Aufgabe 2 - Teilaufgabe 1: Interpretation dramati… · Abitur NRW Deutsch LK · Nachtermin 2023
Thema: Interpretation dramatischer Texte · Aus der Prüfung LK · Nachtermin (2023)
Aufgabenstellung
1. Interpretieren Sie den sechsten Auftritt des zweiten Aufzugs in Gotthold Ephraim Lessings Drama „Emilia Galotti“. Beziehen Sie dabei ein, welche Rolle der abwesende Vater spielt. [42 Punkte]
Im bürgerlichen Trauerspiel „Emilia Galotti“, das Lessing verfasst hat und das 1772 erstmals aufgeführt wurde, wohnt die Familie Galotti in dem kleinen Fürstentum des Prinzen Hettore Gonzaga. Nach dem Willen ihres Vaters Odoardo soll Emilia den Grafen Appiani heiraten. Der Prinz hat jedoch Interesse an Emilia gefunden und will sie verführen, um sie zu seiner Mätresse zu machen. Zu diesem Zweck tritt er an sie heran, als sie vor der Hochzeit mit Appiani die Kirche besucht, und Emilia läuft daraufhin nach Hause. Mit ihrer Ankunft dort hat sie ihren ersten Auftritt im Drama (II.6).
Gotthold Ephraim Lessing
EMILIA GALOTTI
ZWEITER AUFZUG, SECHSTER AUFTRITT (Auszug)
EMILIA und CLAUDIA GALOTTI.
EMILIA stürzet in einer ängstlichen Verwirrung herein: Wohl mir! wohl mir! Nun bin ich in
Sicherheit. Oder ist er mir gar gefolgt? Indem sie den Schleier zurückwirft und ihre Mutter
erblicket. Ist er, meine Mutter? ist er? – Nein, dem Himmel sei Dank!
CLAUDIA: Was ist dir, meine Tochter? was ist dir?
5 EMILIA: Nichts, nichts –
CLAUDIA: Und blickest so wild um dich? Und zitterst an jedem Gliede?
EMILIA: Was hab ich hören müssen? Und wo, wo hab ich es hören müssen?
CLAUDIA: Ich habe dich in der Kirche geglaubt –
EMILIA: Eben da! Was ist dem Laster Kirch und Altar? – Ah, meine Mutter! Sich ihr in die
10 Arme werfend.
CLAUDIA: Rede, meine Tochter! – Mach meiner Furcht ein Ende. – Was kann dir da, an heili-
ger Stätte, so Schlimmes begegnet sein?
EMILIA: Nie hätte meine Andacht inniger, brünstiger sein sollen als heute: nie ist sie weniger
gewesen, was sie sein sollte.
15 CLAUDIA: Wir sind Menschen, Emilia. Die Gabe zu beten ist nicht immer in unserer Gewalt.
Dem Himmel ist beten wollen, auch beten.
EMILIA: Und sündigen wollen, auch sündigen.
CLAUDIA: Das hat meine Emilia nicht wollen!
EMILIA: Nein, meine Mutter; so tief ließ mich die Gnade nicht sinken. – Aber daß fremdes
20 Laster uns, wider unsern Willen, zu Mitschuldigen machen kann!
CLAUDIA: Fasse dich! – Sammle deine Gedanken, soviel dir möglich. – Sag es mir mit eins,
was dir geschehen.
EMILIA: Eben hatt ich mich – weiter von dem Altare, als ich sonst pflege – denn ich kam zu
spät – auf meine Knie gelassen. Eben fing ich an, mein Herz zu erheben: als dicht hinter
25 mir etwas seinen Platz nahm. So dicht hinter mir! – Ich konnte weder vor, noch zur Seite
rücken – so gern ich auch wollte; aus Furcht, daß eines andern Andacht mich in meiner
stören möchte. – Andacht! das war das Schlimmste, was ich besorgte. – Aber es währte
nicht lange, so hört ich, ganz nah an meinem Ohre – nach einem tiefen Seufzer – nicht den
Namen einer Heiligen – den Namen – zürnen Sie nicht, meine Mutter – den Namen Ihrer
30 Tochter! – Meinen Namen! – O daß laute Donner mich verhindert hätten, mehr zu hören! –
Es sprach von Schönheit, von Liebe – Es klagte, daß dieser Tag, welcher mein Glück
mache – wenn er es anders mache – sein Unglück auf immer entscheide. – Es beschwor
mich – hören mußt ich dies alles. Aber ich blickte nicht um; ich wollte tun, als ob ich es
nicht hörte. – Was konnt ich sonst? – Meinen guten Engel bitten, mich mit Taubheit zu
35 schlagen; und wann auch, wann auch auf immer! – Das bat ich; das war das einzige, was
ich beten konnte. – Endlich ward es Zeit, mich wieder zu erheben. Das heilige Amt ging zu
Ende. Ich zitterte, mich umzukehren. Ich zitterte, ihn zu erblicken, der sich den Frevel
erlauben dürfen. Und da ich mich umwandte, da ich ihn erblickte –
CLAUDIA: Wen, meine Tochter?
40 EMILIA: Raten Sie, meine Mutter; raten Sie – Ich glaubte in die Erde zu sinken – Ihn selbst.
CLAUDIA: Wen, ihn selbst?
EMILIA: Den Prinzen.
CLAUDIA: Den Prinzen! – O gesegnet sei die Ungeduld deines Vaters, der eben hier war und
dich nicht erwarten wollte!
45 EMILIA: Mein Vater hier? – und wollte mich nicht erwarten?
CLAUDIA: Wenn du in deiner Verwirrung auch ihn das hättest hören lassen!
EMILIA: Nun, meine Mutter? – Was hätt er an mir Strafbares finden können?
CLAUDIA: Nichts; ebensowenig, als an mir. Und doch, doch – Ha, du kennst deinen Vater
nicht! In seinem Zorne hätt er den unschuldigen Gegenstand des Verbrechens mit dem
50 Verbrecher verwechselt. In seiner Wut hätt ich ihm geschienen, das veranlaßt zu haben,
was ich weder verhindern, noch vorhersehen können. – Aber weiter, meine Tochter, wei-
ter! Als du den Prinzen erkanntest – Ich will hoffen, daß du deiner mächtig genug warest,
ihm in einem Blicke alle die Verachtung zu bezeigen, die er verdienet.
EMILIA: Das war ich nicht, meine Mutter! Nach dem Blicke, mit dem ich ihn erkannte, hatt
55 ich nicht das Herz, einen zweiten auf ihn zu richten. Ich floh –
CLAUDIA: Und der Prinz dir nach –
EMILIA: Was ich nicht wußte, bis ich in der Halle mich bei der Hand ergriffen fühlte. Und von
ihm! Aus Scham mußt ich standhalten: mich von ihm loszuwinden, würde die Vorbeige-
henden zu aufmerksam auf uns gemacht haben. Das war die einzige Überlegung, deren ich
60 fähig war – oder deren ich nun mich wieder erinnere. Er sprach; und ich hab ihm geantwor-
tet. Aber was er sprach, was ich ihm geantwortet; – fällt mir es noch bei, so ist es gut, so
will ich es Ihnen sagen, meine Mutter. Itzt weiß ich von dem allen nichts. Meine Sinne
hatten mich verlassen. – Umsonst denk ich nach, wie ich von ihm weg, und aus der Halle
gekommen. Ich finde mich erst auf der Straße wieder; und höre ihn hinter mir herkommen;
65 und höre ihn mit mir zugleich in das Haus treten, mit mir die Treppe hinaufsteigen – –
CLAUDIA: Die Furcht hat ihren besondern Sinn, meine Tochter! – Ich werde es nie vergessen,
mit welcher Gebärde du hereinstürztest. – Nein, so weit durfte er nicht wagen, dir zu fol-
gen. – Gott! Gott! wenn dein Vater das wüßte! – Wie wild er schon war, als er nur hörte,
daß der Prinz dich jüngst nicht ohne Mißfallen gesehen! – Indes, sei ruhig, meine Tochter!
70 Nimm es für einen Traum, was dir begegnet ist. Auch wird es noch weniger Folgen haben,
als ein Traum. Du entgehest heute mit eins allen Nachstellungen.

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Interpretieren Sie den sechsten Auftritt des zweiten Aufzugs in Gotthold Ephraim Lessings Drama „Emilia Galotti“. Beziehen Sie dabei ein, welche Rolle der abwesende Vater spielt.
Lösung: Individuelle textanalytische und interpretierende Ausarbeitung gemäß den zentralen Aspekten der Aufgabenstellung und des Erwartungshorizonts.
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