Aufgabe HT 3 - Aufgabe 2 · Abitur NRW Psychologie GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021

Thema: Persönlichkeitstheorien anwenden und vergleichen · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2021)

Aufgabenstellung

Hilfe, die Welt stirbt

Liegen Sie wach beim Gedanken, die Niederlande könnten in 70 Jahren unter Wasser liegen? Steigen Ihnen Tränen in die Augen, wenn Sie von aussterbenden Tierarten lesen? Kriegen Sie Herzrasen, wenn Sie Einwegplastik benutzen, da Sie fürchten, es könnte im Meer landen? Wenn Sie diese Fragen mit „Ja“ beantworten, leiden Sie vielleicht unter Eco-Anxiety, sogenannter Klimaangst. Unter diesem recht neuen Begriff versammeln sich unsere Sorgen um künftige Umweltschäden und die Trauer über das, was bereits zerstört ist, wie der Verlust der biologischen Vielfalt.

Eco-Anxiety nahm man erstmals bei Klimaexperten wahr, wie dem amerikanischen Meteorologen Eric Holthaus, der Anfang 2017 twitterte: „Nachdem ich mich vier Jahre lang täglich mit dem Klimawandel beschäftigt habe, bin ich heute zu einem Therapeuten gegangen. Es gibt Tage, an denen ich einfach nicht mehr arbeiten kann.“ Auch der Groninger Pol-Biologe Maarten Loonen, der für seine Studie über Zugvögel seit 25 Jahren nach Spitzbergen reist, kann die Tränen kaum zurückhalten, wenn er von schmelzenden Eiskappen spricht. Er fühlt sich vor allem ohnmächtig: „Immer wieder erzähle ich, was dort passiert, aber keiner tut was“, sagte er Anfang des Jahres der niederländischen Zeitung De Volkskrant. Biologin Camille Parmesan beschrieb schon 2014, wie verzweifelt man in ihrer Berufsgruppe über diese unwiederbringlichen Verluste ist.

Aber diese Stimmung gibt es nicht nur unter professionellen Klimaforschern. Eine Studie der Yale University von 2018 belegt, dass sich 69 Prozent der Amerikaner Sorgen um den Klimawandel machen und 49 Prozent glauben, dieser werde ihnen persönlich schaden. Uns ergeht es ähnlich: In einer Umfrage des unabhängigen, überparteilichen Pew Research Center in Washington gaben 71 Prozent der Deutschen an, dass sie sich vom Klimawandel bedroht fühlen – mehr noch als von extremistischem Terror.

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Leslie Davenport, Psychotherapeutin und Universitätsdozentin am California Institute of Integral Studies, glaubt, dass ziemlich viele Menschen an Klimatrauer leiden. [...] [Sie] unterscheidet [...] fünf Phasen, in denen sich Menschen mit Klimaangst befinden können. Dabei stützt sie sich auf das bekannte Trauerprozessmodell von Elisabeth Kübler-Ross: „Trauer ist eine normale Reaktion auf jede Art von Verlust“, so Davenport. „Sie zeigt an, wie wichtig das Verlorene für jemanden ist. Das gilt auch für den Klimawandel, bei dem wir ziemlich viel zu verlieren haben: unsere Sicherheit, die Biodiversität 1, das Vertrauen in die Menschheit und in Autoritäten und so weiter.“

Die erste Phase ist – laut Davenports Zyklus – Leugnung. „Man weiß eigentlich, dass etwas nicht stimmt, aber es ist zu überwältigend, zu schmerzhaft, um sich damit auseinanderzusetzen.“

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In der zweiten Phase – Wut – dringt die Wirklichkeit allmählich durch. „Das sieht man beispielsweise bei den Über-40-Jährigen. Sie haben ihr ganzes Leben auf eine bestimmte Art gelebt, haben hart gearbeitet, um Karriere zu machen, und jetzt bekommen sie auf einmal zu hören, sie müssten ihren Lebensstil drastisch ändern.“

In der dritten Phase führen wir eine Art Verhandlung mit dem Klima: Wenn ich kein Fleisch esse, darf ich wenigstens nach Thailand fliegen. Wenn ich schon das Auto abschaffe, darf ich zumindest weiterhin online shoppen. In dieser Phase hoffen wir, durch ein paar Opfer unser altes Leben fortsetzen zu können.

In der vierten Phase, der von Kummer und Depression, wird uns erst das ganze Ausmaß des Problems bewusst. Davenport: „Das sieht man oft bei Leuten, die schon sehr umweltbewusst zu leben versuchen, aber merken, dass sie damit allein dastehen oder die Mehrheit sich gerade in die entgegengesetzte Richtung bewegt, wie es jetzt in meinem Land unter Trump geschieht.“ In dieser Phase ist es schwierig, hoffnungsvoll zu bleiben, und man läuft Gefahr, fatalistisch 2 zu werden. Es hat doch überhaupt keinen Sinn mehr, was ich mache, wir gehen sowieso alle vor die Hunde. Davenport: „Manche sind sehr ängstlich und reizbar und leiden unter Schlafproblemen. Das Klima kann dann wirklich zur Obsession 3 werden.“

In der fünften Phase akzeptieren die Menschen, dass sie die Sorge um die Welt nicht allein tragen können. Daher überwältigt die Angst sie nicht mehr. [...]

Manchmal braucht es professionelle Hilfe, um diese Phase der Akzeptanz zu erreichen.

2017 wurde Eco-Anxiety von der American Psychological Association zur offiziellen Diagnose erklärt, in Deutschland ist dies (noch) nicht der Fall. [...] Vor ein paar Jahren wurde Eco-Anxiety noch als disenfranchised grief betrachtet, eine Trauer, die als nicht rechtens gilt. Das ändert sich gerade rasant, weil mittlerweile viele Amerikaner schon mit den Folgen der Klimaveränderung konfrontiert werden, wie Schneestürmen oder wochenlangen Waldbränden. Dadurch denken sie: Vielleicht bin ich demnächst an der Reihe. Sie leiden unter prätraumatischem Stress: Stress, der sich allein aufgrund der Erwartung aufbaut, es könne etwas Schlimmes passieren.“

Ob „sich Sorgen machen“ tatsächlich in Eco-Anxiety umschlägt, hängt von verschiedenen Faktoren ab, unter anderem davon, wie mental resilient 4 man persönlich ist. Coach Manu Busschots begleitet Menschen mit Klimaangst. „Uns liegen noch keine Daten vor, wer deswegen psychologische Hilfe sucht, aber Unter-35-Jährige scheinen öfter betroffen zu sein als ältere. Und das ist logisch, denn junge Leute werden mit größerer Wahrscheinlichkeit die Folgen des Klimawandels wirklich erleben. Auch sehr empfindsame Menschen leiden eher unter Klimaangst.“

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Den eigenen Kummer anzunehmen helfe, sein Leben wieder fortsetzen zu können, sagt Leslie Davenport. „Man akzeptiert, nicht zu wissen, was die Zukunft bringt, und lernt, mit dieser Ungewissheit umzugehen. Dabei hilft es, zu tun, was man tun kann – das verringert die gefühlte Hilflosigkeit, die oft mit Angst und Depressionen einhergeht. Menschen werden in dieser Phase meist gemeinsam aktiv, etwa in ihrer Nachbarschaft oder in einer Umweltbewegung. Samen für Bienen- und Schmetterlingspflanzen auszusäen kann beispielsweise das Gefühl vermitteln, etwas Gutes zu tun für die Insekten, die es jetzt so schwer haben.“

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Um besser mit den eigenen depressiven Gefühlen umzugehen, hilft laut Davenport auch, sich die Unterstützung anderer zu suchen, die mit denselben Problemen kämpfen – eine Therapiegruppe oder eine Umweltorganisation. Auch deswegen gründete die britische Psychologin Rosemary Randall die Carbon Conversations. Gleichgesinnte treffen sich, reden über ihre Klimasorgen und vor allem darüber, was sie selbst tun können. Die Idee ist, ihren ökologischen Fußabdruck – und damit den CO 2 -Ausstoß – aktiv zu verringern.

Manu Busschots hat bei Randall gelernt und in den Niederlanden die KlimaatGesprekken gegründet, eine Organisation, die Workshops für klimafreundliches Verhalten anbietet – wovon es seit Kurzem auch Ableger in Deutschland gibt (KlimaGespräche, klimaatgesprekken.nl/de). „Bei diesen Treffen merkt man, dass man nicht allein ist. Kleinigkeiten, wie das Auto stehen lassen, die sich vielleicht sinnlos anfühlen, weil alle anderen weiterhin fahren, werden größer, wenn mehr Leute sie tun. Sich für einen anderen Lebensstil zu entscheiden fällt leichter, wenn die Gesellschaft, die man dabei vor Augen hat, besser zu den eigenen Werten und Bedürfnissen passt. Und die sind für die meisten Menschen gleich: gesunde Ernährung, Sicherheit, wenig soziale Spannungen, Gerechtigkeit und Solidarität.“

In Angst zu verharren sei jedenfalls wenig sinnvoll, sagt Busschots. „Angst lähmt. Aber wenn man eine Handlungsperspektive hat – sieht, was man selbst beitragen kann, um die Situation zu verbessern –, hilft das sehr.“

1 biologische Vielfalt

2 schicksalsergeben

3 mit einer bestimmten Furcht verbundene Zwangsvorstellung oder -handlung

4 auf psychischer Ebene widerstandsfähig gegenüber Lebensproblemen

2. Erklären Sie, wie eine Eco-Anxiety entstehen und fortbestehen kann, indem Sie das kognitivistische Persönlichkeitsmodell von Bandura zugrunde legen, und nehmen Sie anschließend aus tiefenpsychologischer Perspektive, unter Einbeziehung des zugehörigen Persönlichkeitsmodells, Stellung zu dieser Erklärung. (30 Punkte)

2.1

2.2

Aufgabenstellung: Aufgabe HT 3 - Aufgabe 2 · Abitur NRW Psychologie GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

Erklären Sie, wie eine Eco-Anxiety entstehen und fortbestehen kann, indem Sie das kognitivistische Persönlichkeitsmodell von Bandura zugrunde legen.

Lösung: Darstellung von Banduras Konzepten (Selbstwirksamkeit, Modelllernen, reziproker Determinismus) und Anwendung auf die Entwicklung der Eco-Anxiety.

Nehmen Sie aus tiefenpsychologischer Perspektive, unter Einbeziehung des zugehörigen Persönlichkeitsmodells, Stellung zu dieser Erklärung.

Lösung: Erläuterung des psychoanalytischen Persönlichkeitsmodells (Instanzen, Unbewusstes, Angsttheorie), kritische Stellungnahme zur kognitivistischen Sicht und begründeter Standpunkt.

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