Abitur NRW Sozialwissenschaften 2021 · GK · Haupttermin

Abiturprüfung Sozialwissenschaften in Nordrhein-Westfalen 2021, GK · Haupttermin: 1 Aufgabe mit Lösungen. Mit automatischer Korrektur.

Themen der Prüfung: Wirtschaftspolitische Konzeptionen, Staatsverschuldung und Fiskalpolitik · Europäische Integration: Geschichte, Institutionen und Modelle · Soziale Ungleichheit und Sozialstruktur · Globalisierung, internationaler Handel und Standort Deutschland

Aufgabe 1 · Wirtschaftspolitische Konzeptionen, Staatsverschuldung und Fiskalpolitik

Thema: Die Vorschläge des Sachverständigenrates – ein geeigneter Ansatz zur Überwindung der wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise?

1.

Stellen Sie für die angebotsorientierte und die nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik jeweils die zugrunde liegenden Annahmen und je eine charakteristische Maßnahme dar.

Aufgabe 2 · Europäische Integration: Geschichte, Institutionen und Modelle

Thema: Die Europäische Union – eine treibende Kraft für Frieden und Fortschritt in der Welt?

Materialgrundlage

Ursula von der Leyen: Rede der gewählten Kommissionspräsidentin von der Leyen im Europäischen Parlament anlässlich der Debatte zur Vorstellung des Kollegiums der Kommissionsmitglieder und seines Programms. Straßburg, 27. November 2019 (Auszug; Kürzungen betreffen teilweise die Präsentation der Ressorts der neuen Kommissionsmitglieder. Hervorhebungen entsprechen dem Original. Anpassungen an die sprachliche Richtigkeit wurden vorgenommen.)

Herr Präsident, meine Damen und Herren Abgeordnete,

[...]

3 Wir haben unseren Mut unter Beweis gestellt, als wir aus dem Schmerz heraus nach Frieden strebten.

5 Wir haben unseren Mut unter Beweis gestellt, als wir einen gemeinsamen Markt und eine gemeinsame Währung schufen.

Wir haben unseren Mut unter Beweis gestellt, als wir einen Teil unserer europäischen Familie, der zu lange in der Kälte ausharren musste, willkommen hießen.

8 Doch in den vergangenen Jahren mussten wir uns auf das Hier und Jetzt konzentrieren, Krisen bewältigen und um den Bestand unserer Einheit und Solidarität kämpfen.

[...]

Meine Botschaft ist einfach. Sie lautet: Lasst uns an die Arbeit gehen.

Meine Damen und Herren Abgeordnete,

wir leben in einer unruhigen Welt, in der zu viele Mächte nur die Sprache der Konfrontation und des Unilateralismus 1 sprechen. Doch gehen in dieser Welt auch Millionen Menschen auf die Straße, um gegen Korruption zu demonstrieren oder demokratischen Wandel einzufordern.

Die Welt braucht unsere Führung mehr denn je. Wir müssen in dieser Welt auch weiterhin eine verantwortungsvolle Macht bleiben. Treibende Kraft für Frieden und Veränderungen zum Besseren hin sein.

Wir müssen unseren Partnern bei den Vereinten Nationen zeigen, dass sie sich auf uns als einen Vorreiter des Multilateralismus 2 verlassen können.

Wir müssen unseren Freunden im westlichen Balkan zeigen, dass wir demselben Kontinent angehören, eine Geschichte teilen, eine Kultur teilen und auch unser Schicksal teilen werden. Unsere Tür bleibt offen.

Auch mit unseren transatlantischen Partnern verbindet uns ein gemeinsames Schicksal. Ja, es gibt Meinungsverschiedenheiten – ganz ohne Frage. Doch unsere Bande haben den Prüfungen der Zeit standgehalten. Während wir hier sprechen, bahnen Tausende Studenten, Wissenschaftler, Unternehmer und Künstler auch weiterhin zahllose Freundschaften, Geschäftskontakte und Forschungsprojekte an.

Diese unzähligen feinen Bande ergeben zusammengenommen eine Verbindung, die jede Meinungsverschiedenheit übersteht.

Von Ost nach West und von Süd nach Nord brauchen die Länder dieser Welt Europa als echten Partner. Wir können diejenigen sein, die die Weltordnung zum Besseren hin formen.

[...]

Wir werden in Allianzen und Koalitionen investieren, um unsere Werte voranzubringen. Wir werden die Interessen Europas durch einen offenen und fairen Handel fördern und schützen. Wir werden unsere Partner durch Kooperation stärken, denn starke Partner stärken auch Europa.

[...]

Meine Damen und Herren Abgeordnete,

wenn es einen Bereich gibt, in dem die Welt unsere Führung benötigt, dann ist es der Klimaschutz. Er ist für Europa und für den Rest der Welt von existenzieller Bedeutung.

Wie kann dies anders sein, wenn 85% der ärmsten Menschen in den 20 am stärksten vom Klimawandel betroffenen Ländern leben?

Wie kann dies anders sein, wenn Venedig unter Wasser steht, Portugals Wälder brennen und Litauens Ernten aufgrund von Trockenheit um die Hälfte eingebrochen sind?

Zweifellos hat es all dies auch vorher schon gegeben, aber noch nie in dieser Häufigkeit und in dieser Stärke.

Bei der Bekämpfung des Klimawandels haben wir keine Zeit zu verschwenden. Je schneller Europa sich bewegt, desto besser wird dies für unsere Bürgerinnen und Bürger, unsere Wettbewerbsfähigkeit und unseren Wohlstand sein.

Der Europäische Grüne Deal 3 ist ein Muss, wenn wir die Gesundheit unserer Erde und unserer Menschen – und nicht zuletzt auch unserer Wirtschaft schützen wollen.

[...]

Im Zentrum wird eine Industriestrategie stehen, die unsere Unternehmen – ob groß oder klein – in die Lage versetzen wird, innovativ zu sein, neue Technologien zu entwickeln und gleichzeitig neue Märkte zu schaffen. Wir werden globale Standards setzen. Dies ist unser Wettbewerbsvorteil. Und es ist der beste Weg, faire Wettbewerbsbedingungen zu gewährleisten.

[...]

Es wird massiver Investitionen in Innovation, Forschung, Infrastruktur, Wohnungsbau und Gebäudesanierung und in die Kompetenzen der Menschen bedürfen. Dies wird öffentliche und private Investitionen auf europäischer wie auf nationaler Ebene erfordern.

Und erneut zeigt Europa hier schon heute den Weg auf. So wird die Europäische Union Klimaschutzmaßnahmen sowohl über ihren Haushalt finanzieren als auch auf die Kapitalmärkte und die gesamte Investitionskette zurückgreifen.

In Regionen, in denen größere Anstrengungen unternommen werden müssen als in den meisten anderen, werden wir die Menschen und Unternehmen mit einem gezielten und gerechten Übergangsmechanismus unterstützen. Dieser wird sich aus unterschiedlichen Fonds und Instrumenten speisen und auch die nötigen privaten Investitionen mobilisieren.

[...]

Meine Damen und Herren Abgeordnete,

die Digitalisierung ermöglicht Dinge, die noch eine Generation vorher undenkbar waren.

[...]

Digitalisierung wird unsere Gesellschaft, unsere Wirtschaft, unsere Verwaltung von Grund auf verändern, tut es bereits heute.

Um die großen Chancen zu nutzen und die Risiken zu adressieren, müssen wir klug ausgleichen, dort wo es der Markt nicht macht, wir müssen sowohl unseren europäischen Wohlstand als auch unsere Werte schützen. Wir müssen unseren europäischen Weg auch im digitalen Zeitalter weitergehen.

[...]

Das alles kann uns gelingen, wenn wir gemeinsam vorgehen, wenn wir auf unseren europäischen Werten aufbauen. Und dann bin ich zuversichtlich, dass Europa auch im digitalen Zeitalter eine führende Rolle spielen wird.

Europa kann das!

[...]

Lassen Sie uns an die Arbeit gehen, damit wir auch in dreißig Jahren sagen können:

Vive l'Europe, es lebe Europa, long live Europe! 4

1 Unilateralismus: Handeln eines Staates im eigenen Interesse ohne Rücksicht auf die Interessen anderer.

2 Multilateralismus: Zusammenarbeit mehrerer Staaten bei der Lösung grenzübergreifender Probleme.

3 Europäischer Grüner Deal: Umweltpolitisches Konzept der Europäischen Union mit dem Ziel, bis 2050 die Netto-Emissionen von Treibhausgasen in der EU auf null zu reduzieren.

4 Französisch- bzw. englischsprachige Entsprechung von „es lebe Europa“.

1.

Stellen Sie bei zwei Institutionen der Europäischen Union jeweils deren Aufbau und deren Zuständigkeiten dar. (24 Punkte)

2. a)

Analysieren Sie den Text hinsichtlich der Haltung der Rednerin zur Weiterentwicklung der Europäischen Union (EU) und ihrer Argumentationsweise. (30 Punkte)

2. b)

Erläutern Sie, wie sich die Aussagen der Rednerin in den Zeilen 3 bis 8 auf zwei Stationen des bisherigen europäischen Integrationsprozesses beziehen. (16 Punkte)

3.

Gestalten Sie in der Rolle einer Abgeordneten bzw. eines Abgeordneten des Europäischen Parlaments einen Redebeitrag, der auf die Ausführungen Ursula von der Leyens antwortet. Greifen Sie darin zwei ihrer Überlegungen zur Weiterentwicklung der EU auf und machen Sie einen eigenen Vorschlag, wie sich die EU zur „treibenden Kraft für Frieden und Veränderungen zum Besseren hin“ (Z. 19 f.) weiterentwickeln kann. (30 Punkte)

Aufgabe 3 · Soziale Ungleichheit und Sozialstruktur

Thema: Entwicklung der sozialen Ungleichheit – eine Gefahr für den sozialen Frieden in Deutschland?

Materialgrundlage

M 1: Harald Freiberger: Der soziale Frieden ist in Gefahr. In: Süddeutsche Zeitung vom 07. Mai 2019.

M 2: Statistisches Bundesamt / Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (Hrsg.): Datenreport 2018. Ein Sozialbericht für die Bundesrepublik Deutschland. Bonn 2018 (daraus entnommen: Tab. 1 Haushaltsnettoeinkommen der privaten Haushalte in Deutschland 1995 – 2016, S. 241, Auszug).

1.

Beschreiben Sie, was unter dem Begriff „soziale Ungleichheit“ zu verstehen ist, und stellen Sie zwei ihrer Dimensionen jeweils mit einem passenden Indikator dar. (24 Punkte)

2. a)

Analysieren Sie den Text M 1 hinsichtlich der Haltung des Autors und seiner Argumentation zum Umgang mit sozialer Ungleichheit in Deutschland. (30 Punkte)

M 1 – Harald Freiberger: Der soziale Frieden ist in Gefahr

[...]

Es lässt sich schwer vermeiden, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden. Fünf Prozent von x sind nun mal mehr als fünf Prozent von nix, um einen Spruch eines ehemaligen deutschen Finanzministers abzuwandeln. Wer vermögend ist, profitierte in den vergangenen Jahren von einem gewaltigen Aktien- und Immobilienboom, sein Geld vermehrte sich wie von selbst. Wer dagegen nur über wenig Erspartes und über keine Immobilien verfügt, ist heute eher ärmer als vor zehn Jahren, auch weil die niedrigen Zinsen von der Inflation aufgefressen wurden.

Nichts anderes sagen die neuen Daten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) aus. Demnach ging die Schere zwischen Arm und Reich in Deutschland von 1991 bis 2016 deutlich auseinander: Das verfügbare Realeinkommen des reichsten Zehntels der Bevölkerung erhöhte sich um 31 Prozent. Im Durchschnitt der privaten Haushalte betrug das Plus noch 18 Prozent. Das ärmste Zehntel der Bevölkerung aber ist heute ärmer als vor 25 Jahren.

[...]

Diese Zahlen sind alles andere als trivial. Sie werfen die Frage auf, ob die Politik, Wirtschaft und andere gesellschaftliche Gruppen in Deutschland genug tun, um der wachsenden Ungleichheit entgegenzusteuern. Denn wenn sich in 25 Jahren eine solche Kluft auftut, liegt es auf der Hand, dass es so nicht weitergehen kann. Das scheinbar mathematische Gesetz, das Reiche immer reicher und Arme immer ärmer macht, muss mit den Mitteln der Politik gebrochen werden.

Wohin es führen kann, wenn dies nicht geschieht, lässt sich derzeit in Frankreich besichtigen, wo eine gleichgültige Führungskaste zumindest eine Mitverantwortung trägt für den gewalttätigen Protest der Gelbwesten¹. Die Alarmzeichen nehmen auch in Deutschland zu. Warum etwa löst eine umstürzlerische Forderung wie jene des Juso²-Chefs Kevin Kühnert, BMW zu verstaatlichen, ein solches Echo aus? Die Zeiten, in denen man so etwas ernsthaft diskutierte, schienen eigentlich seit Jahrzehnten vorbei. Warum gibt es in Berlin ein Volksbegehren, Wohnungseigentümer unter bestimmten Bedingungen zu enteignen? Weil sich viele Gering- und Normalverdiener gerade in den Ballungsräumen kaum mehr die Miete leisten können, während die Einnahmen der Vermieter kontinuierlich steigen. Wer hat, dem wird gegeben, wer nichts hat, steht auf der Straße.

Das gesellschaftliche Klima wird rauer, und das hat entscheidend mit der bedenklichen Ungleichheit zu tun, die nun die neuen Zahlen drastisch belegen. Das hohe Maß an sozialem Frieden, das Deutschland seit den Nachkriegsjahren auszeichnete, ist nicht mehr selbstverständlich. Deshalb sollte die Politik umsteuern, und das größte Steuerungsinstrument, das sie hat, um einen Ausgleich zu schaffen, sind die Steuern.

Vor 25 Jahren waren die Zeiten andere, unter der Regierung Kohl war es vielleicht noch angebracht, die Steuersätze für Besserverdienende zu senken und die Vermögensteuer abzuschaffen. Inzwischen ist das Gegenteil geboten, um Vermögen umzuverteilen und die Ungleichheit zu verringern. Auch eine Vermögensteuer von zum Beispiel einem Prozent speziell für Millionäre, Multimillionäre und Milliardäre ist ein angebrachtes Mittel. Das Argument, dies bringe in absoluten Zahlen nicht viel, zählt nicht, weil es nicht nur um Geld geht, sondern auch um Symbolik: Die Menschen müssen wieder das Gefühl bekommen, die Politik unternehme etwas dagegen, dass die Gesellschaft immer weiter auseinanderdriftet.

[...]

Auch die Arbeitgeber können etwas tun, um den sozialen Frieden zu festigen, und zum Beispiel überlegen, ob die Tarifsätze zwischen gut und schlecht Verdienenden im Unternehmen im Gleichgewicht sind. Klar sollte aber auch sein, dass die Veränderungen im bestehenden Rahmen stattfinden müssen, das heißt in der Marktwirtschaft. Ein Systemwechsel hin zu einer verstaatlichten Wirtschaft hat sich, gelinde gesagt, historisch nicht bewährt. Es führt auf Dauer zu einem Erlahmen der wirtschaftlichen Tätigkeit.

Dass Menschen durch Arbeit und eigene Anstrengung reich werden können, ist ein unschätzbarer Vorteil der kapitalistischen Wirtschaftsform. Es sorgt für Dynamik und vermehrt das Vermögen der Volkswirtschaft. Wenn sich die Dynamik aber zu einseitig entfaltet, wird es für die Gesellschaft kontraproduktiv. Die reichsten Deutschen, die in den vergangenen 25 Jahren um ein Drittel reicher geworden sind, können etwas von ihrem Reichtum abgeben, ohne dass für sie gleich die Welt zusammenbricht.

¹ Gelbwestenbewegung: organisierte Protestbewegung in Frankreich mit uneinheitlicher politischer Richtung.

² Juso(s): Arbeitsgemeinschaft der Jungsozialistinnen und Jungsozialisten in der SPD.

2. b)

Überprüfen Sie anhand des statistischen Materials M 2 zwei Aussagen des Autors über die Entwicklung sozialer Ungleichheit. (16 Punkte)

M 2 – Datenreport 2018 (Auszug): Haushaltsnettoeinkommen der privaten Haushalte in Deutschland 1995 – 2016

3.

Erörtern Sie unter Berücksichtigung des sozialen Friedens einerseits und des Wirtschaftswachstums andererseits, ob eine vom Autor angesprochene Maßnahme (z. B. die Erhebung einer Vermögenssteuer) umgesetzt werden sollte. (30 Punkte)

Aufgabe 4 · Globalisierung, internationaler Handel und Standort Deutschland

Thema: Verkürzung globaler Lieferketten – eine zwingende Lehre aus der Corona-Krise?

1. Stellen Sie für die ökonomische Globalisierung jeweils zwei Ursachen, zwei Merkmale und zwei Indikatoren dar. (24 Punkte)

2. a) Analysieren Sie den Text hinsichtlich der Position der Autorin und ihrer Argumentation zu den Folgen der Corona-Pandemie für die Weltwirtschaft sowie zum Handlungsbedarf in Europa. (36 Punkte)

b) Erläutern Sie mithilfe von zwei Textbelegen, inwiefern der Text Bezüge zu Vorstellungen vom internationalen Handel aufweist. (10 Punkte)

3. Erörtern Sie unter Einbeziehung der Position der Autorin sowohl aus ökonomischer als auch aus politischer Sicht, ob die Europäische Union sich für kürzere globale Lieferketten starkmachen sollte. (30 Punkte)

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