Abitur NRW Geschichte 2023 · LK · Haupttermin
Abiturprüfung Geschichte in Nordrhein-Westfalen 2023, LK · Haupttermin: 1 Aufgabe mit Lösungen. Themen: Imperialismus und Erster Weltkrieg. Kostenlos.
Themen der Prüfung: Imperialismus und Erster Weltkrieg · Nationalsozialismus: Ideologie, Herrschaft und Verbrechen · Friedliche Revolution 1989 und Wiedervereinigung
Aufgabe 1 · Imperialismus und Erster Weltkrieg
Aufgabenstellung:
Interpretieren Sie die vorliegende Quelle, indem Sie folgende Schritte bearbeiten:
1.
die Quelle analysieren, (26 Punkte)
2.
die Quelle in den Zusammenhang der Kolonialpolitik des Deutschen Kaiserreichs einordnen (14 Punkte) und die darin erkennbare politische Haltung des Redners untersuchen (14 Punkte), (28 Punkte)
3.
zu Caprivis Standpunkt Stellung nehmen. (26 Punkte)
Materialgrundlage:
Leo von Caprivi: Rede vor dem Reichstag am 12. Mai 1890.
(Rechtschreibung, Grammatik und Hervorhebungen wie im Original)
Informationen zum Redner und zum Material:
Leo von Caprivi war der Nachfolger Otto von Bismarcks als Reichskanzler. Er hielt die Rede anlässlich der Debatte über einen Nachtragshaushalt 1890/91 zur Deckung der Kosten im ostafrikanischen Kolonialgebiet. Vor Caprivis Rede hatte Ludwig Bamberger, ein Vertreter der Liberalen, Kritik an den in den Kolonien anfallenden Kosten geübt.
[...]
Nach dem Kriege von 1870 trat eine Periode ein, in der der nationale Geist, ich will nicht sagen, rückläufig wurde, aber zu erlahmen schien. Es fehlten ihm Objekte, auf die er sich richten konnte; der Idealismus, dessen der Deutsche zu seiner Existenz bedarf, hatte sich abgewöhnt, sich auf geistigen Gebieten zu bethätigen. Die Kriege hatten ihm praktische Ziele
5 gegeben, jetzt war noch ein Ueberschuß davon da, der nicht wußte, wohin. Da bot sich die Kolonialpolitik, und was an warmem Empfinden für die nationale Ehre und Größe da war, das richtete sich – ich gebe zu: zum Theil blind und ohne den Verstand zu Rathe zu ziehen – auf dieses Gebiet.
(Sehr wahr!)
10 Meine Herren, es liegt doch auch eigentlich im Wesen des Deutschen, der auf der einen Seite so stark zum Partikularismus neigt, daß er eines Idealismus bedarf, wenn er leistungsfähig bleiben soll. Dieser Idealismus, wenn er sich konzentriren soll – und nur durch Konzentration bleiben Gefühle auf die Dauer in den Massen warm und stark –, bedarf eines gewissen Brennpunktes, und ein solcher Brennpunkt wurde ihm in der Kolonialpolitik gegeben; er
15 wurde von der Nation, soweit ich habe beurtheilen können, dankbar aufgenommen. [...]
Nun hat ja der Herr Abgeordnete 1 darin ganz Recht, es ist mit diesem Enthusiasmus insofern nicht viel anzufangen, als er sich sehr schwer in klingende Münze übersetzt
(Heiterkeit),
– und mit dem deutschen Kolonialenthusiasmus, von dem man mit Recht sagt, er macht
20 meist vor dem Geldbeutel Halt. Indessen habe ich gerade, was Ostafrika angeht, den bestimmten Glauben, daß, wenn das, was da jetzt im Werke ist 2, durchgeführt, wenn die Pazifikation 3 vollendet, wenn geordnete Zustände da hergestellt sein werden, gerade Ostafrika eine Stelle sein wird, die für das Privatkapital mehr Anziehungskraft haben wird, als der eine oder der andere Ort; und ich gebe mich der Hoffnung hin, daß das, was an Kolonialenthusiasmus in
25 der Nation noch vorhanden ist, die Barriere überwinden und auch zum klingenden Ausdruck bei dem ostafrikanischen Unternehmen kommen wird.
Mit der nationalen Frage hing für viele eine Art Machtfrage zusammen, und ich muß auch hier zugeben, diese Machtfrage, die in der Kolonialpolitik lag, ist mit einem großen Aufwande von Mangel an Sachverständnis
30 (hört! hört! links)
– ich will sagen: in der Menge – behandelt worden. Denn man glaubte, wenn wir nun Kolonien hätten und kauften einen Atlas und da malten wir Afrika blau an 4, dann wären wir große Leute geworden.
(Heiterkeit.)
35 [...] Es können Zeiten in Deutschland kommen, wo jeder Mann im Glied und jede Mark in der Kasse uns willkommen sein wird, und ich kann dem Herrn Abgeordneten Bamberger versichern, daß, was mich angeht, kein Mann mehr in Ostafrika eingesetzt und keine Mark mehr ausgegeben werden wird, als eben um das zu erhalten und in den Bahnen, die einmal vorgezeichnet sind, auszubilden, was jetzt da ist. Ich würde mich nicht dazu entschließen,
40 große Summen, zahlreiche Deutsche nach Ostafrika zu ziehen, nur etwa um mir da den Luxus einer Truppe, einer gewissen Machtentfaltung, zu gewähren.
[...]
Läßt man sein Auge nun etwas weiter in die Zukunft gehen, so halte ich es doch nicht für unmöglich, daß die Entwicklung, die die Welt im ganzen nimmt, auch Deutschland dazu
45 nöthigen wird, mit transozeanischen Staaten in einen engeren Verkehr – hoffentlich immer nur friedlichen – zu treten als bisher. Das Phäakendasein 5 eines kleinen europäischen Staates hat ein Ende, wir werden mit Mächten jenseits des Meeres rechnen müssen, die über ganz andere Schätze an Menschen und Geld verfügen wie wir; und wenn man überhaupt nur zugiebt, daß Zeiten kommen werden, wo deutsche Macht und deutscher Geist sich stärker außerhalb
50 Deutschlands dokumentieren müssen als bisher, so folgt weiter, daß wir dann zur See eine gewisse Kraft zu entwickeln im Stande sein müssen. Die Jahre, in denen ich die Ehre gehabt habe, Chef der Admiralität zu sein, hat mir als das für die Marine zu erreichende Ziel immer vorgeschwebt, die Marine in eine Lage zu bringen, daß, wenn einmal eine solche Erweiterung unseres Wirkungskreises nothwendig wäre, sie dazu befähigt wäre. Giebt man nun das als
55 eine Möglichkeit wenigstens zu, giebt man zu, daß wir in Zeiten kommen können, wo eine Thätigkeit der Marine in ausgedehntem Maße im Frieden und Krieg in außerdeutschen, außerheimischen Gewässern erfordert wird, so muß man sich unumgänglich die Frage vorlegen: woher bekommt denn die Marine das, wovon sie lebt und ohne das sie weder bewegungs- noch gefechtsfähig ist, die Kohlen? Wenn wir jetzt in einen Krieg mit einer fremden Macht
60 verwickelt werden, so haben wir ja einige, aber schwierige Mittel, unsere Schiffe im Auslande mit Kohlen zu versorgen. Wir sind im ganzen auf das Wohlwollen neutraler Staaten angewiesen, und wer einmal dazu neigt, sich für die Marine zu begeistern, ihr eine große Zukunft zuzuerkennen, der muß zugeben, daß eine solche Rolle in außerheimischen Gewässern für
die Marine auf die Dauer nicht durchzuführen sein wird. Wir müssen selbst in den Besitz
65 wenigstens einiger Punkte gelangen, in denen deutsche Kohlen von deutschen Behörden an deutsche Schiffe gegeben werden können. Das Dasein von Kohlenstationen ist für einen zukünftigen Krieg die Bedingung jeder Wirksamkeit der Marine. [...]
Ich kann also nun noch einmal zusammenfassen. Wir werden das Bemühen haben, daß, wenn der Reichstag uns weiter unterstützt, wir schrittweise vorgehen, daß wir uns auf keine
70 gewagten Unternehmungen einlassen, daß wir danach trachten, die Gesellschaften 6 wieder dahin zu bringen, wo sie ursprünglich gestanden haben, sie so selbständig, als es möglich sein wird, zu machen. Ich muß hier die Einschränkung machen, daß eben das von der Leistungsfähigkeit der Gesellschaften abhängen wird, und daß sich heute noch nicht mit Bestimmtheit übersehen lässt, wie weit sie dazu geeignet sein werden. [...]
75 Wir werden das Bestreben haben, fremde Rechte überall zu respektiren, wie es der Herr Staatssekretär ausgeführt hat 7, und das Deutsche Reich zu schützen. Ich glaube, die verbündeten Regierungen werden imstande sein, die Kolonialpolitik so zu führen, daß die allgemeine Politik Deutschlands darunter keinen Schaden leidet, und daß der berechtigte Aufschwung deutschen Nationalgefühls nicht verletzt werden wird.
80 (Lebhaftes Bravo rechts und im Zentrum.)
1 Caprivi bezieht sich hier auf Aussagen seines Vorredners Ludwig Bamberger.
2 Im Laufe des Jahres 1890 wurden Verhandlungen zur Übernahme der Besitzansprüche der privaten Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft durch das Deutsche Reich geführt.
3 Pazifikation: Befriedung
4 Caprivi verweist hier auf die auf Landkarten üblicherweise in blauer Farbe gekennzeichneten deutschen Gebiete.
5 Phäakendasein: hier sinngemäß: sorglose Existenz
6 Gesellschaften: hier: private Kolonialunternehmen
7 Die Debatte wurde mit einem Wortbeitrag des Staatssekretärs des Auswärtigen Amtes, Freiherr Marschall von Bieberstein, eröffnet, in dem er u. a. auf die Unterdrückung von Aufständen zum Schutze der deutschen Kolonialmacht eingeht.
Aufgabe 2 · Nationalsozialismus: Ideologie, Herrschaft und Verbrechen
Abiturprüfung 2023 – Geschichte, Leistungskurs (GE LK HT 2)
Aufgabenstellung:
Interpretieren Sie die vorgelegte Quelle, indem Sie
1.
die Quelle analysieren, (26 Punkte)
2.
die Quelle in den wirtschaftspolitischen Zusammenhang einordnen (16 Punkte) und Görings Perspektive auf wirtschaftliche Zusammenhänge charakterisieren (12 Punkte), (28 Punkte)
3.
zu den Aussagen des Redners Stellung nehmen. (26 Punkte)
Hinweis zur Bewertung: Zusätzlich können für die Darstellungsleistung höchstens 20 Punkte erreicht werden. Gesamtpunktzahl: 100 Punkte.
Materialgrundlage
Rede des Generalfeldmarschalls Hermann Göring auf dem Parteitag, 9. September 1938.
(Rechtschreibung, Grammatik und Hervorhebungen wie im Original)
Hinweise zum Material:
Der 1938 vom 5. bis zum 12. September stattfindende Reichsparteitag der NSDAP in Nürnberg stand unter dem Motto „Großdeutschland“. Göring vertrat Hitler bei der 6. Tagung der Deutschen Arbeitsfront (DAF) und hielt dort diese Rede. Sie wurde anschließend als Sonderdruck des Zentralverlags der NSDAP verbreitet.
[...]
Wir im Altreich 1 vergessen oft, daß auch bei uns einst der Fluch der Arbeitslosigkeit geherrscht hat, wir vergessen zu leicht jene furchtbaren Zeiten, da wir treppauf, treppab um Arbeit betteln mußten, da jene furchtbare Zeit der Not und des Elends eine alltägliche Erscheinung in unserem Volke war. Wir vergessen zu leicht, daß in der Zeit vor der Machter-
5 greifung in Deutschland überall ein ungeheurer Mangel an Arbeit war, ein Mangel an Arbeit, dem heute der Mangel an Arbeitern gegenübersteht. Ich glaube, meine Volksgenossen, wenn gerade ihr Schaffenden euch das einmal klar überlegt, wie einst die Zeit war, als niemand von euch überhaupt auf Arbeit hoffen konnte, und daß wir jetzt nach fünf Jahren nur noch ein Problem kennen, für eine ungeheure Fülle von Arbeit, von großen und gewaltigen Anstren-
10 gungen wirklich noch genug Arbeiter zu finden, wo ist eine ähnliche Erscheinung in der Welt? Wo gibt es noch einmal ein Volk von 75 Millionen, das noch nicht einmal genügend Arbeiter stellen kann, um all der brennenden Probleme Herr zu werden, die uns unsere Bewegung gestellt hat. Ich glaube – der Führer hat es mit Recht in seiner Proklamation erwähnt 2 – es ist wirklich etwas Eigenartiges, wenn das Ausland uns heute diese Schwierigkeit vorwirft, daß
15 wir Mangel an Arbeitern haben. Die Länder um uns haben einen Überschuß an Arbeitern, aber sie leiden unter einem Mangel an Arbeit, den wir einstmals so furchtbar bei uns kennenlernen mußten. In diesen Jahren, die uns von diesem furchtbaren Gespenst trennen, ist in Deutschland eine Aufbauarbeit geleistet worden von solch gewaltigem Umfang, wie sie die Geschichte noch nie verzeichnet hat. [...]
20 Als wir damals die Macht ergriffen haben, ja, da fanden sich manche Teile nur ungern damit ab. Auch im Ausland sagte man: Das kann nicht von langer Dauer sein. Gott, sie mögen ja vielleicht ganz gute Politiker sein, sonst wäre es ihnen ja schließlich nicht geglückt, das ganze Volk für sich zu gewinnen. Sie sind vor allen Dingen Trommler, Redner und ganz gute Propagandisten. Aber an einem müssen sie scheitern: Von Wirtschaft haben sie keine Ahnung.
25 Auf diesem Gebiete sind sie Phantasten. Schon allein die Tatsache, daß sie davon sprechen, das Problem der Arbeitslosigkeit in einigen Jahren – vier Jahre sagten sie damals – lösen zu wollen, ein Problem, an das sich die besten Köpfe unserer Zeit gemacht haben und keine Lösung fanden. Wie wollen diese Knirpse, die ja noch nie Wirtschaft überhaupt betrieben haben, davon Bescheid wissen?
30 Ich gebe den Herren von damals eines zu: Allerdings, von jener korrupten Mißwirtschaft, die sie trieben, hatten wir keine Ahnung. Das ist richtig. Sie gaukelten uns etwas vor, als ob Wirtschaft eine höhere Wissenschaft wäre. Hinter diesem Gestrüpp von Kurstabellen, Tarifen, Dividenden, Kalkulationen, Zinsen und Tantiemen verbarg sich lediglich ihr gemeines egoistisches Profitstreben, und das nannten sie die höhere Wirtschaft. Dieser Auffassung von
35 Liberalismus und Wirtschaft setzten wir die nationalsozialistische Auffassung entgegen, und die heißt: Im Mittelpunkt der Wirtschaft steht das Volk und steht die Nation, nicht aber der einzelne mit seinem Profit. Die Arbeit und die Wirtschaft ist ausschließlich für das Volksganze da.
[...]
40 Die Sicherstellung der Reichsverteidigung hat es notwendig gemacht, daß ich eine Verordnung erlassen mußte, 3 die mir an sich nicht leicht geworden ist. Als es darum ging, meine schaffenden Volksgenossen, das Reich zu sichern, als es galt, im Westen eine unüberbrückbare Barriere aufzubauen, da habe ich nicht gezögert, da habe ich die Pflichtarbeit eingeführt, und die Arbeiter sind
45 mir willig und freudig gefolgt. Hunderttausende von Arbeitern sind aus ihren Betrieben herausgezogen worden. 4 Warum? Weil diese für staatspolitisch notwendige Aufgaben eingesetzt wurden. Ich möchte aber eines gleich betonen, um gar keine Zweifel aufkommen zu lassen: Der Einsatz der Pflichtarbeit darf nur für wirklich wichtige Vorhaben der Sicherheit des Reiches in Frage kommen. Die Entscheidung darüber habe ich
50 mir allein in jedem Falle vorbehalten. Sollte ich sehen, daß für eine Aufgabe auf dem üblichen Weg die Arbeitskräfte beschafft werden können, dann werde ich nie und nimmer einwilligen, daß für diese Arbeit Pflichtarbeiter zur Verfügung gestellt werden. Es darf kein Zweifel darüber bestehen, daß diese Verordnung eine Sondermaßnahme für ganz bestimmte Zwecke ist, für Bauvorhaben, von deren Durchführung das
55 Schicksal der Nation schlechterdings abhängt. In der Regel muß der Kräftebedarf auf dem üblichen Wege gedeckt werden.
[...]
Ich glaube, daß in diesem Augenblick die ganze Umgebung, in der wir hier sind, uns zu hoch stimmt, als daß ich auf all die Kleinigkeiten eingehen soll. Gewiß, es wird immer ge-
60 wisse Übergangsschwierigkeiten geben. Daß der eine mal warten mußte, bis die Baracke gebaut war, daß dem einen die Knödel, dem anderen das Fleisch und dem Dritten das gewohnte Gemüse fehlte, das sind Dinge, die sich so nebenbei lösen lassen. Aber es kommt immer nur darauf an: Was soll hier überhaupt geschafft werden? Und da ist die Willenskraft und die freudige Einsatzbereitschaft der Hunderttausende wirklich so wunderbar gewesen, daß man immer
65 wieder fragen muß: Was ist diesem Volk überhaupt noch unmöglich? Ich wollte mal sehen, ob eine Nation es fertigbringen kann, in wenigen Tagen und Wochen ein Arbeiterheer von Hunderttausenden aufzustellen, an einem Platz zu vereinigen und dort eine Arbeit zu vollziehen, von deren Ausmaß sich die anderen hoffentlich nie zu überzeugen brauchen.
[...]
70 Diese allgemeine Arbeitsanspannung wirkt sich natürlich auch in der Arbeitszeit aus und es ist schon notwendig, daß vorübergehend zehn und mehr Stunden gearbeitet wird. Und ich darf euch versichern, Schaffende, das ist nicht nur bei euch so. Wenn dereinst in den Ministerien und Amtsstuben ein wohliges Dahindämmern zu Hause war und mitten im Wort Punkt sechs der Federhalter weggelegt wurde, dann ist das heute vorbei. Noch um Mitternacht kön-
75 nen Sie die Fenster der Zentralen des Reiches erleuchtet sehen, noch um Mitternacht schafft und arbeitet dort die Führung des Reiches, um dem Volk die Voraussetzungen seines Bestehens zu sichern. Der Beamte befindet sich heute im permanenten Dienst, und darum muß jeder einzelne, wohin ihn das Schicksal gestellt hat, das gleiche tun. Niemals aber, das verspreche ich euch, Schaffende, werde ich dulden, daß Überarbeit und Überanstrengung aus-
80 genutzt werden für persönliche Profite. Dort, wo Überarbeit geleistet wird, geschieht sie nur für des Reiches Herrlichkeit. [...]
Arbeitslohn und Lebenshaltung hängen hiermit aufs engste zusammen. Eine Höchstbeanspruchung der Arbeitskraft, meine Volksgenossen, setzt natürlich auch, in der Ideenwelt des Nationalsozialismus begründet, eine entsprechende Sozialpolitik voraus. Sozialer Fortschritt
85 muß auf weite Sicht stets gewährleistet bleiben. Nur dann, wenn ich bereit bin, Äußerstes an sozialer Leistung zu geben, kann ich auch Äußerstes an Einsatzbereitschaft und Pflichterfüllung von euch fordern. [...] Nur eines muß unter allen Umständen erreicht werden: Die gegenwärtige Knappheit an Fachkräften darf nicht dazu führen, daß die Betriebsführer sich durch unmögliche Versprechungen, durch übersteigerte Löhne oder soziale Zuwendungen gegen-
90 seitig die Arbeiter abjagen. [...]
1 Altreich: In der NS-Terminologie Bezeichnung für die Teile des Deutschen Reiches, die vor dem sogenannten Anschluss Österreichs zum Territorium des Reichs gehört hatten.
2 Hitler hatte in seiner Eröffnungsrede zum Reichsparteitag Behauptungen aus dem westlichen Ausland zurückgewiesen, der Arbeitskräftemangel in Deutschland sei Ausdruck wirtschaftlicher Schwäche.
3 Gemeint ist die sogenannte Kräftebedarfsverordnung vom 23.06.1938, durch die es dem Staat prinzipiell möglich war, jeden zum verpflichtenden Arbeitseinsatz einzuberufen.
4 Zur Errichtung des sogenannten Westwalls wurde im Mai 1938 die „Organisation Todt“ gegründet, deren Leiter Fritz Todt ermächtigt wurde, für den Bau beliebig viele Arbeiter zu requirieren.
1.
2.
3.
Aufgabe 3 · Friedliche Revolution 1989 und Wiedervereinigung
Abiturprüfung 2023 – Geschichte, Leistungskurs
Aufgabenstellung 3: Analyse einer historischen Darstellung
Materialgrundlage
Jürgen Busche: Helmut Kohl. Anatomie eines Erfolgs, Berlin 1998, S. 221 – 231.
(Rechtschreibung und Hervorhebungen wie im Original)
Hinweise zum Autor: Jürgen Busche (geb. 1944) ist ein deutscher Journalist und Autor, der mehrere Werke zur Geschichte der Antike und des 20. Jahrhunderts verfasst hat.
[...]
Am Vorabend der Feiern zum 40. Jahrestag der Gründung der DDR gingen aus Prag dramati-
sche Bilder um die Welt, die zeigten, wie Hunderte von Flüchtlingen auf dem Gelände der
Botschaft der Bundesrepublik kampierten und darauf warteten, was mit ihnen geschehen
5 würde. Die DDR erklärte sich, um das für sie peinliche Schauspiel abzubrechen, bereit, die
dort Wartenden ausreisen zu lassen, bestand aber darauf, daß die Ausreiseroute über das Terri-
torium der DDR führen müsse, sie also gewissermaßen aus der DDR ausreisten. Es wurde ein
Sonderzug losgeschickt, in dem hohe Beamte der Bundesrepublik mitfuhren, um die Einhal-
tung der Vereinbarung zu überwachen. Die Opposition in der DDR, die den ganzen Sommer
10 über Zulauf bekommen hatte und besonders in Leipzig durch die Montagsdemonstrationen
Aufsehen erregte, trat von nun an immer mächtiger in Erscheinung. Mit knapper Not erreichte
die DDR Erich Honeckers das Datum ihres 40. Geburtstags.
[...] Als eine neue DDR-Regierung nicht mehr verheimlichen konnte, wie schlecht die wirt-
schaftliche Lage des Landes war, mochten viele nicht noch weitere Jahre mit sozialistischen
15 Experimenten – wie auch immer finanziert mit neuem Geld aus der Bundesrepublik – verbrin-
gen. Wer nicht gleich in den Westen ging – inzwischen hatte auch die DDR ihre Grenzen ge-
öffnet –, plädierte für eine Vereinigung der beiden deutschen Staaten. »Wenn die D-Mark
nicht zu uns kommt«, wurde die Alternative formuliert, »kommen wir zur D-Mark.« Wieder
einmal drohten der DDR gerade die besten Leute wegzulaufen. In rapidem Tempo verlor der
20 Staat jede Autorität. Der amerikanische Außenminister James Baker, ein Texaner, verglich
die Bevölkerung der DDR mit einer durchgehenden Herde.
[...]
Von Anfang an waren die Amerikaner bereit, eine Entwicklung wohlwollend zu begleiten, an
deren Ende irgendwann ein wiedervereinigtes Deutschland stehen könnte. Die Russen dachten
25 nicht daran – aber weniger, weil sie es entschlossen verhindern wollten, als weil sie näherhin
an anderes zu denken hatten, an Grundfragen, die Existenz ihres eigenen Staatswesens, die
Sowjetunion betreffend. Dazu konnte auch die Behauptung der DDR als Teil ihres Machtbe-
reichs gehören – das mußte aber nicht so sein. Die Franzosen waren nicht dafür, weil das neue,
das europäische Spiel mit der durch die Teilung gehandicapten Bundesrepublik Deutschland
30 gerade erst so schön angefangen hatte. Die Engländer waren dagegen, weil sie an kein neues
Spiel mit den Deutschen glaubten und nicht sicher waren, ob sie ein europäisches wollten.
Die anderen europäischen Länder sahen zu, was passieren würde und schienen für ihre Neben-
rolle dankbar zu sein. Insgesamt überwogen die Sympathie für die Bundesrepublik und das
Vertrauen in ihren Kanzler.
35 »Ich wollte Deutschlands Einheit«, sagte Kohl. Aber zunächst war er klug genug, nicht zu
sagen, nicht einmal erkennen zu lassen, wie sehr, wie schnell – und wie er sich die Einheit
überhaupt vorstellte. Er war jetzt acht Jahre Bundeskanzler, vierzehn Jahre der erste Mann
der Union in der Bundeshauptstadt und siebzehn Jahre CDU-Vorsitzender. Er konnte von
seinen Partnern erwarten, daß sie ihn richtig einschätzten. Die Amerikaner kannten ihn seit
40 langem als ihren verläßlichsten und belastbarsten Verbündeten in der Nato. [...] Die Franzo-
sen wußten, daß Kohl nie darauf verzichten würde, zu ihnen ein besonders herzliches Ver-
hältnis zu pflegen, was für ihn die Voraussetzung war für das wichtigste und am längsten ver-
folgte Ziel seines politischen Lebens überhaupt: die Einigung Europas.
[...]
45 Bei dieser Konstellation konnten die Engländer nur noch die unterlegene Position einnehmen,
wenn sie sich zu irgendeinem Zeitpunkt der Wiedervereinigung widersetzten. Es war allen-
falls eine Frage, wie erkennbar sie dies werden lassen wollten. Englands Premierministerin
Margaret Thatcher versuchte, Bush vor den Deutschen zu warnen. Aber sie bekam den Ein-
druck, der amerikanische Präsident verstehe sie nicht. Doch was hätte London zu bieten ge-
50 habt, wenn die Amerikaner sich der Wiedervereinigung auf ihren Wunsch hin widersetzt hät-
ten? Es wäre jenseits der Elbe ein großer Unruheherd entstanden, vielleicht schon jenseits des
Rheins. Erfolgreiche amerikanische Bündnispolitik aus vierzig Jahren wäre diskreditiert ge-
wesen. Kohls Gegner in der Bundesrepublik waren kaum amerikafreundlicher als die CDU.
Den Engländern hatte Wirrwarr auf dem Kontinent in ihrer Geschichte immer gutgetan. Aber
55 was hatte Amerika davon?
Amerika hatte in den Ersten Weltkrieg eingegriffen, um England und Frankreich zu helfen.
Aber der maßvolle Friede, auf den es gedrängt hatte, war wegen der Rachegelüste der Euro-
päer nicht zustande gekommen. So hatte Amerika zwanzig Jahre danach England und Frank-
reich noch einmal helfen müssen. Dieses Mal waren wenigstens die Westdeutschen in den
60 Genuß eines Friedens gekommen, der zumindest die Bürger des Landes schonte und ihnen
darüber hinaus die Chance gab, sich in einem neuen Staat in die Gemeinschaft der westlich
zivilisierten Länder einzufügen. Vierzig Jahre hatten bewiesen, daß diese Politik richtig gewe-
sen war. Wozu jetzt die Deutschen vor den Kopf stoßen, wo doch mit einer Verhinderung der
Wiedervereinigung absehbar in Europa kein Zustand zu erreichen war, in dem man Bonn
65 weniger gebraucht hätte als vorher. Außerdem gab es an anderen Orten der Welt genug zu
tun.
Margaret Thatcher wandte sich an Mitterrand. In schwierigen Zeiten habe doch immer eine
Entente cordiale zwischen Paris und London funktioniert. Der französische Staatspräsident
widersprach nicht, aber die britische Premierministerin mußte registrieren, daß nichts geschah,
70 was nach ihrem Sinn gewesen wäre. Was konnte die englische Politik Frankreich bieten?
Frankreich hatte im Prozeß der europäischen Vereinigung gute Erfahrungen gemacht. London
hatte erst beiseite gestanden, hatte ein Konkurrenzunternehmen zur Europäischen Wirtschafts-
gemeinschaft gegründet, war mit dem gescheitert, hatte sich dann muffig der EWG angeschlos-
sen und war dort oft der Bremser gewesen. England dachte nicht europäisch, war indes klug
genug zu wissen, daß es nicht draußen bleiben konnte, wenn Europa funktionierte.
75 Mehr war aber auch nicht. Es wäre aus Pariser Sicht unklug gewesen, das mit Deutschland
Erreichte zu gefährden, um sich Englands vergangenheitsverliebten Phobien in der Neuauf-
lage eines historisierenden Spektakels anzuschließen.
[...]
Kohl, der seinen Platz am Tisch behauptet hatte, bis ihm die Karten für ein gutes Blatt in die
80 Hände kamen, handelte kunstgerecht: Ein guter Spieler nimmt nicht mehr, als er braucht. Er
tut nicht mehr, als er muß. Aber das tut er schnell. Bei dem Prozeß ging es darum, den Mit-
spielern keine Vorlage zu geben, die ihnen erlaubt hätte, mit einer Reaktion das Gesetz des
Handelns an sich zu reißen. [...]
Zunächst sprach Bonn gar nicht von Wiedervereinigung. Auf dem Sondergipfel der zwölf
85 Regierungschefs der Europäischen Gemeinschaft, zu dem Mitterrand kurz nach dem Fall der
Berliner Mauer am 9. November 1989 eingeladen hatte, sprach er über das Selbstbestimmungs-
recht der Völker und nannte Diskussionen über die Grenzen in Europa überflüssig. Das Wort
Wiedervereinigung fiel nicht einmal. [...]
Aber Kohl konnte natürlich zu Hause jederzeit auf die innenpolitische Lage reagieren, und
90 die konnte zu jeder Zeit als dramatisch verändert hingestellt werden, weil pausenlos Zuzüg-
ler über die offene Grenze aus der DDR in die Bundesrepublik kamen. Kohl reagierte am
28. November mit einem Zehn-Punkte-Programm zur Überwindung der deutschen Teilung.
Dieses Programm stellt eine brillante Mischung aus aggressivem Positionsbesetzen und retar-
dierendem Offenhalten dar. [...]
1.
Analysieren Sie den abgedruckten Auszug aus dem Text. [26 Punkte]
2.
Erläutern Sie auf der Grundlage des Textes den Umbruch im Jahr 1989 (14 Punkte) und untersuchen Sie, wie der Autor diesen Vorgang sieht (14 Punkte). [28 Punkte]
3.
Beurteilen Sie die Darlegungen des Autors. [26 Punkte]
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Übe ein Thema mit gemischten Aufgaben aus den Prüfungen aller Jahre.
- Friedliche Revolution 1989 und Wiedervereinigung · 15 Aufgaben · 70 % Wahrscheinlichkeit
- Imperialismus und Erster Weltkrieg · 15 Aufgaben · 65 % Wahrscheinlichkeit
- Kalter Krieg, deutsche Teilung und Westintegration 1945-1988 · 15 Aufgaben · 55 % Wahrscheinlichkeit
- Nationalsozialismus: Ideologie, Herrschaft und Verbrechen · 12 Aufgaben · 55 % Wahrscheinlichkeit
- Deutsche Frage 1815-1871: Wiener Kongress, Revolution 1848/49, Reichsgründung · 10 Aufgaben · 45 % Wahrscheinlichkeit
- Revolution 1918/19, Versailler Frieden und Weimarer Republik · 7 Aufgaben · 35 % Wahrscheinlichkeit
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