Aufgabe 2: Myokardperfusionsszintigraphie · Abitur NRW Physik GK · Nachtermin 2023

Thema: Kernphysik und ionisierende Strahlung · Aus der Prüfung GK · Nachtermin (2023)

Aufgabenstellung

Aufgabenstellung:

Aufgabe: Myokardperfusionsszintigraphie

Die Myokardperfusionsszintigraphie ist eine Untersuchungsmethode (Szintigraphie), bei der die Durchblutung (Perfusion) des Herzmuskels (Myokard) dargestellt werden kann. Bei dieser Untersuchungsmethode wird dem Patienten eine radioaktive Substanz verabreicht.

Teilaufgabe 1: Thallium-201

Bei der Myokardperfusionsszintigraphie kann man das radioaktive Isotop Thallium-201 (Tl-201) verwenden. Thallium-201 entsteht aus dem Bleiisotop Pb-201.

a)

• Geben Sie die Gleichung für den Zerfall von Pb-201 an.

• Erläutern Sie unter Verwendung eines Austauschteilchens, auf welche Weise beim Zerfall von Pb-201 das vom Kern emittierte Positron zustande kommt.

Nach einem β-Zerfall kann zusätzlich γ-Strahlung entstehen.

b)

Erläutern Sie, auf welche Weise im Anschluss an einen β-Zerfall zusätzlich γ-Strahlung auftreten kann.

Das Thallium-201 zerfällt in Quecksilber-201, welches γ-Strahlung emittieren kann. Dabei treten unter anderem γ-Quanten mit der Energie Eγ=167,4 keVE_\gamma = 167{,}4\text{ keV} auf.

c)

Berechnen Sie die Wellenlänge λγ\lambda_\gamma der γ-Quanten mit der Energie Eγ=167,4 keVE_\gamma = 167{,}4\text{ keV}.

Zur Bestimmung der Halbwertszeit von Thallium-201 führt ein Medizinhersteller eine Messung durch, bei der er die Aktivität einer Thallium-201-Probe über mehrere Stunden misst. Die Aktivität A=ΔNΔtA = \frac{\Delta N}{\Delta t} einer radioaktiven Probe ist definiert als die Anzahl ΔN\Delta N der pro Zeiteinheit Δt\Delta t zerfallenen Kerne dieser Probe. Die Aktivität A(t)A(t) der Probe in Abhängigkeit von der Zeit tt kann durch folgende Gleichung beschrieben werden: A(t)=A0⋅e−λ⋅t.A(t) = A_0 \cdot e^{-\lambda \cdot t}. Dabei sind A0A_0 die Anfangsaktivität und λ\lambda die Zerfallskonstante.

d)

Zeigen Sie, dass zwischen der Zerfallskonstanten λ\lambda und der Halbwertszeit t1/2t_{1/2} folgender Zusammenhang gilt: t1/2=ln⁡2λ.t_{1/2} = \frac{\ln 2}{\lambda}.

Die folgende Tabelle 1 stellt die Messwerte des Medizinherstellers dar. Dabei sind die Messwerte bereits um die Nullrate bereinigt.

t in ht\text{ in h} · 0 · 20 · 40 · 60 · 80 · 100 · 120

A in MBqA\text{ in MBq} · 370 · 310 · 250 · 210 · 180 · 150 · 120

Tabelle 1: Messwerte der Aktivität A von Thallium-201 in Abhängigkeit von der Zeit t

e)

• Zeichnen Sie ein geeignetes tt-AA-Diagramm.

• Begründen Sie mithilfe einer graphischen Auswertung aller Messwerte, dass zwischen der Zeit tt und der Aktivität AA ein exponentieller Zusammenhang besteht.

• Bestimmen Sie mithilfe einer graphischen Auswertung aller Messwerte die Halbwertszeit t1/2t_{1/2} von Thallium-201.

Teilaufgabe 2: Umgang mit Thallium-201

Dem Patienten wird das Thallium-201 in Form einer Infusionslösung in den Blutkreislauf verabreicht. Der Hersteller dieser Lösung gibt an, dass das Thallium-201 eine Halbwertszeit von t1/2=72,9 ht_{1/2} = 72{,}9\text{ h} hat und dass 2 ml2\text{ ml} dieser Lösung nach der Herstellung die Anfangsaktivität von A0=74,0 MBqA_0 = 74{,}0\text{ MBq} haben.

a)

Die vorgeschriebene Aktivität der Infusionslösung zur Untersuchung eines erwachsenen Patienten beträgt A=55,5 MBqA = 55{,}5\text{ MBq}.

• Bestimmen Sie, welches Volumen in Milliliter der frisch hergestellten Infusionslösung dem erwachsenen Patienten verabreicht werden muss.

• Erläutern Sie quantitativ, was zu beachten ist, wenn ein Patient die Infusionslösung 6 Tage nach der Herstellung erhält.

b)

Bei einer Myokardperfusionsszintigraphie ist die Strahlenbelastung für das Herz, die Nieren, die Keimdrüsen und die Schilddrüse besonders hoch. Die folgende Tabelle 2 stellt die Energiedosis der genannten Organe bei einer Untersuchung dar:

Organ · Energiedosis DOrganD_\text{Organ}

Herz · 5,1⋅10−3 Jkg5{,}1 \cdot 10^{-3}\text{ }\frac{\text{J}}{\text{kg}}

Nieren · 2,2⋅10−2 Jkg2{,}2 \cdot 10^{-2}\text{ }\frac{\text{J}}{\text{kg}}

Keimdrüsen · 8,5⋅10−3 Jkg8{,}5 \cdot 10^{-3}\text{ }\frac{\text{J}}{\text{kg}}

Schilddrüse · 1,1⋅10−2 Jkg1{,}1 \cdot 10^{-2}\text{ }\frac{\text{J}}{\text{kg}}

Tabelle 2: Energiedosis der Organe bei einer Myokardperfusionsszintigraphie

• Geben Sie an, was man unter der Energiedosis DD versteht.

Die Äquivalentdosis HH berücksichtigt die biologische Wirkung ionisierender Strahlung. Dabei gilt H=wR⋅DH = w_\text{R} \cdot D. Der Faktor wRw_\text{R} ist der Strahlungswichtungsfaktor und kann der folgenden Tabelle 3 entnommen werden:

Strahlungsart · wRw_\text{R}

γ-Strahlung · 1

β-Strahlung · 1

α-Strahlung · 20

Tabelle 3: Strahlungswichtungsfaktoren

• Nennen Sie einen Grund, weshalb der Strahlungswichtungsfaktor von α-Strahlung deutlich größer ist als bei den anderen angegebenen Strahlungsarten.

Die effektive Dosis EE berücksichtigt zudem die Empfindlichkeit der Organe mit dem Gewebewichtungsfaktor wTw_\text{T}. Die Tabelle 4 gibt eine Übersicht über die hier relevanten Gewebewichtungsfaktoren:

Organ · wTw_\text{T}

Herz · 0,12

Niere · 0,12

Keimdrüsen · 0,08

Schilddrüse · 0,04

Tabelle 4: Gewebewichtungsfaktoren

Um die effektive Dosis EE zu bestimmen, summiert man die Produkte wT⋅Hw_\text{T} \cdot H über alle betroffenen Organe.

• Bestimmen Sie die effektive Dosis EE der vier belastetsten Organe bei einer Myokardperfusionsszintigraphie.

Die effektive Dosis der natürlichen Strahlenbelastung in Deutschland beträgt etwa 2,1 mSv2{,}1\text{ mSv} pro Jahr.

• Geben Sie zwei Beispiele für Quellen der natürlichen Strahlenbelastung an.

• Beurteilen Sie die Strahlenbelastung bei einer Myokardperfusionsszintigraphie im Vergleich zur natürlichen Strahlenbelastung von 2,1 mSv2{,}1\text{ mSv} pro Jahr.

c)

Darüber hinaus ist Thallium auch biochemisch giftig, bereits 800 mg800\text{ mg} sind lebensbedrohlich. Zwischen der Aktivität AA, der Anzahl NN der zum Zeitpunkt tt vorhandenen Kerne eines radioaktiven Präparates und der Zerfallskonstanten λ\lambda gilt folgender Zusammenhang: A(t)=λ⋅N(t).A(t) = \lambda \cdot N(t).

• Berechnen Sie die Anzahl N(0)N(0) der zum Zeitpunkt t=0t = 0 vorhandenen Tl-201-Atome, wenn die Anfangsaktivität der Infusionslösung A(0)=55,5 MBqA(0) = 55{,}5\text{ MBq} beträgt.

Die Atommasse eines Thallium-201-Atoms beträgt m=201 um = 201\text{ u}.

• Prüfen Sie, ob die bei einer Myokardperfusionsszintigraphie verwendete Menge an Thallium-201 in der Größenordnung liegt, die für einen Menschen lebensbedrohlich ist.

d)

Neben Thallium-201 kann man auch Technetium-99 verwenden, um eine Myokardperfusionsszintigraphie durchzuführen. Technetium-99 ist ebenfalls ein β-Strahler. Die Energie der für die Untersuchungsmethode relevanten emittierten γ-Quanten ist fast so groß wie die beim Zerfall von Thallium-201. Dennoch ist die effektive Dosis bei einer Untersuchung mit Technetium-99 deutlich geringer als die mit Thallium-201.

Erläutern Sie einen möglichen Grund, weshalb die Strahlenbelastung bei einer Myokardperfusionsszintigraphie mit Technetium-99 deutlich geringer ist als mit Thallium-201.

Aufgabenstellung: Aufgabe 2: Myokardperfusionsszintigraphie · Abitur NRW Physik GK · Nachtermin 2023

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

a) Geben Sie die Zerfallsgleichung von Pb-201 an.

Lösung: 82201Pb→81201Tl+10e+νe{}^{201}_{82}\text{Pb} \rightarrow {}^{201}_{81}\text{Tl} + {}^{0}_{1}\text{e} + \nu_\text{e}

a) Erläutern Sie unter Verwendung eines Austauschteilchens, auf welche Weise beim Zerfall von Pb-201 das vom Kern emittierte Positron zustande kommt.

Lösung: Im Kern wandelt sich ein Proton in ein Neutron um (u→d+W+u \rightarrow d + W^+). Das W+W^+-Boson zerfällt in ein Positron und ein Elektron-Neutrino.

b) Erläutern Sie, auf welche Weise im Anschluss an einen β-Zerfall zusätzlich γ-Strahlung auftreten kann.

Lösung: Der Tochterkern befindet sich oft in einem angeregten Zustand und gibt die Energiedifferenz beim Übergang in den Grundzustand als γ-Quant ab.

c) Berechnen Sie die Wellenlänge λ_γ der γ-Quanten mit der Energie E_γ = 167,4 keV.

Lösung: 7,41⋅10−12 m/7,41 pm7{,}41\cdot 10^{-12}\text{ m} / 7{,}41\text{ pm}

d) Zeigen Sie, dass zwischen der Zerfallskonstanten λ und der Halbwertszeit t_1/2 folgender Zusammenhang gilt: t_1/2 = ln 2 / λ.

Lösung: A(t1/2)=12A0=A0⋅e−λt1/2⇒e−λt1/2=12⇒−λt1/2=−ln⁡2⇒t1/2=ln⁡2λA(t_{1/2}) = \frac{1}{2} A_0 = A_0 \cdot e^{-\lambda t_{1/2}} \Rightarrow e^{-\lambda t_{1/2}} = \frac{1}{2} \Rightarrow -\lambda t_{1/2} = -\ln 2 \Rightarrow t_{1/2} = \frac{\ln 2}{\lambda}

e) Zeichnen Sie ein geeignetes t-A-Diagramm.

Lösung: Diagramm mit Zeit tt in h auf der Abszisse und Aktivität AA in MBq auf der Ordinate mit eingetragenen Messwerten und Ausgleichskurve:

e) Begründen Sie mithilfe einer graphischen Auswertung aller Messwerte, dass zwischen der Zeit t und der Aktivität A ein exponentieller Zusammenhang besteht.

Lösung: Eine exponentielle Regression liefert ein Bestimmtheitsmaß von r² = 0,998 (sehr nahe bei 1), was die exponentielle Abnahme bestätigt.

e) Bestimmen Sie mithilfe einer graphischen Auswertung aller Messwerte die Halbwertszeit t_1/2 von Thallium-201.

Lösung: 77 h/3,2 d77\text{ h} / 3{,}2\text{ d}

Teilaufgabe 2 a) Bestimmen Sie, welches Volumen in Milliliter der frisch hergestellten Infusionslösung dem erwachsenen Patienten verabreicht werden muss.

Lösung: 1,5 ml1{,}5\text{ ml}

Teilaufgabe 2 a) Erläutern Sie quantitativ, was zu beachten ist, wenn ein Patient die Infusionslösung 6 Tage nach der Herstellung erhält.

Lösung: Nach 6 Tagen (ca. zwei Halbwertszeiten) ist die Aktivität auf rund 25 % gesunken, daher muss das fast 4-fache Volumen (ca. 6 ml) verabreicht werden.

Teilaufgabe 2 b) Geben Sie an, was man unter der Energiedosis D versteht.

Lösung: Die Energiedosis D ist der Quotient D = ΔE / Δm aus der absorbierten Strahlungsenergie ΔE und der Masse Δm des Gewebes.

Teilaufgabe 2 b) Nennen Sie einen Grund, weshalb der Strahlungswichtungsfaktor von α-Strahlung deutlich größer ist als bei den anderen angegebenen Strahlungsarten.

Lösung: Alpha-Teilchen haben eine hohe Ionisationsdichte und deponieren ihre Energie auf sehr kurzer Wegstrecke, was zu schweren Gewebeschäden führt.

Teilaufgabe 2 b) Bestimmen Sie die effektive Dosis E der vier belastetsten Organe bei einer Myokardperfusionsszintigraphie.

Lösung: 4,4 mSv/0,0044 Sv4{,}4\text{ mSv} / 0{,}0044\text{ Sv}

Teilaufgabe 2 b) Geben Sie zwei Beispiele für Quellen der natürlichen Strahlenbelastung an.

Lösung: Kosmische Strahlung, terrestrische Strahlung oder inkorporierte Radionuklide (z. B. Radon).

Teilaufgabe 2 b) Beurteilen Sie die Strahlenbelastung bei einer Myokardperfusionsszintigraphie im Vergleich zur natürlichen Strahlenbelastung von 2,1 mSv pro Jahr.

Lösung: Mit ca. 4,4 mSv ist die Dosis etwa doppelt so hoch wie die jährliche natürliche Belastung; die Untersuchung bedeutet eine erhebliche Strahlenbelastung und erfordert strenge Indikation.

Teilaufgabe 2 c) Berechnen Sie die Anzahl N(0) der zum Zeitpunkt t = 0 vorhandenen Tl-201-Atome, wenn die Anfangsaktivität der Infusionslösung A(0) = 55,5 MBq beträgt.

Lösung: 2,1⋅10132{,}1\cdot 10^{13}

Teilaufgabe 2 c) Prüfen Sie, ob die bei einer Myokardperfusionsszintigraphie verwendete Menge an Thallium-201 in der Größenordnung liegt, die für einen Menschen lebensbedrohlich ist.

Lösung: 800 mg entsprechen rund 2,3 · 10^21 Atomen. Die verwendete Menge (2,1 · 10^13 Atome) ist um einen Faktor 10^8 geringer und biochemisch völlig unbedenklich.

Teilaufgabe 2 d) Erläutern Sie einen möglichen Grund, weshalb die Strahlenbelastung bei einer Myokardperfusionsszintigraphie mit Technetium-99 deutlich geringer ist als mit Thallium-201.

Lösung: Technetium-99 wird vom Körper schneller biologisch ausgeschieden oder hat eine geringere biologische bzw. physikalische Verweildauer als Thallium-201.

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