Abitur NRW Geschichte 2022 · LK · Haupttermin
Abiturprüfung Geschichte in Nordrhein-Westfalen 2022, LK · Haupttermin: 1 Aufgabe mit Lösungen. Mit automatischer Korrektur.
Themen der Prüfung: Deutsche Frage 1815-1871: Wiener Kongress, Revolution 1848/49, Reichsgründung · Kaiserreich: Industriegesellschaft, Sozialpolitik und Nationalismus · Nationalsozialismus: Ideologie, Herrschaft und Verbrechen · Kalter Krieg, deutsche Teilung und Westintegration 1945-1988
Aufgabe HT 1 · Kaiserreich: Industriegesellschaft, Sozialpolitik und Nationalismus
Abiturprüfung 2022 – Geschichte, Leistungskurs (GE LK HT 1)
Aufgabenstellung
Interpretieren Sie die Quelle, wobei Sie wie folgt vorgehen:
1. Analysieren Sie den Text, (26 Punkte)
2. ordnen Sie ihn in den Zusammenhang der Sozialpolitik im Deutschen Kaiserreich ein (14 Punkte) und charakterisieren Sie auf der Grundlage des Textes die politische Position des Verfassers (14 Punkte), (28 Punkte)
3. nehmen Sie zur Haltung der sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten Stellung. (26 Punkte)
Hinweis: Die Darstellungsleistung wird zusätzlich mit 20 Punkten bewertet (Gesamtpunktzahl: 100 Punkte).
Materialgrundlage
Aufruf der sozialdemokratischen Reichstagsabgeordneten zur Wahl des 6. Reichstags (Erstfassung), 1884 [September]. (Rechtschreibung an einigen Stellen angepasst, Grammatik und Hervorhebungen wie im Original)
Hinweise zum Material: Die Berliner Polizei beschlagnahmte den Wahlaufruf vor seiner Verbreitung; vor allem die hier abgedruckte Passage wurde danach überarbeitet.
Nun zur Sozialreform!
1 Die deutsche Reichsregierung hat erklärt, daß sie die Sozialreform anzubahnen und durchzuführen entschlossen sei. Nun gut – die Sozialreform ist auch unser Ziel, und sonach wären
5 wir eigentlich mit der Reichsregierung eines Sinnes. Leider ist dem nicht so. Auf die Worte kommt wenig an – alles auf die Bedeutung der Worte. […] Eins der Wörter, denen heutzutage die verschiedensten Bedeutungen innegelegt werden, ist das Wort Sozialreform. Durch den eisernen Zwang der Verhältnisse, durch die nicht länger wegzuleugnende wirtschaftliche Notlage der Volksmassen ist die soziale Frage in den Mittelpunkt des politischen Lebens ge-
10 zogen worden – alle Parteien und auch die Regierungen haben die Existenz der sozialen Frage zugestehen müssen. Und die Existenz der sozialen Frage zugeben heißt: die Sozialreform, d. h. die zur Lösung der sozialen Frage erforderlichen Reformen als staatliche Pflicht anerkennen. Wir haben deshalb heute in Deutschland nicht eine einzige Partei, welche nicht die Sozialreform in ihrem Programm, ja an der Spitze ihres Programms hätte. Die Klerikalen,
15 die Konservativen, die Liberalen, – alle sind eifrige Sozialreformer – ja sogar die fortschrittlich-sezessionistischen Manchesterleute¹, mit deren Prinzip der unbeschränkten freien Konkurrenz sich das sozialistische Element verträgt wie Wasser mit Feuer, machen aus der Not eine Tugend und rufen lustig mit nach Sozialreform. Nur daß sich jede Partei etwas anderes dabei denkt. Bloß in einem Punkt stimmen alle Parteien überein: Sie wollen die Notlage des
20 Volkes möglichst zu ihrem Vorteil ausnutzen. Und das nennen wir Sozialdemagogie.
[…]
Also Sozialreform verspricht die Reichsregierung. Was heißt Sozialreform? Im Gegensatz zu Sozialrevolution, wenn dieses Wort im Sinne des gewaltsamen Umsturzes der heutigen Gesellschaftsordnung durch eine Explosion von unten herauf genommen wird, verstehen
25 wir unter Sozialreform die Beseitigung der sozialen Mißstände und Ungerechtigkeiten auf friedlichem Wege – durch die regulären gesetzgebenden Faktoren.
Die Sozialreform ist gewiß ein schönes Ziel, und sie ist auch ein erreichbares Ziel. Aber nur unter der einen Bedingung, daß auch das vollste Verständnis für die heutigen gesellschaftlichen Mängel und die rückhaltlose Entschlossenheit, ihnen abzuhelfen, vorhanden sind. Ohne
30 dieses Verständnis und diese Entschlossenheit keine Möglichkeit des Gelingens.
Ob die unerläßlichen Vorbedingungen bei der Reichsregierung vorhanden sind, wissen wir nicht. Wir wissen nur, daß die Maßregeln, welche für Sozialreform ausgegeben werden: das Krankenversicherungsgesetz, das Unfallversicherungsgesetz und das noch in Zukunftsnebel schwebende Altersversorgungsgesetz – mit den Ursachen des sozialen Notstands abso-
35 lut nichts zu tun haben, dieselben gar nicht berühren und folglich den Namen Sozialreform mit Unrecht führen. Diese Maßregeln laufen einfach auf eine polizeilich-bürokratische Regelung eines Teils des Armenwesens hinaus – nichts weiter. Jedem der Arbeiter, die unter diese drei Gesetze fallen, muß auch jetzt schon, sei es von Privaten, sei es von Gemeinden, sei es vom Staat, die zum Leben erforderliche Unterstützung verabreicht werden, und wenn
40 wir auch eine einheitliche Regelung dieser Materie für zweckmäßig halten, so steht doch fest, daß der Staat seine Aufgabe bis jetzt äußerst mangelhaft gelöst hat, und daß sie zehnmal besser gelöst worden wäre, wenn der Staat die Hände ferngehalten und den Arbeitern selbst alles überlassen hätte.
[…]
45 An Stelle der regellosen, anarchistischen, privatkapitalistischen Produktion hat die vom Staat geleitete und organisierte sozialistische Produktion zu treten, die keinen Unternehmer und folglich auch keine Ausbeuter und keine Ausgebeuteten kennt.
Die sozialistische Produktion, überhaupt die sozialistisch-genossenschaftlich organisierte Arbeit in Stadt und Land, auf Industrie und Landwirtschaft (die auch Industrie ist), auf Hand-
50 werk und Kleinhandel angewandt – das ist Sozialreform. Wer dies nicht will, mißbraucht das Wort Sozialreform.
Nicht einmal zu der bescheidensten aller Maßregeln, welche einen sozialreformatorischen Charakter tragen: zur Einführung des Normalarbeitstages ² hat sich die Reichsregierung entschließen können. Der Normalarbeitstag, das heißt das gesetzliche Zeitminimum der täg-
55 lichen Arbeit in Fabriken und Werkstätten, hat unter den obwaltenden³ Produktionsverhältnissen den dreifachen Vorteil, daß er der Ausbeutung der Arbeiter durch die Arbeitgeber eine Schranke errichtet, in normalen und in abnormal schlechten Zeiten die Beschäftigung einer größeren Zahl von Arbeitern ermöglicht und eine gewisse Regelung der nationalen Arbeit bewirkt. […]
60 Die Einführung des elastischen Normalarbeitstages wird noch aus einem anderen Grund bald zur gesellschaftlichen Notwendigkeit geworden sein.
Durch Verbesserung der Werkzeuge und Maschinen, bessere Arbeitsteilung, bessere Verwertung der Wissenschaft zu technischen Zwecken wird die Arbeit immer produktiver; und die statistisch festgestellte Folge dieser Tatsache ist, daß die Zahl der Arbeiter in abgegrenzten Industriezweigen stetig abnimmt, während die der Arbeitsleistung des einzelnen stetig
65 zunimmt. Wird dieser Tendenz der kapitalistischen Produktion, die Konsumenten zu vermindern und die Produktion zu vermehren, nicht rechtzeitig begegnet, so ist eine furchtbare Katastrophe, der gesellschaftliche Bankrott, unvermeidlich.
[…]
70 Eine notwendige Folge der regellosen, ungeregelten Produktion ist die sogenannte Ueberproduktion und die sogenannte Ueberbevölkerung, über die man heutzutage soviel klagen hört. […]
Durch Kolonien und Auswanderung kann die Ueberproduktion und Ueberbevölkerung nicht gesteuert werden. Gegen eine staatliche Leitung der Auswanderung im Interesse der
75 Auswandernden haben wir nichts einzuwenden, aber vor allem ist das Augenmerk darauf zu richten, unser Vaterland für alle seine Bewohner wohnlich zu machen; und der Forderung von Kolonien im Ausland setzen wir die Forderung der Kolonisation im Innern entgegen, d. h. der verbesserten Bodenbebauung und des Anbaus der großen Landstrecken, die heute als Wüsten daliegen, bei dem hohen Stand der Agronomie jetzt aber mit Vorteil für Acker-
80 bau und Viehzucht verwandt werden können. […]
Wir haben uns bis jetzt fast ausschließlich mit der sozialen Frage und wirtschaftlichen Fragen beschäftigt – die politischen nur angestreift. Es geschah das mit Absicht, weil die soziale Frage der Angel- und Mittelpunkt des gesamten politischen Lebens ist und von ihr alle politischen Fragen ausgehen, in sie alle politischen Fragen einmünden. Wer die soziale
85 Frage versteht, hat darum den Schlüssel zu allen politischen Fragen; und wer sie nicht versteht oder nicht verstehen will, wird die politischen Fragen stets falsch auffassen.
[…]
Bei der Untrennbarkeit der sozialen, wirtschaftlichen und politischen Fragen von der Ueberzeugung durchdrungen, daß die politischen und wirtschaftlichen Mißstände und Unge-
90 rechtigkeiten die naturnotwendigen Auswüchse unserer sozialen Verhältnisse sind, erstreben wir in erster Linie die Umgestaltung dieser Verhältnisse, – die Entfernung der Ursachen, welche Not und Knechtschaft in jeder Gestalt zur Wirkung haben, das heißt die Sozialreform. Da aber alle anderen Parteien auf dem Boden der heutigen Gesellschaftsverhältnisse stehen, und deren Umgestaltung grundsätzlich abgeneigt sind, so ist unsere Partei die alleinige Partei der Sozialreform. […]
¹ Manchesterleute: Vertreter einer liberalen Wirtschaftspolitik, die unter Ausschluss einer staatlichen Regulierung den Marktteilnehmern freien Lauf lässt.
² Einführung des Normalarbeitstages: Hier bezogen auf die sozialdemokratische Forderung nach der Einführung eines Zehnstundentages.
³ obwaltenden: bestehenden
1.
2.
3.
Aufgabe HT 2 · Nationalsozialismus: Ideologie, Herrschaft und Verbrechen
Abiturprüfung 2022 – Geschichte, Leistungskurs (GE LK HT 2)
Aufgabenstellung:
Interpretieren Sie die Quelle, indem Sie folgende Schritte ausführen: Sie analysieren die Quelle, [26 Punkte]
Sie ordnen die Quelle in den historischen Zusammenhang ein (12 Punkte) und erläutern die Verbindungen, die der Redner zur NS-Ideologie zieht (16 Punkte), [28 Punkte]
Sie bewerten die Darlegungen des Redners. [26 Punkte]
Materialgrundlage:
Robert Ley: Die deutsche Arbeitsfront ihr Werden und ihre Aufgaben. Rede vor dem Diplomatischen Korps und der ausländischen Presse am 1. März 1934 bei einem Empfangsabend des Außenpolitischen Amtes der N.S.D.A.P.
(Rechtschreibung und Hervorhebungen wie im Original)
Hinweise zum Autor und zum Material:
Robert Ley (1890 – 1945): führender NS-Politiker und Leiter der Deutschen Arbeitsfront (DAF). Die Rede wurde zuerst vor den diplomatischen Vertretern ausländischer Staaten gehalten und anschließend als Sonderdruck veröffentlicht.
1 Hierin liegt das große Geheimnis der nationalsozialistischen Revolution, daß ihr Führer Adolf Hitler, jenen schicksalhaften Gedanken des wahren Sozialismus und der einzigen Gemeinschaft, geboren aus Kameradschaft und Treue, aus den Schützengräben des Weltkrieges hinüberrettete in die Politik und sie dem Werden unseres Volkes nützbar machte. Es war darum
5 auch Verbrechen und Gemeinheit zugleich, daß die Machthaber vom 9. November 1918 bestrebt waren, 4 ½ Jahre, die die ungeheuersten Opfer von einem Volke verlangten, einfach mit einem Federstrich, mit einer papierenen Verfassung aus der Geschichte auszulöschen. Wenn 2 Millionen junger Menschen eines Volkes ihr Leben lassen, Millionen aus ihren Wunden bluten, so ist es Wahn und Aberwitz, diese Opfer als unrecht, als falsch, ja als für eine ver-
10 brecherische Sache dargebracht hinzustellen. Die deutsche Revolution hat in jenen Augusttagen 1914 ihren Anfang genommen und man kann behaupten, daß, wenn wirklich die Erneuerung eines Volkes beginnt, Blut dem Schicksal als Opfer gebracht werden muß.
13 In den Gräben des Westens und des Ostens fand sich das Volk wieder zusammen, die Granaten fragten nicht nach Stand oder Geburt, nach arm oder reich, nach Konfession oder Beruf,
15 hier galt nur Schicksalsgemeinschaft und Einsatzbereitschaft. Das deutsche Volk bestand diese Probe und all die Heldentaten unserer Armee waren geboren aus einer grenzenlosen Treue und aus einer unbeschreiblichen Kameradschaft dieser Menschen untereinander. Das war echter Sozialismus. Sozialismus heißt Treue, Kameradschaft, heißt Mut haben, Kämpfer sein für eine große, gewaltige Idee. Nun aber prüfte uns das Schicksal zum zweiten Male. Deutsch-
20 land hatte bewiesen, daß es eine Gemeinschaft bilden konnte. Jedoch war dieses große Opfer durch Siege begleitet, aber das Schicksal wollte wissen, ob dieses Volk auch in Zeiten tiefster Schande, größter Demütigungen und unerhörtester Entbehrungen zu dem gleichen Opfer bereit war. Diese zweite Probe von 1918 bis 1933 war härter als die von 1914 bis 1918. In dem von Landesverrätern geführten, von außen gedemütigten und geschlagenen Volke wuchs
25 aus den kleinsten und winzigsten Anfängen heraus eine neue Gemeinschaft, verschworen auf Gedeih und Verderb, die bereit war, jedes Opfer auf sich zu nehmen. Ihr Führer war allen das Vorbild, seine Treue, seine Kameradschaft, seine Hingabe an die Idee und an Deutschland, seine Opferbereitschaft in allem und jedem gab diesem Häuflein von Männern die Kraft, alle diejenigen zu sammeln, die den Geist und den Gedanken der Gemeinschaft aus den Schützen-
30 gräben mit nach Hause genommen hatten.
31 So entstand die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei, als Keimzelle eines wahren und edlen Sozialismus. Diese Gemeinschaft versprach nichts, sondern sie forderte. Sie appellierte nicht an Pazifismus und Feigheit, sondern an Mut und Tapferkeit. Sie verlangte unerhörten Gehorsam, sie verlangte restlose Hingabe, Aufgeben des eigenen Ich zugunsten der
35 Idee, des Volkes, des Führers.
[...]
Es kam das Jahr des Sieges 1933.
38 Es ist hier nicht meine Aufgabe, auf all' die Einzelheiten und großen Erfolge der nationalsozialistischen Revolution im vergangenen Jahre hinzuweisen, jedoch das größte von allem,
40 besonders aber für den Außenstehenden, ist das Wunder des Wachsens und Werdens der Einheit der deutschen Nation. Der 12. November 1 hat bewiesen, daß der Nationalsozialismus nicht äußerlich die Macht in Deutschland übernommen hat und nun mit Terror und Gewalt als Despot Deutschland knebelt und knechtet, sondern daß dieses Regiment, als einzigstes [sic!] auf der Welt, von der Liebe und Treue und Hingabe des gesamten Volkes getragen wird.
45 Welcher Staatsmann kann sich, wie Adolf Hitler rühmen, 95% der Nation hinter sich und seiner Politik zu haben? Hitlers Regiment ist Volksherrschaft im edelsten und erhabensten Sinne.
Wie war dieses Wunder möglich?
[...]
50 Es ist hier nicht der Platz, um noch einmal historisch die Dinge zu entwickeln, wie sie am 2. Mai und in den folgenden Tagen abgelaufen sind. Ich möchte jedoch nicht verfehlen, besonders auf einen Umstand hinzuweisen, der charakteristisch für die Brüchigkeit und Fäulnis innerhalb dieser Organisationen war. Nicht nur, daß die Führer der Gewerkschaften keinerlei Widerstand entgegensetzten, im Gegenteil, jeder, der an dieser großen Aktion teilnahm,
55 hatte den Eindruck, daß die Gewerkschaftsführer bereits darauf warteten, abgesetzt zu werden, und daß sie es als eine Erlösung empfanden, von ihrem Posten entfernt zu werden. Sie unterschrieben alles und jedes. Es war, als ob man eine überreife Frucht, die bereits in Fäulnis übergegangen war, vom Baum schüttelte, und was vielleicht neben diesem Moment der Feigheit, der Hilflosigkeit besonders in Erscheinung trat, war jene Tatsache, daß die Massen
60 im Lande ebenso froh darüber waren. [...] Schlechter, wie es ihnen gegangen war, konnte es ihnen nicht mehr gehen, das war ihre Ansicht. Und als ich dann erklärte, daß wir nicht allein die Organisationen und Einrichtungen des Arbeiters erhalten würden, sondern wir den heroischen Kampf der Arbeiterschaft in den vergangenen Jahrzehnten mit Hochachtung verfolgt hätten und daß wir bemüht sein würden, ihm neue Einrichtungen hinzuzuschaffen, die ihm
65 nun wirklich ein menschenwürdiges Dasein in Ehre und Achtung in der Gemeinschaft der Nation geben sollte, nun wuchs aus dem Fatalismus bereits Vertrauen heran. [...]
67 Während das Volk durch das vergangene System zerrissen, zerklüftet und zerspalten war und doch in allen großen Organisationen die Gemeinschaft gepredigt worden war, trat jetzt die gewaltige Reaktion auf diese Fehler ein. Das Volk drängte zur Gemeinschaft. Es überstürzte
70 sich geradezu in diesem Drang, sich wieder zusammenzufinden. Der Führer hatte den Ausspruch getan, daß ein Volk, mit dem man Politik machen will, starke Nerven haben muß. Die moderne Entwicklung der Industrie, das Washingtoner Abkommen über den 8-Stunden-Tag bedingten jene verderbliche Rationalisierung, die den Menschen nur noch zur Maschine machte. Stoppuhr, Akkord, Maschine, laufendes Band, zermürbten die Nerven und mecha-
75 nisierten die Menschen. Die vergangenen Machthaber hatten es nun in gar keiner Weise verstanden, den Ausgleich zu schaffen, den Feierabend der Millionen aufzufüllen und ihnen damit zunächst auch nur einmal Erholung zu verschaffen. Für mich stand es fest, daß nicht nur allein eine neue politische und wirtschaftliche Ordnung der letzte Sinn unserer Revolution sein konnte, sondern daß zuerst und vor allem eine neue Gesellschaftsordnung aufge-
80 baut werden mußte. Das Volk drängte zur Gemeinschaft und unsere Ziele mußten sein, diese zu organisieren und mit neuen Aufgaben zu erfüllen. Es gehört vielleicht dereinst zu den großen Taten dieser nationalen Revolution, daß schon einige Monate nach Verkündung der N.S.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“ tausende und aber回避tausende Arbeiter aus allen Gebieten Deutschlands in die Berge der Alpen, in die wundervollen Berge des Schwarzwaldes, in den
85 Harz, in den Bayer. Wald und ins Riesengebirge fahren konnten.
86 Genau wie hier mit größter Energie und Tatkraft das neue Wollen umgesetzt wurde, geschah es auf jedem Gebiet dieser N.S.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“. [...] Was der Marxismus versprochen hat, wird der Nationalsozialismus in die Tat umsetzen. So das Ziel, so die Wirklichkeit. Die Organisationen wurden diesem Gedanken der Gemeinschaft angepaßt. Aus
90 den Verbänden der Arbeiter, Arbeitnehmer und Angestellten wurden Betriebsgemeinschaften, die nach ihrem Fach in Reichsbetriebsgruppen zusammengefaßt werden. Unternehmer und Arbeiter. Das ist die Erkenntnis aller, das ist unser Wille.
[...]
1 12. November: Datum der Reichstagswahlen, bei denen nur noch einer von den Nationalsozialisten dominierten Einheitsliste zugestimmt werden konnte. Etwa 92 % der Stimmen entfielen auf diese Einheitsliste. Bei der am gleichen Tag stattfindenden Volksabstimmung stimmten 95 % für den Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund.
1.
2.
3.
Aufgabe HT 3 · Kalter Krieg, deutsche Teilung und Westintegration 1945-1988
Abiturprüfung 2022 – Geschichte, Leistungskurs
Aufgabenstellung (GE LK HT 3)
1.
Analysieren Sie den abgedruckten Textauszug. (24 Punkte)
2.
Erläutern Sie, ausgehend vom Text, das sowjetische Angebot des Jahres 1952 vor dem Hintergrund der damaligen deutschlandpolitischen Situation (12 Punkte) und ebenso die außen- und deutschlandpolitischen Positionen Adenauers (16 Punkte). (28 Punkte)
3.
Beurteilen Sie die Darlegungen des Autors. (28 Punkte)
Materialgrundlage
Wilhelm von Sternburg: Adenauer. Eine deutsche Legende, 2. Auflage, Berlin 2005, S. 194–210.
(Rechtschreibung und Hervorhebungen entsprechen dem Original)
Hinweise zum Autor: Wilhelm von Sternburg (*1939) ist ein deutscher Journalist und Autor zahlreicher Biographien über Politiker und Literaten.
Zugelassene Hilfsmittel
Wörterbuch zur deutschen Rechtschreibung
1 In den zahlreichen Darstellungen der Außenpolitik Adenauers wird mit Recht auf die vielfältigen Entwürfe einer »neuen« Ostpolitik am Ende seiner Amtszeit hingewiesen, werden die zahlreichen Überlegungen des Kanzlers erwähnt, die wieder Bewegung in die erstarrten Fronten zwischen Bonn und Moskau bringen sollten. Aber sie blieben in der praktischen Politik 5 ohne Folgen. Adenauer bewegte sich nicht, blieb bei seinen ostpolitischen Positionen. Die »Einheit in Freiheit« hatte für ihn keineswegs die Priorität, die er seinen Wählern vorgaukelte. Denn so schlicht es anmutet, wie er die Entwicklungen im Osten und ihre Rückwirkungen auf Europa betrachtete, die gebetsmühlenartige Wiederholung dieser Thesen war wohlberechnet, sollte der deutschen Öffentlichkeit deutlich machen, daß es keine Alternative zum Weg ins 10 Westbündnis gab. [...] Betrachtet man Adenauers Ostpolitik mit Rücksicht auf die Zeit, in der sie entwickelt und praktiziert wurde, dann ist nicht zu übersehen, daß seine Gedanken und Strategien keineswegs außergewöhnlich waren oder etwa dem Denken einer Minderheit in der westdeutschen Repu- 15 blik entsprachen. Stalins brutales Vorgehen in Osteuropa, die monatelange Berlin-Blockade oder die diplomatischen Winkelzüge seines Außenministers Molotow auf den zahlreichen Konferenzen, die die Deutschlandfrage zum Thema hatten, mußten auf die Westdeutschen damals äußerst bedrohlich wirken. Daß der sowjetische Diktator, im Gegensatz zu Hitler, die Möglichkeiten und Grenzen der eigenen Macht sehr wohl einzuschätzen wußte, jedes Risiko 20 vermied, Entwicklungen in Gang zu setzen, die seiner Kontrolle entglitten oder die Gefahr einer kriegerischen Auseinandersetzung mit den USA heraufbeschworen, ist wohl erst im Abstand der Zeit, nach dem Einblick in Akten und Dokumente deutlich geworden. Aber die Öffnung der Archive zeigte auch, daß der Kanzler in den Jahren 1952 und 1953 bewußt die Gelegenheit vorüberziehen ließ, die Einheit der Deutschen in den fünfziger Jahren 25 zurückzugewinnen. Die Stalin-Note vom 10. März 1952 hatte schon damals eine kontroverse Expertendiskussion ausgelöst, und ihre Ablehnung durch Adenauer wird zu Recht als »epochale Entscheidung« (Theodor Schieder 1) bezeichnet. [...] Die Beweggründe Stalins, nach jahrelanger Obstruktion in der Deutschlandfrage nun in die Offensive überzugehen, lagen auf der Hand. Die Bundesrepublik stand direkt vor der West- 30 integration, der Deutschlandvertrag und der Vertrag über die Europäische Verteidigungsgemeinschaft lagen unterschriftsreif vor. Moskau hatte erkennen müssen, daß an der Westgrenze seines Imperiums ein mächtiges, bald zweifellos hochgerüstetes Bündnis im Entstehen war. Die wachsenden Schwierigkeiten in den Volkswirtschaften der Sowjetunion und der DDR zeigten dem Kreml-Chef zudem, daß Moskau dringend eine »Koexistenz« auf dem europäi- 35 schen Kontinent anstreben mußte, und der ostdeutsche Satellit mag dafür ein akzeptabler Preis gewesen sein. [...] In Paris, London und Washington war man sich bei den Beratungen über die Stalin-Note klar, daß ein bündnisfreies Gesamtdeutschland den Plänen des Westens entgegenstand. So unter- 40 schiedlich dabei auch ihre Beweggründe waren, die Verbündeten erkannten zu ihrer Beruhigung, daß sie im westdeutschen Kanzler ihren besten Helfer besaßen. Da Adenauer nicht »schwankte«, konnten sie Stalins Offerte mit den üblichen Propagandagebärden zu Grabe tragen. [...] 45 Adenauers Ostpolitik blieb in den Jahren danach weitgehend bewegungslos, agierte nicht, sondern reagierte fast nur noch. Auf der Genfer Gipfelkonferenz von 1955 präsentierte Chruschtschow die Zwei-Staaten-Theorie Moskaus. Der Kreml verließ damit den Boden des Potsdamer Abkommens, die Einheit, aus welchen politischen Motiven auch immer propagiert, stand nicht mehr auf dem sowjetischen Programm. Adenauers Bemerkung nach dem Nato-Beitritt der 50 Bundesrepublik – »Wir sitzen nun im stärksten Bündnis der Geschichte. Es wird uns die Wiedervereinigung bringen« – lag damals jenseits der deutschlandpolitischen Realitäten. [...] Die politischen Entscheidungen zwischen 1952, dem Jahr der Stalin-Note, und 1961, dem Jahr des Berliner Mauerbaus, lassen keine Zweifel darüber zu, daß es in den 15 Monaten vom 55 10. März 1952 bis zum 18. Juni 1953 die vorerst letzte Chance gegeben hatte, die territorialen Veränderungen in Deutschland, auf die sich die Kriegsalliierten in Jalta und Potsdam geeinigt hatten, zu korrigieren. [...] Ein neutrales Gesamtdeutschland wäre damals zu einem Entspannungsfaktor in Europa geworden, wenn die beiden Supermächte die Unabhängigkeit dieses Staates garantiert hätten. Denn 60 ein bündnisfreier Landkorridor zwischen Rhein und Oder mußte die Fronten der feindlichen Systeme auseinanderschieben. Die Möglichkeit zu engeren Wirtschaftsbeziehungen, an denen die Sowjetunion brennend interessiert war, bot die Chance, Deutsche und Russen allmählich vom Vorteil der Überwindung der Konfrontationspolitik zu überzeugen. Der Aufbau der Nato und des Warschauer Paktes dagegen führte nachweislich zu einem gigantischen Truppenauf- 65 marsch und zu astronomischen Rüstungsausgaben. In Mitteleuropa sollten schließlich mehr Nuklearwaffen gelagert und stationiert sein als in jeder anderen Region der Welt. Das sind Gedanken, die in den Ohren der »Real-Politiker« natürlich utopisch klingen. Und auch aus der Sicht unserer Tage erscheint die Adenauersche Denkungsweise in bezug auf die Einheit nach dem Fall der Berliner Mauer im Jahre 1989 konsequent und folgerichtig. Aber 70 wer so argumentiert, vergißt, daß die damalige Deutschland-Politik der Union auf Kosten von Millionen Menschen in der DDR und in den anderen Ostblockstaaten ging. Zudem wissen wir heute noch genauer als zum Zeitpunkt der Ereignisse, wie dicht die Supermächte mehrfach, vor allem in der Kuba-Krise von 1962, vor einem Atomkrieg standen. Es war viel Glück im 75 Spiel, daß die »Politik der Stärke«, mit der beide Seiten auf unverantwortliche Weise jonglierten, für Europa und besonders für Deutschland nicht im Inferno einer atomaren Schlacht endete. Erst die Entspannungspolitik in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren, die für Bonn zu den Ostverträgen führte und 1975 in Helsinki mit den KSZE-Verträgen ihren Höhepunkt erreichte, minderte die Kriegsgefahr und öffnete die Grenzen zwischen Ost und 80 West. Dies soll die politischen Leistungen Adenauers und der Union für den Aufbau Westdeutschlands und die Rückführung des Landes in die internationale Staatengemeinschaft nicht mindern. Aber mit Blick auf die Spaltung bleiben auch nach der Wiedervereinigung alle Hinweise auf Adenauers angebliche strategische Weitsicht Apologie, und sie gehören in den Bereich 85 der Legendenbildung. Wie in vielen politischen Fragen hat der Gründungskanzler auch auf diesem Feld improvisiert und die Bürger mehr oder weniger getäuscht. In der Wirtschafts- und Europapolitik stand ihm das Glück des Tüchtigen zur Seite, in der Deutschland-Politik führte er sein Land in eine Sackgasse.
1 Theodor Schieder (1908–1984), bekannter und einflussreicher deutscher Historiker.
Hinweis: Zu den 80 Inhaltspunkten der Teilaufgaben 1–3 werden 20 Punkte für die Darstellungsleistung addiert (Gesamtpunktzahl: 100 Punkte).
Aufgabe HT 4 · Deutsche Frage 1815-1871: Wiener Kongress, Revolution 1848/49, Reichsgründung
Abiturprüfung 2022 – Geschichte, Leistungskurs (GE LK HT 4)
Aufgabenstellung
1.
Analysieren Sie den abgedruckten Textauszug. [26 Punkte]
2.
Erläutern Sie auf der Grundlage des Textes, wie der deutsche Nationalstaat entstand (12 Punkte), und untersuchen Sie die im Text angesprochenen Verbindungen zwischen der Reichsgründung und dem Ersten Weltkrieg (vgl. Z. 18 f.) (16 Punkte). [28 Punkte]
3.
Beurteilen Sie die Darlegungen des Autors. [26 Punkte]
Materialgrundlage
Peter Graf Kielmansegg: Hätte es eine Alternative zur deutschen Nationalstaatsgründung von 1871 gegeben? In: Neue Zürcher Zeitung (online-Ausgabe), 9. Januar 2021. (Rechtschreibung und Hervorhebungen wie im Original. Die im Text auffällige Schreibweise Doppel-s statt „ß“ ist auf das Fehlen des „ß“ im Schweizerdeutsch zurückzuführen.)
Hinweise zum Autor und zum Material:
Peter Graf Kielmansegg (*1937) ist Politikwissenschaftler und Historiker. Er lehrte an den Universitäten Köln und Mannheim.
Neue Zürcher Zeitung (NZZ): Eine seit 1780 in Zürich erscheinende schweizerische Tageszeitung mit überregionaler Bedeutung im deutschsprachigen Raum, die v. a. auf den Bereichen der Wirtschafts- und Auslandsberichterstattung beruht.
Hätte es eine Alternative zur deutschen Nationalstaatsgründung von 1871 gegeben?
Das deutsche Kaiserreich wurde von seinen Nachbarn als bedrohlich empfunden. Und tatsächlich hat sich seine Politik für den Kontinent mittelfristig als verhängnisvoll erwiesen.
Unter den grossen west- und mitteleuropäischen Nationalstaaten war Deutschland der letzte, der die Bühne der Geschichte betrat, Jahrhunderte nach Frankreich, England, Spanien,
5 ein Jahrzehnt nach dem ebenfalls verspäteten Italien. Sein Auftritt war nicht eigentlich überraschend, die Revolution von 1848 hatte das Thema mit Nachdruck auf die politische Agenda gesetzt, aber doch von irritierender Plötzlichkeit. Und er war jenseits der Grenzen Deutschlands unwillkommen.
Keine der älteren etablierten Grossmächte hat das neue Deutsche Reich freudig begrüsst.
10 Benjamin Disraeli 1, zu dieser Zeit Führer der konservativen Opposition im britischen Parlament, sprach in einer Unterhaus-Debatte wenige Wochen nach der Kaiserkrönung von Versailles aus, was viele europäische Beobachter empfanden. Die Reichsgründung – «the German revolution» in der Diktion Disraelis – habe das europäische Gleichgewicht von Grund auf zerstört.
15 War das so? Grundsätzlicher gefragt: Was hat dieses epochale Ereignis für die europäische Geschichte bedeutet? Oder zugespitzt: Was haben die Reichsgründung und die europäischen Katastrophen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts miteinander zu tun? Man gerät mit solchen Fragen, die weite geschichtliche Bögen schlagen, leicht in reine Spekulation. Aber zumindest über die Zusammenhänge zwischen 1871 und 1914 lässt sich ernsthaft diskutieren.
20 Und vom Ersten Weltkrieg und seinem Ausgang führt ein ziemlich gerader Weg zum Aufstieg Hitlers und damit in den Zweiten Weltkrieg.
Preussen revolutioniert das System
Die Pentarchie des 19. Jahrhunderts, wie sie aus dem Wiener Kongress hervorgegangen war, gilt zu Recht als ein erstaunlich stabiles Mächtesystem: die beiden Flügelmächte von Welt-
25 rang England und Russland, Frankreich, das den gescheiterten Versuch Napoleons, sich ganz Europa zu unterwerfen, dank der Mässigung der Sieger erstaunlich unversehrt überstanden hatte, und in der Mitte des Kontinents die beiden deutschen Rivalen, die Habsburgermonarchie und Preussen, die schwächste, kleinste unter den grossen Mächten, zudem ohne geschlossenes Territorium.
30 Überraschenderweise war es dieses Preussen, das, von Bismarck geführt, die Pentarchie revolutionierte. Die Kriege der 1850er Jahre – der Krimkrieg, in dem die Weltmächte England und Russland aufeinandergestossen waren, und der italienische Einigungskrieg, den Österreich, seit 1815 in Besitz der Lombardei und Venetiens, und das unruhige, ehrgeizige Frankreich Napoleons III. gegeneinander ausgefochten hatten – hatten das europäische Mächte-
35 system zwar schon erschüttert, aber die Gewichte noch nicht grundlegend verschoben. Das tat erst Bismarck, als er nach den drei Einigungskriegen von 1864, 1866 und 1870/71 das Deutsche Reich aus der Taufe hob.
An die Stelle des kleinen Preussen trat nun das grosse Preussen-Deutschland, Frankreich wie Österreich-Ungarn an militärischer Stärke und wirtschaftlicher Kraft deutlich überlegen –
40 Russland bleibt seines unermesslichen Raumes und seiner riesigen Bevölkerungszahl wegen immer ein Sonderfall. [...]
Aber war damit das europäische Gleichgewicht wirklich zerstört? Was war überhaupt das europäische Gleichgewicht? Und weshalb war es bewahrenswert? Sieht man ein Mächtesystem im Gleichgewicht, wenn es keinen Hegemonen gibt, sondern [sich] eine Mehrzahl von
45 Mächten in wechselnden Verbindungen einander ohne kriegerische Konflikte die Waage hält, so ist festzustellen: Auch die neue Pentarchie war von dieser Art. Deutschland wurde durch die nationalstaatliche Einigung keineswegs zur kontinentalen Hegemonialmacht. Aber von nun an war die Befürchtung in der Welt, dass es so kommen könne.
Und vor allem: Die neue Pentarchie war kriegsgeneigter und kriegsgefährdeter als die alte.
50 Sie war es, weil die neue Grossmacht der europäischen Mitte für ihre Nachbarn bedrohlich war und sich zugleich selbst als bedroht wahrnehmen musste. Bedroht war die Macht der Mitte, weil sie, von zwei Grossmächten unmittelbar flankiert, deren eine, Frankreich, ihr unversöhnlich gegenüberstand, als einzige europäische Grossmacht immer mit einem Zwei-Fronten-Krieg rechnen musste. Bedrohlich, jedenfalls für Frankreich, war die neue Gross-
55 macht Deutschland, weil sie eben der Mittellage wegen jedem der beiden Nachbarn militärisch überlegen sein musste und wollte, ganz unabhängig von der besonderen preussischen Militärtradition, die zusätzlich irritierte.
Das mitteleuropäische Bündnis Deutschlands mit Österreich-Ungarn, das nach 1871 zu einer Konstante der neuen Pentarchie wurde, brachte eine zusätzliche starke Spannung ins System.
60 Denn Österreich-Ungarn stiess auf dem Balkan mit Russland zusammen. Und damit wurde auch der andere Nachbar zum potenziellen, schliesslich zum wirklichen Gegner Deutschlands.
Bismarck wusste, dass er mit der Reichsgründung bis an die Grenze gegangen war; dass die europäischen Mächte seinen Coup – denn das war die Reichsgründung – dauerhaft nur hin-
65 nehmen würden, wenn das Deutsche Reich sich verlässlich als eine dem Frieden verpflichtete Status-quo-Macht erweisen würde. Seine Politik nach 1871 war auf diese Einsicht gegründet. Mit seiner England herausfordernden Flottenrüstung in den anderthalb Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg, aber auch seinen kolonialen Ambitionen brach das wilhelminische Deutschland aus dieser Selbstbeschränkung aus.
70 Das erwies sich als verhängnisvoll, weil England die Macht war, die die spannungsgeladene kontinentale Machtkonstellation durch seine Neutralität hätte in einer wenn auch nicht harmonischen, so doch jedenfalls nichtkriegerischen Balance halten können. Dass das nachbismarcksche Deutsche Reich die Bedingungen dieser Möglichkeit nicht achtete, hat zum Absturz der zweiten Pentarchie in den grossen Krieg wesentlich beigetragen. [...]
75 Wenn 1914 etwas mit 1871 zu tun hat, wie es diese Überlegungen nahelegen, dann drängt sich die Frage auf: Gab es Alternativen zur kriegerischen Nationalstaatsgründung von 1871? [...]
Wenn es eine Alternative zur Reichsgründung von 1871 gab, dann lag sie nicht in einer ganz anderen Antwort auf die offene deutsche Frage. Sie hätte in einem anderen Weg zum
80 Ziel gelegen: in einer Nationalstaatsgründung ohne Krieg gegen Frankreich und ohne Annexionen, langsamer, behutsamer, schonender also. [...]
Danach dann, davon war schon die Rede, hätte die Alternative in einer anderen Politik des deutschen Nationalstaates gelegen, einer Politik, deren oberstes Ziel es hätte sein müssen, Europa mit seiner Existenz zu versöhnen. Für den Rückblick nach 150 Jahren ist das offen-
85 sichtlich. Aber die Zeitgenossen hätten es auch schon wissen können.
1 Benjamin Disraeli: britischer Premierminister (1868 und 1874–1880).
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