Aufgabe 2 · Abitur NRW Geschichte LK · Haupttermin 2021

Thema: Nationalsozialismus: Ideologie, Herrschaft und Verbrechen · Aus der Prüfung LK · Haupttermin (2021)

Aufgabenstellung

Aufgabenstellung:

Interpretieren Sie die vorliegende Quelle, indem Sie

1.

die Quelle analysieren, (26 Punkte)

2.

die Quelle in den historischen Zusammenhang einordnen (14 Punkte) und die Bezüge, die der Autor zur NS-Politik herstellt, herausarbeiten. (14 Punkte) (28 Punkte)

3.

zu den Darlegungen des Autors Stellung nehmen. (26 Punkte)

Materialgrundlage:

Carl Friedrich Goerdeler: Entwurf der für den 20. Juli 1944 vorbereiteten Rundfunkansprache.

(Rechtschreibung und Hervorhebungen wie in der Vorlage)

Hinweise zum Autor und zum Material:

Carl Friedrich Goerdeler (1884 – 2. Februar 1945): deutscher Politiker (DNVP) und Mitglied des Widerstands gegen den Nationalsozialismus. Goerdeler stand dem Nationalsozialismus nach 1933 zunächst positiv gegenüber, trat jedoch 1936 aus Protest vom Amt des Leipziger Oberbürgermeisters zurück. In der Folge näherte er sich dem Widerstand an und gehörte bald zu dessen führenden Köpfen. Er sollte nach dem Attentat vom 20. Juli den Posten des Reichskanzlers übernehmen.

Der Entwurf für die Rundfunkansprache wurde aus den Unterlagen der „Gestapo-Sonderkommission 20. Juli“ rekonstruiert. Ob die Hervorhebungen im Text auf das Original oder die Gestapo-Unterlagen zurückgehen, lässt sich nicht mehr ermitteln.

Deutsche!

Ihr wißt seit heute, worum es geht, was unsere Beweggründe und unsere Absichten sind. Das Recht äußerster Notwehr und die Pflicht der Selbsterhaltung zeichnen uns und euch den Weg vor. Nicht der versprochene Staat fester und weiser Führung, sondern eine schreckensvolle Zwangsherrschaft ist uns zuteil geworden. Tapferkeit, Todesmut und Können unserer Soldaten sind schändlich mißbraucht, unsere Heimat ist skrupellos der Not und Zerstörung ausgesetzt worden.

Als Endglied einer vermeidlichen Kette von Rechtsbeugungen und Rechtsbrüchen hat HITLER in seiner Reichstagsrede vom 25. 4. 1942 alle Deutschen für vogelfrei erklärt, indem er sich das Recht anmaßte, jedes Urteil nach seinem eigenen Ermessen umzustoßen. 1 Er hat damit einen Tiefstand der Rechtlosigkeit heraufbeschworen, der im Leben gesitteter Völker bisher unbekannt war und nicht mehr zu überbieten ist. Aus dem stolzen Deutschland des gleichen Rechts für alle hat er eine ohnmächtige Zwangsgemeinschaft von Sklaven gemacht, in der der Bürger nicht mehr die Möglichkeit hat, sich gegen Unrecht zur Wehr zu setzen. Höchste Würdenträger, auch Adolf HITLER selbst, haben zahllose Verbrechen gegen Leib und Leben, gegen Eigentum und Ehre begangen, angeordnet und geduldet. […]

Eine abenteuerliche, machthungrige Außenpolitik hat unser Volk in eine Lage gebracht, deren Ernst nicht mehr übersehen werden kann. Die Rücksicht auf den Krieg verbietet uns, alles beim Namen zu nennen. Aber ihr wißt oder fühlt, wohin Gewissenlosigkeit und Wahnwitz uns alle gebracht haben. Lautere Männer aller Stände und aus allen Gauen werden von uns berufen und ihre Namen euch bekanntgegeben werden, die alles, was geschehen ist, gewissenhaft prüfen und euch auch über den Stand der Dinge, den wir vorfanden, eingehend unterrichten sollen, sobald die Lage es gestattet.

Eins aber können wir euch jetzt schon sagen: das Gebäude des Staates, das auf Unrecht, Willkür, Verbrechen aller Art, Eigennutz, Lüge aufgebaut wurde, wird niedergerissen werden. Das Fundament des neuen Staatsbaues werden die sicheren Grundlagen des menschlichen Zusammenlebens bilden, werden Recht und Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit, Anstand, Sauberkeit, Vernunft, Rücksicht aufeinander und Rücksicht auch auf die von Gott geschaffenen Völker und ihre Lebensinteressen sein.

Wenn wir keinen zweiten November 1918 erleben wollen, so ist der letzte Augenblick gekommen, diesen Vorsatz in die Tat umzusetzen. Wir werden schon in den nächsten Tagen vor aller Öffentlichkeit diejenigen ohne Rücksicht auf ihre Stellung zur Rechenschaft ziehen, die für die Verbrechen von Staat und Volk verantwortlich sind. [sic!]

[…]

Ihr sollt so schnell wie möglich Verbrecher und Verbrechen erfahren. Ihr werdet selbst in die Lage versetzt werden, festzustellen, daß Ungeheuerliches geschehen ist. Aber wir werden auch dafür sorgen, daß nur gerechte Bestrafung nach den Gesetzen stattfindet. Niemand von euch lasse sich zu einer voreiligen Handlung hinreißen; denn über allen Rachegefühlen steht die Notwendigkeit, den Staat gleichen Rechts für alle unter einer gerechten Führung wiederherzustellen.

[…]

Niemand, der ein gutes Gewissen hat, braucht sich zu fürchten und zu sorgen. Es geht nicht um die Frage: Parteigenosse oder Volksgenosse. Fort mit diesen Unterschieden, die artfremd dem deutschen Wesen aufgepfropft sind! Es geht nicht um die Frage: SS, SA oder welche Organisationen auch immer. Es geht um die Frage: anständig oder unanständig!

Jeder hat seine Pflicht da weiter zu erfüllen, wo er steht, nur den Gesetzen und den Verordnungen der neuen Amtsgewalt gehorchend. Das Schicksal unserer schwer kämpfenden Soldaten hängt davon ab, daß jeder in der Heimat sein Äußerstes hergibt. Ihnen und unseren geliebten Toten sind wir alles schuldig. Sie und unsere Verwundeten müssen allen anderen Sorgen vorangehen.

[…]

Am ernstesten sieht es auf dem Gebiete der Außenpolitik aus. Hier haben wir mit den Interessen und dem Willen anderer Völker zu rechnen. Wir wissen noch nicht, wie sich das Ausland zu uns stellt. Wir haben handeln müssen aus der Verpflichtung des Gewissens heraus. Aber wir wollen euch sagen, was wir an außenpolitischen Zielen sehen. Wir Deutschen leben ebensowenig wie ein anderes Volk allein auf dieser Welt. Wir haben uns daher zu unserem eigenen Besten mit dem Vorhandensein, den Eigenschaften und Interessen anderer Völker auseinanderzusetzen. Es ist unsere Überzeugung, daß diese Auseinandersetzung nicht mit Waffengewalt erfolgen soll. Je weiter Gott uns gestattet hat, durch die Gaben des Geistes, die wir ihm verdanken, die Technik zu entwickeln, desto zerstörender ist der Krieg geworden. Er zerstört das, auf dessen Errichtung die Gaben des Geistes angesetzt sind. Er frißt sich schließlich selbst auf. Wir wollen daher einen friedlichen, gerechten Ausgleich der nun einmal in dieser Welt vorhandenen Interessengegensätze, die viel weniger durch die Menschen als durch ihre Umwelt bedingt sind. Wir sind der Überzeugung, daß ein solcher Ausgleich möglich ist, weil er bei ruhiger Betrachtung im Interesse aller Völker liegt. Er hat zur Voraussetzung, daß die Völker sich gegenseitig achten und jedem Volke das Recht zubilligen, selbständig einen Staat zu bilden und zu verwalten. Die Völker fördern ihre Wohlfahrt und ihr Seelenheil am besten, wenn sie zusammenarbeiten und so ihre verschiedenartigen Kräfte zu einem großen, harmonischen, alle erfreuenden Zusammenklang bringen. Eine solche Zusammenarbeit wird zu einem möglichst ungehinderten Güteraustausch führen. Unter ihm sind die großen und kleinen Staaten seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts zu Wohlstand und Blüte gelangt. Ihn gilt es so bald wie möglich wiederherzustellen. […]

Zu einer solchen Zusammenordnung im kleinen wie im großen sind wir, die Selbständigkeit aller Staaten, so wie sie sich im Laufe der Geschichte entwickelt haben, anerkennend, bereit. […] Dabei müssen wir den Gegebenheiten dieses unseligen Krieges Rechnung tragen. Aber wir werden dafür sorgen, daß, soweit zur Zeit noch fremde Gebiete besetzt gehalten werden müssen, den Betroffenen volle Selbstregierung wieder ermöglicht und die Anwesenheit deutscher Truppen so wenig lastend wie möglich gemacht wird. Wissen wir doch aus eigener schmerzvoller Erfahrung, wie tief die Seele jedes Volkes von der Tatsache berührt wird, die Soldaten eines anderen Volkes auf der geheiligten Heimaterde zu sehen.

Wir müssen also, nicht wissend, wie sich die Welt uns gegenüber stellen wird, den Kampf weiterführen, wir alle haben viele bittere Erfahrungen hinter uns. Wir sind Männer, die es gewohnt waren, unsere Pflicht auch unter den widerwärtigsten Umständen zu tun. Wir sind Männer, die ein böses Erbe übernehmen, ohne über die bisherigen ungetreuen Verwalter unserer Schicksale zu schimpfen. […]

So rufen wir auch auf zu tätiger Selbstbesinnung und zu opferbereiter Zuversicht. Hasset nicht, helft vielmehr! Vollbringt das Größte: findet die Seele unseres Volkes wieder. Gewinnt so die Kraft, noch mehr zu leisten und unseren tapferen Soldaten zu Lande, auf dem Meer und in der Luft noch wirksamer zu helfen. Vereinen wir uns mit ihnen in der Ruhe des Gewissens, daß kein deutsches Mannesblut mehr der Ruhmsucht unfähiger Führung, sondern nur noch der Verteidigung unserer Lebensinteressen geopfert werden wird.

Mit Gott für Recht, Freiheit und Sicherung friedlicher Arbeit.

1 In der Reichstagssitzung, die allerdings am 26. April 1942 stattfand, wurde Hitler ermächtigt, jeden Beamten und Richter ohne Vorbehalte aus seinem Amt zu entfernen. Hitler wurde damit auch im Bereich der Justiz zur letzten Entscheidungsinstanz.

Ihre Ausarbeitung:

1.

2.

3.

Aufgabenstellung: Aufgabe 2 · Abitur NRW Geschichte LK · Haupttermin 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. die Quelle analysieren, (26 Punkte)

Lösung: Ausführliche Analyse der Quelle gemäß den formalen Kriterien und inhaltlichen Schwerpunkten des Kriterienkatalogs.

2. die Quelle in den historischen Zusammenhang einordnen (14 Punkte) und die Bezüge, die der Autor zur NS-Politik herstellt, herausarbeiten. (14 Punkte) (28 Punkte)

Lösung: Historische Kontextualisierung des 20. Juli 1944 und detaillierte Herausarbeitung der im Text genannten Bezüge zur nationalsozialistischen Innen-, Außen- und Verbrechenspolitik.

3. zu den Darlegungen des Autors Stellung nehmen. (26 Punkte)

Lösung: Differenzierte Stellungnahme und historisches Urteil zu den Motiven, Zielsetzungen und Widersprüchen in Goerdelers Redeentwurf.

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