Aufgabe NT 1 - 3 · Abitur NRW Sozialwissenschaften LK · Nachtermin · Wirtschaft 2023
Thema: Globalisierung, internationaler Handel und Standort Deutschland · Aus der Prüfung LK · Nachtermin · Wirtschaft (2023)
Aufgabenstellung
M 1
Gerald Hosp
Die Globalisierung ist tot, es lebe die Globalisierung!
[...]
Seit mehr als einem Jahr führt uns das Coronavirus [...] vor Augen, wie komplex und zer-
brechlich die wirtschaftliche Vernetzung geworden ist. So verwundert es nicht, dass in den
vergangenen Monaten der Abgesang auf die Globalisierung lauter geworden ist.
Dass der grenzüberschreitende Handel nicht in bester Verfassung ist, zeigte sich schon vor
5 der Pandemie: Bereits seit rund zehn Jahren stagniert der Anteil des Handels und auch der
Direktinvestitionen an der globalen Wirtschaftsleistung.
Und auch der politische Diskurs hat sich stark gewandelt: Mit Donald Trump war 2016 ein
amerikanischer Präsident ins Weiße Haus gezogen, der den Protektionismus und das Anzet-
teln von Handelskriegen als Tugend pries. Die Wahrnehmung der sozialen, politischen und
10 wirtschaftlichen Kosten der Globalisierung war aber schon vor Trump in den Vordergrund
getreten. Mit der Propagierung offener Grenzen ist vielerorts kein Staat mehr zu machen:
So ist Joe Biden in der Sache ähnlich protektionistisch wie sein Vorgänger Trump, wenn
auch die Methoden weniger brachial sein mögen.
Es gibt wohl derzeit keine Analyse der wirtschaftlichen Situation, die nicht mehr Resilienz
15 der Lieferketten fordern würde. Die kosteneffiziente Just-in-time-Fertigung, die auf lücken-
losen Nachschub von Rohstoffen und Zwischenprodukten angewiesen ist, soll wieder einem
„just in case“ weichen, der traditionellen Herstellungsweise mit Lagerhaltung. Lieferketten
sollen nach Hause geholt werden, selbst die Autarkie feiert hier und da als wirtschaftspoliti-
sches Ideal eine ideelle Wiederauferstehung. Der über ein Jahr andauernde Stresstest hat je-
20 doch eines gezeigt: Die globalisierte Weltwirtschaft hat sich besser geschlagen als erwartet.
Laut der Welthandelsorganisation (WTO) ist das Volumen des Güterhandels im vergangenen
Jahr um rund fünf Prozent zurückgegangen – angesichts einer globalen Krise mit ganzen
Staaten im monatelangen Lockdown ein geringes Minus. Die WTO schätzt, dass der Welt-
handel in diesem Jahr um acht Prozent wachsen könnte. Damit wäre wieder das Niveau von
25 vor der Pandemie erreicht.
Viele Lieferketten funktionierten nicht nur wie geölt, sie waren auch Teil der Lösung und nicht
des Problems. Die Supermärkte waren und sind gut bestückt, auch wenn einmal Toiletten-
papier und Hefe Mangelware waren. Die Tankstellen sind offen, und die online bestellten
Pakete kommen an. Selbst medizinische Schutzausrüstungen müssen nicht mehr von unter-
30 nehmerischen Trüffelhunden aufgespürt werden, das internationale Angebot hat zur Nach-
frage aufgeschlossen.
Die Knappheit an Computerchips, an Vorprodukten für die Industrie und an manchen Konsum-
gütern lässt sich auf verschiedene Faktoren zurückführen: Aufholeffekte, die Schwierigkeit
35 der Lagerplanung, eine Verknappung des Angebots wie durch einen Brand in einer Halb-
leiterfabrik oder eine unerwartet hohe Nachfrage. Die Lieferketten sind angespannt. Das hemmt
zwar die wirtschaftliche Erholung. Aber relativ zu den düsteren Erwartungen zeigen sich die
Weltmärkte resilient.
Und überhaupt: Wäre die Weltwirtschaft besser dran, wenn die Lieferketten kürzer wären und
40 vieles im Heimmarkt produziert würde? Kaum. Denn das Zauberwort heißt Diversifizierung
der Produktion, und das bedingt eben gerade ein gewisses Maß an Auslagerung an mehrere
Standorte.
Mehr Protektionismus würde zudem höhere Importpreise und verschlechterte Exportmöglich-
keiten mit sich bringen. Auch ist mehr als fraglich, ob eine staatlich verordnete Lagerhaltung
45 oder Subventionen für eine heimische Herstellung tatsächlich mehr Schutz brächten.
[...]
Die internationale Arbeitsteilung steht derzeit übermäßig unter Druck von links, von der Mitte
und von rechts: Jobs sollen wieder nach Hause geholt werden, es gilt aus strategischer Sicht,
die Abhängigkeit von anderen Ländern abzubauen. Nationale Regierungen möchten so viele
50 politische Freiräume wie möglich, die Frage nach der Souveränität hat an Bedeutung gewon-
nen. Lieferketten und die Verantwortung der Unternehmen dafür geraten ins Visier von
Politik und Zivilgesellschaft. Offene Grenzen und ihre Vorteile haben keine Lobby mehr.
[...]
Um das richtige Maß an offenen Grenzen für Güter, Dienstleistungen, Kapital, Personen,
55 Daten und Ideen wurde und muss immer wieder gestritten werden. Das größte Problem ist
aber derzeit die überproportionale Kritik, die einen Wandel im Denken darstellt: die fehlge-
leitete Vorstellung, dass weniger Offenheit eine Zwangsläufigkeit sei. Dadurch wird die
Entglobalisierung zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung.
Dagegen gilt es anzukämpfen, damit die Welt nicht dem Talmiglanz¹ eines ökonomischen
60 Nationalismus erliegt. Denn die internationale Arbeitsteilung ist die Grundlage unseres Wohl-
stands. [...]
¹ Talmiglanz: hier: unechter Glanz
Zum Autor: Gerald Hosp, geb. 1973, ist Wirtschaftskorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ).
M 2
Silvan Wegmann
Lieferketten
Zum Karikaturisten: Silvan Wegmann, geb. 1969, ist ein schweizerischer Karikaturist.
Erörtern Sie sowohl unter wirtschaftlichen als auch unter sozialen Gesichtspunkten, ob Deutschland seine Abhängigkeit von der internationalen Arbeitsteilung künftig verringern sollte. Beziehen Sie dabei zusätzlich die Materialien M 1 und M 2 ein. (30 Punkte)

Lösung
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3. Erörtern Sie sowohl unter wirtschaftlichen als auch unter sozialen Gesichtspunkten, ob Deutschland seine Abhängigkeit von der internationalen Arbeitsteilung künftig verringern sollte. Beziehen Sie dabei zusätzlich die Materialien M 1 und M 2 ein.
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