Aufgabe Vorschlag C – Aufgabe II.4 · Abitur Hessen Latein GK 2021

Thema: Aktualisierung und Rezeption: antike Positionen heute · Aus der Prüfung GK (2021)

Aufgabenstellung

Material 1

Vorbemerkung

Der Philosoph Seneca berichtet seinem Briefpartner Lucilius, dass er nach langer Zeit einen alten Schulfreund namens Claranus wiedergesehen hat:

1 Claranum, condiscipulum meum, vidi post multos annos: non [...] senem, sed

2 – mehercules! – viridem animo ac vigentem et cum corpusculo suo conluctantem. Inique enim

3 se natura gessit et talem animum male collocavit. Aut fortasse voluit hoc ipsum nobis

4 ostendere: posse ingenium fortissimum ac beatissimum sub qualibet cute latere. Vincit tamen

5 omnia impedimenta et a contemptu sui ad cetera contemnenda venit. Errare mihi visus est, qui

6 dixit: „Gratior et pulchro veniens e corpore virtus.“

7 Non enim ullo honestamento eget: ipsa magnum sui decus est et corpus suum consecrat.

8 Aliter certe Claranum nostrum coepi intueri: formosus mihi videtur et tam rectus corpore

9 quam est animo.

10 Potest ex casa vir magnus exire, potest et ex deformi humilique corpusculo formosus animus

11 ac magnus. [...] Claranus mihi videtur in exemplar editus, ut scire possemus non deformitate

12 corporis foedari animum, sed pulchritudine animi corpus ornari.

Übersetzungshilfen

Z. 1 · Claranus: Eigenname

Z. 2 · mehercules: beim Hercules! (Interjektion zur Bekräftigung)

viridis, -e: hier frisch, rüstig

et = etsi

corpusculum, -i, n.: gebrechlicher Körper

conluctari: sich abmühen, kämpfen

inique: von iniquus, -a, -um

se gerere, gero, gessi: sich benehmen, sich verhalten

Z. 3 · male collocare: hier schlecht unterbringen

aut: hier oder aber

Z. 4f. · posse ingenium [...] latere: Übersetzen Sie als AcI abh. von ostendere.

Z. 4 · quilibet, quaelibet, quodlibet: jede/r/s beliebige

cutis, -is, f.: Haut, Hülle

vincit: Ergänzen Sie als Subjekt ingenium.

Z. 5 · sui: hier seiner selbst

cetera: hier die außerhalb seiner selbst liegenden Dinge

videri, videor, visus sum: scheinen

qui = is, qui

Z. 6 · Ordnen Sie: Et gratior (est) virtus veniens e corpore pulchro.

et = etiam

Z. 7 · Das Subjekt des Satzes ist virtus.

egere (+ Abl.): (etwas) brauchen, (etwas) nötig haben

sui: ihrer selbst, für sich ( auf virtus bezogen)

decus, decoris, n.: Schmuck

consecrare: heiligen, ehrenwert machen

Z. 8f. · tam [...] quam: so [...] wie

Z. 8 · rectus, -a, -um: aufrecht

Ergänzen Sie videtur hinter rectus.

Z. 10 · et = etiam

deformis, -e: entstellt, unschön

humilis, -e: unansehnlich

corpusculum, -i, n.: gebrechlicher Körper

formosus animus ac magnus: Ergänzen Sie exire.

Z. 11 · in exemplar editus (esse): als Beispiel gegeben, geschaffen (zu sein)

deformitas, deformitatis, f.: Hässlichkeit

Z. 12 · foedare: verunstalten, entstellen

Arbeitsübersetzung

Meinen Mitschüler Claranus habe ich nach vielen Jahren wiedergesehen: nicht [...] als alten Mann, sondern – beim Hercules – jung und frisch im Geiste, auch wenn er sich mit seinem gebrechlichen Körper abmühte. Die Natur hat sich nämlich ungerecht verhalten und einen solchen Geist schlecht untergebracht: Aber vielleicht hat sie uns gerade das zeigen wollen, dass ein sehr tapferer und glücklicher Charakter unter jeder beliebigen Haut verborgen sein kann. Er überwindet dennoch alle Hindernisse und kommt von der Geringschätzung seiner selbst zur Geringschätzung des Übrigen. Zu irren scheint mir der, der gesagt hat: „Auch ist die Tugend liebenswerter, wenn sie uns aus einem schönen Körper entgegentritt.“

Sie hat nämlich keinerlei Schmuck nötig: Sie ist selbst ein großer Schmuck für sich und heiligt ihren Körper (d.h. den, in dem sie wohnt). Ich fing jedenfalls an, meinen Freund Claranus anders zu sehen: Wohlgestaltet scheint er mir und so aufrecht im Körper wie im Geist.

Es kann aus einer Hütte ein bedeutender Mann kommen, es kann auch aus einem entstellten und unansehnlichen gebrechlichen Körper ein wohlgestalteter und großer Charakter hervorgehen. [...] Claranus scheint mir als Musterbeispiel geschaffen zu sein, damit wir erkennen können, dass durch die Entstellung des Körpers nicht die Seele verunstaltet wird, sondern durch die Schönheit der Seele der Körper geschmückt wird.

Material 2

Vorbemerkung

Die Autorin Melanie Mühl schildert in dem Buch „Fünfzehn sein“ (München 2016) die Lebenswelt heutiger Jugendlicher.

Im Kapitel „Eltern verboten. Warum Instagram das neue Facebook ist“ schreibt sie:

In Amerika hat die Selfie-Kultur bereits heute messbare Folgen: Sie beschert dem Markt der ästhetischen Chirurgie beachtliche Zuwachsraten. Zu diesem Ergebnis kamen Wissenschaftler der American Academy of Facial Plastic and Reconstructive Surgery (AAFPRS). Ein Drittel der befragten Ärzte gab an, dass vermehrt Patienten Eingriffe vornehmen ließen, um ihre Attraktivität in den sozialen Medien zu erhöhen – Botox, Nasenkorrekturen, Unterspritzungen mit Hyaluronsäure, um die Wangen oder Lippen aufzupolstern. Besonders Frauen unter dreißig. Soziale Plattformen wie Instagram, Snapchat und die i-Phone-App Selfie.im, die ausschließlich auf Bildern basierten, zwängen die Patienten dazu, sich selbst wie unter einem Mikroskop zu betrachten, kritischer als jemals zuvor. Dieser Meinung ist auch die Psychologin Ada Borkenhagen, zu deren Forschungsschwerpunkt der moderne Körper und dessen Modifikationsmöglichkeiten zählen. „Minimalinvasive Eingriffe wie Botox oder Hyaluronsäure werden in Zukunft so normal werden wie die Zahnprophylaxe“, sagt sie. Der Körper sei sehr viel wichtiger geworden, ebenso wie seine sich im Internet zuspitzende Vermarktung. „Das setzt Jugendliche unter Druck.“ Immer und überall gelte es, gut auszusehen.

Melanie Mühl: Fünfzehn sein, München 2016, S. 35.

4

Entwerfen Sie ausgehend von Material 1 und 2 einen kurzen rhetorisch gestalteten Beitrag zur Eröffnung einer Podiumsdiskussion zum Thema „Die Bedeutung von Schönheit in der heutigen Zeit“, in der der Redner auch seine eigene Position zum Thema skizziert. (30 BE)

Aufgabenstellung: Aufgabe Vorschlag C – Aufgabe II.4 · Abitur Hessen Latein GK 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

Entwerfen Sie ausgehend von Material 1 und 2 einen kurzen rhetorisch gestalteten Beitrag zur Eröffnung einer Podiumsdiskussion zum Thema „Die Bedeutung von Schönheit in der heutigen Zeit“, in der der Redner auch seine eigene Position zum Thema skizziert.

Lösung: Individuelle Ausarbeitung eines Redebeitrags mit rhetorischer Gestaltung (z. B. Exordium, Captatio benevolentiae, Argumentatio) und Einbezug beider Materialien sowie klarer eigener Positionierung.

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