Aufgabe NT 4 - Aufgabe 1 · Abitur NRW Sozialwissenschaften GK · Nachtermin 2021
Thema: Globalisierung, internationaler Handel und Standort Deutschland · Aus der Prüfung GK · Nachtermin (2021)
Aufgabenstellung
Clemens Fuest
Corona verändert die Globalisierung, aber beendet sie nicht
[...]
Die Coronakrise hat Schwächen der Globalisierung ans Licht befördert. Das Virus hat sich
durch Reisen von Geschäftsleuten und Touristen in kurzer Zeit weltweit verbreitet. Vielerorts
fehlte dringend benötigte medizinische Ausrüstung wie Masken, Schutzanzüge, Atemgeräte
und Medikamente, weil sie nicht mehr im eigenen Land produziert wurde. Während der Krise
5 wurde die Industrieproduktion gestört, weil grenzüberschreitende Lieferungen von Zwischen-
produkten ausfielen.
Außerdem hat die globale politische Zusammenarbeit schlecht funktioniert. Die US-Regierung
beansprucht Impfstoffe allein für die eigenen Bürger. In der EU wurden nationale Grenzen
geschlossen und Exportverbote für medizinische Güter verhängt, ohne Rücksicht auf den
10 Geist des europäischen Binnenmarkts und die Interessen anderer Mitgliedstaaten.
Bringt die Coronakrise deshalb das Ende der Globalisierung, wie wir sie kennen? Wohl kaum.
[...]
International agierende Unternehmen werden die Effizienzvorteile grenzüberschreitender
Lieferbeziehungen nicht opfern, aber sie werden künftig mehr Vorkehrungen gegen krisen-
15 bedingte Produktionsstörungen treffen.
[...] Um sich besser gegen Störungen abzusichern, werden Unternehmen beispielsweise Zu-
lieferer aus mehreren Ländern, deren Leistungen einander ersetzen können, in die Wertschöp-
fungsketten einbinden. Das würde die Globalisierung sogar vertiefen.
Unternehmen werden aber auch absehbare politische Veränderungen berücksichtigen. Sollte
20 die Neigung zu protektionistischer Politik, die sich in den vergangenen Jahren ausbreitete,
nach der Coronakrise zurückkehren oder sich sogar verschärfen, werden internationale Wert-
schöpfungsketten an Bedeutung verlieren. Die Folge wären steigende Kosten und sinkender
Wohlstand. Leider spricht einiges dafür, dass es so kommen könnte.
Verschiedene Politiker haben in den vergangenen Monaten verkündet, dass sie Abhängigkei-
25 ten vom Ausland reduzieren wollen – beispielsweise EU-Binnenmarktkommissar Thierry
Breton im Rahmen der EU-Industriestrategie.
Bei der Versorgung mit medizinischen Gütern kann die Abhängigkeit vom Ausland, vor allem
von einzelnen Lieferanten, in der Tat problematisch sein. [...]
Um die Versorgung mit medizinischen Gütern sicherzustellen, kann es sinnvoll sein, Produk-
30 tionskapazitäten im Inland oder in der EU anzusiedeln, ähnlich wie in militärischen und ande-
ren sicherheitsrelevanten Bereichen. Man sollte sich allerdings nicht allein auf die inländische
Produktion verlassen, denn bei Notfällen wie Naturkatastrophen kann diese auch leicht aus-
fallen. Eine internationale Diversifizierung 1 der Bezugsquellen ist die beste Absicherung.
Gibt es Gründe dafür, in anderen Sektoren der Wirtschaft eine Verkürzung von Wertschöp-
35 fungsketten und verringerte Abhängigkeit von ausländischen Lieferanten oder Kunden anzu-
streben? Gerade in Deutschland wird immer wieder gefordert, das Land müsse seine Export-
orientierung verringern, weil Krisen in anderen Ländern sich dadurch auf die heimische Volks-
wirtschaft übertragen.
Das Gegenargument ist: Der Außenhandel bildet eine wichtige Grundlage des Wohlstands.
40 Er ermöglicht es, Spezialisierungsvorteile und damit verbundene Effizienzgewinne zu nutzen.
Wenn diese Effizienzgewinne allerdings nur um den Preis höherer Unsicherheit und Anfäl-
ligkeit für Krisen erreichbar wären, könnte es sinnvoll sein, teilweise auf sie zu verzichten.
Dann wären höhere Produktionskosten in Kauf zu nehmen, um mehr Resilienz 2 der Volks-
wirtschaft zu erreichen. Diese Argumentation erscheint auf den ersten Blick plausibel. Tat-
45 sächlich trägt sie jedoch nicht, aus dem folgenden Grund.
Ob die Einbindung einer Volkswirtschaft in den internationalen Handel und die damit ver-
bundene Spezialisierung zu mehr oder weniger Risiken führt, hängt davon ab, ob Krisen eher
länder- oder sektorspezifisch sind. Es liegt auf der Hand, dass die Risiken der Spezialisierung
wachsen, wenn Schocks vor allem sektorspezifischer Natur sind. Wenn ein Land wie Deutsch-
50 land sich zum Beispiel auf die Produktion von Kraftfahrzeugen spezialisiert und die Nach-
frage nach Autos stark schwankt, erhöht diese Spezialisierung die Krisenanfälligkeit. Wenn
die Schocks dagegen länderspezifisch sind, dann reduzieren internationaler Handel und Spe-
zialisierung Risiken.
[...] Aktuelle Forschung zeigt, dass länderspezifische Schocks insgesamt deutlich häufiger
55 vorkommen als sektorspezifische. Störungsanfälligkeit abzubauen erfordert demnach mehr
Globalisierung, nicht weniger.
Wird die Politik es unterstützen, die Vorteile der Globalisierung auch künftig zu nutzen?
Leider spricht einiges dafür, dass die aggressive Handelspolitik der vergangenen Jahre sich
fortsetzen könnte. [...]
60 Weil sie die heimische Wirtschaft stützen und Arbeitsplätze sichern wollen, greifen Regie-
rungen gerne zur Diskriminierung ausländischer Produzenten. Das ist freilich kurzsichtig,
denn die Abschottung der eigenen Märkte löst bei den Handelspartnern Gegenreaktionen aus.
Daraus entsteht leicht ein Handelskrieg, wie er in den vergangenen Jahren zwischen den USA
und China zu beobachten war.
65 [...]
Die EU ist und bleibt ein enger Verbündeter der USA, hat aber kein Interesse, sich in diesen
Handelskonflikt hineinziehen zu lassen. Sie sollte sich dafür einsetzen, internationale Handels-
hemmnisse abzubauen. Dass globale politische Kooperation in der Coronakrise nicht über-
zeugend funktioniert hat, bedeutet nicht, dass sie nicht funktionieren kann, sondern dass sie
70 verbessert werden muss.
Zum Autor:
Clemens Fuest, geb. 1968, ist Professor für Volkswirtschaftslehre, Präsident des ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirates beim Bundesministerium der Finanzen.
1 Diversifizierung: (hier:) Ausweitung
2 Resilienz: Widerstandskraft
Thema: Globalisierung in Zeiten von Corona – Freihandel vor Protektionismus?
1. Stellen Sie jeweils zwei Ursachen, zwei Merkmale und zwei Indikatoren der ökonomischen Globalisierung dar. (24 Punkte)
Ursachen der ökonomischen Globalisierung
Merkmale der ökonomischen Globalisierung
Indikatoren der ökonomischen Globalisierung

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Stellen Sie jeweils zwei Ursachen der ökonomischen Globalisierung dar (Ursache 1)
Lösung: Deregulierung und Liberalisierung (Abbau von Handelsbeschränkungen bzw. Öffnung der Weltmärkte, GATT/WTO) / Transportwesen sowie Informations- und Kommunikationstechnologie (sinkende Kosten, Containerisierung) / weltpolitische Veränderungen (Ende des Ost-West-Konflikts, Erschließung neuer Märkte)
1. Stellen Sie jeweils zwei Ursachen der ökonomischen Globalisierung dar (Ursache 2)
Lösung: Transportwesen sowie Informations- und Kommunikationstechnologie (sinkende Kosten, Containerisierung) / Deregulierung und Liberalisierung / weltpolitische Veränderungen
1. Stellen Sie jeweils zwei Merkmale der ökonomischen Globalisierung dar (Merkmal 1)
Lösung: Zunahme internationaler Wirtschaftsbeziehungen und wirtschaftlicher Verflechtungen / Vertiefung der internationalen Arbeitsteilung und grenzüberschreitende Produktion (Wertschöpfungsketten, transnationale Unternehmen) / zunehmende Mobilität des Produktionsfaktors Kapital (Bedeutung ausländischer Direktinvestitionen)
1. Stellen Sie jeweils zwei Merkmale der ökonomischen Globalisierung dar (Merkmal 2)
Lösung: Vertiefung der internationalen Arbeitsteilung und grenzüberschreitende Produktion / zunehmende Mobilität des Produktionsfaktors Kapital / Zunahme internationaler Wirtschaftsbeziehungen
1. Stellen Sie jeweils zwei Indikatoren der ökonomischen Globalisierung dar (Indikator 1)
Lösung: Anstieg der Zahl der international operierenden Großkonzerne (Global Players) / Wachstum der Auslandsdirektinvestitionen und Unternehmenskooperationen (steigender Anteil an der Weltwirtschaftsleistung) / überproportional wachsendes Transaktionsvolumen auf den Devisenmärkten
1. Stellen Sie jeweils zwei Indikatoren der ökonomischen Globalisierung dar (Indikator 2)
Lösung: Wachstum der Auslandsdirektinvestitionen und Unternehmenskooperationen / überproportional wachsendes Transaktionsvolumen auf den Devisenmärkten / Anstieg der Zahl der Global Players
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