Aufgabe Vorschlag C – Aufgabe II.2 · Abitur Hessen Latein GK 2021

Thema: Stoische Philosophie (Seneca): Güterlehre, Affekte, Zeit und Tod · Aus der Prüfung GK (2021)

Aufgabenstellung

Material 1

Vorbemerkung

Der Philosoph Seneca berichtet seinem Briefpartner Lucilius, dass er nach langer Zeit einen alten Schulfreund namens Claranus wiedergesehen hat:

1 Claranum, condiscipulum meum, vidi post multos annos: non [...] senem, sed

2 – mehercules! – viridem animo ac vigentem et cum corpusculo suo conluctantem. Inique enim

3 se natura gessit et talem animum male collocavit. Aut fortasse voluit hoc ipsum nobis

4 ostendere: posse ingenium fortissimum ac beatissimum sub qualibet cute latere. Vincit tamen

5 omnia impedimenta et a contemptu sui ad cetera contemnenda venit. Errare mihi visus est, qui

6 dixit: „Gratior et pulchro veniens e corpore virtus.“

7 Non enim ullo honestamento eget: ipsa magnum sui decus est et corpus suum consecrat.

8 Aliter certe Claranum nostrum coepi intueri: formosus mihi videtur et tam rectus corpore

9 quam est animo.

10 Potest ex casa vir magnus exire, potest et ex deformi humilique corpusculo formosus animus

11 ac magnus. [...] Claranus mihi videtur in exemplar editus, ut scire possemus non deformitate

12 corporis foedari animum, sed pulchritudine animi corpus ornari.

Übersetzungshilfen

Z. 1 · Claranus: Eigenname

Z. 2 · mehercules: beim Hercules! (Interjektion zur Bekräftigung)

viridis, -e: hier frisch, rüstig

et = etsi

corpusculum, -i, n.: gebrechlicher Körper

conluctari: sich abmühen, kämpfen

inique: von iniquus, -a, -um

se gerere, gero, gessi: sich benehmen, sich verhalten

Z. 3 · male collocare: hier schlecht unterbringen

aut: hier oder aber

Z. 4f. · posse ingenium [...] latere: Übersetzen Sie als AcI abh. von ostendere.

Z. 4 · quilibet, quaelibet, quodlibet: jede/r/s beliebige

cutis, -is, f.: Haut, Hülle

vincit: Ergänzen Sie als Subjekt ingenium.

Z. 5 · sui: hier seiner selbst

cetera: hier die außerhalb seiner selbst liegenden Dinge

videri, videor, visus sum: scheinen

qui = is, qui

Z. 6 · Ordnen Sie: Et gratior (est) virtus veniens e corpore pulchro.

et = etiam

Z. 7 · Das Subjekt des Satzes ist virtus.

egere (+ Abl.): (etwas) brauchen, (etwas) nötig haben

sui: ihrer selbst, für sich ( auf virtus bezogen)

decus, decoris, n.: Schmuck

consecrare: heiligen, ehrenwert machen

Z. 8f. · tam [...] quam: so [...] wie

Z. 8 · rectus, -a, -um: aufrecht

Ergänzen Sie videtur hinter rectus.

Z. 10 · et = etiam

deformis, -e: entstellt, unschön

humilis, -e: unansehnlich

corpusculum, -i, n.: gebrechlicher Körper

formosus animus ac magnus: Ergänzen Sie exire.

Z. 11 · in exemplar editus (esse): als Beispiel gegeben, geschaffen (zu sein)

deformitas, deformitatis, f.: Hässlichkeit

Z. 12 · foedare: verunstalten, entstellen

Arbeitsübersetzung

Meinen Mitschüler Claranus habe ich nach vielen Jahren wiedergesehen: nicht [...] als alten Mann, sondern – beim Hercules – jung und frisch im Geiste, auch wenn er sich mit seinem gebrechlichen Körper abmühte. Die Natur hat sich nämlich ungerecht verhalten und einen solchen Geist schlecht untergebracht: Aber vielleicht hat sie uns gerade das zeigen wollen, dass ein sehr tapferer und glücklicher Charakter unter jeder beliebigen Haut verborgen sein kann. Er überwindet dennoch alle Hindernisse und kommt von der Geringschätzung seiner selbst zur Geringschätzung des Übrigen. Zu irren scheint mir der, der gesagt hat: „Auch ist die Tugend liebenswerter, wenn sie uns aus einem schönen Körper entgegentritt.“

Sie hat nämlich keinerlei Schmuck nötig: Sie ist selbst ein großer Schmuck für sich und heiligt ihren Körper (d.h. den, in dem sie wohnt). Ich fing jedenfalls an, meinen Freund Claranus anders zu sehen: Wohlgestaltet scheint er mir und so aufrecht im Körper wie im Geist.

Es kann aus einer Hütte ein bedeutender Mann kommen, es kann auch aus einem entstellten und unansehnlichen gebrechlichen Körper ein wohlgestalteter und großer Charakter hervorgehen. [...] Claranus scheint mir als Musterbeispiel geschaffen zu sein, damit wir erkennen können, dass durch die Entstellung des Körpers nicht die Seele verunstaltet wird, sondern durch die Schönheit der Seele der Körper geschmückt wird.

II Interpretation

2

Stellen Sie dar, inwieweit Grundvorstellungen der stoischen Philosophie in Senecas Text Eingang gefunden haben. (Material 1) (25 BE)

Aufgabenstellung: Aufgabe Vorschlag C – Aufgabe II.2 · Abitur Hessen Latein GK 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

2 Stellen Sie dar, inwieweit Grundvorstellungen der stoischen Philosophie in Senecas Text Eingang gefunden haben. (Material 1) (25 BE)

Lösung: Die Grundforderung der stoischen Ethik ist die Freiheit von Begierden, Äußerlichkeiten und allen Eindrücken, die das vernünftige Verhalten beeinflussen können. Das oberste Prinzip ist dabei die *ratio*, die als göttlicher Funke die ganze Welt durchwirkt. Wenn der Mensch sich an die Leitlinien der *ratio* und der *virtus* hält (*secundum naturam vivere*), kann er die *vita beata* erreichen. Im vorliegenden Text (Material 1) scheint Seneca zunächst die *natura* zu kritisieren, weil sie den Geist seines Schulfreundes Claranus in einen altersschwachen Körper (*corpusculum*) gesteckt habe. Aber diesen Gedanken wendet Seneca stoisch um, indem er betont, die Anlage zur *vita beata* könne in jedem Körper vorhanden sein (*ingenium fortissimum ac beatissimum*). Zudem sei ein alter Körper besser vor Affekten geschützt (*vincit omnia impedimenta*). Auf dieser Grundlage kann er die *virtus* und die Schönheit getrennt betrachten: Ein Mensch, der *virtus* ausstrahlt, verkörpert die wahre Schönheit (*formosus mihi videtur*) unabhängig vom Äußeren.

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