Aufgabe 4 · Abitur NRW Geschichte LK · Nachtermin 2022

Thema: Imperialismus und Erster Weltkrieg · Aus der Prüfung LK · Nachtermin (2022)

Aufgabenstellung

Abiturprüfung 2022 – Geschichte, Leistungskurs (Nachtermin)

Aufgabe 4

Materialgrundlage

August Winnig: Die Kolonien und die Arbeiter. In: Sozialistische Monatshefte. 5. Heft, 18. März 1915, S. 219–224. (Rechtschreibung und Hervorhebungen wie im Original)

Hinweise zum Autor/Material:

August Winnig (1878–1956) war ein deutscher Politiker und zum Erscheinungszeitpunkt des vorliegenden Artikels Mitglied der SPD.

Sozialistische Monatshefte: Die Zeitschrift „Sozialistische Monatshefte – Internationale Revue des Sozialismus“ wurde zwischen 1897 und 1933 in Berlin herausgegeben. Sie stand der SPD nahe, wurde aber nicht von ihr kontrolliert und von führenden Funktionären der Partei kritisch gesehen.

Textgrundlage

[...]

1 Auch wer mit der Kolonialpolitik, so wie sie von der Regierung und der Reichstagsmehrheit

2 betrieben wurde, gar nicht einverstanden war, wird sich gegen den Gedanken sträuben, dass

3 diese Gebiete für Deutschland verloren sein sollen. Es steckt denn doch zu viel an Opfern in

4 diesen Kolonieen, als dass man sich leichterherzig mit ihrem Verlust abfinden könnte. Und sie

5 repräsentieren auch zu hohe Werte, als dass es angebracht wäre ihr Schicksal auf die leichte

6 Schulter zu nehmen. [...]

7 Die Notwendigkeit die Wirtschaft des Mutterlandes durch Kolonialwirtschaft zu ergänzen

8 und zu stützen, liegt vor allem für unser Land in greifbarer Deutlichkeit vor. Die dauernd starke

9 Vermehrung der Bevölkerung hat uns ein Wirtschaftssystem aufgenötigt, das ohne koloniale

10 Ergänzungswirtschaft überhaupt nicht denkbar und schlechthin unmöglich ist. Deutschlands

11 Bevölkerung ist zu zahlreich geworden, als daß sie aus einer national begrenzten Wirtschaft

12 die Güter beschaffen könnte, die sie zu einer Lebensführung, wie sie durch die Zugehörigkeit

13 zum europäischen Kulturkreis gegeben ist, bedarf. Man kann dabei zunächst die allgemeine

14 Abhängigkeit unserer Lebensführung von kolonialen Erzeugnissen ganz außer Betracht lassen,

15 obwohl selbstverständlich auch diese alltäglichen Gebrauchsgüter für Richtung und Wesen

16 des kolonialen Strebens sehr wichtig sind; das deutsche Volk kann zur Not wohl für die Zeit

17 eines außergewöhnlichen Zustands zur Lebensweise eines Harzköhlers zurückkehren, aber

18 es kann nicht dauernd Verzicht auf eine geschichtlich gegebene Lebensführung leisten, wenn

19 es sich nicht selbst aus dem großen Weltgeschehen ausschalten will. Das deutsche Volk ist

20 nicht aus freier Wahl, sondern unter dem Druck einer zwangsmäßig sich vollziehenden Ent-

21 wickelung ein hochindustrielles Volk geworden. Damit hat es das Gerüst seiner wirtschaftli-

22 chen Beziehungen weit über den nationalen Rahmen hinaus gestreckt und muss darum notwen-

23 dig danach streben es auch außerhalb seiner staatlichen Grenzen zu stützen und zu verankern.

24 Es muss vor allem dafür Sorge tragen, dass seiner Industrie, die immer mehr das Rückgrat

25 seiner Wirtschaft geworden ist, der Bezug der Rohstoffe gesichert bleibt. [...]

26 Wir können uns heute keine Entwickelung denken, die nicht zu einer Ausweitung und Stei-

27 gerung des Industrialismus führte, die uns in den Stand setzte, auf diese Rohstoffe und Pro-

28 dukte zu verzichten. Solange es menschliches Kulturleben geben wird, so lange wird es nur

29 mit Hilfe der heutigen Kolonialgebiete möglich sein.

30 Kein Mensch, keine Klasse und keine Partei kann diese Tatsache ignorieren. Vor allem

31 kann sie keine Partei und keine Klasse unbeachtet lassen, die Anspruch auf Teilnahme an der

32 Leitung und Verwaltung des öffentlichen Wesens erhebt. Und am allerwenigsten kann sich

33 die Arbeiterklasse und als ihr politischer Ausdruck die Sozialdemokratie über diese Tatsache

34 und die aus ihr fließenden Notwendigkeiten hinwegsetzen. Am allerwenigsten: denn das wirt-

35 schaftspolitische System der sozialistischen Arbeiterschaft ist ja mehr als das System jeder

36 andern Klasse aus den Notwendigkeiten der künftigen Entwickelung abgeleitet und strebt

37 nach der vollkommensten Erfüllung aller gesellschaftlichen Bedürfnisse. Wie wollten wir unsern

38 Kampf um die politische Macht rechtlich und sittlich stützen, wenn wir die Notwendigkeit

39 kolonialer Wirtschaft leugneten oder uns weigerten, deren Gebote zu erfüllen? Man kann sich

40 dieser Notwendigkeit nicht damit entziehen, dass man sich auf die kolonisatorische Tätigkeit

41 der anderen Staaten verlässt; denn das würde die Preisgabe wichtiger ökonomischer und poli-

42 tischer Interessen des eigenen Volkes bedeuten und wäre doch nur ein klägliches Auswei-

43 chen vor den Entscheidungen, die man damit den Bruderparteien der anderen Länder zuwiese.

44 Gesetzt den Fall, die Arbeiterklasse eroberte in den großen Industriestaaten die politische

45 Macht: könnte sie dann auch nur daran denken, die Kolonialpolitik aufzugeben? Täte sie es, so

46 würde sie damit selbst ihrer Herrschaft den Todesstoß versetzen. Denn ökonomische Lebens-

47 interessen der Völker lassen sich durch keinerlei Prinzipien vergewaltigen, sie zerschlagen

48 die Prinzipien und setzen sich durch.

49 Heute ist die offizielle Stellung der Sozialdemokratie zur Kolonialpolitik noch durch die Reso-

50 lutionen des Mainzer Parteitags /1890/ und der internationalen Kongresse von Amsterdam /

51 1904/ und Stuttgart /1907/ gegeben. In all diesen Resolutionen wird den sozialdemokratischen

52 Parteien der entschiedenste Widerstand gegen die Kolonialpolitik zur Pflicht gemacht; doch

53 fordern sie daneben auch das Eintreten für Reformen zur Erleichterung des Loses der Einge-

54 borenen. [...]

55 Sie [die Auffassung der Partei] bedeutet eine Ablehnung der bis dahin beobachteten Metho-

56 den der Kolonialpolitik, nämlich der »gewaltsamen Aneignung fremder Ländergebiete und

57 der rücksichtslosen Unterjochung und Ausbeutung der in den selben wohnenden Völkerschaf-

58 ten.«¹ Aber auch eine Anerkennung der volkswirtschaftlichen Notwendigkeit der »Kultur-

59 und Verkehrsbeziehungen« zu den Völkern, die heute Gegenstand der Kolonialpolitik sind.

60 Darüber kann nirgends Zweifel bestehen, dass solche Beziehungen die Obhut und Aufsicht

61 der Staatsgewalt bedingen, dass es untunlich wäre die Anbahnung und Pflege solcher Bezie-

62 hungen privaten Erwerbs- oder Handelsgesellschaften zu überlassen. [...] Es ist zwar oft ver-

63 sucht worden, die Partei grundsätzlich gegen die Kolonialpolitik schlechthin festzulegen, aber

64 einen dauernden Erfolg haben diese Versuche nicht gehabt und konnten sie nicht haben, da

65 eine solche grundsätzliche Verneinung vor keiner ernsthaften Kritik und noch weniger vor

66 den Anforderungen der Wirklichkeit besteht.

67 Oder kann sich die Arbeiterklasse auf den Standpunkt stellen, dass es ihr ganz gleichgültig

68 sei, ob die deutsche Volkswirtschaft die nötigen Rohstoffe erhalte oder nicht? Selbstverständ-

69 lich wäre ein solcher Standpunkt unmöglich. Es kann einfach der Arbeiterschaft nicht gleich-

70 gültig sein, unter welchen Bedingungen sich der Ablauf der wirtschaftlichen Funktionen voll-

71 zieht. Es berührt selbstverständlich die Interessen der Arbeiterschaft, ob die Industrie, von

72 deren Gedeihen sie selbst abhängt, die nötigen Rohstoffe erhält, und ob sie sie zu günstigen

73 Preisen erhält. [...] Es steht außer Frage, dass diese Erwägungen insbesondere auf Deutsch-

74 land zutreffen, dessen hochentwickelte Industrie unter den Nachteilen, die sich aus der Abhän-

75 gigkeit von ausländischen Rohstoffen ergeben, weit empfindlicher leidet als eine Industrie,

76 die für den Gesamthaushalt ihres Landes nur von untergeordneter Bedeutung ist. Wenn dann

77 die deutschen Arbeiter bei den vielen Sorgen, die der Krieg wachruft, auch um das Schicksal

78 der Kolonien besorgt sind, so sind sie es in der Erkenntnis, dass es sich hier um ein wertvolles

79 Stück deutscher Zukunft handelt, die eben auch ihre Zukunft ist.

80 Für unsere künftige Stellung zu kolonialen Fragen müssen wir uns die Erfahrungen zunutze

81 machen, die man in der bisherigen Kolonialpolitik gesammelt hat. Das entschiedene Bekennt-

82 nis zur Humanität auch gegenüber den Eingeborenen darf uns nicht verkennen lassen, dass an

83 ihnen zunächst ein gutes Stück Erziehungsarbeit zu leisten ist. Die Formel von der Gleichheit

84 alles dessen, was Menschenantlitz trägt, ist sicherlich edel und hochherzig. Aber Jahrtausende

85 fehlender anthropologischer Entwicklung lassen sich nicht in einem Menschenalter ausglei-

86 chen. Die notwendige wirtschaftliche Erschließung primitiver Länder ist ohne Eingriffe in die

87 »Rechte« und »Freiheiten« ihrer Bevölkerung ebensowenig möglich wie die Erziehung des

88 Kindes ohne Schulzwang und Zucht.

[...]

¹ Dieses im Original des Textes nicht belegte Zitat bezieht sich offenbar auf eine Parteiresolution.

Interpretieren Sie die Quelle, indem Sie die nachstehenden drei Teilaufgaben lösen:

1.

Analysieren Sie die Quelle. [26 Punkte]

2.

Ordnen Sie die Quelle in den passenden historischen Zusammenhang ein (16 Punkte) und charakterisieren Sie die politische Position des Verfassers (12 Punkte). [28 Punkte]

3.

Nehmen Sie Stellung zu der von Winnig vertretenen Position. [26 Punkte]

Hinweis: Für die Darstellungsleistung werden zusätzlich 20 Punkte vergeben (insgesamt 100 Punkte).

Aufgabenstellung: Aufgabe 4 · Abitur NRW Geschichte LK · Nachtermin 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Analysieren Sie die Quelle.

Lösung: Individuelle Analyse der Quelle nach den Kriterien der Aufgabenstellung.

2. Ordnen Sie die Quelle in den passenden historischen Zusammenhang ein (16 Punkte) und charakterisieren Sie die politische Position des Verfassers (12 Punkte).

Lösung: Individuelle Einordnung in den Kontext sowie Charakterisierung der Haltung.

3. Nehmen Sie Stellung zu der von Winnig vertretenen Position.

Lösung: Begründete und differenzierte Stellungnahme / Beurteilung zu Winnigs Position.

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