Aufgabe 1 · Abitur NRW Geschichte LK · Haupttermin 2023

Thema: Imperialismus und Erster Weltkrieg · Aus der Prüfung LK · Haupttermin (2023)

Aufgabenstellung

Aufgabenstellung:

Interpretieren Sie die vorliegende Quelle, indem Sie folgende Schritte bearbeiten:

1.

die Quelle analysieren, (26 Punkte)

2.

die Quelle in den Zusammenhang der Kolonialpolitik des Deutschen Kaiserreichs einordnen (14 Punkte) und die darin erkennbare politische Haltung des Redners untersuchen (14 Punkte), (28 Punkte)

3.

zu Caprivis Standpunkt Stellung nehmen. (26 Punkte)

Materialgrundlage:

Leo von Caprivi: Rede vor dem Reichstag am 12. Mai 1890.

(Rechtschreibung, Grammatik und Hervorhebungen wie im Original)

Informationen zum Redner und zum Material:

Leo von Caprivi war der Nachfolger Otto von Bismarcks als Reichskanzler. Er hielt die Rede anlässlich der Debatte über einen Nachtragshaushalt 1890/91 zur Deckung der Kosten im ostafrikanischen Kolonialgebiet. Vor Caprivis Rede hatte Ludwig Bamberger, ein Vertreter der Liberalen, Kritik an den in den Kolonien anfallenden Kosten geübt.

[...]

Nach dem Kriege von 1870 trat eine Periode ein, in der der nationale Geist, ich will nicht sagen, rückläufig wurde, aber zu erlahmen schien. Es fehlten ihm Objekte, auf die er sich richten konnte; der Idealismus, dessen der Deutsche zu seiner Existenz bedarf, hatte sich abgewöhnt, sich auf geistigen Gebieten zu bethätigen. Die Kriege hatten ihm praktische Ziele

5 gegeben, jetzt war noch ein Ueberschuß davon da, der nicht wußte, wohin. Da bot sich die Kolonialpolitik, und was an warmem Empfinden für die nationale Ehre und Größe da war, das richtete sich – ich gebe zu: zum Theil blind und ohne den Verstand zu Rathe zu ziehen – auf dieses Gebiet.

(Sehr wahr!)

10 Meine Herren, es liegt doch auch eigentlich im Wesen des Deutschen, der auf der einen Seite so stark zum Partikularismus neigt, daß er eines Idealismus bedarf, wenn er leistungsfähig bleiben soll. Dieser Idealismus, wenn er sich konzentriren soll – und nur durch Konzentration bleiben Gefühle auf die Dauer in den Massen warm und stark –, bedarf eines gewissen Brennpunktes, und ein solcher Brennpunkt wurde ihm in der Kolonialpolitik gegeben; er

15 wurde von der Nation, soweit ich habe beurtheilen können, dankbar aufgenommen. [...]

Nun hat ja der Herr Abgeordnete 1 darin ganz Recht, es ist mit diesem Enthusiasmus insofern nicht viel anzufangen, als er sich sehr schwer in klingende Münze übersetzt

(Heiterkeit),

– und mit dem deutschen Kolonialenthusiasmus, von dem man mit Recht sagt, er macht

20 meist vor dem Geldbeutel Halt. Indessen habe ich gerade, was Ostafrika angeht, den bestimmten Glauben, daß, wenn das, was da jetzt im Werke ist 2, durchgeführt, wenn die Pazifikation 3 vollendet, wenn geordnete Zustände da hergestellt sein werden, gerade Ostafrika eine Stelle sein wird, die für das Privatkapital mehr Anziehungskraft haben wird, als der eine oder der andere Ort; und ich gebe mich der Hoffnung hin, daß das, was an Kolonialenthusiasmus in

25 der Nation noch vorhanden ist, die Barriere überwinden und auch zum klingenden Ausdruck bei dem ostafrikanischen Unternehmen kommen wird.

Mit der nationalen Frage hing für viele eine Art Machtfrage zusammen, und ich muß auch hier zugeben, diese Machtfrage, die in der Kolonialpolitik lag, ist mit einem großen Aufwande von Mangel an Sachverständnis

30 (hört! hört! links)

– ich will sagen: in der Menge – behandelt worden. Denn man glaubte, wenn wir nun Kolonien hätten und kauften einen Atlas und da malten wir Afrika blau an 4, dann wären wir große Leute geworden.

(Heiterkeit.)

35 [...] Es können Zeiten in Deutschland kommen, wo jeder Mann im Glied und jede Mark in der Kasse uns willkommen sein wird, und ich kann dem Herrn Abgeordneten Bamberger versichern, daß, was mich angeht, kein Mann mehr in Ostafrika eingesetzt und keine Mark mehr ausgegeben werden wird, als eben um das zu erhalten und in den Bahnen, die einmal vorgezeichnet sind, auszubilden, was jetzt da ist. Ich würde mich nicht dazu entschließen,

40 große Summen, zahlreiche Deutsche nach Ostafrika zu ziehen, nur etwa um mir da den Luxus einer Truppe, einer gewissen Machtentfaltung, zu gewähren.

[...]

Läßt man sein Auge nun etwas weiter in die Zukunft gehen, so halte ich es doch nicht für unmöglich, daß die Entwicklung, die die Welt im ganzen nimmt, auch Deutschland dazu

45 nöthigen wird, mit transozeanischen Staaten in einen engeren Verkehr – hoffentlich immer nur friedlichen – zu treten als bisher. Das Phäakendasein 5 eines kleinen europäischen Staates hat ein Ende, wir werden mit Mächten jenseits des Meeres rechnen müssen, die über ganz andere Schätze an Menschen und Geld verfügen wie wir; und wenn man überhaupt nur zugiebt, daß Zeiten kommen werden, wo deutsche Macht und deutscher Geist sich stärker außerhalb

50 Deutschlands dokumentieren müssen als bisher, so folgt weiter, daß wir dann zur See eine gewisse Kraft zu entwickeln im Stande sein müssen. Die Jahre, in denen ich die Ehre gehabt habe, Chef der Admiralität zu sein, hat mir als das für die Marine zu erreichende Ziel immer vorgeschwebt, die Marine in eine Lage zu bringen, daß, wenn einmal eine solche Erweiterung unseres Wirkungskreises nothwendig wäre, sie dazu befähigt wäre. Giebt man nun das als

55 eine Möglichkeit wenigstens zu, giebt man zu, daß wir in Zeiten kommen können, wo eine Thätigkeit der Marine in ausgedehntem Maße im Frieden und Krieg in außerdeutschen, außerheimischen Gewässern erfordert wird, so muß man sich unumgänglich die Frage vorlegen: woher bekommt denn die Marine das, wovon sie lebt und ohne das sie weder bewegungs- noch gefechtsfähig ist, die Kohlen? Wenn wir jetzt in einen Krieg mit einer fremden Macht

60 verwickelt werden, so haben wir ja einige, aber schwierige Mittel, unsere Schiffe im Auslande mit Kohlen zu versorgen. Wir sind im ganzen auf das Wohlwollen neutraler Staaten angewiesen, und wer einmal dazu neigt, sich für die Marine zu begeistern, ihr eine große Zukunft zuzuerkennen, der muß zugeben, daß eine solche Rolle in außerheimischen Gewässern für

die Marine auf die Dauer nicht durchzuführen sein wird. Wir müssen selbst in den Besitz

65 wenigstens einiger Punkte gelangen, in denen deutsche Kohlen von deutschen Behörden an deutsche Schiffe gegeben werden können. Das Dasein von Kohlenstationen ist für einen zukünftigen Krieg die Bedingung jeder Wirksamkeit der Marine. [...]

Ich kann also nun noch einmal zusammenfassen. Wir werden das Bemühen haben, daß, wenn der Reichstag uns weiter unterstützt, wir schrittweise vorgehen, daß wir uns auf keine

70 gewagten Unternehmungen einlassen, daß wir danach trachten, die Gesellschaften 6 wieder dahin zu bringen, wo sie ursprünglich gestanden haben, sie so selbständig, als es möglich sein wird, zu machen. Ich muß hier die Einschränkung machen, daß eben das von der Leistungsfähigkeit der Gesellschaften abhängen wird, und daß sich heute noch nicht mit Bestimmtheit übersehen lässt, wie weit sie dazu geeignet sein werden. [...]

75 Wir werden das Bestreben haben, fremde Rechte überall zu respektiren, wie es der Herr Staatssekretär ausgeführt hat 7, und das Deutsche Reich zu schützen. Ich glaube, die verbündeten Regierungen werden imstande sein, die Kolonialpolitik so zu führen, daß die allgemeine Politik Deutschlands darunter keinen Schaden leidet, und daß der berechtigte Aufschwung deutschen Nationalgefühls nicht verletzt werden wird.

80 (Lebhaftes Bravo rechts und im Zentrum.)

1 Caprivi bezieht sich hier auf Aussagen seines Vorredners Ludwig Bamberger.

2 Im Laufe des Jahres 1890 wurden Verhandlungen zur Übernahme der Besitzansprüche der privaten Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft durch das Deutsche Reich geführt.

3 Pazifikation: Befriedung

4 Caprivi verweist hier auf die auf Landkarten üblicherweise in blauer Farbe gekennzeichneten deutschen Gebiete.

5 Phäakendasein: hier sinngemäß: sorglose Existenz

6 Gesellschaften: hier: private Kolonialunternehmen

7 Die Debatte wurde mit einem Wortbeitrag des Staatssekretärs des Auswärtigen Amtes, Freiherr Marschall von Bieberstein, eröffnet, in dem er u. a. auf die Unterdrückung von Aufständen zum Schutze der deutschen Kolonialmacht eingeht.

Aufgabenstellung: Aufgabe 1 · Abitur NRW Geschichte LK · Haupttermin 2023

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Analysieren Sie die vorliegende Quelle.

Lösung: Ausarbeitung einer fundierten Textanalyse gemäß den Vorgaben zur Quellenkritik und inhaltlichen Erschließung.

2. Ordnen Sie die Quelle in den Zusammenhang der Kolonialpolitik des Deutschen Kaiserreichs ein und untersuchen Sie die darin erkennbare politische Haltung des Redners.

Lösung: Historische Kontextualisierung der deutschen Kolonialpolitik bis 1890 sowie detaillierte Untersuchung der Haltung Caprivis.

3. Nehmen Sie zu Caprivis Standpunkt Stellung.

Lösung: Eigenständige historische Urteilsbildung und kritische Stellungnahme zur Position Caprivis.

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