Aufgabe 2 · Abitur NRW Geschichte LK · Nachtermin 2022

Thema: Nationalsozialismus: Ideologie, Herrschaft und Verbrechen · Aus der Prüfung LK · Nachtermin (2022)

Aufgabenstellung

Abiturprüfung 2022 – Geschichte, Leistungskurs

Aufgabenstellung: Interpretieren Sie die vorgelegte Quelle

1.

Analysieren Sie die vorliegende Quelle. [26 Punkte]

2.

Ordnen Sie die Quelle in den maßgeblichen historischen Zusammenhang ein (12 Punkte) und untersuchen Sie, welche politischen Ziele des Nationalsozialismus in ihr erkennbar werden (16 Punkte). [28 Punkte]

3.

Bewerten Sie die Darlegungen Hitlers. [26 Punkte]

Hinweis: Für die Darstellungsleistung nach den Abiturvorgaben werden zusätzlich 20 Punkte vergeben (Gesamtpunktzahl: 100 Punkte).

Materialgrundlage

1. Abschrift des kommunistischen Nachrichtendienstes der Rede Adolf Hitlers am 3. Februar 1933 vor den Kommandeuren der Reichswehr. (Rechtschreibung und Grammatik wie im Original)

Hinweise zum Autor/Material:

Von der in der Berliner Villa des Chefs der Heeresleitung, Kurt von Hammerstein-Equord, gehaltenen Rede vor den Reichswehrkommandeuren liegt kein offizieller Redetext vor. Es existieren lediglich verschiedene, im Kern inhaltlich übereinstimmende Protokolle. Der vorliegende Text fasst den Inhalt der Rede vermutlich auf Grundlage des Protokolls von einem Adjutanten der anwesenden Generäle zusammen und wurde von einer Tochter Hammersteins, die selbst Mitglied der KPD war, dem kommunistischen Nachrichtendienst zugespielt. Es handelt sich höchstwahrscheinlich um die zeitnächste Überlieferung dieser Hitler-Rede.

[...]

1 Wie im Leben der Einzelnen sich stets der Stärkere und Bessere durchsetzt, so im Leben der 2 Völker. Die starke europäische Rasse, eine kleine Minderheit hat sich Jahrhunderte lang Mil- 3 lionen Menschen dienstbar gemacht und auf ihrem Rücken die europäische Kultur aufgebaut. 4 Es bestand ein Austausch. Europa gab Industrieprodukte, Kulturgüter usw. während die Kolo- 5 nien, die niedrigstehenden Rassen, ihre Arbeit, ihre Rohstoffe usw., hergeben mussten. Heute 6 ist in dieser normalen Entwicklung der Dinge ein Umschwung eingetreten. Wenn man in 7 Europa die gesamte Kapazität der Industrien voll ausnutzen würde, so wären die Kolonien 8 nicht imstande, eine vollwertige Gegenleistung zu bieten. Zudem sind, z. B. in Ostasien, in 9 weitem Masse in Südosteuropa, Industrien entstanden, die mit billigeren Arbeitskräften pro- 10 duzieren und versuchen die Herrenrasse von einst zu verdrängen.

11 Zu diesen Gründen der allgemeinen Krise kommen die Schäden des Weltkrieges. Warum 12 ist im Weltkrieg keiner der europäischen Staaten gesund geworden? Weil keiner konsequent 13 genug war. Hätte England z. B. Deutschland nur folgende Bedingungen aufgezwungen: Kei- 14 nerlei Schiffahrt, keinerlei Aussenhandel und keinerlei Bündnisse mit anderen Staaten, so 15 wäre England heute gesund. England kann nur noch gesund werden, wenn es vom Standpunkt 16 eines Weltbürgers zurückkommt auf den Standpunkt einer Herrenrasse, durch den es gross 17 geworden ist. Dasselbe hätte für Deutschland im Falle eines Sieges gegolten.

18 Wie sieht nun die Lage nach dem Weltkrieg tatsächlich aus? In Deutschland bestand 1918 19 vollkommene Autarkie, doch waren etwa 8 Millionen Menschen vollkommen aus der Produk- 20 tion ausgeschaltet. Um die Reparationszahlungen leisten zu können, begann man zu exportie- 21 ren, die Sachlieferungen riefen eine erhöhte Produktion hervor, die 8 Millionen Menschen 22 wurden allmählich wieder eingestellt. Natürlich zogen diese Tatsachen den Import nach sich. 23 Dann setzte die Rationalisierung ein, Menschen wurden überflüssig, die Arbeitslosigkeit be- 24 gann.

25 Der dritte Grund ist die Vergiftung der Welt durch den Bolschewismus. Für den Bolschewis- 26 mus ist Armut und tiefer Lebensstandardt [sic!] das Ideal. Er ist die Weltanschauung derjeni- 27 gen, die sich durch lange Arbeitslosigkeit an die Bedürfnislosigkeit gewöhnt haben. Es ist ja 28 Tatsache, dass rassisch niedrig stehende Menschen zur Kultur gezwungen werden müssen. 29 Wenn ein Rekrut nicht dauernd gezwungen wird, sich zu waschen, wäscht er sich nicht. So 30 möchten diese Menschen in einer freiwilligen Kulturlosigkeit verharren. Es kommt dann dazu, 31 dass diese Menschen sich mit gleich Tiefstehenden anderer Völker eher solidarisch fühlen, als 32 mit eigenen Volksgenossen. Schon einmal ist eine Kultur an dem Ideal der Armut zugrunde 33 gegangen. Als das Christentum die freiwillige Armut predigte, musste die Antike zugrunde 34 gehen.

35 Wie kann Deutschland nun gerettet werden? Wie kann man die Arbeitslosigkeit beseitigen! 36 Ich bin seit 14 Jahren ein Prophet, und sage immer wieder: all diese Wirtschaftspläne, die 37 Kreditgewährung an die Industrie, die staatlichen Subventionen sind Unsinn. Man kann die 38 Arbeitslosigkeit auf zweierlei Art beseitigen: 1.) durch Export auf jeden Preis und mit jedem 39 Mittel 2.) durch gross angelegte Siedlungspolitik, die eine Ausweitung des Lebensraumes des 40 deutschen Volkes zur Voraussetzung hat. Dieser letzte Weg wäre mein Vorschlag. Man würde 41 in einem Zeitraum von 50 – 60 Jahren einen vollkommen neuen gesunden Staat haben. Doch 42 die Verwirklichung dieser Pläne kann erst in Angriff genommen werden, wenn die Vorausset- 43 zungen dazu geschaffen sein werden. Diese Voraussetzung heisst Konsolidierung des Staates. 44 Man muss zurück zu den Anschauungen, in denen der Staat gegründet wurde. Man darf nicht 45 mehr Weltbürger sein. Demokratie und Pazifismus sind unmöglich. Jeder Mensch weiss, dass 46 Demokratie im Heer ausgeschlossen ist. Auch in der Wirtschaft ist die [sic!] schädlich. Be- 47 triebsräte wie Soldatenräte sind der gleiche Unsinn. Warum hält man also eine Demokratie im 48 Staate für möglich? In Deutschland ist es so, dass heute 50 % des Volkes einen Staat in unse- 49 rem Sinne wollen und positiv zum Nationalsozialismus eingestellt sind, während 50 % den 50 Staat verneinen und sagen, er sei nichts als ein Unterdrückungsinstrument gegen sie. Die einen 51 verabscheuen den Landesverrat, die anderen sagen, Landesverrat ist unsere Pflicht. Und bei- 52 den lässt die Demokratie ihre freie Meinung. Nur wenn die einen dann ihrer Weltanschauung 53 entsprechend tatsächlich Hochverrat begehen, werden sie bestraft. Das ist widerspruchsvoll 54 und sinnlos. Darum ist es unsere Aufgabe die politische Macht zu erobern, jede zersetzende 55 Meinung auf das schärfste zu unterdrücken, und das Volk zur Moral zu erziehen. Jeder Ver- 56 such des Landesverrats muss rücksichtslos mit dem Tode bestraft werden. Niederwerfung des 57 Marxismus mit allen Mitteln ist mein Ziel.

58 Wenn man jetzt in Genf für Gleichberechtigung eintritt und sich nur darauf beschränkt, 59 dann das Heer zu vergrössern 1, so ist das meiner Meinung nach sinnlos. Was nützt eine Armee 60 aus marxistisch infizierten Soldaten. Was nützt die allgemeine Wehrpflicht, wenn vor und 61 nach der Dienstzeit die Soldaten jeder Propaganda zugänglich sind. Erst muss der Marxismus 62 ausgerottet werden. Dann wird das Heer durch die Erziehungsarbeit meiner Bewegung erst- 63 klassiges Rekrutenmaterial haben, und es wird die Garantie bestehen, dass der Geist der Moral 64 und des Nationalismus auch nach der Dienstzeit in den Rekruten erhalten bleibt. Um dieses 65 Ziel zu erreichen, erstrebe ich die gesamte politische Macht. Ich setze mir die Frist von 6 – 8 66 Jahren um den Marxismus vollständig auszurotten zu vernichten. Dann wird das Heer fähig 67 sein eine aktive Aussenpolitik zu führen, und das Ziel der Ausweitung des Lebensraumes des 68 deutschen Volkes wird auch mit bewaffneter Hand erreicht werden – Das Ziel würde wahr- 69 scheinlich der Osten sein. Doch eine Germanisierung der Bevölkerung des annektierten 70 bezw. eroberten Landes ist nicht möglich. Man kann nur Boden germanisieren. Man muss 71 wie Polen und Frankreich nach dem Kriege rücksichtslos einige Millionen Menschen aus- 72 weisen.

73 Für Deutschland sehr gefährlich ist die Übergangszeit. Wenn Frankreich kluge Staatsmänner 74 haben wird, wird es um jeden Preis angreifen. Es wird Russland zu gewinnen suchen, viel- 75 leicht sogar sich mit ihm einigen. Darum ist grösste Beschleunigung am Platze. Ich habe mit 76 meiner Bewegung jetzt schon einen Fremdkörper im demokratischen Staat gebildet, der seiner 77 ganzen Struktur nach sofort befähigt ist, den neuen Staat aufzubauen. Sie bildet eine Hierar- 78 chie mit unbedingter Befehlsgewalt, ein Abbild des neuen Staates im Kleinen.

79 Die Entwicklung in Deutschland wird anders sein als die des italienischen Faschismus. Wir 80 werden genau so den Marxismus niederschlagen wie er. Aber unser Verhältnis zur Armee 81 wird ein anderes sein. Wir werden der Armee zur Seite stehen und mit der Armee und für die 82 Armee arbeiten. Die ruhmreiche deutsche Armee in der noch derselbe Geist herrscht wie wäh- 83 rend ihrer Heldenzeit im Weltkrieg, wird selbstständig ihre Aufgaben erfüllen.

84 Nun richte ich an Sie, meine Herren Generäle, die Bitte, mit mir für das grosse Ziel zu kämp- 85 fen, mich zu verstehen und mich zwar nicht mit Waffen aber moralisch zu unterstützen. Für 86 den inneren Kampf habe ich mir meine eigene Waffe geschaffen, die Armee ist nur da für 87 aussenpolitische Auseinandersetzungen. Sie werden nicht wieder einen Mann finden, der 88 sich so mit ganzer Kraft für sein Ziel, für die Errettung Deutschlands einsetzt, wie ich. Und 89 wenn man mir sagt: „Die Erreichung des Zieles hängt an ihren Augen!“ so antworte ich: Nun 90 gut, so nutzen wir mein Leben aus!

1 Seit Februar 1932 tagte die Genfer Abrüstungskonferenz unter Leitung des Völkerbundes, auf der die Vertreter der Weimarer Republik auf eine militärische Gleichberechtigung Deutschlands drängten. Diese wurde am 11. Dezember 1932 von den Alliierten theoretisch zugestanden.

Aufgabenstellung: Aufgabe 2 · Abitur NRW Geschichte LK · Nachtermin 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Analysieren Sie die vorliegende Quelle.

Lösung: Umfassende historische Quellenanalyse nach den Kriterien des amtlichen Erwartungshorizonts.

2. Ordnen Sie die Quelle in den maßgeblichen historischen Zusammenhang ein (12 Punkte) und untersuchen Sie, welche politischen Ziele des Nationalsozialismus in ihr erkennbar werden (16 Punkte).

Lösung: Kontextualisierung der Rede vom 3. Februar 1933 und detaillierte Untersuchung der NS-Ziele.

3. Bewerten Sie die Darlegungen Hitlers.

Lösung: Differenzierte historische und ethisch-politische Beurteilung und Bewertung der Rede Hitlers.

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