Aufgabe NT 3 - Aufgabe 1 · Abitur NRW Sozialwissenschaften GK · Nachtermin 2021

Thema: Soziale Ungleichheit und Sozialstruktur · Aus der Prüfung GK · Nachtermin (2021)

Aufgabenstellung

Thema: Computer für die Armen? – Homeschooling in Zeiten von Corona

M 1

Ralf Pauli

Folgen der Schulschließungen: Corona macht Bildung ungleicher

[...]

Die erste Schulwoche zu Hause ist rum. Und auch wenn die Erfahrungen der knapp 11 Millio-

nen Schüler:innen im Land beim Homeschooling stark auseinandergehen dürften, lässt sich

eines schon jetzt mit Bestimmtheit sagen: Das Coronavirus wird die deutsche Bildungsland-

schaft stärker prägen als alles, was Bund und Länder in den letzten Jahren in Sachen E-Lear-

5 ning beschlossen haben. Und das hat vor allem mit den Versäumnissen der Politik zu tun –

und einer unmöglichen Schulbürokratie.

[...]

Und doch: Plötzlich geht alles wegen Corona ganz schnell. Natürlich nicht mit einer unkom-

plizierten Auszahlung der Digitalpakt-Gelder 1 – dem haben die Länder vergangene Woche

10 schon eine Absage erteilt. Dafür aber mit dem digitalen Unterricht. Nach den Schulschließun-

gen haben sich die Anmeldezahlen bei Lernplattformen vervielfacht. Auf den Bildungsservern

der Republik finden sich plötzlich so viele digitale Lernangebote wie nie. Da gibt es E-Latein-

Programme, Erklärvideos auf YouTube und Links zum Schulfernsehen.

Und auch wenn viele Lehrer:innen schnell über zusätzliche Arbeit stöhnen – ein wunder Punkt

15 in den Lehrerzimmern –, sehr viele Lehrer:innen machen beim Experiment E-Learning mit.

Der Unterricht wird digitaler – und das ist leider ein Problem. Schon jetzt hängt der Bildungs-

erfolg in Deutschland stark von der sozialen Herkunft der Schüler:innen ab. Wer aus einer

armen Familie kommt, hat deutlich geringere Chancen, auf ein Gymnasium zu kommen. Und

noch geringere, es auf die Uni zu schaffen. Das E-Learning wird die soziale Ungleichheit aber

20 noch verstärken. Denn es gibt diesen Teufelskreislauf: Kinder, deren Eltern einen einfachen

Bildungsabschluss haben, sind besonders stark armutsgefährdet. Den sozialen Aufstieg schaf-

fen sie oft aber nicht, weil sie in diesem System früh ausgesiebt werden.

Wird der Unterricht jetzt digitaler, wird er noch exklusiver. Viele Familien haben zu Hause

weder Laptop noch Tablet, an denen ihre Kinder arbeiten könnten. Und die versprochenen

25 Bundesmilliarden, von denen die Schulen zum Beispiel Geräte für die ganze Klasse kaufen

könnten, sind – siehe oben – vielerorts noch nicht da oder dürfen nicht dafür verwendet wer-

den. Was zur Folge hat, dass nur diejenigen Schulen digital unterrichten können, deren Klien-

tel privilegiert ist, also – digital gesehen – genügend smarte Geräte sowie eine gute Internet-

verbindung hat. Und wer hat das? Richtig: wohlhabendere Familien mit eher akademischem

30 Background. Was also tun?

Zunächst: Die Schulen müssen einen größeren Spielraum bei ihren Budgets bekommen. Es

kann nicht angehen, dass die Maxime „Bring your own device“ 2 immer noch Familien als

soziale Unterschicht bloßstellt. Wer digitales Lernen möchte, muss auch die Lernmittel zur

Verfügung stellen – das ist bei Schulbüchern schließlich auch nicht anders. In Rheinland-Pfalz

35 etwa gibt es Modellschulen mit reinen iPad-Klassen – die Geräte müssen die Familien jedoch

selbst bezahlen.

Es sollte alle beschämen, wenn Schulleiter:innen oder Eltern immer erst einen Förderverein

gründen müssen, damit auch Jenny und Murat im Unterricht mitmachen können. Manche Bun-

desländer bieten einkommensschwachen Eltern an, die Schulbücher auszuleihen, statt selbst

40 zu bezahlen. Warum nicht auch bei Smartphones oder Tablets?

Zweitens: Alle Schulen im Land müssen von der IT-Infrastruktur auf denselben Stand ge-

bracht werden. Zu häufig sind digitale Modell- oder Pilotschulen 3 noch diejenigen, auf die die

privilegierten Kids gehen. Und drittens: Medienbildung muss endlich viel stärker im Studium

geübt werden. Vor Corona hat nur jede und jeder vierte Pädagog:in digitale Medien täglich

45 im Unterricht eingesetzt. Aber vielleicht hilft da – wie auch in der Schule – Corona mit, die

Entwicklung zu beschleunigen.

Denn auch die Universitäten werden nun digitaler. Zumindest haben viele Unis schon ange-

kündigt, ihre Vorlesungen künftig aufzunehmen oder live zu streamen. Wenn die Lehrer:in-

nen von morgen digitales Lernen dadurch als Normalität erfahren, dürfte sie das für E-Lear-

50 ning aufgeschlossener machen. Übrigens schließt sich da ein Kreis: Vor Jahren hoffte man,

dass gefilmte und frei ins Netz gestellte Kurse und Seminare die Bildung weniger exklusiv

machen würden. Mit Blick auf Deutschland muss man auch im Jahr 2020 davor warnen, dass

sie genau das Gegenteil bewirken.

Zum Autor:

Ralf Pauli, geb. 1982, ist ein Journalist. Er hat einen Arbeitsschwerpunkt im Bereich der Bildungsthemen und arbeitet für die „taz“.

1 DigitalPakt Schule: Förderprogramm des Bundes und der Länder zur Digitalisierung allgemeinbildender Schulen (Volumen: ca. 120.000 Euro pro Schule; Zeitraum: 2019–2024)

2 Bring your own device (BYOD): (hier:) Verwendung privat verfügbarer Endgeräte für schulische Zwecke

3 Pilotprojekt: Großversuch oder Demonstrationsprojekt zur Erprobung gesellschaftlich, wirtschaftlich und technisch risikobehafteter Entwicklungen

M 2

Zum Autor:

Thomas Plaßmann, geb. 1960, ist ein Karikaturist und Cartoonist. Er zeichnet und veröffentlicht nahezu täglich Karikaturen für Tageszeitungen sowie in Zeitschriften, Fachpublikationen und Büchern.

1. a)

Analysieren Sie den Text hinsichtlich der Haltung des Autors und seiner Argumentation zur Entwicklung sozialer Ungleichheit im Kontext der Corona-Krise. (30 Punkte)

1. b)

Interpretieren Sie die Karikatur M 2 hinsichtlich der Haltung des Karikaturisten zur Relevanz sozialer Ungleichheit und vergleichen Sie anschließend die Haltung des Autors von M 1 mit derjenigen des Karikaturisten. (16 Punkte)

Aufgabenstellung: Aufgabe NT 3 - Aufgabe 1 · Abitur NRW Sozialwissenschaften GK · Nachtermin 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. a) Analysieren Sie den Text hinsichtlich der Haltung des Autors und seiner Argumentation zur Entwicklung sozialer Ungleichheit im Kontext der Corona-Krise. (30 Punkte)

Lösung: Eine vollständige Analyse umfasst: - Textordnung und Thema: Kommentar von Ralf Pauli in der *taz* (23. März 2020) zu den sozialen Folgen der pandemiebedingten Schulschließungen durch E-Learning und dem politischen Handlungsbedarf. - Position des Autors: Das durch die Krise forcierte E-Learning an deutschen Schulen vertiefe und vergrößere bestehende Bildungsungleichheiten; soziale Schichten reproduzierten sich über das Schulsystem; E-Learning müsse strukturell und sozial gerecht ausgebaut und unterstützt werden. - Begründungsgang: These zur Eigendynamik des E-Learnings vor dem Hintergrund bürokratischer Trägheit (DigitalPakt); Verschärfung des 'Teufelskreislaufs' von Bildungs- und sozialer Herkunft durch fehlende Endgeräte in ärmeren Familien; Forderungen nach Endgeräte-Ausleihe (analog zur Lernmittelfreiheit), gleicher IT-Infrastruktur an allen Schulen und Ausbau der Medienbildung in der Lehrkräfteausbildung. - Argumentationsweise: Stereotypisierung und Emotionalisierung (Personalisierung 'Jenny und Murat'), dogmatischer Stil ('Teufelskreislauf'), gezielter Einsatz von Fachvokabular ('Bring your own device'). - Intention: Sensibilisierung für Ungleichheiten digitaler Bildung, Aufruf zu politischem Handeln für Chancengerechtigkeit sowie Kritik an bürokratischen Hürden.

1. b) Interpretieren Sie die Karikatur M 2 hinsichtlich der Haltung des Karikaturisten zur Relevanz sozialer Ungleichheit und vergleichen Sie anschließend die Haltung des Autors von M 1 mit derjenigen des Karikaturisten. (16 Punkte)

Lösung: Eine vollständige Interpretation und ein Vergleich umfassen: - Interpretation der Karikatur: Interaktion zwischen Lehrerin am Pult und Schüler Kevin (mit Schulranzen). Lehrerin drückt mit der Äußerung 'Dein Vater... Hartz IV?!... Schade!... Hätte echt was aus dir werden können, Kevin!' eine zynische Gleichgültigkeit bzw. resignierte Akzeptanz des Status quo aus. Dies kritisiert die mangelnde Durchlässigkeit des deutschen Bildungssystems und die Vorverurteilung bzw. Benachteiligung von Kindern aus prekären Verhältnissen. - Vergleich mit M 1: Beide kritisieren die Reproduktion sozialer Ungleichheit und die mangelnde institutionelle Unterstützung benachteiligter Kinder. Während der Karikaturist das Grundproblem des Schulsystems ohne Digitalisierungsbezug darstellt (konventionelle Kreidetafel, Hefte), fokussiert Pauli spezifisch auf E-Learning und Homeschooling in der Pandemie.

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