Aufgabe 2 · Abitur NRW Geschichte LK · Haupttermin 2023

Thema: Nationalsozialismus: Ideologie, Herrschaft und Verbrechen · Aus der Prüfung LK · Haupttermin (2023)

Aufgabenstellung

Abiturprüfung 2023 – Geschichte, Leistungskurs (GE LK HT 2)

Aufgabenstellung:

Interpretieren Sie die vorgelegte Quelle, indem Sie

1.

die Quelle analysieren, (26 Punkte)

2.

die Quelle in den wirtschaftspolitischen Zusammenhang einordnen (16 Punkte) und Görings Perspektive auf wirtschaftliche Zusammenhänge charakterisieren (12 Punkte), (28 Punkte)

3.

zu den Aussagen des Redners Stellung nehmen. (26 Punkte)

Hinweis zur Bewertung: Zusätzlich können für die Darstellungsleistung höchstens 20 Punkte erreicht werden. Gesamtpunktzahl: 100 Punkte.

Materialgrundlage

Rede des Generalfeldmarschalls Hermann Göring auf dem Parteitag, 9. September 1938.

(Rechtschreibung, Grammatik und Hervorhebungen wie im Original)

Hinweise zum Material:

Der 1938 vom 5. bis zum 12. September stattfindende Reichsparteitag der NSDAP in Nürnberg stand unter dem Motto „Großdeutschland“. Göring vertrat Hitler bei der 6. Tagung der Deutschen Arbeitsfront (DAF) und hielt dort diese Rede. Sie wurde anschließend als Sonderdruck des Zentralverlags der NSDAP verbreitet.

[...]

Wir im Altreich 1 vergessen oft, daß auch bei uns einst der Fluch der Arbeitslosigkeit geherrscht hat, wir vergessen zu leicht jene furchtbaren Zeiten, da wir treppauf, treppab um Arbeit betteln mußten, da jene furchtbare Zeit der Not und des Elends eine alltägliche Erscheinung in unserem Volke war. Wir vergessen zu leicht, daß in der Zeit vor der Machter-

5 greifung in Deutschland überall ein ungeheurer Mangel an Arbeit war, ein Mangel an Arbeit, dem heute der Mangel an Arbeitern gegenübersteht. Ich glaube, meine Volksgenossen, wenn gerade ihr Schaffenden euch das einmal klar überlegt, wie einst die Zeit war, als niemand von euch überhaupt auf Arbeit hoffen konnte, und daß wir jetzt nach fünf Jahren nur noch ein Problem kennen, für eine ungeheure Fülle von Arbeit, von großen und gewaltigen Anstren-

10 gungen wirklich noch genug Arbeiter zu finden, wo ist eine ähnliche Erscheinung in der Welt? Wo gibt es noch einmal ein Volk von 75 Millionen, das noch nicht einmal genügend Arbeiter stellen kann, um all der brennenden Probleme Herr zu werden, die uns unsere Bewegung gestellt hat. Ich glaube – der Führer hat es mit Recht in seiner Proklamation erwähnt 2 – es ist wirklich etwas Eigenartiges, wenn das Ausland uns heute diese Schwierigkeit vorwirft, daß

15 wir Mangel an Arbeitern haben. Die Länder um uns haben einen Überschuß an Arbeitern, aber sie leiden unter einem Mangel an Arbeit, den wir einstmals so furchtbar bei uns kennenlernen mußten. In diesen Jahren, die uns von diesem furchtbaren Gespenst trennen, ist in Deutschland eine Aufbauarbeit geleistet worden von solch gewaltigem Umfang, wie sie die Geschichte noch nie verzeichnet hat. [...]

20 Als wir damals die Macht ergriffen haben, ja, da fanden sich manche Teile nur ungern damit ab. Auch im Ausland sagte man: Das kann nicht von langer Dauer sein. Gott, sie mögen ja vielleicht ganz gute Politiker sein, sonst wäre es ihnen ja schließlich nicht geglückt, das ganze Volk für sich zu gewinnen. Sie sind vor allen Dingen Trommler, Redner und ganz gute Propagandisten. Aber an einem müssen sie scheitern: Von Wirtschaft haben sie keine Ahnung.

25 Auf diesem Gebiete sind sie Phantasten. Schon allein die Tatsache, daß sie davon sprechen, das Problem der Arbeitslosigkeit in einigen Jahren – vier Jahre sagten sie damals – lösen zu wollen, ein Problem, an das sich die besten Köpfe unserer Zeit gemacht haben und keine Lösung fanden. Wie wollen diese Knirpse, die ja noch nie Wirtschaft überhaupt betrieben haben, davon Bescheid wissen?

30 Ich gebe den Herren von damals eines zu: Allerdings, von jener korrupten Mißwirtschaft, die sie trieben, hatten wir keine Ahnung. Das ist richtig. Sie gaukelten uns etwas vor, als ob Wirtschaft eine höhere Wissenschaft wäre. Hinter diesem Gestrüpp von Kurstabellen, Tarifen, Dividenden, Kalkulationen, Zinsen und Tantiemen verbarg sich lediglich ihr gemeines egoistisches Profitstreben, und das nannten sie die höhere Wirtschaft. Dieser Auffassung von

35 Liberalismus und Wirtschaft setzten wir die nationalsozialistische Auffassung entgegen, und die heißt: Im Mittelpunkt der Wirtschaft steht das Volk und steht die Nation, nicht aber der einzelne mit seinem Profit. Die Arbeit und die Wirtschaft ist ausschließlich für das Volksganze da.

[...]

40 Die Sicherstellung der Reichsverteidigung hat es notwendig gemacht, daß ich eine Verordnung erlassen mußte, 3 die mir an sich nicht leicht geworden ist. Als es darum ging, meine schaffenden Volksgenossen, das Reich zu sichern, als es galt, im Westen eine unüberbrückbare Barriere aufzubauen, da habe ich nicht gezögert, da habe ich die Pflichtarbeit eingeführt, und die Arbeiter sind

45 mir willig und freudig gefolgt. Hunderttausende von Arbeitern sind aus ihren Betrieben herausgezogen worden. 4 Warum? Weil diese für staatspolitisch notwendige Aufgaben eingesetzt wurden. Ich möchte aber eines gleich betonen, um gar keine Zweifel aufkommen zu lassen: Der Einsatz der Pflichtarbeit darf nur für wirklich wichtige Vorhaben der Sicherheit des Reiches in Frage kommen. Die Entscheidung darüber habe ich

50 mir allein in jedem Falle vorbehalten. Sollte ich sehen, daß für eine Aufgabe auf dem üblichen Weg die Arbeitskräfte beschafft werden können, dann werde ich nie und nimmer einwilligen, daß für diese Arbeit Pflichtarbeiter zur Verfügung gestellt werden. Es darf kein Zweifel darüber bestehen, daß diese Verordnung eine Sondermaßnahme für ganz bestimmte Zwecke ist, für Bauvorhaben, von deren Durchführung das

55 Schicksal der Nation schlechterdings abhängt. In der Regel muß der Kräftebedarf auf dem üblichen Wege gedeckt werden.

[...]

Ich glaube, daß in diesem Augenblick die ganze Umgebung, in der wir hier sind, uns zu hoch stimmt, als daß ich auf all die Kleinigkeiten eingehen soll. Gewiß, es wird immer ge-

60 wisse Übergangsschwierigkeiten geben. Daß der eine mal warten mußte, bis die Baracke gebaut war, daß dem einen die Knödel, dem anderen das Fleisch und dem Dritten das gewohnte Gemüse fehlte, das sind Dinge, die sich so nebenbei lösen lassen. Aber es kommt immer nur darauf an: Was soll hier überhaupt geschafft werden? Und da ist die Willenskraft und die freudige Einsatzbereitschaft der Hunderttausende wirklich so wunderbar gewesen, daß man immer

65 wieder fragen muß: Was ist diesem Volk überhaupt noch unmöglich? Ich wollte mal sehen, ob eine Nation es fertigbringen kann, in wenigen Tagen und Wochen ein Arbeiterheer von Hunderttausenden aufzustellen, an einem Platz zu vereinigen und dort eine Arbeit zu vollziehen, von deren Ausmaß sich die anderen hoffentlich nie zu überzeugen brauchen.

[...]

70 Diese allgemeine Arbeitsanspannung wirkt sich natürlich auch in der Arbeitszeit aus und es ist schon notwendig, daß vorübergehend zehn und mehr Stunden gearbeitet wird. Und ich darf euch versichern, Schaffende, das ist nicht nur bei euch so. Wenn dereinst in den Ministerien und Amtsstuben ein wohliges Dahindämmern zu Hause war und mitten im Wort Punkt sechs der Federhalter weggelegt wurde, dann ist das heute vorbei. Noch um Mitternacht kön-

75 nen Sie die Fenster der Zentralen des Reiches erleuchtet sehen, noch um Mitternacht schafft und arbeitet dort die Führung des Reiches, um dem Volk die Voraussetzungen seines Bestehens zu sichern. Der Beamte befindet sich heute im permanenten Dienst, und darum muß jeder einzelne, wohin ihn das Schicksal gestellt hat, das gleiche tun. Niemals aber, das verspreche ich euch, Schaffende, werde ich dulden, daß Überarbeit und Überanstrengung aus-

80 genutzt werden für persönliche Profite. Dort, wo Überarbeit geleistet wird, geschieht sie nur für des Reiches Herrlichkeit. [...]

Arbeitslohn und Lebenshaltung hängen hiermit aufs engste zusammen. Eine Höchstbeanspruchung der Arbeitskraft, meine Volksgenossen, setzt natürlich auch, in der Ideenwelt des Nationalsozialismus begründet, eine entsprechende Sozialpolitik voraus. Sozialer Fortschritt

85 muß auf weite Sicht stets gewährleistet bleiben. Nur dann, wenn ich bereit bin, Äußerstes an sozialer Leistung zu geben, kann ich auch Äußerstes an Einsatzbereitschaft und Pflichterfüllung von euch fordern. [...] Nur eines muß unter allen Umständen erreicht werden: Die gegenwärtige Knappheit an Fachkräften darf nicht dazu führen, daß die Betriebsführer sich durch unmögliche Versprechungen, durch übersteigerte Löhne oder soziale Zuwendungen gegen-

90 seitig die Arbeiter abjagen. [...]

1 Altreich: In der NS-Terminologie Bezeichnung für die Teile des Deutschen Reiches, die vor dem sogenannten Anschluss Österreichs zum Territorium des Reichs gehört hatten.

2 Hitler hatte in seiner Eröffnungsrede zum Reichsparteitag Behauptungen aus dem westlichen Ausland zurückgewiesen, der Arbeitskräftemangel in Deutschland sei Ausdruck wirtschaftlicher Schwäche.

3 Gemeint ist die sogenannte Kräftebedarfsverordnung vom 23.06.1938, durch die es dem Staat prinzipiell möglich war, jeden zum verpflichtenden Arbeitseinsatz einzuberufen.

4 Zur Errichtung des sogenannten Westwalls wurde im Mai 1938 die „Organisation Todt“ gegründet, deren Leiter Fritz Todt ermächtigt wurde, für den Bau beliebig viele Arbeiter zu requirieren.

1.

2.

3.

Aufgabenstellung: Aufgabe 2 · Abitur NRW Geschichte LK · Haupttermin 2023

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. die Quelle analysieren, (26 Punkte)

Lösung: Ausführliche quellengestützte Analyse der Rede Görings vom 9. September 1938 gemäß den formalen und inhaltlichen Kriterien der Aufgabenstellung.

2. die Quelle in den wirtschaftspolitischen Zusammenhang einordnen (16 Punkte) und Görings Perspektive auf wirtschaftliche Zusammenhänge charakterisieren (12 Punkte), (28 Punkte)

Lösung: Historische Kontextualisierung der NS-Wirtschafts- und Sozialpolitik (16 Punkte) und differenzierte Charakterisierung von Görings ideologischer Wirtschaftssicht (12 Punkte).

3. zu den Aussagen des Redners Stellung nehmen. (26 Punkte)

Lösung: Kritische und differenzierte Stellungnahme bzw. historisches Sach- und Werturteil zu Görings Ausführungen auf der Basis der Analyse und des Kontextwissens.

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