Abitur NRW Deutsch 2023 · LK · Nachtermin

Abiturprüfung Deutsch in Nordrhein-Westfalen 2023, LK · Nachtermin: 6 Aufgaben mit Lösungen. Themen: Interpretation lyrischer Texte. Kostenlos.

Themen der Prüfung: Interpretation lyrischer Texte · Interpretation dramatischer Texte · Literarische Erörterung und Pflichtlektüre · Analyse pragmatischer Texte · Sprachreflexion und Sprachtheorien · Materialgestütztes Verfassen von Texten

Aufgabe 1 - Teilaufgabe 1: Analyse pragmatischer… · Analyse pragmatischer Texte

Aufgabenstellung:

Nele Pollatschek

Der Weg zur Gleichheit ist Gleichheit (2020; Textauszug)

[...]

Für ein diskriminierungsfreies Leben habe ich ein paar falsche Entscheidungen getroffen,

Frau und jüdisch sein hätte ich zum Beispiel einfach lassen sollen. Ich gendere nicht, ich

möchte nicht gegendert werden, gerade weil ich weiß, wie Diskriminierung sich anfühlt.

Und ich weiß, dass die allermeisten Argumente gegen das Gendern falsch sind. Falsch

5 ist es zum Beispiel, zu behaupten, dass sich Wörter wie Student*innen nicht aussprechen

ließen. Wer „Theater“ korrekt aussprechen kann, mit einem glottalen Verschlusslaut, also

„The-kurze Pause-ater“ und nicht von „Thejater“ spricht, kann auch „Student-kurze Pause-

innen“ aussprechen. Auch ist falsch, dass das Gendern nicht schön sei. Wer denkt, dass bei

der zwischenmenschlichen Kommunikation Schönheit wichtiger sei als Gerechtigkeit, der

10 rettet auch einen Ertrinkenden nicht, weil das ganz hässliche Wasserflecken auf dem Jacht-

deck gibt. Am falschesten, dass die deutsche Sprache irgendwie vor Wandel geschützt wer-

den müsse. Alle Argumente dieser Art bitte nur auf Althochdeutsch verfassen.

Im Grunde gibt es nur ein einzig wirklich gutes Argument gegen das Gendern: Es ist leider

sexistisch. Ich sage leider, denn Menschen, die Gendern sind grundsympathisch. Wer gendert,

15 tut das in der Regel, um auf sprachliche und gesellschaftliche Ungerechtigkeiten hinzuweisen.

Gendern ist eine sexistische Praxis, deren Ziel es ist, Sexismus zu bekämpfen.

Ich habe mich mit dem deutschen Gendern noch nie wohl gefühlt, dass es sich dabei aber

um ein logisches Problem des Genderns handelt, wurde mir erst klar, als ich in England pro-

movierte und dort einen anderen Feminismus kennenlernte. Das erste Mal fiel es mir auf, als

20 ein Professor mich fragte, ob wir in Deutschland Angela Merkel wirklich als „Bundeskanz-

lerIN“ bezeichnen und ob denn die deutschen Feministen nichts dagegen täten. 1

Wer wie ich in Deutschland und mit dem deutschen Feminismus sozialisiert wurde, der

muss diese Feststellung befremdlich finden. Das Durchsetzen „geschlechtergerechter“ Sprache

scheint hierzulande manchmal als die eigentliche Kernaufgabe des Feminismus. Zumindest

25 verzeichnet der moderne deutsche Feminismus hier seine größten Erfolge: Mag sein, dass die

Gender-Pay-Gap 2 seit 25 Jahren ziemlich konstant bei rund 20 Prozent liegt – Deutschland

ist Europavizemeister im Frauenschlechterbezahlen, nur Estland ist schlimmer. Immerhin

wird im sächsischen Justizministerium jetzt gegendert.

Was der Professor meinte, war schlichtweg dies: Tun die deutschen Feministen denn nichts

30 dagegen, dass es unterschiedliche Wortformen für Männer und Frauen gibt, dass also Männer

und Frauen sprachlich unterschiedlich behandelt werden? Damals erklärte ich dem Professor,

dass es um Sichtbarmachung geht. Dass viele Menschen, wenn sie Berufsbezeichnungen

hören, das Bild eines Mannes im Kopf haben und dass wir in Deutschland weibliche Wort-

formen verwenden – gerade auch in Stellenausschreibungen oder offiziellen Texten – um zu

35 verdeutlichen, dass der Beruf auch von Frauen ausgeübt wird.

Es gibt bei dieser Erklärung nur ein Problem: Die Standardvorstellung der meisten Berufs-

bezeichnungen ist nicht nur die eines Mannes, sondern die eines weißen, christlichen, hetero-

sexuellen Mannes. Wenn es also eine Wortform für weibliche Berufsausübende braucht, bedarf

es dann nicht genauso einer Wortform für jüdische oder schwarze oder schwule Berufsaus-

40 übende mit Behinderung? Wenn es wichtig ist, ein Wort zu verwenden, das die beiden Infor-

mationen „Schriftsteller“ und „Frau“ oder „Schriftsteller“ und „Frau“ enthält, wäre es dann

nicht genauso richtig, auch die Information „jüdisch“ in das Wort aufzunehmen?

Warum fühlt sich Schriftstellerjude oder Schwarzgast so verdammt falsch an, wenn Schrift-

stellerin und Gästin im öffentlichen Diskurs nicht nur in Ordnung, sondern auch noch anti-

45 diskriminierend sein sollen. Der englische Professor sah im deutschen Gendern das, was wir

nur erkennen können, wenn wir die Analogie mit einer anderen Identitätsbeschreibung bilden:

Diskriminierung.

Wenn wir im Deutschen gendern, dann sagen wir damit: Diese Information ist so wichtig,

dass sie immer mitgesagt werden muss. Und wir sagen: Nur diese Information muss immer

50 mitgesagt werden. Es ist richtig, auf alle anderen Identitätskategorien nur dann zu verweisen,

wenn sie relevant sind, nur das Geschlecht wird immer angezeigt, damit machen wir es zur

wichtigsten Identitätskategorie.

Es ist (heute) selbstverständlich, dass beim Wort Lehrerzimmer oder Schriftstellerverband

auch jüdische Lehrer und schwule Schriftsteller gemeint sind, ohne dass wir vom Schrift-

55 steller*schwulen-Verband oder vom Lehrer*juden-Zimmer sprechen, nur weibliche Lehrer

und Schriftsteller sollen extra genannt werden. Wenn wir gendern, sagen wir damit, diese

Information darf niemals nicht gesagt werden.

Ein türkischer, ein behinderter, ein schwuler Autor, Lehrer oder Immobilienmakler kann

manchmal auch einfach nur ein Mensch sein, der Bücher schreibt, Kinder ausbildet oder schim-

60 meligen Baumarktstuck als Liebhaberstück verkauft. Nur eine Frau wird das Frausein niemals

los. [...]

Der einzige Weg heraus aus dem sprachlichen Dauerfrausein ist das Ausland, für mich

war es Großbritannien. Denn der britische Feminismus hat auf das Problem der weiblichen

Berufsbezeichnung das Gegenextrem gewählt. Der englische Gedanke ist schlichtweg dieser:

65 Der Weg zu Gleichheit ist Gleichheit. Wer will, dass Männer und Frauen gleich behandelt

werden, der muss sie gleich behandeln und das heißt, sie gleich zu benennen.

Zu dem Zeitpunkt, als deutsche Zeitschriften, vor allem die eher links-progressiven, anfin-

gen, anstatt von „Schauspielern“ von „Schauspielern und Schauspielerinnen“, Schauspielen-

den, SchauspielerInnen, Schauspieler_innen und Schauspieler*innen zu schreiben, beschloss

70 der „Guardian“ – die englische Zeitung der feministischen Linken – nur noch das Wort „Actor“

zuzulassen und „Actress“ zu streichen.

In ihren Stilrichtlinien erklären sie bis heute, sowie es viele andere Publikationen tun, dass

„actress“ genau wie authoress, comedienne, manageress, lady doctor, male nurse und ähnli-

che Termini aus einer Zeit kommen, in der Berufe größtenteils einem einzigen Geschlecht

75 offenstanden (meistens dem männlichen). Und dass diese gegenderten Berufsbezeichnungen

heute, wo die Berufe allen Geschlechtern offenstehen, nicht mehr verwendet werden sollten.

Um es anders zu sagen: Während die Deutschen sich für das permanente Benennen von

Geschlechterunterschieden entschieden haben, haben die Briten sich entschieden, das Anzei-

gen von Geschlechtlichkeit so weit wie möglich zu vermeiden. Dafür haben sie mit typisch

80 britischer Pragmatik, die Form gewählt, die ihre Sprache sowieso als generisch hergibt. Diese

Form ist im Englischen, genau wie im Deutschen, identisch mit der männlichen Form, im

Deutschen wird sie durchaus kritisch als „generisches Maskulinum“ bezeichnet.

Die scheinbare sprachliche Maskulinität von generischen Berufsbezeichnungen wirft ein

Henne-Ei-Problem auf: Sind die Berufsbezeichnungen inhärent 3 männlich und brauchen daher

85 eine parallele weibliche Form, oder sind sie inhärent generisch und wirken nur deswegen

männlich, weil sie historisch nur von Männern ausgeführt werden durften?

Aus englischer Perspektive ist Letzteres der Fall. Das Wort Prime Minister bezeichnet de

facto für den Großteil der englischen Geschichte einen Mann, einfach schon deshalb, weil

Frauen weder wählen noch gewählt werden durften. Das Wort war nicht deshalb männlich,

90 weil es sprachlich männlich ist, sondern weil es in der Realität männlich war.

Die englische Lösung für dieses Problem ist es nicht, eine weibliche Form einzuführen,

obwohl Prime Ministress durchaus ginge, sondern eine Frau zu wählen. [...]

Hätte Deutschland den angelsächsischen Weg der Geschlechtergerechtigkeit eingeschla-

gen, dann gäbe es im Jahr 2020 sechsjährige Kinder, für die das Wort Bundeskanzler in erster

95 Assoziation ein weibliches ist, weil sie es noch niemals erlebt haben, dass ein Mann Bundes-

kanzler ist. Durch die Verwendung der beiden unterschiedlichen Wörter „Bundeskanzler“

und „Bundeskanzlerin“ haben wir uns um diesen Sprachwandel gebracht.

Und das, obwohl wir durchaus an die Möglichkeit solchen Wandels glauben, weil wir sie

an anderer Stelle mit dem Ziel der größeren Gerechtigkeit bereits erfolgreich eingesetzt haben.

100 Als die Engländer aufhörten, einen sprachlichen Unterschied zwischen actor und actress zu

machen, hörten die Deutschen auf, zwischen „Frau“ und „Fräulein“ zu unterscheiden. Anstatt

unverheiratete weibliche Menschen als „Fräulein“ und nur verheiratete weibliche Menschen

als „Frau“ zu bezeichnen, wurde es üblich, alle weiblichen Menschen als „Frau“ zu bezeich-

nen. Auch hier hätte man argumentieren können, dass dies die verheiratete Frau zum Stan-

105 dard macht und die unverheiratete diskriminiert.

Knapp fünfzig Jahre später wissen wir, dass das Gegenteil passiert ist: Indem wir das Wort

Frau unabhängig vom Ehestatus einsetzen, haben wir es ziemlich erfolgreich von der Bedeu-

tungsebene „verheiratet“ getrennt. Unverheiratete Frauen gibt es trotzdem, und die werden

meistens überhaupt nicht gerne als Fräulein bezeichnet.

110 Natürlich gibt es Argumente gegen das generische Maskulinum. Das generische Masku-

linum ist historisch männlich, diese Geschichte der Sprache kann man nicht ändern. Genauso,

wie man nicht ändern kann, dass Frauen, bis 1918 nicht wählen durften. Aber man kann Bedeu-

tungen verschieben.

In einer Welt, in der innerhalb weniger Jahrzehnten aus „Fräuleins“ „Frauen“ wurden, kön-

115 nen aus Frauen noch immer Menschen werden.

[...]

Anmerkungen zur Autorin:

Nele Pollatschek (* 1988) ist eine deutsche Schriftstellerin.

1 Angela Merkel war von 2005 bis 2021 Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland.

2 Gender-Pay-Gap: Einkommensunterschiede zwischen Männern und Frauen in einer Volkswirtschaft

3 inhärent: einer Sache innewohnend

1.

Analysieren Sie den Zeitungsartikel „Der Weg zur Gleichheit ist Gleichheit“ von Nele Pollatschek. [40 Punkte]

Aufgabe 1 - Teilaufgabe 2: Sprachreflexion und Sp… · Sprachreflexion und Sprachtheorien

Aufgabenstellung:

Nele Pollatschek

Der Weg zur Gleichheit ist Gleichheit (2020; Textauszug)

[...]

Für ein diskriminierungsfreies Leben habe ich ein paar falsche Entscheidungen getroffen,

Frau und jüdisch sein hätte ich zum Beispiel einfach lassen sollen. Ich gendere nicht, ich

möchte nicht gegendert werden, gerade weil ich weiß, wie Diskriminierung sich anfühlt.

Und ich weiß, dass die allermeisten Argumente gegen das Gendern falsch sind. Falsch

5 ist es zum Beispiel, zu behaupten, dass sich Wörter wie Student*innen nicht aussprechen

ließen. Wer „Theater“ korrekt aussprechen kann, mit einem glottalen Verschlusslaut, also

„The-kurze Pause-ater“ und nicht von „Thejater“ spricht, kann auch „Student-kurze Pause-

innen“ aussprechen. Auch ist falsch, dass das Gendern nicht schön sei. Wer denkt, dass bei

der zwischenmenschlichen Kommunikation Schönheit wichtiger sei als Gerechtigkeit, der

10 rettet auch einen Ertrinkenden nicht, weil das ganz hässliche Wasserflecken auf dem Jacht-

deck gibt. Am falschesten, dass die deutsche Sprache irgendwie vor Wandel geschützt wer-

den müsse. Alle Argumente dieser Art bitte nur auf Althochdeutsch verfassen.

Im Grunde gibt es nur ein einzig wirklich gutes Argument gegen das Gendern: Es ist leider

sexistisch. Ich sage leider, denn Menschen, die Gendern sind grundsympathisch. Wer gendert,

15 tut das in der Regel, um auf sprachliche und gesellschaftliche Ungerechtigkeiten hinzuweisen.

Gendern ist eine sexistische Praxis, deren Ziel es ist, Sexismus zu bekämpfen.

Ich habe mich mit dem deutschen Gendern noch nie wohl gefühlt, dass es sich dabei aber

um ein logisches Problem des Genderns handelt, wurde mir erst klar, als ich in England pro-

movierte und dort einen anderen Feminismus kennenlernte. Das erste Mal fiel es mir auf, als

20 ein Professor mich fragte, ob wir in Deutschland Angela Merkel wirklich als „Bundeskanz-

lerIN“ bezeichnen und ob denn die deutschen Feministen nichts dagegen täten. 1

Wer wie ich in Deutschland und mit dem deutschen Feminismus sozialisiert wurde, der

muss diese Feststellung befremdlich finden. Das Durchsetzen „geschlechtergerechter“ Sprache

scheint hierzulande manchmal als die eigentliche Kernaufgabe des Feminismus. Zumindest

25 verzeichnet der moderne deutsche Feminismus hier seine größten Erfolge: Mag sein, dass die

Gender-Pay-Gap 2 seit 25 Jahren ziemlich konstant bei rund 20 Prozent liegt – Deutschland

ist Europavizemeister im Frauenschlechterbezahlen, nur Estland ist schlimmer. Immerhin

wird im sächsischen Justizministerium jetzt gegendert.

Was der Professor meinte, war schlichtweg dies: Tun die deutschen Feministen denn nichts

30 dagegen, dass es unterschiedliche Wortformen für Männer und Frauen gibt, dass also Männer

und Frauen sprachlich unterschiedlich behandelt werden? Damals erklärte ich dem Professor,

dass es um Sichtbarmachung geht. Dass viele Menschen, wenn sie Berufsbezeichnungen

hören, das Bild eines Mannes im Kopf haben und dass wir in Deutschland weibliche Wort-

formen verwenden – gerade auch in Stellenausschreibungen oder offiziellen Texten – um zu

35 verdeutlichen, dass der Beruf auch von Frauen ausgeübt wird.

Es gibt bei dieser Erklärung nur ein Problem: Die Standardvorstellung der meisten Berufs-

bezeichnungen ist nicht nur die eines Mannes, sondern die eines weißen, christlichen, hetero-

sexuellen Mannes. Wenn es also eine Wortform für weibliche Berufsausübende braucht, bedarf

es dann nicht genauso einer Wortform für jüdische oder schwarze oder schwule Berufsaus-

40 übende mit Behinderung? Wenn es wichtig ist, ein Wort zu verwenden, das die beiden Infor-

mationen „Schriftsteller“ und „Frau“ oder „Schriftsteller“ und „Frau“ enthält, wäre es dann

nicht genauso richtig, auch die Information „jüdisch“ in das Wort aufzunehmen?

Warum fühlt sich Schriftstellerjude oder Schwarzgast so verdammt falsch an, wenn Schrift-

stellerin und Gästin im öffentlichen Diskurs nicht nur in Ordnung, sondern auch noch anti-

45 diskriminierend sein sollen. Der englische Professor sah im deutschen Gendern das, was wir

nur erkennen können, wenn wir die Analogie mit einer anderen Identitätsbeschreibung bilden:

Diskriminierung.

Wenn wir im Deutschen gendern, dann sagen wir damit: Diese Information ist so wichtig,

dass sie immer mitgesagt werden muss. Und wir sagen: Nur diese Information muss immer

50 mitgesagt werden. Es ist richtig, auf alle anderen Identitätskategorien nur dann zu verweisen,

wenn sie relevant sind, nur das Geschlecht wird immer angezeigt, damit machen wir es zur

wichtigsten Identitätskategorie.

Es ist (heute) selbstverständlich, dass beim Wort Lehrerzimmer oder Schriftstellerverband

auch jüdische Lehrer und schwule Schriftsteller gemeint sind, ohne dass wir vom Schrift-

55 steller*schwulen-Verband oder vom Lehrer*juden-Zimmer sprechen, nur weibliche Lehrer

und Schriftsteller sollen extra genannt werden. Wenn wir gendern, sagen wir damit, diese

Information darf niemals nicht gesagt werden.

Ein türkischer, ein behinderter, ein schwuler Autor, Lehrer oder Immobilienmakler kann

manchmal auch einfach nur ein Mensch sein, der Bücher schreibt, Kinder ausbildet oder schim-

60 meligen Baumarktstuck als Liebhaberstück verkauft. Nur eine Frau wird das Frausein niemals

los. [...]

Der einzige Weg heraus aus dem sprachlichen Dauerfrausein ist das Ausland, für mich

war es Großbritannien. Denn der britische Feminismus hat auf das Problem der weiblichen

Berufsbezeichnung das Gegenextrem gewählt. Der englische Gedanke ist schlichtweg dieser:

65 Der Weg zu Gleichheit ist Gleichheit. Wer will, dass Männer und Frauen gleich behandelt

werden, der muss sie gleich behandeln und das heißt, sie gleich zu benennen.

Zu dem Zeitpunkt, als deutsche Zeitschriften, vor allem die eher links-progressiven, anfin-

gen, anstatt von „Schauspielern“ von „Schauspielern und Schauspielerinnen“, Schauspielen-

den, SchauspielerInnen, Schauspieler_innen und Schauspieler*innen zu schreiben, beschloss

70 der „Guardian“ – die englische Zeitung der feministischen Linken – nur noch das Wort „Actor“

zuzulassen und „Actress“ zu streichen.

In ihren Stilrichtlinien erklären sie bis heute, sowie es viele andere Publikationen tun, dass

„actress“ genau wie authoress, comedienne, manageress, lady doctor, male nurse und ähnli-

che Termini aus einer Zeit kommen, in der Berufe größtenteils einem einzigen Geschlecht

75 offenstanden (meistens dem männlichen). Und dass diese gegenderten Berufsbezeichnungen

heute, wo die Berufe allen Geschlechtern offenstehen, nicht mehr verwendet werden sollten.

Um es anders zu sagen: Während die Deutschen sich für das permanente Benennen von

Geschlechterunterschieden entschieden haben, haben die Briten sich entschieden, das Anzei-

gen von Geschlechtlichkeit so weit wie möglich zu vermeiden. Dafür haben sie mit typisch

80 britischer Pragmatik, die Form gewählt, die ihre Sprache sowieso als generisch hergibt. Diese

Form ist im Englischen, genau wie im Deutschen, identisch mit der männlichen Form, im

Deutschen wird sie durchaus kritisch als „generisches Maskulinum“ bezeichnet.

Die scheinbare sprachliche Maskulinität von generischen Berufsbezeichnungen wirft ein

Henne-Ei-Problem auf: Sind die Berufsbezeichnungen inhärent 3 männlich und brauchen daher

85 eine parallele weibliche Form, oder sind sie inhärent generisch und wirken nur deswegen

männlich, weil sie historisch nur von Männern ausgeführt werden durften?

Aus englischer Perspektive ist Letzteres der Fall. Das Wort Prime Minister bezeichnet de

facto für den Großteil der englischen Geschichte einen Mann, einfach schon deshalb, weil

Frauen weder wählen noch gewählt werden durften. Das Wort war nicht deshalb männlich,

90 weil es sprachlich männlich ist, sondern weil es in der Realität männlich war.

Die englische Lösung für dieses Problem ist es nicht, eine weibliche Form einzuführen,

obwohl Prime Ministress durchaus ginge, sondern eine Frau zu wählen. [...]

Hätte Deutschland den angelsächsischen Weg der Geschlechtergerechtigkeit eingeschla-

gen, dann gäbe es im Jahr 2020 sechsjährige Kinder, für die das Wort Bundeskanzler in erster

95 Assoziation ein weibliches ist, weil sie es noch niemals erlebt haben, dass ein Mann Bundes-

kanzler ist. Durch die Verwendung der beiden unterschiedlichen Wörter „Bundeskanzler“

und „Bundeskanzlerin“ haben wir uns um diesen Sprachwandel gebracht.

Und das, obwohl wir durchaus an die Möglichkeit solchen Wandels glauben, weil wir sie

an anderer Stelle mit dem Ziel der größeren Gerechtigkeit bereits erfolgreich eingesetzt haben.

100 Als die Engländer aufhörten, einen sprachlichen Unterschied zwischen actor und actress zu

machen, hörten die Deutschen auf, zwischen „Frau“ und „Fräulein“ zu unterscheiden. Anstatt

unverheiratete weibliche Menschen als „Fräulein“ und nur verheiratete weibliche Menschen

als „Frau“ zu bezeichnen, wurde es üblich, alle weiblichen Menschen als „Frau“ zu bezeich-

nen. Auch hier hätte man argumentieren können, dass dies die verheiratete Frau zum Stan-

105 dard macht und die unverheiratete diskriminiert.

Knapp fünfzig Jahre später wissen wir, dass das Gegenteil passiert ist: Indem wir das Wort

Frau unabhängig vom Ehestatus einsetzen, haben wir es ziemlich erfolgreich von der Bedeu-

tungsebene „verheiratet“ getrennt. Unverheiratete Frauen gibt es trotzdem, und die werden

meistens überhaupt nicht gerne als Fräulein bezeichnet.

110 Natürlich gibt es Argumente gegen das generische Maskulinum. Das generische Masku-

linum ist historisch männlich, diese Geschichte der Sprache kann man nicht ändern. Genauso,

wie man nicht ändern kann, dass Frauen, bis 1918 nicht wählen durften. Aber man kann Bedeu-

tungen verschieben.

In einer Welt, in der innerhalb weniger Jahrzehnten aus „Fräuleins“ „Frauen“ wurden, kön-

115 nen aus Frauen noch immer Menschen werden.

[...]

Anmerkungen zur Autorin:

Nele Pollatschek (* 1988) ist eine deutsche Schriftstellerin.

1 Angela Merkel war von 2005 bis 2021 Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland.

2 Gender-Pay-Gap: Einkommensunterschiede zwischen Männern und Frauen in einer Volkswirtschaft

3 inhärent: einer Sache innewohnend

2.

Stellen Sie die Grundzüge der Theorie von Edward Sapir und Benjamin Lee Whorf über den Zusammenhang von Sprache, Denken und Wirklichkeit dar und vergleichen Sie diesen Ansatz mit den Überlegungen von Nele Pollatschek. Beurteilen Sie zum Schluss, wie überzeugend Pollatscheks Artikel ist. [32 Punkte]

Aufgabe 2 - Teilaufgabe 1: Interpretation dramati… · Interpretation dramatischer Texte

1. Interpretieren Sie den sechsten Auftritt des zweiten Aufzugs in Gotthold Ephraim Lessings Drama „Emilia Galotti“. Beziehen Sie dabei ein, welche Rolle der abwesende Vater spielt. [42 Punkte]

Im bürgerlichen Trauerspiel „Emilia Galotti“, das Lessing verfasst hat und das 1772 erstmals aufgeführt wurde, wohnt die Familie Galotti in dem kleinen Fürstentum des Prinzen Hettore Gonzaga. Nach dem Willen ihres Vaters Odoardo soll Emilia den Grafen Appiani heiraten. Der Prinz hat jedoch Interesse an Emilia gefunden und will sie verführen, um sie zu seiner Mätresse zu machen. Zu diesem Zweck tritt er an sie heran, als sie vor der Hochzeit mit Appiani die Kirche besucht, und Emilia läuft daraufhin nach Hause. Mit ihrer Ankunft dort hat sie ihren ersten Auftritt im Drama (II.6).

Gotthold Ephraim Lessing

EMILIA GALOTTI

ZWEITER AUFZUG, SECHSTER AUFTRITT (Auszug)

EMILIA und CLAUDIA GALOTTI.

EMILIA stürzet in einer ängstlichen Verwirrung herein: Wohl mir! wohl mir! Nun bin ich in

Sicherheit. Oder ist er mir gar gefolgt? Indem sie den Schleier zurückwirft und ihre Mutter

erblicket. Ist er, meine Mutter? ist er? – Nein, dem Himmel sei Dank!

CLAUDIA: Was ist dir, meine Tochter? was ist dir?

5 EMILIA: Nichts, nichts –

CLAUDIA: Und blickest so wild um dich? Und zitterst an jedem Gliede?

EMILIA: Was hab ich hören müssen? Und wo, wo hab ich es hören müssen?

CLAUDIA: Ich habe dich in der Kirche geglaubt –

EMILIA: Eben da! Was ist dem Laster Kirch und Altar? – Ah, meine Mutter! Sich ihr in die

10 Arme werfend.

CLAUDIA: Rede, meine Tochter! – Mach meiner Furcht ein Ende. – Was kann dir da, an heili-

ger Stätte, so Schlimmes begegnet sein?

EMILIA: Nie hätte meine Andacht inniger, brünstiger sein sollen als heute: nie ist sie weniger

gewesen, was sie sein sollte.

15 CLAUDIA: Wir sind Menschen, Emilia. Die Gabe zu beten ist nicht immer in unserer Gewalt.

Dem Himmel ist beten wollen, auch beten.

EMILIA: Und sündigen wollen, auch sündigen.

CLAUDIA: Das hat meine Emilia nicht wollen!

EMILIA: Nein, meine Mutter; so tief ließ mich die Gnade nicht sinken. – Aber daß fremdes

20 Laster uns, wider unsern Willen, zu Mitschuldigen machen kann!

CLAUDIA: Fasse dich! – Sammle deine Gedanken, soviel dir möglich. – Sag es mir mit eins,

was dir geschehen.

EMILIA: Eben hatt ich mich – weiter von dem Altare, als ich sonst pflege – denn ich kam zu

spät – auf meine Knie gelassen. Eben fing ich an, mein Herz zu erheben: als dicht hinter

25 mir etwas seinen Platz nahm. So dicht hinter mir! – Ich konnte weder vor, noch zur Seite

rücken – so gern ich auch wollte; aus Furcht, daß eines andern Andacht mich in meiner

stören möchte. – Andacht! das war das Schlimmste, was ich besorgte. – Aber es währte

nicht lange, so hört ich, ganz nah an meinem Ohre – nach einem tiefen Seufzer – nicht den

Namen einer Heiligen – den Namen – zürnen Sie nicht, meine Mutter – den Namen Ihrer

30 Tochter! – Meinen Namen! – O daß laute Donner mich verhindert hätten, mehr zu hören! –

Es sprach von Schönheit, von Liebe – Es klagte, daß dieser Tag, welcher mein Glück

mache – wenn er es anders mache – sein Unglück auf immer entscheide. – Es beschwor

mich – hören mußt ich dies alles. Aber ich blickte nicht um; ich wollte tun, als ob ich es

nicht hörte. – Was konnt ich sonst? – Meinen guten Engel bitten, mich mit Taubheit zu

35 schlagen; und wann auch, wann auch auf immer! – Das bat ich; das war das einzige, was

ich beten konnte. – Endlich ward es Zeit, mich wieder zu erheben. Das heilige Amt ging zu

Ende. Ich zitterte, mich umzukehren. Ich zitterte, ihn zu erblicken, der sich den Frevel

erlauben dürfen. Und da ich mich umwandte, da ich ihn erblickte –

CLAUDIA: Wen, meine Tochter?

40 EMILIA: Raten Sie, meine Mutter; raten Sie – Ich glaubte in die Erde zu sinken – Ihn selbst.

CLAUDIA: Wen, ihn selbst?

EMILIA: Den Prinzen.

CLAUDIA: Den Prinzen! – O gesegnet sei die Ungeduld deines Vaters, der eben hier war und

dich nicht erwarten wollte!

45 EMILIA: Mein Vater hier? – und wollte mich nicht erwarten?

CLAUDIA: Wenn du in deiner Verwirrung auch ihn das hättest hören lassen!

EMILIA: Nun, meine Mutter? – Was hätt er an mir Strafbares finden können?

CLAUDIA: Nichts; ebensowenig, als an mir. Und doch, doch – Ha, du kennst deinen Vater

nicht! In seinem Zorne hätt er den unschuldigen Gegenstand des Verbrechens mit dem

50 Verbrecher verwechselt. In seiner Wut hätt ich ihm geschienen, das veranlaßt zu haben,

was ich weder verhindern, noch vorhersehen können. – Aber weiter, meine Tochter, wei-

ter! Als du den Prinzen erkanntest – Ich will hoffen, daß du deiner mächtig genug warest,

ihm in einem Blicke alle die Verachtung zu bezeigen, die er verdienet.

EMILIA: Das war ich nicht, meine Mutter! Nach dem Blicke, mit dem ich ihn erkannte, hatt

55 ich nicht das Herz, einen zweiten auf ihn zu richten. Ich floh –

CLAUDIA: Und der Prinz dir nach –

EMILIA: Was ich nicht wußte, bis ich in der Halle mich bei der Hand ergriffen fühlte. Und von

ihm! Aus Scham mußt ich standhalten: mich von ihm loszuwinden, würde die Vorbeige-

henden zu aufmerksam auf uns gemacht haben. Das war die einzige Überlegung, deren ich

60 fähig war – oder deren ich nun mich wieder erinnere. Er sprach; und ich hab ihm geantwor-

tet. Aber was er sprach, was ich ihm geantwortet; – fällt mir es noch bei, so ist es gut, so

will ich es Ihnen sagen, meine Mutter. Itzt weiß ich von dem allen nichts. Meine Sinne

hatten mich verlassen. – Umsonst denk ich nach, wie ich von ihm weg, und aus der Halle

gekommen. Ich finde mich erst auf der Straße wieder; und höre ihn hinter mir herkommen;

65 und höre ihn mit mir zugleich in das Haus treten, mit mir die Treppe hinaufsteigen – –

CLAUDIA: Die Furcht hat ihren besondern Sinn, meine Tochter! – Ich werde es nie vergessen,

mit welcher Gebärde du hereinstürztest. – Nein, so weit durfte er nicht wagen, dir zu fol-

gen. – Gott! Gott! wenn dein Vater das wüßte! – Wie wild er schon war, als er nur hörte,

daß der Prinz dich jüngst nicht ohne Mißfallen gesehen! – Indes, sei ruhig, meine Tochter!

70 Nimm es für einen Traum, was dir begegnet ist. Auch wird es noch weniger Folgen haben,

als ein Traum. Du entgehest heute mit eins allen Nachstellungen.

Aufgabe 2 - Teilaufgabe 2: Literarische Erörterun… · Literarische Erörterung und Pflichtlektüre

2. Vergleichen Sie, wie die Familienverhältnisse in der vorliegenden Szene aus dem Drama „Emilia Galotti“ und im ersten Aufzug von Lessings „Nathan der Weise“ gestaltet sind. Stellen Sie im Anschluss dar, in welcher Weise sich Rechas Verhalten gegenüber dem Tempelherrn im Verlauf des Dramas wandelt. Erläutern Sie, welche Bedeutung Nathan in diesem Zusammenhang zukommt. [30 Punkte]

Im bürgerlichen Trauerspiel „Emilia Galotti“, das Lessing verfasst hat und das 1772 erstmals aufgeführt wurde, wohnt die Familie Galotti in dem kleinen Fürstentum des Prinzen Hettore Gonzaga. Nach dem Willen ihres Vaters Odoardo soll Emilia den Grafen Appiani heiraten. Der Prinz hat jedoch Interesse an Emilia gefunden und will sie verführen, um sie zu seiner Mätresse zu machen. Zu diesem Zweck tritt er an sie heran, als sie vor der Hochzeit mit Appiani die Kirche besucht, und Emilia läuft daraufhin nach Hause. Mit ihrer Ankunft dort hat sie ihren ersten Auftritt im Drama (II.6).

Gotthold Ephraim Lessing

EMILIA GALOTTI

ZWEITER AUFZUG, SECHSTER AUFTRITT (Auszug)

EMILIA und CLAUDIA GALOTTI.

EMILIA stürzet in einer ängstlichen Verwirrung herein: Wohl mir! wohl mir! Nun bin ich in

Sicherheit. Oder ist er mir gar gefolgt? Indem sie den Schleier zurückwirft und ihre Mutter

erblicket. Ist er, meine Mutter? ist er? – Nein, dem Himmel sei Dank!

CLAUDIA: Was ist dir, meine Tochter? was ist dir?

5 EMILIA: Nichts, nichts –

CLAUDIA: Und blickest so wild um dich? Und zitterst an jedem Gliede?

EMILIA: Was hab ich hören müssen? Und wo, wo hab ich es hören müssen?

CLAUDIA: Ich habe dich in der Kirche geglaubt –

EMILIA: Eben da! Was ist dem Laster Kirch und Altar? – Ah, meine Mutter! Sich ihr in die

10 Arme werfend.

CLAUDIA: Rede, meine Tochter! – Mach meiner Furcht ein Ende. – Was kann dir da, an heili-

ger Stätte, so Schlimmes begegnet sein?

EMILIA: Nie hätte meine Andacht inniger, brünstiger sein sollen als heute: nie ist sie weniger

gewesen, was sie sein sollte.

15 CLAUDIA: Wir sind Menschen, Emilia. Die Gabe zu beten ist nicht immer in unserer Gewalt.

Dem Himmel ist beten wollen, auch beten.

EMILIA: Und sündigen wollen, auch sündigen.

CLAUDIA: Das hat meine Emilia nicht wollen!

EMILIA: Nein, meine Mutter; so tief ließ mich die Gnade nicht sinken. – Aber daß fremdes

20 Laster uns, wider unsern Willen, zu Mitschuldigen machen kann!

CLAUDIA: Fasse dich! – Sammle deine Gedanken, soviel dir möglich. – Sag es mir mit eins,

was dir geschehen.

EMILIA: Eben hatt ich mich – weiter von dem Altare, als ich sonst pflege – denn ich kam zu

spät – auf meine Knie gelassen. Eben fing ich an, mein Herz zu erheben: als dicht hinter

25 mir etwas seinen Platz nahm. So dicht hinter mir! – Ich konnte weder vor, noch zur Seite

rücken – so gern ich auch wollte; aus Furcht, daß eines andern Andacht mich in meiner

stören möchte. – Andacht! das war das Schlimmste, was ich besorgte. – Aber es währte

nicht lange, so hört ich, ganz nah an meinem Ohre – nach einem tiefen Seufzer – nicht den

Namen einer Heiligen – den Namen – zürnen Sie nicht, meine Mutter – den Namen Ihrer

30 Tochter! – Meinen Namen! – O daß laute Donner mich verhindert hätten, mehr zu hören! –

Es sprach von Schönheit, von Liebe – Es klagte, daß dieser Tag, welcher mein Glück

mache – wenn er es anders mache – sein Unglück auf immer entscheide. – Es beschwor

mich – hören mußt ich dies alles. Aber ich blickte nicht um; ich wollte tun, als ob ich es

nicht hörte. – Was konnt ich sonst? – Meinen guten Engel bitten, mich mit Taubheit zu

35 schlagen; und wann auch, wann auch auf immer! – Das bat ich; das war das einzige, was

ich beten konnte. – Endlich ward es Zeit, mich wieder zu erheben. Das heilige Amt ging zu

Ende. Ich zitterte, mich umzukehren. Ich zitterte, ihn zu erblicken, der sich den Frevel

erlauben dürfen. Und da ich mich umwandte, da ich ihn erblickte –

CLAUDIA: Wen, meine Tochter?

40 EMILIA: Raten Sie, meine Mutter; raten Sie – Ich glaubte in die Erde zu sinken – Ihn selbst.

CLAUDIA: Wen, ihn selbst?

EMILIA: Den Prinzen.

CLAUDIA: Den Prinzen! – O gesegnet sei die Ungeduld deines Vaters, der eben hier war und

dich nicht erwarten wollte!

45 EMILIA: Mein Vater hier? – und wollte mich nicht erwarten?

CLAUDIA: Wenn du in deiner Verwirrung auch ihn das hättest hören lassen!

EMILIA: Nun, meine Mutter? – Was hätt er an mir Strafbares finden können?

CLAUDIA: Nichts; ebensowenig, als an mir. Und doch, doch – Ha, du kennst deinen Vater

nicht! In seinem Zorne hätt er den unschuldigen Gegenstand des Verbrechens mit dem

50 Verbrecher verwechselt. In seiner Wut hätt ich ihm geschienen, das veranlaßt zu haben,

was ich weder verhindern, noch vorhersehen können. – Aber weiter, meine Tochter, wei-

ter! Als du den Prinzen erkanntest – Ich will hoffen, daß du deiner mächtig genug warest,

ihm in einem Blicke alle die Verachtung zu bezeigen, die er verdienet.

EMILIA: Das war ich nicht, meine Mutter! Nach dem Blicke, mit dem ich ihn erkannte, hatt

55 ich nicht das Herz, einen zweiten auf ihn zu richten. Ich floh –

CLAUDIA: Und der Prinz dir nach –

EMILIA: Was ich nicht wußte, bis ich in der Halle mich bei der Hand ergriffen fühlte. Und von

ihm! Aus Scham mußt ich standhalten: mich von ihm loszuwinden, würde die Vorbeige-

henden zu aufmerksam auf uns gemacht haben. Das war die einzige Überlegung, deren ich

60 fähig war – oder deren ich nun mich wieder erinnere. Er sprach; und ich hab ihm geantwor-

tet. Aber was er sprach, was ich ihm geantwortet; – fällt mir es noch bei, so ist es gut, so

will ich es Ihnen sagen, meine Mutter. Itzt weiß ich von dem allen nichts. Meine Sinne

hatten mich verlassen. – Umsonst denk ich nach, wie ich von ihm weg, und aus der Halle

gekommen. Ich finde mich erst auf der Straße wieder; und höre ihn hinter mir herkommen;

65 und höre ihn mit mir zugleich in das Haus treten, mit mir die Treppe hinaufsteigen – –

CLAUDIA: Die Furcht hat ihren besondern Sinn, meine Tochter! – Ich werde es nie vergessen,

mit welcher Gebärde du hereinstürztest. – Nein, so weit durfte er nicht wagen, dir zu fol-

gen. – Gott! Gott! wenn dein Vater das wüßte! – Wie wild er schon war, als er nur hörte,

daß der Prinz dich jüngst nicht ohne Mißfallen gesehen! – Indes, sei ruhig, meine Tochter!

70 Nimm es für einen Traum, was dir begegnet ist. Auch wird es noch weniger Folgen haben,

als ein Traum. Du entgehest heute mit eins allen Nachstellungen.

Aufgabe 3 · Interpretation lyrischer Texte

Aufgabenstellung:

1.

Interpretieren Sie das abgedruckte Gedicht von Joseph von Eichendorff.

[42 Punkte]

2.

Vergleichen Sie das Gedicht von Joseph von Eichendorff mit „Ein Lied“ von Else Lasker-Schüler, wobei Sie besonders darauf achten, wie jeweils das Verhältnis von Ich und Welt gestaltet wird. Berücksichtigen Sie in Ihrem Vergleich sowohl inhaltliche als auch ausgewählte sprachliche und formale Aspekte.

[30 Punkte]

Materialgrundlage:

Joseph von Eichendorff (1819)

[Wie kühl schweift sich’s bei nächt’ger Stunde]

Wie kühl schweift sich’s bei nächt’ger Stunde,

Die Zitter treulich in der Hand!

Vom Hügel grüß ich in die Runde

Den Himmel und das stille Land.

5 Wie ist da alles so verwandelt,

Wo ich so fröhlich war, im Tal.

Im Wald wie still! der Mond nur wandelt

Nun durch den hohen Buchensaal.

Der Winzer Jauchzen ist verklungen

10 Und all der bunte Lebenslauf,

Die Ströme nur, im Tal geschlungen,

Sie blicken manchmal silbern auf.

Und Nachtigallen wie aus Träumen

Erwachen oft mit süßem Schall,

15 Erinnernd rührt sich in den Bäumen

Ein heimlich Flüstern überall. –

Die Freude kann nicht gleich verklingen,

Und von des Tages Glanz und Lust

Ist so auch mir ein heimlich Singen

20 Geblieben in der tiefsten Brust.

Und fröhlich greif ich in die Saiten,

O Mädchen jenseits über’m Fluß,

Du lauschest wohl und hörst’s von weiten

Und kennst den Sänger an dem Gruß!

Anmerkungen zum Autor: Der einer katholischen Adelsfamilie entstammende Joseph von Eichendorff (1788 – 1857) war ein bedeutender Autor der deutschen Romantik.

1 Das Gedicht ist als zweites Gedicht in den drei Gedichte umfassenden Zyklus „Liebe in der Fremde“ aufgenommen. Es stammt ursprünglich aus der Erzählung „Das Marmorbild“ aus dem Jahr 1819.

2 Zitter: Saiteninstrument

Else Lasker-Schüler

Ein Lied (1917)

Hinter meinen Augen stehen Wasser,

Die muß ich alle weinen.

Immer möcht ich auffliegen,

Mit den Zugvögeln fort;

5 Buntatmen mit den Winden

In der großen Luft.

O ich bin so traurig – – – –

Das Gesicht im Mond weiß es.

Drum ist viel samtne Andacht

10 Und nahender Frühmorgen um mich.

Als an deinem steinernen Herzen

Meine Flügel brachen,

Fielen die Amseln wie Trauerrosen

Hoch vom blauen Gebüsch.

15 Alles verhaltene Gezwitscher

Will wieder jubeln,

Und ich möchte auffliegen

Mit den Zugvögeln fort.

Anmerkungen zur Autorin: Else Lasker-Schüler (1869 – 1945) war eine bedeutende deutsche expressionistische Dichterin.

1.

2.

Aufgabe 4 · Materialgestütztes Verfassen von Texten

Auf der Homepage Ihrer Schule erscheint monatlich ein neuer, inhaltlich anspruchsvoller und zum Nachdenken anregender Beitrag, den Lernende im Rahmen ihres Unterrichts erstellt haben. Die Beiträge sollen für Interessierte aus der Schulgemeinde auch ohne Vorkenntnisse nachvollziehbar und anregend sein. Nach einer Unterrichtsreihe zu Arno Geigers Roman „Unter der Drachenwand" sollen Sie einen schriftlichen Beitrag einreichen.

Verfassen Sie einen argumentativen Beitrag für die Schulhomepage, in dem Sie abwägend Stellung dazu nehmen, ob es für Schülerinnen und Schüler lohnend ist, sich die Zeit des Nationalsozialismus anhand von Arno Geigers Roman „Unter der Drachenwand" mit seinem Spannungsverhältnis von Fiktionalität und Authentizität zu erschließen.

Greifen Sie dafür auf die nachstehenden Materialien 1 bis 6 zurück und ziehen Sie zudem Unterrichtswissen und eigene Erfahrungen heran.

Formulieren Sie dazu eine passende Überschrift.

Wenn Sie auf die Materialien verweisen, nennen Sie den Namen der Autorin bzw. des Autors und gegebenenfalls den Titel.

Der Beitrag soll ungefähr 1 000 Wörter lang sein.

Materialgrundlage

Material 1 – Andrea Gerk: „Jede Figur hat das Recht auf Atem und Pulsschlag". Interview mit Arno Geiger. In: Deutschlandfunk, 05.01.2018

Andrea Gerk: Ich musste, als ich Ihren Roman las, dran denken, dass ja auch Kollegen von Ihnen sich in den letzten Jahren mit dieser Zeit, mit der Kriegserfahrung ihrer Eltern- oder Großelterngeneration auseinandergesetzt haben. Was hat Sie denn in diese Zeit hineingezogen?

Geiger: Gut, wir sind eigentlich alle kraft unserer Geburt verdrahtet mit dieser Zeit. Also ich bin Jahrgang 68 und klar ist das immer präsent [...]. Das ist auch Teil unserer Geschichte, unserer biografischen Tiefe, aber gleichzeitig bin ich nicht involviert, bin nicht wirklich betroffen. Ich hatte vor vielen, vielen Jahren so einen Zufallsfund, die Korrespondenz eines Lagers, Kinderlandverschickung, Schwarzindien am Mondsee – die Kinderbriefe, Elternbriefe, Behördenbriefe –, und das hat alles in Gang gesetzt, also ein Zufall. Das ist mir zugefallen, und die Qualität eines Stoffes bemisst sich vielleicht daran, wie sehr etwas in Gang setzt, emotional vor allem – gedanklich, aber auch die Vorstellungskraft. [...]

Gerk: Jetzt ist dieser Veit ja nicht der alleinige Erzähler des Romans, es gibt dann... nach etwas mehr als 50 Seiten ist plötzlich eine andere Stimme da, und das ist gar nicht direkt sofort erkennbar, sondern danach wechseln plötzlich die Erzähler, es gibt Briefe, die eingearbeitet sind. Hatten Sie die Erkenntnis, dass man so eine Zeit, die so kompliziert ist und so vielschichtig wie diese Figuren, die Sie da erzählen, das eben auch nur so multiperspektivisch erfassen kann?

Geiger: Ach, ich möchte immer ein dreidimensionales Bild von der Welt bekommen, und der Blick aus nur einem Fenster, den finde ich nicht so spannend wie der Blick aus sehr unterschiedlichen Fenstern. Und dann kommen so perspektivische Brechungen auch, manches relativiert das andere. [...]

Gerk: [...] [I]n einer kurzen Nachbemerkung am Ende des Romans finden sich noch biografische Angaben zu einigen der Romanfiguren. Gab es denn Vorbilder in der Realität für die Figuren?

Geiger: Ich würde es so sagen: Der Roman ist ein erfundenes Haus mit echten Türen und Fenstern, ja, teils, teils. Also ich hatte wie gesagt diese Korrespondenz des Lagers Schwarzindien, da war manches angedeutet, angelegt an Figuren, und es gibt Vorbilder, aber letztlich glaube ich, dass ich als Schriftsteller mir jeden Stoff immer aneignen muss – insofern als ich ihn mir neu erfinden muss. Aber ich finde, jede Romanfigur hat das Recht auf Atem und Pulsschlag und auf ein Leben, auch auf ein Leben danach.

Gerk: Aber ich nehme an, Sie haben schon viel mit historischen Dokumenten gearbeitet und viel recherchiert, oder? [...]

Geiger: Ja, ich hab das zehn Jahre vorbereitet, den Roman. [...] Aber das habe ich so lange mit mir herumgetragen und mich versucht anzunähern an das Konzept, an die Figuren, und habe eigentlich fast keine Sachbücher gelesen. Das interessiert mich nicht, wie das von heute aus gesehen wird, sondern ich wollte erzählen, was nur ein Roman erzählen kann, wie könnte sich das angefühlt haben im fünften, sechsten Kriegsjahr zu leben, also buchstäblich unter der Drachenwand, und habe O-Töne gelesen, Briefe, Tagebücher, Tausende Seiten. Das ist die Basis, das hat das Fundament geschaffen. Und dann tritt der Schriftsteller vor, und gelingen oder scheitern tut es dann dort, wo eigentlich nicht mehr recherchierbar ist, in diesem emotionalen Raum, den ich aufreiße. [...]

Material 2 – Dirk Knipphals: Wie allein kann man sein? In: Die Tageszeitung, 16.03.2018

Arno Geiger geht es um Empathie, aber nicht darum, eins zu eins ein historisches Bewusstsein zu rekonstruieren. Der Ich-Erzähler ist um einiges kunstvoller konstruiert, als man beim Lesen zunächst meint, und der Blick von der Gegenwart aus ist dezent, aber deutlich in die Sprache eingeschrieben. So gibt es Schrägstriche, die den Text strukturieren und wie ein leiser Verfremdungseffekt wirken. Statt vom „Führer" oder von Hitler liest man nur von „dem F." oder von „H.". Arno Geiger hat keine Nazisprache in das Buch übernommen, als wollte er ihr die Ehre nicht antun, es geht auch ohne.

Einmal ist von der harten „Kriegshaut" die Rede, Veit Kolbe erst verlieren muss. Arno Geiger schreibt ohne eine solche Kriegshaut. Manchmal stockt einem beim Lesen auch der Atem, so nah kommt man beim Lesen an die Figuren. Briefe, die authentisch sein könnten, aber doch literarisch entworfen sind, erweitern und akzentuieren Veit Kolbes Bericht. So gehören die Briefe, die der jüdische Zahntechniker Oskar Meyer auf seiner Flucht schreibt, zu den Glanzstücken dieses Buches. Von Frau und Sohn wird er getrennt. Immer ausweglos wird seine Lage. Ganz allein ist er schließlich. Und es ist ein Kunstwerk für sich, wie Arno Geiger der Sprache dieser Briefe allmählich die Hoffnung entzieht, bis nur noch ein stumpfes Grau übrigbleibt.

In einem harten Kontrast wird gleich im nächsten Kapitel durch eine andere Briefschreiberin von der Bombardierung Darmstadts berichtet, ohne dass hier irgend etwas relativiert oder gegeneinander aufgerechnet würde. Wann Arno Geiger solche harten Schnitte setzt und wann er die Tage verschleift, um die nicht aufhörende Angst, aber auch die genauso hartnäckige Sehnsucht nach Normalität auszudrücken, das spricht für ein hohes Formsensorium und Sprachsensibilität. [...]

„Unter der Drachenwand" ist ein Roman über die Macht, die Abwesende haben können, und über menschliche Verhaltensweisen und psychische Überlebenstechniken in schrecklichen Zeiten. Und es ist ein Buch, das glaubwürdig behauptet, dass man literarisch über die Zeiten und die geänderten Umstände hinweg mit den Schicksalen der Menschen verbunden sein kann. Genau deshalb ist es nicht nur ein historischer Roman, sondern auch einer über die Gegenwart. Man kann auch Folgendes sagen: Gegen dieses Buch sehen viele andere Bücher zurzeit ausgedacht und gewollt aus.

Material 3 – Jochen Vogt: Fiktion. In: Universität Duisburg-Essen: Einladung zur Literaturwissenschaft. Vertiefungsprogramm zum gleichnamigen Buch. 2009

Eine Fiktion ist eine Aussage bzw. Darstellung eines Sachverhalts oder Geschehens ohne überprüfbare Referenz (Wirklichkeitsbezug), die demnach weder „wahr" noch „falsch" genannt werden kann. Die literarische Fiktion im besonderen stellt, in Anlehnung an eine Formulierung Kants, „gedichtete und zugleich dabei für möglich angenommene Gegenstände" [...] vor und grenzt sich damit [...] von der Wirklichkeitsaussage, insbesondere vom historischen Bericht ab. Geschichtsschreiber und Dichter unterscheiden sich bereits nach Aristoteles, „dadurch, daß eine das wirklich Geschehene mitteilt, der andere, was geschehen könnte." [...] In dieser Nachahmung oder Darstellung (mimesis) des Möglichen sieht Aristoteles sogar die Überlegenheit der dichterischen Fiktion, im Sinne höherer Allgemeinheit, über die aus fakitisch Besondere gebundene Geschichtsschreibung begründet. Damit widerspricht er der [...] Abwertung der Dichtung als „Lüge" und sichert ihr einen Eigenwert, den der abendländische Literaturbegriff bis heute prägt: Literatur ist immer Erfindung. [...] Wer eine Erzählung ‚wahr' nennt, beleidigt Kunst und Wahrheit zugleich. (Vladimir Nabokov)

Die angemessene Rezeption fiktionaler Texte setzt voraus, daß aufgrund einer unausgesprochenen ‚Übereinkunft' eines ‚Paktes' zwischen Autor und Leser der Anspruch auf Verifizierbarkeit, den wir sonst an informative Texte richten, „suspendiert" wird. Die suspension of disbelief, von der bereits der englische Romantiker S. T. Coleridge sprach, realisiert sich in einer spezifischen Situation oder Institution (z. B. im Theater, wo Schauspieler ein Geschehen fingieren, das wir nicht als historische Behauptung verstehen, auch wenn die Hauptfigur Wallenstein oder Julius Cäsar heißt). Oder sie wird, insbesondere bei der Lektüre von Erzähltexten, durch Kontextangaben hervorgerufen, vor allem durch die gattungspoetische Deklaration als „Roman", „Novelle" u. ä. Dies gilt auch für die – sehr zahlreichen – Fälle, wo Daten, Personen, Geschehnisse einer Erzählung oder eines Dramas der historischen Realität entlehnt sind. Zuschauer oder Leser beziehen einen Romanschauplatz namens Wallenstein oder den Romanschauplatz Lübeck nicht – oder doch nur in einem sehr indirekten Sinn – auf die historisch-empirische Realität. Sie akzeptieren, daß eine Bühnenfigur mit historisch verbürgtem Namen sich anders verhält als der historische Träger dieses Namens – oder auch, daß sich fiktive Personen namens Buddenbrook an historisch authentischen, heute noch auffindbaren Schauplätzen bewegen. Bestimmend bleibt auch in solchen Fällen die rezeptionslenkende Deklaration als fiktionaler Text [...]

Das Bewußtsein vom Eigenwert der Fiktion, das stets die Frage nach der besonderen Erkenntnisqualität oder Wirkungsmacht der künstlerischen Imagination berührt, ist historisch gewachsen und wandelbar. [...]

Material 4 – Dirk Rupnow: Fakten und Fiktionen. Der Holocaust zwischen Geschichtswissenschaft und Literatur. In: Lernen aus der Geschichte, 29.04.2015

Wie ist es aber in dieser Phase einschneidender und entscheidender Veränderungen der Holocaust-Wahrnehmung und -Erinnerung mit dem Verhältnis von Literatur und Zeitgeschichte bestellt? Die Geschichtswissenschaft besitzt keineswegs mehr die alleinige oder auch nur vorrangige Darstellungs- und Deutungshoheit für die historischen Ereignisse. Der Stimme der Zeitzeugen, die ihre Autorität aus eigener Erfahrung beziehen, wird in der Öffentlichkeit derzeit fraglos Vorrang vor der Stimme der professionellen, aber nachgeborenen Zeithistoriker/innen gegeben – dabei könnten umgekehrt gerade die Involviertheit in die Geschichte und der zeitliche Abstand persönliche Erinnerungen fragwürdig erscheinen lassen. [...]

Gerade die Populärkultur wird man wohl als Motor der Globalisierung des Holocaust ansehen können, keinesfalls aber die klassische Zeitgeschichtsforschung, die die Aufarbeitung der NS-Verbrechen nach dem Zweiten Weltkrieg als einen moralischen Auftrag zur Aufklärung angenommen hatte, nicht ohne zugleich fleißig an der Konstruktion der jeweiligen Opfer- und Widerstandsmythen mitzuarbeiten. Vor allem visuelle Medien wie Fotografie und Film spielen hierbei eine wichtige Rolle [...]. Das Thema ist omnipräsent – auf den Bildschirmen, Leinwänden und natürlich auch auf den Büchertischen. [...] Insofern ist [...] der Analyse des amerikanischen Historikers Yosef Hayim Yerushalmis (1932 – 2009) zuzustimmen: „Der Holocaust hat bereits mehr historische Forschungstätigkeit ausgelöst als jedes andere Ereignis der jüdischen Geschichte, doch für mich steht außer Zweifel, daß sein Bild nicht am Amboß des Historikers, sondern im Schmelztiegel des Romanciers geformt wird." Allerdings scheinen zunehmend die Grenzen der Genres und Formen zu verschwimmen und damit auch die durchaus unterschiedlichen, teilweise sogar gegenläufigen Funktionen der Auseinandersetzung mit Vergangenheit vermischt zu werden – Geschichte und Gedächtnis, Aufklärung und Gedenken, Wissenschaft und Literatur: Dokumentationen und Rekonstruktionen sind durchsetzt mit Interviews und Spielszenen, neben den Erinnerungen von Zeitzeugen (Opfern und Tätern) gibt es immer mehr Berichte und Recherchen von Kindern und Enkeln der Zeitzeugen, Spielfilme versuchen dokumentarische Qualitäten entweder unmittelbar visuell vorzutäuschen [...] oder zumindest durch den Verweis auf minutiöse wissenschaftliche Forschungen herzustellen [...]. [...]

Material 5 – Jürgen Egyptien: Zur Klassifikation und gattungstheoretischen Bestimmung des Kriegsromans oder: Wie schreibt man über den Zweiten Weltkrieg? In: Ders. (Hrsg.): Erinnerung in Text und Bild. Zur Darstellbarkeit von Krieg und Holocaust im literarischen und filmischen Schaffen in Deutschland und Polen. Berlin: Akademie Verlag 2012, S. 43 f.

In Friedrich Schillers Rezension der Gedichte von Gottfried August Bürger findet sich die viel zitierte ästhetische Maxime, „ein Dichter nehme sich ja in acht, mitten im Schmerz den Schmerz zu besingen". Schiller macht damit auf eine grundlegende Differenz zwischen literarischem Text und Erfahrung aufmerksam. Es ist eine Differenz, die sich unter den Bedingungen der Kriegserfahrung potenziert. Ich zitiere dazu ein Zeugnis des Essayisten Albrecht Fabri, das diese Bedingungen unmittelbar reflektiert:

In der Hauptsache beschreibt, wer vom Krieg schreibt, Situationen, die gar nicht zulassen, daß sich ein Begriff bilde. Der Augenblick eines Granateinschlags unterbindet das Denken und damit die Erinnerung; unmöglich also, später zu sagen, was vorgegangen ist in diesem Augenblick. Man kann sagen nur, dass man ihn überlebt hat; alles andere ist nachträgliches Zurechtlegen. Alles ist von einem, der Zeit hat; der Erlebende aber war einer, der keine Zeit hatte. – Hyperbolisch: Kriegsbücher sind immer von einem, der nicht dabei war.

Fabri bezeichnet hier präzise die unaufhebbare Aporie, unter der alle Literatur über den Zweiten Weltkrieg steht. Fabri, der selbst sechs Jahre lang als Soldat in Frankreich und Russland war, fügt hinzu, dass er diese Reflexion bereits während des Krieges formuliert habe.

Dass Zeichen und Bezeichnetes, Sprache und Welt – jedenfalls wenn es um sinnliche Erfahrung, um ein Materielles geht – zwei verschiedenen Sphären angehören, ist eine Banalität. Dennoch ist es gleichwohl eben diese Differenz, aus der Literatur erwächst und an der sich die Literatur seit je abarbeitet. Für diejenige Literatur, die sich vom Stofflichen her die Gestaltung menschlicher Grenzerfahrungen vornimmt, verschärft sich diese Differenz nachhaltig.

Gerade da, wo die (eigene) Erfahrung eine Intensität gewonnen hat, die sich bei schöpferischen Individuen in einem gesteigerten Ausdruckszwang niederschlägt, stellt sich das ästhetische Problem, für das zu Gestaltende eine angemessene Sprache zu finden, auf besondere Weise. [...]

Material 6 – Sascha Feuchert: Den Holocaust erzählen? Auch fiktional? Unbedingt! In: Lernen aus der Geschichte, 25.02.2015

Es ist eine alte, anscheinend oder manchmal auch nur scheinbar beendete Debatte, die hinter der Frage nach dem Erzählen des Holocaust aufscheint: Kann (und darf) man den Holocaust überhaupt erzählen? Oder muss nicht das Analysieren der Ereignisse, das historiographische Interpretieren das Ziel sein, um tatsächlich Aufklärung über das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte zu gewährleisten? Wir wissen heute: das eine ist ohne das andere nicht denkbar.

Aber das war nicht immer so: Es war das Auseinanderdriften von geschichtswissenschaftlicher Forschung und der sich seit den 1980ern immer stärker etablierenden „Kultur der Zeitzeugen", das dazu führte, dass beide Arten, den Holocaust zu verstehen und zu deuten, zunächst diametral gegenübergestellt wurden. Lange Zeit galten die Erinnerungen der Opfer dem wissenschaftlichen Zugriff als deutlich unterlegen, ihr Quellenwert wurde niedrig angesetzt, da das Narrativ des Einzelnen stets durch die Bedeutung der Ereignisse für die eigene Biographie überformt sei und die menschliche Erinnerung sich immer wieder als sehr unzuverlässig erweise. Doch die Debatte blieb dabei glücklicherweise nicht stehen: Hayden Whites fundamentale Einsichten in die erzählerische Konstruktion geschichtswissenschaftlicher Werke (1973) lösten Diskussionen aus, die lange nachwirkten. [...] Die nahezu alle geisteswissenschaftlichen Fächer erfassende Beschäftigung mit der menschlichen Erinnerung – ihren Möglichkeiten, ihren Grenzen, ihrer Bedeutung – tat ein Übriges: Der schroffe Gegensatz und aus dem oder wurde ein sowohl als auch, vor allem auch in der Bildungsarbeit: Der Überlebende und sein Zeugnis dienten als „Verkleinerungsglas" (Ido Abram) der großen analytischen Erzählung, der Zeugenbericht erst machte das millionenfache Morden fassbarer, das Einzelschicksal des Opfers ermöglichte bei seinen Zuhörern und Lesern Empathie. [...]

Trotzdem gab es auch dabei eine Art Tabu, das von vielen Historikern und Zeitzeugen gleichermaßen und lange vertreten wurde: Die Fiktionalisierung des Holocaust, mithin seine „Literarisierung" wurde weitgehend abgelehnt. Bestenfalls wurden Romane, Novellen, Dramen etc. als Teile eines sekundären Diskurses angesehen, der nur wenig zum Verständnis der tatsächlichen Ereignisse beitragen kann. Schlimmstenfalls wurden Fiktionalisierungen in die Nähe von Geschichtsfälschungen gerückt. Die literarische Simulation galt nicht wenigen angesichts der realen Ereignisse zumindest als geschmacklos. Dabei ist dieses Argument selbst ahistorisch, denn in nicht wenigen Fällen haben Eingesperrte schon in den Gettos, aber auch manche Häftlinge in den KZs (wenn dies überhaupt möglich war) ebenso die Fiktionalisierung der eigenen Erlebnisse gewählt, um sich über deren Bedeutung klar zu werden. [...]

Der weit verbreitete Widerstand gegen die Fiktionalisierungen und Literarisierungen des Holocaust verkennt darüber hinaus die elementare Kraft der Literatur: Der Mensch ist, wie Graham Swift es einmal gesagt hat, das „geschichtenerzählende Tier". Wir sind geschichtenbedürftig, mithin auf Fiktion angewiesen, um als Menschen überhaupt existieren zu können. Die menschlichste Form des Erinnerns ist das literarische, fiktionalisierende Erzählen, die kreative Verwandlung von Geschichte in Geschichten. [...]

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