Aufgabe HT 2 · Abitur NRW Geschichte LK · Haupttermin 2022

Thema: Nationalsozialismus: Ideologie, Herrschaft und Verbrechen · Aus der Prüfung LK · Haupttermin (2022)

Aufgabenstellung

Abiturprüfung 2022 – Geschichte, Leistungskurs (GE LK HT 2)

Aufgabenstellung:

Interpretieren Sie die Quelle, indem Sie folgende Schritte ausführen: Sie analysieren die Quelle, [26 Punkte]

Sie ordnen die Quelle in den historischen Zusammenhang ein (12 Punkte) und erläutern die Verbindungen, die der Redner zur NS-Ideologie zieht (16 Punkte), [28 Punkte]

Sie bewerten die Darlegungen des Redners. [26 Punkte]

Materialgrundlage:

Robert Ley: Die deutsche Arbeitsfront ihr Werden und ihre Aufgaben. Rede vor dem Diplomatischen Korps und der ausländischen Presse am 1. März 1934 bei einem Empfangsabend des Außenpolitischen Amtes der N.S.D.A.P.

(Rechtschreibung und Hervorhebungen wie im Original)

Hinweise zum Autor und zum Material:

Robert Ley (1890 – 1945): führender NS-Politiker und Leiter der Deutschen Arbeitsfront (DAF). Die Rede wurde zuerst vor den diplomatischen Vertretern ausländischer Staaten gehalten und anschließend als Sonderdruck veröffentlicht.

1 Hierin liegt das große Geheimnis der nationalsozialistischen Revolution, daß ihr Führer Adolf Hitler, jenen schicksalhaften Gedanken des wahren Sozialismus und der einzigen Gemeinschaft, geboren aus Kameradschaft und Treue, aus den Schützengräben des Weltkrieges hinüberrettete in die Politik und sie dem Werden unseres Volkes nützbar machte. Es war darum

5 auch Verbrechen und Gemeinheit zugleich, daß die Machthaber vom 9. November 1918 bestrebt waren, 4 ½ Jahre, die die ungeheuersten Opfer von einem Volke verlangten, einfach mit einem Federstrich, mit einer papierenen Verfassung aus der Geschichte auszulöschen. Wenn 2 Millionen junger Menschen eines Volkes ihr Leben lassen, Millionen aus ihren Wunden bluten, so ist es Wahn und Aberwitz, diese Opfer als unrecht, als falsch, ja als für eine ver-

10 brecherische Sache dargebracht hinzustellen. Die deutsche Revolution hat in jenen Augusttagen 1914 ihren Anfang genommen und man kann behaupten, daß, wenn wirklich die Erneuerung eines Volkes beginnt, Blut dem Schicksal als Opfer gebracht werden muß.

13 In den Gräben des Westens und des Ostens fand sich das Volk wieder zusammen, die Granaten fragten nicht nach Stand oder Geburt, nach arm oder reich, nach Konfession oder Beruf,

15 hier galt nur Schicksalsgemeinschaft und Einsatzbereitschaft. Das deutsche Volk bestand diese Probe und all die Heldentaten unserer Armee waren geboren aus einer grenzenlosen Treue und aus einer unbeschreiblichen Kameradschaft dieser Menschen untereinander. Das war echter Sozialismus. Sozialismus heißt Treue, Kameradschaft, heißt Mut haben, Kämpfer sein für eine große, gewaltige Idee. Nun aber prüfte uns das Schicksal zum zweiten Male. Deutsch-

20 land hatte bewiesen, daß es eine Gemeinschaft bilden konnte. Jedoch war dieses große Opfer durch Siege begleitet, aber das Schicksal wollte wissen, ob dieses Volk auch in Zeiten tiefster Schande, größter Demütigungen und unerhörtester Entbehrungen zu dem gleichen Opfer bereit war. Diese zweite Probe von 1918 bis 1933 war härter als die von 1914 bis 1918. In dem von Landesverrätern geführten, von außen gedemütigten und geschlagenen Volke wuchs

25 aus den kleinsten und winzigsten Anfängen heraus eine neue Gemeinschaft, verschworen auf Gedeih und Verderb, die bereit war, jedes Opfer auf sich zu nehmen. Ihr Führer war allen das Vorbild, seine Treue, seine Kameradschaft, seine Hingabe an die Idee und an Deutschland, seine Opferbereitschaft in allem und jedem gab diesem Häuflein von Männern die Kraft, alle diejenigen zu sammeln, die den Geist und den Gedanken der Gemeinschaft aus den Schützen-

30 gräben mit nach Hause genommen hatten.

31 So entstand die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei, als Keimzelle eines wahren und edlen Sozialismus. Diese Gemeinschaft versprach nichts, sondern sie forderte. Sie appellierte nicht an Pazifismus und Feigheit, sondern an Mut und Tapferkeit. Sie verlangte unerhörten Gehorsam, sie verlangte restlose Hingabe, Aufgeben des eigenen Ich zugunsten der

35 Idee, des Volkes, des Führers.

[...]

Es kam das Jahr des Sieges 1933.

38 Es ist hier nicht meine Aufgabe, auf all' die Einzelheiten und großen Erfolge der nationalsozialistischen Revolution im vergangenen Jahre hinzuweisen, jedoch das größte von allem,

40 besonders aber für den Außenstehenden, ist das Wunder des Wachsens und Werdens der Einheit der deutschen Nation. Der 12. November 1 hat bewiesen, daß der Nationalsozialismus nicht äußerlich die Macht in Deutschland übernommen hat und nun mit Terror und Gewalt als Despot Deutschland knebelt und knechtet, sondern daß dieses Regiment, als einzigstes [sic!] auf der Welt, von der Liebe und Treue und Hingabe des gesamten Volkes getragen wird.

45 Welcher Staatsmann kann sich, wie Adolf Hitler rühmen, 95% der Nation hinter sich und seiner Politik zu haben? Hitlers Regiment ist Volksherrschaft im edelsten und erhabensten Sinne.

Wie war dieses Wunder möglich?

[...]

50 Es ist hier nicht der Platz, um noch einmal historisch die Dinge zu entwickeln, wie sie am 2. Mai und in den folgenden Tagen abgelaufen sind. Ich möchte jedoch nicht verfehlen, besonders auf einen Umstand hinzuweisen, der charakteristisch für die Brüchigkeit und Fäulnis innerhalb dieser Organisationen war. Nicht nur, daß die Führer der Gewerkschaften keinerlei Widerstand entgegensetzten, im Gegenteil, jeder, der an dieser großen Aktion teilnahm,

55 hatte den Eindruck, daß die Gewerkschaftsführer bereits darauf warteten, abgesetzt zu werden, und daß sie es als eine Erlösung empfanden, von ihrem Posten entfernt zu werden. Sie unterschrieben alles und jedes. Es war, als ob man eine überreife Frucht, die bereits in Fäulnis übergegangen war, vom Baum schüttelte, und was vielleicht neben diesem Moment der Feigheit, der Hilflosigkeit besonders in Erscheinung trat, war jene Tatsache, daß die Massen

60 im Lande ebenso froh darüber waren. [...] Schlechter, wie es ihnen gegangen war, konnte es ihnen nicht mehr gehen, das war ihre Ansicht. Und als ich dann erklärte, daß wir nicht allein die Organisationen und Einrichtungen des Arbeiters erhalten würden, sondern wir den heroischen Kampf der Arbeiterschaft in den vergangenen Jahrzehnten mit Hochachtung verfolgt hätten und daß wir bemüht sein würden, ihm neue Einrichtungen hinzuzuschaffen, die ihm

65 nun wirklich ein menschenwürdiges Dasein in Ehre und Achtung in der Gemeinschaft der Nation geben sollte, nun wuchs aus dem Fatalismus bereits Vertrauen heran. [...]

67 Während das Volk durch das vergangene System zerrissen, zerklüftet und zerspalten war und doch in allen großen Organisationen die Gemeinschaft gepredigt worden war, trat jetzt die gewaltige Reaktion auf diese Fehler ein. Das Volk drängte zur Gemeinschaft. Es überstürzte

70 sich geradezu in diesem Drang, sich wieder zusammenzufinden. Der Führer hatte den Ausspruch getan, daß ein Volk, mit dem man Politik machen will, starke Nerven haben muß. Die moderne Entwicklung der Industrie, das Washingtoner Abkommen über den 8-Stunden-Tag bedingten jene verderbliche Rationalisierung, die den Menschen nur noch zur Maschine machte. Stoppuhr, Akkord, Maschine, laufendes Band, zermürbten die Nerven und mecha-

75 nisierten die Menschen. Die vergangenen Machthaber hatten es nun in gar keiner Weise verstanden, den Ausgleich zu schaffen, den Feierabend der Millionen aufzufüllen und ihnen damit zunächst auch nur einmal Erholung zu verschaffen. Für mich stand es fest, daß nicht nur allein eine neue politische und wirtschaftliche Ordnung der letzte Sinn unserer Revolution sein konnte, sondern daß zuerst und vor allem eine neue Gesellschaftsordnung aufge-

80 baut werden mußte. Das Volk drängte zur Gemeinschaft und unsere Ziele mußten sein, diese zu organisieren und mit neuen Aufgaben zu erfüllen. Es gehört vielleicht dereinst zu den großen Taten dieser nationalen Revolution, daß schon einige Monate nach Verkündung der N.S.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“ tausende und aber回避tausende Arbeiter aus allen Gebieten Deutschlands in die Berge der Alpen, in die wundervollen Berge des Schwarzwaldes, in den

85 Harz, in den Bayer. Wald und ins Riesengebirge fahren konnten.

86 Genau wie hier mit größter Energie und Tatkraft das neue Wollen umgesetzt wurde, geschah es auf jedem Gebiet dieser N.S.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“. [...] Was der Marxismus versprochen hat, wird der Nationalsozialismus in die Tat umsetzen. So das Ziel, so die Wirklichkeit. Die Organisationen wurden diesem Gedanken der Gemeinschaft angepaßt. Aus

90 den Verbänden der Arbeiter, Arbeitnehmer und Angestellten wurden Betriebsgemeinschaften, die nach ihrem Fach in Reichsbetriebsgruppen zusammengefaßt werden. Unternehmer und Arbeiter. Das ist die Erkenntnis aller, das ist unser Wille.

[...]

1 12. November: Datum der Reichstagswahlen, bei denen nur noch einer von den Nationalsozialisten dominierten Einheitsliste zugestimmt werden konnte. Etwa 92 % der Stimmen entfielen auf diese Einheitsliste. Bei der am gleichen Tag stattfindenden Volksabstimmung stimmten 95 % für den Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund.

1.

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3.

Aufgabenstellung: Aufgabe HT 2 · Abitur NRW Geschichte LK · Haupttermin 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. diese analysieren,

Lösung: Analyse der Quelle nach formalen Aspekten sowie Inhalt und Gedankengang.

2. diese in den historischen Zusammenhang einordnen (12 Punkte) und die Verbindungen erläutern, die der Redner zur NS-Ideologie zieht (16 Punkte),

Lösung: Historische Einordnung in die Phase der Machtergreifung/Gleichschaltung 1933/34 sowie Erläuterung der Bezüge zur NS-Ideologie (Militarismus, Führerprinzip, Sozialismusbegriff, Volksgemeinschaft).

3. Sie bewerten die Darlegungen des Redners.

Lösung: Kriterienorientierte historische Bewertung der Ausführungen Leys hinsichtlich Plausibilität, historischer Realität, manipulativem Gehalt und Widersprüchen zur NS-Praxis.

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