Aufgabe Vorschlag D – Aufgabe II.2 · Abitur Hessen Latein GK 2021
Thema: Sprachlich-stilistische Analyse · Aus der Prüfung GK (2021)
Aufgabenstellung
Material 1
Vorbemerkung: In einem seiner Briefe an Lucilius beschäftigt sich Seneca mit der Frage, welche Rolle die Philosophie im Leben jedes Einzelnen spielen sollte.
Expergiscamur ergo, ut errores nostros coarguere possimus. Sola autem nos philosophia
2 excitabit, sola somnum excutiet gravem: illi te totum dedica! Dignus illa es, illa digna te est:
ite in complexum alter alterius! Omnibus aliis rebus te nega fortiter, aperte: non est, quod
4 precario philosopheris. Si aeger esses, curam intermisisses rei familiaris et forensia tibi
negotia excidissent nec quemquam tanti putares, cui advocatus in remissione descenderes.
6 Toto animo id ageres, ut quam primum morbo liberareris. Quid ergo? Non et nunc idem
facies? Omnia impedimenta dimitte et vaca bonae menti: nemo ad illam pervenit occupatus.
8 Exercet philosophia regnum suum, dat tempus, non accipit; non est res subsiciva, ordinaria
est; domina est, adest et iubet. […] Totam huc converte mentem, huic asside, hanc cole:
10 ingens intervallum inter te et ceteros fiet. Omnes mortales multo antecedes, non multo te dei
antecedent.
Übersetzungshilfen
Z. 1 · expergisci, expergiscor: aufwachen
coarguere, -arguo: aufdecken
Z. 2 · excutere, -cutio: vertreiben
se dedicare: sich widmen
dignus, -a, -um (+ Abl.): (jemandes) würdig
Z. 3 · ire in complexum alter alterius: sich gegenseitig umarmen
se negare: sich verweigern
non est, quod (+ Konj.): es gibt keinen Grund, dass
Z. 4 · precario: nur auf meine Bitte hin, mir zuliebe
cura rei familiaris: hier Sorge um das (private) Vermögen
forensis, -e: auf dem Forum stattfindend
Z. 5 · excido, -cidere, -cidi: ausfallen
tanti putare (+ Akk.): (jemanden) für so bedeutsam halten
cui = ut ei
advocatus: Übersetzen Sie als Substantiv.
in remissione: hier sobald die Krankheit nachlässt
descenderes = descenderes in forum
Z. 6 · id agere, ut: darauf hinarbeiten, dass; sich bemühen, dass
quam primum: möglichst bald
et = etiam
Z. 7 · vacare, vaco (+ Dat.): sich Zeit nehmen (für etw.), sich (einer Sache) widmen
ad illam = ad illam bonam mentem
occupatus, -a, -um: beschäftigt
Z. 8 · subsicivus, -a, -um: nebensächlich
ordinarius, -a, -um: vorzüglich, hauptsächlich
Z. 9 · assidere, -sideo: sich widmen
Z. 10 · intervallum: Zwischenraum, Abstand, Entfernung
fieri, fio: entstehen
multo antecedere, -cedo (+ Akk.): (jemanden) weit übertreffen, (jemandem) weit überlegen sein
Arbeitsübersetzung
Lasst uns also aufwachen, damit wir unsere Fehler aufdecken können. Allein aber die Philosophie wird uns aufwecken, sie allein wird den tiefen Schlaf vertreiben: Widme dich ihr ganz! Du bist jener würdig, jene ist deiner würdig: Umarmt euch gegenseitig! Allen anderen Dingen verweigere dich mutig, offen: Es gibt keinen Grund, dass du nur mir zuliebe philosophierst. Wenn du krank wärest, hättest du die Sorge um dein Vermögen unterbrochen und die Geschäfte auf dem Forum wären für dich ausgefallen und niemanden würdest du für so bedeutsam halten, dass du als Anwalt für ihn auf das Forum gehen würdest, sobald die Krankheit nachlässt. Mit deinem ganzen Herzen würdest du dich darum bemühen, möglichst bald von der Krankheit befreit zu werden. Was also? Wirst du nicht auch jetzt das Gleiche tun? Schüttle alle Hindernisse ab und nimm dir Zeit für die richtige innere Einstellung: Niemand kommt zu ihr, wenn er (mit anderen Dingen) beschäftigt ist. Die Philosophie übt ihre Herrschaft aus, sie schenkt Zeit, sie nimmt sie nicht weg; sie ist nicht nebensächlich, sie ist die Hauptsache; sie ist die Herrin, sie ist da und befiehlt. […] Wende dich ihr ganz zu, widme dich ihr, pflege sie: Ein gewaltiger Abstand zwischen dir und den übrigen wird entstehen. Du wirst allen Sterblichen weit überlegen sein, die Götter werden dir nicht viel überlegener sein.
II Interpretation
2
Analysieren Sie die sprachlich-stilistische Gestaltung des vorliegenden Textes vom Beginn bis zu non est, quod precario philosopheris. (Material 1)
(25 BE)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
2 Analysieren Sie die sprachlich-stilistische Gestaltung des vorliegenden Textes vom Beginn bis zu non est, quod precario philosopheris. (Material 1)
Lösung: Der vorliegende Textausschnitt zeigt einen stark paränetischen Stil, mit dem Seneca die Notwendigkeit der Beschäftigung mit der Philosophie unterstreicht. So beginnt die Passage mit einem Hortativ (Expergiscamur), der durch mehrere Imperative (dedica!/ite!/te nega!) aufgenommen und fortgeführt wird. Mithilfe der Metapher vom tiefen Schlaf (Expergiscamur/somnum excutiet gravem), in dem sich derjenige befindet, der sich nicht mit der Philosophie beschäftigt, verdeutlicht Seneca den Zustand, aus dem die Philosophie die Menschen führen wird. Das Hyperbaton (Sola autem nos philosophia) unterstreicht einerseits die im Folgenden ausgeführte Idee der Umarmung, andererseits auch die Vorrangstellung der Philosophie vor allen anderen Dingen. Dazu dient ebenfalls die Anapher (sola [...] sola) kombiniert mit einem Asyndeton und einer Ellipse. Die enge Verbundenheit beider Partner, der Philosophie und des Philosophierenden, betont ein Chiasmus in Kombination mit einem Polyptoton (dignus illa es, illa digna te est), das durch ein weiteres Polyptoton (alter alterius) fortgeführt wird.
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