Abitur NRW Sozialwissenschaften 2023 · LK · Nachtermin · Wirtschaft
Abiturprüfung Sozialwissenschaften in Nordrhein-Westfalen 2023, LK · Nachtermin · Wirtschaft: 7 Aufgaben mit Lösungen. Mit automatischer Korrektur.
Themen der Prüfung: Wirtschaftspolitische Ziele, Konjunktur und Wohlstandsmessung · Wirtschaftspolitische Konzeptionen, Staatsverschuldung und Fiskalpolitik · Europäische Integration: Geschichte, Institutionen und Modelle · Globalisierung, internationaler Handel und Standort Deutschland
Aufgabe NT 1 - 1 · Globalisierung, internationaler Handel und Standort Deutschland
M 1
Gerald Hosp
Die Globalisierung ist tot, es lebe die Globalisierung!
[...]
Seit mehr als einem Jahr führt uns das Coronavirus [...] vor Augen, wie komplex und zer-
brechlich die wirtschaftliche Vernetzung geworden ist. So verwundert es nicht, dass in den
vergangenen Monaten der Abgesang auf die Globalisierung lauter geworden ist.
Dass der grenzüberschreitende Handel nicht in bester Verfassung ist, zeigte sich schon vor
5 der Pandemie: Bereits seit rund zehn Jahren stagniert der Anteil des Handels und auch der
Direktinvestitionen an der globalen Wirtschaftsleistung.
Und auch der politische Diskurs hat sich stark gewandelt: Mit Donald Trump war 2016 ein
amerikanischer Präsident ins Weiße Haus gezogen, der den Protektionismus und das Anzet-
teln von Handelskriegen als Tugend pries. Die Wahrnehmung der sozialen, politischen und
10 wirtschaftlichen Kosten der Globalisierung war aber schon vor Trump in den Vordergrund
getreten. Mit der Propagierung offener Grenzen ist vielerorts kein Staat mehr zu machen:
So ist Joe Biden in der Sache ähnlich protektionistisch wie sein Vorgänger Trump, wenn
auch die Methoden weniger brachial sein mögen.
Es gibt wohl derzeit keine Analyse der wirtschaftlichen Situation, die nicht mehr Resilienz
15 der Lieferketten fordern würde. Die kosteneffiziente Just-in-time-Fertigung, die auf lücken-
losen Nachschub von Rohstoffen und Zwischenprodukten angewiesen ist, soll wieder einem
„just in case“ weichen, der traditionellen Herstellungsweise mit Lagerhaltung. Lieferketten
sollen nach Hause geholt werden, selbst die Autarkie feiert hier und da als wirtschaftspoliti-
sches Ideal eine ideelle Wiederauferstehung. Der über ein Jahr andauernde Stresstest hat je-
20 doch eines gezeigt: Die globalisierte Weltwirtschaft hat sich besser geschlagen als erwartet.
Laut der Welthandelsorganisation (WTO) ist das Volumen des Güterhandels im vergangenen
Jahr um rund fünf Prozent zurückgegangen – angesichts einer globalen Krise mit ganzen
Staaten im monatelangen Lockdown ein geringes Minus. Die WTO schätzt, dass der Welt-
handel in diesem Jahr um acht Prozent wachsen könnte. Damit wäre wieder das Niveau von
25 vor der Pandemie erreicht.
Viele Lieferketten funktionierten nicht nur wie geölt, sie waren auch Teil der Lösung und nicht
des Problems. Die Supermärkte waren und sind gut bestückt, auch wenn einmal Toiletten-
papier und Hefe Mangelware waren. Die Tankstellen sind offen, und die online bestellten
Pakete kommen an. Selbst medizinische Schutzausrüstungen müssen nicht mehr von unter-
30 nehmerischen Trüffelhunden aufgespürt werden, das internationale Angebot hat zur Nach-
frage aufgeschlossen.
Die Knappheit an Computerchips, an Vorprodukten für die Industrie und an manchen Konsum-
gütern lässt sich auf verschiedene Faktoren zurückführen: Aufholeffekte, die Schwierigkeit
35 der Lagerplanung, eine Verknappung des Angebots wie durch einen Brand in einer Halb-
leiterfabrik oder eine unerwartet hohe Nachfrage. Die Lieferketten sind angespannt. Das hemmt
zwar die wirtschaftliche Erholung. Aber relativ zu den düsteren Erwartungen zeigen sich die
Weltmärkte resilient.
Und überhaupt: Wäre die Weltwirtschaft besser dran, wenn die Lieferketten kürzer wären und
40 vieles im Heimmarkt produziert würde? Kaum. Denn das Zauberwort heißt Diversifizierung
der Produktion, und das bedingt eben gerade ein gewisses Maß an Auslagerung an mehrere
Standorte.
Mehr Protektionismus würde zudem höhere Importpreise und verschlechterte Exportmöglich-
keiten mit sich bringen. Auch ist mehr als fraglich, ob eine staatlich verordnete Lagerhaltung
45 oder Subventionen für eine heimische Herstellung tatsächlich mehr Schutz brächten.
[...]
Die internationale Arbeitsteilung steht derzeit übermäßig unter Druck von links, von der Mitte
und von rechts: Jobs sollen wieder nach Hause geholt werden, es gilt aus strategischer Sicht,
die Abhängigkeit von anderen Ländern abzubauen. Nationale Regierungen möchten so viele
50 politische Freiräume wie möglich, die Frage nach der Souveränität hat an Bedeutung gewon-
nen. Lieferketten und die Verantwortung der Unternehmen dafür geraten ins Visier von
Politik und Zivilgesellschaft. Offene Grenzen und ihre Vorteile haben keine Lobby mehr.
[...]
Um das richtige Maß an offenen Grenzen für Güter, Dienstleistungen, Kapital, Personen,
55 Daten und Ideen wurde und muss immer wieder gestritten werden. Das größte Problem ist
aber derzeit die überproportionale Kritik, die einen Wandel im Denken darstellt: die fehlge-
leitete Vorstellung, dass weniger Offenheit eine Zwangsläufigkeit sei. Dadurch wird die
Entglobalisierung zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung.
Dagegen gilt es anzukämpfen, damit die Welt nicht dem Talmiglanz¹ eines ökonomischen
60 Nationalismus erliegt. Denn die internationale Arbeitsteilung ist die Grundlage unseres Wohl-
stands. [...]
¹ Talmiglanz: hier: unechter Glanz
Zum Autor: Gerald Hosp, geb. 1973, ist Wirtschaftskorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ).
M 2
Silvan Wegmann
Lieferketten
Zum Karikaturisten: Silvan Wegmann, geb. 1969, ist ein schweizerischer Karikaturist.
1. a)
Analysieren Sie den Text hinsichtlich der Haltung des Autors und seiner Argumentation zur Frage, wie sich die Globalisierung infolge der Corona-Pandemie entwickelt. (30 Punkte)
1. b)
Interpretieren Sie die Karikatur M 2 mit Blick auf die Haltung des Karikaturisten dazu, wie sich die Corona-Pandemie auf die Globalisierung auswirkt, und vergleichen Sie diese mit der Haltung des Autors von M 1. (16 Punkte)
Aufgabe NT 1 - 2 · Globalisierung, internationaler Handel und Standort Deutschland
2. Stellen Sie dar, welche Bedeutung drei ausgewählte Standortfaktoren jeweils für den Wirtschaftsstandort Deutschland haben. (24 Punkte)
Aufgabe NT 1 - 3 · Globalisierung, internationaler Handel und Standort Deutschland
M 1
Gerald Hosp
Die Globalisierung ist tot, es lebe die Globalisierung!
[...]
Seit mehr als einem Jahr führt uns das Coronavirus [...] vor Augen, wie komplex und zer-
brechlich die wirtschaftliche Vernetzung geworden ist. So verwundert es nicht, dass in den
vergangenen Monaten der Abgesang auf die Globalisierung lauter geworden ist.
Dass der grenzüberschreitende Handel nicht in bester Verfassung ist, zeigte sich schon vor
5 der Pandemie: Bereits seit rund zehn Jahren stagniert der Anteil des Handels und auch der
Direktinvestitionen an der globalen Wirtschaftsleistung.
Und auch der politische Diskurs hat sich stark gewandelt: Mit Donald Trump war 2016 ein
amerikanischer Präsident ins Weiße Haus gezogen, der den Protektionismus und das Anzet-
teln von Handelskriegen als Tugend pries. Die Wahrnehmung der sozialen, politischen und
10 wirtschaftlichen Kosten der Globalisierung war aber schon vor Trump in den Vordergrund
getreten. Mit der Propagierung offener Grenzen ist vielerorts kein Staat mehr zu machen:
So ist Joe Biden in der Sache ähnlich protektionistisch wie sein Vorgänger Trump, wenn
auch die Methoden weniger brachial sein mögen.
Es gibt wohl derzeit keine Analyse der wirtschaftlichen Situation, die nicht mehr Resilienz
15 der Lieferketten fordern würde. Die kosteneffiziente Just-in-time-Fertigung, die auf lücken-
losen Nachschub von Rohstoffen und Zwischenprodukten angewiesen ist, soll wieder einem
„just in case“ weichen, der traditionellen Herstellungsweise mit Lagerhaltung. Lieferketten
sollen nach Hause geholt werden, selbst die Autarkie feiert hier und da als wirtschaftspoliti-
sches Ideal eine ideelle Wiederauferstehung. Der über ein Jahr andauernde Stresstest hat je-
20 doch eines gezeigt: Die globalisierte Weltwirtschaft hat sich besser geschlagen als erwartet.
Laut der Welthandelsorganisation (WTO) ist das Volumen des Güterhandels im vergangenen
Jahr um rund fünf Prozent zurückgegangen – angesichts einer globalen Krise mit ganzen
Staaten im monatelangen Lockdown ein geringes Minus. Die WTO schätzt, dass der Welt-
handel in diesem Jahr um acht Prozent wachsen könnte. Damit wäre wieder das Niveau von
25 vor der Pandemie erreicht.
Viele Lieferketten funktionierten nicht nur wie geölt, sie waren auch Teil der Lösung und nicht
des Problems. Die Supermärkte waren und sind gut bestückt, auch wenn einmal Toiletten-
papier und Hefe Mangelware waren. Die Tankstellen sind offen, und die online bestellten
Pakete kommen an. Selbst medizinische Schutzausrüstungen müssen nicht mehr von unter-
30 nehmerischen Trüffelhunden aufgespürt werden, das internationale Angebot hat zur Nach-
frage aufgeschlossen.
Die Knappheit an Computerchips, an Vorprodukten für die Industrie und an manchen Konsum-
gütern lässt sich auf verschiedene Faktoren zurückführen: Aufholeffekte, die Schwierigkeit
35 der Lagerplanung, eine Verknappung des Angebots wie durch einen Brand in einer Halb-
leiterfabrik oder eine unerwartet hohe Nachfrage. Die Lieferketten sind angespannt. Das hemmt
zwar die wirtschaftliche Erholung. Aber relativ zu den düsteren Erwartungen zeigen sich die
Weltmärkte resilient.
Und überhaupt: Wäre die Weltwirtschaft besser dran, wenn die Lieferketten kürzer wären und
40 vieles im Heimmarkt produziert würde? Kaum. Denn das Zauberwort heißt Diversifizierung
der Produktion, und das bedingt eben gerade ein gewisses Maß an Auslagerung an mehrere
Standorte.
Mehr Protektionismus würde zudem höhere Importpreise und verschlechterte Exportmöglich-
keiten mit sich bringen. Auch ist mehr als fraglich, ob eine staatlich verordnete Lagerhaltung
45 oder Subventionen für eine heimische Herstellung tatsächlich mehr Schutz brächten.
[...]
Die internationale Arbeitsteilung steht derzeit übermäßig unter Druck von links, von der Mitte
und von rechts: Jobs sollen wieder nach Hause geholt werden, es gilt aus strategischer Sicht,
die Abhängigkeit von anderen Ländern abzubauen. Nationale Regierungen möchten so viele
50 politische Freiräume wie möglich, die Frage nach der Souveränität hat an Bedeutung gewon-
nen. Lieferketten und die Verantwortung der Unternehmen dafür geraten ins Visier von
Politik und Zivilgesellschaft. Offene Grenzen und ihre Vorteile haben keine Lobby mehr.
[...]
Um das richtige Maß an offenen Grenzen für Güter, Dienstleistungen, Kapital, Personen,
55 Daten und Ideen wurde und muss immer wieder gestritten werden. Das größte Problem ist
aber derzeit die überproportionale Kritik, die einen Wandel im Denken darstellt: die fehlge-
leitete Vorstellung, dass weniger Offenheit eine Zwangsläufigkeit sei. Dadurch wird die
Entglobalisierung zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung.
Dagegen gilt es anzukämpfen, damit die Welt nicht dem Talmiglanz¹ eines ökonomischen
60 Nationalismus erliegt. Denn die internationale Arbeitsteilung ist die Grundlage unseres Wohl-
stands. [...]
¹ Talmiglanz: hier: unechter Glanz
Zum Autor: Gerald Hosp, geb. 1973, ist Wirtschaftskorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ).
M 2
Silvan Wegmann
Lieferketten
Zum Karikaturisten: Silvan Wegmann, geb. 1969, ist ein schweizerischer Karikaturist.
Erörtern Sie sowohl unter wirtschaftlichen als auch unter sozialen Gesichtspunkten, ob Deutschland seine Abhängigkeit von der internationalen Arbeitsteilung künftig verringern sollte. Beziehen Sie dabei zusätzlich die Materialien M 1 und M 2 ein. (30 Punkte)
Aufgabe NT 2 - 1 · Europäische Integration: Geschichte, Institutionen und Modelle
1. Stellen Sie drei bedeutende Etappen der europäischen Integration seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs dar.
(24 Punkte)
Station 1
Station 2
Station 3
Aufgabe NT 2 · Europäische Integration: Geschichte, Institutionen und Modelle
Thema: Eine starke Europäische Union (EU) als Garant für Wohlstand und internationaler Stabilität?
Dankesrede von Klaus Iohannis
Verleihung des Internationalen Karlspreises zu Aachen 2020/21
Sehr geehrter Herr Präsident des Europäischen Rates, [...]
sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete,
sehr geehrte Gäste,
es ist für mich eine ganz besondere Ehre, heute den Internationalen Karlspreis zu Aachen
5 2020 entgegenzunehmen.
Dieser Preis ist wie kaum ein anderer ein Symbol des vereinten Europas und des Prozesses
der europäischen Integration. [...]
Aus diesem Grund hat der Karlspreis eine ganz besondere Bedeutung für das heutige Rumänien
und für die Bürger Rumäniens, die lange dafür gerungen haben, Teil des europäischen Projek-
10 tes zu sein, und die fest an die demokratischen Werte glauben, die für die Europäische Union
repräsentativ und konstitutiv sind.
[...]
Während im Laufe der Geschichte die europäische Einigung durch Waffen hergestellt wurde –
und das gilt für die meisten Versuche, die europäische Einheit zu erreichen, die vor dem
15 Schuman-Plan stattgefunden haben –, ist sie heute ein Solidaritätsprojekt, das auf unserem
gemeinsamen Willen beruht, für den Frieden und den Wohlstand der Europäischen Union
und seiner Bürger zusammen zu arbeiten.
[...]
Im Laufe ihrer Geschichte ist die Europäische Union mehrfach gefordert worden. Wir haben
20 gemeinsam verschiedene Krisen bewältigt. Jedes Mal haben die Mitgliedstaaten die Ressour-
cen und die Möglichkeiten gefunden, um Herausforderungen in Chancen zu verwandeln,
Schwierigkeiten zu überwinden und dabei unsere Union zu stärken. Diese Fähigkeit zur
Veränderung und Anpassung trägt dazu bei, dass die Union ein solides und nachhaltiges
Gefüge bleibt.
25 Es gab auch Umstände, wie beispielsweise während der aktuellen Pandemie, in denen wir
als Union hätten besser agieren können, um schneller den Erwartungen der europäischen
Bürger zu entsprechen.
Aus der Sicht Rumäniens können wir nur gemeinsam auf der Höhe der Erwartungen unserer
Bürger sein, in Einheit und Zusammenhalt, und nicht durch Rückzug oder durch Bildung
30 von engen Kreisen europäischer Integration. Trotz aller Schwierigkeiten zu Beginn dieser
Zeitspanne haben die EU-Mitgliedstaaten Lösungen gefunden, und, noch wichtiger – sie
waren solidarisch.
[...]
Die Herausforderungen der Pandemie haben eine Reihe von Schwachstellen offenbart, sowohl
35 im Gesundheitswesen als auch auf sozialer und wirtschaftlicher Ebene.
Dies ist ein eindeutiger Beweis für die Notwendigkeit der Konsolidierung der strategischen
Widerstandsfähigkeit der Europäischen Union, sowohl innenpolitisch als auch in der unmittel-
baren Nachbarschaft.
Innerhalb der Union stellt der Europäische Binnenmarkt ein Bindeglied zwischen den Mit-
40 gliedsländern dar, welches das Wesen des europäischen Projekts definiert und für den euro-
päischen Bürger konkreten Nutzen bringt.
Wir haben die Pflicht, uns zu versichern, dass durch all unsere Bemühungen der Erhalt dieses
„gemeinsamen Gutes”, des Binnenmarktes, gewährleistet ist, sowie dessen vier grundlegende
Freiheiten, deren Bedeutung durch die Gesundheitskrise verdeutlicht worden ist.
45 Um dieses Ziel der Konsolidierung des Binnenmarktes zu erreichen, brauchen wir einen voll-
ständig funktionalen und effizienten Raum der Freizügigkeit. Damit der Schengenraum voll-
ständig funktional und effizient ist, ist es gleichzeitig notwendig, dass alle Mitgliedsstaaten,
welche die Voraussetzungen erfüllen, Teil des Schengenraums sind.
Rumänien gehört zu den Staaten, die seit über zehn Jahren wie ein de facto -Mitglied des
50 Schengenraums agieren. Der Abschluss dieses Prozesses der Integration stellt nicht nur für
Rumänien ein Ziel dar, sondern sollte auch ein Ziel der Europäischen Union sein.
Gleichzeitig hat uns die COVID-19 Pandemie gelehrt, dass gemeinsames, abgestimmtes
Handeln unentbehrlich ist, auch in Bereichen von nationaler Kompetenz, wie dem Gesund-
heitswesen.
55 Der Gesundheitsbereich ist für die Konsolidierung der Widerstandsfähigkeit der Europäischen
Union, im Hinblick auf potenzielle zukünftige Krisen, unentbehrlich. Aus diesem Grund
muss die Europäische Gesundheitsunion so bald wie möglich Wirklichkeit werden.
Außenpolitisch kann die Widerstandsfähigkeit der Europäischen Union nur nachhaltig sein,
wenn wir diese auch auf dem Westbalkan sowie in der östlichen und südlichen Nachbarschaft
60 sicherstellen können. Aus diesem Grund muss die Europäische Union langfristige strategische
Investitionen in dieser Region umsetzen.
Wir müssen vor Ort aktiv sein, sowohl die Europäische Union als Ganzes als auch die einzel-
nen Mitgliedsstaaten, und wir müssen darüber hinaus eine größere Bandbreite der Koopera-
tion anbieten, die in einem noch höheren Maße die Sicherheit berücksichtigt.
65 Damit das Handeln der Europäischen Union auch zu mehr Widerstandsfähigkeit führen kann,
aber auch um ihre Fähigkeit, die eigenen Prinzipien und Ziele auf globaler Ebene besser zu
vertreten, ist es notwendig darüber nachzudenken, wie wir uns vorbereiten können, um eine
bessere Voraussage zu erreichen.
Um uns auf den beschleunigten Übergang zu einer grünen Wirtschaft sowie zu einer digitalen
70 Wirtschaft vorzubereiten, sowie auch um Antworten auf hybride und asymmetrische Sicher-
heitsrisiken zu finden, die in großem Maße neue Technologien nutzen werden, müssen wir
die Fähigkeit entwickeln, Zukunftsmodelle zu erstellen. Aus diesem Grund wird sich die
Debatte über die Entwicklung der Europäischen Union mittel- und langfristig mehr dem
vorausschauenden Regieren widmen müssen.
75 [...]
An dieser Stelle möchte ich mein Plädoyer für europäische Einheit und Solidarität erneuern.
Es ist wahr, dass heute bestimmte Entscheidungen im kleineren Kreis schneller getroffen
werden können, doch die wahre Kraft der Union, vor allem in einer immer enger vernetzten
Welt, in der die EU auch immer öfter der Kritik ausgesetzt ist, ist nicht durch unterschiedliche
80 Geschwindigkeiten gegeben.
Diese Kraft ist durch eine inklusive Herangehensweise gegeben: durch die Fähigkeit der
Europäischen Union, sich in Richtung Demokratie und Wohlstand für all ihre Bürger und
Partner, die unsere Werte, Prinzipien und Ziele teilen, zu bewegen.
Was Partnerschaften angeht, bleibt die Beziehung zwischen der Europäischen Union und den
85 Vereinigten Staaten von Amerika zweifelsohne der tragende außenpolitische Pfeiler und
gleichzeitig der Bereich, in dem die Europäische Union auch weiterhin am meisten investieren
sollte.
Die Europäische Union braucht eine Weiterführung des Engagements der USA, um ihre
Sicherheit, Stabilität sowie ihren Wohlstand sichern zu können, so wie die USA eine starke
90 EU brauchen, welche die Fähigkeit besitzt, Krisen in ihrer Nachbarschaft erfolgreich zu
bewältigen.
In seinen Memoiren schrieb Jean Monnet: „Europa und Amerika können ihre Probleme nicht
ignorieren und brauchen einander, um sie zu lösen. Getrennt können sie nicht effizient zum
globalen Frieden beitragen.”
95 Dieses Bekenntnis eines der Architekten der Europäischen Union ist auch heute gültig, mehr
als ein halbes Jahrhundert später, und dies nicht, weil sich die Probleme und der Kontext
nicht verändert hätten, sondern weil die USA und die EU zweifelsohne die Stützpfeiler der
globalen Demokratie bleiben.
[...]
100 Es ist unsere Pflicht, uns für die Stärkung der Europäischen Union einzusetzen, denn sie ist
die einzige gute Option für ein demokratisches, wohlhabendes und stabiles Europa.
Als Menschen unserer Zeit haben wir die moralische Pflicht, die Europäische Union weiter-
hin als Friedens- und Entwicklungsprojekt zu fördern.
Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!
Zum Redner:
Klaus Iohannis (Jahrgang 1959) amtiert seit Dezember 2014 als Staatspräsident Rumäniens. Den Karlspreis zu Aachen 2020/21 erhielt er in Anerkennung seiner proeuropäischen, auf Integration ausgerichteten Politik.
Zum Material:
Üblicherweise wird der Internationale Karlspreis zu Aachen jedes Jahr an Personen des öffentlichen Lebens vergeben, die sich Verdienste um Europa und dessen Einigung erworben haben. Begleitend dazu gibt es ein Programm, das sich über mehrere Wochen erstreckt.
2. a)
Analysieren Sie, welche Position der Redner zur europäischen Integration vertritt und wie er diese argumentativ begründet.
[30 Punkte]
2. b)
Erläutern Sie anhand von zwei Belegen aus dem Text, inwiefern dieser Bezüge zu Modellen oder Theorien der europäischen Integration aufweist.
[16 Punkte]
3.
Gestalten Sie in der Rolle eines Gastes bei einer Veranstaltung im Begleitprogramm zur Karlspreisverleihung eine Rede, die auf Klaus Iohannis antwortet. Greifen Sie darin zwei Aspekte aus Iohannis' Sicht auf die europäische Integration auf und entwickeln Sie einen eigenen Vorschlag, wie die EU als „Friedens- und Entwicklungsprojekt“ (Z. 103) gestärkt werden kann.
[30 Punkte]
Aufgabe NT 3 - 1 · Wirtschaftspolitische Ziele, Konjunktur und Wohlstandsmessung
Dennis Huchzermeier, Bernhard Köster, Axel Schrinner
Die atypische Rezession
[...]
Die deutsche Wirtschaft steht am Beginn einer Rezession, die mindestens drei Quartale an-
dauern wird. Dies erwartet das Handelsblatt Research Institute (HRI) in seiner neuen Kon-
junkturprognose für Deutschland. Wegen des gesamtwirtschaftlich noch recht guten ersten
5 Halbjahrs wird laut Prognose die deutsche Wirtschaft im laufenden Jahr noch um 1,4 Prozent
wachsen; für das Jahr 2023 rechnen die HRI-Ökonomen dann mit einem Rückgang um 0,4
Prozent.
Auslöser der neuerlichen Rezession sind die Energieknappheit sowie die damit einhergehende
Teuerung. Seit Beginn des Ukrainekriegs im Februar ist die Inflation in Deutschland in die
10 Höhe geschnellt. Betrug die Inflationsrate im Januar 2022 noch 4,9 Prozent, so lag sie im
August bei 7,9 Prozent. Das HRI geht davon aus, dass der Höhepunkt der Inflation mit rund
zwölf Prozent gegen Ende dieses Jahres erreicht sein dürfte. Von da an seien keine weiteren
Preissprünge zu erwarteten, sodass auch die Inflation allmählich zurückgehe und im Gesamt-
jahr 2023 bei durchschnittlich 5,5 Prozent liege, nach 8,4 Prozent im laufenden Jahr. Binnen
15 drei Jahren wäre dann das Preisniveau in Deutschland um rund 18 Prozent gestiegen. Zum
Vergleich: In der Phase davor dauerte es rund 14 Jahre, von 2006 bis 2020, bis das Preis-
niveau ähnlich stark anstieg.
Die Preissprünge schmälern die reale Kaufkraft der Konsumenten. Weder die kräftige Mindest-
lohnerhöhung im Herbst noch Tarifabschlüsse oder Lohnerhöhungen der Arbeitgeber oder
20 die Hilfsprogramme der Bundesregierung dürften diese Kaufkraftverluste auch nur annähernd
wettmachen. „Diese Krise macht die große Mehrheit der Einwohner ärmer“, konstatiert
HRI-Präsident Bert Rürup.
[...]
Das Arbeitsvolumen erreichte nach jüngsten Daten wieder annähernd das Vor-Corona-Niveau,
25 die Arbeitskräftenachfrage ist hoch. Der reale Auftragsbestand im verarbeitenden Gewerbe
war im Sommer so hoch wie noch nie seit Beginn der Erfassung im Jahr 2015. Acht Monate
müssten die Betriebe bei gleichbleibendem Umsatz ohne neue Auftragseingänge theoretisch
produzieren, um die vorhandenen Aufträge abzuarbeiten.
Außerdem sind die Innenstädte teils fast doppelt so voll wie im Vorjahr, wie Daten des
30 City-Scanner-Betreibers Hystreet zeigen. Eine Folge: Die Umsätze der großen Warenhäuser
stiegen teils sprunghaft an und liegen nunmehr im bisherigen Jahresverlauf etwa ein Viertel
über dem Vorjahresniveau. Und laut Statistischem Bundesamt erreichte die deutsche Volks-
wirtschaft im Frühsommer endlich wieder das Vor-Corona-Niveau. Die Freude darüber
dürfte jedoch kurz sein, denn der Wirtschaftskrieg zwischen Europa und Russland drückt
35 die deutsche Volkswirtschaft gerade in die nächste Rezession. Laut HRI-Prognose wird die
Wirtschaftsleistung bereits im laufenden dritten Quartal leicht sinken. Dieser Abschwung wird
sich im Spätherbst und Winter beschleunigen, ehe sich im Frühjahr 2023 die Konjunktur stabi-
lisieren dürfte. Am Ende des ersten Quartals 2023 wird die gesamtwirtschaftliche Leistung
nahezu auf das Niveau vom Herbst 2017 gesunken sein. Dann fehlen der deutschen Volks-
40 wirtschaft mehr als fünf Jahre Trendwachstum – rund 600 Milliarden Euro, der Gegenwert
von einer Million Einfamilienhäusern.
[...]
Die hohen Energiekosten sowie die allgemeine Konjunkturschwäche werden die Anzahl der
Firmenpleiten zwar steigen lassen, doch eine echte Insolvenzwelle wird es wohl nicht geben.
45 Daher bleibt auch über den Winter 2022/23 der Arbeitsmarkt die wichtigste Konjunkturstütze.
Die derzeit von der Bundesagentur für Arbeit (BA) ausgewiesenen Arbeitslosenzahlen sind
dadurch nach oben verzerrt, dass sich in den vergangenen Monaten Flüchtlinge aus der
Ukraine arbeitslos melden mussten, um Sozialleistungen zu bekommen. Ohne diesen Effekt
geht die Arbeitslosigkeit seit dem Ende des ersten Coronaschocks im Sommer 2020 nahezu
50 stetig zurück, während die Erwerbstätigkeit im Trend steigt.
[...]
Gleichwohl wird die Beschäftigung demografiebedingt in den kommenden Monaten ihren
Höhepunkt erreichen und dann zunächst auf hohem Niveau stagnieren, ehe sie zum Ende
dieser Legislaturperiode zu sinken beginnt. Mit 45,6 Millionen Erwerbstätigen im Jahres-
55 durchschnitt dürfte das Jahr 2023 als Rekordjahr in die Wirtschaftsannalen eingehen.
Vergangene konjunkturelle Schwächephasen endeten in Deutschland zumeist mit einem An-
ziehen der Auslandsnachfrage. Industrieaufträge und schließlich die Produktion und Exporte
legten zu, was dann allmählich auch die Inlandsnachfrage wieder stärkte. In diesem Winter
stecken jedoch die wichtigsten Handelspartner Deutschlands – die Euro-Zone, die USA und
60 China – ebenfalls in wirtschaftlichen Schwierigkeiten. In Europa leiden alle Staaten in ähnli-
chem Maße unter Energieknappheit, Inflation und den ökonomischen Folgen des Ukraine-
kriegs.
[...]
Wegen der großen Unsicherheit dürften viele geplante private Investitionen zunächst zurück-
65 gestellt werden. Allerdings investiert der Staat – aber auch Private – in die Umstellung der
Energieinfrastruktur, um sich schnellstmöglich aus der Abhängigkeit von Russland zu be-
freien. Viele Bauunternehmen berichten derweil wegen steigender Kosten und Zinsen von
Auftragsstornierungen, sodass die Bauinvestitionen dieses und kommendes Jahr zurückge-
hen werden. Insgesamt sinken daher die Bruttoanlageinvestitionen im laufenden Jahr um
70 0,6 Prozent und werden 2023 stagnieren.
Mittel- bis langfristig erfordert die angestrebte Dekarbonisierung erhebliche Investitionen,
die angesichts der Größenordnung überwiegend von der Privatwirtschaft gestemmt werden
müssen. Womöglich wird die aktuelle Energiekrise dazu beitragen, dass diese Schritte – sofern
technisch möglich – schneller umgesetzt werden.
75 Eine ähnlich dynamische Erholung wie nach der Weltfinanzkrise 2008/09 ist nicht zu erwarten.
Eine Rückkehr zu Zeiten mit scheinbar unbegrenzt verfügbarem preisgünstigen Gas aus
Russland scheint heute undenkbar. Insofern dürfte das Frühjahr 2022 tatsächlich den Beginn
einer Zeitenwende für die deutsche Volkswirtschaft darstellen. Energie – und damit ein wesent-
licher Input für die deutsche Industrie – wird auf absehbare Zeit teuer bleiben. Da etwa die
80 US-amerikanische, aber auch die chinesische Industrie von diesem Preisschock nicht in glei-
chem Maße betroffen ist, drohen deutschen Herstellern Nachteile im internationalen Wett-
bewerb.
Überdies setzt gegen Ende dieser Legislaturperiode ein Alterungsschub in der deutschen
Gesellschaft ein, der den Arbeitskräftemangel in weiten Teilen der Wirtschaft verstärken wird.
85 Auch dies schwächt die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands und senkt das Wachstumspoten-
zial. Reale Wachstumsraten von mehr als einem Prozent werden daher bald zur Ausnahme.
Deutschland dürfte es schwer haben, ab dem nächsten Jahrzehnt im Trend überhaupt noch
real zu wachsen. Konjunkturprogramme sind gegen diese Entwicklung machtlos. „Daher gilt
es auch in der aktuellen Krise, über angebotsseitige Maßnahmen die Wachstumskräfte unserer
90 Ökonomie zu stärken“, betont HRI-Präsident Rürup.
Zu den Autoren:
Dennis Huchzermeier, Wirtschaftswissenschaftler, Bernhard Köster, Volkswirt, und Axel Schrinner sind Journalisten beim Handelsblatt.
1. a)
Analysieren Sie, welche Position die Autoren zur konjunkturellen Lage einnehmen und wie sie diese im Text argumentativ begründen. [30 Punkte]
1. b)
Erläutern Sie unter Heranziehung von zwei Textbelegen, inwiefern sich die Autoren auf Ziele der Wirtschaftspolitik beziehen. [16 Punkte]
Aufgabe NT 3 · Wirtschaftspolitische Konzeptionen, Staatsverschuldung und Fiskalpolitik
Dennis Huchzermeier, Bernhard Köster, Axel Schrinner
Die atypische Rezession
[...]
Die deutsche Wirtschaft steht am Beginn einer Rezession, die mindestens drei Quartale an-
dauern wird. Dies erwartet das Handelsblatt Research Institute (HRI) in seiner neuen Kon-
junkturprognose für Deutschland. Wegen des gesamtwirtschaftlich noch recht guten ersten
5 Halbjahrs wird laut Prognose die deutsche Wirtschaft im laufenden Jahr noch um 1,4 Prozent
wachsen; für das Jahr 2023 rechnen die HRI-Ökonomen dann mit einem Rückgang um 0,4
Prozent.
Auslöser der neuerlichen Rezession sind die Energieknappheit sowie die damit einhergehende
Teuerung. Seit Beginn des Ukrainekriegs im Februar ist die Inflation in Deutschland in die
10 Höhe geschnellt. Betrug die Inflationsrate im Januar 2022 noch 4,9 Prozent, so lag sie im
August bei 7,9 Prozent. Das HRI geht davon aus, dass der Höhepunkt der Inflation mit rund
zwölf Prozent gegen Ende dieses Jahres erreicht sein dürfte. Von da an seien keine weiteren
Preissprünge zu erwarteten, sodass auch die Inflation allmählich zurückgehe und im Gesamt-
jahr 2023 bei durchschnittlich 5,5 Prozent liege, nach 8,4 Prozent im laufenden Jahr. Binnen
15 drei Jahren wäre dann das Preisniveau in Deutschland um rund 18 Prozent gestiegen. Zum
Vergleich: In der Phase davor dauerte es rund 14 Jahre, von 2006 bis 2020, bis das Preis-
niveau ähnlich stark anstieg.
Die Preissprünge schmälern die reale Kaufkraft der Konsumenten. Weder die kräftige Mindest-
lohnerhöhung im Herbst noch Tarifabschlüsse oder Lohnerhöhungen der Arbeitgeber oder
20 die Hilfsprogramme der Bundesregierung dürften diese Kaufkraftverluste auch nur annähernd
wettmachen. „Diese Krise macht die große Mehrheit der Einwohner ärmer“, konstatiert
HRI-Präsident Bert Rürup.
[...]
Das Arbeitsvolumen erreichte nach jüngsten Daten wieder annähernd das Vor-Corona-Niveau,
25 die Arbeitskräftenachfrage ist hoch. Der reale Auftragsbestand im verarbeitenden Gewerbe
war im Sommer so hoch wie noch nie seit Beginn der Erfassung im Jahr 2015. Acht Monate
müssten die Betriebe bei gleichbleibendem Umsatz ohne neue Auftragseingänge theoretisch
produzieren, um die vorhandenen Aufträge abzuarbeiten.
Außerdem sind die Innenstädte teils fast doppelt so voll wie im Vorjahr, wie Daten des
30 City-Scanner-Betreibers Hystreet zeigen. Eine Folge: Die Umsätze der großen Warenhäuser
stiegen teils sprunghaft an und liegen nunmehr im bisherigen Jahresverlauf etwa ein Viertel
über dem Vorjahresniveau. Und laut Statistischem Bundesamt erreichte die deutsche Volks-
wirtschaft im Frühsommer endlich wieder das Vor-Corona-Niveau. Die Freude darüber
dürfte jedoch kurz sein, denn der Wirtschaftskrieg zwischen Europa und Russland drückt
35 die deutsche Volkswirtschaft gerade in die nächste Rezession. Laut HRI-Prognose wird die
Wirtschaftsleistung bereits im laufenden dritten Quartal leicht sinken. Dieser Abschwung wird
sich im Spätherbst und Winter beschleunigen, ehe sich im Frühjahr 2023 die Konjunktur stabi-
lisieren dürfte. Am Ende des ersten Quartals 2023 wird die gesamtwirtschaftliche Leistung
nahezu auf das Niveau vom Herbst 2017 gesunken sein. Dann fehlen der deutschen Volks-
40 wirtschaft mehr als fünf Jahre Trendwachstum – rund 600 Milliarden Euro, der Gegenwert
von einer Million Einfamilienhäusern.
[...]
Die hohen Energiekosten sowie die allgemeine Konjunkturschwäche werden die Anzahl der
Firmenpleiten zwar steigen lassen, doch eine echte Insolvenzwelle wird es wohl nicht geben.
45 Daher bleibt auch über den Winter 2022/23 der Arbeitsmarkt die wichtigste Konjunkturstütze.
Die derzeit von der Bundesagentur für Arbeit (BA) ausgewiesenen Arbeitslosenzahlen sind
dadurch nach oben verzerrt, dass sich in den vergangenen Monaten Flüchtlinge aus der
Ukraine arbeitslos melden mussten, um Sozialleistungen zu bekommen. Ohne diesen Effekt
geht die Arbeitslosigkeit seit dem Ende des ersten Coronaschocks im Sommer 2020 nahezu
50 stetig zurück, während die Erwerbstätigkeit im Trend steigt.
[...]
Gleichwohl wird die Beschäftigung demografiebedingt in den kommenden Monaten ihren
Höhepunkt erreichen und dann zunächst auf hohem Niveau stagnieren, ehe sie zum Ende
dieser Legislaturperiode zu sinken beginnt. Mit 45,6 Millionen Erwerbstätigen im Jahres-
55 durchschnitt dürfte das Jahr 2023 als Rekordjahr in die Wirtschaftsannalen eingehen.
Vergangene konjunkturelle Schwächephasen endeten in Deutschland zumeist mit einem An-
ziehen der Auslandsnachfrage. Industrieaufträge und schließlich die Produktion und Exporte
legten zu, was dann allmählich auch die Inlandsnachfrage wieder stärkte. In diesem Winter
stecken jedoch die wichtigsten Handelspartner Deutschlands – die Euro-Zone, die USA und
60 China – ebenfalls in wirtschaftlichen Schwierigkeiten. In Europa leiden alle Staaten in ähnli-
chem Maße unter Energieknappheit, Inflation und den ökonomischen Folgen des Ukraine-
kriegs.
[...]
Wegen der großen Unsicherheit dürften viele geplante private Investitionen zunächst zurück-
65 gestellt werden. Allerdings investiert der Staat – aber auch Private – in die Umstellung der
Energieinfrastruktur, um sich schnellstmöglich aus der Abhängigkeit von Russland zu be-
freien. Viele Bauunternehmen berichten derweil wegen steigender Kosten und Zinsen von
Auftragsstornierungen, sodass die Bauinvestitionen dieses und kommendes Jahr zurückge-
hen werden. Insgesamt sinken daher die Bruttoanlageinvestitionen im laufenden Jahr um
70 0,6 Prozent und werden 2023 stagnieren.
Mittel- bis langfristig erfordert die angestrebte Dekarbonisierung erhebliche Investitionen,
die angesichts der Größenordnung überwiegend von der Privatwirtschaft gestemmt werden
müssen. Womöglich wird die aktuelle Energiekrise dazu beitragen, dass diese Schritte – sofern
technisch möglich – schneller umgesetzt werden.
75 Eine ähnlich dynamische Erholung wie nach der Weltfinanzkrise 2008/09 ist nicht zu erwarten.
Eine Rückkehr zu Zeiten mit scheinbar unbegrenzt verfügbarem preisgünstigen Gas aus
Russland scheint heute undenkbar. Insofern dürfte das Frühjahr 2022 tatsächlich den Beginn
einer Zeitenwende für die deutsche Volkswirtschaft darstellen. Energie – und damit ein wesent-
licher Input für die deutsche Industrie – wird auf absehbare Zeit teuer bleiben. Da etwa die
80 US-amerikanische, aber auch die chinesische Industrie von diesem Preisschock nicht in glei-
chem Maße betroffen ist, drohen deutschen Herstellern Nachteile im internationalen Wett-
bewerb.
Überdies setzt gegen Ende dieser Legislaturperiode ein Alterungsschub in der deutschen
Gesellschaft ein, der den Arbeitskräftemangel in weiten Teilen der Wirtschaft verstärken wird.
85 Auch dies schwächt die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands und senkt das Wachstumspoten-
zial. Reale Wachstumsraten von mehr als einem Prozent werden daher bald zur Ausnahme.
Deutschland dürfte es schwer haben, ab dem nächsten Jahrzehnt im Trend überhaupt noch
real zu wachsen. Konjunkturprogramme sind gegen diese Entwicklung machtlos. „Daher gilt
es auch in der aktuellen Krise, über angebotsseitige Maßnahmen die Wachstumskräfte unserer
90 Ökonomie zu stärken“, betont HRI-Präsident Rürup.
Zu den Autoren:
Dennis Huchzermeier, Wirtschaftswissenschaftler, Bernhard Köster, Volkswirt, und Axel Schrinner sind Journalisten beim Handelsblatt.
2.
Stellen Sie sowohl für die angebotsorientierte als auch für die nachfrageorientierte Wirtschaftspolitik die jeweiligen Grundannahmen und je zwei charakteristische Maßnahmen dar. [24 Punkte]
3.
Erörtern Sie, ob die Angebotsbedingungen in Deutschland angesichts der konjunkturellen Situation verbessert werden sollten, und beziehen Sie dabei die Position der Autoren sowohl aus wirtschaftspolitischer als auch aus sozialpolitischer Sicht ein. [30 Punkte]
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