Aufgabe 3 - Teilaufgabe 3 · Abitur NRW Physik LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2023

Thema: Kernphysik und ionisierende Strahlung · Aus der Prüfung LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg (2023)

Aufgabenstellung

Teilaufgabe 3: Das KATRIN-Experiment und die Masse des Neutrinos

Für das Elektron-Antineutrino νˉe\bar{\nu}_\mathrm{e} könnte die experimentelle Massenbestimmung im KATRIN-Experiment möglich sein. Da ein Teilchen immer exakt die gleiche Masse besitzt wie sein Antiteilchen, ist es egal, ob man die Masse eines Neutrinos mνm_\nu oder die Masse seines Antineutrinos mνˉm_{\bar{\nu}} bestimmt. Aus diesen Gründen wird im Weiteren zur Vereinfachung die Bezeichnung „Neutrino“ für „Elektron-Neutrino“ und durchgängig der Begriff „Neutrinomasse mνm_\nu“ verwendet, obwohl in dem Experiment Antineutrinos untersucht werden.

Die Masse der Neutrinos ist so klein, dass aus bisherigen Experimenten lediglich eine Aussage über deren Maximalwert gewonnen werden konnte. Aus Messungen vor dem KATRIN-Experiment ergab sich für die Ruheenergie des Neutrinos: mν c2<2,1 eVm_\nu\,c^2 < 2{,}1\text{ eV}.

a)

Berechnen Sie den bisher geltenden Höchstwert der Neutrinomasse mνm_\nu in der Einheit „kg“.

b)

Das Ziel des KATRIN-Experiments ist es, das hochenergetische Ende des Energiespektrums beim β−\beta^--Zerfall des Tritiums sehr genau zu messen. Die Masse des zerfallenden Tritiumkerns m3Hm_{^3\mathrm{H}}, die Masse des 3He^3\mathrm{He}-Kerns m3Hem_{^3\mathrm{He}} sowie die Masse des Elektrons mem_\mathrm{e} sind sehr genau bekannt. Für die Annahme, dass das Antineutrino νˉe\bar{\nu}_\mathrm{e} masselos ist mν=0m_\nu = 0, kann damit die Gesamtenergie des β−\beta^--Zerfalls des Tritiums sehr genau bestimmt werden und sie ergibt sich zu Eges, mν=0=18589,9 eVE_{\mathrm{ges},\,m_\nu=0} = 18589{,}9\text{ eV}.

Abbildung 4 zeigt die Verläufe des Elektronen-Energiespektrums des β−\beta^--Zerfalls im Bereich der Gesamtenergie Eges, mν=0E_{\mathrm{ges},\,m_\nu=0} für die Annahme eines masselosen Antineutrinos mν=0m_\nu = 0 sowie für den Fall mν>0m_\nu > 0. Bei einer Neutrinomasse mν>0m_\nu > 0 gilt für die maximal mögliche Energie EmaxE_\mathrm{max} der Elektronen aus dem β−\beta^--Zerfall Emax<Eges, mν=0E_\mathrm{max} < E_{\mathrm{ges},\,m_\nu=0}.

• Begründen Sie, weshalb sich in Abbildung 4 die maximale Elektronenenergie EmaxE_\mathrm{max} beim β−\beta^--Zerfall von Eges, mν=0E_{\mathrm{ges},\,m_\nu=0} unterscheidet.

Im Idealfall soll mit dem KATRIN-Experiment die maximale Energie EmaxE_\mathrm{max} der dabei entstehenden Elektronen bestimmt werden.

• Geben Sie an, in welchem Energiebereich der Wert der maximalen Energie EmaxE_\mathrm{max} der Elektronen beim β−\beta^--Zerfall des Tritiums liegen muss.

eV

eV

c)

Abbildung 5 zeigt vereinfacht die Komponenten des KATRIN-Experiments.

Die Elektronen des β−\beta^--Zerfalls werden in der Tritiumquelle freigesetzt und durch ein starkes Magnetfeld zunächst in das Vor- und dann in das Haupt-Spektrometer geführt. Da es beim KATRIN-Experiment nur um die Elektronen mit Energien nahe der maximalen Energie EmaxE_\mathrm{max} geht, passieren das Vor-Spektrometer nur Elektronen mit einer Energie Ee>18500 eVE_\mathrm{e} > 18500\text{ eV} und treten dann ins Haupt-Spektrometer ein.

Aus messtechnischen Gründen werden die Elektronen im Innern des Haupt-Spektrometers zudem durch ein stark inhomogenes Magnetfeld zum Elektronendetektor geführt.

• Begründen Sie qualitativ, weshalb statische Magnetfelder die kinetische Energie der Elektronen grundsätzlich nicht verändern.

Die energetische Untersuchung der Elektronen in den beiden Spektrometern basiert auf der Gegenfeldmethode. Im Haupt-Spektrometer werden Elektronen durch eine hochstabilisierte und sehr genau einstellbare Gegenspannung UGU_\mathrm{G} weiter abgebremst und nur nach Überwinden dieser Gegenspannung im Elektronendetektor nachgewiesen. Die Gegenspannung im Haupt-Spektrometer kann zum jetzigen Zeitpunkt in Schritten von ΔUG=0,5 V\Delta U_\mathrm{G} = 0{,}5\text{ V} stabilisiert eingestellt werden und soll in den nächsten Jahren durch weitere Verbesserungen am Experiment in Schritten von ΔUG=0,2 V\Delta U_\mathrm{G} = 0{,}2\text{ V} variierbar sein.

• Erläutern Sie, weshalb die verbesserte Einstellgenauigkeit der Gegenspannung UGU_\mathrm{G} bei der Gegenfeldmethode genauere Messergebnisse liefert.

d)

Bereits heute grenzen die ersten vorläufigen Ergebnisse des KATRIN-Experiments die Ruheenergie des Elektron-Neutrinos auf mν c2<1,0 eVm_\nu\,c^2 < 1{,}0\text{ eV} ein.

Beurteilen Sie, welchen Fortschritt an Erkenntnis dies im Vergleich zum Wissensstand vor dem KATRIN-Experiment darstellt.

Aufgabenstellung: Aufgabe 3 - Teilaufgabe 3 · Abitur NRW Physik LK · Haupttermin · Weiterbildungskolleg 2023

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

a) Berechnen Sie den bisher geltenden Höchstwert der Neutrinomasse mνm_\nu in der Einheit „kg“.

Lösung: 3,8⋅10−363{,}8\cdot 10^{-36} kg

b) Begründen Sie, weshalb sich in Abbildung 4 die maximale Elektronenenergie EmaxE_\mathrm{max} beim β−\beta^--Zerfall von Eges, mν=0E_{\mathrm{ges},\,m_\nu=0} unterscheidet.

Lösung: Die maximale Elektronenenergie ist um die Ruheenergie des Antineutrinos mν c2m_\nu\,c^2 reduziert gegenüber der Gesamtenergie des β−\beta^--Zerfalls unter Annahme eines masselosen Neutrinos Eges, mν=0E_{\mathrm{ges},\,m_\nu=0}. Die Ruheenergie mν c2m_\nu\,c^2 des Antineutrinos muss aus der beim Zerfall frei werdenden Energie aufgebracht werden.

b) Geben Sie an, in welchem Energiebereich der Wert der maximalen Energie EmaxE_\mathrm{max} der Elektronen beim β−\beta^--Zerfall des Tritiums liegen muss: Untere Grenze

Lösung: 18587,8

b) Geben Sie an, in welchem Energiebereich der Wert der maximalen Energie EmaxE_\mathrm{max} der Elektronen beim β−\beta^--Zerfall des Tritiums liegen muss: Obere Grenze

Lösung: 18589,9

c) Begründen Sie qualitativ, weshalb statische Magnetfelder die kinetische Energie der Elektronen grundsätzlich nicht verändern.

Lösung: Statische Magnetfelder wirken über die Lorentzkraft F⃗L\vec{F}_\mathrm{L} auf bewegte Elektronen. Die Lorentzkraft wirkt dabei stets orthogonal zur momentanen Bewegungsrichtung der Elektronen, F⃗L⊥v⃗\vec{F}_\mathrm{L} \perp \vec{v}, d. h., diese Kraft ändert nur die Richtung, aber nicht den Betrag der Geschwindigkeit des Elektrons und damit auch nicht die kinetische Energie.

c) Erläutern Sie, weshalb die verbesserte Einstellgenauigkeit der Gegenspannung UGU_\mathrm{G} bei der Gegenfeldmethode genauere Messergebnisse liefert.

Lösung: Die höhere Einstellgenauigkeit der Gegenspannung UGU_\mathrm{G} bei der Gegenfeldmethode erlaubt es, die Grenzspannung, bei der keine Elektronen mehr im Detektor nachgewiesen werden können, genauer zu bestimmen. Diese Grenzspannung entspricht der Maximalenergie EmaxE_\mathrm{max} der Elektronen in der Maßeinheit eV.

d) Beurteilen Sie, welchen Fortschritt an Erkenntnis dies im Vergleich zum Wissensstand vor dem KATRIN-Experiment darstellt.

Lösung: Die Verbesserung der oberen Grenze der Neutrino-Ruheenergie auf mν c2<1,0 eVm_\nu\,c^2 < 1{,}0\text{ eV} allein durch vorläufige erste Ergebnisse des KATRIN-Experiments bedeutet bereits heute eine um den Faktor 2 bessere Messgenauigkeit gegenüber den zuvor besten Messungen.

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