Abitur NRW Deutsch 2023 · GK · Potenzial von Lyrik

Aufgabe Deutsch aus dem IQB-Pool 2023, GK · Potenzial von Lyrik: 2 Teilaufgaben mit Lösungen. Themen: Analyse pragmatischer Texte. Kostenlos.

Themen der Prüfung: Analyse pragmatischer Texte · Erörterung pragmatischer Texte

Aufgabe 1 - Analyse pragmatischer Texte · Analyse pragmatischer Texte

Aufgabenstellung

1. Stellen Sie den Argumentationsgang des Meinungsbeitrags von Florian Bissig dar und erläutern Sie die Intention des Textes. ca. 40 %

Material

Florian Bissig (*1979): Ein Auslaufmodell der Literatur? Warum wir Lyrik heute wieder dringend brauchen (2018)

Eigentlich geniesst die Lyrik den Status einer aktuellen Kunstform. Die renommierteste

deutschsprachige Literaturauszeichnung, der Georg-Büchner-Preis, wurde gleich zweimal in

Folge an einen Lyriker verliehen. Der Dichter Jan Wagner erhielt ausserdem den Preis der

Leipziger Buchmesse. In der Schweiz widmen sich viele Autoren aller Generationen der Lyrik

5 und haben damit intakte Chancen auf eine Vielzahl von Auszeichnungen und Werkbeiträgen.

In jüngerer Zeit hat sich die Dichtkunst mit Poetry Slams und allerlei Performances verquickt

und verjüngt und ist so ein gefragter Teil der Kulturszene. Dabei löst sich die Dichtkunst

keineswegs bloss als Recycling-Material in den neuen Formen auf.

Es ist zugleich eine Renaissance der klassischen Gedichtformen, wie dem Sonett, zu

10 beobachten. Die Akzentuierung des Kunstvollen, die Abhebung von der Alltagssprache ist

wieder zur schöpferischen Möglichkeit geworden, jedoch meist in einem spielerischen Gestus.

Die Lektüre von moderner Lyrik passt überdies bestens zum Zeitgeist und zu den heutigen

Lebensgewohnheiten. Information und Unterhaltung werden überall und in kleinen Häppchen

konsumiert. Gedichte weisen oft eine Abgeschlossenheit und Kürze auf, die auch in einer

15 bescheidenen Aufmerksamkeitsspanne erlaubt, ein kleines Kunstwerk in Gänze zu erfassen.

Ein kompletter Kunstgenuss innert 1 Sekunden, das müsste vielen Heutigen gelegen kommen.

Nicht zuletzt schärfen moderne Gedichte den Blick für das Nebensächliche und

problematisieren das scheinbar Selbstverständliche, gleichsam als verdichtete Reportage.

So ist es naheliegend, dass die Lyrik, bei aller Kürze und Handlichkeit, mit dem scharfen Blick

20 auf Konvention und Sprachgebrauch auch zur expliziten Medienkritik werden kann. In

impliziter Weise ist die Lyrik ein Gegenstück zum Informations-Business. Während

Nachrichten Konsumartikel sind, die innert Minuten obsolet werden können und in denen die

Sprache als blosses Instrument verwendet wird, pflegt die Lyrik einen bewussten

Sprachgebrauch und beansprucht überzeitliche Gültigkeit.

25 Die Begründer der romantischen Dichtung Englands, Wordsworth und Coleridge, gingen so

weit, ihre Lyrik als Gift gegen das „entwürdigende Verlangen nach skandalöser Stimulation“

aufzufassen, welches die Massenmedien schürten. Die Dichter geisselten die Sehnsucht nach

im Stundentakt eintreffenden Neuigkeiten. Das war um 1800, als die News noch per Schiff und

Postkutsche erwartet wurden. Was die beiden Dichterkollegen von den heutigen Smartphone-

30 Zombies gehalten hätten, die nur noch im Notfall vom Bildschirm aufblicken, lässt sich nur

erahnen.

Die Zwiespältigkeit der Gefühle zwischen den Dichtern und den Medien beruht auf

Gegenseitigkeit. In den Redaktionen überwiegt der Thematisierung der Lyrik gegenüber jene

Skepsis, die allen Themen anhaftet, die im Verdacht stehen, Vorwissen vorauszusetzen.

35 Darauf bedacht, ihre Leser nicht als Anhänger eines dünkelhaften Bildungsbegriffs zu

behandeln, stecken die Zeitungsmacher den Bereich des Zumutbaren immer enger. Das

bedeutet, dass sich ein öffentlicher Diskurs auf die westliche literarische Tradition beschränkt

und die Gegenwartsliteratur nur noch unter dem Scheinwerferlicht der Bestsellerliste

betrachtet wird.

40 Freilich sind die privaten Medien keine Bildungseinrichtungen. Ihre verkürzten Zugriffe auf die

literarische Tradition sind nicht Ursache, sondern Symptom eines Wandels. Als Werbeträger

müssen sich Zeitungen immer konsequenter daran ausrichten, was die Aufmerksamkeit des

Lesers zu erhalten verspricht. Und der Zeitungsleser, insofern er erforscht und vermessen ist,

möchte anscheinend grossmehrheitlich nichts über anspruchsvolle oder abseitige kulturelle

45 Erzeugnisse erfahren.

Diese Erkenntnis überrascht kaum, wenn man sie mit den Zahlen abgleicht, die jeder Lyrik-

Verleger zähneknirschend wird bestätigen müssen. Die Lyrik hat reichlich Autoren, Verleger,

Förderer, Fürsprecher und Kritiker, aber kaum Leser ausserhalb dieser Kreise.

Und so steht die Lyrik im Kampf um ein Plätzchen im öffentlichen Diskurs auf verlorenem

50 Posten. Sie wird nicht gelesen und daher praktisch nicht besprochen, und umgekehrt. Weit

entfernt sind wir von Friedrich Schlegels 2 Idee eines produktiven ewigen literarischen

Gesprächs, mit deren praktischer Umsetzung es freilich schon zur Zeit der Frühromantik

haperte. Warum scheitert jeder Versuch eines Gesprächs über Lyrik? Und wieso ist es der

Versuch trotzdem wert?

55 Die Antwort auf beide Fragen ist ein und dieselbe: Weil Lyrik als „schwierig“ gilt und ihre

Lektüre den Wunsch nach Eindeutigkeit frustriert. Lyrik ist typischerweise nicht zu lesen und

sogleich zu verstehen wie ein Sachtext oder realistischer Erzähltext. Oft ist sie in die subjektive

Färbung eines lyrischen Ichs getaucht, oder es dominieren klangliche, grafische oder

überhaupt sprachliche Elemente das Wesen eines Gedichts – und nicht etwa die blosse

60 Kommunikation eines spezifischen Inhalts.

Als überfordernd müssen Gedichte dem verschüchterten Leser notwendig scheinen, wenn er

das Verstehen eines Gedichts als Verstandesurteil anstrebt, wenn er also beansprucht, es

begrifflich ganz zu erfassen. Beim Betrachten eines abstrakten Gemäldes oder beim Anhören

einer Symphonie ist man bereit, sich genüsslich dem freien Spiel der Gemütskräfte

65 hinzugeben. Bei der Wortkunst hingegen wird stets ein handfestes Verständnis angestrebt,

das bei den meisten lyrischen Formen nicht zu haben ist.

Dem Wunsch nach sprachlicher Klarheit und Eindeutigkeit – der gewiss einer natürlichen

menschlichen Sehnsucht nach Orientierung und Sicherheit entspricht – kommen die

populistischen Parteien entgegen. Sie beanspruchen, über die einzig richtige Einschätzung

70 jeder Sachlage zu verfügen. Von ihren Anhängern erwarten sie unmissverständliche

Gefolgschaft. Zweifel an ihrer Darstellung, eine eigenständige Überprüfung oder ein

vorsichtiges Abwägen von Für und Wider: All das ist nicht erwünscht.

Was Populisten suggerieren, ist betrügerisch. Die Welt, die Probleme und ihre Lösungen sind

keineswegs klar und eindeutig. Eine demokratische Diskurskultur bedingt das Hinterfragen

75 und Differenzieren, doch wir sind dem ferner denn je. Rund um die Fake News ist zwar eine

Debatte um die Relevanz von Wahrheit und Journalismus entstanden.

Doch der laute Streit um wahr und falsch übertönt Stimmen der Differenzierung. Eine

Gesellschaft, die nicht die Manipulationsmasse von Populisten sein will, braucht den Mut, den

voreiligen Dualismus von wahr und falsch und von gut und böse zu meiden und sich offen zu

80 halten für das Uneindeutige und Unvertraute.

Die Lektüre von Lyrik ist zugleich ein Übungsfeld und ein Ort der Ermächtigung, auf dem der

Umgang mit Vieldeutigkeit, Mehrschichtigkeit und Perspektivität erlernt und geprobt werden

kann. Wer ein dichterisches Kunstwerk in der Uneindeutigkeit seines Sinns und in der

Flüchtigkeit seiner Wahrheitsansprüche ernst nimmt und zu verstehen versucht, wird lernen,

85 dass es nicht die eine richtige Auslegung gibt – sondern verschiedene Auslegungen, die durch

je andere Kontexte, Argumente und Herangehensweisen gestützt werden.

[...]

Die Bereitschaft, die überfordernde Erfahrung der Mehrdeutigkeit auszuhalten, ist offenbar

verloren gegangen. Man ist auf das klare Urteil aus. Wer nicht klar Position bezieht, wird in der

90 Debatte übervorteilt und übertrumpft. Das ist eine schlechte Ausgangslage für eine Vielzahl

an aktuellen gesellschaftspolitischen Themen – wie gerade beispielsweise den Wandel der

Geschlechterverhältnisse und Identitäten.

Hier verpasst das Wichtigste, wer kein Gehör für Ambiguitäten und Untertöne hat, und

versäumt die Chance, den neuen Horizont auszuloten, in dem die neuen Phänomene erst

95 erkennbar werden.

Wir können nicht anders, als interpretierend durch die Welt gehen. Die Besinnung auf Wahrheit

und Fakten ist löblich, doch sie reicht nicht aus. Denn die Welt besteht nicht aus Fakten,

sondern sie ist ein Ensemble unserer Interpretationen. „Komm, leg die Welt aus mit dir“,

forderte Paul Celan 3. Das sollte man einer Gesellschaft, die gerade auf ein

100 kompetenzorientiertes Bildungssystem 4 umstellt, nicht zweimal sagen müssen. Mit der

überschaubaren Welt eines kurzen Gedichts könnte ein Anfang gemacht werden.

1 innert: schweizerisch für „innerhalb“.

2 Friedrich Schlegel (1772–1829): deutscher Schriftsteller und Literaturkritiker.

3 Paul Celan (1920–1970): deutschsprachiger Lyriker.

4 kompetenzorientiertes Bildungssystem: Ein Bildungssystem, in dem nicht die Vermittlung von abrufbarem Wissen im Vordergrund steht, sondern die Entwicklung von Fähigkeiten und Fertigkeiten, die in den jeweiligen Fachgebieten zur eigenständigen Bewältigung von Aufgaben benötigt werden.

Bissig, Florian (10.03.2018): Ein Auslaufmodell der Literatur? Warum wir Lyrik heute wieder dringend brauchen. <https://www.aargauerzeitung.ch/kultur/ein-auslaufmodell-der-literatur-warum-wir-lyrik-heute-wieder-dringend-brauchen-132295854>. 29.01.2021

Florian Bissig ist ein Schweizer Kulturjournalist.

Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Textquelle (schweizerische Orthografie).

Aufgabe 2 - Erörterung pragmatischer Texte · Erörterung pragmatischer Texte

Aufgabenstellung

2. Erörtern Sie ausgehend vom Text die These von Florian Bissig, dass „wir Lyrik heute wieder dringend brauchen“. Beziehen Sie dabei auch eigene Erfahrungen mit der Lektüre von Gedichten ein. ca. 60 %

Material

Florian Bissig (*1979): Ein Auslaufmodell der Literatur? Warum wir Lyrik heute wieder dringend brauchen (2018)

Eigentlich geniesst die Lyrik den Status einer aktuellen Kunstform. Die renommierteste

deutschsprachige Literaturauszeichnung, der Georg-Büchner-Preis, wurde gleich zweimal in

Folge an einen Lyriker verliehen. Der Dichter Jan Wagner erhielt ausserdem den Preis der

Leipziger Buchmesse. In der Schweiz widmen sich viele Autoren aller Generationen der Lyrik

5 und haben damit intakte Chancen auf eine Vielzahl von Auszeichnungen und Werkbeiträgen.

In jüngerer Zeit hat sich die Dichtkunst mit Poetry Slams und allerlei Performances verquickt

und verjüngt und ist so ein gefragter Teil der Kulturszene. Dabei löst sich die Dichtkunst

keineswegs bloss als Recycling-Material in den neuen Formen auf.

Es ist zugleich eine Renaissance der klassischen Gedichtformen, wie dem Sonett, zu

10 beobachten. Die Akzentuierung des Kunstvollen, die Abhebung von der Alltagssprache ist

wieder zur schöpferischen Möglichkeit geworden, jedoch meist in einem spielerischen Gestus.

Die Lektüre von moderner Lyrik passt überdies bestens zum Zeitgeist und zu den heutigen

Lebensgewohnheiten. Information und Unterhaltung werden überall und in kleinen Häppchen

konsumiert. Gedichte weisen oft eine Abgeschlossenheit und Kürze auf, die auch in einer

15 bescheidenen Aufmerksamkeitsspanne erlaubt, ein kleines Kunstwerk in Gänze zu erfassen.

Ein kompletter Kunstgenuss innert 1 Sekunden, das müsste vielen Heutigen gelegen kommen.

Nicht zuletzt schärfen moderne Gedichte den Blick für das Nebensächliche und

problematisieren das scheinbar Selbstverständliche, gleichsam als verdichtete Reportage.

So ist es naheliegend, dass die Lyrik, bei aller Kürze und Handlichkeit, mit dem scharfen Blick

20 auf Konvention und Sprachgebrauch auch zur expliziten Medienkritik werden kann. In

impliziter Weise ist die Lyrik ein Gegenstück zum Informations-Business. Während

Nachrichten Konsumartikel sind, die innert Minuten obsolet werden können und in denen die

Sprache als blosses Instrument verwendet wird, pflegt die Lyrik einen bewussten

Sprachgebrauch und beansprucht überzeitliche Gültigkeit.

25 Die Begründer der romantischen Dichtung Englands, Wordsworth und Coleridge, gingen so

weit, ihre Lyrik als Gift gegen das „entwürdigende Verlangen nach skandalöser Stimulation“

aufzufassen, welches die Massenmedien schürten. Die Dichter geisselten die Sehnsucht nach

im Stundentakt eintreffenden Neuigkeiten. Das war um 1800, als die News noch per Schiff und

Postkutsche erwartet wurden. Was die beiden Dichterkollegen von den heutigen Smartphone-

30 Zombies gehalten hätten, die nur noch im Notfall vom Bildschirm aufblicken, lässt sich nur

erahnen.

Die Zwiespältigkeit der Gefühle zwischen den Dichtern und den Medien beruht auf

Gegenseitigkeit. In den Redaktionen überwiegt der Thematisierung der Lyrik gegenüber jene

Skepsis, die allen Themen anhaftet, die im Verdacht stehen, Vorwissen vorauszusetzen.

35 Darauf bedacht, ihre Leser nicht als Anhänger eines dünkelhaften Bildungsbegriffs zu

behandeln, stecken die Zeitungsmacher den Bereich des Zumutbaren immer enger. Das

bedeutet, dass sich ein öffentlicher Diskurs auf die westliche literarische Tradition beschränkt

und die Gegenwartsliteratur nur noch unter dem Scheinwerferlicht der Bestsellerliste

betrachtet wird.

40 Freilich sind die privaten Medien keine Bildungseinrichtungen. Ihre verkürzten Zugriffe auf die

literarische Tradition sind nicht Ursache, sondern Symptom eines Wandels. Als Werbeträger

müssen sich Zeitungen immer konsequenter daran ausrichten, was die Aufmerksamkeit des

Lesers zu erhalten verspricht. Und der Zeitungsleser, insofern er erforscht und vermessen ist,

möchte anscheinend grossmehrheitlich nichts über anspruchsvolle oder abseitige kulturelle

45 Erzeugnisse erfahren.

Diese Erkenntnis überrascht kaum, wenn man sie mit den Zahlen abgleicht, die jeder Lyrik-

Verleger zähneknirschend wird bestätigen müssen. Die Lyrik hat reichlich Autoren, Verleger,

Förderer, Fürsprecher und Kritiker, aber kaum Leser ausserhalb dieser Kreise.

Und so steht die Lyrik im Kampf um ein Plätzchen im öffentlichen Diskurs auf verlorenem

50 Posten. Sie wird nicht gelesen und daher praktisch nicht besprochen, und umgekehrt. Weit

entfernt sind wir von Friedrich Schlegels 2 Idee eines produktiven ewigen literarischen

Gesprächs, mit deren praktischer Umsetzung es freilich schon zur Zeit der Frühromantik

haperte. Warum scheitert jeder Versuch eines Gesprächs über Lyrik? Und wieso ist es der

Versuch trotzdem wert?

55 Die Antwort auf beide Fragen ist ein und dieselbe: Weil Lyrik als „schwierig“ gilt und ihre

Lektüre den Wunsch nach Eindeutigkeit frustriert. Lyrik ist typischerweise nicht zu lesen und

sogleich zu verstehen wie ein Sachtext oder realistischer Erzähltext. Oft ist sie in die subjektive

Färbung eines lyrischen Ichs getaucht, oder es dominieren klangliche, grafische oder

überhaupt sprachliche Elemente das Wesen eines Gedichts – und nicht etwa die blosse

60 Kommunikation eines spezifischen Inhalts.

Als überfordernd müssen Gedichte dem verschüchterten Leser notwendig scheinen, wenn er

das Verstehen eines Gedichts als Verstandesurteil anstrebt, wenn er also beansprucht, es

begrifflich ganz zu erfassen. Beim Betrachten eines abstrakten Gemäldes oder beim Anhören

einer Symphonie ist man bereit, sich genüsslich dem freien Spiel der Gemütskräfte

65 hinzugeben. Bei der Wortkunst hingegen wird stets ein handfestes Verständnis angestrebt,

das bei den meisten lyrischen Formen nicht zu haben ist.

Dem Wunsch nach sprachlicher Klarheit und Eindeutigkeit – der gewiss einer natürlichen

menschlichen Sehnsucht nach Orientierung und Sicherheit entspricht – kommen die

populistischen Parteien entgegen. Sie beanspruchen, über die einzig richtige Einschätzung

70 jeder Sachlage zu verfügen. Von ihren Anhängern erwarten sie unmissverständliche

Gefolgschaft. Zweifel an ihrer Darstellung, eine eigenständige Überprüfung oder ein

vorsichtiges Abwägen von Für und Wider: All das ist nicht erwünscht.

Was Populisten suggerieren, ist betrügerisch. Die Welt, die Probleme und ihre Lösungen sind

keineswegs klar und eindeutig. Eine demokratische Diskurskultur bedingt das Hinterfragen

75 und Differenzieren, doch wir sind dem ferner denn je. Rund um die Fake News ist zwar eine

Debatte um die Relevanz von Wahrheit und Journalismus entstanden.

Doch der laute Streit um wahr und falsch übertönt Stimmen der Differenzierung. Eine

Gesellschaft, die nicht die Manipulationsmasse von Populisten sein will, braucht den Mut, den

voreiligen Dualismus von wahr und falsch und von gut und böse zu meiden und sich offen zu

80 halten für das Uneindeutige und Unvertraute.

Die Lektüre von Lyrik ist zugleich ein Übungsfeld und ein Ort der Ermächtigung, auf dem der

Umgang mit Vieldeutigkeit, Mehrschichtigkeit und Perspektivität erlernt und geprobt werden

kann. Wer ein dichterisches Kunstwerk in der Uneindeutigkeit seines Sinns und in der

Flüchtigkeit seiner Wahrheitsansprüche ernst nimmt und zu verstehen versucht, wird lernen,

85 dass es nicht die eine richtige Auslegung gibt – sondern verschiedene Auslegungen, die durch

je andere Kontexte, Argumente und Herangehensweisen gestützt werden.

[...]

Die Bereitschaft, die überfordernde Erfahrung der Mehrdeutigkeit auszuhalten, ist offenbar

verloren gegangen. Man ist auf das klare Urteil aus. Wer nicht klar Position bezieht, wird in der

90 Debatte übervorteilt und übertrumpft. Das ist eine schlechte Ausgangslage für eine Vielzahl

an aktuellen gesellschaftspolitischen Themen – wie gerade beispielsweise den Wandel der

Geschlechterverhältnisse und Identitäten.

Hier verpasst das Wichtigste, wer kein Gehör für Ambiguitäten und Untertöne hat, und

versäumt die Chance, den neuen Horizont auszuloten, in dem die neuen Phänomene erst

95 erkennbar werden.

Wir können nicht anders, als interpretierend durch die Welt gehen. Die Besinnung auf Wahrheit

und Fakten ist löblich, doch sie reicht nicht aus. Denn die Welt besteht nicht aus Fakten,

sondern sie ist ein Ensemble unserer Interpretationen. „Komm, leg die Welt aus mit dir“,

forderte Paul Celan 3. Das sollte man einer Gesellschaft, die gerade auf ein

100 kompetenzorientiertes Bildungssystem 4 umstellt, nicht zweimal sagen müssen. Mit der

überschaubaren Welt eines kurzen Gedichts könnte ein Anfang gemacht werden.

1 innert: schweizerisch für „innerhalb“.

2 Friedrich Schlegel (1772–1829): deutscher Schriftsteller und Literaturkritiker.

3 Paul Celan (1920–1970): deutschsprachiger Lyriker.

4 kompetenzorientiertes Bildungssystem: Ein Bildungssystem, in dem nicht die Vermittlung von abrufbarem Wissen im Vordergrund steht, sondern die Entwicklung von Fähigkeiten und Fertigkeiten, die in den jeweiligen Fachgebieten zur eigenständigen Bewältigung von Aufgaben benötigt werden.

Bissig, Florian (10.03.2018): Ein Auslaufmodell der Literatur? Warum wir Lyrik heute wieder dringend brauchen. <https://www.aargauerzeitung.ch/kultur/ein-auslaufmodell-der-literatur-warum-wir-lyrik-heute-wieder-dringend-brauchen-132295854>. 29.01.2021

Florian Bissig ist ein Schweizer Kulturjournalist.

Rechtschreibung und Zeichensetzung entsprechen der Textquelle (schweizerische Orthografie).

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