Abitur Hessen Latein 2021 · GK

Abiturprüfung Latein in Hessen 2021, GK: 20 Aufgaben mit Lösungen. Themen: Übersetzung lateinischer Prosa (Cicero, Seneca). Mit automatischer Korrektur.

Themen der Prüfung: Übersetzung lateinischer Prosa (Cicero, Seneca) · Übersetzung lateinischer Dichtung (Ovid, Vergil) · Inhalt und Gedankengang mit lateinischen Textbelegen · Sprachlich-stilistische Analyse · Metrische Analyse (Hexameter, elegisches Distichon) · Dichtung: Ovids Liebeselegie und Exil, Vergils Aeneis · Individuum und Gemeinschaft: Staatsmann, Politik und Prinzipat · Stoische Philosophie (Seneca): Güterlehre, Affekte, Zeit und Tod · Aktualisierung und Rezeption: antike Positionen heute

Aufgabe Vorschlag A – Aufgabe I · Übersetzung lateinischer Prosa (Cicero, Seneca)

Material 1

Vorbemerkung

Im Jahr 46 v. Chr. bedankt sich M. Tullius Cicero in einer Rede im Senat bei Caesar für die Rehabilitation seines Freundes M. Marcellus, der vor Beginn des Bürgerkriegs zu Caesars entschiedensten Gegnern gehört hatte und nach der Niederlage des Pompeius und seiner Anhänger nach Griechenland in ein freiwilliges Exil gegangen war.

Nulla est enim tanta vis, quae non ferro et viribus debilitari frangique possit: animum

2 vincere, iracundiam cohibere, victo temperare, adversarium nobilitate, ingenio, virtute

praestantem non modo extollere iacentem, sed etiam amplificare eius pristinam dignitatem:

4 haec qui faciat, non ego eum cum summis viris comparo, sed simillimum deo iudico.

Itaque, C. Caesar, bellicae tuae laudes celebrabuntur [...] neque ulla umquam aetas de tuis

6 laudibus conticescet. [...]

Hunc tu diem tuis maximis et innumerabilibus gratulationibus iure anteponis. Haec enim res

8 unius est propria C. Caesaris: ceterae duce te gestae magnae illae quidem, sed tamen multo

magnoque comitatu. Huius autem rei tu idem dux es et comes: [...]

10 Tua iustitia et lenitas florescet cotidie magis. Ita quantum operibus tuis diuturnitas detrahet,

tantum adferet laudibus. Et ceteros quidem omnes victores bellorum civilium iam antea

12 aequitate et misericordia viceras: hodierno vero die te ipse vicisti.

Übersetzungshilfen

Z. 1 · quae: hier dass sie (konsekutiver Relativsatz)

vires, -ium, f.: hier die Gegenkräfte

debilitare: hier schwächen

animus: hier die eigene Überzeugung

Z. 2 · vincere, vinco, vici = superare

victus: ist als Substantiv zu übersetzen.

temperare (+ Dat.): hier (jemanden) schonen

adversarius, -i, m.: Gegner

Z. 3 · praestare (+ Abl.): hier sich auszeichnen (durch etwas)

iacere, iaceo: hier am Boden liegen

Z. 4 · haec qui faciat [...], eum: Ordnen Sie eum, qui haec faciat, [...].

similis, -e (+ Dat.): hier (jemandem) ähnlich

iudicare (+ dopp. Akkusativ): hier (jemanden) halten für, erklären zu

Z. 5 · laudes (bellicae) (f. Pl.): hier (militärische) Ruhmestaten

Z. 5/6 · conticescere, conticesco de (+ Abl.): hier schweigen von (etwas)

Z. 6 · laudes, -um, f.: hier Ruhmestaten

Z. 7 · hunc [...] diem: diesen heutigen Tag

gratulatio, -onis, f.: hier der Erfolg

res: hier Tat

Z. 8 · unius propria est (+ Gen.): (jemandem) gehört allein

duce te: unter deiner Führung

gestae: (Ergänzen Sie res.) hier Taten

Z. 8 f. · multo magnoque comitatu: Ergänzen Sie sinngemäß für die beiden Hauptsätze das Prädikat factae sunt.

Z. 9 · comitatus, -us, m.: die Gefolgschaft, Unterstützung

idem: hier in einer Person

comes, -itis, m.: Gefolgsmann, gemeint ist hier: Ausführender (als Befehlsempfänger)

Z. 10 · florescet: Beziehen Sie auf iustitia und lenitas.

Z. 10 f. · Ita quantum [...] laudibus: Ordnen Sie folgendermaßen: Ita diuturnitas laudibus tantum adferet, quantum (diuturnitas) operibus tuis detrahet.

tantum [...] quantum: so viel [...] wie

Z. 10 · diuturnitas, -atis, f.: Zeit

Z. 11 · laudes, -um, f.: hier Ruhmestaten

Z. 12 · vincere, vinco, vici = superare

vero (Adv.): aber

Arbeitsübersetzung

Es ist nämlich keine Gewalt so groß, dass sie nicht durch Waffen und Gegenkräfte geschwächt und gebrochen werden könnte: Sich selbst (die eigene Überzeugung) zu besiegen, den Zorn zu zügeln, den Besiegten zu schonen, den Gegner, der sich durch Adel, Talent und Tugend auszeichnet, nicht nur emporzuheben, wenn er am Boden liegt, sondern sogar dessen alte Würde noch zu vergrößern: Den, der das macht, den vergleiche ich nicht (nur) mit den größten Männern, sondern halte ihn für gottähnlich. Deshalb, C. Caesar, werden deine militärischen Ruhmestaten gefeiert werden [...] und kein Zeitalter wird je schweigen von deinen Ruhmestaten. [...]

Diesen heutigen Tag schätzt du zu Recht höher als deine größten und zahllosen Erfolge. Diese Tat ist nämlich nur C. Caesar eigen: Zwar sind jene übrigen Großtaten unter deiner Führung geschehen, aber trotz allem unter zahlreicher und großer Gefolgschaft. In dieser Sache bist du aber Führer und Gefolgsmann in einer Person: [...] Deine Gerechtigkeit und Milde wird täglich mehr aufblühen. So wird die Zeit deinen Ruhmestaten so viel zufügen, wie sie deinen Werken wegnehmen wird. Und alle übrigen Sieger im Bürgerkrieg hattest du schon vorher durch ausgewogenes Handeln und Barmherzigkeit übertroffen: Am heutigen Tag aber hast du dich selbst besiegt.

I Übersetzung

Übersetzen Sie den Text (Material 1) in angemessenes Deutsch.

Aufgabe Vorschlag A – Aufgabe II.1 · Inhalt und Gedankengang mit lateinischen Textbelegen

II Interpretation

1

Skizzieren Sie den gedanklichen Aufbau der Argumentation Ciceros und nennen Sie dabei die wesentlichen Aussagen unter Bezug auf lateinische Textbelege. (Material 1) (30 BE)

Material 1

Vorbemerkung

Im Jahr 46 v. Chr. bedankt sich M. Tullius Cicero in einer Rede im Senat bei Caesar für die Rehabilitation seines Freundes M. Marcellus, der vor Beginn des Bürgerkriegs zu Caesars entschiedensten Gegnern gehört hatte und nach der Niederlage des Pompeius und seiner Anhänger nach Griechenland in ein freiwilliges Exil gegangen war.

Nulla est enim tanta vis, quae non ferro et viribus debilitari frangique possit: animum

2 vincere, iracundiam cohibere, victo temperare, adversarium nobilitate, ingenio, virtute

praestantem non modo extollere iacentem, sed etiam amplificare eius pristinam dignitatem:

4 haec qui faciat, non ego eum cum summis viris comparo, sed simillimum deo iudico.

Itaque, C. Caesar, bellicae tuae laudes celebrabuntur [...] neque ulla umquam aetas de tuis

6 laudibus conticescet. [...]

Hunc tu diem tuis maximis et innumerabilibus gratulationibus iure anteponis. Haec enim res

8 unius est propria C. Caesaris: ceterae duce te gestae magnae illae quidem, sed tamen multo

magnoque comitatu. Huius autem rei tu idem dux es et comes: [...]

10 Tua iustitia et lenitas florescet cotidie magis. Ita quantum operibus tuis diuturnitas detrahet,

tantum adferet laudibus. Et ceteros quidem omnes victores bellorum civilium iam antea

12 aequitate et misericordia viceras: hodierno vero die te ipse vicisti.

Übersetzungshilfen

Z. 1 · quae: hier dass sie (konsekutiver Relativsatz)

vires, -ium, f.: hier die Gegenkräfte

debilitare: hier schwächen

animus: hier die eigene Überzeugung

Z. 2 · vincere, vinco, vici = superare

victus: ist als Substantiv zu übersetzen.

temperare (+ Dat.): hier (jemanden) schonen

adversarius, -i, m.: Gegner

Z. 3 · praestare (+ Abl.): hier sich auszeichnen (durch etwas)

iacere, iaceo: hier am Boden liegen

Z. 4 · haec qui faciat [...], eum: Ordnen Sie eum, qui haec faciat, [...].

similis, -e (+ Dat.): hier (jemandem) ähnlich

iudicare (+ dopp. Akkusativ): hier (jemanden) halten für, erklären zu

Z. 5 · laudes (bellicae) (f. Pl.): hier (militärische) Ruhmestaten

Z. 5/6 · conticescere, conticesco de (+ Abl.): hier schweigen von (etwas)

Z. 6 · laudes, -um, f.: hier Ruhmestaten

Z. 7 · hunc [...] diem: diesen heutigen Tag

gratulatio, -onis, f.: hier der Erfolg

res: hier Tat

Z. 8 · unius propria est (+ Gen.): (jemandem) gehört allein

duce te: unter deiner Führung

gestae: (Ergänzen Sie res.) hier Taten

Z. 8 f. · multo magnoque comitatu: Ergänzen Sie sinngemäß für die beiden Hauptsätze das Prädikat factae sunt.

Z. 9 · comitatus, -us, m.: die Gefolgschaft, Unterstützung

idem: hier in einer Person

comes, -itis, m.: Gefolgsmann, gemeint ist hier: Ausführender (als Befehlsempfänger)

Z. 10 · florescet: Beziehen Sie auf iustitia und lenitas.

Z. 10 f. · Ita quantum [...] laudibus: Ordnen Sie folgendermaßen: Ita diuturnitas laudibus tantum adferet, quantum (diuturnitas) operibus tuis detrahet.

tantum [...] quantum: so viel [...] wie

Z. 10 · diuturnitas, -atis, f.: Zeit

Z. 11 · laudes, -um, f.: hier Ruhmestaten

Z. 12 · vincere, vinco, vici = superare

vero (Adv.): aber

Arbeitsübersetzung

Es ist nämlich keine Gewalt so groß, dass sie nicht durch Waffen und Gegenkräfte geschwächt und gebrochen werden könnte: Sich selbst (die eigene Überzeugung) zu besiegen, den Zorn zu zügeln, den Besiegten zu schonen, den Gegner, der sich durch Adel, Talent und Tugend auszeichnet, nicht nur emporzuheben, wenn er am Boden liegt, sondern sogar dessen alte Würde noch zu vergrößern: Den, der das macht, den vergleiche ich nicht (nur) mit den größten Männern, sondern halte ihn für gottähnlich. Deshalb, C. Caesar, werden deine militärischen Ruhmestaten gefeiert werden [...] und kein Zeitalter wird je schweigen von deinen Ruhmestaten. [...]

Diesen heutigen Tag schätzt du zu Recht höher als deine größten und zahllosen Erfolge. Diese Tat ist nämlich nur C. Caesar eigen: Zwar sind jene übrigen Großtaten unter deiner Führung geschehen, aber trotz allem unter zahlreicher und großer Gefolgschaft. In dieser Sache bist du aber Führer und Gefolgsmann in einer Person: [...] Deine Gerechtigkeit und Milde wird täglich mehr aufblühen. So wird die Zeit deinen Ruhmestaten so viel zufügen, wie sie deinen Werken wegnehmen wird. Und alle übrigen Sieger im Bürgerkrieg hattest du schon vorher durch ausgewogenes Handeln und Barmherzigkeit übertroffen: Am heutigen Tag aber hast du dich selbst besiegt.

Aufgabe Vorschlag A – Aufgabe II.2 · Sprachlich-stilistische Analyse

II Interpretation

2

Analysieren Sie die sprachlich-stilistische Gestaltung des Textes vom Beginn bis simillimum deo iudico. (Material 1) (20 BE)

Material 1

Vorbemerkung

Im Jahr 46 v. Chr. bedankt sich M. Tullius Cicero in einer Rede im Senat bei Caesar für die Rehabilitation seines Freundes M. Marcellus, der vor Beginn des Bürgerkriegs zu Caesars entschiedensten Gegnern gehört hatte und nach der Niederlage des Pompeius und seiner Anhänger nach Griechenland in ein freiwilliges Exil gegangen war.

Nulla est enim tanta vis, quae non ferro et viribus debilitari frangique possit: animum

2 vincere, iracundiam cohibere, victo temperare, adversarium nobilitate, ingenio, virtute

praestantem non modo extollere iacentem, sed etiam amplificare eius pristinam dignitatem:

4 haec qui faciat, non ego eum cum summis viris comparo, sed simillimum deo iudico.

Itaque, C. Caesar, bellicae tuae laudes celebrabuntur [...] neque ulla umquam aetas de tuis

6 laudibus conticescet. [...]

Hunc tu diem tuis maximis et innumerabilibus gratulationibus iure anteponis. Haec enim res

8 unius est propria C. Caesaris: ceterae duce te gestae magnae illae quidem, sed tamen multo

magnoque comitatu. Huius autem rei tu idem dux es et comes: [...]

10 Tua iustitia et lenitas florescet cotidie magis. Ita quantum operibus tuis diuturnitas detrahet,

tantum adferet laudibus. Et ceteros quidem omnes victores bellorum civilium iam antea

12 aequitate et misericordia viceras: hodierno vero die te ipse vicisti.

Übersetzungshilfen

Z. 1 · quae: hier dass sie (konsekutiver Relativsatz)

vires, -ium, f.: hier die Gegenkräfte

debilitare: hier schwächen

animus: hier die eigene Überzeugung

Z. 2 · vincere, vinco, vici = superare

victus: ist als Substantiv zu übersetzen.

temperare (+ Dat.): hier (jemanden) schonen

adversarius, -i, m.: Gegner

Z. 3 · praestare (+ Abl.): hier sich auszeichnen (durch etwas)

iacere, iaceo: hier am Boden liegen

Z. 4 · haec qui faciat [...], eum: Ordnen Sie eum, qui haec faciat, [...].

similis, -e (+ Dat.): hier (jemandem) ähnlich

iudicare (+ dopp. Akkusativ): hier (jemanden) halten für, erklären zu

Z. 5 · laudes (bellicae) (f. Pl.): hier (militärische) Ruhmestaten

Z. 5/6 · conticescere, conticesco de (+ Abl.): hier schweigen von (etwas)

Z. 6 · laudes, -um, f.: hier Ruhmestaten

Z. 7 · hunc [...] diem: diesen heutigen Tag

gratulatio, -onis, f.: hier der Erfolg

res: hier Tat

Z. 8 · unius propria est (+ Gen.): (jemandem) gehört allein

duce te: unter deiner Führung

gestae: (Ergänzen Sie res.) hier Taten

Z. 8 f. · multo magnoque comitatu: Ergänzen Sie sinngemäß für die beiden Hauptsätze das Prädikat factae sunt.

Z. 9 · comitatus, -us, m.: die Gefolgschaft, Unterstützung

idem: hier in einer Person

comes, -itis, m.: Gefolgsmann, gemeint ist hier: Ausführender (als Befehlsempfänger)

Z. 10 · florescet: Beziehen Sie auf iustitia und lenitas.

Z. 10 f. · Ita quantum [...] laudibus: Ordnen Sie folgendermaßen: Ita diuturnitas laudibus tantum adferet, quantum (diuturnitas) operibus tuis detrahet.

tantum [...] quantum: so viel [...] wie

Z. 10 · diuturnitas, -atis, f.: Zeit

Z. 11 · laudes, -um, f.: hier Ruhmestaten

Z. 12 · vincere, vinco, vici = superare

vero (Adv.): aber

Arbeitsübersetzung

Es ist nämlich keine Gewalt so groß, dass sie nicht durch Waffen und Gegenkräfte geschwächt und gebrochen werden könnte: Sich selbst (die eigene Überzeugung) zu besiegen, den Zorn zu zügeln, den Besiegten zu schonen, den Gegner, der sich durch Adel, Talent und Tugend auszeichnet, nicht nur emporzuheben, wenn er am Boden liegt, sondern sogar dessen alte Würde noch zu vergrößern: Den, der das macht, den vergleiche ich nicht (nur) mit den größten Männern, sondern halte ihn für gottähnlich. Deshalb, C. Caesar, werden deine militärischen Ruhmestaten gefeiert werden [...] und kein Zeitalter wird je schweigen von deinen Ruhmestaten. [...]

Diesen heutigen Tag schätzt du zu Recht höher als deine größten und zahllosen Erfolge. Diese Tat ist nämlich nur C. Caesar eigen: Zwar sind jene übrigen Großtaten unter deiner Führung geschehen, aber trotz allem unter zahlreicher und großer Gefolgschaft. In dieser Sache bist du aber Führer und Gefolgsmann in einer Person: [...] Deine Gerechtigkeit und Milde wird täglich mehr aufblühen. So wird die Zeit deinen Ruhmestaten so viel zufügen, wie sie deinen Werken wegnehmen wird. Und alle übrigen Sieger im Bürgerkrieg hattest du schon vorher durch ausgewogenes Handeln und Barmherzigkeit übertroffen: Am heutigen Tag aber hast du dich selbst besiegt.

Aufgabe Vorschlag A – Aufgabe II.3 · Individuum und Gemeinschaft: Staatsmann, Politik und Prinzipat

Material 1

Vorbemerkung

Im Jahr 46 v. Chr. bedankt sich M. Tullius Cicero in einer Rede im Senat bei Caesar für die Rehabilitation seines Freundes M. Marcellus, der vor Beginn des Bürgerkriegs zu Caesars entschiedensten Gegnern gehört hatte und nach der Niederlage des Pompeius und seiner Anhänger nach Griechenland in ein freiwilliges Exil gegangen war.

Nulla est enim tanta vis, quae non ferro et viribus debilitari frangique possit: animum

2 vincere, iracundiam cohibere, victo temperare, adversarium nobilitate, ingenio, virtute

praestantem non modo extollere iacentem, sed etiam amplificare eius pristinam dignitatem:

4 haec qui faciat, non ego eum cum summis viris comparo, sed simillimum deo iudico.

Itaque, C. Caesar, bellicae tuae laudes celebrabuntur [...] neque ulla umquam aetas de tuis

6 laudibus conticescet. [...]

Hunc tu diem tuis maximis et innumerabilibus gratulationibus iure anteponis. Haec enim res

8 unius est propria C. Caesaris: ceterae duce te gestae magnae illae quidem, sed tamen multo

magnoque comitatu. Huius autem rei tu idem dux es et comes: [...]

10 Tua iustitia et lenitas florescet cotidie magis. Ita quantum operibus tuis diuturnitas detrahet,

tantum adferet laudibus. Et ceteros quidem omnes victores bellorum civilium iam antea

12 aequitate et misericordia viceras: hodierno vero die te ipse vicisti.

Übersetzungshilfen

Z. 1 · quae: hier dass sie (konsekutiver Relativsatz)

vires, -ium, f.: hier die Gegenkräfte

debilitare: hier schwächen

animus: hier die eigene Überzeugung

Z. 2 · vincere, vinco, vici = superare

victus: ist als Substantiv zu übersetzen.

temperare (+ Dat.): hier (jemanden) schonen

adversarius, -i, m.: Gegner

Z. 3 · praestare (+ Abl.): hier sich auszeichnen (durch etwas)

iacere, iaceo: hier am Boden liegen

Z. 4 · haec qui faciat [...], eum: Ordnen Sie eum, qui haec faciat, [...].

similis, -e (+ Dat.): hier (jemandem) ähnlich

iudicare (+ dopp. Akkusativ): hier (jemanden) halten für, erklären zu

Z. 5 · laudes (bellicae) (f. Pl.): hier (militärische) Ruhmestaten

Z. 5/6 · conticescere, conticesco de (+ Abl.): hier schweigen von (etwas)

Z. 6 · laudes, -um, f.: hier Ruhmestaten

Z. 7 · hunc [...] diem: diesen heutigen Tag

gratulatio, -onis, f.: hier der Erfolg

res: hier Tat

Z. 8 · unius propria est (+ Gen.): (jemandem) gehört allein

duce te: unter deiner Führung

gestae: (Ergänzen Sie res.) hier Taten

Z. 8 f. · multo magnoque comitatu: Ergänzen Sie sinngemäß für die beiden Hauptsätze das Prädikat factae sunt.

Z. 9 · comitatus, -us, m.: die Gefolgschaft, Unterstützung

idem: hier in einer Person

comes, -itis, m.: Gefolgsmann, gemeint ist hier: Ausführender (als Befehlsempfänger)

Z. 10 · florescet: Beziehen Sie auf iustitia und lenitas.

Z. 10 f. · Ita quantum [...] laudibus: Ordnen Sie folgendermaßen: Ita diuturnitas laudibus tantum adferet, quantum (diuturnitas) operibus tuis detrahet.

tantum [...] quantum: so viel [...] wie

Z. 10 · diuturnitas, -atis, f.: Zeit

Z. 11 · laudes, -um, f.: hier Ruhmestaten

Z. 12 · vincere, vinco, vici = superare

vero (Adv.): aber

Arbeitsübersetzung

Es ist nämlich keine Gewalt so groß, dass sie nicht durch Waffen und Gegenkräfte geschwächt und gebrochen werden könnte: Sich selbst (die eigene Überzeugung) zu besiegen, den Zorn zu zügeln, den Besiegten zu schonen, den Gegner, der sich durch Adel, Talent und Tugend auszeichnet, nicht nur emporzuheben, wenn er am Boden liegt, sondern sogar dessen alte Würde noch zu vergrößern: Den, der das macht, den vergleiche ich nicht (nur) mit den größten Männern, sondern halte ihn für gottähnlich. Deshalb, C. Caesar, werden deine militärischen Ruhmestaten gefeiert werden [...] und kein Zeitalter wird je schweigen von deinen Ruhmestaten. [...]

Diesen heutigen Tag schätzt du zu Recht höher als deine größten und zahllosen Erfolge. Diese Tat ist nämlich nur C. Caesar eigen: Zwar sind jene übrigen Großtaten unter deiner Führung geschehen, aber trotz allem unter zahlreicher und großer Gefolgschaft. In dieser Sache bist du aber Führer und Gefolgsmann in einer Person: [...] Deine Gerechtigkeit und Milde wird täglich mehr aufblühen. So wird die Zeit deinen Ruhmestaten so viel zufügen, wie sie deinen Werken wegnehmen wird. Und alle übrigen Sieger im Bürgerkrieg hattest du schon vorher durch ausgewogenes Handeln und Barmherzigkeit übertroffen: Am heutigen Tag aber hast du dich selbst besiegt.

Material 2

Vorbemerkung: In seinem aus der Verbannung an Kaiser Augustus gerichteten 2. Buch der „Tristia“ wendet sich Ovid mit folgenden Versen an seinen Adressaten, um seine Rückberufung nach Rom zu erreichen:

1 Tu veniam parti superatae saepe dedisti,

2 Non concessurus quam tibi victor erat.

3 Divitiis etiam multos et honoribus auctos

4 Vidi, qui tulerant in caput arma tuum;

5 Quaeque dies bellum, belli tibi sustulit iram,

6 Parsque simul templis utraque dona tulit,

7 Utque tuus gaudet miles, quod vicerit hostem,

8 Sic victum cur se gaudeat, hostis habet.

9 Causa mea est melior, qui nec contraria dicor

10 Arma nec hostiles esse secutus opes.

11 Per mare, per terram, per tertia numina iuro,

12 Per te praesentem conspicuumque deum,

13 Hunc animum favisse tibi, vir maxime, meque,

14 Qua sola potui, mente fuisse tuum

15 Optavi, peteres caelestia sidera tarde,

16 Parsque fui turbae parva precantis idem.

P. Ovidius Naso: Tristia vol 1 ed. G. Luck, 1967.

1 Du hast oft der unterlegenen Partei Gnade geschenkt,

2 die sie dir nicht erwiesen hätte, wäre sie Sieger gewesen.

3 Mit Reichtümern und auch mit Ehren überhäuft habe ich

4 viele gesehen, die die Waffen gegen dein Haupt erhoben;

5 Und der Tag, der den Krieg beendete, nahm dir auch den Zorn des Kriegs gegen Gegner

6 und beide Parteien zugleich machten den Tempeln Geschenke,

7 und wie sich dein Soldat freut, weil den Feind er besiegt hat,

8 so hat der Feind einen Grund, weshalb er besiegt sich noch freuen kann.

9 Meine Sache ist besser, der ich nicht im Verdacht steh,

10 sich gegnerischer Waffen bedient oder feindlicher Macht sich verbündet zu haben.

11 Beim Meer, bei der Erde und den Göttern des Himmels schwör ich,

12 bei dir als gegenwärtigem und sichtbarem Gott,

13 dass dieses Herz dir gewogen war, höchster Herr, und dass ich,

14 mit dem Herzen, mit dem allein ich es konnte, betete für dich,

15 dass du lange lebst und spät erst zu Himmelsgestirnen aufsteigst,

16 und ich war ein kleiner Teil der dasselbe betenden Schar.

3

Analysieren Sie die Aussagen von Cicero (Material 1) und Ovid (Material 2) mit Blick auf die jeweilige Darstellung der Machtverhältnisse in Rom. [25 BE]

Aufgabe Vorschlag A – Aufgabe II.4 · Aktualisierung und Rezeption: antike Positionen heute

Material 2

Vorbemerkung

In seinem aus der Verbannung an Kaiser Augustus gerichteten 2. Buch der „Tristia“ wendet sich Ovid mit folgenden Versen an seinen Adressaten, um seine Rückberufung nach Rom zu erreichen:

Tu veniam parti superatae saepe dedisti,

2 Non concessurus quam tibi victor erat.

Divitiis etiam multos et honoribus auctos

4 Vidi, qui tulerant in caput arma tuum;

Quaeque dies bellum, belli tibi sustulit iram,

6 Parsque simul templis utraque dona tulit,

Utque tuus gaudet miles, quod vicerit hostem,

8 Sic victum cur se gaudeat, hostis habet.

Causa mea est melior, qui nec contraria dicor

10 Arma nec hostiles esse secutus opes.

Per mare, per terram, per tertia numina iuro,

12 Per te praesentem conspicuumque deum,

Hunc animum favisse tibi, vir maxime, meque,

14 Qua sola potui, mente fuisse tuum

Optavi, peteres caelestia sidera tarde,

16 Parsque fui turbae parva precantis idem.

P. Ovidius Naso: Tristia vol 1 ed. G. Luck, 1967.

Übersetzung von Material 2

Du hast oft der unterlegenen Partei Gnade geschenkt,

2 die sie dir nicht erwiesen hätte, wäre sie Sieger gewesen.

Mit Reichtümern und auch mit Ehren überhäuft habe ich

4 viele gesehen, die die Waffen gegen dein Haupt erhoben;

Und der Tag, der den Krieg beendete, nahm dir auch den Zorn des Kriegs gegen Gegner

6 und beide Parteien zugleich machten den Tempeln Geschenke,

und wie sich dein Soldat freut, weil den Feind er besiegt hat,

8 so hat der Feind einen Grund, weshalb er besiegt sich noch freuen kann.

Meine Sache ist besser, der ich nicht im Verdacht steh,

10 sich gegnerischer Waffen bedient oder feindlicher Macht sich verbündet zu haben.

Beim Meer, bei der Erde und den Göttern des Himmels schwör ich,

12 bei dir als gegenwärtigem und sichtbarem Gott,

dass dieses Herz dir gewogen war, höchster Herr, und dass ich,

14 mit dem Herzen, mit dem allein ich es konnte, betete für dich,

dass du lange lebst und spät erst zu Himmelsgestirnen aufsteigst,

16 und ich war ein kleiner Teil der dasselbe betenden Schar.

4

Vergöttlichung von Menschen – nur in der Antike? Erörtern Sie diese Frage ausgehend von den Äußerungen Ovids gegenüber Augustus (Material 2). (25 BE)

Aufgabe Vorschlag B – Aufgabe I · Übersetzung lateinischer Dichtung (Ovid, Vergil)

I Übersetzung

Übersetzen Sie den Text (Material 1) in angemessenes Deutsch.

Material 1

Vorbemerkung

Der Dichter Ovid entwirft in einem Liebesgedicht eine Szene, in der ein Liebhaber die von ihm geliebte Frau in der Nacht heimlich besuchen möchte und dazu den Sklaven, der die Tür bewacht, überreden muss, ihn einzulassen. Er spricht ihn folgendermaßen an:

Ianitor – indignum – dura religate catena,

2 difficilem moto cardine pande forem!

Quod precor, exiguum est: aditu fac ianua parvo

4 obliquum capiat semiadaperta latus.

Longus amor tales corpus tenuavit in usus

6 aptaque subducto pondere membra dedit.

Ille per excubias custodum leniter ire

8 monstrat, inoffensos derigit ille pedes.

At quondam noctem simulacraque vana timebam.

10 Mirabar, tenebris quisquis iturus erat.

Risit, ut audirem, tenera cum matre Cupido

12 et leviter „fies tu quoque fortis“ ait.

Nec mora venit amor. Non umbras nocte volantes,

14 non timeo strictas in mea fata manus.

Te nimium lentum timeo, tibi blandior uni:

16 Tu, me quo possis perdere, fulmen habes. […]

Certe ego, cum posita stares ad verbera veste,

18 ad dominam pro te verba tremente tuli. […]

Redde vicem meritis! Grato licet esse, quod optas.

20 Tempora noctis eunt: Excute poste seram!

Übersetzungshilfen

V. 1/2 · Ianitor […] forem!: Übersetzen Sie Wächter, der du unverdient mit einer beschwerlichen Kette gefesselt bist, setze die Türangel in Bewegung und öffne die schwer passierbare Pforte!

V. 3 · precari, precor (+Akk.): (um etwas) bitten, (etwas) erbitten

V. 3/4 · aditu fac ianua parvo […] semiadaperta = fac, ut ianua semiadaperta aditu parvo […]

V. 4 · obliquum […] latus, n.: hier der seitlich gedrehte Körper

capere, capio: hier hindurchlassen

V. 5 · tenuare, tenuo, tenuavi (in + Akk.): dünn/schlank machen (für etw.)

usus, -us, m.: hier Vorhaben

V. 6 · subducto pondere: hier durch die Gewichtsabnahme

V. 7 · ille: Gemeint ist amor (V. 5).

per excubias custodum: an (Wach)Posten vorbei

V. 8 · monstrare (+ Inf.): hier lehren (zu tun)

inoffensos: Übersetzen Sie ohne an etw. anzustoßen.

derigere = dirigere

V. 9 · simulacrum vanum: Trugbild, Schattenbild

V. 10 · mirabar, […] quisquis […] = admirabar eum, quicumque […]

tenebris = in tenebris

iturus erat = ire audebat

V. 11 · Cupido, Cupidinis, m.: der Liebesgott Amor, Sohn der Venus

V. 12 · fieri, fio: werden

V. 13 · nec mora: und unverzüglich

volare: umherfliegen, umherflattern

Non […] volantes: Ergänzen Sie timeo.

V. 14 · strictas in mea fata manus: Hände, die mir nach dem Leben trachten

V. 15 · lentus, -a, -um: hier unnachgiebig, gefühllos

blandiri, blandior: schmeicheln

uni (Dat. Sg.): Beziehen Sie auf tibi.

V. 16 · perdere: hier zugrunde richten, vernichten

fulmen, fulminis, n.: Blitz ( Attribut Jupiters)

V. 17 · posita […] veste = deposita veste

ad verbera stare: bereitstehen, um ausgepeitscht zu werden

V. 18 · (ad + Akk.) verba ferre, fero, tuli (pro + Abl.): (bei jemandem) ein gutes Wort einlegen (für jemanden)

tremente ist auf (pro) te zu beziehen.

V. 19 · vicem reddere, reddo (+ Dat.): Gegenleistung bieten (für etwas), (etwas) vergelten

Grato licet esse, quod optas: Übersetzen Sie Du darfst dich dankbar zeigen, was ja gewiss dein Wunsch ist.

V. 20 · seram excutere (+ Abl.): hier den Riegel (beiseite)schieben (von etwas)

postis, postis, f.: hier Tür

Arbeitsübersetzung

Wächter, der du unverdient mit einer beschwerlichen Kette gefesselt bist, setze die Türangel in Bewegung und öffne die schwer passierbare Pforte!

Was ich erbitte, ist wenig: Mach, dass die halb geöffnete Tür durch einen kleinen Zugang meinen seitlich gedrehten Körper hindurchlässt.

Lange Liebe hat meinen Körper für derartige Vorhaben dünn werden lassen, und mir durch die Gewichtsabnahme einen passenden Körper gegeben.

Die Liebe lehrt mich, behutsam an Wachtposten vorbei zu schleichen, und sie lenkt meine Füße, ohne an etwas anzustoßen.

Einst fürchtete ich die Nacht und ihre Trugbilder.

Ich bewunderte jeden, der es wagte, in der Finsternis (umher)zu gehen.

Da lachte Cupido mit seiner zarten Mutter, sodass ich es hörte, und sprach leichthin: „Auch du wirst tapfer werden.“

Und unverzüglich kam die Liebe; ich habe keine Angst mehr vor Schatten, die bei Nacht umherflattern, keine Angst vor Händen, die mir nach dem Leben trachten.

Nur dich, allzu unnachgiebigen Wächter, fürchte ich, ich schmeichle dir allein:

Du hast den Blitz, mit dem du mich vernichten kannst. […]

Wahrhaftig habe ich, als du einmal ohne Gewand bereit standest, um ausgepeitscht zu werden, bei deiner Herrin für dich ein gutes Wort eingelegt, während du vor Angst zittertest. […]

Biete eine Gegenleistung für meine Verdienste! Du darfst dankbar sein, was ja gewiss dein Wunsch ist.

Die Stunden der Nacht gehen dahin: Schieb den Türriegel beiseite!

Aufgabe Vorschlag B – Aufgabe II.1 · Dichtung: Ovids Liebeselegie und Exil, Vergils Aeneis

Material 1

Vorbemerkung

Der Dichter Ovid entwirft in einem Liebesgedicht eine Szene, in der ein Liebhaber die von ihm geliebte Frau in der Nacht heimlich besuchen möchte und dazu den Sklaven, der die Tür bewacht, überreden muss, ihn einzulassen. Er spricht ihn folgendermaßen an:

Ianitor – indignum – dura religate catena,

2 difficilem moto cardine pande forem!

Quod precor, exiguum est: aditu fac ianua parvo

4 obliquum capiat semiadaperta latus.

Longus amor tales corpus tenuavit in usus

6 aptaque subducto pondere membra dedit.

Ille per excubias custodum leniter ire

8 monstrat, inoffensos derigit ille pedes.

At quondam noctem simulacraque vana timebam.

10 Mirabar, tenebris quisquis iturus erat.

Risit, ut audirem, tenera cum matre Cupido

12 et leviter „fies tu quoque fortis“ ait.

Nec mora venit amor. Non umbras nocte volantes,

14 non timeo strictas in mea fata manus.

Te nimium lentum timeo, tibi blandior uni:

16 Tu, me quo possis perdere, fulmen habes. […]

Certe ego, cum posita stares ad verbera veste,

18 ad dominam pro te verba tremente tuli. […]

Redde vicem meritis! Grato licet esse, quod optas.

20 Tempora noctis eunt: Excute poste seram!

Übersetzungshilfen

V. 1/2 · Ianitor […] forem!: Übersetzen Sie Wächter, der du unverdient mit einer beschwerlichen Kette gefesselt bist, setze die Türangel in Bewegung und öffne die schwer passierbare Pforte!

V. 3 · precari, precor (+Akk.): (um etwas) bitten, (etwas) erbitten

V. 3/4 · aditu fac ianua parvo […] semiadaperta = fac, ut ianua semiadaperta aditu parvo […]

V. 4 · obliquum […] latus, n.: hier der seitlich gedrehte Körper

capere, capio: hier hindurchlassen

V. 5 · tenuare, tenuo, tenuavi (in + Akk.): dünn/schlank machen (für etw.)

usus, -us, m.: hier Vorhaben

V. 6 · subducto pondere: hier durch die Gewichtsabnahme

V. 7 · ille: Gemeint ist amor (V. 5).

per excubias custodum: an (Wach)Posten vorbei

V. 8 · monstrare (+ Inf.): hier lehren (zu tun)

inoffensos: Übersetzen Sie ohne an etw. anzustoßen.

derigere = dirigere

V. 9 · simulacrum vanum: Trugbild, Schattenbild

V. 10 · mirabar, […] quisquis […] = admirabar eum, quicumque […]

tenebris = in tenebris

iturus erat = ire audebat

V. 11 · Cupido, Cupidinis, m.: der Liebesgott Amor, Sohn der Venus

V. 12 · fieri, fio: werden

V. 13 · nec mora: und unverzüglich

volare: umherfliegen, umherflattern

Non […] volantes: Ergänzen Sie timeo.

V. 14 · strictas in mea fata manus: Hände, die mir nach dem Leben trachten

V. 15 · lentus, -a, -um: hier unnachgiebig, gefühllos

blandiri, blandior: schmeicheln

uni (Dat. Sg.): Beziehen Sie auf tibi.

V. 16 · perdere: hier zugrunde richten, vernichten

fulmen, fulminis, n.: Blitz ( Attribut Jupiters)

V. 17 · posita […] veste = deposita veste

ad verbera stare: bereitstehen, um ausgepeitscht zu werden

V. 18 · (ad + Akk.) verba ferre, fero, tuli (pro + Abl.): (bei jemandem) ein gutes Wort einlegen (für jemanden)

tremente ist auf (pro) te zu beziehen.

V. 19 · vicem reddere, reddo (+ Dat.): Gegenleistung bieten (für etwas), (etwas) vergelten

Grato licet esse, quod optas: Übersetzen Sie Du darfst dich dankbar zeigen, was ja gewiss dein Wunsch ist.

V. 20 · seram excutere (+ Abl.): hier den Riegel (beiseite)schieben (von etwas)

postis, postis, f.: hier Tür

Arbeitsübersetzung

Wächter, der du unverdient mit einer beschwerlichen Kette gefesselt bist, setze die Türangel in Bewegung und öffne die schwer passierbare Pforte!

Was ich erbitte, ist wenig: Mach, dass die halb geöffnete Tür durch einen kleinen Zugang meinen seitlich gedrehten Körper hindurchlässt.

Lange Liebe hat meinen Körper für derartige Vorhaben dünn werden lassen, und mir durch die Gewichtsabnahme einen passenden Körper gegeben.

Die Liebe lehrt mich, behutsam an Wachtposten vorbei zu schleichen, und sie lenkt meine Füße, ohne an etwas anzustoßen.

Einst fürchtete ich die Nacht und ihre Trugbilder.

Ich bewunderte jeden, der es wagte, in der Finsternis (umher)zu gehen.

Da lachte Cupido mit seiner zarten Mutter, sodass ich es hörte, und sprach leichthin: „Auch du wirst tapfer werden.“

Und unverzüglich kam die Liebe; ich habe keine Angst mehr vor Schatten, die bei Nacht umherflattern, keine Angst vor Händen, die mir nach dem Leben trachten.

Nur dich, allzu unnachgiebigen Wächter, fürchte ich, ich schmeichle dir allein:

Du hast den Blitz, mit dem du mich vernichten kannst. […]

Wahrhaftig habe ich, als du einmal ohne Gewand bereit standest, um ausgepeitscht zu werden, bei deiner Herrin für dich ein gutes Wort eingelegt, während du vor Angst zittertest. […]

Biete eine Gegenleistung für meine Verdienste! Du darfst dankbar sein, was ja gewiss dein Wunsch ist.

Die Stunden der Nacht gehen dahin: Schieb den Türriegel beiseite!

II Interpretation

1

Skizzieren Sie unter Einbeziehung lateinischer Textbelege die Strategie, mit der der Liebhaber den Türwächter dazu bewegen möchte, ihm Einlass zu gewähren. (Material 1) (25 BE)

Aufgabe Vorschlag B – Aufgabe II.2.1 · Sprachlich-stilistische Analyse

Material 1

Vorbemerkung

Der Dichter Ovid entwirft in einem Liebesgedicht eine Szene, in der ein Liebhaber die von ihm geliebte Frau in der Nacht heimlich besuchen möchte und dazu den Sklaven, der die Tür bewacht, überreden muss, ihn einzulassen. Er spricht ihn folgendermaßen an:

Ianitor – indignum – dura religate catena,

2 difficilem moto cardine pande forem!

Quod precor, exiguum est: aditu fac ianua parvo

4 obliquum capiat semiadaperta latus.

Longus amor tales corpus tenuavit in usus

6 aptaque subducto pondere membra dedit.

Ille per excubias custodum leniter ire

8 monstrat, inoffensos derigit ille pedes.

At quondam noctem simulacraque vana timebam.

10 Mirabar, tenebris quisquis iturus erat.

Risit, ut audirem, tenera cum matre Cupido

12 et leviter „fies tu quoque fortis“ ait.

Nec mora venit amor. Non umbras nocte volantes,

14 non timeo strictas in mea fata manus.

Te nimium lentum timeo, tibi blandior uni:

16 Tu, me quo possis perdere, fulmen habes. […]

Certe ego, cum posita stares ad verbera veste,

18 ad dominam pro te verba tremente tuli. […]

Redde vicem meritis! Grato licet esse, quod optas.

20 Tempora noctis eunt: Excute poste seram!

Übersetzungshilfen

V. 1/2 · Ianitor […] forem!: Übersetzen Sie Wächter, der du unverdient mit einer beschwerlichen Kette gefesselt bist, setze die Türangel in Bewegung und öffne die schwer passierbare Pforte!

V. 3 · precari, precor (+Akk.): (um etwas) bitten, (etwas) erbitten

V. 3/4 · aditu fac ianua parvo […] semiadaperta = fac, ut ianua semiadaperta aditu parvo […]

V. 4 · obliquum […] latus, n.: hier der seitlich gedrehte Körper

capere, capio: hier hindurchlassen

V. 5 · tenuare, tenuo, tenuavi (in + Akk.): dünn/schlank machen (für etw.)

usus, -us, m.: hier Vorhaben

V. 6 · subducto pondere: hier durch die Gewichtsabnahme

V. 7 · ille: Gemeint ist amor (V. 5).

per excubias custodum: an (Wach)Posten vorbei

V. 8 · monstrare (+ Inf.): hier lehren (zu tun)

inoffensos: Übersetzen Sie ohne an etw. anzustoßen.

derigere = dirigere

V. 9 · simulacrum vanum: Trugbild, Schattenbild

V. 10 · mirabar, […] quisquis […] = admirabar eum, quicumque […]

tenebris = in tenebris

iturus erat = ire audebat

V. 11 · Cupido, Cupidinis, m.: der Liebesgott Amor, Sohn der Venus

V. 12 · fieri, fio: werden

V. 13 · nec mora: und unverzüglich

volare: umherfliegen, umherflattern

Non […] volantes: Ergänzen Sie timeo.

V. 14 · strictas in mea fata manus: Hände, die mir nach dem Leben trachten

V. 15 · lentus, -a, -um: hier unnachgiebig, gefühllos

blandiri, blandior: schmeicheln

uni (Dat. Sg.): Beziehen Sie auf tibi.

V. 16 · perdere: hier zugrunde richten, vernichten

fulmen, fulminis, n.: Blitz ( Attribut Jupiters)

V. 17 · posita […] veste = deposita veste

ad verbera stare: bereitstehen, um ausgepeitscht zu werden

V. 18 · (ad + Akk.) verba ferre, fero, tuli (pro + Abl.): (bei jemandem) ein gutes Wort einlegen (für jemanden)

tremente ist auf (pro) te zu beziehen.

V. 19 · vicem reddere, reddo (+ Dat.): Gegenleistung bieten (für etwas), (etwas) vergelten

Grato licet esse, quod optas: Übersetzen Sie Du darfst dich dankbar zeigen, was ja gewiss dein Wunsch ist.

V. 20 · seram excutere (+ Abl.): hier den Riegel (beiseite)schieben (von etwas)

postis, postis, f.: hier Tür

Arbeitsübersetzung

Wächter, der du unverdient mit einer beschwerlichen Kette gefesselt bist, setze die Türangel in Bewegung und öffne die schwer passierbare Pforte!

Was ich erbitte, ist wenig: Mach, dass die halb geöffnete Tür durch einen kleinen Zugang meinen seitlich gedrehten Körper hindurchlässt.

Lange Liebe hat meinen Körper für derartige Vorhaben dünn werden lassen, und mir durch die Gewichtsabnahme einen passenden Körper gegeben.

Die Liebe lehrt mich, behutsam an Wachtposten vorbei zu schleichen, und sie lenkt meine Füße, ohne an etwas anzustoßen.

Einst fürchtete ich die Nacht und ihre Trugbilder.

Ich bewunderte jeden, der es wagte, in der Finsternis (umher)zu gehen.

Da lachte Cupido mit seiner zarten Mutter, sodass ich es hörte, und sprach leichthin: „Auch du wirst tapfer werden.“

Und unverzüglich kam die Liebe; ich habe keine Angst mehr vor Schatten, die bei Nacht umherflattern, keine Angst vor Händen, die mir nach dem Leben trachten.

Nur dich, allzu unnachgiebigen Wächter, fürchte ich, ich schmeichle dir allein:

Du hast den Blitz, mit dem du mich vernichten kannst. […]

Wahrhaftig habe ich, als du einmal ohne Gewand bereit standest, um ausgepeitscht zu werden, bei deiner Herrin für dich ein gutes Wort eingelegt, während du vor Angst zittertest. […]

Biete eine Gegenleistung für meine Verdienste! Du darfst dankbar sein, was ja gewiss dein Wunsch ist.

Die Stunden der Nacht gehen dahin: Schieb den Türriegel beiseite!

II Interpretation

2.1

Analysieren Sie die sprachlich-stilistische Gestaltung der Verse 13 bis 20. (Material 1) (25 BE)

Aufgabe Vorschlag B – Aufgabe II.2.2 · Metrische Analyse (Hexameter, elegisches Distichon)

Material 2

Nec mora venit amor. Non umbras nocte volantes,

non timeo strictas in mea fata manus.

Te nimium lentum timeo, tibi blandior uni:

Tu, me quo possis perdere, fulmen habes.

2.2 Analysieren Sie die metrische Gestaltung der Verse 13 bis 16, indem Sie Längen und Kürzen der Silben kennzeichnen. (Material 2)

[20 BE]

V. 13

Nec mora venit amor. Non umbras nocte volantes,

V. 14

non timeo strictas in mea fata manus.

V. 15

Te nimium lentum timeo, tibi blandior uni:

V. 16

Tu, me quo possis perdere, fulmen habes.

Aufgabe Vorschlag B – Aufgabe II.3 · Stoische Philosophie (Seneca): Güterlehre, Affekte, Zeit und Tod

Material 1

Vorbemerkung

Der Dichter Ovid entwirft in einem Liebesgedicht eine Szene, in der ein Liebhaber die von ihm geliebte Frau in der Nacht heimlich besuchen möchte und dazu den Sklaven, der die Tür bewacht, überreden muss, ihn einzulassen. Er spricht ihn folgendermaßen an:

Ianitor – indignum – dura religate catena,

2 difficilem moto cardine pande forem!

Quod precor, exiguum est: aditu fac ianua parvo

4 obliquum capiat semiadaperta latus.

Longus amor tales corpus tenuavit in usus

6 aptaque subducto pondere membra dedit.

Ille per excubias custodum leniter ire

8 monstrat, inoffensos derigit ille pedes.

At quondam noctem simulacraque vana timebam.

10 Mirabar, tenebris quisquis iturus erat.

Risit, ut audirem, tenera cum matre Cupido

12 et leviter „fies tu quoque fortis“ ait.

Nec mora venit amor. Non umbras nocte volantes,

14 non timeo strictas in mea fata manus.

Te nimium lentum timeo, tibi blandior uni:

16 Tu, me quo possis perdere, fulmen habes. […]

Certe ego, cum posita stares ad verbera veste,

18 ad dominam pro te verba tremente tuli. […]

Redde vicem meritis! Grato licet esse, quod optas.

20 Tempora noctis eunt: Excute poste seram!

Übersetzungshilfen

V. 1/2 · Ianitor […] forem!: Übersetzen Sie Wächter, der du unverdient mit einer beschwerlichen Kette gefesselt bist, setze die Türangel in Bewegung und öffne die schwer passierbare Pforte!

V. 3 · precari, precor (+Akk.): (um etwas) bitten, (etwas) erbitten

V. 3/4 · aditu fac ianua parvo […] semiadaperta = fac, ut ianua semiadaperta aditu parvo […]

V. 4 · obliquum […] latus, n.: hier der seitlich gedrehte Körper

capere, capio: hier hindurchlassen

V. 5 · tenuare, tenuo, tenuavi (in + Akk.): dünn/schlank machen (für etw.)

usus, -us, m.: hier Vorhaben

V. 6 · subducto pondere: hier durch die Gewichtsabnahme

V. 7 · ille: Gemeint ist amor (V. 5).

per excubias custodum: an (Wach)Posten vorbei

V. 8 · monstrare (+ Inf.): hier lehren (zu tun)

inoffensos: Übersetzen Sie ohne an etw. anzustoßen.

derigere = dirigere

V. 9 · simulacrum vanum: Trugbild, Schattenbild

V. 10 · mirabar, […] quisquis […] = admirabar eum, quicumque […]

tenebris = in tenebris

iturus erat = ire audebat

V. 11 · Cupido, Cupidinis, m.: der Liebesgott Amor, Sohn der Venus

V. 12 · fieri, fio: werden

V. 13 · nec mora: und unverzüglich

volare: umherfliegen, umherflattern

Non […] volantes: Ergänzen Sie timeo.

V. 14 · strictas in mea fata manus: Hände, die mir nach dem Leben trachten

V. 15 · lentus, -a, -um: hier unnachgiebig, gefühllos

blandiri, blandior: schmeicheln

uni (Dat. Sg.): Beziehen Sie auf tibi.

V. 16 · perdere: hier zugrunde richten, vernichten

fulmen, fulminis, n.: Blitz ( Attribut Jupiters)

V. 17 · posita […] veste = deposita veste

ad verbera stare: bereitstehen, um ausgepeitscht zu werden

V. 18 · (ad + Akk.) verba ferre, fero, tuli (pro + Abl.): (bei jemandem) ein gutes Wort einlegen (für jemanden)

tremente ist auf (pro) te zu beziehen.

V. 19 · vicem reddere, reddo (+ Dat.): Gegenleistung bieten (für etwas), (etwas) vergelten

Grato licet esse, quod optas: Übersetzen Sie Du darfst dich dankbar zeigen, was ja gewiss dein Wunsch ist.

V. 20 · seram excutere (+ Abl.): hier den Riegel (beiseite)schieben (von etwas)

postis, postis, f.: hier Tür

Arbeitsübersetzung

Wächter, der du unverdient mit einer beschwerlichen Kette gefesselt bist, setze die Türangel in Bewegung und öffne die schwer passierbare Pforte!

Was ich erbitte, ist wenig: Mach, dass die halb geöffnete Tür durch einen kleinen Zugang meinen seitlich gedrehten Körper hindurchlässt.

Lange Liebe hat meinen Körper für derartige Vorhaben dünn werden lassen, und mir durch die Gewichtsabnahme einen passenden Körper gegeben.

Die Liebe lehrt mich, behutsam an Wachtposten vorbei zu schleichen, und sie lenkt meine Füße, ohne an etwas anzustoßen.

Einst fürchtete ich die Nacht und ihre Trugbilder.

Ich bewunderte jeden, der es wagte, in der Finsternis (umher)zu gehen.

Da lachte Cupido mit seiner zarten Mutter, sodass ich es hörte, und sprach leichthin: „Auch du wirst tapfer werden.“

Und unverzüglich kam die Liebe; ich habe keine Angst mehr vor Schatten, die bei Nacht umherflattern, keine Angst vor Händen, die mir nach dem Leben trachten.

Nur dich, allzu unnachgiebigen Wächter, fürchte ich, ich schmeichle dir allein:

Du hast den Blitz, mit dem du mich vernichten kannst. […]

Wahrhaftig habe ich, als du einmal ohne Gewand bereit standest, um ausgepeitscht zu werden, bei deiner Herrin für dich ein gutes Wort eingelegt, während du vor Angst zittertest. […]

Biete eine Gegenleistung für meine Verdienste! Du darfst dankbar sein, was ja gewiss dein Wunsch ist.

Die Stunden der Nacht gehen dahin: Schieb den Türriegel beiseite!

II Interpretation

3

Nehmen Sie an, dem Liebhaber wurde bei seiner Liebsten kein Einlass gewährt, woraufhin er Trost bei einem Freund sucht, der ein überzeugter Anhänger der stoischen Philosophie ist.

Verfassen Sie aus der Perspektive des Freundes einen auf den Lehrmeinungen der Stoa beruhenden Brief, der dem Liebhaber Trost spenden soll. (30 BE)

Aufgabe Vorschlag C – Aufgabe I · Übersetzung lateinischer Prosa (Cicero, Seneca)

Material 1

Vorbemerkung

Der Philosoph Seneca berichtet seinem Briefpartner Lucilius, dass er nach langer Zeit einen alten Schulfreund namens Claranus wiedergesehen hat:

1 Claranum, condiscipulum meum, vidi post multos annos: non [...] senem, sed

2 – mehercules! – viridem animo ac vigentem et cum corpusculo suo conluctantem. Inique enim

3 se natura gessit et talem animum male collocavit. Aut fortasse voluit hoc ipsum nobis

4 ostendere: posse ingenium fortissimum ac beatissimum sub qualibet cute latere. Vincit tamen

5 omnia impedimenta et a contemptu sui ad cetera contemnenda venit. Errare mihi visus est, qui

6 dixit: „Gratior et pulchro veniens e corpore virtus.“

7 Non enim ullo honestamento eget: ipsa magnum sui decus est et corpus suum consecrat.

8 Aliter certe Claranum nostrum coepi intueri: formosus mihi videtur et tam rectus corpore

9 quam est animo.

10 Potest ex casa vir magnus exire, potest et ex deformi humilique corpusculo formosus animus

11 ac magnus. [...] Claranus mihi videtur in exemplar editus, ut scire possemus non deformitate

12 corporis foedari animum, sed pulchritudine animi corpus ornari.

Übersetzungshilfen

Z. 1 · Claranus: Eigenname

Z. 2 · mehercules: beim Hercules! (Interjektion zur Bekräftigung)

viridis, -e: hier frisch, rüstig

et = etsi

corpusculum, -i, n.: gebrechlicher Körper

conluctari: sich abmühen, kämpfen

inique: von iniquus, -a, -um

se gerere, gero, gessi: sich benehmen, sich verhalten

Z. 3 · male collocare: hier schlecht unterbringen

aut: hier oder aber

Z. 4f. · posse ingenium [...] latere: Übersetzen Sie als AcI abh. von ostendere.

Z. 4 · quilibet, quaelibet, quodlibet: jede/r/s beliebige

cutis, -is, f.: Haut, Hülle

vincit: Ergänzen Sie als Subjekt ingenium.

Z. 5 · sui: hier seiner selbst

cetera: hier die außerhalb seiner selbst liegenden Dinge

videri, videor, visus sum: scheinen

qui = is, qui

Z. 6 · Ordnen Sie: Et gratior (est) virtus veniens e corpore pulchro.

et = etiam

Z. 7 · Das Subjekt des Satzes ist virtus.

egere (+ Abl.): (etwas) brauchen, (etwas) nötig haben

sui: ihrer selbst, für sich ( auf virtus bezogen)

decus, decoris, n.: Schmuck

consecrare: heiligen, ehrenwert machen

Z. 8f. · tam [...] quam: so [...] wie

Z. 8 · rectus, -a, -um: aufrecht

Ergänzen Sie videtur hinter rectus.

Z. 10 · et = etiam

deformis, -e: entstellt, unschön

humilis, -e: unansehnlich

corpusculum, -i, n.: gebrechlicher Körper

formosus animus ac magnus: Ergänzen Sie exire.

Z. 11 · in exemplar editus (esse): als Beispiel gegeben, geschaffen (zu sein)

deformitas, deformitatis, f.: Hässlichkeit

Z. 12 · foedare: verunstalten, entstellen

Arbeitsübersetzung

Meinen Mitschüler Claranus habe ich nach vielen Jahren wiedergesehen: nicht [...] als alten Mann, sondern – beim Hercules – jung und frisch im Geiste, auch wenn er sich mit seinem gebrechlichen Körper abmühte. Die Natur hat sich nämlich ungerecht verhalten und einen solchen Geist schlecht untergebracht: Aber vielleicht hat sie uns gerade das zeigen wollen, dass ein sehr tapferer und glücklicher Charakter unter jeder beliebigen Haut verborgen sein kann. Er überwindet dennoch alle Hindernisse und kommt von der Geringschätzung seiner selbst zur Geringschätzung des Übrigen. Zu irren scheint mir der, der gesagt hat: „Auch ist die Tugend liebenswerter, wenn sie uns aus einem schönen Körper entgegentritt.“

Sie hat nämlich keinerlei Schmuck nötig: Sie ist selbst ein großer Schmuck für sich und heiligt ihren Körper (d.h. den, in dem sie wohnt). Ich fing jedenfalls an, meinen Freund Claranus anders zu sehen: Wohlgestaltet scheint er mir und so aufrecht im Körper wie im Geist.

Es kann aus einer Hütte ein bedeutender Mann kommen, es kann auch aus einem entstellten und unansehnlichen gebrechlichen Körper ein wohlgestalteter und großer Charakter hervorgehen. [...] Claranus scheint mir als Musterbeispiel geschaffen zu sein, damit wir erkennen können, dass durch die Entstellung des Körpers nicht die Seele verunstaltet wird, sondern durch die Schönheit der Seele der Körper geschmückt wird.

I Übersetzung

Übersetzen Sie den Text (Material 1) in angemessenes Deutsch.

Aufgabe Vorschlag C – Aufgabe II.1 · Inhalt und Gedankengang mit lateinischen Textbelegen

Material 1

Vorbemerkung

Der Philosoph Seneca berichtet seinem Briefpartner Lucilius, dass er nach langer Zeit einen alten Schulfreund namens Claranus wiedergesehen hat:

1 Claranum, condiscipulum meum, vidi post multos annos: non [...] senem, sed

2 – mehercules! – viridem animo ac vigentem et cum corpusculo suo conluctantem. Inique enim

3 se natura gessit et talem animum male collocavit. Aut fortasse voluit hoc ipsum nobis

4 ostendere: posse ingenium fortissimum ac beatissimum sub qualibet cute latere. Vincit tamen

5 omnia impedimenta et a contemptu sui ad cetera contemnenda venit. Errare mihi visus est, qui

6 dixit: „Gratior et pulchro veniens e corpore virtus.“

7 Non enim ullo honestamento eget: ipsa magnum sui decus est et corpus suum consecrat.

8 Aliter certe Claranum nostrum coepi intueri: formosus mihi videtur et tam rectus corpore

9 quam est animo.

10 Potest ex casa vir magnus exire, potest et ex deformi humilique corpusculo formosus animus

11 ac magnus. [...] Claranus mihi videtur in exemplar editus, ut scire possemus non deformitate

12 corporis foedari animum, sed pulchritudine animi corpus ornari.

Übersetzungshilfen

Z. 1 · Claranus: Eigenname

Z. 2 · mehercules: beim Hercules! (Interjektion zur Bekräftigung)

viridis, -e: hier frisch, rüstig

et = etsi

corpusculum, -i, n.: gebrechlicher Körper

conluctari: sich abmühen, kämpfen

inique: von iniquus, -a, -um

se gerere, gero, gessi: sich benehmen, sich verhalten

Z. 3 · male collocare: hier schlecht unterbringen

aut: hier oder aber

Z. 4f. · posse ingenium [...] latere: Übersetzen Sie als AcI abh. von ostendere.

Z. 4 · quilibet, quaelibet, quodlibet: jede/r/s beliebige

cutis, -is, f.: Haut, Hülle

vincit: Ergänzen Sie als Subjekt ingenium.

Z. 5 · sui: hier seiner selbst

cetera: hier die außerhalb seiner selbst liegenden Dinge

videri, videor, visus sum: scheinen

qui = is, qui

Z. 6 · Ordnen Sie: Et gratior (est) virtus veniens e corpore pulchro.

et = etiam

Z. 7 · Das Subjekt des Satzes ist virtus.

egere (+ Abl.): (etwas) brauchen, (etwas) nötig haben

sui: ihrer selbst, für sich ( auf virtus bezogen)

decus, decoris, n.: Schmuck

consecrare: heiligen, ehrenwert machen

Z. 8f. · tam [...] quam: so [...] wie

Z. 8 · rectus, -a, -um: aufrecht

Ergänzen Sie videtur hinter rectus.

Z. 10 · et = etiam

deformis, -e: entstellt, unschön

humilis, -e: unansehnlich

corpusculum, -i, n.: gebrechlicher Körper

formosus animus ac magnus: Ergänzen Sie exire.

Z. 11 · in exemplar editus (esse): als Beispiel gegeben, geschaffen (zu sein)

deformitas, deformitatis, f.: Hässlichkeit

Z. 12 · foedare: verunstalten, entstellen

Arbeitsübersetzung

Meinen Mitschüler Claranus habe ich nach vielen Jahren wiedergesehen: nicht [...] als alten Mann, sondern – beim Hercules – jung und frisch im Geiste, auch wenn er sich mit seinem gebrechlichen Körper abmühte. Die Natur hat sich nämlich ungerecht verhalten und einen solchen Geist schlecht untergebracht: Aber vielleicht hat sie uns gerade das zeigen wollen, dass ein sehr tapferer und glücklicher Charakter unter jeder beliebigen Haut verborgen sein kann. Er überwindet dennoch alle Hindernisse und kommt von der Geringschätzung seiner selbst zur Geringschätzung des Übrigen. Zu irren scheint mir der, der gesagt hat: „Auch ist die Tugend liebenswerter, wenn sie uns aus einem schönen Körper entgegentritt.“

Sie hat nämlich keinerlei Schmuck nötig: Sie ist selbst ein großer Schmuck für sich und heiligt ihren Körper (d.h. den, in dem sie wohnt). Ich fing jedenfalls an, meinen Freund Claranus anders zu sehen: Wohlgestaltet scheint er mir und so aufrecht im Körper wie im Geist.

Es kann aus einer Hütte ein bedeutender Mann kommen, es kann auch aus einem entstellten und unansehnlichen gebrechlichen Körper ein wohlgestalteter und großer Charakter hervorgehen. [...] Claranus scheint mir als Musterbeispiel geschaffen zu sein, damit wir erkennen können, dass durch die Entstellung des Körpers nicht die Seele verunstaltet wird, sondern durch die Schönheit der Seele der Körper geschmückt wird.

II Interpretation

1

Geben Sie, gestützt auf lateinische Textbelege, den Inhalt des Textes in eigenen Worten wieder. (Material 1) (20 BE)

Aufgabe Vorschlag C – Aufgabe II.2 · Stoische Philosophie (Seneca): Güterlehre, Affekte, Zeit und Tod

Material 1

Vorbemerkung

Der Philosoph Seneca berichtet seinem Briefpartner Lucilius, dass er nach langer Zeit einen alten Schulfreund namens Claranus wiedergesehen hat:

1 Claranum, condiscipulum meum, vidi post multos annos: non [...] senem, sed

2 – mehercules! – viridem animo ac vigentem et cum corpusculo suo conluctantem. Inique enim

3 se natura gessit et talem animum male collocavit. Aut fortasse voluit hoc ipsum nobis

4 ostendere: posse ingenium fortissimum ac beatissimum sub qualibet cute latere. Vincit tamen

5 omnia impedimenta et a contemptu sui ad cetera contemnenda venit. Errare mihi visus est, qui

6 dixit: „Gratior et pulchro veniens e corpore virtus.“

7 Non enim ullo honestamento eget: ipsa magnum sui decus est et corpus suum consecrat.

8 Aliter certe Claranum nostrum coepi intueri: formosus mihi videtur et tam rectus corpore

9 quam est animo.

10 Potest ex casa vir magnus exire, potest et ex deformi humilique corpusculo formosus animus

11 ac magnus. [...] Claranus mihi videtur in exemplar editus, ut scire possemus non deformitate

12 corporis foedari animum, sed pulchritudine animi corpus ornari.

Übersetzungshilfen

Z. 1 · Claranus: Eigenname

Z. 2 · mehercules: beim Hercules! (Interjektion zur Bekräftigung)

viridis, -e: hier frisch, rüstig

et = etsi

corpusculum, -i, n.: gebrechlicher Körper

conluctari: sich abmühen, kämpfen

inique: von iniquus, -a, -um

se gerere, gero, gessi: sich benehmen, sich verhalten

Z. 3 · male collocare: hier schlecht unterbringen

aut: hier oder aber

Z. 4f. · posse ingenium [...] latere: Übersetzen Sie als AcI abh. von ostendere.

Z. 4 · quilibet, quaelibet, quodlibet: jede/r/s beliebige

cutis, -is, f.: Haut, Hülle

vincit: Ergänzen Sie als Subjekt ingenium.

Z. 5 · sui: hier seiner selbst

cetera: hier die außerhalb seiner selbst liegenden Dinge

videri, videor, visus sum: scheinen

qui = is, qui

Z. 6 · Ordnen Sie: Et gratior (est) virtus veniens e corpore pulchro.

et = etiam

Z. 7 · Das Subjekt des Satzes ist virtus.

egere (+ Abl.): (etwas) brauchen, (etwas) nötig haben

sui: ihrer selbst, für sich ( auf virtus bezogen)

decus, decoris, n.: Schmuck

consecrare: heiligen, ehrenwert machen

Z. 8f. · tam [...] quam: so [...] wie

Z. 8 · rectus, -a, -um: aufrecht

Ergänzen Sie videtur hinter rectus.

Z. 10 · et = etiam

deformis, -e: entstellt, unschön

humilis, -e: unansehnlich

corpusculum, -i, n.: gebrechlicher Körper

formosus animus ac magnus: Ergänzen Sie exire.

Z. 11 · in exemplar editus (esse): als Beispiel gegeben, geschaffen (zu sein)

deformitas, deformitatis, f.: Hässlichkeit

Z. 12 · foedare: verunstalten, entstellen

Arbeitsübersetzung

Meinen Mitschüler Claranus habe ich nach vielen Jahren wiedergesehen: nicht [...] als alten Mann, sondern – beim Hercules – jung und frisch im Geiste, auch wenn er sich mit seinem gebrechlichen Körper abmühte. Die Natur hat sich nämlich ungerecht verhalten und einen solchen Geist schlecht untergebracht: Aber vielleicht hat sie uns gerade das zeigen wollen, dass ein sehr tapferer und glücklicher Charakter unter jeder beliebigen Haut verborgen sein kann. Er überwindet dennoch alle Hindernisse und kommt von der Geringschätzung seiner selbst zur Geringschätzung des Übrigen. Zu irren scheint mir der, der gesagt hat: „Auch ist die Tugend liebenswerter, wenn sie uns aus einem schönen Körper entgegentritt.“

Sie hat nämlich keinerlei Schmuck nötig: Sie ist selbst ein großer Schmuck für sich und heiligt ihren Körper (d.h. den, in dem sie wohnt). Ich fing jedenfalls an, meinen Freund Claranus anders zu sehen: Wohlgestaltet scheint er mir und so aufrecht im Körper wie im Geist.

Es kann aus einer Hütte ein bedeutender Mann kommen, es kann auch aus einem entstellten und unansehnlichen gebrechlichen Körper ein wohlgestalteter und großer Charakter hervorgehen. [...] Claranus scheint mir als Musterbeispiel geschaffen zu sein, damit wir erkennen können, dass durch die Entstellung des Körpers nicht die Seele verunstaltet wird, sondern durch die Schönheit der Seele der Körper geschmückt wird.

II Interpretation

2

Stellen Sie dar, inwieweit Grundvorstellungen der stoischen Philosophie in Senecas Text Eingang gefunden haben. (Material 1) (25 BE)

Aufgabe Vorschlag C – Aufgabe II.3 · Sprachlich-stilistische Analyse

Material 1

Vorbemerkung

Der Philosoph Seneca berichtet seinem Briefpartner Lucilius, dass er nach langer Zeit einen alten Schulfreund namens Claranus wiedergesehen hat:

1 Claranum, condiscipulum meum, vidi post multos annos: non [...] senem, sed

2 – mehercules! – viridem animo ac vigentem et cum corpusculo suo conluctantem. Inique enim

3 se natura gessit et talem animum male collocavit. Aut fortasse voluit hoc ipsum nobis

4 ostendere: posse ingenium fortissimum ac beatissimum sub qualibet cute latere. Vincit tamen

5 omnia impedimenta et a contemptu sui ad cetera contemnenda venit. Errare mihi visus est, qui

6 dixit: „Gratior et pulchro veniens e corpore virtus.“

7 Non enim ullo honestamento eget: ipsa magnum sui decus est et corpus suum consecrat.

8 Aliter certe Claranum nostrum coepi intueri: formosus mihi videtur et tam rectus corpore

9 quam est animo.

10 Potest ex casa vir magnus exire, potest et ex deformi humilique corpusculo formosus animus

11 ac magnus. [...] Claranus mihi videtur in exemplar editus, ut scire possemus non deformitate

12 corporis foedari animum, sed pulchritudine animi corpus ornari.

Übersetzungshilfen

Z. 1 · Claranus: Eigenname

Z. 2 · mehercules: beim Hercules! (Interjektion zur Bekräftigung)

viridis, -e: hier frisch, rüstig

et = etsi

corpusculum, -i, n.: gebrechlicher Körper

conluctari: sich abmühen, kämpfen

inique: von iniquus, -a, -um

se gerere, gero, gessi: sich benehmen, sich verhalten

Z. 3 · male collocare: hier schlecht unterbringen

aut: hier oder aber

Z. 4f. · posse ingenium [...] latere: Übersetzen Sie als AcI abh. von ostendere.

Z. 4 · quilibet, quaelibet, quodlibet: jede/r/s beliebige

cutis, -is, f.: Haut, Hülle

vincit: Ergänzen Sie als Subjekt ingenium.

Z. 5 · sui: hier seiner selbst

cetera: hier die außerhalb seiner selbst liegenden Dinge

videri, videor, visus sum: scheinen

qui = is, qui

Z. 6 · Ordnen Sie: Et gratior (est) virtus veniens e corpore pulchro.

et = etiam

Z. 7 · Das Subjekt des Satzes ist virtus.

egere (+ Abl.): (etwas) brauchen, (etwas) nötig haben

sui: ihrer selbst, für sich ( auf virtus bezogen)

decus, decoris, n.: Schmuck

consecrare: heiligen, ehrenwert machen

Z. 8f. · tam [...] quam: so [...] wie

Z. 8 · rectus, -a, -um: aufrecht

Ergänzen Sie videtur hinter rectus.

Z. 10 · et = etiam

deformis, -e: entstellt, unschön

humilis, -e: unansehnlich

corpusculum, -i, n.: gebrechlicher Körper

formosus animus ac magnus: Ergänzen Sie exire.

Z. 11 · in exemplar editus (esse): als Beispiel gegeben, geschaffen (zu sein)

deformitas, deformitatis, f.: Hässlichkeit

Z. 12 · foedare: verunstalten, entstellen

Arbeitsübersetzung

Meinen Mitschüler Claranus habe ich nach vielen Jahren wiedergesehen: nicht [...] als alten Mann, sondern – beim Hercules – jung und frisch im Geiste, auch wenn er sich mit seinem gebrechlichen Körper abmühte. Die Natur hat sich nämlich ungerecht verhalten und einen solchen Geist schlecht untergebracht: Aber vielleicht hat sie uns gerade das zeigen wollen, dass ein sehr tapferer und glücklicher Charakter unter jeder beliebigen Haut verborgen sein kann. Er überwindet dennoch alle Hindernisse und kommt von der Geringschätzung seiner selbst zur Geringschätzung des Übrigen. Zu irren scheint mir der, der gesagt hat: „Auch ist die Tugend liebenswerter, wenn sie uns aus einem schönen Körper entgegentritt.“

Sie hat nämlich keinerlei Schmuck nötig: Sie ist selbst ein großer Schmuck für sich und heiligt ihren Körper (d.h. den, in dem sie wohnt). Ich fing jedenfalls an, meinen Freund Claranus anders zu sehen: Wohlgestaltet scheint er mir und so aufrecht im Körper wie im Geist.

Es kann aus einer Hütte ein bedeutender Mann kommen, es kann auch aus einem entstellten und unansehnlichen gebrechlichen Körper ein wohlgestalteter und großer Charakter hervorgehen. [...] Claranus scheint mir als Musterbeispiel geschaffen zu sein, damit wir erkennen können, dass durch die Entstellung des Körpers nicht die Seele verunstaltet wird, sondern durch die Schönheit der Seele der Körper geschmückt wird.

II Interpretation

3

Analysieren Sie die sprachlich-stilistische Gestaltung des Textes von Potest ex casa vir magnus exire bis zum Textende. (Material 1) (25 BE)

Aufgabe Vorschlag C – Aufgabe II.4 · Aktualisierung und Rezeption: antike Positionen heute

Material 1

Vorbemerkung

Der Philosoph Seneca berichtet seinem Briefpartner Lucilius, dass er nach langer Zeit einen alten Schulfreund namens Claranus wiedergesehen hat:

1 Claranum, condiscipulum meum, vidi post multos annos: non [...] senem, sed

2 – mehercules! – viridem animo ac vigentem et cum corpusculo suo conluctantem. Inique enim

3 se natura gessit et talem animum male collocavit. Aut fortasse voluit hoc ipsum nobis

4 ostendere: posse ingenium fortissimum ac beatissimum sub qualibet cute latere. Vincit tamen

5 omnia impedimenta et a contemptu sui ad cetera contemnenda venit. Errare mihi visus est, qui

6 dixit: „Gratior et pulchro veniens e corpore virtus.“

7 Non enim ullo honestamento eget: ipsa magnum sui decus est et corpus suum consecrat.

8 Aliter certe Claranum nostrum coepi intueri: formosus mihi videtur et tam rectus corpore

9 quam est animo.

10 Potest ex casa vir magnus exire, potest et ex deformi humilique corpusculo formosus animus

11 ac magnus. [...] Claranus mihi videtur in exemplar editus, ut scire possemus non deformitate

12 corporis foedari animum, sed pulchritudine animi corpus ornari.

Übersetzungshilfen

Z. 1 · Claranus: Eigenname

Z. 2 · mehercules: beim Hercules! (Interjektion zur Bekräftigung)

viridis, -e: hier frisch, rüstig

et = etsi

corpusculum, -i, n.: gebrechlicher Körper

conluctari: sich abmühen, kämpfen

inique: von iniquus, -a, -um

se gerere, gero, gessi: sich benehmen, sich verhalten

Z. 3 · male collocare: hier schlecht unterbringen

aut: hier oder aber

Z. 4f. · posse ingenium [...] latere: Übersetzen Sie als AcI abh. von ostendere.

Z. 4 · quilibet, quaelibet, quodlibet: jede/r/s beliebige

cutis, -is, f.: Haut, Hülle

vincit: Ergänzen Sie als Subjekt ingenium.

Z. 5 · sui: hier seiner selbst

cetera: hier die außerhalb seiner selbst liegenden Dinge

videri, videor, visus sum: scheinen

qui = is, qui

Z. 6 · Ordnen Sie: Et gratior (est) virtus veniens e corpore pulchro.

et = etiam

Z. 7 · Das Subjekt des Satzes ist virtus.

egere (+ Abl.): (etwas) brauchen, (etwas) nötig haben

sui: ihrer selbst, für sich ( auf virtus bezogen)

decus, decoris, n.: Schmuck

consecrare: heiligen, ehrenwert machen

Z. 8f. · tam [...] quam: so [...] wie

Z. 8 · rectus, -a, -um: aufrecht

Ergänzen Sie videtur hinter rectus.

Z. 10 · et = etiam

deformis, -e: entstellt, unschön

humilis, -e: unansehnlich

corpusculum, -i, n.: gebrechlicher Körper

formosus animus ac magnus: Ergänzen Sie exire.

Z. 11 · in exemplar editus (esse): als Beispiel gegeben, geschaffen (zu sein)

deformitas, deformitatis, f.: Hässlichkeit

Z. 12 · foedare: verunstalten, entstellen

Arbeitsübersetzung

Meinen Mitschüler Claranus habe ich nach vielen Jahren wiedergesehen: nicht [...] als alten Mann, sondern – beim Hercules – jung und frisch im Geiste, auch wenn er sich mit seinem gebrechlichen Körper abmühte. Die Natur hat sich nämlich ungerecht verhalten und einen solchen Geist schlecht untergebracht: Aber vielleicht hat sie uns gerade das zeigen wollen, dass ein sehr tapferer und glücklicher Charakter unter jeder beliebigen Haut verborgen sein kann. Er überwindet dennoch alle Hindernisse und kommt von der Geringschätzung seiner selbst zur Geringschätzung des Übrigen. Zu irren scheint mir der, der gesagt hat: „Auch ist die Tugend liebenswerter, wenn sie uns aus einem schönen Körper entgegentritt.“

Sie hat nämlich keinerlei Schmuck nötig: Sie ist selbst ein großer Schmuck für sich und heiligt ihren Körper (d.h. den, in dem sie wohnt). Ich fing jedenfalls an, meinen Freund Claranus anders zu sehen: Wohlgestaltet scheint er mir und so aufrecht im Körper wie im Geist.

Es kann aus einer Hütte ein bedeutender Mann kommen, es kann auch aus einem entstellten und unansehnlichen gebrechlichen Körper ein wohlgestalteter und großer Charakter hervorgehen. [...] Claranus scheint mir als Musterbeispiel geschaffen zu sein, damit wir erkennen können, dass durch die Entstellung des Körpers nicht die Seele verunstaltet wird, sondern durch die Schönheit der Seele der Körper geschmückt wird.

Material 2

Vorbemerkung

Die Autorin Melanie Mühl schildert in dem Buch „Fünfzehn sein“ (München 2016) die Lebenswelt heutiger Jugendlicher.

Im Kapitel „Eltern verboten. Warum Instagram das neue Facebook ist“ schreibt sie:

In Amerika hat die Selfie-Kultur bereits heute messbare Folgen: Sie beschert dem Markt der ästhetischen Chirurgie beachtliche Zuwachsraten. Zu diesem Ergebnis kamen Wissenschaftler der American Academy of Facial Plastic and Reconstructive Surgery (AAFPRS). Ein Drittel der befragten Ärzte gab an, dass vermehrt Patienten Eingriffe vornehmen ließen, um ihre Attraktivität in den sozialen Medien zu erhöhen – Botox, Nasenkorrekturen, Unterspritzungen mit Hyaluronsäure, um die Wangen oder Lippen aufzupolstern. Besonders Frauen unter dreißig. Soziale Plattformen wie Instagram, Snapchat und die i-Phone-App Selfie.im, die ausschließlich auf Bildern basierten, zwängen die Patienten dazu, sich selbst wie unter einem Mikroskop zu betrachten, kritischer als jemals zuvor. Dieser Meinung ist auch die Psychologin Ada Borkenhagen, zu deren Forschungsschwerpunkt der moderne Körper und dessen Modifikationsmöglichkeiten zählen. „Minimalinvasive Eingriffe wie Botox oder Hyaluronsäure werden in Zukunft so normal werden wie die Zahnprophylaxe“, sagt sie. Der Körper sei sehr viel wichtiger geworden, ebenso wie seine sich im Internet zuspitzende Vermarktung. „Das setzt Jugendliche unter Druck.“ Immer und überall gelte es, gut auszusehen.

Melanie Mühl: Fünfzehn sein, München 2016, S. 35.

4

Entwerfen Sie ausgehend von Material 1 und 2 einen kurzen rhetorisch gestalteten Beitrag zur Eröffnung einer Podiumsdiskussion zum Thema „Die Bedeutung von Schönheit in der heutigen Zeit“, in der der Redner auch seine eigene Position zum Thema skizziert. (30 BE)

Aufgabe Vorschlag D – Aufgabe I · Übersetzung lateinischer Prosa (Cicero, Seneca)

Material 1

Vorbemerkung: In einem seiner Briefe an Lucilius beschäftigt sich Seneca mit der Frage, welche Rolle die Philosophie im Leben jedes Einzelnen spielen sollte.

Expergiscamur ergo, ut errores nostros coarguere possimus. Sola autem nos philosophia

2 excitabit, sola somnum excutiet gravem: illi te totum dedica! Dignus illa es, illa digna te est:

ite in complexum alter alterius! Omnibus aliis rebus te nega fortiter, aperte: non est, quod

4 precario philosopheris. Si aeger esses, curam intermisisses rei familiaris et forensia tibi

negotia excidissent nec quemquam tanti putares, cui advocatus in remissione descenderes.

6 Toto animo id ageres, ut quam primum morbo liberareris. Quid ergo? Non et nunc idem

facies? Omnia impedimenta dimitte et vaca bonae menti: nemo ad illam pervenit occupatus.

8 Exercet philosophia regnum suum, dat tempus, non accipit; non est res subsiciva, ordinaria

est; domina est, adest et iubet. […] Totam huc converte mentem, huic asside, hanc cole:

10 ingens intervallum inter te et ceteros fiet. Omnes mortales multo antecedes, non multo te dei

antecedent.

Übersetzungshilfen

Z. 1 · expergisci, expergiscor: aufwachen

coarguere, -arguo: aufdecken

Z. 2 · excutere, -cutio: vertreiben

se dedicare: sich widmen

dignus, -a, -um (+ Abl.): (jemandes) würdig

Z. 3 · ire in complexum alter alterius: sich gegenseitig umarmen

se negare: sich verweigern

non est, quod (+ Konj.): es gibt keinen Grund, dass

Z. 4 · precario: nur auf meine Bitte hin, mir zuliebe

cura rei familiaris: hier Sorge um das (private) Vermögen

forensis, -e: auf dem Forum stattfindend

Z. 5 · excido, -cidere, -cidi: ausfallen

tanti putare (+ Akk.): (jemanden) für so bedeutsam halten

cui = ut ei

advocatus: Übersetzen Sie als Substantiv.

in remissione: hier sobald die Krankheit nachlässt

descenderes = descenderes in forum

Z. 6 · id agere, ut: darauf hinarbeiten, dass; sich bemühen, dass

quam primum: möglichst bald

et = etiam

Z. 7 · vacare, vaco (+ Dat.): sich Zeit nehmen (für etw.), sich (einer Sache) widmen

ad illam = ad illam bonam mentem

occupatus, -a, -um: beschäftigt

Z. 8 · subsicivus, -a, -um: nebensächlich

ordinarius, -a, -um: vorzüglich, hauptsächlich

Z. 9 · assidere, -sideo: sich widmen

Z. 10 · intervallum: Zwischenraum, Abstand, Entfernung

fieri, fio: entstehen

multo antecedere, -cedo (+ Akk.): (jemanden) weit übertreffen, (jemandem) weit überlegen sein

Arbeitsübersetzung

Lasst uns also aufwachen, damit wir unsere Fehler aufdecken können. Allein aber die Philosophie wird uns aufwecken, sie allein wird den tiefen Schlaf vertreiben: Widme dich ihr ganz! Du bist jener würdig, jene ist deiner würdig: Umarmt euch gegenseitig! Allen anderen Dingen verweigere dich mutig, offen: Es gibt keinen Grund, dass du nur mir zuliebe philosophierst. Wenn du krank wärest, hättest du die Sorge um dein Vermögen unterbrochen und die Geschäfte auf dem Forum wären für dich ausgefallen und niemanden würdest du für so bedeutsam halten, dass du als Anwalt für ihn auf das Forum gehen würdest, sobald die Krankheit nachlässt. Mit deinem ganzen Herzen würdest du dich darum bemühen, möglichst bald von der Krankheit befreit zu werden. Was also? Wirst du nicht auch jetzt das Gleiche tun? Schüttle alle Hindernisse ab und nimm dir Zeit für die richtige innere Einstellung: Niemand kommt zu ihr, wenn er (mit anderen Dingen) beschäftigt ist. Die Philosophie übt ihre Herrschaft aus, sie schenkt Zeit, sie nimmt sie nicht weg; sie ist nicht nebensächlich, sie ist die Hauptsache; sie ist die Herrin, sie ist da und befiehlt. […] Wende dich ihr ganz zu, widme dich ihr, pflege sie: Ein gewaltiger Abstand zwischen dir und den übrigen wird entstehen. Du wirst allen Sterblichen weit überlegen sein, die Götter werden dir nicht viel überlegener sein.

I Übersetzung

Übersetzen Sie den Text (Material 1) in angemessenes Deutsch.

Aufgabe Vorschlag D – Aufgabe II.1 · Inhalt und Gedankengang mit lateinischen Textbelegen

Material 1

Vorbemerkung: In einem seiner Briefe an Lucilius beschäftigt sich Seneca mit der Frage, welche Rolle die Philosophie im Leben jedes Einzelnen spielen sollte.

Expergiscamur ergo, ut errores nostros coarguere possimus. Sola autem nos philosophia

2 excitabit, sola somnum excutiet gravem: illi te totum dedica! Dignus illa es, illa digna te est:

ite in complexum alter alterius! Omnibus aliis rebus te nega fortiter, aperte: non est, quod

4 precario philosopheris. Si aeger esses, curam intermisisses rei familiaris et forensia tibi

negotia excidissent nec quemquam tanti putares, cui advocatus in remissione descenderes.

6 Toto animo id ageres, ut quam primum morbo liberareris. Quid ergo? Non et nunc idem

facies? Omnia impedimenta dimitte et vaca bonae menti: nemo ad illam pervenit occupatus.

8 Exercet philosophia regnum suum, dat tempus, non accipit; non est res subsiciva, ordinaria

est; domina est, adest et iubet. […] Totam huc converte mentem, huic asside, hanc cole:

10 ingens intervallum inter te et ceteros fiet. Omnes mortales multo antecedes, non multo te dei

antecedent.

Übersetzungshilfen

Z. 1 · expergisci, expergiscor: aufwachen

coarguere, -arguo: aufdecken

Z. 2 · excutere, -cutio: vertreiben

se dedicare: sich widmen

dignus, -a, -um (+ Abl.): (jemandes) würdig

Z. 3 · ire in complexum alter alterius: sich gegenseitig umarmen

se negare: sich verweigern

non est, quod (+ Konj.): es gibt keinen Grund, dass

Z. 4 · precario: nur auf meine Bitte hin, mir zuliebe

cura rei familiaris: hier Sorge um das (private) Vermögen

forensis, -e: auf dem Forum stattfindend

Z. 5 · excido, -cidere, -cidi: ausfallen

tanti putare (+ Akk.): (jemanden) für so bedeutsam halten

cui = ut ei

advocatus: Übersetzen Sie als Substantiv.

in remissione: hier sobald die Krankheit nachlässt

descenderes = descenderes in forum

Z. 6 · id agere, ut: darauf hinarbeiten, dass; sich bemühen, dass

quam primum: möglichst bald

et = etiam

Z. 7 · vacare, vaco (+ Dat.): sich Zeit nehmen (für etw.), sich (einer Sache) widmen

ad illam = ad illam bonam mentem

occupatus, -a, -um: beschäftigt

Z. 8 · subsicivus, -a, -um: nebensächlich

ordinarius, -a, -um: vorzüglich, hauptsächlich

Z. 9 · assidere, -sideo: sich widmen

Z. 10 · intervallum: Zwischenraum, Abstand, Entfernung

fieri, fio: entstehen

multo antecedere, -cedo (+ Akk.): (jemanden) weit übertreffen, (jemandem) weit überlegen sein

Arbeitsübersetzung

Lasst uns also aufwachen, damit wir unsere Fehler aufdecken können. Allein aber die Philosophie wird uns aufwecken, sie allein wird den tiefen Schlaf vertreiben: Widme dich ihr ganz! Du bist jener würdig, jene ist deiner würdig: Umarmt euch gegenseitig! Allen anderen Dingen verweigere dich mutig, offen: Es gibt keinen Grund, dass du nur mir zuliebe philosophierst. Wenn du krank wärest, hättest du die Sorge um dein Vermögen unterbrochen und die Geschäfte auf dem Forum wären für dich ausgefallen und niemanden würdest du für so bedeutsam halten, dass du als Anwalt für ihn auf das Forum gehen würdest, sobald die Krankheit nachlässt. Mit deinem ganzen Herzen würdest du dich darum bemühen, möglichst bald von der Krankheit befreit zu werden. Was also? Wirst du nicht auch jetzt das Gleiche tun? Schüttle alle Hindernisse ab und nimm dir Zeit für die richtige innere Einstellung: Niemand kommt zu ihr, wenn er (mit anderen Dingen) beschäftigt ist. Die Philosophie übt ihre Herrschaft aus, sie schenkt Zeit, sie nimmt sie nicht weg; sie ist nicht nebensächlich, sie ist die Hauptsache; sie ist die Herrin, sie ist da und befiehlt. […] Wende dich ihr ganz zu, widme dich ihr, pflege sie: Ein gewaltiger Abstand zwischen dir und den übrigen wird entstehen. Du wirst allen Sterblichen weit überlegen sein, die Götter werden dir nicht viel überlegener sein.

II Interpretation

1

Fassen Sie die Kernaussagen Senecas zur Bedeutung der Philosophie für das Leben jedes Einzelnen unter Einbeziehung lateinischer Textbelege zusammen. (Material 1)

(25 BE)

Aufgabe Vorschlag D – Aufgabe II.2 · Sprachlich-stilistische Analyse

Material 1

Vorbemerkung: In einem seiner Briefe an Lucilius beschäftigt sich Seneca mit der Frage, welche Rolle die Philosophie im Leben jedes Einzelnen spielen sollte.

Expergiscamur ergo, ut errores nostros coarguere possimus. Sola autem nos philosophia

2 excitabit, sola somnum excutiet gravem: illi te totum dedica! Dignus illa es, illa digna te est:

ite in complexum alter alterius! Omnibus aliis rebus te nega fortiter, aperte: non est, quod

4 precario philosopheris. Si aeger esses, curam intermisisses rei familiaris et forensia tibi

negotia excidissent nec quemquam tanti putares, cui advocatus in remissione descenderes.

6 Toto animo id ageres, ut quam primum morbo liberareris. Quid ergo? Non et nunc idem

facies? Omnia impedimenta dimitte et vaca bonae menti: nemo ad illam pervenit occupatus.

8 Exercet philosophia regnum suum, dat tempus, non accipit; non est res subsiciva, ordinaria

est; domina est, adest et iubet. […] Totam huc converte mentem, huic asside, hanc cole:

10 ingens intervallum inter te et ceteros fiet. Omnes mortales multo antecedes, non multo te dei

antecedent.

Übersetzungshilfen

Z. 1 · expergisci, expergiscor: aufwachen

coarguere, -arguo: aufdecken

Z. 2 · excutere, -cutio: vertreiben

se dedicare: sich widmen

dignus, -a, -um (+ Abl.): (jemandes) würdig

Z. 3 · ire in complexum alter alterius: sich gegenseitig umarmen

se negare: sich verweigern

non est, quod (+ Konj.): es gibt keinen Grund, dass

Z. 4 · precario: nur auf meine Bitte hin, mir zuliebe

cura rei familiaris: hier Sorge um das (private) Vermögen

forensis, -e: auf dem Forum stattfindend

Z. 5 · excido, -cidere, -cidi: ausfallen

tanti putare (+ Akk.): (jemanden) für so bedeutsam halten

cui = ut ei

advocatus: Übersetzen Sie als Substantiv.

in remissione: hier sobald die Krankheit nachlässt

descenderes = descenderes in forum

Z. 6 · id agere, ut: darauf hinarbeiten, dass; sich bemühen, dass

quam primum: möglichst bald

et = etiam

Z. 7 · vacare, vaco (+ Dat.): sich Zeit nehmen (für etw.), sich (einer Sache) widmen

ad illam = ad illam bonam mentem

occupatus, -a, -um: beschäftigt

Z. 8 · subsicivus, -a, -um: nebensächlich

ordinarius, -a, -um: vorzüglich, hauptsächlich

Z. 9 · assidere, -sideo: sich widmen

Z. 10 · intervallum: Zwischenraum, Abstand, Entfernung

fieri, fio: entstehen

multo antecedere, -cedo (+ Akk.): (jemanden) weit übertreffen, (jemandem) weit überlegen sein

Arbeitsübersetzung

Lasst uns also aufwachen, damit wir unsere Fehler aufdecken können. Allein aber die Philosophie wird uns aufwecken, sie allein wird den tiefen Schlaf vertreiben: Widme dich ihr ganz! Du bist jener würdig, jene ist deiner würdig: Umarmt euch gegenseitig! Allen anderen Dingen verweigere dich mutig, offen: Es gibt keinen Grund, dass du nur mir zuliebe philosophierst. Wenn du krank wärest, hättest du die Sorge um dein Vermögen unterbrochen und die Geschäfte auf dem Forum wären für dich ausgefallen und niemanden würdest du für so bedeutsam halten, dass du als Anwalt für ihn auf das Forum gehen würdest, sobald die Krankheit nachlässt. Mit deinem ganzen Herzen würdest du dich darum bemühen, möglichst bald von der Krankheit befreit zu werden. Was also? Wirst du nicht auch jetzt das Gleiche tun? Schüttle alle Hindernisse ab und nimm dir Zeit für die richtige innere Einstellung: Niemand kommt zu ihr, wenn er (mit anderen Dingen) beschäftigt ist. Die Philosophie übt ihre Herrschaft aus, sie schenkt Zeit, sie nimmt sie nicht weg; sie ist nicht nebensächlich, sie ist die Hauptsache; sie ist die Herrin, sie ist da und befiehlt. […] Wende dich ihr ganz zu, widme dich ihr, pflege sie: Ein gewaltiger Abstand zwischen dir und den übrigen wird entstehen. Du wirst allen Sterblichen weit überlegen sein, die Götter werden dir nicht viel überlegener sein.

II Interpretation

2

Analysieren Sie die sprachlich-stilistische Gestaltung des vorliegenden Textes vom Beginn bis zu non est, quod precario philosopheris. (Material 1)

(25 BE)

Aufgabe Vorschlag D – Aufgabe II.3.1 · Individuum und Gemeinschaft: Staatsmann, Politik und Prinzipat

Material 1

Vorbemerkung: In einem seiner Briefe an Lucilius beschäftigt sich Seneca mit der Frage, welche Rolle die Philosophie im Leben jedes Einzelnen spielen sollte.

Expergiscamur ergo, ut errores nostros coarguere possimus. Sola autem nos philosophia

2 excitabit, sola somnum excutiet gravem: illi te totum dedica! Dignus illa es, illa digna te est:

ite in complexum alter alterius! Omnibus aliis rebus te nega fortiter, aperte: non est, quod

4 precario philosopheris. Si aeger esses, curam intermisisses rei familiaris et forensia tibi

negotia excidissent nec quemquam tanti putares, cui advocatus in remissione descenderes.

6 Toto animo id ageres, ut quam primum morbo liberareris. Quid ergo? Non et nunc idem

facies? Omnia impedimenta dimitte et vaca bonae menti: nemo ad illam pervenit occupatus.

8 Exercet philosophia regnum suum, dat tempus, non accipit; non est res subsiciva, ordinaria

est; domina est, adest et iubet. […] Totam huc converte mentem, huic asside, hanc cole:

10 ingens intervallum inter te et ceteros fiet. Omnes mortales multo antecedes, non multo te dei

antecedent.

Übersetzungshilfen

Z. 1 · expergisci, expergiscor: aufwachen

coarguere, -arguo: aufdecken

Z. 2 · excutere, -cutio: vertreiben

se dedicare: sich widmen

dignus, -a, -um (+ Abl.): (jemandes) würdig

Z. 3 · ire in complexum alter alterius: sich gegenseitig umarmen

se negare: sich verweigern

non est, quod (+ Konj.): es gibt keinen Grund, dass

Z. 4 · precario: nur auf meine Bitte hin, mir zuliebe

cura rei familiaris: hier Sorge um das (private) Vermögen

forensis, -e: auf dem Forum stattfindend

Z. 5 · excido, -cidere, -cidi: ausfallen

tanti putare (+ Akk.): (jemanden) für so bedeutsam halten

cui = ut ei

advocatus: Übersetzen Sie als Substantiv.

in remissione: hier sobald die Krankheit nachlässt

descenderes = descenderes in forum

Z. 6 · id agere, ut: darauf hinarbeiten, dass; sich bemühen, dass

quam primum: möglichst bald

et = etiam

Z. 7 · vacare, vaco (+ Dat.): sich Zeit nehmen (für etw.), sich (einer Sache) widmen

ad illam = ad illam bonam mentem

occupatus, -a, -um: beschäftigt

Z. 8 · subsicivus, -a, -um: nebensächlich

ordinarius, -a, -um: vorzüglich, hauptsächlich

Z. 9 · assidere, -sideo: sich widmen

Z. 10 · intervallum: Zwischenraum, Abstand, Entfernung

fieri, fio: entstehen

multo antecedere, -cedo (+ Akk.): (jemanden) weit übertreffen, (jemandem) weit überlegen sein

Arbeitsübersetzung

Lasst uns also aufwachen, damit wir unsere Fehler aufdecken können. Allein aber die Philosophie wird uns aufwecken, sie allein wird den tiefen Schlaf vertreiben: Widme dich ihr ganz! Du bist jener würdig, jene ist deiner würdig: Umarmt euch gegenseitig! Allen anderen Dingen verweigere dich mutig, offen: Es gibt keinen Grund, dass du nur mir zuliebe philosophierst. Wenn du krank wärest, hättest du die Sorge um dein Vermögen unterbrochen und die Geschäfte auf dem Forum wären für dich ausgefallen und niemanden würdest du für so bedeutsam halten, dass du als Anwalt für ihn auf das Forum gehen würdest, sobald die Krankheit nachlässt. Mit deinem ganzen Herzen würdest du dich darum bemühen, möglichst bald von der Krankheit befreit zu werden. Was also? Wirst du nicht auch jetzt das Gleiche tun? Schüttle alle Hindernisse ab und nimm dir Zeit für die richtige innere Einstellung: Niemand kommt zu ihr, wenn er (mit anderen Dingen) beschäftigt ist. Die Philosophie übt ihre Herrschaft aus, sie schenkt Zeit, sie nimmt sie nicht weg; sie ist nicht nebensächlich, sie ist die Hauptsache; sie ist die Herrin, sie ist da und befiehlt. […] Wende dich ihr ganz zu, widme dich ihr, pflege sie: Ein gewaltiger Abstand zwischen dir und den übrigen wird entstehen. Du wirst allen Sterblichen weit überlegen sein, die Götter werden dir nicht viel überlegener sein.

Material 2

Vorbemerkung: In seiner Schrift De re publica äußert sich Cicero folgendermaßen zu den Aufgaben eines guten Staatsbürgers:

Equidem [...] puto, sic eos, qui his urbibus consilio atque auctoritate praesunt, iis, qui omnis negotii publici expertes sint, longe duco sapientia ipsa esse anteponendos. Et quoniam maxime rapimur ad opes augendas generis humani studemusque nostris consiliis et laboribus tutiorem et opulentiorem vitam hominum reddere et ad hanc voluptatem ipsius naturae stimulis incitamur, teneamus eum cursum qui semper fuit optimi cuiusque, [...]

Cicero: De re publica I, 2, in: K. Ziegler, M. Tulli Ciceronis scripta quae manserunt omnia, fasc. 39. Leipzig 1969.

Für meine Person bin ich der Meinung: [...] so verdienen Männer, die mit Klugheit und Ansehen diese Städte regieren, weitaus den Vorrang – sogar in der Weisheit – vor jenen Leuten, denen jede politische Tätigkeit fremd ist. Und da wir uns nun mit aller Gewalt dazu hingezogen fühlen, die Güter des Menschengeschlechts zu mehren und selbst mit Rat und Tat bemüht sind, das Leben der Menschen sicherer und reichhaltiger zu gestalten – eine innere Befriedigung, zu der uns die Natur selbst unwiderstehlich antreibt – so lasst uns diesen Weg weiter verfolgen, den alle Guten stets eingeschlagen haben, [...].

Michael von Albrecht (Hg.): Marcus Tullius Cicero: De re publica. Vom Staat. Lateinisch/deutsch. Stuttgart 2013, S. 13.

3.1

Vergleichen Sie die Positionen Senecas (Material 1) und Ciceros (Material 2) hinsichtlich der Frage nach dem richtigen Lebensziel. [30 BE]

Aufgabe Vorschlag D – Aufgabe II.3.2 · Aktualisierung und Rezeption: antike Positionen heute

Material 2

Vorbemerkung

In seiner Schrift De re publica äußert sich Cicero folgendermaßen zu den Aufgaben eines guten Staatsbürgers:

Equidem [...] puto, sic eos, qui his urbibus consilio atque auctoritate praesunt, iis, qui omnis negotii

2 publici expertes sint, longe duco sapientia ipsa esse anteponendos. Et quoniam maxime rapimur ad

opes augendas generis humani studemusque nostris consiliis et laboribus tutiorem et opulentiorem

4 vitam hominum reddere et ad hanc voluptatem ipsius naturae stimulis incitamur, teneamus eum

cursum qui semper fuit optimi cuiusque, [...]

Cicero: De re publica I, 2, in: K. Ziegler, M. Tulli Ciceronis scripta quae manserunt omnia, fasc. 39. Leipzig 1969.

Für meine Person bin ich der Meinung: [...] so verdienen Männer, die mit Klugheit und Ansehen diese

2 Städte regieren, weitaus den Vorrang – sogar in der Weisheit – vor jenen Leuten, denen jede politische

Tätigkeit fremd ist. Und da wir uns nun mit aller Gewalt dazu hingezogen fühlen, die Güter des

4 Menschengeschlechts zu mehren und selbst mit Rat und Tat bemüht sind, das Leben der Menschen

sicherer und reichhaltiger zu gestalten – eine innere Befriedigung, zu der uns die Natur selbst

6 unwiderstehlich antreibt – so lasst uns diesen Weg weiter verfolgen, den alle Guten stets

eingeschlagen haben, [...].

Michael von Albrecht (Hg.): Marcus Tullius Cicero: De re publica. Vom Staat. Lateinisch/deutsch. Stuttgart 2013, S. 13.

3.2

Beurteilen Sie, inwiefern die hohe Wertschätzung, die Cicero Politikern entgegenbringt (Material 2), aus heutiger demokratischer Sicht angemessen ist.

(20 BE)

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