Abitur NRW Sozialwissenschaften 2021 · GK · Nachtermin

Abiturprüfung Sozialwissenschaften in Nordrhein-Westfalen 2021, GK · Nachtermin: 14 Aufgaben mit Lösungen. Mit automatischer Korrektur.

Themen der Prüfung: Wirtschaftspolitische Ziele, Konjunktur und Wohlstandsmessung · Wirtschaftspolitische Konzeptionen, Staatsverschuldung und Fiskalpolitik · Europäische Integration: Geschichte, Institutionen und Modelle · Soziale Ungleichheit und Sozialstruktur · Sozialstaat und soziale Sicherung · Globalisierung, internationaler Handel und Standort Deutschland · Internationale Friedens- und Sicherheitspolitik, Global Governance

Aufgabe NT 1 - Aufgabe 1 · Wirtschaftspolitische Konzeptionen, Staatsverschuldung und Fiskalpolitik

Thomas Fricke

Wenn Sozialklimbim die Wirtschaft rettet

[...]

Es gehört zu den Ritualen dieser Zeit: Immer, wenn die GroKo 1 mal wieder etwas für Rentner,

Mütter oder Kombinationen aus beidem beschließt, schwindet in den Chefetagen der deut-

schen Wirtschaft der Frohsinn. So wie diese Woche bei der Grundrente. Schon wieder nichts

für uns – kein Pralinchen für die Bosse. Keine Steuersenkung. Kein Abbau lästiger Regelun-

5 gen für den Kündigungsschutz oder so. Wie das unter früheren Kanzlern mal üblich war. Statt-

dessen wieder einmal „Wohltaten“ für die „Klientel“ verschüttgegangener Parteien.

Tenor: schlecht für die Wirtschaft. Also schlecht fürs Land. Der Wind blase den Unternehmen

ohnehin gerade mit „voller Wucht ins Gesicht“, befand diese Woche Arbeitgeberpräsident

Ingo Kramer. Das kann niemand wollen.

10 Das Kuriose daran könnte nur sein: Wenn in diesen Monaten die deutsche Wirtschaft von

einer Rezession (bisher) verschont blieb, wie das Statistikamt am Donnerstag mitteilte, scheint

das nach allen Künsten, die uns Adam Riese hinterlassen hat, daran zu liegen, dass die Kon-

sumenten in Deutschland schön weiter Geld ausgegeben und die Konjunktur damit gestützt

haben. Das wäre nicht der Fall gewesen, hätte es nicht dieses Jahr so viele Wohltaten für

15 Rentner, Mütter und andere gegeben.

[...]

Allein die Entlastungen, die es dieses und nächstes Jahr bei der Einkommensteuer gibt, sum-

mieren sich nach Schätzungen der führenden Konjunkturforschungsinstitute auf 7,5 Milliar-

den Euro – macht 7,5 Milliarden Euro mehr, die von den Leuten ausgegeben werden können.

20 Und das ja nicht auf dem Mond, sondern in Geschäften und Autohäusern, also der Wirtschaft.

Die Erhöhung des Kindergeldes – macht in der Summe zwei Milliarden mehr auf den Konten.

Die Mütterrente II allein dieses Jahr fast vier Milliarden Euro. Und so weiter.

Dazu kommen aus den Staatskassen fürs Volk deutlich mehr öffentliche Investitionen zur

Wiederbelebung der Bundeswehr, für die Neuausstattung kommunaler Infrastruktur oder

25 Anreize zum Kauf von E-Mobilen [...].

Nimmt man alles zusammen, was die GroKo da so eingeschenkt hat, ergibt das nach Schätzung

der Konjunkturexperten mehr als 20 Milliarden Euro, die allein dieses Jahr vom Fiskus 2 auf die

Konten der Leute im Land umgelenkt wurden. Womit wir beim Thema Rezession wären.

Diese 20 Milliarden entsprechen 0,6 Prozent der gesamten deutschen Wirtschaftsleistung 2019.

30 Was bei einem derzeit gerade noch erwarteten Anstieg dieser Wirtschaftsleistung um 0,5 Pro-

zent bedeutet, dass es dieses Jahr ohne diesen fiskalpolitischen Geschenkekorb mit Sicherheit

ein Minus gegeben hätte, eine Rezession eben.

Zumal aller Erfahrung nach dann nicht nur die 0,6 Prozent an Wirtschaftsleistung gefehlt hät-

ten, die dem Volk via GroKo zum Ausgeben zur Verfügung gestellt worden sind, sondern

35 auch all das, was so ein Stück Ausgabenfreude an Zweit- und Dritteffekten mit sich bringt.

Etwa dass dann der Händler, bei dem dank GroKo derzeit mehr eingekauft wird, auch mehr

Geld in den Kassen hat, um selber einkaufen zu gehen – oder jemanden zusätzlich noch ein-

zustellen, der auch wieder und so weiter.

Es spricht viel dafür, dass die „Wohltaten“ damit sogar eine viel größere Katastrophe verhin-

40 dert haben. Immerhin ist die deutsche Industrie, die viel mehr an der Nachfrage im Ausland

hängt, schon seit Mitte 2018 auf Talfahrt – und hat mit dem Entlassen auch schon angefangen.

In der Autobranche lag das Minus bei der Produktion teils sogar bei 20 Prozent. Das sind Ein-

brüche, die in (fiskalischen) Normalzeiten sehr wahrscheinlich längst Kettenreaktionen aus-

gelöst hätten – mit Massenentlassungen und Pleiten.

45 Dass es dazu bisher noch nicht gekommen ist, hat nach allem, was die Statistik hergibt, nicht

nur, aber ziemlich maßgeblich damit zu tun, dass es just im Jahr des beschleunigten Ab-

schwungs so viel Geld gibt, dass die Leute zusätzlich ausgeben können. Auch wenn das von

denen, die das beschlossen haben, als Konjunkturprogramm gar nicht gedacht war. Glück.

Wie die Institute in ihrem neuen Herbstgutachten errechneten, kommt das, was an Wirt-

50 schaftswachstum 2019 noch übrigbleibt, vollständig über den Konsum. Alles andere schrumpft

oder stagniert. „Konsum rettet Konjunktur“, titelten diese Woche die Ökonomen des Versi-

cherungskonzerns Allianz.

Das alles heißt jetzt nicht, dass die deutsche Wirtschaft keine Rezession mehr kriegen kann –

Unsinn. Oder dass es immer gut ist, einfach nur irgendwie Geld auszugeben. Es spricht viel

55 dafür, dass es weder wirtschaftlich, noch zur Behebung sozialer Not zwingend war, etwa die

Mütterrente so auszuweiten, wie das unter dem politischen Druck einer eher im Süden der

Republik aktiven Partei gemacht wurde.

Und es wäre auch gut, solche Finanzschübe sehr viel besser in einem Zukunftsplan abzustim-

men, statt sie mehr oder weniger ad hoc im Koalitionspoker entstehen zu lassen – und lieber

60 mehr Geld in ein solides Investitionsprogramm zu stecken, das dem Land künftigen Wohl-

stand sichert.

Absurd ist nur eben auch, so zu tun, als wären all diese GroKo-Beschlüsse per se immer

schlecht für die Ökonomie – sie können sogar vor Rezessionen schützen. Und als wäre jeder

Versuch, gesellschaftliche Schieflagen im Land zu beseitigen, ein Anschlag auf die Wirtschaft.

65 Wenn stimmt, dass ein Teil des gefährlichen Kriselns, das die liberalen Demokratien gerade

erleben, auch mit dem Gefühl vieler Leute zu tun hat, dass nicht immer die vom Fortschritt

profitieren, die das verdient haben – dann ist es vielleicht auch eine ziemlich gute Investition

in die Zukunft, dafür zu sorgen, dass Pflegeheime ordentlich ausgestattet sind, mehr für Leute

übrig bleibt, die Kinder haben – oder Studenten Geld zum Studieren bekommen, die das sonst

70 nicht könnten. Und nicht nur die Wirtschaft zu entlasten.

Da kann man auch mal Danke sagen.

1 GroKo: Große Koalition: (hier:) Koalition der Bundestagsfraktionen von SPD und CDU.

2 Fiskus: (hier:) Staatskasse

Zum Autor:

Thomas Fricke, geb. 1965, ist Wirtschaftsjournalist, Kolumnist und Autor. Seine Kolumne erscheint wöchentlich bei Spiegel Online.

1. a)

Analysieren Sie den Text hinsichtlich der Haltung des Autors und seiner Argumentation zur Rolle staatlicher Eingriffe für den Konjunkturverlauf zur Zeit der Veröffentlichung. (30 Punkte)

1. b)

Ordnen Sie die Haltung des Autors unter Heranziehung von zwei Textbezügen in die Bandbreite wirtschaftspolitischer Konzeptionen ein. (16 Punkte)

Aufgabe NT 1 - Aufgabe 2 · Sozialstaat und soziale Sicherung

Thomas Fricke

Wenn Sozialklimbim die Wirtschaft rettet

[...]

Es gehört zu den Ritualen dieser Zeit: Immer, wenn die GroKo 1 mal wieder etwas für Rentner,

Mütter oder Kombinationen aus beidem beschließt, schwindet in den Chefetagen der deut-

schen Wirtschaft der Frohsinn. So wie diese Woche bei der Grundrente. Schon wieder nichts

für uns – kein Pralinchen für die Bosse. Keine Steuersenkung. Kein Abbau lästiger Regelun-

5 gen für den Kündigungsschutz oder so. Wie das unter früheren Kanzlern mal üblich war. Statt-

dessen wieder einmal „Wohltaten“ für die „Klientel“ verschüttgegangener Parteien.

Tenor: schlecht für die Wirtschaft. Also schlecht fürs Land. Der Wind blase den Unternehmen

ohnehin gerade mit „voller Wucht ins Gesicht“, befand diese Woche Arbeitgeberpräsident

Ingo Kramer. Das kann niemand wollen.

10 Das Kuriose daran könnte nur sein: Wenn in diesen Monaten die deutsche Wirtschaft von

einer Rezession (bisher) verschont blieb, wie das Statistikamt am Donnerstag mitteilte, scheint

das nach allen Künsten, die uns Adam Riese hinterlassen hat, daran zu liegen, dass die Kon-

sumenten in Deutschland schön weiter Geld ausgegeben und die Konjunktur damit gestützt

haben. Das wäre nicht der Fall gewesen, hätte es nicht dieses Jahr so viele Wohltaten für

15 Rentner, Mütter und andere gegeben.

[...]

Allein die Entlastungen, die es dieses und nächstes Jahr bei der Einkommensteuer gibt, sum-

mieren sich nach Schätzungen der führenden Konjunkturforschungsinstitute auf 7,5 Milliar-

den Euro – macht 7,5 Milliarden Euro mehr, die von den Leuten ausgegeben werden können.

20 Und das ja nicht auf dem Mond, sondern in Geschäften und Autohäusern, also der Wirtschaft.

Die Erhöhung des Kindergeldes – macht in der Summe zwei Milliarden mehr auf den Konten.

Die Mütterrente II allein dieses Jahr fast vier Milliarden Euro. Und so weiter.

Dazu kommen aus den Staatskassen fürs Volk deutlich mehr öffentliche Investitionen zur

Wiederbelebung der Bundeswehr, für die Neuausstattung kommunaler Infrastruktur oder

25 Anreize zum Kauf von E-Mobilen [...].

Nimmt man alles zusammen, was die GroKo da so eingeschenkt hat, ergibt das nach Schätzung

der Konjunkturexperten mehr als 20 Milliarden Euro, die allein dieses Jahr vom Fiskus 2 auf die

Konten der Leute im Land umgelenkt wurden. Womit wir beim Thema Rezession wären.

Diese 20 Milliarden entsprechen 0,6 Prozent der gesamten deutschen Wirtschaftsleistung 2019.

30 Was bei einem derzeit gerade noch erwarteten Anstieg dieser Wirtschaftsleistung um 0,5 Pro-

zent bedeutet, dass es dieses Jahr ohne diesen fiskalpolitischen Geschenkekorb mit Sicherheit

ein Minus gegeben hätte, eine Rezession eben.

Zumal aller Erfahrung nach dann nicht nur die 0,6 Prozent an Wirtschaftsleistung gefehlt hät-

ten, die dem Volk via GroKo zum Ausgeben zur Verfügung gestellt worden sind, sondern

35 auch all das, was so ein Stück Ausgabenfreude an Zweit- und Dritteffekten mit sich bringt.

Etwa dass dann der Händler, bei dem dank GroKo derzeit mehr eingekauft wird, auch mehr

Geld in den Kassen hat, um selber einkaufen zu gehen – oder jemanden zusätzlich noch ein-

zustellen, der auch wieder und so weiter.

Es spricht viel dafür, dass die „Wohltaten“ damit sogar eine viel größere Katastrophe verhin-

40 dert haben. Immerhin ist die deutsche Industrie, die viel mehr an der Nachfrage im Ausland

hängt, schon seit Mitte 2018 auf Talfahrt – und hat mit dem Entlassen auch schon angefangen.

In der Autobranche lag das Minus bei der Produktion teils sogar bei 20 Prozent. Das sind Ein-

brüche, die in (fiskalischen) Normalzeiten sehr wahrscheinlich längst Kettenreaktionen aus-

gelöst hätten – mit Massenentlassungen und Pleiten.

45 Dass es dazu bisher noch nicht gekommen ist, hat nach allem, was die Statistik hergibt, nicht

nur, aber ziemlich maßgeblich damit zu tun, dass es just im Jahr des beschleunigten Ab-

schwungs so viel Geld gibt, dass die Leute zusätzlich ausgeben können. Auch wenn das von

denen, die das beschlossen haben, als Konjunkturprogramm gar nicht gedacht war. Glück.

Wie die Institute in ihrem neuen Herbstgutachten errechneten, kommt das, was an Wirt-

50 schaftswachstum 2019 noch übrigbleibt, vollständig über den Konsum. Alles andere schrumpft

oder stagniert. „Konsum rettet Konjunktur“, titelten diese Woche die Ökonomen des Versi-

cherungskonzerns Allianz.

Das alles heißt jetzt nicht, dass die deutsche Wirtschaft keine Rezession mehr kriegen kann –

Unsinn. Oder dass es immer gut ist, einfach nur irgendwie Geld auszugeben. Es spricht viel

55 dafür, dass es weder wirtschaftlich, noch zur Behebung sozialer Not zwingend war, etwa die

Mütterrente so auszuweiten, wie das unter dem politischen Druck einer eher im Süden der

Republik aktiven Partei gemacht wurde.

Und es wäre auch gut, solche Finanzschübe sehr viel besser in einem Zukunftsplan abzustim-

men, statt sie mehr oder weniger ad hoc im Koalitionspoker entstehen zu lassen – und lieber

60 mehr Geld in ein solides Investitionsprogramm zu stecken, das dem Land künftigen Wohl-

stand sichert.

Absurd ist nur eben auch, so zu tun, als wären all diese GroKo-Beschlüsse per se immer

schlecht für die Ökonomie – sie können sogar vor Rezessionen schützen. Und als wäre jeder

Versuch, gesellschaftliche Schieflagen im Land zu beseitigen, ein Anschlag auf die Wirtschaft.

65 Wenn stimmt, dass ein Teil des gefährlichen Kriselns, das die liberalen Demokratien gerade

erleben, auch mit dem Gefühl vieler Leute zu tun hat, dass nicht immer die vom Fortschritt

profitieren, die das verdient haben – dann ist es vielleicht auch eine ziemlich gute Investition

in die Zukunft, dafür zu sorgen, dass Pflegeheime ordentlich ausgestattet sind, mehr für Leute

übrig bleibt, die Kinder haben – oder Studenten Geld zum Studieren bekommen, die das sonst

70 nicht könnten. Und nicht nur die Wirtschaft zu entlasten.

Da kann man auch mal Danke sagen.

1 GroKo: Große Koalition: (hier:) Koalition der Bundestagsfraktionen von SPD und CDU.

2 Fiskus: (hier:) Staatskasse

Zum Autor:

Thomas Fricke, geb. 1965, ist Wirtschaftsjournalist, Kolumnist und Autor. Seine Kolumne erscheint wöchentlich bei Spiegel Online.

2. Stellen Sie dar, welche Ziele der deutsche Sozialstaat verfolgt und auf welchen zwei Wegen Sozialleistungen finanziert werden können. [24 Punkte]

Aufgabe NT 1 - Aufgabe 3 · Wirtschaftspolitische Konzeptionen, Staatsverschuldung und Fiskalpolitik

Thomas Fricke

Wenn Sozialklimbim die Wirtschaft rettet

[...]

Es gehört zu den Ritualen dieser Zeit: Immer, wenn die GroKo 1 mal wieder etwas für Rentner,

Mütter oder Kombinationen aus beidem beschließt, schwindet in den Chefetagen der deut-

schen Wirtschaft der Frohsinn. So wie diese Woche bei der Grundrente. Schon wieder nichts

für uns – kein Pralinchen für die Bosse. Keine Steuersenkung. Kein Abbau lästiger Regelun-

5 gen für den Kündigungsschutz oder so. Wie das unter früheren Kanzlern mal üblich war. Statt-

dessen wieder einmal „Wohltaten“ für die „Klientel“ verschüttgegangener Parteien.

Tenor: schlecht für die Wirtschaft. Also schlecht fürs Land. Der Wind blase den Unternehmen

ohnehin gerade mit „voller Wucht ins Gesicht“, befand diese Woche Arbeitgeberpräsident

Ingo Kramer. Das kann niemand wollen.

10 Das Kuriose daran könnte nur sein: Wenn in diesen Monaten die deutsche Wirtschaft von

einer Rezession (bisher) verschont blieb, wie das Statistikamt am Donnerstag mitteilte, scheint

das nach allen Künsten, die uns Adam Riese hinterlassen hat, daran zu liegen, dass die Kon-

sumenten in Deutschland schön weiter Geld ausgegeben und die Konjunktur damit gestützt

haben. Das wäre nicht der Fall gewesen, hätte es nicht dieses Jahr so viele Wohltaten für

15 Rentner, Mütter und andere gegeben.

[...]

Allein die Entlastungen, die es dieses und nächstes Jahr bei der Einkommensteuer gibt, sum-

mieren sich nach Schätzungen der führenden Konjunkturforschungsinstitute auf 7,5 Milliar-

den Euro – macht 7,5 Milliarden Euro mehr, die von den Leuten ausgegeben werden können.

20 Und das ja nicht auf dem Mond, sondern in Geschäften und Autohäusern, also der Wirtschaft.

Die Erhöhung des Kindergeldes – macht in der Summe zwei Milliarden mehr auf den Konten.

Die Mütterrente II allein dieses Jahr fast vier Milliarden Euro. Und so weiter.

Dazu kommen aus den Staatskassen fürs Volk deutlich mehr öffentliche Investitionen zur

Wiederbelebung der Bundeswehr, für die Neuausstattung kommunaler Infrastruktur oder

25 Anreize zum Kauf von E-Mobilen [...].

Nimmt man alles zusammen, was die GroKo da so eingeschenkt hat, ergibt das nach Schätzung

der Konjunkturexperten mehr als 20 Milliarden Euro, die allein dieses Jahr vom Fiskus 2 auf die

Konten der Leute im Land umgelenkt wurden. Womit wir beim Thema Rezession wären.

Diese 20 Milliarden entsprechen 0,6 Prozent der gesamten deutschen Wirtschaftsleistung 2019.

30 Was bei einem derzeit gerade noch erwarteten Anstieg dieser Wirtschaftsleistung um 0,5 Pro-

zent bedeutet, dass es dieses Jahr ohne diesen fiskalpolitischen Geschenkekorb mit Sicherheit

ein Minus gegeben hätte, eine Rezession eben.

Zumal aller Erfahrung nach dann nicht nur die 0,6 Prozent an Wirtschaftsleistung gefehlt hät-

ten, die dem Volk via GroKo zum Ausgeben zur Verfügung gestellt worden sind, sondern

35 auch all das, was so ein Stück Ausgabenfreude an Zweit- und Dritteffekten mit sich bringt.

Etwa dass dann der Händler, bei dem dank GroKo derzeit mehr eingekauft wird, auch mehr

Geld in den Kassen hat, um selber einkaufen zu gehen – oder jemanden zusätzlich noch ein-

zustellen, der auch wieder und so weiter.

Es spricht viel dafür, dass die „Wohltaten“ damit sogar eine viel größere Katastrophe verhin-

40 dert haben. Immerhin ist die deutsche Industrie, die viel mehr an der Nachfrage im Ausland

hängt, schon seit Mitte 2018 auf Talfahrt – und hat mit dem Entlassen auch schon angefangen.

In der Autobranche lag das Minus bei der Produktion teils sogar bei 20 Prozent. Das sind Ein-

brüche, die in (fiskalischen) Normalzeiten sehr wahrscheinlich längst Kettenreaktionen aus-

gelöst hätten – mit Massenentlassungen und Pleiten.

45 Dass es dazu bisher noch nicht gekommen ist, hat nach allem, was die Statistik hergibt, nicht

nur, aber ziemlich maßgeblich damit zu tun, dass es just im Jahr des beschleunigten Ab-

schwungs so viel Geld gibt, dass die Leute zusätzlich ausgeben können. Auch wenn das von

denen, die das beschlossen haben, als Konjunkturprogramm gar nicht gedacht war. Glück.

Wie die Institute in ihrem neuen Herbstgutachten errechneten, kommt das, was an Wirt-

50 schaftswachstum 2019 noch übrigbleibt, vollständig über den Konsum. Alles andere schrumpft

oder stagniert. „Konsum rettet Konjunktur“, titelten diese Woche die Ökonomen des Versi-

cherungskonzerns Allianz.

Das alles heißt jetzt nicht, dass die deutsche Wirtschaft keine Rezession mehr kriegen kann –

Unsinn. Oder dass es immer gut ist, einfach nur irgendwie Geld auszugeben. Es spricht viel

55 dafür, dass es weder wirtschaftlich, noch zur Behebung sozialer Not zwingend war, etwa die

Mütterrente so auszuweiten, wie das unter dem politischen Druck einer eher im Süden der

Republik aktiven Partei gemacht wurde.

Und es wäre auch gut, solche Finanzschübe sehr viel besser in einem Zukunftsplan abzustim-

men, statt sie mehr oder weniger ad hoc im Koalitionspoker entstehen zu lassen – und lieber

60 mehr Geld in ein solides Investitionsprogramm zu stecken, das dem Land künftigen Wohl-

stand sichert.

Absurd ist nur eben auch, so zu tun, als wären all diese GroKo-Beschlüsse per se immer

schlecht für die Ökonomie – sie können sogar vor Rezessionen schützen. Und als wäre jeder

Versuch, gesellschaftliche Schieflagen im Land zu beseitigen, ein Anschlag auf die Wirtschaft.

65 Wenn stimmt, dass ein Teil des gefährlichen Kriselns, das die liberalen Demokratien gerade

erleben, auch mit dem Gefühl vieler Leute zu tun hat, dass nicht immer die vom Fortschritt

profitieren, die das verdient haben – dann ist es vielleicht auch eine ziemlich gute Investition

in die Zukunft, dafür zu sorgen, dass Pflegeheime ordentlich ausgestattet sind, mehr für Leute

übrig bleibt, die Kinder haben – oder Studenten Geld zum Studieren bekommen, die das sonst

70 nicht könnten. Und nicht nur die Wirtschaft zu entlasten.

Da kann man auch mal Danke sagen.

1 GroKo: Große Koalition: (hier:) Koalition der Bundestagsfraktionen von SPD und CDU.

2 Fiskus: (hier:) Staatskasse

Zum Autor:

Thomas Fricke, geb. 1965, ist Wirtschaftsjournalist, Kolumnist und Autor. Seine Kolumne erscheint wöchentlich bei Spiegel Online.

Erörtern Sie unter Berücksichtigung der Haltung des Autors, ob staatliche Investitionen selbst in Krisenzeiten zum einen wirtschaftliche und zum anderen soziale Stabilität sichern können. (30 Punkte)

Aufgabe NT 2 - Aufgabe 1 · Europäische Integration: Geschichte, Institutionen und Modelle

Matthias Krupa

Vorsicht, doch bissig

[...] Wenn die Staats- und Regierungschefs der EU in diesen Tagen über den Wiederauf- bau nach der Corona-Krise beraten, geht es vordergründig um wirtschaftliche Fragen. Bis zu 750 Milliarden Euro will die EU unter den Mitgliedsländern verteilen, viel Geld, um Arbeits- losigkeit und Rezession, die die Pandemie verursacht hat, zu bekämpfen. Und doch ist die 5 Summe klein, gemessen an dem, was auf dem Spiel steht: Wie Europa aus dieser Krise her- auskommt und ob der Wiederaufbau gelingt, entscheidet darüber, welchen Platz die Union in der Welt einnehmen wird.

Aber dieser Platz bemisst sich nicht nur an Geld. Das Virus spitzt einen Trend zu, der sich ab- gezeichnet hat, seit Putin, Trump, Erdoğan oder Xi Jinping 1 immer öfter den Zusammenhalt 10 der Union testen, jeder auf seine Weise. Es gibt für diesen Trend verschiedene Worte. [...]

Macht, Souveränität, Geopolitik – die EU, dieser seltsame Club, ist dabei, sich von Grund auf zu verändern. Die Gemeinschaft, die gegründet wurde, um (West-)Europa Frieden und Wohl- stand zu bescheren, und als Wirtschaftsmacht reüssierte 2, galt bis vor Kurzem noch als Role- Model 3 für eine bessere, liberale Welt. Nun muss sie sich neu positionieren in einer Welt, die 15 autoritärer geworden ist. Die EU muss Härte lernen, und ausgerechnet die Pandemie könnte ihr dabei helfen.

Bereits in den vergangenen Jahren hat sich das Selbstverständnis der EU dramatisch verändert. An zwei Orten konnte man diese Veränderung besonders deutlich sehen: Kiew und Kastanies. In der ukrainischen Hauptstadt endete die naive Annahme, die EU habe keine Gegner mehr. 20 Und in dem griechischen Grenzort, am Übergang zur Türkei, zeigte die Union, wie sie klin- gen könnte, die Sprache der Macht.

In Kiew wollte die EU im Herbst 2013 ein Abkommen abschließen, das das Land im Osten eng an die Union binden sollte. [...] Doch sie hatte[ ] vernachlässigt, dass es noch weiter öst- lich ein noch größeres Land gibt, das mit dieser Annäherung ein Problem haben könnte. [...] 25 Im März 2014 annektierte Russland die Krim 4; und in der Ostukraine wird bis heute ein Krieg geführt, den Putin angefacht hat. In Brüssel wie in Berlin war man darauf nicht vorbereitet.

[...]

Die Ukraine sollte nicht der einzige Schauplatz bleiben, an dem andere der EU ihre Grenzen vorgeführt haben. [...]

Zuletzt hat der türkische Präsident Anfang März versucht, die EU zu testen [...], als einige 30 Tausend Flüchtlinge mit Unterstützung der türkischen Polizei versuchten, über die griechisch- türkische Grenze [...] in die EU zu gelangen. „Wir haben die Tore geöffnet“, erklärte Erdoğan und warf der EU vor, sein Land mit den Flüchtlingen aus Syrien alleinzulassen. Die EU rea- gierte prompt, allerdings nicht so, wie Erdoğan gehofft hatte. [...] Mit Tränengas und Gummi- 35 geschossen hinderten griechische Polizisten [die Flüchtlinge] daran, in die EU zu kommen.

Am 3. März reiste Ursula von der Leyen nach Kastanies, dem kleinen Grenzort auf der grie- chischen Seite. Statt Mitgefühl für die Flüchtlinge formulierte sie eine Warnung an Erdoğan: „Wer versucht, die Einheit Europas auf die Probe zu stellen, wird enttäuscht sein. Wir wer- den die Linie halten.“ [...]

40 Eine Kommissionspräsidentin, die spricht wie eine Oberbefehlshaberin, das war neu. In Brüs- sel hatte man entschieden, die Situation an der Grenze als geopolitische Herausforderung zu betrachten, weniger als humanitäre Frage. Demnach versuchte Erdoğan, die Flüchtlinge zu instrumentalisieren, um die EU zu erpressen. Deshalb musste die „Linie“ diesmal halten, die Grenze „verteidigt“ werden, und sei es mit Gummigeschossen. Die EU galt stets als sanfte 45 Macht, nun reagierte sie hart und entschieden. Selten hat sie so kühl und metallisch geklun- gen wie Ursula von der Leyen in Kastanies. Die Botschaft richtete sich nach innen wie nach außen: Die Union wollte sich auf keinen Fall erpressbar zeigen und verdeutlichen, dass sie selber bestimmt, wen sie hereinlässt.

Die EU hat keine Armee, nur eine sogenannte battle group, die ständig wechselt und noch nie 50 im Einsatz war. [...] In der Welt der starken und halbstarken Männer fehlt es nicht an Verach- tung für die Union. Andererseits – was helfen Panzer gegen eine Pandemie?

Die Schwächen der EU sind offensichtlich, ihre Stärken hingegen muss sie sich stets neu vor Augen führen. Auch ohne Großbritannien ist der Europäische Binnenmarkt der größte ein- heitliche Wirtschaftsraum der Welt. Mit mehr als 70 Ländern unterhält die Union Handels- 55 abkommen. Verbunden mit dem Binnenmarkt ist ein Regelwerk, das weit über Europa hin- aus Standards setzt: für den weltweiten Handel, den Wettbewerb, den Umweltschutz oder den Umgang mit digitalen Daten. [...]

Wer mit Europa Geschäfte machen will, muss sich an dessen Regeln halten. Anu Bradford, Professorin an der Columbia Law School, hat für diese Form der globalen Einflussnahme den 60 Begriff „ the Brussels effect “ geprägt. [...] Weder China noch die USA können diese Macht ignorieren – keine schlechte Voraussetzung in einer Zeit zunehmender Handelskonflikte.

Umgekehrt bedeutet dies für die EU, dass sie nur dann global bestehen kann, wenn sie wirt- schaftlich und technologisch stark bleibt. In der Corona-Krise hat deshalb die Erfahrung be- sonders geschmerzt, wie abhängig Europa geworden ist. Schutzmasken, Schutzkleidung, 65 Antibiotika, Penicillin – vieles, was medizinisch gebraucht wird, wird heute in Asien, vor allem in China produziert. Das gilt auch für andere Technologien. [...]

Die Corona-Krise hat für die EU nicht gut begonnen. Jedes Land reagierte für sich, der Streit um Schutzausrüstung und Atemmasken festigte das Bild einer uneinigen Union. [...] Der geplante Wiederaufbaufonds ist deshalb mehr als eine wirtschaftliche Notmaßnahme, er ist 70 ein Zeichen des europäischen Selbstbehauptungswillens. [...]

Überhaupt könnte es sich noch erweisen, dass die Corona-Krise die EU eher zusammenführt als spaltet. [...] Und der zuletzt viel gescholtene Multilateralismus Europas erscheint ange- sichts einer Pandemie, die keine Grenzen kennt, durchaus wieder attraktiv.

[...]

Zum Autor:

Matthias Krupa, geb. 1969, ist Journalist und Brüssel-Korrespondent für die Wochenzeitung Die Zeit.

1 Staats- und Regierungschefs von Russland, den USA, der Türkei und China zum Zeitpunkt der Veröffentlichung

2 reüssieren: erfolgreich sein

3 Role-Model: (hier:) Vorbild

4 Krim: Halbinsel im Schwarzen Meer

Aufgabenstellung

Thema: Ein neues Selbstverständnis der EU angesichts globaler Herausforderungen?

1. Stellen Sie dar, welche drei Stationen den europäischen Integrationsprozess nach dem Zweiten Weltkrieg geprägt haben.

[24 Punkte]

Aufgabe NT 2 - 2 a) Europäische Integration · Europäische Integration: Geschichte, Institutionen und Modelle

Matthias Krupa

Vorsicht, doch bissig

[...] Wenn die Staats- und Regierungschefs der EU in diesen Tagen über den Wiederauf- bau nach der Corona-Krise beraten, geht es vordergründig um wirtschaftliche Fragen. Bis zu 750 Milliarden Euro will die EU unter den Mitgliedsländern verteilen, viel Geld, um Arbeits- losigkeit und Rezession, die die Pandemie verursacht hat, zu bekämpfen. Und doch ist die 5 Summe klein, gemessen an dem, was auf dem Spiel steht: Wie Europa aus dieser Krise her- auskommt und ob der Wiederaufbau gelingt, entscheidet darüber, welchen Platz die Union in der Welt einnehmen wird.

Aber dieser Platz bemisst sich nicht nur an Geld. Das Virus spitzt einen Trend zu, der sich ab- gezeichnet hat, seit Putin, Trump, Erdoğan oder Xi Jinping 1 immer öfter den Zusammenhalt 10 der Union testen, jeder auf seine Weise. Es gibt für diesen Trend verschiedene Worte. [...]

Macht, Souveränität, Geopolitik – die EU, dieser seltsame Club, ist dabei, sich von Grund auf zu verändern. Die Gemeinschaft, die gegründet wurde, um (West-)Europa Frieden und Wohl- stand zu bescheren, und als Wirtschaftsmacht reüssierte 2, galt bis vor Kurzem noch als Role- Model 3 für eine bessere, liberale Welt. Nun muss sie sich neu positionieren in einer Welt, die 15 autoritärer geworden ist. Die EU muss Härte lernen, und ausgerechnet die Pandemie könnte ihr dabei helfen.

Bereits in den vergangenen Jahren hat sich das Selbstverständnis der EU dramatisch verändert. An zwei Orten konnte man diese Veränderung besonders deutlich sehen: Kiew und Kastanies. In der ukrainischen Hauptstadt endete die naive Annahme, die EU habe keine Gegner mehr. 20 Und in dem griechischen Grenzort, am Übergang zur Türkei, zeigte die Union, wie sie klin- gen könnte, die Sprache der Macht.

In Kiew wollte die EU im Herbst 2013 ein Abkommen abschließen, das das Land im Osten eng an die Union binden sollte. [...] Doch sie hatte[ ] vernachlässigt, dass es noch weiter öst- lich ein noch größeres Land gibt, das mit dieser Annäherung ein Problem haben könnte. [...] 25 Im März 2014 annektierte Russland die Krim 4; und in der Ostukraine wird bis heute ein Krieg geführt, den Putin angefacht hat. In Brüssel wie in Berlin war man darauf nicht vorbereitet.

[...]

Die Ukraine sollte nicht der einzige Schauplatz bleiben, an dem andere der EU ihre Grenzen vorgeführt haben. [...]

Zuletzt hat der türkische Präsident Anfang März versucht, die EU zu testen [...], als einige 30 Tausend Flüchtlinge mit Unterstützung der türkischen Polizei versuchten, über die griechisch- türkische Grenze [...] in die EU zu gelangen. „Wir haben die Tore geöffnet“, erklärte Erdoğan und warf der EU vor, sein Land mit den Flüchtlingen aus Syrien alleinzulassen. Die EU rea- gierte prompt, allerdings nicht so, wie Erdoğan gehofft hatte. [...] Mit Tränengas und Gummi- 35 geschossen hinderten griechische Polizisten [die Flüchtlinge] daran, in die EU zu kommen.

Am 3. März reiste Ursula von der Leyen nach Kastanies, dem kleinen Grenzort auf der grie- chischen Seite. Statt Mitgefühl für die Flüchtlinge formulierte sie eine Warnung an Erdoğan: „Wer versucht, die Einheit Europas auf die Probe zu stellen, wird enttäuscht sein. Wir wer- den die Linie halten.“ [...]

40 Eine Kommissionspräsidentin, die spricht wie eine Oberbefehlshaberin, das war neu. In Brüs- sel hatte man entschieden, die Situation an der Grenze als geopolitische Herausforderung zu betrachten, weniger als humanitäre Frage. Demnach versuchte Erdoğan, die Flüchtlinge zu instrumentalisieren, um die EU zu erpressen. Deshalb musste die „Linie“ diesmal halten, die Grenze „verteidigt“ werden, und sei es mit Gummigeschossen. Die EU galt stets als sanfte 45 Macht, nun reagierte sie hart und entschieden. Selten hat sie so kühl und metallisch geklun- gen wie Ursula von der Leyen in Kastanies. Die Botschaft richtete sich nach innen wie nach außen: Die Union wollte sich auf keinen Fall erpressbar zeigen und verdeutlichen, dass sie selber bestimmt, wen sie hereinlässt.

Die EU hat keine Armee, nur eine sogenannte battle group, die ständig wechselt und noch nie 50 im Einsatz war. [...] In der Welt der starken und halbstarken Männer fehlt es nicht an Verach- tung für die Union. Andererseits – was helfen Panzer gegen eine Pandemie?

Die Schwächen der EU sind offensichtlich, ihre Stärken hingegen muss sie sich stets neu vor Augen führen. Auch ohne Großbritannien ist der Europäische Binnenmarkt der größte ein- heitliche Wirtschaftsraum der Welt. Mit mehr als 70 Ländern unterhält die Union Handels- 55 abkommen. Verbunden mit dem Binnenmarkt ist ein Regelwerk, das weit über Europa hin- aus Standards setzt: für den weltweiten Handel, den Wettbewerb, den Umweltschutz oder den Umgang mit digitalen Daten. [...]

Wer mit Europa Geschäfte machen will, muss sich an dessen Regeln halten. Anu Bradford, Professorin an der Columbia Law School, hat für diese Form der globalen Einflussnahme den 60 Begriff „ the Brussels effect “ geprägt. [...] Weder China noch die USA können diese Macht ignorieren – keine schlechte Voraussetzung in einer Zeit zunehmender Handelskonflikte.

Umgekehrt bedeutet dies für die EU, dass sie nur dann global bestehen kann, wenn sie wirt- schaftlich und technologisch stark bleibt. In der Corona-Krise hat deshalb die Erfahrung be- sonders geschmerzt, wie abhängig Europa geworden ist. Schutzmasken, Schutzkleidung, 65 Antibiotika, Penicillin – vieles, was medizinisch gebraucht wird, wird heute in Asien, vor allem in China produziert. Das gilt auch für andere Technologien. [...]

Die Corona-Krise hat für die EU nicht gut begonnen. Jedes Land reagierte für sich, der Streit um Schutzausrüstung und Atemmasken festigte das Bild einer uneinigen Union. [...] Der geplante Wiederaufbaufonds ist deshalb mehr als eine wirtschaftliche Notmaßnahme, er ist 70 ein Zeichen des europäischen Selbstbehauptungswillens. [...]

Überhaupt könnte es sich noch erweisen, dass die Corona-Krise die EU eher zusammenführt als spaltet. [...] Und der zuletzt viel gescholtene Multilateralismus Europas erscheint ange- sichts einer Pandemie, die keine Grenzen kennt, durchaus wieder attraktiv.

[...]

Zum Autor:

Matthias Krupa, geb. 1969, ist Journalist und Brüssel-Korrespondent für die Wochenzeitung Die Zeit.

1 Staats- und Regierungschefs von Russland, den USA, der Türkei und China zum Zeitpunkt der Veröffentlichung

2 reüssieren: erfolgreich sein

3 Role-Model: (hier:) Vorbild

4 Krim: Halbinsel im Schwarzen Meer

2. a)

Analysieren Sie den Text unter dem Gesichtspunkt, welche Position der Autor zur Rolle der EU in der internationalen Politik vertritt und wie er diese argumentativ untermauert. (30 Punkte)

Aufgabe NT 2 - 2 b) Globalisierung · Globalisierung, internationaler Handel und Standort Deutschland

Matthias Krupa

Vorsicht, doch bissig

[...] Wenn die Staats- und Regierungschefs der EU in diesen Tagen über den Wiederauf- bau nach der Corona-Krise beraten, geht es vordergründig um wirtschaftliche Fragen. Bis zu 750 Milliarden Euro will die EU unter den Mitgliedsländern verteilen, viel Geld, um Arbeits- losigkeit und Rezession, die die Pandemie verursacht hat, zu bekämpfen. Und doch ist die 5 Summe klein, gemessen an dem, was auf dem Spiel steht: Wie Europa aus dieser Krise her- auskommt und ob der Wiederaufbau gelingt, entscheidet darüber, welchen Platz die Union in der Welt einnehmen wird.

Aber dieser Platz bemisst sich nicht nur an Geld. Das Virus spitzt einen Trend zu, der sich ab- gezeichnet hat, seit Putin, Trump, Erdoğan oder Xi Jinping 1 immer öfter den Zusammenhalt 10 der Union testen, jeder auf seine Weise. Es gibt für diesen Trend verschiedene Worte. [...]

Macht, Souveränität, Geopolitik – die EU, dieser seltsame Club, ist dabei, sich von Grund auf zu verändern. Die Gemeinschaft, die gegründet wurde, um (West-)Europa Frieden und Wohl- stand zu bescheren, und als Wirtschaftsmacht reüssierte 2, galt bis vor Kurzem noch als Role- Model 3 für eine bessere, liberale Welt. Nun muss sie sich neu positionieren in einer Welt, die 15 autoritärer geworden ist. Die EU muss Härte lernen, und ausgerechnet die Pandemie könnte ihr dabei helfen.

Bereits in den vergangenen Jahren hat sich das Selbstverständnis der EU dramatisch verändert. An zwei Orten konnte man diese Veränderung besonders deutlich sehen: Kiew und Kastanies. In der ukrainischen Hauptstadt endete die naive Annahme, die EU habe keine Gegner mehr. 20 Und in dem griechischen Grenzort, am Übergang zur Türkei, zeigte die Union, wie sie klin- gen könnte, die Sprache der Macht.

In Kiew wollte die EU im Herbst 2013 ein Abkommen abschließen, das das Land im Osten eng an die Union binden sollte. [...] Doch sie hatte[ ] vernachlässigt, dass es noch weiter öst- lich ein noch größeres Land gibt, das mit dieser Annäherung ein Problem haben könnte. [...] 25 Im März 2014 annektierte Russland die Krim 4; und in der Ostukraine wird bis heute ein Krieg geführt, den Putin angefacht hat. In Brüssel wie in Berlin war man darauf nicht vorbereitet.

[...]

Die Ukraine sollte nicht der einzige Schauplatz bleiben, an dem andere der EU ihre Grenzen vorgeführt haben. [...]

Zuletzt hat der türkische Präsident Anfang März versucht, die EU zu testen [...], als einige 30 Tausend Flüchtlinge mit Unterstützung der türkischen Polizei versuchten, über die griechisch- türkische Grenze [...] in die EU zu gelangen. „Wir haben die Tore geöffnet“, erklärte Erdoğan und warf der EU vor, sein Land mit den Flüchtlingen aus Syrien alleinzulassen. Die EU rea- gierte prompt, allerdings nicht so, wie Erdoğan gehofft hatte. [...] Mit Tränengas und Gummi- 35 geschossen hinderten griechische Polizisten [die Flüchtlinge] daran, in die EU zu kommen.

Am 3. März reiste Ursula von der Leyen nach Kastanies, dem kleinen Grenzort auf der grie- chischen Seite. Statt Mitgefühl für die Flüchtlinge formulierte sie eine Warnung an Erdoğan: „Wer versucht, die Einheit Europas auf die Probe zu stellen, wird enttäuscht sein. Wir wer- den die Linie halten.“ [...]

40 Eine Kommissionspräsidentin, die spricht wie eine Oberbefehlshaberin, das war neu. In Brüs- sel hatte man entschieden, die Situation an der Grenze als geopolitische Herausforderung zu betrachten, weniger als humanitäre Frage. Demnach versuchte Erdoğan, die Flüchtlinge zu instrumentalisieren, um die EU zu erpressen. Deshalb musste die „Linie“ diesmal halten, die Grenze „verteidigt“ werden, und sei es mit Gummigeschossen. Die EU galt stets als sanfte 45 Macht, nun reagierte sie hart und entschieden. Selten hat sie so kühl und metallisch geklun- gen wie Ursula von der Leyen in Kastanies. Die Botschaft richtete sich nach innen wie nach außen: Die Union wollte sich auf keinen Fall erpressbar zeigen und verdeutlichen, dass sie selber bestimmt, wen sie hereinlässt.

Die EU hat keine Armee, nur eine sogenannte battle group, die ständig wechselt und noch nie 50 im Einsatz war. [...] In der Welt der starken und halbstarken Männer fehlt es nicht an Verach- tung für die Union. Andererseits – was helfen Panzer gegen eine Pandemie?

Die Schwächen der EU sind offensichtlich, ihre Stärken hingegen muss sie sich stets neu vor Augen führen. Auch ohne Großbritannien ist der Europäische Binnenmarkt der größte ein- heitliche Wirtschaftsraum der Welt. Mit mehr als 70 Ländern unterhält die Union Handels- 55 abkommen. Verbunden mit dem Binnenmarkt ist ein Regelwerk, das weit über Europa hin- aus Standards setzt: für den weltweiten Handel, den Wettbewerb, den Umweltschutz oder den Umgang mit digitalen Daten. [...]

Wer mit Europa Geschäfte machen will, muss sich an dessen Regeln halten. Anu Bradford, Professorin an der Columbia Law School, hat für diese Form der globalen Einflussnahme den 60 Begriff „ the Brussels effect “ geprägt. [...] Weder China noch die USA können diese Macht ignorieren – keine schlechte Voraussetzung in einer Zeit zunehmender Handelskonflikte.

Umgekehrt bedeutet dies für die EU, dass sie nur dann global bestehen kann, wenn sie wirt- schaftlich und technologisch stark bleibt. In der Corona-Krise hat deshalb die Erfahrung be- sonders geschmerzt, wie abhängig Europa geworden ist. Schutzmasken, Schutzkleidung, 65 Antibiotika, Penicillin – vieles, was medizinisch gebraucht wird, wird heute in Asien, vor allem in China produziert. Das gilt auch für andere Technologien. [...]

Die Corona-Krise hat für die EU nicht gut begonnen. Jedes Land reagierte für sich, der Streit um Schutzausrüstung und Atemmasken festigte das Bild einer uneinigen Union. [...] Der geplante Wiederaufbaufonds ist deshalb mehr als eine wirtschaftliche Notmaßnahme, er ist 70 ein Zeichen des europäischen Selbstbehauptungswillens. [...]

Überhaupt könnte es sich noch erweisen, dass die Corona-Krise die EU eher zusammenführt als spaltet. [...] Und der zuletzt viel gescholtene Multilateralismus Europas erscheint ange- sichts einer Pandemie, die keine Grenzen kennt, durchaus wieder attraktiv.

[...]

Zum Autor:

Matthias Krupa, geb. 1969, ist Journalist und Brüssel-Korrespondent für die Wochenzeitung Die Zeit.

1 Staats- und Regierungschefs von Russland, den USA, der Türkei und China zum Zeitpunkt der Veröffentlichung

2 reüssieren: erfolgreich sein

3 Role-Model: (hier:) Vorbild

4 Krim: Halbinsel im Schwarzen Meer

2. b)

Erläutern Sie anhand zweier Stellen im Text, welche Bezüge zu den Folgen der Globalisierung erkennbar sind. (16 Punkte)

Aufgabe NT 2 - Aufgabe 3 · Internationale Friedens- und Sicherheitspolitik, Global Governance

Matthias Krupa

Vorsicht, doch bissig

[...] Wenn die Staats- und Regierungschefs der EU in diesen Tagen über den Wiederauf- bau nach der Corona-Krise beraten, geht es vordergründig um wirtschaftliche Fragen. Bis zu 750 Milliarden Euro will die EU unter den Mitgliedsländern verteilen, viel Geld, um Arbeits- losigkeit und Rezession, die die Pandemie verursacht hat, zu bekämpfen. Und doch ist die 5 Summe klein, gemessen an dem, was auf dem Spiel steht: Wie Europa aus dieser Krise her- auskommt und ob der Wiederaufbau gelingt, entscheidet darüber, welchen Platz die Union in der Welt einnehmen wird.

Aber dieser Platz bemisst sich nicht nur an Geld. Das Virus spitzt einen Trend zu, der sich ab- gezeichnet hat, seit Putin, Trump, Erdoğan oder Xi Jinping 1 immer öfter den Zusammenhalt 10 der Union testen, jeder auf seine Weise. Es gibt für diesen Trend verschiedene Worte. [...]

Macht, Souveränität, Geopolitik – die EU, dieser seltsame Club, ist dabei, sich von Grund auf zu verändern. Die Gemeinschaft, die gegründet wurde, um (West-)Europa Frieden und Wohl- stand zu bescheren, und als Wirtschaftsmacht reüssierte 2, galt bis vor Kurzem noch als Role- Model 3 für eine bessere, liberale Welt. Nun muss sie sich neu positionieren in einer Welt, die 15 autoritärer geworden ist. Die EU muss Härte lernen, und ausgerechnet die Pandemie könnte ihr dabei helfen.

Bereits in den vergangenen Jahren hat sich das Selbstverständnis der EU dramatisch verändert. An zwei Orten konnte man diese Veränderung besonders deutlich sehen: Kiew und Kastanies. In der ukrainischen Hauptstadt endete die naive Annahme, die EU habe keine Gegner mehr. 20 Und in dem griechischen Grenzort, am Übergang zur Türkei, zeigte die Union, wie sie klin- gen könnte, die Sprache der Macht.

In Kiew wollte die EU im Herbst 2013 ein Abkommen abschließen, das das Land im Osten eng an die Union binden sollte. [...] Doch sie hatte[ ] vernachlässigt, dass es noch weiter öst- lich ein noch größeres Land gibt, das mit dieser Annäherung ein Problem haben könnte. [...] 25 Im März 2014 annektierte Russland die Krim 4; und in der Ostukraine wird bis heute ein Krieg geführt, den Putin angefacht hat. In Brüssel wie in Berlin war man darauf nicht vorbereitet.

[...]

Die Ukraine sollte nicht der einzige Schauplatz bleiben, an dem andere der EU ihre Grenzen vorgeführt haben. [...]

Zuletzt hat der türkische Präsident Anfang März versucht, die EU zu testen [...], als einige 30 Tausend Flüchtlinge mit Unterstützung der türkischen Polizei versuchten, über die griechisch- türkische Grenze [...] in die EU zu gelangen. „Wir haben die Tore geöffnet“, erklärte Erdoğan und warf der EU vor, sein Land mit den Flüchtlingen aus Syrien alleinzulassen. Die EU rea- gierte prompt, allerdings nicht so, wie Erdoğan gehofft hatte. [...] Mit Tränengas und Gummi- 35 geschossen hinderten griechische Polizisten [die Flüchtlinge] daran, in die EU zu kommen.

Am 3. März reiste Ursula von der Leyen nach Kastanies, dem kleinen Grenzort auf der grie- chischen Seite. Statt Mitgefühl für die Flüchtlinge formulierte sie eine Warnung an Erdoğan: „Wer versucht, die Einheit Europas auf die Probe zu stellen, wird enttäuscht sein. Wir wer- den die Linie halten.“ [...]

40 Eine Kommissionspräsidentin, die spricht wie eine Oberbefehlshaberin, das war neu. In Brüs- sel hatte man entschieden, die Situation an der Grenze als geopolitische Herausforderung zu betrachten, weniger als humanitäre Frage. Demnach versuchte Erdoğan, die Flüchtlinge zu instrumentalisieren, um die EU zu erpressen. Deshalb musste die „Linie“ diesmal halten, die Grenze „verteidigt“ werden, und sei es mit Gummigeschossen. Die EU galt stets als sanfte 45 Macht, nun reagierte sie hart und entschieden. Selten hat sie so kühl und metallisch geklun- gen wie Ursula von der Leyen in Kastanies. Die Botschaft richtete sich nach innen wie nach außen: Die Union wollte sich auf keinen Fall erpressbar zeigen und verdeutlichen, dass sie selber bestimmt, wen sie hereinlässt.

Die EU hat keine Armee, nur eine sogenannte battle group, die ständig wechselt und noch nie 50 im Einsatz war. [...] In der Welt der starken und halbstarken Männer fehlt es nicht an Verach- tung für die Union. Andererseits – was helfen Panzer gegen eine Pandemie?

Die Schwächen der EU sind offensichtlich, ihre Stärken hingegen muss sie sich stets neu vor Augen führen. Auch ohne Großbritannien ist der Europäische Binnenmarkt der größte ein- heitliche Wirtschaftsraum der Welt. Mit mehr als 70 Ländern unterhält die Union Handels- 55 abkommen. Verbunden mit dem Binnenmarkt ist ein Regelwerk, das weit über Europa hin- aus Standards setzt: für den weltweiten Handel, den Wettbewerb, den Umweltschutz oder den Umgang mit digitalen Daten. [...]

Wer mit Europa Geschäfte machen will, muss sich an dessen Regeln halten. Anu Bradford, Professorin an der Columbia Law School, hat für diese Form der globalen Einflussnahme den 60 Begriff „ the Brussels effect “ geprägt. [...] Weder China noch die USA können diese Macht ignorieren – keine schlechte Voraussetzung in einer Zeit zunehmender Handelskonflikte.

Umgekehrt bedeutet dies für die EU, dass sie nur dann global bestehen kann, wenn sie wirt- schaftlich und technologisch stark bleibt. In der Corona-Krise hat deshalb die Erfahrung be- sonders geschmerzt, wie abhängig Europa geworden ist. Schutzmasken, Schutzkleidung, 65 Antibiotika, Penicillin – vieles, was medizinisch gebraucht wird, wird heute in Asien, vor allem in China produziert. Das gilt auch für andere Technologien. [...]

Die Corona-Krise hat für die EU nicht gut begonnen. Jedes Land reagierte für sich, der Streit um Schutzausrüstung und Atemmasken festigte das Bild einer uneinigen Union. [...] Der geplante Wiederaufbaufonds ist deshalb mehr als eine wirtschaftliche Notmaßnahme, er ist 70 ein Zeichen des europäischen Selbstbehauptungswillens. [...]

Überhaupt könnte es sich noch erweisen, dass die Corona-Krise die EU eher zusammenführt als spaltet. [...] Und der zuletzt viel gescholtene Multilateralismus Europas erscheint ange- sichts einer Pandemie, die keine Grenzen kennt, durchaus wieder attraktiv.

[...]

Zum Autor:

Matthias Krupa, geb. 1969, ist Journalist und Brüssel-Korrespondent für die Wochenzeitung Die Zeit.

1 Staats- und Regierungschefs von Russland, den USA, der Türkei und China zum Zeitpunkt der Veröffentlichung

2 reüssieren: erfolgreich sein

3 Role-Model: (hier:) Vorbild

4 Krim: Halbinsel im Schwarzen Meer

3.

Erörtern Sie unter deutschem und gesamteuropäischem Blickwinkel, ob die EU angesichts globaler Herausforderungen die vom Autor dargestellte Abkehr von ihrem Selbstbild als „sanfte[r] Macht“ (Z. 44 f.) weiter forcieren sollte. (30 Punkte)

Aufgabe NT 3 - Aufgabe 1 · Soziale Ungleichheit und Sozialstruktur

Thema: Computer für die Armen? – Homeschooling in Zeiten von Corona

M 1

Ralf Pauli

Folgen der Schulschließungen: Corona macht Bildung ungleicher

[...]

Die erste Schulwoche zu Hause ist rum. Und auch wenn die Erfahrungen der knapp 11 Millio-

nen Schüler:innen im Land beim Homeschooling stark auseinandergehen dürften, lässt sich

eines schon jetzt mit Bestimmtheit sagen: Das Coronavirus wird die deutsche Bildungsland-

schaft stärker prägen als alles, was Bund und Länder in den letzten Jahren in Sachen E-Lear-

5 ning beschlossen haben. Und das hat vor allem mit den Versäumnissen der Politik zu tun –

und einer unmöglichen Schulbürokratie.

[...]

Und doch: Plötzlich geht alles wegen Corona ganz schnell. Natürlich nicht mit einer unkom-

plizierten Auszahlung der Digitalpakt-Gelder 1 – dem haben die Länder vergangene Woche

10 schon eine Absage erteilt. Dafür aber mit dem digitalen Unterricht. Nach den Schulschließun-

gen haben sich die Anmeldezahlen bei Lernplattformen vervielfacht. Auf den Bildungsservern

der Republik finden sich plötzlich so viele digitale Lernangebote wie nie. Da gibt es E-Latein-

Programme, Erklärvideos auf YouTube und Links zum Schulfernsehen.

Und auch wenn viele Lehrer:innen schnell über zusätzliche Arbeit stöhnen – ein wunder Punkt

15 in den Lehrerzimmern –, sehr viele Lehrer:innen machen beim Experiment E-Learning mit.

Der Unterricht wird digitaler – und das ist leider ein Problem. Schon jetzt hängt der Bildungs-

erfolg in Deutschland stark von der sozialen Herkunft der Schüler:innen ab. Wer aus einer

armen Familie kommt, hat deutlich geringere Chancen, auf ein Gymnasium zu kommen. Und

noch geringere, es auf die Uni zu schaffen. Das E-Learning wird die soziale Ungleichheit aber

20 noch verstärken. Denn es gibt diesen Teufelskreislauf: Kinder, deren Eltern einen einfachen

Bildungsabschluss haben, sind besonders stark armutsgefährdet. Den sozialen Aufstieg schaf-

fen sie oft aber nicht, weil sie in diesem System früh ausgesiebt werden.

Wird der Unterricht jetzt digitaler, wird er noch exklusiver. Viele Familien haben zu Hause

weder Laptop noch Tablet, an denen ihre Kinder arbeiten könnten. Und die versprochenen

25 Bundesmilliarden, von denen die Schulen zum Beispiel Geräte für die ganze Klasse kaufen

könnten, sind – siehe oben – vielerorts noch nicht da oder dürfen nicht dafür verwendet wer-

den. Was zur Folge hat, dass nur diejenigen Schulen digital unterrichten können, deren Klien-

tel privilegiert ist, also – digital gesehen – genügend smarte Geräte sowie eine gute Internet-

verbindung hat. Und wer hat das? Richtig: wohlhabendere Familien mit eher akademischem

30 Background. Was also tun?

Zunächst: Die Schulen müssen einen größeren Spielraum bei ihren Budgets bekommen. Es

kann nicht angehen, dass die Maxime „Bring your own device“ 2 immer noch Familien als

soziale Unterschicht bloßstellt. Wer digitales Lernen möchte, muss auch die Lernmittel zur

Verfügung stellen – das ist bei Schulbüchern schließlich auch nicht anders. In Rheinland-Pfalz

35 etwa gibt es Modellschulen mit reinen iPad-Klassen – die Geräte müssen die Familien jedoch

selbst bezahlen.

Es sollte alle beschämen, wenn Schulleiter:innen oder Eltern immer erst einen Förderverein

gründen müssen, damit auch Jenny und Murat im Unterricht mitmachen können. Manche Bun-

desländer bieten einkommensschwachen Eltern an, die Schulbücher auszuleihen, statt selbst

40 zu bezahlen. Warum nicht auch bei Smartphones oder Tablets?

Zweitens: Alle Schulen im Land müssen von der IT-Infrastruktur auf denselben Stand ge-

bracht werden. Zu häufig sind digitale Modell- oder Pilotschulen 3 noch diejenigen, auf die die

privilegierten Kids gehen. Und drittens: Medienbildung muss endlich viel stärker im Studium

geübt werden. Vor Corona hat nur jede und jeder vierte Pädagog:in digitale Medien täglich

45 im Unterricht eingesetzt. Aber vielleicht hilft da – wie auch in der Schule – Corona mit, die

Entwicklung zu beschleunigen.

Denn auch die Universitäten werden nun digitaler. Zumindest haben viele Unis schon ange-

kündigt, ihre Vorlesungen künftig aufzunehmen oder live zu streamen. Wenn die Lehrer:in-

nen von morgen digitales Lernen dadurch als Normalität erfahren, dürfte sie das für E-Lear-

50 ning aufgeschlossener machen. Übrigens schließt sich da ein Kreis: Vor Jahren hoffte man,

dass gefilmte und frei ins Netz gestellte Kurse und Seminare die Bildung weniger exklusiv

machen würden. Mit Blick auf Deutschland muss man auch im Jahr 2020 davor warnen, dass

sie genau das Gegenteil bewirken.

Zum Autor:

Ralf Pauli, geb. 1982, ist ein Journalist. Er hat einen Arbeitsschwerpunkt im Bereich der Bildungsthemen und arbeitet für die „taz“.

1 DigitalPakt Schule: Förderprogramm des Bundes und der Länder zur Digitalisierung allgemeinbildender Schulen (Volumen: ca. 120.000 Euro pro Schule; Zeitraum: 2019–2024)

2 Bring your own device (BYOD): (hier:) Verwendung privat verfügbarer Endgeräte für schulische Zwecke

3 Pilotprojekt: Großversuch oder Demonstrationsprojekt zur Erprobung gesellschaftlich, wirtschaftlich und technisch risikobehafteter Entwicklungen

M 2

Zum Autor:

Thomas Plaßmann, geb. 1960, ist ein Karikaturist und Cartoonist. Er zeichnet und veröffentlicht nahezu täglich Karikaturen für Tageszeitungen sowie in Zeitschriften, Fachpublikationen und Büchern.

1. a)

Analysieren Sie den Text hinsichtlich der Haltung des Autors und seiner Argumentation zur Entwicklung sozialer Ungleichheit im Kontext der Corona-Krise. (30 Punkte)

1. b)

Interpretieren Sie die Karikatur M 2 hinsichtlich der Haltung des Karikaturisten zur Relevanz sozialer Ungleichheit und vergleichen Sie anschließend die Haltung des Autors von M 1 mit derjenigen des Karikaturisten. (16 Punkte)

Aufgabe NT 3 - Aufgabe 2 · Soziale Ungleichheit und Sozialstruktur

2. Beschreiben Sie, was unter dem Begriff „soziale Ungleichheit“ zu verstehen ist, und stellen Sie anschließend zwei Dimensionen sozialer Ungleichheit dar, indem Sie jeder einen passenden Indikator zuordnen.

Aufgabe NT 3 - Aufgabe 3 · Soziale Ungleichheit und Sozialstruktur

Thema: Computer für die Armen? – Homeschooling in Zeiten von Corona

M 1

Ralf Pauli

Folgen der Schulschließungen: Corona macht Bildung ungleicher

[...]

Die erste Schulwoche zu Hause ist rum. Und auch wenn die Erfahrungen der knapp 11 Millio-

nen Schüler:innen im Land beim Homeschooling stark auseinandergehen dürften, lässt sich

eines schon jetzt mit Bestimmtheit sagen: Das Coronavirus wird die deutsche Bildungsland-

schaft stärker prägen als alles, was Bund und Länder in den letzten Jahren in Sachen E-Lear-

5 ning beschlossen haben. Und das hat vor allem mit den Versäumnissen der Politik zu tun –

und einer unmöglichen Schulbürokratie.

[...]

Und doch: Plötzlich geht alles wegen Corona ganz schnell. Natürlich nicht mit einer unkom-

plizierten Auszahlung der Digitalpakt-Gelder 1 – dem haben die Länder vergangene Woche

10 schon eine Absage erteilt. Dafür aber mit dem digitalen Unterricht. Nach den Schulschließun-

gen haben sich die Anmeldezahlen bei Lernplattformen vervielfacht. Auf den Bildungsservern

der Republik finden sich plötzlich so viele digitale Lernangebote wie nie. Da gibt es E-Latein-

Programme, Erklärvideos auf YouTube und Links zum Schulfernsehen.

Und auch wenn viele Lehrer:innen schnell über zusätzliche Arbeit stöhnen – ein wunder Punkt

15 in den Lehrerzimmern –, sehr viele Lehrer:innen machen beim Experiment E-Learning mit.

Der Unterricht wird digitaler – und das ist leider ein Problem. Schon jetzt hängt der Bildungs-

erfolg in Deutschland stark von der sozialen Herkunft der Schüler:innen ab. Wer aus einer

armen Familie kommt, hat deutlich geringere Chancen, auf ein Gymnasium zu kommen. Und

noch geringere, es auf die Uni zu schaffen. Das E-Learning wird die soziale Ungleichheit aber

20 noch verstärken. Denn es gibt diesen Teufelskreislauf: Kinder, deren Eltern einen einfachen

Bildungsabschluss haben, sind besonders stark armutsgefährdet. Den sozialen Aufstieg schaf-

fen sie oft aber nicht, weil sie in diesem System früh ausgesiebt werden.

Wird der Unterricht jetzt digitaler, wird er noch exklusiver. Viele Familien haben zu Hause

weder Laptop noch Tablet, an denen ihre Kinder arbeiten könnten. Und die versprochenen

25 Bundesmilliarden, von denen die Schulen zum Beispiel Geräte für die ganze Klasse kaufen

könnten, sind – siehe oben – vielerorts noch nicht da oder dürfen nicht dafür verwendet wer-

den. Was zur Folge hat, dass nur diejenigen Schulen digital unterrichten können, deren Klien-

tel privilegiert ist, also – digital gesehen – genügend smarte Geräte sowie eine gute Internet-

verbindung hat. Und wer hat das? Richtig: wohlhabendere Familien mit eher akademischem

30 Background. Was also tun?

Zunächst: Die Schulen müssen einen größeren Spielraum bei ihren Budgets bekommen. Es

kann nicht angehen, dass die Maxime „Bring your own device“ 2 immer noch Familien als

soziale Unterschicht bloßstellt. Wer digitales Lernen möchte, muss auch die Lernmittel zur

Verfügung stellen – das ist bei Schulbüchern schließlich auch nicht anders. In Rheinland-Pfalz

35 etwa gibt es Modellschulen mit reinen iPad-Klassen – die Geräte müssen die Familien jedoch

selbst bezahlen.

Es sollte alle beschämen, wenn Schulleiter:innen oder Eltern immer erst einen Förderverein

gründen müssen, damit auch Jenny und Murat im Unterricht mitmachen können. Manche Bun-

desländer bieten einkommensschwachen Eltern an, die Schulbücher auszuleihen, statt selbst

40 zu bezahlen. Warum nicht auch bei Smartphones oder Tablets?

Zweitens: Alle Schulen im Land müssen von der IT-Infrastruktur auf denselben Stand ge-

bracht werden. Zu häufig sind digitale Modell- oder Pilotschulen 3 noch diejenigen, auf die die

privilegierten Kids gehen. Und drittens: Medienbildung muss endlich viel stärker im Studium

geübt werden. Vor Corona hat nur jede und jeder vierte Pädagog:in digitale Medien täglich

45 im Unterricht eingesetzt. Aber vielleicht hilft da – wie auch in der Schule – Corona mit, die

Entwicklung zu beschleunigen.

Denn auch die Universitäten werden nun digitaler. Zumindest haben viele Unis schon ange-

kündigt, ihre Vorlesungen künftig aufzunehmen oder live zu streamen. Wenn die Lehrer:in-

nen von morgen digitales Lernen dadurch als Normalität erfahren, dürfte sie das für E-Lear-

50 ning aufgeschlossener machen. Übrigens schließt sich da ein Kreis: Vor Jahren hoffte man,

dass gefilmte und frei ins Netz gestellte Kurse und Seminare die Bildung weniger exklusiv

machen würden. Mit Blick auf Deutschland muss man auch im Jahr 2020 davor warnen, dass

sie genau das Gegenteil bewirken.

Zum Autor:

Ralf Pauli, geb. 1982, ist ein Journalist. Er hat einen Arbeitsschwerpunkt im Bereich der Bildungsthemen und arbeitet für die „taz“.

1 DigitalPakt Schule: Förderprogramm des Bundes und der Länder zur Digitalisierung allgemeinbildender Schulen (Volumen: ca. 120.000 Euro pro Schule; Zeitraum: 2019–2024)

2 Bring your own device (BYOD): (hier:) Verwendung privat verfügbarer Endgeräte für schulische Zwecke

3 Pilotprojekt: Großversuch oder Demonstrationsprojekt zur Erprobung gesellschaftlich, wirtschaftlich und technisch risikobehafteter Entwicklungen

M 2

Zum Autor:

Thomas Plaßmann, geb. 1960, ist ein Karikaturist und Cartoonist. Er zeichnet und veröffentlicht nahezu täglich Karikaturen für Tageszeitungen sowie in Zeitschriften, Fachpublikationen und Büchern.

3. Erörtern Sie, indem Sie die Haltung des Autors berücksichtigen, jeweils unter sozialem und unter ökonomischem Blickwinkel, inwiefern es sinnvoll ist, einkommensschwache Familien in der Corona-Krise für das Homeschooling mit digitalen Endgeräten auszustatten. (30 Punkte)

a)

b)

c)

Aufgabe NT 4 - Aufgabe 1 · Globalisierung, internationaler Handel und Standort Deutschland

Clemens Fuest

Corona verändert die Globalisierung, aber beendet sie nicht

[...]

Die Coronakrise hat Schwächen der Globalisierung ans Licht befördert. Das Virus hat sich

durch Reisen von Geschäftsleuten und Touristen in kurzer Zeit weltweit verbreitet. Vielerorts

fehlte dringend benötigte medizinische Ausrüstung wie Masken, Schutzanzüge, Atemgeräte

und Medikamente, weil sie nicht mehr im eigenen Land produziert wurde. Während der Krise

5 wurde die Industrieproduktion gestört, weil grenzüberschreitende Lieferungen von Zwischen-

produkten ausfielen.

Außerdem hat die globale politische Zusammenarbeit schlecht funktioniert. Die US-Regierung

beansprucht Impfstoffe allein für die eigenen Bürger. In der EU wurden nationale Grenzen

geschlossen und Exportverbote für medizinische Güter verhängt, ohne Rücksicht auf den

10 Geist des europäischen Binnenmarkts und die Interessen anderer Mitgliedstaaten.

Bringt die Coronakrise deshalb das Ende der Globalisierung, wie wir sie kennen? Wohl kaum.

[...]

International agierende Unternehmen werden die Effizienzvorteile grenzüberschreitender

Lieferbeziehungen nicht opfern, aber sie werden künftig mehr Vorkehrungen gegen krisen-

15 bedingte Produktionsstörungen treffen.

[...] Um sich besser gegen Störungen abzusichern, werden Unternehmen beispielsweise Zu-

lieferer aus mehreren Ländern, deren Leistungen einander ersetzen können, in die Wertschöp-

fungsketten einbinden. Das würde die Globalisierung sogar vertiefen.

Unternehmen werden aber auch absehbare politische Veränderungen berücksichtigen. Sollte

20 die Neigung zu protektionistischer Politik, die sich in den vergangenen Jahren ausbreitete,

nach der Coronakrise zurückkehren oder sich sogar verschärfen, werden internationale Wert-

schöpfungsketten an Bedeutung verlieren. Die Folge wären steigende Kosten und sinkender

Wohlstand. Leider spricht einiges dafür, dass es so kommen könnte.

Verschiedene Politiker haben in den vergangenen Monaten verkündet, dass sie Abhängigkei-

25 ten vom Ausland reduzieren wollen – beispielsweise EU-Binnenmarktkommissar Thierry

Breton im Rahmen der EU-Industriestrategie.

Bei der Versorgung mit medizinischen Gütern kann die Abhängigkeit vom Ausland, vor allem

von einzelnen Lieferanten, in der Tat problematisch sein. [...]

Um die Versorgung mit medizinischen Gütern sicherzustellen, kann es sinnvoll sein, Produk-

30 tionskapazitäten im Inland oder in der EU anzusiedeln, ähnlich wie in militärischen und ande-

ren sicherheitsrelevanten Bereichen. Man sollte sich allerdings nicht allein auf die inländische

Produktion verlassen, denn bei Notfällen wie Naturkatastrophen kann diese auch leicht aus-

fallen. Eine internationale Diversifizierung 1 der Bezugsquellen ist die beste Absicherung.

Gibt es Gründe dafür, in anderen Sektoren der Wirtschaft eine Verkürzung von Wertschöp-

35 fungsketten und verringerte Abhängigkeit von ausländischen Lieferanten oder Kunden anzu-

streben? Gerade in Deutschland wird immer wieder gefordert, das Land müsse seine Export-

orientierung verringern, weil Krisen in anderen Ländern sich dadurch auf die heimische Volks-

wirtschaft übertragen.

Das Gegenargument ist: Der Außenhandel bildet eine wichtige Grundlage des Wohlstands.

40 Er ermöglicht es, Spezialisierungsvorteile und damit verbundene Effizienzgewinne zu nutzen.

Wenn diese Effizienzgewinne allerdings nur um den Preis höherer Unsicherheit und Anfäl-

ligkeit für Krisen erreichbar wären, könnte es sinnvoll sein, teilweise auf sie zu verzichten.

Dann wären höhere Produktionskosten in Kauf zu nehmen, um mehr Resilienz 2 der Volks-

wirtschaft zu erreichen. Diese Argumentation erscheint auf den ersten Blick plausibel. Tat-

45 sächlich trägt sie jedoch nicht, aus dem folgenden Grund.

Ob die Einbindung einer Volkswirtschaft in den internationalen Handel und die damit ver-

bundene Spezialisierung zu mehr oder weniger Risiken führt, hängt davon ab, ob Krisen eher

länder- oder sektorspezifisch sind. Es liegt auf der Hand, dass die Risiken der Spezialisierung

wachsen, wenn Schocks vor allem sektorspezifischer Natur sind. Wenn ein Land wie Deutsch-

50 land sich zum Beispiel auf die Produktion von Kraftfahrzeugen spezialisiert und die Nach-

frage nach Autos stark schwankt, erhöht diese Spezialisierung die Krisenanfälligkeit. Wenn

die Schocks dagegen länderspezifisch sind, dann reduzieren internationaler Handel und Spe-

zialisierung Risiken.

[...] Aktuelle Forschung zeigt, dass länderspezifische Schocks insgesamt deutlich häufiger

55 vorkommen als sektorspezifische. Störungsanfälligkeit abzubauen erfordert demnach mehr

Globalisierung, nicht weniger.

Wird die Politik es unterstützen, die Vorteile der Globalisierung auch künftig zu nutzen?

Leider spricht einiges dafür, dass die aggressive Handelspolitik der vergangenen Jahre sich

fortsetzen könnte. [...]

60 Weil sie die heimische Wirtschaft stützen und Arbeitsplätze sichern wollen, greifen Regie-

rungen gerne zur Diskriminierung ausländischer Produzenten. Das ist freilich kurzsichtig,

denn die Abschottung der eigenen Märkte löst bei den Handelspartnern Gegenreaktionen aus.

Daraus entsteht leicht ein Handelskrieg, wie er in den vergangenen Jahren zwischen den USA

und China zu beobachten war.

65 [...]

Die EU ist und bleibt ein enger Verbündeter der USA, hat aber kein Interesse, sich in diesen

Handelskonflikt hineinziehen zu lassen. Sie sollte sich dafür einsetzen, internationale Handels-

hemmnisse abzubauen. Dass globale politische Kooperation in der Coronakrise nicht über-

zeugend funktioniert hat, bedeutet nicht, dass sie nicht funktionieren kann, sondern dass sie

70 verbessert werden muss.

Zum Autor:

Clemens Fuest, geb. 1968, ist Professor für Volkswirtschaftslehre, Präsident des ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirates beim Bundesministerium der Finanzen.

1 Diversifizierung: (hier:) Ausweitung

2 Resilienz: Widerstandskraft

Thema: Globalisierung in Zeiten von Corona – Freihandel vor Protektionismus?

1. Stellen Sie jeweils zwei Ursachen, zwei Merkmale und zwei Indikatoren der ökonomischen Globalisierung dar. (24 Punkte)

Ursachen der ökonomischen Globalisierung

Merkmale der ökonomischen Globalisierung

Indikatoren der ökonomischen Globalisierung

Aufgabe NT 4 - 2 a) Globalisierung · Globalisierung, internationaler Handel und Standort Deutschland

Clemens Fuest

Corona verändert die Globalisierung, aber beendet sie nicht

[...]

Die Coronakrise hat Schwächen der Globalisierung ans Licht befördert. Das Virus hat sich

durch Reisen von Geschäftsleuten und Touristen in kurzer Zeit weltweit verbreitet. Vielerorts

fehlte dringend benötigte medizinische Ausrüstung wie Masken, Schutzanzüge, Atemgeräte

und Medikamente, weil sie nicht mehr im eigenen Land produziert wurde. Während der Krise

5 wurde die Industrieproduktion gestört, weil grenzüberschreitende Lieferungen von Zwischen-

produkten ausfielen.

Außerdem hat die globale politische Zusammenarbeit schlecht funktioniert. Die US-Regierung

beansprucht Impfstoffe allein für die eigenen Bürger. In der EU wurden nationale Grenzen

geschlossen und Exportverbote für medizinische Güter verhängt, ohne Rücksicht auf den

10 Geist des europäischen Binnenmarkts und die Interessen anderer Mitgliedstaaten.

Bringt die Coronakrise deshalb das Ende der Globalisierung, wie wir sie kennen? Wohl kaum.

[...]

International agierende Unternehmen werden die Effizienzvorteile grenzüberschreitender

Lieferbeziehungen nicht opfern, aber sie werden künftig mehr Vorkehrungen gegen krisen-

15 bedingte Produktionsstörungen treffen.

[...] Um sich besser gegen Störungen abzusichern, werden Unternehmen beispielsweise Zu-

lieferer aus mehreren Ländern, deren Leistungen einander ersetzen können, in die Wertschöp-

fungsketten einbinden. Das würde die Globalisierung sogar vertiefen.

Unternehmen werden aber auch absehbare politische Veränderungen berücksichtigen. Sollte

20 die Neigung zu protektionistischer Politik, die sich in den vergangenen Jahren ausbreitete,

nach der Coronakrise zurückkehren oder sich sogar verschärfen, werden internationale Wert-

schöpfungsketten an Bedeutung verlieren. Die Folge wären steigende Kosten und sinkender

Wohlstand. Leider spricht einiges dafür, dass es so kommen könnte.

Verschiedene Politiker haben in den vergangenen Monaten verkündet, dass sie Abhängigkei-

25 ten vom Ausland reduzieren wollen – beispielsweise EU-Binnenmarktkommissar Thierry

Breton im Rahmen der EU-Industriestrategie.

Bei der Versorgung mit medizinischen Gütern kann die Abhängigkeit vom Ausland, vor allem

von einzelnen Lieferanten, in der Tat problematisch sein. [...]

Um die Versorgung mit medizinischen Gütern sicherzustellen, kann es sinnvoll sein, Produk-

30 tionskapazitäten im Inland oder in der EU anzusiedeln, ähnlich wie in militärischen und ande-

ren sicherheitsrelevanten Bereichen. Man sollte sich allerdings nicht allein auf die inländische

Produktion verlassen, denn bei Notfällen wie Naturkatastrophen kann diese auch leicht aus-

fallen. Eine internationale Diversifizierung 1 der Bezugsquellen ist die beste Absicherung.

Gibt es Gründe dafür, in anderen Sektoren der Wirtschaft eine Verkürzung von Wertschöp-

35 fungsketten und verringerte Abhängigkeit von ausländischen Lieferanten oder Kunden anzu-

streben? Gerade in Deutschland wird immer wieder gefordert, das Land müsse seine Export-

orientierung verringern, weil Krisen in anderen Ländern sich dadurch auf die heimische Volks-

wirtschaft übertragen.

Das Gegenargument ist: Der Außenhandel bildet eine wichtige Grundlage des Wohlstands.

40 Er ermöglicht es, Spezialisierungsvorteile und damit verbundene Effizienzgewinne zu nutzen.

Wenn diese Effizienzgewinne allerdings nur um den Preis höherer Unsicherheit und Anfäl-

ligkeit für Krisen erreichbar wären, könnte es sinnvoll sein, teilweise auf sie zu verzichten.

Dann wären höhere Produktionskosten in Kauf zu nehmen, um mehr Resilienz 2 der Volks-

wirtschaft zu erreichen. Diese Argumentation erscheint auf den ersten Blick plausibel. Tat-

45 sächlich trägt sie jedoch nicht, aus dem folgenden Grund.

Ob die Einbindung einer Volkswirtschaft in den internationalen Handel und die damit ver-

bundene Spezialisierung zu mehr oder weniger Risiken führt, hängt davon ab, ob Krisen eher

länder- oder sektorspezifisch sind. Es liegt auf der Hand, dass die Risiken der Spezialisierung

wachsen, wenn Schocks vor allem sektorspezifischer Natur sind. Wenn ein Land wie Deutsch-

50 land sich zum Beispiel auf die Produktion von Kraftfahrzeugen spezialisiert und die Nach-

frage nach Autos stark schwankt, erhöht diese Spezialisierung die Krisenanfälligkeit. Wenn

die Schocks dagegen länderspezifisch sind, dann reduzieren internationaler Handel und Spe-

zialisierung Risiken.

[...] Aktuelle Forschung zeigt, dass länderspezifische Schocks insgesamt deutlich häufiger

55 vorkommen als sektorspezifische. Störungsanfälligkeit abzubauen erfordert demnach mehr

Globalisierung, nicht weniger.

Wird die Politik es unterstützen, die Vorteile der Globalisierung auch künftig zu nutzen?

Leider spricht einiges dafür, dass die aggressive Handelspolitik der vergangenen Jahre sich

fortsetzen könnte. [...]

60 Weil sie die heimische Wirtschaft stützen und Arbeitsplätze sichern wollen, greifen Regie-

rungen gerne zur Diskriminierung ausländischer Produzenten. Das ist freilich kurzsichtig,

denn die Abschottung der eigenen Märkte löst bei den Handelspartnern Gegenreaktionen aus.

Daraus entsteht leicht ein Handelskrieg, wie er in den vergangenen Jahren zwischen den USA

und China zu beobachten war.

65 [...]

Die EU ist und bleibt ein enger Verbündeter der USA, hat aber kein Interesse, sich in diesen

Handelskonflikt hineinziehen zu lassen. Sie sollte sich dafür einsetzen, internationale Handels-

hemmnisse abzubauen. Dass globale politische Kooperation in der Coronakrise nicht über-

zeugend funktioniert hat, bedeutet nicht, dass sie nicht funktionieren kann, sondern dass sie

70 verbessert werden muss.

Zum Autor:

Clemens Fuest, geb. 1968, ist Professor für Volkswirtschaftslehre, Präsident des ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirates beim Bundesministerium der Finanzen.

1 Diversifizierung: (hier:) Ausweitung

2 Resilienz: Widerstandskraft

2. a) Analysieren Sie den Text hinsichtlich der Haltung des Autors und seiner Argumentation darüber, wie sich die Corona-Krise auf die wirtschaftliche Globalisierung auswirkt. [30 Punkte]

Aufgabe NT 4 - 2 b) Wirtschaftspolitische Ziele · Wirtschaftspolitische Ziele, Konjunktur und Wohlstandsmessung

Clemens Fuest

Corona verändert die Globalisierung, aber beendet sie nicht

[...]

Die Coronakrise hat Schwächen der Globalisierung ans Licht befördert. Das Virus hat sich

durch Reisen von Geschäftsleuten und Touristen in kurzer Zeit weltweit verbreitet. Vielerorts

fehlte dringend benötigte medizinische Ausrüstung wie Masken, Schutzanzüge, Atemgeräte

und Medikamente, weil sie nicht mehr im eigenen Land produziert wurde. Während der Krise

5 wurde die Industrieproduktion gestört, weil grenzüberschreitende Lieferungen von Zwischen-

produkten ausfielen.

Außerdem hat die globale politische Zusammenarbeit schlecht funktioniert. Die US-Regierung

beansprucht Impfstoffe allein für die eigenen Bürger. In der EU wurden nationale Grenzen

geschlossen und Exportverbote für medizinische Güter verhängt, ohne Rücksicht auf den

10 Geist des europäischen Binnenmarkts und die Interessen anderer Mitgliedstaaten.

Bringt die Coronakrise deshalb das Ende der Globalisierung, wie wir sie kennen? Wohl kaum.

[...]

International agierende Unternehmen werden die Effizienzvorteile grenzüberschreitender

Lieferbeziehungen nicht opfern, aber sie werden künftig mehr Vorkehrungen gegen krisen-

15 bedingte Produktionsstörungen treffen.

[...] Um sich besser gegen Störungen abzusichern, werden Unternehmen beispielsweise Zu-

lieferer aus mehreren Ländern, deren Leistungen einander ersetzen können, in die Wertschöp-

fungsketten einbinden. Das würde die Globalisierung sogar vertiefen.

Unternehmen werden aber auch absehbare politische Veränderungen berücksichtigen. Sollte

20 die Neigung zu protektionistischer Politik, die sich in den vergangenen Jahren ausbreitete,

nach der Coronakrise zurückkehren oder sich sogar verschärfen, werden internationale Wert-

schöpfungsketten an Bedeutung verlieren. Die Folge wären steigende Kosten und sinkender

Wohlstand. Leider spricht einiges dafür, dass es so kommen könnte.

Verschiedene Politiker haben in den vergangenen Monaten verkündet, dass sie Abhängigkei-

25 ten vom Ausland reduzieren wollen – beispielsweise EU-Binnenmarktkommissar Thierry

Breton im Rahmen der EU-Industriestrategie.

Bei der Versorgung mit medizinischen Gütern kann die Abhängigkeit vom Ausland, vor allem

von einzelnen Lieferanten, in der Tat problematisch sein. [...]

Um die Versorgung mit medizinischen Gütern sicherzustellen, kann es sinnvoll sein, Produk-

30 tionskapazitäten im Inland oder in der EU anzusiedeln, ähnlich wie in militärischen und ande-

ren sicherheitsrelevanten Bereichen. Man sollte sich allerdings nicht allein auf die inländische

Produktion verlassen, denn bei Notfällen wie Naturkatastrophen kann diese auch leicht aus-

fallen. Eine internationale Diversifizierung 1 der Bezugsquellen ist die beste Absicherung.

Gibt es Gründe dafür, in anderen Sektoren der Wirtschaft eine Verkürzung von Wertschöp-

35 fungsketten und verringerte Abhängigkeit von ausländischen Lieferanten oder Kunden anzu-

streben? Gerade in Deutschland wird immer wieder gefordert, das Land müsse seine Export-

orientierung verringern, weil Krisen in anderen Ländern sich dadurch auf die heimische Volks-

wirtschaft übertragen.

Das Gegenargument ist: Der Außenhandel bildet eine wichtige Grundlage des Wohlstands.

40 Er ermöglicht es, Spezialisierungsvorteile und damit verbundene Effizienzgewinne zu nutzen.

Wenn diese Effizienzgewinne allerdings nur um den Preis höherer Unsicherheit und Anfäl-

ligkeit für Krisen erreichbar wären, könnte es sinnvoll sein, teilweise auf sie zu verzichten.

Dann wären höhere Produktionskosten in Kauf zu nehmen, um mehr Resilienz 2 der Volks-

wirtschaft zu erreichen. Diese Argumentation erscheint auf den ersten Blick plausibel. Tat-

45 sächlich trägt sie jedoch nicht, aus dem folgenden Grund.

Ob die Einbindung einer Volkswirtschaft in den internationalen Handel und die damit ver-

bundene Spezialisierung zu mehr oder weniger Risiken führt, hängt davon ab, ob Krisen eher

länder- oder sektorspezifisch sind. Es liegt auf der Hand, dass die Risiken der Spezialisierung

wachsen, wenn Schocks vor allem sektorspezifischer Natur sind. Wenn ein Land wie Deutsch-

50 land sich zum Beispiel auf die Produktion von Kraftfahrzeugen spezialisiert und die Nach-

frage nach Autos stark schwankt, erhöht diese Spezialisierung die Krisenanfälligkeit. Wenn

die Schocks dagegen länderspezifisch sind, dann reduzieren internationaler Handel und Spe-

zialisierung Risiken.

[...] Aktuelle Forschung zeigt, dass länderspezifische Schocks insgesamt deutlich häufiger

55 vorkommen als sektorspezifische. Störungsanfälligkeit abzubauen erfordert demnach mehr

Globalisierung, nicht weniger.

Wird die Politik es unterstützen, die Vorteile der Globalisierung auch künftig zu nutzen?

Leider spricht einiges dafür, dass die aggressive Handelspolitik der vergangenen Jahre sich

fortsetzen könnte. [...]

60 Weil sie die heimische Wirtschaft stützen und Arbeitsplätze sichern wollen, greifen Regie-

rungen gerne zur Diskriminierung ausländischer Produzenten. Das ist freilich kurzsichtig,

denn die Abschottung der eigenen Märkte löst bei den Handelspartnern Gegenreaktionen aus.

Daraus entsteht leicht ein Handelskrieg, wie er in den vergangenen Jahren zwischen den USA

und China zu beobachten war.

65 [...]

Die EU ist und bleibt ein enger Verbündeter der USA, hat aber kein Interesse, sich in diesen

Handelskonflikt hineinziehen zu lassen. Sie sollte sich dafür einsetzen, internationale Handels-

hemmnisse abzubauen. Dass globale politische Kooperation in der Coronakrise nicht über-

zeugend funktioniert hat, bedeutet nicht, dass sie nicht funktionieren kann, sondern dass sie

70 verbessert werden muss.

Zum Autor:

Clemens Fuest, geb. 1968, ist Professor für Volkswirtschaftslehre, Präsident des ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirates beim Bundesministerium der Finanzen.

1 Diversifizierung: (hier:) Ausweitung

2 Resilienz: Widerstandskraft

2. b) Erläutern Sie unter Heranziehung von zwei Textbelegen, inwiefern der Autor Ziele der Wirtschaftspolitik („magisches Viereck“) aufgreift. [16 Punkte]

1.

2.

Aufgabe NT 4 - Aufgabe 3 · Globalisierung, internationaler Handel und Standort Deutschland

Clemens Fuest

Corona verändert die Globalisierung, aber beendet sie nicht

[...]

Die Coronakrise hat Schwächen der Globalisierung ans Licht befördert. Das Virus hat sich

durch Reisen von Geschäftsleuten und Touristen in kurzer Zeit weltweit verbreitet. Vielerorts

fehlte dringend benötigte medizinische Ausrüstung wie Masken, Schutzanzüge, Atemgeräte

und Medikamente, weil sie nicht mehr im eigenen Land produziert wurde. Während der Krise

5 wurde die Industrieproduktion gestört, weil grenzüberschreitende Lieferungen von Zwischen-

produkten ausfielen.

Außerdem hat die globale politische Zusammenarbeit schlecht funktioniert. Die US-Regierung

beansprucht Impfstoffe allein für die eigenen Bürger. In der EU wurden nationale Grenzen

geschlossen und Exportverbote für medizinische Güter verhängt, ohne Rücksicht auf den

10 Geist des europäischen Binnenmarkts und die Interessen anderer Mitgliedstaaten.

Bringt die Coronakrise deshalb das Ende der Globalisierung, wie wir sie kennen? Wohl kaum.

[...]

International agierende Unternehmen werden die Effizienzvorteile grenzüberschreitender

Lieferbeziehungen nicht opfern, aber sie werden künftig mehr Vorkehrungen gegen krisen-

15 bedingte Produktionsstörungen treffen.

[...] Um sich besser gegen Störungen abzusichern, werden Unternehmen beispielsweise Zu-

lieferer aus mehreren Ländern, deren Leistungen einander ersetzen können, in die Wertschöp-

fungsketten einbinden. Das würde die Globalisierung sogar vertiefen.

Unternehmen werden aber auch absehbare politische Veränderungen berücksichtigen. Sollte

20 die Neigung zu protektionistischer Politik, die sich in den vergangenen Jahren ausbreitete,

nach der Coronakrise zurückkehren oder sich sogar verschärfen, werden internationale Wert-

schöpfungsketten an Bedeutung verlieren. Die Folge wären steigende Kosten und sinkender

Wohlstand. Leider spricht einiges dafür, dass es so kommen könnte.

Verschiedene Politiker haben in den vergangenen Monaten verkündet, dass sie Abhängigkei-

25 ten vom Ausland reduzieren wollen – beispielsweise EU-Binnenmarktkommissar Thierry

Breton im Rahmen der EU-Industriestrategie.

Bei der Versorgung mit medizinischen Gütern kann die Abhängigkeit vom Ausland, vor allem

von einzelnen Lieferanten, in der Tat problematisch sein. [...]

Um die Versorgung mit medizinischen Gütern sicherzustellen, kann es sinnvoll sein, Produk-

30 tionskapazitäten im Inland oder in der EU anzusiedeln, ähnlich wie in militärischen und ande-

ren sicherheitsrelevanten Bereichen. Man sollte sich allerdings nicht allein auf die inländische

Produktion verlassen, denn bei Notfällen wie Naturkatastrophen kann diese auch leicht aus-

fallen. Eine internationale Diversifizierung 1 der Bezugsquellen ist die beste Absicherung.

Gibt es Gründe dafür, in anderen Sektoren der Wirtschaft eine Verkürzung von Wertschöp-

35 fungsketten und verringerte Abhängigkeit von ausländischen Lieferanten oder Kunden anzu-

streben? Gerade in Deutschland wird immer wieder gefordert, das Land müsse seine Export-

orientierung verringern, weil Krisen in anderen Ländern sich dadurch auf die heimische Volks-

wirtschaft übertragen.

Das Gegenargument ist: Der Außenhandel bildet eine wichtige Grundlage des Wohlstands.

40 Er ermöglicht es, Spezialisierungsvorteile und damit verbundene Effizienzgewinne zu nutzen.

Wenn diese Effizienzgewinne allerdings nur um den Preis höherer Unsicherheit und Anfäl-

ligkeit für Krisen erreichbar wären, könnte es sinnvoll sein, teilweise auf sie zu verzichten.

Dann wären höhere Produktionskosten in Kauf zu nehmen, um mehr Resilienz 2 der Volks-

wirtschaft zu erreichen. Diese Argumentation erscheint auf den ersten Blick plausibel. Tat-

45 sächlich trägt sie jedoch nicht, aus dem folgenden Grund.

Ob die Einbindung einer Volkswirtschaft in den internationalen Handel und die damit ver-

bundene Spezialisierung zu mehr oder weniger Risiken führt, hängt davon ab, ob Krisen eher

länder- oder sektorspezifisch sind. Es liegt auf der Hand, dass die Risiken der Spezialisierung

wachsen, wenn Schocks vor allem sektorspezifischer Natur sind. Wenn ein Land wie Deutsch-

50 land sich zum Beispiel auf die Produktion von Kraftfahrzeugen spezialisiert und die Nach-

frage nach Autos stark schwankt, erhöht diese Spezialisierung die Krisenanfälligkeit. Wenn

die Schocks dagegen länderspezifisch sind, dann reduzieren internationaler Handel und Spe-

zialisierung Risiken.

[...] Aktuelle Forschung zeigt, dass länderspezifische Schocks insgesamt deutlich häufiger

55 vorkommen als sektorspezifische. Störungsanfälligkeit abzubauen erfordert demnach mehr

Globalisierung, nicht weniger.

Wird die Politik es unterstützen, die Vorteile der Globalisierung auch künftig zu nutzen?

Leider spricht einiges dafür, dass die aggressive Handelspolitik der vergangenen Jahre sich

fortsetzen könnte. [...]

60 Weil sie die heimische Wirtschaft stützen und Arbeitsplätze sichern wollen, greifen Regie-

rungen gerne zur Diskriminierung ausländischer Produzenten. Das ist freilich kurzsichtig,

denn die Abschottung der eigenen Märkte löst bei den Handelspartnern Gegenreaktionen aus.

Daraus entsteht leicht ein Handelskrieg, wie er in den vergangenen Jahren zwischen den USA

und China zu beobachten war.

65 [...]

Die EU ist und bleibt ein enger Verbündeter der USA, hat aber kein Interesse, sich in diesen

Handelskonflikt hineinziehen zu lassen. Sie sollte sich dafür einsetzen, internationale Handels-

hemmnisse abzubauen. Dass globale politische Kooperation in der Coronakrise nicht über-

zeugend funktioniert hat, bedeutet nicht, dass sie nicht funktionieren kann, sondern dass sie

70 verbessert werden muss.

Zum Autor:

Clemens Fuest, geb. 1968, ist Professor für Volkswirtschaftslehre, Präsident des ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirates beim Bundesministerium der Finanzen.

1 Diversifizierung: (hier:) Ausweitung

2 Resilienz: Widerstandskraft

3. Erörtern Sie unter Einbezug der Haltung des Autors, ob es für den Wirtschaftsstandort Deutschland erstrebenswert ist, Handelshemmnisse zwischen Staaten zu verringern. Beziehen Sie dabei sowohl eine ökonomische als auch eine soziale Perspektive ein. [30 Punkte]

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