Aufgabe HT 1 - Aufgabe 1 · Abitur NRW Psychologie GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021

Thema: Experimente und Studien analysieren · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2021)

Aufgabenstellung

Soziale Anerkennung schlägt Geld

Schadet eine Lüge dem Status, verzichten Menschen eher auf finanzielle Vorteile

Menschen sind ehrlicher, wenn sie über Wissensbereiche mit hohem gesellschaftlichen

Ansehen sprechen. Das gilt auch dann, wenn sie einen finanziellen Anreiz haben zu lügen,

5 zeigt eine neue Studie aus der Verhaltensökonomie. Vertrauensfragen werden in der

Wirtschaft wichtiger, wenn Expertise zu immer komplexeren Technologien immer

schwieriger zu überprüfen ist.

Vertrauen ist essentiell für jede Geschäftsbeziehung. Kunden wollen, dass eine Verkäuferin

ehrlich über ein kompliziertes Hightech-Produkt informiert. Doch können sie sich darauf

10 verlassen? Schließlich könnte die Verkäuferin die Nachteile des Produkts leugnen, um eine

Verkaufsprovision zu erhalten.

In welchen Situationen können wir unseren Mitmenschen vertrauen, obwohl sie durch Lügen

einen finanziellen Vorteil erzielen könnten? Eine Studie am Max-Planck-Institut zur Erfor-

schung von Gemeinschaftsgütern ist dieser Frage nachgegangen. In einem Experiment stellten

15 Michael Kurschilgen (inzwischen Technische Universität München) und Isabel Marcin

(inzwischen Universität Heidelberg) rund 190 Testpersonen auf die Probe.

Allgemeinwissen versus Promi-Klatsch

Die Teilnehmenden bekamen Multiple-Choice-Wissensfragen vorgelegt, zum Beispiel:

„In die Botschaft welches Landes flüchtete Julian Assange?“. Die Testpersonen waren in

20 zwei Gruppen aufgeteilt: Sender und Empfänger 1. Die Sender sahen neben der Frage vier

Antwortmöglichkeiten und empfahlen den Empfängern eine Antwort. Die Empfänger sahen

nur die Frage und die Empfehlung eines Senders. Während die Empfänger drei Euro für jede

richtige Antwort bekamen, verdienten die Sender drei Euro für jede falsche Antwort der

Empfänger. Die Sender hatten also einen finanziellen Anreiz zu lügen.

25 Der Test bestand für eine Hälfte der Teilnehmenden aus Fragen zum Allgemeinwissen, etwa

zu Geschichte, Geographie, Kunst und Politik, zum Beispiel diejenige zu Wikileaks-Aktivist

Assange. Die andere Hälfte bekam Fragen zu TV-Serien, Werbespots und Promi-Klatsch,

zum Beispiel: „In welchem Land wurde Irina Shayk, die Ex-Freundin des Fußballstars

Cristiano Ronaldo geboren?“ In einer Vorstudie hatten Kurschilgen und Marcin Fragen er-

30 mittelt, bei denen der durchschnittliche Wissensstand für beide Kategorien mit 63 Prozent

identisch war.

1 Zu einem direkten Face-to-Face-Kontakt zwischen Sender und Empfänger kam es während des Experiments nie. Die Versuchspersonen sahen nur, dass insgesamt noch andere Teilnehmer (überwiegend handelte es sich um Studentinnen und Studenten) im Raum waren.

Mehr Ehrlichkeit bei Kultur und Politik

Wären alle Sender immer ehrlich, würden sie also zum Allgemeinwissen genauso viele

richtige Antworten empfehlen wie zu den anderen Fragen. Im Experiment zeigte sich jedoch:

35 Bei Fragen zu Fernsehen und Klatsch wurden 32 Prozent zutreffende Antworten vorgeschla-

gen. Beim Allgemeinwissen gaben die Sender dagegen für 46 Prozent der Fragen eine kor-

rekte Empfehlung.

„Wenn die Testpersonen signalisieren konnten, dass sie sich in Wissensbereichen mit hohem

Renommee gut auskennen, war vielen ihr Image wichtiger als das Geld, das sie verdienen

40 konnten“, sagt Michael Kurschilgen. „Das Experiment zeigt, dass der Wunsch nach sozialer

Anerkennung finanzielle Anreize, zu lügen, überwinden kann.“ Dass Wissen aus Geschichte,

Kultur und Politik tatsächlich einen höheren Status hat als die anderen Themen, bestätigte

das Forschungsteam in einer ergänzenden Studie.

Vertrauen im Wirtschaftsleben wird wichtiger

Intrinsische Einflussfaktoren auf das Verhalten zu identifizieren, also Motive, die nicht materi-

45 ell sind, ist ein aktueller Schwerpunkt in der Verhaltensökonomie. „Produkte und Prozesse

werden aufgrund der technologischen Entwicklung immer komplexer. Sie erfordern viel Fach-

wissen, das schwer zu überprüfen ist. Deshalb wird Vertrauen im Wirtschaftsleben noch

wichtiger“, erklärt Isabel Marcin. „Finanzielle Anreize, nicht zu lügen, funktionieren wieder-

50 um nur, wenn die Aussagen überprüfbar sind. Es kommt also stärker denn je darauf an, ob

es einen eigenen Antrieb gibt, ehrlich zu sein.“

Die Studie zeigt, wann dies der Fall sein kann: „Wenn fundierte Kenntnisse über komplexe

Technologien ein ähnliches Renommee genießen wie Allgemeinwissen, oder sogar ein höhe-

res, können wir der Verkäuferin des Hightech-Produkts eher vertrauen“, sagt Kurschilgen.

55 „Dann motiviert sie der Wunsch nach sozialer Anerkennung zu mehr Ehrlichkeit.“

Quelle: Max-Planck-Gesellschaft (2019). Soziale Anerkennung schlägt Geld. Über eine verhaltensökonomische Studie von Michael Kurschilgen und Isabel Marcin.

Aufgabe 1 [32 Punkte]

Analysieren Sie das Experiment von Kurschilgen und Marcin. Erklären Sie dessen Ergebnisse sowohl mithilfe der Dissonanztheorie als auch mithilfe von konformem Verhalten.

Aufgabenstellung: Aufgabe HT 1 - Aufgabe 1 · Abitur NRW Psychologie GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Analysieren Sie das Experiment von Kurschilgen und Marcin. Erklären Sie dessen Ergebnisse sowohl mithilfe der Dissonanztheorie als auch mithilfe von konformem Verhalten. (32 Punkte)

Lösung: Ausführliche Analyse des Experiments und theoretische Einordnung gemäß Erwartungshorizont.

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