Aufgabe 1 (GE GK NT 1) · Abitur NRW Geschichte GK · Nachtermin 2023

Thema: Imperialismus und Erster Weltkrieg · Aus der Prüfung GK · Nachtermin (2023)

Aufgabenstellung

Aufgabenstellung:

Interpretieren Sie den vorliegenden Quellentext, indem Sie

1.

den Text analysieren, (26 Punkte)

2.

ihn in den historischen Zusammenhang der Jahre von Bismarcks Entlassung 1890 bis 1900 einordnen (14 Punkte) und erläutern, wie der Autor die Entwicklung des Kaiserreichs von 1871 bis 1889 sieht (14 Punkte), (28 Punkte)

3.

die Position des Autors beurteilen. (26 Punkte)

Materialgrundlage:

Unbekannter Autor: Die Annahme des Flottengesetzes. In: Norddeutsche Allgemeine Zeitung, Nr. 136, Berlin, 14. Juni 1900, S. 1. (Rechtschreibung und Hervorhebungen wie im Original)

Hinweise zum Material: Die Norddeutsche Allgemeine Zeitung war eine regierungsnahe Tageszeitung.

Die Annahme des Flottengesetzes.

1 Es ist bereits im Februar, nach der ersten Lesung der Flottennovelle 1, auch an dieser Stelle zum Ausdruck gebracht worden, daß man den Berathungen der Budgetkommission 2 mit Vertrauen entgegensehen dürfe, und es konnte bereits damals der Hoffnung Ausdruck gegeben werden, daß die Verhandlungen in einer für die Lösung der Flottenfrage günstigen Weise

5 endigen würden. Diese Hoffnungen sind nicht getäuscht worden. Mit großer Majorität hat sich gestern der Reichstag auf die Seite der verbündeten Regierungen 3 gestellt und durch Annahme des Flottengesetzes bekundet, daß auch er von der Ueberzeugung durchdrungen ist, daß Deutschland nicht nur zu Lande sondern auch zu Wasser derartig gerüstet sein muß, daß es bei etwaigen Konflikten nicht von der Gnade anderer Völker abhängig ist. Er hat durch sein

10 gestriges Votum der Auffassung der verbündeten Regierungen beigestimmt, daß die veränderten politischen und wirthschaftlichen Verhältnisse Deutschland vor die Nothwendigkeit stellen, seine Rüstung zur See zu vervollkommnen, damit es seine unter schweren Opfern errungene Stellung im Rathe der Völker behaupten kann.

Das Deutsche Reich, wie es 1866 und 1871 durch die Ruhmesthaten der deutschen Heere und

15 durch die überlegene Staatskunst Kaiser Wilhelms und seines großen Kanzlers geschaffen war, hatte zunächst nach außen hin die Aufgabe, die ihm gebührende Stellung zu behaupten. Der Gang der großen Politik wurde bestimmt durch die Beziehungen der europäischen Großmächte zu einander, durch die Veränderungen in ihren Einflußsphären; ein Gleichgewichtssystem in Europa aufrecht zu erhalten, schien die Hauptaufgabe der diplomatischen Kunst zu

20 sein. So war die deutsche Politik Festlandspolitik, die als Hauptziel die Erhaltung des europäischen Friedens im Auge hatte, und sich zu diesem Zwecke auf die Armee stützte, deren weitere Ausbildung und Organisation der erste Kaiser sorgsam im Auge behielt. Die Sorge um Ausbildung einer der Landmacht entsprechenden Seemacht trat demgegenüber zurück, der Plan, eine der Großmachtstellung Deutschlands angemessene Marine zu schaffen, wurde

25 wohl erwogen, mußte aber dringenderen Aufgaben den Vortritt lassen.

So blieb es der gegenwärtigen Generation vorbehalten, das Versäumnis früherer Jahrzehnte nachzuholen. In der langen dreißigjährigen Friedensära hatte die deutsche Volkswirthschaft sich mächtig entwickelt, sie war über die heimischen Grenzen hinausgewachsen, eine blühende Exportindustrie war entstanden, der deutsche Handel nahm einen ungeahnten Aufschwung,

30 und von Tag zu Tag wurden die Beziehungen enger, welche die deutsche Volkswirthschaft mit der Weltwirthschaft verbanden. Ein neues merkantilistisches Zeitalter schien anzubrechen, überall strebten die Völker über ihre Grenzen hinaus, England, Rußland und Frankreich gründeten große Welt- und Kolonialreiche, und auch Deutschland begann sich an der Erwerbung von Kolonieen zu betheiligen. Die Zeit einer europäischen Festlandspolitik war vorüber,

35 die Vereinigten Staaten von Nordamerika und Japan traten mit ihren Ansprüchen und Interessen in den bisher sorgsam gehüteten Kreis der Großmächte ein, Ostasien wurde in den politischen Interessenkreis hineingezogen. Wollte Deutschland sich unter den sich bildenden Großmächten die ihm gebührende Stellung verschaffen, wollte es um seiner selbst willen geachtet und als Verbündeter begehrt werden, so mußte es zur Einsicht gelangen, daß für die neu auf-

40 tretenden politischen Probleme sein wohldisziplinirtes und wohlgeführtes Landheer nicht ausreiche, daß es sich dasjenige Werkzeug verschaffen müsse, das allein seine See-Interessen in wirksamer Weise schützen kann. Mit scharfem Auge erkannte der oberste Führer des Volkes den schwachen Punkt der deutschen Position, warnend erging sein Appell an das deutsche Volk, das anfangs verwundert und zurückhaltend, dann mit vollem Verständnis und mit voller

45 Begeisterung dem Kaiserlichen Führer zujubelte. Von Tag zu Tag wuchs das Verständnis für die neuen Aufgaben der deutschen Politik, die besten Männer unseres Volkes stellten sich in selbstloser Weise in den Dienst der Flottenbewegung, um für die Ziele und Zwecke der Marinepolitik und die Nothwendigkeit einer starken deutschen Flotte aufklärend zu wirken.

Als im Februar die erste Berathung der Flottennovelle im Reichstage stattfand, konnte man

50 noch ein gewisses Zögern bemerken, die neue Vorlage hatte als eine Ueberraschung gewirkt; dazu gesellten sich volkswirthschaftliche Bedenken, ob das deutsche Volk im Stande sei, die neuen Lasten einer Flottenverstärkung zu tragen. Aber wie schon erwähnt, bereits damals konnte man sich der Hoffnung hingeben, daß es der Budgetkommission gelingen werde, die dem Gesetz entgegenstehenden Schwierigkeiten zu heben. […] So ist denn ein Werk sicher-

55 gestellt worden, dessen ganze Bedeutung sich für den Augenblick noch kaum übersehen läßt, das die werthvolle Ergänzung des großen Werks des ersten Deutschen Kaisers, der Organisation einer starken schlagfertigen Armee, bildet. Wie, gestützt auf dieses Werkzeug, es Kaiser Wilhelm dem Großen gelang, das deutsche Vaterland nach ruhmvollen Kämpfen zur Einheit zu führen, wie es ihm und seinen Nachfolgern möglich war, dreißig Jahre lang dem Deutschen

60 Reiche den Frieden zu erhalten, weil sich Jedermann in Europa hütete, mit unseren wohlgeschulten und wohlgeführten Bajonetten anzubinden, so sei es auch der starken deutschen Flotte beschieden, im Dienste des Friedens zu wirken, zur Förderung der deutschen Kultur und zur Vermehrung der Macht und des Ansehens des deutschen Vaterlandes.

1 Flottennovelle: Gesetz, betreffend die deutsche Flotte vom 14. Juli 1900, allgemein Zweites Flottengesetz genannt.

2 Budgetkommission: Gremium zur Vorbereitung des Gesetzesentwurfs.

3 verbündete Regierungen: Regierungen der deutschen Staaten.

Aufgabenstellung: Aufgabe 1 (GE GK NT 1) · Abitur NRW Geschichte GK · Nachtermin 2023

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. den Text analysieren, (26 Punkte)

Lösung: Ausführliche quellenkritische Einleitung und strukturierte inhaltliche Wiedergabe des Leitartikels.

2. ihn in den historischen Zusammenhang der Jahre von Bismarcks Entlassung 1890 bis 1900 einordnen (14 Punkte) und erläutern, wie der Autor die Entwicklung des Kaiserreichs von 1871 bis 1889 sieht (14 Punkte), (28 Punkte)

Lösung: Einordnung in den Kontext des wilhelminischen Imperialismus und der Flottenrüstung (1890–1900) sowie Erläuterung der Sicht auf die Bismarckära (1871–1889).

3. die Position des Autors beurteilen. (26 Punkte)

Lösung: Differenziertes Sach- bzw. Werturteil über die Position des Autors und dessen imperialistische Flottenbegeisterung.

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