Aufgabe 3 · Abitur NRW Geschichte GK · Nachtermin 2022

Thema: Imperialismus und Erster Weltkrieg · Aus der Prüfung GK · Nachtermin (2022)

Aufgabenstellung

Abiturprüfung 2022 – Geschichte, Grundkurs

Aufgabenstellung:

1. Analysieren Sie den Text. (24 Punkte)

2. Erläutern Sie auf der Grundlage des Textes die deutsche Flottenpolitik (14 Punkte) sowie den Zusammenhang zwischen dem europäischen Imperialismus und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs (14 Punkte). (28 Punkte)

3. Beurteilen Sie die vom Autor getroffenen Aussagen. (28 Punkte)

Materialgrundlage:

John Darwin: Das unvollendete Weltreich. Aufstieg und Niedergang des Britischen Empire 1600 – 1997, Frankfurt / New York 2013, S. 345 – 348.

Hinweise zum Autor:

John Darwin (geboren 1948): anerkannter britischer Historiker, der sich auf die britische Kolonialgeschichte spezialisiert hat und an den Universitäten Reading und Oxford lehrt.

DIE »PAX BRITANNICA« (1815 – 1914)

[...]

Mitte der 1890er-Jahre schauten die britischen Staatslenker (fälschlicherweise) auf die Jahrhundertmitte als eine goldene Sicherheitsära zurück. Sie hegten allmählich den Verdacht, dass die ungeheure Ausdehnung ihres Empire eher zu einem Klotz am Bein geworden sei und dass ihnen selbst inzwischen der Wille und die Mittel fehlten, die britischen Ansprüche mit dem

5 Machismo ihrer viktorianischem Vorgängergeneration durchzusetzen. Diese Stimmung speiste sich vor allem aus zwei beunruhigenden Entwicklungen. Die erste war die wachsende Aggressivität der europäischen Ambitionen im außereuropäischen Raum, die an das Zeitalter des Merkantilismus vor 1815 erinnerte. Frankreich und Russland, ihre gefährlichsten Rivalen im Nahen Osten, Asien und Afrika schlossen ein Verteidigungsbündnis. Das Wilhelminische

10 Deutschland machte den Begriff »Weltpolitik« zu seinem Motto, forderte ebenfalls seinen »Platz an der Sonne« und begann mit dem Aufbau einer gewaltigen Marine. Der Zusammenstoß mit einem mächtigen Gegner wurde immer wahrscheinlicher. Die zweite Entwicklung war ein immer bedrohlicher werdender neuer Krisenherd in einem Teil der außereuropäischen Welt, wo die Briten große Interessen hatten. Die Aufteilung Chinas erschien immer wahr-

15 scheinlicher, als seine Mandschu-Kaiser immer mehr an Macht einbüßten. Russland, Frankreich, Deutschland und die neue Regionalmacht Japan meldeten bereits ihre Ansprüche an. Die Briten würden um ihren Anteil vielleicht sogar hart kämpfen müssen. Fast gleichzeitig brachte der Aufstieg des goldreichen Transvaal, das seit 1857 als Südafrikanische Republik firmierte, das lokale Kräftegleichgewicht in Südafrika durcheinander. [...]

20 Die Angst, plötzlich in einen Konflikt mit Frankreich oder Russland im Nahen Osten und Ostasien zu geraten, während sich der Krieg in Südafrika in die Länge zog, schreckte die britische Öffentlichkeit auf. »Wir müssen über eine Militärmacht verfügen, die so ausgestaltet ist, dass sie Frankreich und Russland schlagen kann und dabei immer noch etwas gegen Deutschland in der Hinterhand behält«, erklärte Lord Selborne, der Erste Lord der Admirali-

25 tät, im Januar 1903. Im Jahr 1905 gab Großbritannien 50 Prozent mehr für die Flotte aus als im Jahr 1899. Die Briten begannen das »Great Naval Race«, das »große Flottenwettrüsten«. Konkurrenten waren zunächst Russland und Frankreich und seit 1908 das Deutsche Reich. Die Briten wollten unbedingt ihren Vorsprung vor der Kaiserlichen Hochseeflotte behalten. Für einige stramme Imperialisten war dies jedoch nur der Anfang. [...] Wieder andere forder-

30 ten ein Bündnis mit Deutschland gegen die Franco-Russe-Allianz. Der diplomatische Preis dafür war jedoch viel zu hoch. Großbritannien hätte sich verpflichten müssen, das marode Habsburgerreich mit seinen vielen aufbegehrenden Nationalitäten zu verteidigen. In anderer Hinsicht hatten die Briten Glück. Ihre bisher oft sehr angespannten Beziehungen zu den Vereinigten Staaten verbesserten sich nach der Jahrhundertwende in hohem Maße. Beide Seiten

35 erkannten die Vorteile einer stillschweigenden Flottenpartnerschaft. Die britische Seeüberlegenheit sei »die große Garantie des Weltfriedens«, bemerkte Theodore Roosevelt einmal. Ein Zweckbündnis mit Japan brachte eine erstaunliche Dividende, als die Japaner im Mai 1905 die russische Flotte vor Tsushima vernichtend schlugen. Inzwischen hatten die Briten auch die Franzosen davon überzeugen können, ihre gegenseitigen (hauptsächlich) afrikani-

40 schen Differenzen in der Entente von 1904 auszuräumen. Ein geschwächtes Russland schloss sich im Jahr 1907 einer zweiten Entente an, die die Spannungen in Zentralasien und Persien abbaute. Blieben noch die Deutschen.

Die gegenseitigen Überlegungen waren äußerst komplex. Die Deutschen entschieden sich für den Bau einer Flotte, die groß genug war, um die Briten von der Teilnahme an einem euro-

45 päischen Krieg gegen sie abzuschrecken. [...] Im Gegenzug lag für die Briten ein doppelter Grund vor, diese Bedrohung einzudämmen. Wie Winston Churchill immer wieder betonte, bestand die beste Verteidigungsstrategie des Empire darin, die feindliche Flotte an einem Verlassen der europäischen Randmeere zu hindern. Aber es gab auch noch ein tieferliegendes Argument. Wenn Großbritannien als europäische Großmacht eine derart gefährliche Störung

50 des geopolitischen Gleichgewichts zuließ, fehlten ihm künftig auch die Mittel, die größte aller Gefahren zu verhindern: ein Europa, dass sich durch Gewalt oder Diplomatie vereint gemeinsam gegen das Empire wendete. Aus diesem Grund entschieden sie sich für ein gewaltiges Flottenbauprogramm, das ihnen einen gewaltigen Vorsprung bei den neuartigen Schlachtschiffen vom Typ »Dreadnought« verschaffen sollte. [...]

55 Es hätte eigentlich funktionieren sollen, und [...] tat es in mancherlei Hinsicht auch. Aber es konnte die Deutschen nicht von einem Krieg in Europa selbst abschrecken, den sie immer noch durch einen kurzen vernichtenden Schlag gegen Frankreich zu gewinnen hofften, wie ihn der Schlieffen-Plan vorsah. Als ein obskurer Konflikt auf dem Balkan zuerst Österreich und Russland und danach Deutschland und Frankreich in den ersten allgemeinen europäischen

60 Krieg seit einem Jahrhundert stürzte, konnte sich Großbritannien nicht einfach heraushalten – auch wenn der vorgebliche Grund in Berlins Verletzung der belgischen Neutralität lag. Als vier Jahre später Frieden eintrat, hatte sich die Aufgabe, das Empire zu verteidigen, auf fast erschreckende Weise verändert.

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Hinweis: Für die Darstellungsleistung können zusätzlich bis zu 20 Punkte erreicht werden (Gesamtpunktzahl: 100 Punkte).

Aufgabenstellung: Aufgabe 3 · Abitur NRW Geschichte GK · Nachtermin 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Analysieren Sie den Text.

Lösung: Ausarbeitung zur Textanalyse gemäß den Vorgaben (formale Aspekte und inhaltlicher Gedankengang).

2. Erläutern Sie auf der Grundlage des Textes die deutsche Flottenpolitik (14 Punkte) sowie den Zusammenhang zwischen dem europäischen Imperialismus und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs (14 Punkte).

Lösung: Historische Erläuterung der deutschen Flottenpolitik sowie des Zusammenhangs von europäischem Imperialismus und Kriegsausbruch.

3. Beurteilen Sie die vom Autor getroffenen Aussagen.

Lösung: Kritische Beurteilung und differenziertes Sach-/Werturteil zu den Thesen Darwins.

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