck-Gesellschaft (2019). Soziale Anerkennung schlägt Geld. Über eine verhaltensökonomische Studie von Michael Kurschilgen und Isabel Marcin.
Aufgabe 2 [28 Punkte]
Erklären Sie das Verhalten der Versuchspersonen mithilfe der behavioristischen Persönlichkeitsauffassung und prüfen Sie, ob diese Erklärung gegenüber der kognitivistischen Deutung der Ergebnisse aus Aufgabe 1 zu bevorzugen ist.
Aufgabe HT 1 - Aufgabe 3 · Persönlichkeitsdiagnostik und Personalauswahl
Soziale Anerkennung schlägt Geld
Schadet eine Lüge dem Status, verzichten Menschen eher auf finanzielle Vorteile
Menschen sind ehrlicher, wenn sie über Wissensbereiche mit hohem gesellschaftlichen
Ansehen sprechen. Das gilt auch dann, wenn sie einen finanziellen Anreiz haben zu lügen,
5 zeigt eine neue Studie aus der Verhaltensökonomie. Vertrauensfragen werden in der
Wirtschaft wichtiger, wenn Expertise zu immer komplexeren Technologien immer
schwieriger zu überprüfen ist.
Vertrauen ist essentiell für jede Geschäftsbeziehung. Kunden wollen, dass eine Verkäuferin
ehrlich über ein kompliziertes Hightech-Produkt informiert. Doch können sie sich darauf
10 verlassen? Schließlich könnte die Verkäuferin die Nachteile des Produkts leugnen, um eine
Verkaufsprovision zu erhalten.
In welchen Situationen können wir unseren Mitmenschen vertrauen, obwohl sie durch Lügen
einen finanziellen Vorteil erzielen könnten? Eine Studie am Max-Planck-Institut zur Erfor-
schung von Gemeinschaftsgütern ist dieser Frage nachgegangen. In einem Experiment stellten
15 Michael Kurschilgen (inzwischen Technische Universität München) und Isabel Marcin
(inzwischen Universität Heidelberg) rund 190 Testpersonen auf die Probe.
Allgemeinwissen versus Promi-Klatsch
Die Teilnehmenden bekamen Multiple-Choice-Wissensfragen vorgelegt, zum Beispiel:
„In die Botschaft welches Landes flüchtete Julian Assange?“. Die Testpersonen waren in
20 zwei Gruppen aufgeteilt: Sender und Empfänger 1. Die Sender sahen neben der Frage vier
Antwortmöglichkeiten und empfahlen den Empfängern eine Antwort. Die Empfänger sahen
nur die Frage und die Empfehlung eines Senders. Während die Empfänger drei Euro für jede
richtige Antwort bekamen, verdienten die Sender drei Euro für jede falsche Antwort der
Empfänger. Die Sender hatten also einen finanziellen Anreiz zu lügen.
25 Der Test bestand für eine Hälfte der Teilnehmenden aus Fragen zum Allgemeinwissen, etwa
zu Geschichte, Geographie, Kunst und Politik, zum Beispiel diejenige zu Wikileaks-Aktivist
Assange. Die andere Hälfte bekam Fragen zu TV-Serien, Werbespots und Promi-Klatsch,
zum Beispiel: „In welchem Land wurde Irina Shayk, die Ex-Freundin des Fußballstars
Cristiano Ronaldo geboren?“ In einer Vorstudie hatten Kurschilgen und Marcin Fragen er-
30 mittelt, bei denen der durchschnittliche Wissensstand für beide Kategorien mit 63 Prozent
identisch war.
1 Zu einem direkten Face-to-Face-Kontakt zwischen Sender und Empfänger kam es während des Experiments nie. Die Versuchspersonen sahen nur, dass insgesamt noch andere Teilnehmer (überwiegend handelte es sich um Studentinnen und Studenten) im Raum waren.
Mehr Ehrlichkeit bei Kultur und Politik
Wären alle Sender immer ehrlich, würden sie also zum Allgemeinwissen genauso viele
richtige Antworten empfehlen wie zu den anderen Fragen. Im Experiment zeigte sich jedoch:
35 Bei Fragen zu Fernsehen und Klatsch wurden 32 Prozent zutreffende Antworten vorgeschla-
gen. Beim Allgemeinwissen gaben die Sender dagegen für 46 Prozent der Fragen eine kor-
rekte Empfehlung.
„Wenn die Testpersonen signalisieren konnten, dass sie sich in Wissensbereichen mit hohem
Renommee gut auskennen, war vielen ihr Image wichtiger als das Geld, das sie verdienen
40 konnten“, sagt Michael Kurschilgen. „Das Experiment zeigt, dass der Wunsch nach sozialer
Anerkennung finanzielle Anreize, zu lügen, überwinden kann.“ Dass Wissen aus Geschichte,
Kultur und Politik tatsächlich einen höheren Status hat als die anderen Themen, bestätigte
das Forschungsteam in einer ergänzenden Studie.
Vertrauen im Wirtschaftsleben wird wichtiger
Intrinsische Einflussfaktoren auf das Verhalten zu identifizieren, also Motive, die nicht materi-
45 ell sind, ist ein aktueller Schwerpunkt in der Verhaltensökonomie. „Produkte und Prozesse
werden aufgrund der technologischen Entwicklung immer komplexer. Sie erfordern viel Fach-
wissen, das schwer zu überprüfen ist. Deshalb wird Vertrauen im Wirtschaftsleben noch
wichtiger“, erklärt Isabel Marcin. „Finanzielle Anreize, nicht zu lügen, funktionieren wieder-
50 um nur, wenn die Aussagen überprüfbar sind. Es kommt also stärker denn je darauf an, ob
es einen eigenen Antrieb gibt, ehrlich zu sein.“
Die Studie zeigt, wann dies der Fall sein kann: „Wenn fundierte Kenntnisse über komplexe
Technologien ein ähnliches Renommee genießen wie Allgemeinwissen, oder sogar ein höhe-
res, können wir der Verkäuferin des Hightech-Produkts eher vertrauen“, sagt Kurschilgen.
55 „Dann motiviert sie der Wunsch nach sozialer Anerkennung zu mehr Ehrlichkeit.“
Quelle: Max-Planck-Gesellschaft (2019). Soziale Anerkennung schlägt Geld. Über eine verhaltensökonomische Studie von Michael Kurschilgen und Isabel Marcin.
Aufgabe 3 [20 Punkte]
Erörtern Sie unter Einbeziehung der Testgütekriterien, welche Bedeutung die Ergebnisse des Experiments für den Alltag haben.
Aufgabe HT 2 - Aufgabe 1 · Sozialpsychologische Theorien anwenden
Wunde am Selbst
SCHAM Manch eigenes Missgeschick lässt uns kalt. Bei anderen würden wir am liebsten im Erdboden versinken. Wann schämen wir uns – und warum neigen bestimmte Menschen eher dazu als andere?
Schamgefühle erlebt wohl jeder von uns irgendwann einmal. Manchmal werden sie durch
ungeschicktes Verhalten ausgelöst, wie etwa das Tragen eines vermeintlich unpassenden
Kleidungsstücks, in anderen Fällen sorgen körperliche Merkmale wie eine auffällige Zahn-
lücke oder das Übertreten von moralischen Standards dafür, dass wir uns vor anderen bloß-
5 gestellt fühlen. Scham ist ein heißes Gefühl, das uns innerlich aufwühlt, weil es uns nach
außen hin sichtbar und durchlässig macht. Der Soziologe Sighard Neckel von der Universi-
tät Hamburg beschrieb sie 1993 sogar als eine »Wunde am eigenen Selbst«.
Schamgefühle entstehen in erster Linie dann, wenn wir soziale Regeln missachten. Doch
nicht jede Normverletzung ist uns gleich peinlich: Manchmal empfinden wir lediglich Be-
10 dauern oder Reue, in anderen Fällen lässt uns das Geschehene sogar vollkommen kalt. Was
unterscheidet solche Situationen also von Momenten, in denen wir am liebsten direkt im Erd-
boden versinken würden? Laut der Philosophin Hilge Landweer von der Freien Universität
Berlin müssen mehrere Voraussetzungen erfüllt sein, damit eine Person sich schämt: Zunächst
einmal muss der Betreffende erkennen, dass es eine Norm für die Situation gibt, in der er sich
15 gerade befindet. Außerdem muss er diese Norm akzeptieren und als erwünschte und bindende
Verhaltensvorschrift ansehen, nur dann kann ihm etwas so richtig unangenehm sein.
Wenn wir uns schämen, verstoßen wir also sozusagen gegen unser eigenes Idealbild – und
fühlen uns in diesem Punkt entsprechend den prüfenden Blicken anderer ausgesetzt. Die
Blicke müssen dabei nicht einmal tatsächlich auf uns gerichtet sein: Es reicht schon, wenn
20 wir uns die Person, vor der wir uns schämen, nur gedanklich vorstellen. Ein klassisches
Beispiel dafür sind die strafende Miene und jedes »Schäm dich!« von Mutter oder Vater.
Beides verinnerlichen wir im Lauf unseres Lebens oft so sehr, dass die Normen und Gebote,
die unsere Eltern uns vermittelt haben, auch dann noch ihre Wirkung entfalten, wenn wir
längst unser eigenes Leben führen.
25 Während wir die kritischen Blicke anderer auf uns spüren, richtet sich unser eigener meist
gen Boden: Der gesenkte Blick ist eine typische körperliche Reaktion, die mit Schamgefühlen
einhergeht. Gleichzeitig fühlen wir uns klein und würden am liebsten im Boden versinken –
um so der Aufmerksamkeit der anderen zu entfliehen. Schon Charles Darwin stellte 1872
fest, dass Personen, die sich schämen, die Augen senken, den Blick abwenden und den Kopf
30 zur Seite neigen. Dieses Verhalten will er nicht nur bei Menschen ausgemacht haben, sondern
auch bei Tieren, beispielsweise bei Hunden. Besonders stark betonte Darwin zudem den Aspekt
der Schamesröte. Neuere Untersuchungen haben inzwischen allerdings gezeigt, dass sie kein
zuverlässiger Hinweis darauf ist, dass jemandem etwas besonders unangenehm ist. Ob und wie
intensiv jemand errötet, hängt stattdessen von verschiedenen vegetativen Parametern 1 ab.
35 Für die klinische Psychologin June Tangney von der George Mason University in Fairfax,
Virginia, die sich in zahlreichen empirischen Untersuchungen mit dem Thema befasst hat,
sind Schamgefühle die emotionale Begleiterscheinung der Selbstanklage. Sie verengen unseren
Blick und sorgen dafür, dass wir uns vorwiegend mit unserem eigenen Innenleben beschäftigen.
Was in der Welt um uns herum passiert, nehmen wir entsprechend schlechter wahr. Geraten wir
40 immer wieder in Situationen, die uns peinlich sind, tendieren wir mit der Zeit eher dazu, auf
negative Bewertungen unserer Person mit Scham zu reagieren. Im amerikanischen Sprach-
raum sprechen Forscher in diesem Fall auch von »shame-proneness« – und die kann Folgen
für unser Selbstwertgefühl haben: Gemeinsam mit Ronda Dearing von der University of
Houston fand Tangney in mehreren Studien Hinweise darauf, dass eine erhöhte Schamneigung
45 mit einem niedrigeren Selbstwert einhergeht. Das bedeutet umgekehrt, dass uns ein gewisses
Maß an Selbstachtung aber womöglich auch vor allzu vielen Schamgefühlen schützt.
[...]
Ein besonders intensives Schamerleben könnte zudem auch die Entstehung verschiedener
psychischer Erkrankungen begünstigen. Darauf deutet etwa eine kanadische Studie hin, für
50 die Sera De Rubeis von der University of Toronto und Tom Hollenstein von der Queen's
University in Kingston knapp 150 Jugendliche zwischen 11 und 16 Jahren untersuchten.
Teenager, die eine höhere Schamneigung aufwiesen, zeigten dabei auch eher Anzeichen einer
Depression. Basierend auf der Art und Weise, wie die Teilnehmer mit beschämenden Situa-
tionen umgingen, ließ sich außerdem vorhersagen, ob sich ihre psychische Gesundheit im
55 Folgejahr eher verbesserte oder verschlechterte. Eine groß angelegte Metaanalyse, für die
Wissenschaftler 108 Studien mit mehr als 22 000 Probanden auswerteten, stieß ebenfalls auf
einen deutlichen Zusammenhang zwischen Depression und Schamneigung. Und auch zwi-
schen Angststörungen und Schamneigung scheint es eine Verbindung zu geben, wie Forscher
um Thomas A. Fergus von der Northern Illinois University entdeckten.
60 [...]
Doch auch Schuld und Scham gehen oft Hand in Hand: Sich schuldig gemacht zu haben,
erzeugt bei vielen Menschen gleichzeitig ein Gefühl der Scham, denn die Diskrepanz zwischen
dem, was man eigentlich von sich zeigen möchte, und dem, was man tatsächlich durch die
schuldhafte Handlung gezeigt hat, kann groß sein. Die Verbindung von Schuld und Scham
65 ist umso größer, je absichtlicher unser Fehlverhalten war, je mehr Menschen es mitbekommen
haben und je wichtiger diese für uns sind. Vor allem dann, wenn die Personen, die durch unser
Verhalten zu Schaden gekommen sind, ablehnend oder verständnislos reagieren oder uns
Vorwürfe machen, wünschen wir uns schnell, im Boden zu versinken. Ein Beispiel dafür wäre
ein Büroangestellter, der verheiratet ist, aber mit seiner Kollegin ein Verhältnis hat. Der Chef
70 ertappt die beiden eines Tages dabei, wie sie sich in einer Ecke küssen und stellt den Ehemann
zur Rede: Ein solches Verhalten gehöre sich nicht am Arbeitsplatz – und schon gar nicht für
einen verheirateten Mann! Die Wahrscheinlichkeit, dass der Betroffene sich für seine Affäre
schämen wird, ist groß. Reagiert das Gegenüber wütend oder ärgerlich, macht sich häufiger
Angst als Scham in uns breit.
75 Schuldgefühle loszuwerden fällt uns oft leichter, als unsere Scham zu bewältigen. Das hängt
auch damit zusammen, dass es in unserer Gesellschaft viele gängige Methoden gibt, um eine
Schuld zu sühnen – sei es durch eine ausgesprochene Entschuldigung, durch Buße, beispiels-
weise durch das Bezahlen eines Strafzettels, oder im schlimmsten Fall auch durch einen
Gefängnisaufenthalt. Auch religiöse Konventionen helfen uns manchmal dabei, uns von
80 Schuldgefühlen zu befreien, etwa indem wir auf Pilgerfahrt oder zur Beichte gehen. Scham
verfolgt uns hingegen oft noch lange. Denn viel schwerer als sich zu entschuldigen ist es,
sich selbst so zu akzeptieren, wie man ist.
1 Einflussfaktoren auf das nicht willentlich beeinflussbare, autonome Nervensystem
1. Arbeiten Sie aus dem Text heraus, unter welchen Bedingungen Schamgefühle entstehen, woran man sie erkennt und welche Folgen sie haben, und erklären Sie anschließend das Entstehen von Schamgefühlen mithilfe der Theorie zum konformen Verhalten sowie der Theorie der Kausalattribution. [30 Punkte]
Aufgabe HT 2 - Aufgabe 2 · Persönlichkeitstheorien anwenden und vergleichen
Wunde am Selbst
SCHAM Manch eigenes Missgeschick lässt uns kalt. Bei anderen würden wir am liebsten im Erdboden versinken. Wann schämen wir uns – und warum neigen bestimmte Menschen eher dazu als andere?
Schamgefühle erlebt wohl jeder von uns irgendwann einmal. Manchmal werden sie durch
ungeschicktes Verhalten ausgelöst, wie etwa das Tragen eines vermeintlich unpassenden
Kleidungsstücks, in anderen Fällen sorgen körperliche Merkmale wie eine auffällige Zahn-
lücke oder das Übertreten von moralischen Standards dafür, dass wir uns vor anderen bloß-
5 gestellt fühlen. Scham ist ein heißes Gefühl, das uns innerlich aufwühlt, weil es uns nach
außen hin sichtbar und durchlässig macht. Der Soziologe Sighard Neckel von der Universi-
tät Hamburg beschrieb sie 1993 sogar als eine »Wunde am eigenen Selbst«.
Schamgefühle entstehen in erster Linie dann, wenn wir soziale Regeln missachten. Doch
nicht jede Normverletzung ist uns gleich peinlich: Manchmal empfinden wir lediglich Be-
10 dauern oder Reue, in anderen Fällen lässt uns das Geschehene sogar vollkommen kalt. Was
unterscheidet solche Situationen also von Momenten, in denen wir am liebsten direkt im Erd-
boden versinken würden? Laut der Philosophin Hilge Landweer von der Freien Universität
Berlin müssen mehrere Voraussetzungen erfüllt sein, damit eine Person sich schämt: Zunächst
einmal muss der Betreffende erkennen, dass es eine Norm für die Situation gibt, in der er sich
15 gerade befindet. Außerdem muss er diese Norm akzeptieren und als erwünschte und bindende
Verhaltensvorschrift ansehen, nur dann kann ihm etwas so richtig unangenehm sein.
Wenn wir uns schämen, verstoßen wir also sozusagen gegen unser eigenes Idealbild – und
fühlen uns in diesem Punkt entsprechend den prüfenden Blicken anderer ausgesetzt. Die
Blicke müssen dabei nicht einmal tatsächlich auf uns gerichtet sein: Es reicht schon, wenn
20 wir uns die Person, vor der wir uns schämen, nur gedanklich vorstellen. Ein klassisches
Beispiel dafür sind die strafende Miene und jedes »Schäm dich!« von Mutter oder Vater.
Beides verinnerlichen wir im Lauf unseres Lebens oft so sehr, dass die Normen und Gebote,
die unsere Eltern uns vermittelt haben, auch dann noch ihre Wirkung entfalten, wenn wir
längst unser eigenes Leben führen.
25 Während wir die kritischen Blicke anderer auf uns spüren, richtet sich unser eigener meist
gen Boden: Der gesenkte Blick ist eine typische körperliche Reaktion, die mit Schamgefühlen
einhergeht. Gleichzeitig fühlen wir uns klein und würden am liebsten im Boden versinken –
um so der Aufmerksamkeit der anderen zu entfliehen. Schon Charles Darwin stellte 1872
fest, dass Personen, die sich schämen, die Augen senken, den Blick abwenden und den Kopf
30 zur Seite neigen. Dieses Verhalten will er nicht nur bei Menschen ausgemacht haben, sondern
auch bei Tieren, beispielsweise bei Hunden. Besonders stark betonte Darwin zudem den Aspekt
der Schamesröte. Neuere Untersuchungen haben inzwischen allerdings gezeigt, dass sie kein
zuverlässiger Hinweis darauf ist, dass jemandem etwas besonders unangenehm ist. Ob und wie
intensiv jemand errötet, hängt stattdessen von verschiedenen vegetativen Parametern 1 ab.
35 Für die klinische Psychologin June Tangney von der George Mason University in Fairfax,
Virginia, die sich in zahlreichen empirischen Untersuchungen mit dem Thema befasst hat,
sind Schamgefühle die emotionale Begleiterscheinung der Selbstanklage. Sie verengen unseren
Blick und sorgen dafür, dass wir uns vorwiegend mit unserem eigenen Innenleben beschäftigen.
Was in der Welt um uns herum passiert, nehmen wir entsprechend schlechter wahr. Geraten wir
40 immer wieder in Situationen, die uns peinlich sind, tendieren wir mit der Zeit eher dazu, auf
negative Bewertungen unserer Person mit Scham zu reagieren. Im amerikanischen Sprach-
raum sprechen Forscher in diesem Fall auch von »shame-proneness« – und die kann Folgen
für unser Selbstwertgefühl haben: Gemeinsam mit Ronda Dearing von der University of
Houston fand Tangney in mehreren Studien Hinweise darauf, dass eine erhöhte Schamneigung
45 mit einem niedrigeren Selbstwert einhergeht. Das bedeutet umgekehrt, dass uns ein gewisses
Maß an Selbstachtung aber womöglich auch vor allzu vielen Schamgefühlen schützt.
[...]
Ein besonders intensives Schamerleben könnte zudem auch die Entstehung verschiedener
psychischer Erkrankungen begünstigen. Darauf deutet etwa eine kanadische Studie hin, für
50 die Sera De Rubeis von der University of Toronto und Tom Hollenstein von der Queen's
University in Kingston knapp 150 Jugendliche zwischen 11 und 16 Jahren untersuchten.
Teenager, die eine höhere Schamneigung aufwiesen, zeigten dabei auch eher Anzeichen einer
Depression. Basierend auf der Art und Weise, wie die Teilnehmer mit beschämenden Situa-
tionen umgingen, ließ sich außerdem vorhersagen, ob sich ihre psychische Gesundheit im
55 Folgejahr eher verbesserte oder verschlechterte. Eine groß angelegte Metaanalyse, für die
Wissenschaftler 108 Studien mit mehr als 22 000 Probanden auswerteten, stieß ebenfalls auf
einen deutlichen Zusammenhang zwischen Depression und Schamneigung. Und auch zwi-
schen Angststörungen und Schamneigung scheint es eine Verbindung zu geben, wie Forscher
um Thomas A. Fergus von der Northern Illinois University entdeckten.
60 [...]
Doch auch Schuld und Scham gehen oft Hand in Hand: Sich schuldig gemacht zu haben,
erzeugt bei vielen Menschen gleichzeitig ein Gefühl der Scham, denn die Diskrepanz zwischen
dem, was man eigentlich von sich zeigen möchte, und dem, was man tatsächlich durch die
schuldhafte Handlung gezeigt hat, kann groß sein. Die Verbindung von Schuld und Scham
65 ist umso größer, je absichtlicher unser Fehlverhalten war, je mehr Menschen es mitbekommen
haben und je wichtiger diese für uns sind. Vor allem dann, wenn die Personen, die durch unser
Verhalten zu Schaden gekommen sind, ablehnend oder verständnislos reagieren oder uns
Vorwürfe machen, wünschen wir uns schnell, im Boden zu versinken. Ein Beispiel dafür wäre
ein Büroangestellter, der verheiratet ist, aber mit seiner Kollegin ein Verhältnis hat. Der Chef
70 ertappt die beiden eines Tages dabei, wie sie sich in einer Ecke küssen und stellt den Ehemann
zur Rede: Ein solches Verhalten gehöre sich nicht am Arbeitsplatz – und schon gar nicht für
einen verheirateten Mann! Die Wahrscheinlichkeit, dass der Betroffene sich für seine Affäre
schämen wird, ist groß. Reagiert das Gegenüber wütend oder ärgerlich, macht sich häufiger
Angst als Scham in uns breit.
75 Schuldgefühle loszuwerden fällt uns oft leichter, als unsere Scham zu bewältigen. Das hängt
auch damit zusammen, dass es in unserer Gesellschaft viele gängige Methoden gibt, um eine
Schuld zu sühnen – sei es durch eine ausgesprochene Entschuldigung, durch Buße, beispiels-
weise durch das Bezahlen eines Strafzettels, oder im schlimmsten Fall auch durch einen
Gefängnisaufenthalt. Auch religiöse Konventionen helfen uns manchmal dabei, uns von
80 Schuldgefühlen zu befreien, etwa indem wir auf Pilgerfahrt oder zur Beichte gehen. Scham
verfolgt uns hingegen oft noch lange. Denn viel schwerer als sich zu entschuldigen ist es,
sich selbst so zu akzeptieren, wie man ist.
1 Einflussfaktoren auf das nicht willentlich beeinflussbare, autonome Nervensystem
2. Erklären Sie anhand des ganzheitlich-humanistischen Persönlichkeitsmodells nach Rogers, unter welchen Bedingungen Schamgefühle entstehen und welche Folgen sie haben, und prüfen Sie, ob diese Erklärung der Entstehungsbedingungen gegenüber den kognitivistischen Erklärungen aus Aufgabe 1 zu bevorzugen ist. [32 Punkte]
Aufgabe HT 2 - Aufgabe 3 · Psychische Störungen und Psychotherapie
Wunde am Selbst
SCHAM Manch eigenes Missgeschick lässt uns kalt. Bei anderen würden wir am liebsten im Erdboden versinken. Wann schämen wir uns – und warum neigen bestimmte Menschen eher dazu als andere?
Schamgefühle erlebt wohl jeder von uns irgendwann einmal. Manchmal werden sie durch
ungeschicktes Verhalten ausgelöst, wie etwa das Tragen eines vermeintlich unpassenden
Kleidungsstücks, in anderen Fällen sorgen körperliche Merkmale wie eine auffällige Zahn-
lücke oder das Übertreten von moralischen Standards dafür, dass wir uns vor anderen bloß-
5 gestellt fühlen. Scham ist ein heißes Gefühl, das uns innerlich aufwühlt, weil es uns nach
außen hin sichtbar und durchlässig macht. Der Soziologe Sighard Neckel von der Universi-
tät Hamburg beschrieb sie 1993 sogar als eine »Wunde am eigenen Selbst«.
Schamgefühle entstehen in erster Linie dann, wenn wir soziale Regeln missachten. Doch
nicht jede Normverletzung ist uns gleich peinlich: Manchmal empfinden wir lediglich Be-
10 dauern oder Reue, in anderen Fällen lässt uns das Geschehene sogar vollkommen kalt. Was
unterscheidet solche Situationen also von Momenten, in denen wir am liebsten direkt im Erd-
boden versinken würden? Laut der Philosophin Hilge Landweer von der Freien Universität
Berlin müssen mehrere Voraussetzungen erfüllt sein, damit eine Person sich schämt: Zunächst
einmal muss der Betreffende erkennen, dass es eine Norm für die Situation gibt, in der er sich
15 gerade befindet. Außerdem muss er diese Norm akzeptieren und als erwünschte und bindende
Verhaltensvorschrift ansehen, nur dann kann ihm etwas so richtig unangenehm sein.
Wenn wir uns schämen, verstoßen wir also sozusagen gegen unser eigenes Idealbild – und
fühlen uns in diesem Punkt entsprechend den prüfenden Blicken anderer ausgesetzt. Die
Blicke müssen dabei nicht einmal tatsächlich auf uns gerichtet sein: Es reicht schon, wenn
20 wir uns die Person, vor der wir uns schämen, nur gedanklich vorstellen. Ein klassisches
Beispiel dafür sind die strafende Miene und jedes »Schäm dich!« von Mutter oder Vater.
Beides verinnerlichen wir im Lauf unseres Lebens oft so sehr, dass die Normen und Gebote,
die unsere Eltern uns vermittelt haben, auch dann noch ihre Wirkung entfalten, wenn wir
längst unser eigenes Leben führen.
25 Während wir die kritischen Blicke anderer auf uns spüren, richtet sich unser eigener meist
gen Boden: Der gesenkte Blick ist eine typische körperliche Reaktion, die mit Schamgefühlen
einhergeht. Gleichzeitig fühlen wir uns klein und würden am liebsten im Boden versinken –
um so der Aufmerksamkeit der anderen zu entfliehen. Schon Charles Darwin stellte 1872
fest, dass Personen, die sich schämen, die Augen senken, den Blick abwenden und den Kopf
30 zur Seite neigen. Dieses Verhalten will er nicht nur bei Menschen ausgemacht haben, sondern
auch bei Tieren, beispielsweise bei Hunden. Besonders stark betonte Darwin zudem den Aspekt
der Schamesröte. Neuere Untersuchungen haben inzwischen allerdings gezeigt, dass sie kein
zuverlässiger Hinweis darauf ist, dass jemandem etwas besonders unangenehm ist. Ob und wie
intensiv jemand errötet, hängt stattdessen von verschiedenen vegetativen Parametern 1 ab.
35 Für die klinische Psychologin June Tangney von der George Mason University in Fairfax,
Virginia, die sich in zahlreichen empirischen Untersuchungen mit dem Thema befasst hat,
sind Schamgefühle die emotionale Begleiterscheinung der Selbstanklage. Sie verengen unseren
Blick und sorgen dafür, dass wir uns vorwiegend mit unserem eigenen Innenleben beschäftigen.
Was in der Welt um uns herum passiert, nehmen wir entsprechend schlechter wahr. Geraten wir
40 immer wieder in Situationen, die uns peinlich sind, tendieren wir mit der Zeit eher dazu, auf
negative Bewertungen unserer Person mit Scham zu reagieren. Im amerikanischen Sprach-
raum sprechen Forscher in diesem Fall auch von »shame-proneness« – und die kann Folgen
für unser Selbstwertgefühl haben: Gemeinsam mit Ronda Dearing von der University of
Houston fand Tangney in mehreren Studien Hinweise darauf, dass eine erhöhte Schamneigung
45 mit einem niedrigeren Selbstwert einhergeht. Das bedeutet umgekehrt, dass uns ein gewisses
Maß an Selbstachtung aber womöglich auch vor allzu vielen Schamgefühlen schützt.
[...]
Ein besonders intensives Schamerleben könnte zudem auch die Entstehung verschiedener
psychischer Erkrankungen begünstigen. Darauf deutet etwa eine kanadische Studie hin, für
50 die Sera De Rubeis von der University of Toronto und Tom Hollenstein von der Queen's
University in Kingston knapp 150 Jugendliche zwischen 11 und 16 Jahren untersuchten.
Teenager, die eine höhere Schamneigung aufwiesen, zeigten dabei auch eher Anzeichen einer
Depression. Basierend auf der Art und Weise, wie die Teilnehmer mit beschämenden Situa-
tionen umgingen, ließ sich außerdem vorhersagen, ob sich ihre psychische Gesundheit im
55 Folgejahr eher verbesserte oder verschlechterte. Eine groß angelegte Metaanalyse, für die
Wissenschaftler 108 Studien mit mehr als 22 000 Probanden auswerteten, stieß ebenfalls auf
einen deutlichen Zusammenhang zwischen Depression und Schamneigung. Und auch zwi-
schen Angststörungen und Schamneigung scheint es eine Verbindung zu geben, wie Forscher
um Thomas A. Fergus von der Northern Illinois University entdeckten.
60 [...]
Doch auch Schuld und Scham gehen oft Hand in Hand: Sich schuldig gemacht zu haben,
erzeugt bei vielen Menschen gleichzeitig ein Gefühl der Scham, denn die Diskrepanz zwischen
dem, was man eigentlich von sich zeigen möchte, und dem, was man tatsächlich durch die
schuldhafte Handlung gezeigt hat, kann groß sein. Die Verbindung von Schuld und Scham
65 ist umso größer, je absichtlicher unser Fehlverhalten war, je mehr Menschen es mitbekommen
haben und je wichtiger diese für uns sind. Vor allem dann, wenn die Personen, die durch unser
Verhalten zu Schaden gekommen sind, ablehnend oder verständnislos reagieren oder uns
Vorwürfe machen, wünschen wir uns schnell, im Boden zu versinken. Ein Beispiel dafür wäre
ein Büroangestellter, der verheiratet ist, aber mit seiner Kollegin ein Verhältnis hat. Der Chef
70 ertappt die beiden eines Tages dabei, wie sie sich in einer Ecke küssen und stellt den Ehemann
zur Rede: Ein solches Verhalten gehöre sich nicht am Arbeitsplatz – und schon gar nicht für
einen verheirateten Mann! Die Wahrscheinlichkeit, dass der Betroffene sich für seine Affäre
schämen wird, ist groß. Reagiert das Gegenüber wütend oder ärgerlich, macht sich häufiger
Angst als Scham in uns breit.
75 Schuldgefühle loszuwerden fällt uns oft leichter, als unsere Scham zu bewältigen. Das hängt
auch damit zusammen, dass es in unserer Gesellschaft viele gängige Methoden gibt, um eine
Schuld zu sühnen – sei es durch eine ausgesprochene Entschuldigung, durch Buße, beispiels-
weise durch das Bezahlen eines Strafzettels, oder im schlimmsten Fall auch durch einen
Gefängnisaufenthalt. Auch religiöse Konventionen helfen uns manchmal dabei, uns von
80 Schuldgefühlen zu befreien, etwa indem wir auf Pilgerfahrt oder zur Beichte gehen. Scham
verfolgt uns hingegen oft noch lange. Denn viel schwerer als sich zu entschuldigen ist es,
sich selbst so zu akzeptieren, wie man ist.
1 Einflussfaktoren auf das nicht willentlich beeinflussbare, autonome Nervensystem
3. Erörtern Sie, ob sich eine erhöhte Schamneigung mit einer sozialen Angststörung vergleichen lässt. [18 Punkte]
Aufgabe HT 3 - Aufgabe 1 · Texte auswerten und Paradigmen zuordnen
Hilfe, die Welt stirbt
Liegen Sie wach beim Gedanken, die Niederlande könnten in 70 Jahren unter Wasser liegen? Steigen Ihnen Tränen in die Augen, wenn Sie von aussterbenden Tierarten lesen? Kriegen Sie Herzrasen, wenn Sie Einwegplastik benutzen, da Sie fürchten, es könnte im Meer landen? Wenn Sie diese Fragen mit „Ja“ beantworten, leiden Sie vielleicht unter Eco-Anxiety, sogenannter Klimaangst. Unter diesem recht neuen Begriff versammeln sich unsere Sorgen um künftige Umweltschäden und die Trauer über das, was bereits zerstört ist, wie der Verlust der biologischen Vielfalt.
Eco-Anxiety nahm man erstmals bei Klimaexperten wahr, wie dem amerikanischen Meteorologen Eric Holthaus, der Anfang 2017 twitterte: „Nachdem ich mich vier Jahre lang täglich mit dem Klimawandel beschäftigt habe, bin ich heute zu einem Therapeuten gegangen. Es gibt Tage, an denen ich einfach nicht mehr arbeiten kann.“ Auch der Groninger Pol-Biologe Maarten Loonen, der für seine Studie über Zugvögel seit 25 Jahren nach Spitzbergen reist, kann die Tränen kaum zurückhalten, wenn er von schmelzenden Eiskappen spricht. Er fühlt sich vor allem ohnmächtig: „Immer wieder erzähle ich, was dort passiert, aber keiner tut was“, sagte er Anfang des Jahres der niederländischen Zeitung De Volkskrant. Biologin Camille Parmesan beschrieb schon 2014, wie verzweifelt man in ihrer Berufsgruppe über diese unwiederbringlichen Verluste ist.
Aber diese Stimmung gibt es nicht nur unter professionellen Klimaforschern. Eine Studie der Yale University von 2018 belegt, dass sich 69 Prozent der Amerikaner Sorgen um den Klimawandel machen und 49 Prozent glauben, dieser werde ihnen persönlich schaden. Uns ergeht es ähnlich: In einer Umfrage des unabhängigen, überparteilichen Pew Research Center in Washington gaben 71 Prozent der Deutschen an, dass sie sich vom Klimawandel bedroht fühlen – mehr noch als von extremistischem Terror.
[...]
Leslie Davenport, Psychotherapeutin und Universitätsdozentin am California Institute of Integral Studies, glaubt, dass ziemlich viele Menschen an Klimatrauer leiden. [...] [Sie] unterscheidet [...] fünf Phasen, in denen sich Menschen mit Klimaangst befinden können. Dabei stützt sie sich auf das bekannte Trauerprozessmodell von Elisabeth Kübler-Ross: „Trauer ist eine normale Reaktion auf jede Art von Verlust“, so Davenport. „Sie zeigt an, wie wichtig das Verlorene für jemanden ist. Das gilt auch für den Klimawandel, bei dem wir ziemlich viel zu verlieren haben: unsere Sicherheit, die Biodiversität 1, das Vertrauen in die Menschheit und in Autoritäten und so weiter.“
Die erste Phase ist – laut Davenports Zyklus – Leugnung. „Man weiß eigentlich, dass etwas nicht stimmt, aber es ist zu überwältigend, zu schmerzhaft, um sich damit auseinanderzusetzen.“
[...]
In der zweiten Phase – Wut – dringt die Wirklichkeit allmählich durch. „Das sieht man beispielsweise bei den Über-40-Jährigen. Sie haben ihr ganzes Leben auf eine bestimmte Art gelebt, haben hart gearbeitet, um Karriere zu machen, und jetzt bekommen sie auf einmal zu hören, sie müssten ihren Lebensstil drastisch ändern.“
In der dritten Phase führen wir eine Art Verhandlung mit dem Klima: Wenn ich kein Fleisch esse, darf ich wenigstens nach Thailand fliegen. Wenn ich schon das Auto abschaffe, darf ich zumindest weiterhin online shoppen. In dieser Phase hoffen wir, durch ein paar Opfer unser altes Leben fortsetzen zu können.
In der vierten Phase, der von Kummer und Depression, wird uns erst das ganze Ausmaß des Problems bewusst. Davenport: „Das sieht man oft bei Leuten, die schon sehr umweltbewusst zu leben versuchen, aber merken, dass sie damit allein dastehen oder die Mehrheit sich gerade in die entgegengesetzte Richtung bewegt, wie es jetzt in meinem Land unter Trump geschieht.“ In dieser Phase ist es schwierig, hoffnungsvoll zu bleiben, und man läuft Gefahr, fatalistisch 2 zu werden. Es hat doch überhaupt keinen Sinn mehr, was ich mache, wir gehen sowieso alle vor die Hunde. Davenport: „Manche sind sehr ängstlich und reizbar und leiden unter Schlafproblemen. Das Klima kann dann wirklich zur Obsession 3 werden.“
In der fünften Phase akzeptieren die Menschen, dass sie die Sorge um die Welt nicht allein tragen können. Daher überwältigt die Angst sie nicht mehr. [...]
Manchmal braucht es professionelle Hilfe, um diese Phase der Akzeptanz zu erreichen.
2017 wurde Eco-Anxiety von der American Psychological Association zur offiziellen Diagnose erklärt, in Deutschland ist dies (noch) nicht der Fall. [...] Vor ein paar Jahren wurde Eco-Anxiety noch als disenfranchised grief betrachtet, eine Trauer, die als nicht rechtens gilt. Das ändert sich gerade rasant, weil mittlerweile viele Amerikaner schon mit den Folgen der Klimaveränderung konfrontiert werden, wie Schneestürmen oder wochenlangen Waldbränden. Dadurch denken sie: Vielleicht bin ich demnächst an der Reihe. Sie leiden unter prätraumatischem Stress: Stress, der sich allein aufgrund der Erwartung aufbaut, es könne etwas Schlimmes passieren.“
Ob „sich Sorgen machen“ tatsächlich in Eco-Anxiety umschlägt, hängt von verschiedenen Faktoren ab, unter anderem davon, wie mental resilient 4 man persönlich ist. Coach Manu Busschots begleitet Menschen mit Klimaangst. „Uns liegen noch keine Daten vor, wer deswegen psychologische Hilfe sucht, aber Unter-35-Jährige scheinen öfter betroffen zu sein als ältere. Und das ist logisch, denn junge Leute werden mit größerer Wahrscheinlichkeit die Folgen des Klimawandels wirklich erleben. Auch sehr empfindsame Menschen leiden eher unter Klimaangst.“
[...]
Den eigenen Kummer anzunehmen helfe, sein Leben wieder fortsetzen zu können, sagt Leslie Davenport. „Man akzeptiert, nicht zu wissen, was die Zukunft bringt, und lernt, mit dieser Ungewissheit umzugehen. Dabei hilft es, zu tun, was man tun kann – das verringert die gefühlte Hilflosigkeit, die oft mit Angst und Depressionen einhergeht. Menschen werden in dieser Phase meist gemeinsam aktiv, etwa in ihrer Nachbarschaft oder in einer Umweltbewegung. Samen für Bienen- und Schmetterlingspflanzen auszusäen kann beispielsweise das Gefühl vermitteln, etwas Gutes zu tun für die Insekten, die es jetzt so schwer haben.“
[...]
Um besser mit den eigenen depressiven Gefühlen umzugehen, hilft laut Davenport auch, sich die Unterstützung anderer zu suchen, die mit denselben Problemen kämpfen – eine Therapiegruppe oder eine Umweltorganisation. Auch deswegen gründete die britische Psychologin Rosemary Randall die Carbon Conversations. Gleichgesinnte treffen sich, reden über ihre Klimasorgen und vor allem darüber, was sie selbst tun können. Die Idee ist, ihren ökologischen Fußabdruck – und damit den CO 2 -Ausstoß – aktiv zu verringern.
Manu Busschots hat bei Randall gelernt und in den Niederlanden die KlimaatGesprekken gegründet, eine Organisation, die Workshops für klimafreundliches Verhalten anbietet – wovon es seit Kurzem auch Ableger in Deutschland gibt (KlimaGespräche, klimaatgesprekken.nl/de). „Bei diesen Treffen merkt man, dass man nicht allein ist. Kleinigkeiten, wie das Auto stehen lassen, die sich vielleicht sinnlos anfühlen, weil alle anderen weiterhin fahren, werden größer, wenn mehr Leute sie tun. Sich für einen anderen Lebensstil zu entscheiden fällt leichter, wenn die Gesellschaft, die man dabei vor Augen hat, besser zu den eigenen Werten und Bedürfnissen passt. Und die sind für die meisten Menschen gleich: gesunde Ernährung, Sicherheit, wenig soziale Spannungen, Gerechtigkeit und Solidarität.“
In Angst zu verharren sei jedenfalls wenig sinnvoll, sagt Busschots. „Angst lähmt. Aber wenn man eine Handlungsperspektive hat – sieht, was man selbst beitragen kann, um die Situation zu verbessern –, hilft das sehr.“
1 biologische Vielfalt
2 schicksalsergeben
3 mit einer bestimmten Furcht verbundene Zwangsvorstellung oder -handlung
4 auf psychischer Ebene widerstandsfähig gegenüber Lebensproblemen
1. Arbeiten Sie aus dem Text zentrale Kennzeichen der Eco-Anxiety, die fünf Phasen, die Betroffene von Klimaangst durchlaufen können, sowie die genannten Wege zur Bewältigung von Eco-Anxiety heraus und weisen Sie nach, dass sich das vorgestellte Fünf-Phasen-Modell mit dem kognitivistischen Paradigma in Verbindung bringen lässt. (22 Punkte)
1.1
1.2
Aufgabe HT 3 - Aufgabe 2 · Persönlichkeitstheorien anwenden und vergleichen
Hilfe, die Welt stirbt
Liegen Sie wach beim Gedanken, die Niederlande könnten in 70 Jahren unter Wasser liegen? Steigen Ihnen Tränen in die Augen, wenn Sie von aussterbenden Tierarten lesen? Kriegen Sie Herzrasen, wenn Sie Einwegplastik benutzen, da Sie fürchten, es könnte im Meer landen? Wenn Sie diese Fragen mit „Ja“ beantworten, leiden Sie vielleicht unter Eco-Anxiety, sogenannter Klimaangst. Unter diesem recht neuen Begriff versammeln sich unsere Sorgen um künftige Umweltschäden und die Trauer über das, was bereits zerstört ist, wie der Verlust der biologischen Vielfalt.
Eco-Anxiety nahm man erstmals bei Klimaexperten wahr, wie dem amerikanischen Meteorologen Eric Holthaus, der Anfang 2017 twitterte: „Nachdem ich mich vier Jahre lang täglich mit dem Klimawandel beschäftigt habe, bin ich heute zu einem Therapeuten gegangen. Es gibt Tage, an denen ich einfach nicht mehr arbeiten kann.“ Auch der Groninger Pol-Biologe Maarten Loonen, der für seine Studie über Zugvögel seit 25 Jahren nach Spitzbergen reist, kann die Tränen kaum zurückhalten, wenn er von schmelzenden Eiskappen spricht. Er fühlt sich vor allem ohnmächtig: „Immer wieder erzähle ich, was dort passiert, aber keiner tut was“, sagte er Anfang des Jahres der niederländischen Zeitung De Volkskrant. Biologin Camille Parmesan beschrieb schon 2014, wie verzweifelt man in ihrer Berufsgruppe über diese unwiederbringlichen Verluste ist.
Aber diese Stimmung gibt es nicht nur unter professionellen Klimaforschern. Eine Studie der Yale University von 2018 belegt, dass sich 69 Prozent der Amerikaner Sorgen um den Klimawandel machen und 49 Prozent glauben, dieser werde ihnen persönlich schaden. Uns ergeht es ähnlich: In einer Umfrage des unabhängigen, überparteilichen Pew Research Center in Washington gaben 71 Prozent der Deutschen an, dass sie sich vom Klimawandel bedroht fühlen – mehr noch als von extremistischem Terror.
[...]
Leslie Davenport, Psychotherapeutin und Universitätsdozentin am California Institute of Integral Studies, glaubt, dass ziemlich viele Menschen an Klimatrauer leiden. [...] [Sie] unterscheidet [...] fünf Phasen, in denen sich Menschen mit Klimaangst befinden können. Dabei stützt sie sich auf das bekannte Trauerprozessmodell von Elisabeth Kübler-Ross: „Trauer ist eine normale Reaktion auf jede Art von Verlust“, so Davenport. „Sie zeigt an, wie wichtig das Verlorene für jemanden ist. Das gilt auch für den Klimawandel, bei dem wir ziemlich viel zu verlieren haben: unsere Sicherheit, die Biodiversität 1, das Vertrauen in die Menschheit und in Autoritäten und so weiter.“
Die erste Phase ist – laut Davenports Zyklus – Leugnung. „Man weiß eigentlich, dass etwas nicht stimmt, aber es ist zu überwältigend, zu schmerzhaft, um sich damit auseinanderzusetzen.“
[...]
In der zweiten Phase – Wut – dringt die Wirklichkeit allmählich durch. „Das sieht man beispielsweise bei den Über-40-Jährigen. Sie haben ihr ganzes Leben auf eine bestimmte Art gelebt, haben hart gearbeitet, um Karriere zu machen, und jetzt bekommen sie auf einmal zu hören, sie müssten ihren Lebensstil drastisch ändern.“
In der dritten Phase führen wir eine Art Verhandlung mit dem Klima: Wenn ich kein Fleisch esse, darf ich wenigstens nach Thailand fliegen. Wenn ich schon das Auto abschaffe, darf ich zumindest weiterhin online shoppen. In dieser Phase hoffen wir, durch ein paar Opfer unser altes Leben fortsetzen zu können.
In der vierten Phase, der von Kummer und Depression, wird uns erst das ganze Ausmaß des Problems bewusst. Davenport: „Das sieht man oft bei Leuten, die schon sehr umweltbewusst zu leben versuchen, aber merken, dass sie damit allein dastehen oder die Mehrheit sich gerade in die entgegengesetzte Richtung bewegt, wie es jetzt in meinem Land unter Trump geschieht.“ In dieser Phase ist es schwierig, hoffnungsvoll zu bleiben, und man läuft Gefahr, fatalistisch 2 zu werden. Es hat doch überhaupt keinen Sinn mehr, was ich mache, wir gehen sowieso alle vor die Hunde. Davenport: „Manche sind sehr ängstlich und reizbar und leiden unter Schlafproblemen. Das Klima kann dann wirklich zur Obsession 3 werden.“
In der fünften Phase akzeptieren die Menschen, dass sie die Sorge um die Welt nicht allein tragen können. Daher überwältigt die Angst sie nicht mehr. [...]
Manchmal braucht es professionelle Hilfe, um diese Phase der Akzeptanz zu erreichen.
2017 wurde Eco-Anxiety von der American Psychological Association zur offiziellen Diagnose erklärt, in Deutschland ist dies (noch) nicht der Fall. [...] Vor ein paar Jahren wurde Eco-Anxiety noch als disenfranchised grief betrachtet, eine Trauer, die als nicht rechtens gilt. Das ändert sich gerade rasant, weil mittlerweile viele Amerikaner schon mit den Folgen der Klimaveränderung konfrontiert werden, wie Schneestürmen oder wochenlangen Waldbränden. Dadurch denken sie: Vielleicht bin ich demnächst an der Reihe. Sie leiden unter prätraumatischem Stress: Stress, der sich allein aufgrund der Erwartung aufbaut, es könne etwas Schlimmes passieren.“
Ob „sich Sorgen machen“ tatsächlich in Eco-Anxiety umschlägt, hängt von verschiedenen Faktoren ab, unter anderem davon, wie mental resilient 4 man persönlich ist. Coach Manu Busschots begleitet Menschen mit Klimaangst. „Uns liegen noch keine Daten vor, wer deswegen psychologische Hilfe sucht, aber Unter-35-Jährige scheinen öfter betroffen zu sein als ältere. Und das ist logisch, denn junge Leute werden mit größerer Wahrscheinlichkeit die Folgen des Klimawandels wirklich erleben. Auch sehr empfindsame Menschen leiden eher unter Klimaangst.“
[...]
Den eigenen Kummer anzunehmen helfe, sein Leben wieder fortsetzen zu können, sagt Leslie Davenport. „Man akzeptiert, nicht zu wissen, was die Zukunft bringt, und lernt, mit dieser Ungewissheit umzugehen. Dabei hilft es, zu tun, was man tun kann – das verringert die gefühlte Hilflosigkeit, die oft mit Angst und Depressionen einhergeht. Menschen werden in dieser Phase meist gemeinsam aktiv, etwa in ihrer Nachbarschaft oder in einer Umweltbewegung. Samen für Bienen- und Schmetterlingspflanzen auszusäen kann beispielsweise das Gefühl vermitteln, etwas Gutes zu tun für die Insekten, die es jetzt so schwer haben.“
[...]
Um besser mit den eigenen depressiven Gefühlen umzugehen, hilft laut Davenport auch, sich die Unterstützung anderer zu suchen, die mit denselben Problemen kämpfen – eine Therapiegruppe oder eine Umweltorganisation. Auch deswegen gründete die britische Psychologin Rosemary Randall die Carbon Conversations. Gleichgesinnte treffen sich, reden über ihre Klimasorgen und vor allem darüber, was sie selbst tun können. Die Idee ist, ihren ökologischen Fußabdruck – und damit den CO 2 -Ausstoß – aktiv zu verringern.
Manu Busschots hat bei Randall gelernt und in den Niederlanden die KlimaatGesprekken gegründet, eine Organisation, die Workshops für klimafreundliches Verhalten anbietet – wovon es seit Kurzem auch Ableger in Deutschland gibt (KlimaGespräche, klimaatgesprekken.nl/de). „Bei diesen Treffen merkt man, dass man nicht allein ist. Kleinigkeiten, wie das Auto stehen lassen, die sich vielleicht sinnlos anfühlen, weil alle anderen weiterhin fahren, werden größer, wenn mehr Leute sie tun. Sich für einen anderen Lebensstil zu entscheiden fällt leichter, wenn die Gesellschaft, die man dabei vor Augen hat, besser zu den eigenen Werten und Bedürfnissen passt. Und die sind für die meisten Menschen gleich: gesunde Ernährung, Sicherheit, wenig soziale Spannungen, Gerechtigkeit und Solidarität.“
In Angst zu verharren sei jedenfalls wenig sinnvoll, sagt Busschots. „Angst lähmt. Aber wenn man eine Handlungsperspektive hat – sieht, was man selbst beitragen kann, um die Situation zu verbessern –, hilft das sehr.“
1 biologische Vielfalt
2 schicksalsergeben
3 mit einer bestimmten Furcht verbundene Zwangsvorstellung oder -handlung
4 auf psychischer Ebene widerstandsfähig gegenüber Lebensproblemen
2. Erklären Sie, wie eine Eco-Anxiety entstehen und fortbestehen kann, indem Sie das kognitivistische Persönlichkeitsmodell von Bandura zugrunde legen, und nehmen Sie anschließend aus tiefenpsychologischer Perspektive, unter Einbeziehung des zugehörigen Persönlichkeitsmodells, Stellung zu dieser Erklärung. (30 Punkte)
2.1
2.2
Aufgabe HT 3 - Aufgabe 3 · Psychische Störungen und Psychotherapie
Hilfe, die Welt stirbt
Liegen Sie wach beim Gedanken, die Niederlande könnten in 70 Jahren unter Wasser liegen? Steigen Ihnen Tränen in die Augen, wenn Sie von aussterbenden Tierarten lesen? Kriegen Sie Herzrasen, wenn Sie Einwegplastik benutzen, da Sie fürchten, es könnte im Meer landen? Wenn Sie diese Fragen mit „Ja“ beantworten, leiden Sie vielleicht unter Eco-Anxiety, sogenannter Klimaangst. Unter diesem recht neuen Begriff versammeln sich unsere Sorgen um künftige Umweltschäden und die Trauer über das, was bereits zerstört ist, wie der Verlust der biologischen Vielfalt.
Eco-Anxiety nahm man erstmals bei Klimaexperten wahr, wie dem amerikanischen Meteorologen Eric Holthaus, der Anfang 2017 twitterte: „Nachdem ich mich vier Jahre lang täglich mit dem Klimawandel beschäftigt habe, bin ich heute zu einem Therapeuten gegangen. Es gibt Tage, an denen ich einfach nicht mehr arbeiten kann.“ Auch der Groninger Pol-Biologe Maarten Loonen, der für seine Studie über Zugvögel seit 25 Jahren nach Spitzbergen reist, kann die Tränen kaum zurückhalten, wenn er von schmelzenden Eiskappen spricht. Er fühlt sich vor allem ohnmächtig: „Immer wieder erzähle ich, was dort passiert, aber keiner tut was“, sagte er Anfang des Jahres der niederländischen Zeitung De Volkskrant. Biologin Camille Parmesan beschrieb schon 2014, wie verzweifelt man in ihrer Berufsgruppe über diese unwiederbringlichen Verluste ist.
Aber diese Stimmung gibt es nicht nur unter professionellen Klimaforschern. Eine Studie der Yale University von 2018 belegt, dass sich 69 Prozent der Amerikaner Sorgen um den Klimawandel machen und 49 Prozent glauben, dieser werde ihnen persönlich schaden. Uns ergeht es ähnlich: In einer Umfrage des unabhängigen, überparteilichen Pew Research Center in Washington gaben 71 Prozent der Deutschen an, dass sie sich vom Klimawandel bedroht fühlen – mehr noch als von extremistischem Terror.
[...]
Leslie Davenport, Psychotherapeutin und Universitätsdozentin am California Institute of Integral Studies, glaubt, dass ziemlich viele Menschen an Klimatrauer leiden. [...] [Sie] unterscheidet [...] fünf Phasen, in denen sich Menschen mit Klimaangst befinden können. Dabei stützt sie sich auf das bekannte Trauerprozessmodell von Elisabeth Kübler-Ross: „Trauer ist eine normale Reaktion auf jede Art von Verlust“, so Davenport. „Sie zeigt an, wie wichtig das Verlorene für jemanden ist. Das gilt auch für den Klimawandel, bei dem wir ziemlich viel zu verlieren haben: unsere Sicherheit, die Biodiversität 1, das Vertrauen in die Menschheit und in Autoritäten und so weiter.“
Die erste Phase ist – laut Davenports Zyklus – Leugnung. „Man weiß eigentlich, dass etwas nicht stimmt, aber es ist zu überwältigend, zu schmerzhaft, um sich damit auseinanderzusetzen.“
[...]
In der zweiten Phase – Wut – dringt die Wirklichkeit allmählich durch. „Das sieht man beispielsweise bei den Über-40-Jährigen. Sie haben ihr ganzes Leben auf eine bestimmte Art gelebt, haben hart gearbeitet, um Karriere zu machen, und jetzt bekommen sie auf einmal zu hören, sie müssten ihren Lebensstil drastisch ändern.“
In der dritten Phase führen wir eine Art Verhandlung mit dem Klima: Wenn ich kein Fleisch esse, darf ich wenigstens nach Thailand fliegen. Wenn ich schon das Auto abschaffe, darf ich zumindest weiterhin online shoppen. In dieser Phase hoffen wir, durch ein paar Opfer unser altes Leben fortsetzen zu können.
In der vierten Phase, der von Kummer und Depression, wird uns erst das ganze Ausmaß des Problems bewusst. Davenport: „Das sieht man oft bei Leuten, die schon sehr umweltbewusst zu leben versuchen, aber merken, dass sie damit allein dastehen oder die Mehrheit sich gerade in die entgegengesetzte Richtung bewegt, wie es jetzt in meinem Land unter Trump geschieht.“ In dieser Phase ist es schwierig, hoffnungsvoll zu bleiben, und man läuft Gefahr, fatalistisch 2 zu werden. Es hat doch überhaupt keinen Sinn mehr, was ich mache, wir gehen sowieso alle vor die Hunde. Davenport: „Manche sind sehr ängstlich und reizbar und leiden unter Schlafproblemen. Das Klima kann dann wirklich zur Obsession 3 werden.“
In der fünften Phase akzeptieren die Menschen, dass sie die Sorge um die Welt nicht allein tragen können. Daher überwältigt die Angst sie nicht mehr. [...]
Manchmal braucht es professionelle Hilfe, um diese Phase der Akzeptanz zu erreichen.
2017 wurde Eco-Anxiety von der American Psychological Association zur offiziellen Diagnose erklärt, in Deutschland ist dies (noch) nicht der Fall. [...] Vor ein paar Jahren wurde Eco-Anxiety noch als disenfranchised grief betrachtet, eine Trauer, die als nicht rechtens gilt. Das ändert sich gerade rasant, weil mittlerweile viele Amerikaner schon mit den Folgen der Klimaveränderung konfrontiert werden, wie Schneestürmen oder wochenlangen Waldbränden. Dadurch denken sie: Vielleicht bin ich demnächst an der Reihe. Sie leiden unter prätraumatischem Stress: Stress, der sich allein aufgrund der Erwartung aufbaut, es könne etwas Schlimmes passieren.“
Ob „sich Sorgen machen“ tatsächlich in Eco-Anxiety umschlägt, hängt von verschiedenen Faktoren ab, unter anderem davon, wie mental resilient 4 man persönlich ist. Coach Manu Busschots begleitet Menschen mit Klimaangst. „Uns liegen noch keine Daten vor, wer deswegen psychologische Hilfe sucht, aber Unter-35-Jährige scheinen öfter betroffen zu sein als ältere. Und das ist logisch, denn junge Leute werden mit größerer Wahrscheinlichkeit die Folgen des Klimawandels wirklich erleben. Auch sehr empfindsame Menschen leiden eher unter Klimaangst.“
[...]
Den eigenen Kummer anzunehmen helfe, sein Leben wieder fortsetzen zu können, sagt Leslie Davenport. „Man akzeptiert, nicht zu wissen, was die Zukunft bringt, und lernt, mit dieser Ungewissheit umzugehen. Dabei hilft es, zu tun, was man tun kann – das verringert die gefühlte Hilflosigkeit, die oft mit Angst und Depressionen einhergeht. Menschen werden in dieser Phase meist gemeinsam aktiv, etwa in ihrer Nachbarschaft oder in einer Umweltbewegung. Samen für Bienen- und Schmetterlingspflanzen auszusäen kann beispielsweise das Gefühl vermitteln, etwas Gutes zu tun für die Insekten, die es jetzt so schwer haben.“
[...]
Um besser mit den eigenen depressiven Gefühlen umzugehen, hilft laut Davenport auch, sich die Unterstützung anderer zu suchen, die mit denselben Problemen kämpfen – eine Therapiegruppe oder eine Umweltorganisation. Auch deswegen gründete die britische Psychologin Rosemary Randall die Carbon Conversations. Gleichgesinnte treffen sich, reden über ihre Klimasorgen und vor allem darüber, was sie selbst tun können. Die Idee ist, ihren ökologischen Fußabdruck – und damit den CO 2 -Ausstoß – aktiv zu verringern.
Manu Busschots hat bei Randall gelernt und in den Niederlanden die KlimaatGesprekken gegründet, eine Organisation, die Workshops für klimafreundliches Verhalten anbietet – wovon es seit Kurzem auch Ableger in Deutschland gibt (KlimaGespräche, klimaatgesprekken.nl/de). „Bei diesen Treffen merkt man, dass man nicht allein ist. Kleinigkeiten, wie das Auto stehen lassen, die sich vielleicht sinnlos anfühlen, weil alle anderen weiterhin fahren, werden größer, wenn mehr Leute sie tun. Sich für einen anderen Lebensstil zu entscheiden fällt leichter, wenn die Gesellschaft, die man dabei vor Augen hat, besser zu den eigenen Werten und Bedürfnissen passt. Und die sind für die meisten Menschen gleich: gesunde Ernährung, Sicherheit, wenig soziale Spannungen, Gerechtigkeit und Solidarität.“
In Angst zu verharren sei jedenfalls wenig sinnvoll, sagt Busschots. „Angst lähmt. Aber wenn man eine Handlungsperspektive hat – sieht, was man selbst beitragen kann, um die Situation zu verbessern –, hilft das sehr.“
1 biologische Vielfalt
2 schicksalsergeben
3 mit einer bestimmten Furcht verbundene Zwangsvorstellung oder -handlung
4 auf psychischer Ebene widerstandsfähig gegenüber Lebensproblemen
3. Erläutern Sie unter Rückgriff auf ein Normalitätsmodell die Entscheidung der American Psychological Association, Eco-Anxiety zur offiziellen Diagnose zu erklären und erörtern Sie die Nützlichkeit einer kognitiven Verhaltenstherapie bei Eco-Anxiety. (28 Punkte)
3.1
3.2
Aufgabe HT 4 - Aufgabe 1 · Texte auswerten und Paradigmen zuordnen
Was Sie im Gespräch verraten
Lässt sich die Eignung von Bewerbern und die Stressbelastung von Mitarbeitern mithilfe einer speziellen Software erkennen?
Das Interview mit der Computerstimme dauert 15 Minuten, 0,2 Sekunden seine digitale Aus-
wertung. Ergebnis: Ralf Hausburg, Vertriebschef eines großen Aachener Telekommunikations-
anbieters, ist psychisch stabil, findet eine Balance zwischen Arbeit und Freizeit und kann
sich gut von der Arbeit erholen. Hausburg ist beeindruckt von einer Software, von der ihre
5 Entwickler sagen, sie könne wesentliche Teile der menschlichen Psyche vermessen. Precire,
zusammengesetzt aus dem englischen Wort für „präzise“ und dem lateinischen Begriff für
„vorhersagen“, heißt die Software der Firma Psyware aus Aachen, die Tausende Wörter ganz
ohne menschliches Zutun analysiert – unter einigen hunderttausend Gesichtspunkten linguisti-
scher, prosodischer 1, formal-quantitativer Art.
10 Dirk Gratzel, Jurist und Geschäftsführer der Firma, hat zusammen mit dem Psychologen
Christan Greb und dem Wirtschaftswissenschaftler Mario Reis das Startup 2012 in Aachen
gegründet und die Idee der Sprachanalyse-Software Precire entwickelt. Wenn es nach diesem
Team geht, wird die Software die Gesundheitsprävention, das Recruiting 2 und die Personal-
entwicklung in deutschen Unternehmen in den nächsten Jahren maßgeblich verändern.
15 Mit Varianten von Precire arbeiten in Deutschland bereits Unternehmen wie Randstad,
eine Zeitarbeitsfirma, die aus rund 4000 Bewerbern jene 500 ermitteln will, die sich für den
Job des Vertriebsdisponenten eignen. Ein Telekommunikationsanbieter hat im Sommer die
Software zur Personalentwicklung eingesetzt, und ein großer Energieversorger bietet seit
Januar 2016 seinen 1600 deutschen Mitarbeitern den sogenannten „VoiceCheck“ an, damit
20 sie selbst ihre Belastungs- und Erholungsfähigkeit einschätzen und verbessern können. Auch
ein Fernsehsender und eine Partnervermittlung haben schon Interesse bekundet, um mittels
Sprachanalyse Mann und Frau in eine Partnerschaft zu vermitteln.
Die Sprache, ein Spiegel der Seele?
Firmengründer Dirk Gratzel erklärt die Funktionsweise der neuen Technologie so: „Sprach-
25 analyse funktioniert wie die Analyse eines Haares. Auf dessen Basis kann ich ein ganzes
Kompendium an Informationen über Sie zusammenstellen: Blutgruppe, Alter, Geschlecht,
Krankheiten, die Sie hatten oder noch bekommen werden. Bei Sprachproben ist es genauso:
In Ihrem Sprachkonstrukt kann ich psychologische Merkmale entdecken, etwa Persönlich-
keitsaspekte, Depressionsneigung, Arbeitsmotivation, die Bedeutung, die Ihre Familie für
30 Sie hat. Zuverlässig und ohne dass ich Sie gesehen habe.“
Die Erkenntnis, dass Sprache Rückschlüsse auf die psychische Gesundheit zulässt, ist
nicht neu. Angefangen mit psychoanalytischen Deutungen von Versprechern, über unser aller
Fähigkeit, in Gesprächen zwischen den Zeilen zu lesen, bis hin zu wissenschaftlichen Studien,
die Zusammenhänge belegen: Die Sprache kann zum Spiegel unserer Seele werden. Wie
35 genau dieser Spiegel ist, darüber sind sich die Experten allerdings uneins.
Belegt ist, dass kurzfristige Belastungen dazu führen können, dass die Grundfrequenz
unserer Stimme steigt und sich die Sprechgeschwindigkeit erhöht. Akuter Stress führt dazu,
dass wir beim Sprechen kürzere Pausen machen und weniger „hm“ oder „ähm“ sagen.
Depressive Zustände bewirkten, so zeigte eine Studie, dass Studierende in ihren Essays häu-
40 figer Wörter mit negativer Valenz 3 sowie die erste Person Singular verwendeten als gesunde
Studierende. Auch Unterschiede in der Sprache von depressiven Männern und Frauen sind
belegt: Männer gebrauchen häufiger Negationen, Frauen eher Wörter, die auf sie selbst ver-
weisen. Auch ob eine Depression sich bessert, so zeigte eine Untersuchung, lässt sich an
der Sprache von Patienten erkennen. Wenn die Symptomatik zurückgeht, brauchen Men-
45 schen zum Beispiel weniger Zeit, um in einem Dialog eine Antwort zu geben.
So klar korrelieren Sprachmerkmal und psychisches Phänomen allerdings nur im Falle
von Depressionen, gesteht der Psychologe Christian Greb zu. Um komplexere Zusammen-
hänge zu erkennen und Persönlichkeitsmerkmale, Eigenschaften oder Neigungen mit sprach-
lichen Merkmalen zuverlässig in Beziehung zu setzen, sind viele Variablen von Bedeutung
50 und große Rechnerkapazitäten nötig.
Die Grundlage für diese Arbeit haben Gratzel und sein Team vor ein paar Jahren gelegt.
Damals haben sie die Deutschen und ihre Sprache mit großem Aufwand vermessen. 5500
Männer und Frauen wurden mit traditioneller psychologischer Diagnostik untersucht, inter-
viewt, ihre Sprache, die Art, wie sie sprachen, analysiert. Dann wurde die deutsche Sprache,
55 rund 500000 häufige Wörter und Begrifflichkeiten, neu systematisiert und katalogisiert.
Wenn die Aachener heute Sprache analysieren, berücksichtigen sie bis zu 500000
Features, meist reicht ihnen aber ein Bruchteil für ein ausdifferenziertes Ergebnis.
Für ihre Analysen konzentrieren sich die Aachener nicht auf den Inhalt des Gesagten, son-
dern übertragen die Sprachproben in mathematische Zeichen und konzentrieren sich auf das
60 Konstrukt Sprache selbst. Bei der Auswertung geht es dem Programm dann um Sprech-
geschwindigkeit, Lautstärke und -schwankungen, um Vibrationen in der Stimme, es geht
um die Wortwahl, um die Zahl der Negationen, um Wortarten, die Nutzung von Pronomen,
Adverbien, Füllwörtern. Für Precire ist zum Beispiel von Belang, wie schnell geantwortet
wird, wie lange Pausen dauern, wie oft „ähm“ gesagt wird oder „ich“ oder „man“.
65 Der Prozess in den Rechnern von Psyware, die Art und Weise also, mit der unsere Sprache,
unsere Fähigkeiten und Eigenschaften beurteilt werden, ist nur für eine Handvoll von Experten
nachvollziehbar.
[...]
1 die Sprachmelodie betreffend
2 Personalauswahl
3 Wertung
1. Arbeiten Sie aus dem Text heraus, welche Merkmale und Ziele die Sprachanalyse-Software Precire als Instrument der Personalauswahl besitzt, und weisen Sie nach, dass sich Aspekte der theoretischen Grundlagen dem psychobiologischen Paradigma zuordnen lassen. [22 Punkte]
Aufgabe HT 4 - Aufgabe 2 · Persönlichkeitsdiagnostik und Personalauswahl
Was Sie im Gespräch verraten
Lässt sich die Eignung von Bewerbern und die Stressbelastung von Mitarbeitern mithilfe einer speziellen Software erkennen?
Das Interview mit der Computerstimme dauert 15 Minuten, 0,2 Sekunden seine digitale Aus-
wertung. Ergebnis: Ralf Hausburg, Vertriebschef eines großen Aachener Telekommunikations-
anbieters, ist psychisch stabil, findet eine Balance zwischen Arbeit und Freizeit und kann
sich gut von der Arbeit erholen. Hausburg ist beeindruckt von einer Software, von der ihre
5 Entwickler sagen, sie könne wesentliche Teile der menschlichen Psyche vermessen. Precire,
zusammengesetzt aus dem englischen Wort für „präzise“ und dem lateinischen Begriff für
„vorhersagen“, heißt die Software der Firma Psyware aus Aachen, die Tausende Wörter ganz
ohne menschliches Zutun analysiert – unter einigen hunderttausend Gesichtspunkten linguisti-
scher, prosodischer 1, formal-quantitativer Art.
10 Dirk Gratzel, Jurist und Geschäftsführer der Firma, hat zusammen mit dem Psychologen
Christan Greb und dem Wirtschaftswissenschaftler Mario Reis das Startup 2012 in Aachen
gegründet und die Idee der Sprachanalyse-Software Precire entwickelt. Wenn es nach diesem
Team geht, wird die Software die Gesundheitsprävention, das Recruiting 2 und die Personal-
entwicklung in deutschen Unternehmen in den nächsten Jahren maßgeblich verändern.
15 Mit Varianten von Precire arbeiten in Deutschland bereits Unternehmen wie Randstad,
eine Zeitarbeitsfirma, die aus rund 4000 Bewerbern jene 500 ermitteln will, die sich für den
Job des Vertriebsdisponenten eignen. Ein Telekommunikationsanbieter hat im Sommer die
Software zur Personalentwicklung eingesetzt, und ein großer Energieversorger bietet seit
Januar 2016 seinen 1600 deutschen Mitarbeitern den sogenannten „VoiceCheck“ an, damit
20 sie selbst ihre Belastungs- und Erholungsfähigkeit einschätzen und verbessern können. Auch
ein Fernsehsender und eine Partnervermittlung haben schon Interesse bekundet, um mittels
Sprachanalyse Mann und Frau in eine Partnerschaft zu vermitteln.
Die Sprache, ein Spiegel der Seele?
Firmengründer Dirk Gratzel erklärt die Funktionsweise der neuen Technologie so: „Sprach-
25 analyse funktioniert wie die Analyse eines Haares. Auf dessen Basis kann ich ein ganzes
Kompendium an Informationen über Sie zusammenstellen: Blutgruppe, Alter, Geschlecht,
Krankheiten, die Sie hatten oder noch bekommen werden. Bei Sprachproben ist es genauso:
In Ihrem Sprachkonstrukt kann ich psychologische Merkmale entdecken, etwa Persönlich-
keitsaspekte, Depressionsneigung, Arbeitsmotivation, die Bedeutung, die Ihre Familie für
30 Sie hat. Zuverlässig und ohne dass ich Sie gesehen habe.“
Die Erkenntnis, dass Sprache Rückschlüsse auf die psychische Gesundheit zulässt, ist
nicht neu. Angefangen mit psychoanalytischen Deutungen von Versprechern, über unser aller
Fähigkeit, in Gesprächen zwischen den Zeilen zu lesen, bis hin zu wissenschaftlichen Studien,
die Zusammenhänge belegen: Die Sprache kann zum Spiegel unserer Seele werden. Wie
35 genau dieser Spiegel ist, darüber sind sich die Experten allerdings uneins.
Belegt ist, dass kurzfristige Belastungen dazu führen können, dass die Grundfrequenz
unserer Stimme steigt und sich die Sprechgeschwindigkeit erhöht. Akuter Stress führt dazu,
dass wir beim Sprechen kürzere Pausen machen und weniger „hm“ oder „ähm“ sagen.
Depressive Zustände bewirkten, so zeigte eine Studie, dass Studierende in ihren Essays häu-
40 figer Wörter mit negativer Valenz 3 sowie die erste Person Singular verwendeten als gesunde
Studierende. Auch Unterschiede in der Sprache von depressiven Männern und Frauen sind
belegt: Männer gebrauchen häufiger Negationen, Frauen eher Wörter, die auf sie selbst ver-
weisen. Auch ob eine Depression sich bessert, so zeigte eine Untersuchung, lässt sich an
der Sprache von Patienten erkennen. Wenn die Symptomatik zurückgeht, brauchen Men-
45 schen zum Beispiel weniger Zeit, um in einem Dialog eine Antwort zu geben.
So klar korrelieren Sprachmerkmal und psychisches Phänomen allerdings nur im Falle
von Depressionen, gesteht der Psychologe Christian Greb zu. Um komplexere Zusammen-
hänge zu erkennen und Persönlichkeitsmerkmale, Eigenschaften oder Neigungen mit sprach-
lichen Merkmalen zuverlässig in Beziehung zu setzen, sind viele Variablen von Bedeutung
50 und große Rechnerkapazitäten nötig.
Die Grundlage für diese Arbeit haben Gratzel und sein Team vor ein paar Jahren gelegt.
Damals haben sie die Deutschen und ihre Sprache mit großem Aufwand vermessen. 5500
Männer und Frauen wurden mit traditioneller psychologischer Diagnostik untersucht, inter-
viewt, ihre Sprache, die Art, wie sie sprachen, analysiert. Dann wurde die deutsche Sprache,
55 rund 500000 häufige Wörter und Begrifflichkeiten, neu systematisiert und katalogisiert.
Wenn die Aachener heute Sprache analysieren, berücksichtigen sie bis zu 500000
Features, meist reicht ihnen aber ein Bruchteil für ein ausdifferenziertes Ergebnis.
Für ihre Analysen konzentrieren sich die Aachener nicht auf den Inhalt des Gesagten, son-
dern übertragen die Sprachproben in mathematische Zeichen und konzentrieren sich auf das
60 Konstrukt Sprache selbst. Bei der Auswertung geht es dem Programm dann um Sprech-
geschwindigkeit, Lautstärke und -schwankungen, um Vibrationen in der Stimme, es geht
um die Wortwahl, um die Zahl der Negationen, um Wortarten, die Nutzung von Pronomen,
Adverbien, Füllwörtern. Für Precire ist zum Beispiel von Belang, wie schnell geantwortet
wird, wie lange Pausen dauern, wie oft „ähm“ gesagt wird oder „ich“ oder „man“.
65 Der Prozess in den Rechnern von Psyware, die Art und Weise also, mit der unsere Sprache,
unsere Fähigkeiten und Eigenschaften beurteilt werden, ist nur für eine Handvoll von Experten
nachvollziehbar.
[...]
1 die Sprachmelodie betreffend
2 Personalauswahl
3 Wertung
2. Vergleichen Sie die Sprachanalyse-Software Precire mit typischen Eigenschaften von Leistungstests und beurteilen Sie die Software Precire unter Heranziehung der Testgütekriterien. [26 Punkte]
Aufgabe HT 4 - Aufgabe 3 · Persönlichkeitsdiagnostik und Personalauswahl
Was Sie im Gespräch verraten
Lässt sich die Eignung von Bewerbern und die Stressbelastung von Mitarbeitern mithilfe einer speziellen Software erkennen?
Das Interview mit der Computerstimme dauert 15 Minuten, 0,2 Sekunden seine digitale Aus-
wertung. Ergebnis: Ralf Hausburg, Vertriebschef eines großen Aachener Telekommunikations-
anbieters, ist psychisch stabil, findet eine Balance zwischen Arbeit und Freizeit und kann
sich gut von der Arbeit erholen. Hausburg ist beeindruckt von einer Software, von der ihre
5 Entwickler sagen, sie könne wesentliche Teile der menschlichen Psyche vermessen. Precire,
zusammengesetzt aus dem englischen Wort für „präzise“ und dem lateinischen Begriff für
„vorhersagen“, heißt die Software der Firma Psyware aus Aachen, die Tausende Wörter ganz
ohne menschliches Zutun analysiert – unter einigen hunderttausend Gesichtspunkten linguisti-
scher, prosodischer 1, formal-quantitativer Art.
10 Dirk Gratzel, Jurist und Geschäftsführer der Firma, hat zusammen mit dem Psychologen
Christan Greb und dem Wirtschaftswissenschaftler Mario Reis das Startup 2012 in Aachen
gegründet und die Idee der Sprachanalyse-Software Precire entwickelt. Wenn es nach diesem
Team geht, wird die Software die Gesundheitsprävention, das Recruiting 2 und die Personal-
entwicklung in deutschen Unternehmen in den nächsten Jahren maßgeblich verändern.
15 Mit Varianten von Precire arbeiten in Deutschland bereits Unternehmen wie Randstad,
eine Zeitarbeitsfirma, die aus rund 4000 Bewerbern jene 500 ermitteln will, die sich für den
Job des Vertriebsdisponenten eignen. Ein Telekommunikationsanbieter hat im Sommer die
Software zur Personalentwicklung eingesetzt, und ein großer Energieversorger bietet seit
Januar 2016 seinen 1600 deutschen Mitarbeitern den sogenannten „VoiceCheck“ an, damit
20 sie selbst ihre Belastungs- und Erholungsfähigkeit einschätzen und verbessern können. Auch
ein Fernsehsender und eine Partnervermittlung haben schon Interesse bekundet, um mittels
Sprachanalyse Mann und Frau in eine Partnerschaft zu vermitteln.
Die Sprache, ein Spiegel der Seele?
Firmengründer Dirk Gratzel erklärt die Funktionsweise der neuen Technologie so: „Sprach-
25 analyse funktioniert wie die Analyse eines Haares. Auf dessen Basis kann ich ein ganzes
Kompendium an Informationen über Sie zusammenstellen: Blutgruppe, Alter, Geschlecht,
Krankheiten, die Sie hatten oder noch bekommen werden. Bei Sprachproben ist es genauso:
In Ihrem Sprachkonstrukt kann ich psychologische Merkmale entdecken, etwa Persönlich-
keitsaspekte, Depressionsneigung, Arbeitsmotivation, die Bedeutung, die Ihre Familie für
30 Sie hat. Zuverlässig und ohne dass ich Sie gesehen habe.“
Die Erkenntnis, dass Sprache Rückschlüsse auf die psychische Gesundheit zulässt, ist
nicht neu. Angefangen mit psychoanalytischen Deutungen von Versprechern, über unser aller
Fähigkeit, in Gesprächen zwischen den Zeilen zu lesen, bis hin zu wissenschaftlichen Studien,
die Zusammenhänge belegen: Die Sprache kann zum Spiegel unserer Seele werden. Wie
35 genau dieser Spiegel ist, darüber sind sich die Experten allerdings uneins.
Belegt ist, dass kurzfristige Belastungen dazu führen können, dass die Grundfrequenz
unserer Stimme steigt und sich die Sprechgeschwindigkeit erhöht. Akuter Stress führt dazu,
dass wir beim Sprechen kürzere Pausen machen und weniger „hm“ oder „ähm“ sagen.
Depressive Zustände bewirkten, so zeigte eine Studie, dass Studierende in ihren Essays häu-
40 figer Wörter mit negativer Valenz 3 sowie die erste Person Singular verwendeten als gesunde
Studierende. Auch Unterschiede in der Sprache von depressiven Männern und Frauen sind
belegt: Männer gebrauchen häufiger Negationen, Frauen eher Wörter, die auf sie selbst ver-
weisen. Auch ob eine Depression sich bessert, so zeigte eine Untersuchung, lässt sich an
der Sprache von Patienten erkennen. Wenn die Symptomatik zurückgeht, brauchen Men-
45 schen zum Beispiel weniger Zeit, um in einem Dialog eine Antwort zu geben.
So klar korrelieren Sprachmerkmal und psychisches Phänomen allerdings nur im Falle
von Depressionen, gesteht der Psychologe Christian Greb zu. Um komplexere Zusammen-
hänge zu erkennen und Persönlichkeitsmerkmale, Eigenschaften oder Neigungen mit sprach-
lichen Merkmalen zuverlässig in Beziehung zu setzen, sind viele Variablen von Bedeutung
50 und große Rechnerkapazitäten nötig.
Die Grundlage für diese Arbeit haben Gratzel und sein Team vor ein paar Jahren gelegt.
Damals haben sie die Deutschen und ihre Sprache mit großem Aufwand vermessen. 5500
Männer und Frauen wurden mit traditioneller psychologischer Diagnostik untersucht, inter-
viewt, ihre Sprache, die Art, wie sie sprachen, analysiert. Dann wurde die deutsche Sprache,
55 rund 500000 häufige Wörter und Begrifflichkeiten, neu systematisiert und katalogisiert.
Wenn die Aachener heute Sprache analysieren, berücksichtigen sie bis zu 500000
Features, meist reicht ihnen aber ein Bruchteil für ein ausdifferenziertes Ergebnis.
Für ihre Analysen konzentrieren sich die Aachener nicht auf den Inhalt des Gesagten, son-
dern übertragen die Sprachproben in mathematische Zeichen und konzentrieren sich auf das
60 Konstrukt Sprache selbst. Bei der Auswertung geht es dem Programm dann um Sprech-
geschwindigkeit, Lautstärke und -schwankungen, um Vibrationen in der Stimme, es geht
um die Wortwahl, um die Zahl der Negationen, um Wortarten, die Nutzung von Pronomen,
Adverbien, Füllwörtern. Für Precire ist zum Beispiel von Belang, wie schnell geantwortet
wird, wie lange Pausen dauern, wie oft „ähm“ gesagt wird oder „ich“ oder „man“.
65 Der Prozess in den Rechnern von Psyware, die Art und Weise also, mit der unsere Sprache,
unsere Fähigkeiten und Eigenschaften beurteilt werden, ist nur für eine Handvoll von Experten
nachvollziehbar.
[...]
1 die Sprachmelodie betreffend
2 Personalauswahl
3 Wertung
3. Nehmen Sie unter tiefenpsychologischem Blickwinkel und unter Heranziehung des zugehörigen Persönlichkeitsmodells Stellung zur Sprachanalyse-Software Precire als Verfahren der Personalauswahl, und prüfen Sie zum Schluss, inwieweit die Software Precire in der Personalauswahl und -entwicklung eingesetzt werden kann. [32 Punkte]
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