Aufgabe HT 2 - Aufgabe 3 · Abitur NRW Psychologie GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2021
Thema: Psychische Störungen und Psychotherapie · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2021)
Aufgabenstellung
Wunde am Selbst
SCHAM Manch eigenes Missgeschick lässt uns kalt. Bei anderen würden wir am liebsten im Erdboden versinken. Wann schämen wir uns – und warum neigen bestimmte Menschen eher dazu als andere?
Schamgefühle erlebt wohl jeder von uns irgendwann einmal. Manchmal werden sie durch
ungeschicktes Verhalten ausgelöst, wie etwa das Tragen eines vermeintlich unpassenden
Kleidungsstücks, in anderen Fällen sorgen körperliche Merkmale wie eine auffällige Zahn-
lücke oder das Übertreten von moralischen Standards dafür, dass wir uns vor anderen bloß-
5 gestellt fühlen. Scham ist ein heißes Gefühl, das uns innerlich aufwühlt, weil es uns nach
außen hin sichtbar und durchlässig macht. Der Soziologe Sighard Neckel von der Universi-
tät Hamburg beschrieb sie 1993 sogar als eine »Wunde am eigenen Selbst«.
Schamgefühle entstehen in erster Linie dann, wenn wir soziale Regeln missachten. Doch
nicht jede Normverletzung ist uns gleich peinlich: Manchmal empfinden wir lediglich Be-
10 dauern oder Reue, in anderen Fällen lässt uns das Geschehene sogar vollkommen kalt. Was
unterscheidet solche Situationen also von Momenten, in denen wir am liebsten direkt im Erd-
boden versinken würden? Laut der Philosophin Hilge Landweer von der Freien Universität
Berlin müssen mehrere Voraussetzungen erfüllt sein, damit eine Person sich schämt: Zunächst
einmal muss der Betreffende erkennen, dass es eine Norm für die Situation gibt, in der er sich
15 gerade befindet. Außerdem muss er diese Norm akzeptieren und als erwünschte und bindende
Verhaltensvorschrift ansehen, nur dann kann ihm etwas so richtig unangenehm sein.
Wenn wir uns schämen, verstoßen wir also sozusagen gegen unser eigenes Idealbild – und
fühlen uns in diesem Punkt entsprechend den prüfenden Blicken anderer ausgesetzt. Die
Blicke müssen dabei nicht einmal tatsächlich auf uns gerichtet sein: Es reicht schon, wenn
20 wir uns die Person, vor der wir uns schämen, nur gedanklich vorstellen. Ein klassisches
Beispiel dafür sind die strafende Miene und jedes »Schäm dich!« von Mutter oder Vater.
Beides verinnerlichen wir im Lauf unseres Lebens oft so sehr, dass die Normen und Gebote,
die unsere Eltern uns vermittelt haben, auch dann noch ihre Wirkung entfalten, wenn wir
längst unser eigenes Leben führen.
25 Während wir die kritischen Blicke anderer auf uns spüren, richtet sich unser eigener meist
gen Boden: Der gesenkte Blick ist eine typische körperliche Reaktion, die mit Schamgefühlen
einhergeht. Gleichzeitig fühlen wir uns klein und würden am liebsten im Boden versinken –
um so der Aufmerksamkeit der anderen zu entfliehen. Schon Charles Darwin stellte 1872
fest, dass Personen, die sich schämen, die Augen senken, den Blick abwenden und den Kopf
30 zur Seite neigen. Dieses Verhalten will er nicht nur bei Menschen ausgemacht haben, sondern
auch bei Tieren, beispielsweise bei Hunden. Besonders stark betonte Darwin zudem den Aspekt
der Schamesröte. Neuere Untersuchungen haben inzwischen allerdings gezeigt, dass sie kein
zuverlässiger Hinweis darauf ist, dass jemandem etwas besonders unangenehm ist. Ob und wie
intensiv jemand errötet, hängt stattdessen von verschiedenen vegetativen Parametern 1 ab.
35 Für die klinische Psychologin June Tangney von der George Mason University in Fairfax,
Virginia, die sich in zahlreichen empirischen Untersuchungen mit dem Thema befasst hat,
sind Schamgefühle die emotionale Begleiterscheinung der Selbstanklage. Sie verengen unseren
Blick und sorgen dafür, dass wir uns vorwiegend mit unserem eigenen Innenleben beschäftigen.
Was in der Welt um uns herum passiert, nehmen wir entsprechend schlechter wahr. Geraten wir
40 immer wieder in Situationen, die uns peinlich sind, tendieren wir mit der Zeit eher dazu, auf
negative Bewertungen unserer Person mit Scham zu reagieren. Im amerikanischen Sprach-
raum sprechen Forscher in diesem Fall auch von »shame-proneness« – und die kann Folgen
für unser Selbstwertgefühl haben: Gemeinsam mit Ronda Dearing von der University of
Houston fand Tangney in mehreren Studien Hinweise darauf, dass eine erhöhte Schamneigung
45 mit einem niedrigeren Selbstwert einhergeht. Das bedeutet umgekehrt, dass uns ein gewisses
Maß an Selbstachtung aber womöglich auch vor allzu vielen Schamgefühlen schützt.
[...]
Ein besonders intensives Schamerleben könnte zudem auch die Entstehung verschiedener
psychischer Erkrankungen begünstigen. Darauf deutet etwa eine kanadische Studie hin, für
50 die Sera De Rubeis von der University of Toronto und Tom Hollenstein von der Queen's
University in Kingston knapp 150 Jugendliche zwischen 11 und 16 Jahren untersuchten.
Teenager, die eine höhere Schamneigung aufwiesen, zeigten dabei auch eher Anzeichen einer
Depression. Basierend auf der Art und Weise, wie die Teilnehmer mit beschämenden Situa-
tionen umgingen, ließ sich außerdem vorhersagen, ob sich ihre psychische Gesundheit im
55 Folgejahr eher verbesserte oder verschlechterte. Eine groß angelegte Metaanalyse, für die
Wissenschaftler 108 Studien mit mehr als 22 000 Probanden auswerteten, stieß ebenfalls auf
einen deutlichen Zusammenhang zwischen Depression und Schamneigung. Und auch zwi-
schen Angststörungen und Schamneigung scheint es eine Verbindung zu geben, wie Forscher
um Thomas A. Fergus von der Northern Illinois University entdeckten.
60 [...]
Doch auch Schuld und Scham gehen oft Hand in Hand: Sich schuldig gemacht zu haben,
erzeugt bei vielen Menschen gleichzeitig ein Gefühl der Scham, denn die Diskrepanz zwischen
dem, was man eigentlich von sich zeigen möchte, und dem, was man tatsächlich durch die
schuldhafte Handlung gezeigt hat, kann groß sein. Die Verbindung von Schuld und Scham
65 ist umso größer, je absichtlicher unser Fehlverhalten war, je mehr Menschen es mitbekommen
haben und je wichtiger diese für uns sind. Vor allem dann, wenn die Personen, die durch unser
Verhalten zu Schaden gekommen sind, ablehnend oder verständnislos reagieren oder uns
Vorwürfe machen, wünschen wir uns schnell, im Boden zu versinken. Ein Beispiel dafür wäre
ein Büroangestellter, der verheiratet ist, aber mit seiner Kollegin ein Verhältnis hat. Der Chef
70 ertappt die beiden eines Tages dabei, wie sie sich in einer Ecke küssen und stellt den Ehemann
zur Rede: Ein solches Verhalten gehöre sich nicht am Arbeitsplatz – und schon gar nicht für
einen verheirateten Mann! Die Wahrscheinlichkeit, dass der Betroffene sich für seine Affäre
schämen wird, ist groß. Reagiert das Gegenüber wütend oder ärgerlich, macht sich häufiger
Angst als Scham in uns breit.
75 Schuldgefühle loszuwerden fällt uns oft leichter, als unsere Scham zu bewältigen. Das hängt
auch damit zusammen, dass es in unserer Gesellschaft viele gängige Methoden gibt, um eine
Schuld zu sühnen – sei es durch eine ausgesprochene Entschuldigung, durch Buße, beispiels-
weise durch das Bezahlen eines Strafzettels, oder im schlimmsten Fall auch durch einen
Gefängnisaufenthalt. Auch religiöse Konventionen helfen uns manchmal dabei, uns von
80 Schuldgefühlen zu befreien, etwa indem wir auf Pilgerfahrt oder zur Beichte gehen. Scham
verfolgt uns hingegen oft noch lange. Denn viel schwerer als sich zu entschuldigen ist es,
sich selbst so zu akzeptieren, wie man ist.
1 Einflussfaktoren auf das nicht willentlich beeinflussbare, autonome Nervensystem
3. Erörtern Sie, ob sich eine erhöhte Schamneigung mit einer sozialen Angststörung vergleichen lässt. [18 Punkte]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
3. Erörtern Sie, ob sich eine erhöhte Schamneigung mit einer sozialen Angststörung vergleichen lässt.
Lösung: Darstellung der DSM-5-Kriterien der sozialen Angststörung, vergleichende Gegenüberstellung von Schamneigung und Phobie anhand von Gemeinsamkeiten und Unterschieden sowie ein begründetes Fazit.
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