Abitur NRW Sozialwissenschaften 2023 · LK · Haupttermin · Wirtschaft
Abiturprüfung Sozialwissenschaften in Nordrhein-Westfalen 2023, LK · Haupttermin · Wirtschaft: 10 Aufgaben mit Lösungen. Mit automatischer Korrektur.
Themen der Prüfung: Wirtschaftspolitische Ziele, Konjunktur und Wohlstandsmessung · Binnenmarkt, Währungsunion und europäische Krisenbewältigung · Soziale Ungleichheit und Sozialstruktur · Sozialstaat und soziale Sicherung · Globalisierung, internationaler Handel und Standort Deutschland · Internationale Friedens- und Sicherheitspolitik, Global Governance
Aufgabe HT 1 - Aufgabe 1 · Wirtschaftspolitische Ziele, Konjunktur und Wohlstandsmessung
M 1
Ausgewählte Wirtschaftsdaten Deutschlands und der Eurozone
Deutschland
· 2016 · 2017 · 2018 · 2019 · 2020 · 2021
Finanzierungssaldo
(Überschuss (+) oder Defizit (−), % des BIP) · 1,2 · 1,3 · 1,9 · 1,5 · −4,3 · −3,7
Staatsverschuldung
(% des BIP) · 69,0 · 64,6 · 61,2 · 58,9 · 68,7 · 69,3
Bruttoinlandsprodukt, real
(prozentuale Veränderung zum Vorjahr) · 2,2 · 2,7 · 1,0 · 1,1 · −3,7 · 2,6
Arbeitslosenquote
(%) · 3,9 · 3,6 · 3,2 · 3,0 · 3,7 · 3,6
Inflationsrate
jährliche Veränderungsrate (%) des HVPI · 0,4 · 1,7 · 1,9 · 1,4 · 0,4 · 3,2
Außenbeitrag
(% des BIP) · 7,4 · 7,1 · 6,2 · 5,6 · 5,7 · 5,5
Eurozone
· 2016 · 2017 · 2018 · 2019 · 2020 · 2021
Finanzierungssaldo
(Überschuss (+) oder Defizit (−), % des BIP) · −1,5 · −0,9 · −0,4 · −0,7 · −7,1 · −5,1
Staatsverschuldung
(% des BIP) · 90,4 · 87,9 · 85,8 · 83,8 · 97,2 · 95,6
Bruttoinlandsprodukt, real
(prozentuale Veränderung zum Vorjahr) · 1,9 · 2,6 · 1,8 · 1,6 · −6,1 · 5,2
Arbeitslosenquote
(%) · 10,1 · 9,1 · 8,2 · 7,6 · 8,0 · 7,7
Inflationsrate
jährliche Veränderungsrate (%) des HVPI · 0,2 · 1,5 · 1,8 · 1,2 · 0,3 · 2,6
Außenbeitrag
(% des BIP) · n/a · n/a · n/a · n/a · n/a · n/a
Anmerkungen:
1 Die hier von Eurostat veröffentlichten Arbeitslosenzahlen sind in allen Jahren leicht niedriger als von deutschen Behörden berichtet (z. B. 3 % im Gegensatz zu 5 % im Jahr 2019), was aus unterschiedlichen Definitionen und Berechnungsweisen resultiert.
2 n/a: nicht verfügbar bzw. nicht anwendbar
Daten für 2022 noch nicht verfügbar.
M 2
Zinssätze der EZB
(in %; mit Datum der Änderung)
Datum
(mit Wirkung vom) · Einlagenfazilität · Hauptrefinanzierungssatz
(„Leitzins“) · Spitzenrefinanzierungsfazilität
14.09.2022 · 0,75 · 1,25 · 1,50
27.07.2022 · 0,00 · 0,50 · 0,75
18.09.2019 · −0,50 · 0,00 · 0,25
16.03.2016 · −0,40 · 0,00 · 0,25
09.12.2015 · −0,30 · 0,05 · 0,30
10.09.2014 · −0,20 · 0,05 · 0,30
11.06.2014 · −0,10 · 0,15 · 0,40
13.11.2013 · 0,00 · 0,25 · 0,75
08.05.2013 · 0,00 · 0,50 · 1,00
Letzte Aktualisierung: 17.10.2022
1. Nennen Sie die wirtschaftspolitischen Ziele des „magischen Sechsecks“ und geben Sie zu jedem Ziel einen Indikator samt Definition oder Berechnungsweise an. Beschreiben Sie außerdem eine denkbare Zielharmonie zwischen zwei Zielen dieses Sechsecks. [24 Punkte]
Aufgabe HT 1 - Aufgabe 2 · Wirtschaftspolitische Ziele, Konjunktur und Wohlstandsmessung
M 1
Ausgewählte Wirtschaftsdaten Deutschlands und der Eurozone
Deutschland
· 2016 · 2017 · 2018 · 2019 · 2020 · 2021
Finanzierungssaldo
(Überschuss (+) oder Defizit (−), % des BIP) · 1,2 · 1,3 · 1,9 · 1,5 · −4,3 · −3,7
Staatsverschuldung
(% des BIP) · 69,0 · 64,6 · 61,2 · 58,9 · 68,7 · 69,3
Bruttoinlandsprodukt, real
(prozentuale Veränderung zum Vorjahr) · 2,2 · 2,7 · 1,0 · 1,1 · −3,7 · 2,6
Arbeitslosenquote
(%) · 3,9 · 3,6 · 3,2 · 3,0 · 3,7 · 3,6
Inflationsrate
jährliche Veränderungsrate (%) des HVPI · 0,4 · 1,7 · 1,9 · 1,4 · 0,4 · 3,2
Außenbeitrag
(% des BIP) · 7,4 · 7,1 · 6,2 · 5,6 · 5,7 · 5,5
Eurozone
· 2016 · 2017 · 2018 · 2019 · 2020 · 2021
Finanzierungssaldo
(Überschuss (+) oder Defizit (−), % des BIP) · −1,5 · −0,9 · −0,4 · −0,7 · −7,1 · −5,1
Staatsverschuldung
(% des BIP) · 90,4 · 87,9 · 85,8 · 83,8 · 97,2 · 95,6
Bruttoinlandsprodukt, real
(prozentuale Veränderung zum Vorjahr) · 1,9 · 2,6 · 1,8 · 1,6 · −6,1 · 5,2
Arbeitslosenquote
(%) · 10,1 · 9,1 · 8,2 · 7,6 · 8,0 · 7,7
Inflationsrate
jährliche Veränderungsrate (%) des HVPI · 0,2 · 1,5 · 1,8 · 1,2 · 0,3 · 2,6
Außenbeitrag
(% des BIP) · n/a · n/a · n/a · n/a · n/a · n/a
Anmerkungen:
1 Die hier von Eurostat veröffentlichten Arbeitslosenzahlen sind in allen Jahren leicht niedriger als von deutschen Behörden berichtet (z. B. 3 % im Gegensatz zu 5 % im Jahr 2019), was aus unterschiedlichen Definitionen und Berechnungsweisen resultiert.
2 n/a: nicht verfügbar bzw. nicht anwendbar
Daten für 2022 noch nicht verfügbar.
M 2
Zinssätze der EZB
(in %; mit Datum der Änderung)
Datum
(mit Wirkung vom) · Einlagenfazilität · Hauptrefinanzierungssatz
(„Leitzins“) · Spitzenrefinanzierungsfazilität
14.09.2022 · 0,75 · 1,25 · 1,50
27.07.2022 · 0,00 · 0,50 · 0,75
18.09.2019 · −0,50 · 0,00 · 0,25
16.03.2016 · −0,40 · 0,00 · 0,25
09.12.2015 · −0,30 · 0,05 · 0,30
10.09.2014 · −0,20 · 0,05 · 0,30
11.06.2014 · −0,10 · 0,15 · 0,40
13.11.2013 · 0,00 · 0,25 · 0,75
08.05.2013 · 0,00 · 0,50 · 1,00
Letzte Aktualisierung: 17.10.2022
2.
a)
Analysieren Sie im Vergleich den wirtschaftlichen Verlauf in Deutschland und in der Eurozone (M 1, M 2) und beziehen Sie dabei die Phasen des Konjunkturzyklus ein. (32 Punkte)
b)
Erläutern Sie anhand des Materials M 1 zwei Zielkonflikte, die in der Wirtschaftspolitik auftreten. (14 Punkte)
Aufgabe HT 1 - Aufgabe 3 · Binnenmarkt, Währungsunion und europäische Krisenbewältigung
M 1
Ausgewählte Wirtschaftsdaten Deutschlands und der Eurozone
Deutschland
· 2016 · 2017 · 2018 · 2019 · 2020 · 2021
Finanzierungssaldo
(Überschuss (+) oder Defizit (−), % des BIP) · 1,2 · 1,3 · 1,9 · 1,5 · −4,3 · −3,7
Staatsverschuldung
(% des BIP) · 69,0 · 64,6 · 61,2 · 58,9 · 68,7 · 69,3
Bruttoinlandsprodukt, real
(prozentuale Veränderung zum Vorjahr) · 2,2 · 2,7 · 1,0 · 1,1 · −3,7 · 2,6
Arbeitslosenquote
(%) · 3,9 · 3,6 · 3,2 · 3,0 · 3,7 · 3,6
Inflationsrate
jährliche Veränderungsrate (%) des HVPI · 0,4 · 1,7 · 1,9 · 1,4 · 0,4 · 3,2
Außenbeitrag
(% des BIP) · 7,4 · 7,1 · 6,2 · 5,6 · 5,7 · 5,5
Eurozone
· 2016 · 2017 · 2018 · 2019 · 2020 · 2021
Finanzierungssaldo
(Überschuss (+) oder Defizit (−), % des BIP) · −1,5 · −0,9 · −0,4 · −0,7 · −7,1 · −5,1
Staatsverschuldung
(% des BIP) · 90,4 · 87,9 · 85,8 · 83,8 · 97,2 · 95,6
Bruttoinlandsprodukt, real
(prozentuale Veränderung zum Vorjahr) · 1,9 · 2,6 · 1,8 · 1,6 · −6,1 · 5,2
Arbeitslosenquote
(%) · 10,1 · 9,1 · 8,2 · 7,6 · 8,0 · 7,7
Inflationsrate
jährliche Veränderungsrate (%) des HVPI · 0,2 · 1,5 · 1,8 · 1,2 · 0,3 · 2,6
Außenbeitrag
(% des BIP) · n/a · n/a · n/a · n/a · n/a · n/a
Anmerkungen:
1 Die hier von Eurostat veröffentlichten Arbeitslosenzahlen sind in allen Jahren leicht niedriger als von deutschen Behörden berichtet (z. B. 3 % im Gegensatz zu 5 % im Jahr 2019), was aus unterschiedlichen Definitionen und Berechnungsweisen resultiert.
2 n/a: nicht verfügbar bzw. nicht anwendbar
Daten für 2022 noch nicht verfügbar.
M 2
Zinssätze der EZB
(in %; mit Datum der Änderung)
Datum
(mit Wirkung vom) · Einlagenfazilität · Hauptrefinanzierungssatz
(„Leitzins“) · Spitzenrefinanzierungsfazilität
14.09.2022 · 0,75 · 1,25 · 1,50
27.07.2022 · 0,00 · 0,50 · 0,75
18.09.2019 · −0,50 · 0,00 · 0,25
16.03.2016 · −0,40 · 0,00 · 0,25
09.12.2015 · −0,30 · 0,05 · 0,30
10.09.2014 · −0,20 · 0,05 · 0,30
11.06.2014 · −0,10 · 0,15 · 0,40
13.11.2013 · 0,00 · 0,25 · 0,75
08.05.2013 · 0,00 · 0,50 · 1,00
Letzte Aktualisierung: 17.10.2022
3. Entwickeln Sie als wirtschaftswissenschaftlicher Gutachter / wirtschaftswissenschaftliche Gutachterin auf der Grundlage von M 1 und M 2 eine Handlungsempfehlung aus zwei Maßnahmen, die aufzeigt, wie die Europäische Zentralbank angesichts der gegenwärtigen wirtschaftlichen Lage vorgehen sollte. Beziehen Sie ebenfalls die Entwicklung der Staatsverschuldung in den europäischen Staaten ein. (30 Punkte)
Aufgabe HT 2 - Aufgabe 1 · Globalisierung, internationaler Handel und Standort Deutschland
Sven Simon
Ordnungsmacht der Globalisierung
Die wirtschaftliche Globalisierung hat in den vergangenen Jahrzehnten verbunden mit einem
liberalen Handels- und Weltwirtschaftsmodell in Asien, Afrika, Osteuropa und Lateiname-
rika hunderte Millionen Menschen aus der Armut befreit. In Deutschland hat sie die export-
basierte Wohlstandsgrundlage abgesichert. Dennoch befindet sich der internationale Handel
5 in einer tiefen Legitimationskrise.
In den liberalen Demokratien haben politische Kräfte, welche die Vorteile globaler Wert-
schöpfungsprozesse in Frage stellen, massiv an Zustimmung gewonnen. In der öffentlichen
Debatte werden oftmals [...] protektionistisch argumentierende Akteure besonders wahrge-
nommen, wie beispielsweise bis vor kurzem die Trump-Regierung in den Vereinigten Staaten.
10 Diesseits des Atlantiks erstarken Vorstellungen, dass die Nachteile des globalen Handels
hinsichtlich des Klimaschutzes oder der sozialen Gerechtigkeit dessen Vorteile überwiegen.
Manche Kritikpunkte an derzeitigen Handelsprozessen, insbesondere hinsichtlich der fehlen-
den Einpreisung ökologischer und sozialer Faktoren, sind durchaus berechtigt. Grundsätzliche
Kritik am Freihandel, die auf ein Ende der ökonomischen Globalisierung abzielt, geht aber
15 fehl. Sie verfängt aber nicht zuletzt deswegen, weil in der europäischen Öffentlichkeit zu
lange versäumt wurde, eine tiefgreifende Debatte darüber zu führen, warum wir überhaupt
Handel miteinander treiben. Wissenschaftliche Erkenntnisse, wie beispielsweise David
Ricardos Theorem der komparativen Kostenvorteile, welches den Nutzen arbeitsteiliger Wirt-
schaftsprozesse schon vor über zwei Jahrhunderten erklärte, sind weitgehend unbekannt. Da-
20 durch wird es populistischen Akteuren erleichtert, handelspolitische Sachdebatten durch
symbolpolitisch aufgeladene Kampagnen zu überlagern. Europa muss sich entscheiden:
Rule-maker oder rule-taker?
Die politische Schwäche der Befürworter von Freihandelsabkommen hat ihre Ursache nicht
nur in deren Komplexität und ihrer Regelungsdichte. Die deutsche und europäische Politik
25 hatte sich sehr lange wie selbstverständlich in der „neuen Weltordnung“ nach dem Zerfall
der Sowjetunion 1991 eingerichtet. 1995 wurde die Welthandelsorganisation gegründet und
die Mitgliedschaft in dieser auf einen Großteil der Weltwirtschaft ausgedehnt. In jener Auf-
bruchsphase der 1990er-Jahre mehrten sich die Stimmen von einem „Ende der Geschichte“,
wie der amerikanische Soziologe Francis Fukuyama die Vorstellung des endgültigen Triumphs
30 eines westlichen Governance-Modells aus liberaler Demokratie, freiem Welthandel und koope-
rativem Multilateralismus pointiert formulierte. Von dieser Vorstellung ist zu Beginn des
dritten Jahrzehnts im 21. Jahrhundert kaum noch etwas übrig.
In einer Welt unilateral agierender Supermächte stehen die Europäer vor der Herausforderung,
nicht zur politischen und wirtschaftlichen Verfügungsmasse anderer zu werden. Die Kern-
35 frage ist dabei, ob die EU rule-maker bleibt oder rule-taker wird, also ob wir Europäer die
regulatorischen Spielregeln der künftigen wirtschaftlichen und politischen Weltordnung
mitverfassen oder ob wir gezwungen sein werden, Standards aus anderen Machtzentren zu
übernehmen.
Diese Frage ist keineswegs banal oder rein akademischer Natur. Wir wissen heute nicht, ob
40 sich europäische Regulierungsniveaus im Datenschutz, Umweltschutz oder dem Schutz von
Arbeitnehmerrechten durchsetzen werden. Das hängt davon ab, ob es gelingt, unsere Standards
zum Maßstab für die Spielregeln der Globalisierung werden zu lassen, ob wir Ordnungsmacht
sein können und wollen. Die Beantwortung dieser Frage ist nicht nur für die Legitimation
unserer Wirtschaftsordnung und die Grundlage unseres Wohlstands zentral. Sie entscheidet
45 auch darüber, ob wir unsere Art zu leben, unseren „European Way of Life“ der liberalen
Demokratie mit Rechtsstaatlichkeit, individuell einklagbaren Menschenrechten und sozialer
Marktwirtschaft erhalten können.
Ein zentrales Instrument zum Export europäischer Normen sind Handelsverträge. Die Euro-
päische Kommission hat in den vergangenen Jahren wichtige Abkommen [...] schließen
50 können. [...]
Die laufende Wahlperiode der europäischen Institutionen bis 2024 ist von entscheidender
Bedeutung. Noch besteht für Drittstaaten ein großer Anreiz, vereinfachten Marktzugang
zum größten Binnenmarkt der Welt zu erhalten. Doch dieses Zeitfenster beginnt sich zu
schließen, nicht nur aufgrund der kontinuierlich abnehmenden Bedeutung der Europäer für
55 die globale Volkswirtschaft. Aufstrebende Wirtschaftsmächte, insbesondere die Volksre-
publik China, entdecken zunehmend die Bedeutung von normativer Macht für ihre Außen-
politik. [...]
Das ratifikationsreife EU-Mercosur-Abkommen 1 ist ein Testfall dafür, wie ernst es den Euro-
päern mit der Zukunft der liberalen Handelsordnung ist. Der Vertrag ist ein regulatorischer
60 Meilenstein, gerade aufgrund seiner Regelungen im Bereich der Umwelt- und Sozialstandards.
Alle Vertragsstaaten verpflichten sich unter anderem zur strikten Einhaltung des Pariser
Klimaabkommens, der Biodiversitätskonvention und des Washingtoner Artenschutzabkom-
mens. Für Brasilien wird festgeschrieben, bis 2030 zwölf Millionen Hektar Wald wieder-
aufzuforsten. Dennoch stimmte eine Mehrheit von 345 zu 295 Abgeordneten des Europäi-
65 schen Parlaments mit einer symbolischen Resolution im Oktober 2020 gegen das Abkommen.
Ein zentrales Argument der Gegner des Vertrages sind die Bilder brennender Urwälder in
Brasilien. Das Problem illegaler Brandrodungen würde durch das Abkommen weiter ver-
schärft. Dabei ist die Frage doch nicht, ob der Amazonas-Regenwald geschützt werden sollte,
sondern wie dies am effektivsten geschehen kann. Das Abkommen nicht abzuschließen,
70 würde bedeuten, die Tür für europäischen Einfluss in Lateinamerika zuzuschlagen und keinen
Einfluss auf die Lösung des Problems zu haben. Präsident Bolsonaro 2 hat mehrfach erklärt,
dass Brasilien das Pariser Klimaabkommen ohne die Perspektive eines Abkommens mit der
EU schon längst verlassen hätte.
[...]
75 Das Abkommen schafft Anreize für hochwertige Produkte, weil die Importzölle zwar abge-
senkt, aber nicht aufgehoben werden, auch um unsere heimische Landwirtschaft vor Massen-
importen zu schützen. Damit geben wir nicht nur vielen Menschen in den ärmsten Regionen
der Mercosur-Staaten eine wirtschaftliche Perspektive, wir schützen auch den unwieder-
bringlichen Lebensraum seltener Arten.
80 [...]
Regelbasierter Freihandel steht effektivem Klimaschutz nicht im Weg. Im Gegenteil, ohne
solche Abkommen werden wir dem Klimaschutz perspektivisch schaden. Wenn die EU ihre
Zusagen gegenüber den Mercosur-Staaten nicht einhält und das Abkommen scheitern lässt,
werden sich Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay noch stärker als bisher dem
85 chinesischen Markt zuwenden. In etwaigen Abkommen mit der chinesischen Regierung
wird es dann wohl eher keine Verpflichtungen zu europäischen Umwelt- und Sozialstandards
geben. [...]
An der Entscheidung über das EU-Mercosur-Abkommen wird sich zeigen, ob die Europäer
willens und in der Lage sind, die Funktion einer Ordnungsmacht der wertebasierten Globali-
90 sierung zu übernehmen oder ob sie ihren normativen Gestaltungsanspruch an andere abtreten.
Zum Autor: Sven Simon, geb. 1978, ist Professor für Völker- und Europarecht an der Philipps-Universität Marburg und, als Fraktionsmitglied der Europäischen Volkspartei (EVP) im Europäischen Parlament, Berichterstatter für das EU-Mercosur-Abkommen.
Anmerkungen:
1 Mercosur: Mercado Común del Sur (dt.: Gemeinsamer Markt des Südens). EU-Mercosur-Abkommen: verhandeltes Freihandelsabkommen zwischen einer Mehrzahl südamerikanischer Staaten (Mercosur-Gruppe: u.a. Argentinien, Brasilien, Uruguay) und der Europäischen Union.
2 Jair Bolsonaro war von 2019–2022 Präsident Brasiliens.
Stellen Sie für die ökonomische Globalisierung jeweils zwei Ursachen, Merkmale und Indikatoren dar. (24 Punkte)
1.
2.
3.
4.
5.
6.
Aufgabe HT 2 - Aufgabe 2 a) · Globalisierung, internationaler Handel und Standort Deutschland
Sven Simon
Ordnungsmacht der Globalisierung
Die wirtschaftliche Globalisierung hat in den vergangenen Jahrzehnten verbunden mit einem
liberalen Handels- und Weltwirtschaftsmodell in Asien, Afrika, Osteuropa und Lateiname-
rika hunderte Millionen Menschen aus der Armut befreit. In Deutschland hat sie die export-
basierte Wohlstandsgrundlage abgesichert. Dennoch befindet sich der internationale Handel
5 in einer tiefen Legitimationskrise.
In den liberalen Demokratien haben politische Kräfte, welche die Vorteile globaler Wert-
schöpfungsprozesse in Frage stellen, massiv an Zustimmung gewonnen. In der öffentlichen
Debatte werden oftmals [...] protektionistisch argumentierende Akteure besonders wahrge-
nommen, wie beispielsweise bis vor kurzem die Trump-Regierung in den Vereinigten Staaten.
10 Diesseits des Atlantiks erstarken Vorstellungen, dass die Nachteile des globalen Handels
hinsichtlich des Klimaschutzes oder der sozialen Gerechtigkeit dessen Vorteile überwiegen.
Manche Kritikpunkte an derzeitigen Handelsprozessen, insbesondere hinsichtlich der fehlen-
den Einpreisung ökologischer und sozialer Faktoren, sind durchaus berechtigt. Grundsätzliche
Kritik am Freihandel, die auf ein Ende der ökonomischen Globalisierung abzielt, geht aber
15 fehl. Sie verfängt aber nicht zuletzt deswegen, weil in der europäischen Öffentlichkeit zu
lange versäumt wurde, eine tiefgreifende Debatte darüber zu führen, warum wir überhaupt
Handel miteinander treiben. Wissenschaftliche Erkenntnisse, wie beispielsweise David
Ricardos Theorem der komparativen Kostenvorteile, welches den Nutzen arbeitsteiliger Wirt-
schaftsprozesse schon vor über zwei Jahrhunderten erklärte, sind weitgehend unbekannt. Da-
20 durch wird es populistischen Akteuren erleichtert, handelspolitische Sachdebatten durch
symbolpolitisch aufgeladene Kampagnen zu überlagern. Europa muss sich entscheiden:
Rule-maker oder rule-taker?
Die politische Schwäche der Befürworter von Freihandelsabkommen hat ihre Ursache nicht
nur in deren Komplexität und ihrer Regelungsdichte. Die deutsche und europäische Politik
25 hatte sich sehr lange wie selbstverständlich in der „neuen Weltordnung“ nach dem Zerfall
der Sowjetunion 1991 eingerichtet. 1995 wurde die Welthandelsorganisation gegründet und
die Mitgliedschaft in dieser auf einen Großteil der Weltwirtschaft ausgedehnt. In jener Auf-
bruchsphase der 1990er-Jahre mehrten sich die Stimmen von einem „Ende der Geschichte“,
wie der amerikanische Soziologe Francis Fukuyama die Vorstellung des endgültigen Triumphs
30 eines westlichen Governance-Modells aus liberaler Demokratie, freiem Welthandel und koope-
rativem Multilateralismus pointiert formulierte. Von dieser Vorstellung ist zu Beginn des
dritten Jahrzehnts im 21. Jahrhundert kaum noch etwas übrig.
In einer Welt unilateral agierender Supermächte stehen die Europäer vor der Herausforderung,
nicht zur politischen und wirtschaftlichen Verfügungsmasse anderer zu werden. Die Kern-
35 frage ist dabei, ob die EU rule-maker bleibt oder rule-taker wird, also ob wir Europäer die
regulatorischen Spielregeln der künftigen wirtschaftlichen und politischen Weltordnung
mitverfassen oder ob wir gezwungen sein werden, Standards aus anderen Machtzentren zu
übernehmen.
Diese Frage ist keineswegs banal oder rein akademischer Natur. Wir wissen heute nicht, ob
40 sich europäische Regulierungsniveaus im Datenschutz, Umweltschutz oder dem Schutz von
Arbeitnehmerrechten durchsetzen werden. Das hängt davon ab, ob es gelingt, unsere Standards
zum Maßstab für die Spielregeln der Globalisierung werden zu lassen, ob wir Ordnungsmacht
sein können und wollen. Die Beantwortung dieser Frage ist nicht nur für die Legitimation
unserer Wirtschaftsordnung und die Grundlage unseres Wohlstands zentral. Sie entscheidet
45 auch darüber, ob wir unsere Art zu leben, unseren „European Way of Life“ der liberalen
Demokratie mit Rechtsstaatlichkeit, individuell einklagbaren Menschenrechten und sozialer
Marktwirtschaft erhalten können.
Ein zentrales Instrument zum Export europäischer Normen sind Handelsverträge. Die Euro-
päische Kommission hat in den vergangenen Jahren wichtige Abkommen [...] schließen
50 können. [...]
Die laufende Wahlperiode der europäischen Institutionen bis 2024 ist von entscheidender
Bedeutung. Noch besteht für Drittstaaten ein großer Anreiz, vereinfachten Marktzugang
zum größten Binnenmarkt der Welt zu erhalten. Doch dieses Zeitfenster beginnt sich zu
schließen, nicht nur aufgrund der kontinuierlich abnehmenden Bedeutung der Europäer für
55 die globale Volkswirtschaft. Aufstrebende Wirtschaftsmächte, insbesondere die Volksre-
publik China, entdecken zunehmend die Bedeutung von normativer Macht für ihre Außen-
politik. [...]
Das ratifikationsreife EU-Mercosur-Abkommen 1 ist ein Testfall dafür, wie ernst es den Euro-
päern mit der Zukunft der liberalen Handelsordnung ist. Der Vertrag ist ein regulatorischer
60 Meilenstein, gerade aufgrund seiner Regelungen im Bereich der Umwelt- und Sozialstandards.
Alle Vertragsstaaten verpflichten sich unter anderem zur strikten Einhaltung des Pariser
Klimaabkommens, der Biodiversitätskonvention und des Washingtoner Artenschutzabkom-
mens. Für Brasilien wird festgeschrieben, bis 2030 zwölf Millionen Hektar Wald wieder-
aufzuforsten. Dennoch stimmte eine Mehrheit von 345 zu 295 Abgeordneten des Europäi-
65 schen Parlaments mit einer symbolischen Resolution im Oktober 2020 gegen das Abkommen.
Ein zentrales Argument der Gegner des Vertrages sind die Bilder brennender Urwälder in
Brasilien. Das Problem illegaler Brandrodungen würde durch das Abkommen weiter ver-
schärft. Dabei ist die Frage doch nicht, ob der Amazonas-Regenwald geschützt werden sollte,
sondern wie dies am effektivsten geschehen kann. Das Abkommen nicht abzuschließen,
70 würde bedeuten, die Tür für europäischen Einfluss in Lateinamerika zuzuschlagen und keinen
Einfluss auf die Lösung des Problems zu haben. Präsident Bolsonaro 2 hat mehrfach erklärt,
dass Brasilien das Pariser Klimaabkommen ohne die Perspektive eines Abkommens mit der
EU schon längst verlassen hätte.
[...]
75 Das Abkommen schafft Anreize für hochwertige Produkte, weil die Importzölle zwar abge-
senkt, aber nicht aufgehoben werden, auch um unsere heimische Landwirtschaft vor Massen-
importen zu schützen. Damit geben wir nicht nur vielen Menschen in den ärmsten Regionen
der Mercosur-Staaten eine wirtschaftliche Perspektive, wir schützen auch den unwieder-
bringlichen Lebensraum seltener Arten.
80 [...]
Regelbasierter Freihandel steht effektivem Klimaschutz nicht im Weg. Im Gegenteil, ohne
solche Abkommen werden wir dem Klimaschutz perspektivisch schaden. Wenn die EU ihre
Zusagen gegenüber den Mercosur-Staaten nicht einhält und das Abkommen scheitern lässt,
werden sich Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay noch stärker als bisher dem
85 chinesischen Markt zuwenden. In etwaigen Abkommen mit der chinesischen Regierung
wird es dann wohl eher keine Verpflichtungen zu europäischen Umwelt- und Sozialstandards
geben. [...]
An der Entscheidung über das EU-Mercosur-Abkommen wird sich zeigen, ob die Europäer
willens und in der Lage sind, die Funktion einer Ordnungsmacht der wertebasierten Globali-
90 sierung zu übernehmen oder ob sie ihren normativen Gestaltungsanspruch an andere abtreten.
Zum Autor: Sven Simon, geb. 1978, ist Professor für Völker- und Europarecht an der Philipps-Universität Marburg und, als Fraktionsmitglied der Europäischen Volkspartei (EVP) im Europäischen Parlament, Berichterstatter für das EU-Mercosur-Abkommen.
Anmerkungen:
1 Mercosur: Mercado Común del Sur (dt.: Gemeinsamer Markt des Südens). EU-Mercosur-Abkommen: verhandeltes Freihandelsabkommen zwischen einer Mehrzahl südamerikanischer Staaten (Mercosur-Gruppe: u.a. Argentinien, Brasilien, Uruguay) und der Europäischen Union.
2 Jair Bolsonaro war von 2019–2022 Präsident Brasiliens.
2. a)
Analysieren Sie, welche Position der Autor im Text zum Stellenwert von Freihandelsabkommen für die Europäische Union (EU) vertritt und wie er diese argumentativ untermauert. [30 Punkte]
Aufgabe HT 2 - Aufgabe 2 b) · Internationale Friedens- und Sicherheitspolitik, Global Governance
Sven Simon
Ordnungsmacht der Globalisierung
Die wirtschaftliche Globalisierung hat in den vergangenen Jahrzehnten verbunden mit einem
liberalen Handels- und Weltwirtschaftsmodell in Asien, Afrika, Osteuropa und Lateiname-
rika hunderte Millionen Menschen aus der Armut befreit. In Deutschland hat sie die export-
basierte Wohlstandsgrundlage abgesichert. Dennoch befindet sich der internationale Handel
5 in einer tiefen Legitimationskrise.
In den liberalen Demokratien haben politische Kräfte, welche die Vorteile globaler Wert-
schöpfungsprozesse in Frage stellen, massiv an Zustimmung gewonnen. In der öffentlichen
Debatte werden oftmals [...] protektionistisch argumentierende Akteure besonders wahrge-
nommen, wie beispielsweise bis vor kurzem die Trump-Regierung in den Vereinigten Staaten.
10 Diesseits des Atlantiks erstarken Vorstellungen, dass die Nachteile des globalen Handels
hinsichtlich des Klimaschutzes oder der sozialen Gerechtigkeit dessen Vorteile überwiegen.
Manche Kritikpunkte an derzeitigen Handelsprozessen, insbesondere hinsichtlich der fehlen-
den Einpreisung ökologischer und sozialer Faktoren, sind durchaus berechtigt. Grundsätzliche
Kritik am Freihandel, die auf ein Ende der ökonomischen Globalisierung abzielt, geht aber
15 fehl. Sie verfängt aber nicht zuletzt deswegen, weil in der europäischen Öffentlichkeit zu
lange versäumt wurde, eine tiefgreifende Debatte darüber zu führen, warum wir überhaupt
Handel miteinander treiben. Wissenschaftliche Erkenntnisse, wie beispielsweise David
Ricardos Theorem der komparativen Kostenvorteile, welches den Nutzen arbeitsteiliger Wirt-
schaftsprozesse schon vor über zwei Jahrhunderten erklärte, sind weitgehend unbekannt. Da-
20 durch wird es populistischen Akteuren erleichtert, handelspolitische Sachdebatten durch
symbolpolitisch aufgeladene Kampagnen zu überlagern. Europa muss sich entscheiden:
Rule-maker oder rule-taker?
Die politische Schwäche der Befürworter von Freihandelsabkommen hat ihre Ursache nicht
nur in deren Komplexität und ihrer Regelungsdichte. Die deutsche und europäische Politik
25 hatte sich sehr lange wie selbstverständlich in der „neuen Weltordnung“ nach dem Zerfall
der Sowjetunion 1991 eingerichtet. 1995 wurde die Welthandelsorganisation gegründet und
die Mitgliedschaft in dieser auf einen Großteil der Weltwirtschaft ausgedehnt. In jener Auf-
bruchsphase der 1990er-Jahre mehrten sich die Stimmen von einem „Ende der Geschichte“,
wie der amerikanische Soziologe Francis Fukuyama die Vorstellung des endgültigen Triumphs
30 eines westlichen Governance-Modells aus liberaler Demokratie, freiem Welthandel und koope-
rativem Multilateralismus pointiert formulierte. Von dieser Vorstellung ist zu Beginn des
dritten Jahrzehnts im 21. Jahrhundert kaum noch etwas übrig.
In einer Welt unilateral agierender Supermächte stehen die Europäer vor der Herausforderung,
nicht zur politischen und wirtschaftlichen Verfügungsmasse anderer zu werden. Die Kern-
35 frage ist dabei, ob die EU rule-maker bleibt oder rule-taker wird, also ob wir Europäer die
regulatorischen Spielregeln der künftigen wirtschaftlichen und politischen Weltordnung
mitverfassen oder ob wir gezwungen sein werden, Standards aus anderen Machtzentren zu
übernehmen.
Diese Frage ist keineswegs banal oder rein akademischer Natur. Wir wissen heute nicht, ob
40 sich europäische Regulierungsniveaus im Datenschutz, Umweltschutz oder dem Schutz von
Arbeitnehmerrechten durchsetzen werden. Das hängt davon ab, ob es gelingt, unsere Standards
zum Maßstab für die Spielregeln der Globalisierung werden zu lassen, ob wir Ordnungsmacht
sein können und wollen. Die Beantwortung dieser Frage ist nicht nur für die Legitimation
unserer Wirtschaftsordnung und die Grundlage unseres Wohlstands zentral. Sie entscheidet
45 auch darüber, ob wir unsere Art zu leben, unseren „European Way of Life“ der liberalen
Demokratie mit Rechtsstaatlichkeit, individuell einklagbaren Menschenrechten und sozialer
Marktwirtschaft erhalten können.
Ein zentrales Instrument zum Export europäischer Normen sind Handelsverträge. Die Euro-
päische Kommission hat in den vergangenen Jahren wichtige Abkommen [...] schließen
50 können. [...]
Die laufende Wahlperiode der europäischen Institutionen bis 2024 ist von entscheidender
Bedeutung. Noch besteht für Drittstaaten ein großer Anreiz, vereinfachten Marktzugang
zum größten Binnenmarkt der Welt zu erhalten. Doch dieses Zeitfenster beginnt sich zu
schließen, nicht nur aufgrund der kontinuierlich abnehmenden Bedeutung der Europäer für
55 die globale Volkswirtschaft. Aufstrebende Wirtschaftsmächte, insbesondere die Volksre-
publik China, entdecken zunehmend die Bedeutung von normativer Macht für ihre Außen-
politik. [...]
Das ratifikationsreife EU-Mercosur-Abkommen 1 ist ein Testfall dafür, wie ernst es den Euro-
päern mit der Zukunft der liberalen Handelsordnung ist. Der Vertrag ist ein regulatorischer
60 Meilenstein, gerade aufgrund seiner Regelungen im Bereich der Umwelt- und Sozialstandards.
Alle Vertragsstaaten verpflichten sich unter anderem zur strikten Einhaltung des Pariser
Klimaabkommens, der Biodiversitätskonvention und des Washingtoner Artenschutzabkom-
mens. Für Brasilien wird festgeschrieben, bis 2030 zwölf Millionen Hektar Wald wieder-
aufzuforsten. Dennoch stimmte eine Mehrheit von 345 zu 295 Abgeordneten des Europäi-
65 schen Parlaments mit einer symbolischen Resolution im Oktober 2020 gegen das Abkommen.
Ein zentrales Argument der Gegner des Vertrages sind die Bilder brennender Urwälder in
Brasilien. Das Problem illegaler Brandrodungen würde durch das Abkommen weiter ver-
schärft. Dabei ist die Frage doch nicht, ob der Amazonas-Regenwald geschützt werden sollte,
sondern wie dies am effektivsten geschehen kann. Das Abkommen nicht abzuschließen,
70 würde bedeuten, die Tür für europäischen Einfluss in Lateinamerika zuzuschlagen und keinen
Einfluss auf die Lösung des Problems zu haben. Präsident Bolsonaro 2 hat mehrfach erklärt,
dass Brasilien das Pariser Klimaabkommen ohne die Perspektive eines Abkommens mit der
EU schon längst verlassen hätte.
[...]
75 Das Abkommen schafft Anreize für hochwertige Produkte, weil die Importzölle zwar abge-
senkt, aber nicht aufgehoben werden, auch um unsere heimische Landwirtschaft vor Massen-
importen zu schützen. Damit geben wir nicht nur vielen Menschen in den ärmsten Regionen
der Mercosur-Staaten eine wirtschaftliche Perspektive, wir schützen auch den unwieder-
bringlichen Lebensraum seltener Arten.
80 [...]
Regelbasierter Freihandel steht effektivem Klimaschutz nicht im Weg. Im Gegenteil, ohne
solche Abkommen werden wir dem Klimaschutz perspektivisch schaden. Wenn die EU ihre
Zusagen gegenüber den Mercosur-Staaten nicht einhält und das Abkommen scheitern lässt,
werden sich Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay noch stärker als bisher dem
85 chinesischen Markt zuwenden. In etwaigen Abkommen mit der chinesischen Regierung
wird es dann wohl eher keine Verpflichtungen zu europäischen Umwelt- und Sozialstandards
geben. [...]
An der Entscheidung über das EU-Mercosur-Abkommen wird sich zeigen, ob die Europäer
willens und in der Lage sind, die Funktion einer Ordnungsmacht der wertebasierten Globali-
90 sierung zu übernehmen oder ob sie ihren normativen Gestaltungsanspruch an andere abtreten.
Zum Autor: Sven Simon, geb. 1978, ist Professor für Völker- und Europarecht an der Philipps-Universität Marburg und, als Fraktionsmitglied der Europäischen Volkspartei (EVP) im Europäischen Parlament, Berichterstatter für das EU-Mercosur-Abkommen.
Anmerkungen:
1 Mercosur: Mercado Común del Sur (dt.: Gemeinsamer Markt des Südens). EU-Mercosur-Abkommen: verhandeltes Freihandelsabkommen zwischen einer Mehrzahl südamerikanischer Staaten (Mercosur-Gruppe: u.a. Argentinien, Brasilien, Uruguay) und der Europäischen Union.
2 Jair Bolsonaro war von 2019–2022 Präsident Brasiliens.
2. b)
Erläutern Sie unter Heranziehung zweier Textstellen, inwiefern der Text mit Konzepten von Global Governance in Verbindung steht. [16 Punkte]
Aufgabe HT 2 - Aufgabe 3 · Globalisierung, internationaler Handel und Standort Deutschland
Sven Simon
Ordnungsmacht der Globalisierung
Die wirtschaftliche Globalisierung hat in den vergangenen Jahrzehnten verbunden mit einem
liberalen Handels- und Weltwirtschaftsmodell in Asien, Afrika, Osteuropa und Lateiname-
rika hunderte Millionen Menschen aus der Armut befreit. In Deutschland hat sie die export-
basierte Wohlstandsgrundlage abgesichert. Dennoch befindet sich der internationale Handel
5 in einer tiefen Legitimationskrise.
In den liberalen Demokratien haben politische Kräfte, welche die Vorteile globaler Wert-
schöpfungsprozesse in Frage stellen, massiv an Zustimmung gewonnen. In der öffentlichen
Debatte werden oftmals [...] protektionistisch argumentierende Akteure besonders wahrge-
nommen, wie beispielsweise bis vor kurzem die Trump-Regierung in den Vereinigten Staaten.
10 Diesseits des Atlantiks erstarken Vorstellungen, dass die Nachteile des globalen Handels
hinsichtlich des Klimaschutzes oder der sozialen Gerechtigkeit dessen Vorteile überwiegen.
Manche Kritikpunkte an derzeitigen Handelsprozessen, insbesondere hinsichtlich der fehlen-
den Einpreisung ökologischer und sozialer Faktoren, sind durchaus berechtigt. Grundsätzliche
Kritik am Freihandel, die auf ein Ende der ökonomischen Globalisierung abzielt, geht aber
15 fehl. Sie verfängt aber nicht zuletzt deswegen, weil in der europäischen Öffentlichkeit zu
lange versäumt wurde, eine tiefgreifende Debatte darüber zu führen, warum wir überhaupt
Handel miteinander treiben. Wissenschaftliche Erkenntnisse, wie beispielsweise David
Ricardos Theorem der komparativen Kostenvorteile, welches den Nutzen arbeitsteiliger Wirt-
schaftsprozesse schon vor über zwei Jahrhunderten erklärte, sind weitgehend unbekannt. Da-
20 durch wird es populistischen Akteuren erleichtert, handelspolitische Sachdebatten durch
symbolpolitisch aufgeladene Kampagnen zu überlagern. Europa muss sich entscheiden:
Rule-maker oder rule-taker?
Die politische Schwäche der Befürworter von Freihandelsabkommen hat ihre Ursache nicht
nur in deren Komplexität und ihrer Regelungsdichte. Die deutsche und europäische Politik
25 hatte sich sehr lange wie selbstverständlich in der „neuen Weltordnung“ nach dem Zerfall
der Sowjetunion 1991 eingerichtet. 1995 wurde die Welthandelsorganisation gegründet und
die Mitgliedschaft in dieser auf einen Großteil der Weltwirtschaft ausgedehnt. In jener Auf-
bruchsphase der 1990er-Jahre mehrten sich die Stimmen von einem „Ende der Geschichte“,
wie der amerikanische Soziologe Francis Fukuyama die Vorstellung des endgültigen Triumphs
30 eines westlichen Governance-Modells aus liberaler Demokratie, freiem Welthandel und koope-
rativem Multilateralismus pointiert formulierte. Von dieser Vorstellung ist zu Beginn des
dritten Jahrzehnts im 21. Jahrhundert kaum noch etwas übrig.
In einer Welt unilateral agierender Supermächte stehen die Europäer vor der Herausforderung,
nicht zur politischen und wirtschaftlichen Verfügungsmasse anderer zu werden. Die Kern-
35 frage ist dabei, ob die EU rule-maker bleibt oder rule-taker wird, also ob wir Europäer die
regulatorischen Spielregeln der künftigen wirtschaftlichen und politischen Weltordnung
mitverfassen oder ob wir gezwungen sein werden, Standards aus anderen Machtzentren zu
übernehmen.
Diese Frage ist keineswegs banal oder rein akademischer Natur. Wir wissen heute nicht, ob
40 sich europäische Regulierungsniveaus im Datenschutz, Umweltschutz oder dem Schutz von
Arbeitnehmerrechten durchsetzen werden. Das hängt davon ab, ob es gelingt, unsere Standards
zum Maßstab für die Spielregeln der Globalisierung werden zu lassen, ob wir Ordnungsmacht
sein können und wollen. Die Beantwortung dieser Frage ist nicht nur für die Legitimation
unserer Wirtschaftsordnung und die Grundlage unseres Wohlstands zentral. Sie entscheidet
45 auch darüber, ob wir unsere Art zu leben, unseren „European Way of Life“ der liberalen
Demokratie mit Rechtsstaatlichkeit, individuell einklagbaren Menschenrechten und sozialer
Marktwirtschaft erhalten können.
Ein zentrales Instrument zum Export europäischer Normen sind Handelsverträge. Die Euro-
päische Kommission hat in den vergangenen Jahren wichtige Abkommen [...] schließen
50 können. [...]
Die laufende Wahlperiode der europäischen Institutionen bis 2024 ist von entscheidender
Bedeutung. Noch besteht für Drittstaaten ein großer Anreiz, vereinfachten Marktzugang
zum größten Binnenmarkt der Welt zu erhalten. Doch dieses Zeitfenster beginnt sich zu
schließen, nicht nur aufgrund der kontinuierlich abnehmenden Bedeutung der Europäer für
55 die globale Volkswirtschaft. Aufstrebende Wirtschaftsmächte, insbesondere die Volksre-
publik China, entdecken zunehmend die Bedeutung von normativer Macht für ihre Außen-
politik. [...]
Das ratifikationsreife EU-Mercosur-Abkommen 1 ist ein Testfall dafür, wie ernst es den Euro-
päern mit der Zukunft der liberalen Handelsordnung ist. Der Vertrag ist ein regulatorischer
60 Meilenstein, gerade aufgrund seiner Regelungen im Bereich der Umwelt- und Sozialstandards.
Alle Vertragsstaaten verpflichten sich unter anderem zur strikten Einhaltung des Pariser
Klimaabkommens, der Biodiversitätskonvention und des Washingtoner Artenschutzabkom-
mens. Für Brasilien wird festgeschrieben, bis 2030 zwölf Millionen Hektar Wald wieder-
aufzuforsten. Dennoch stimmte eine Mehrheit von 345 zu 295 Abgeordneten des Europäi-
65 schen Parlaments mit einer symbolischen Resolution im Oktober 2020 gegen das Abkommen.
Ein zentrales Argument der Gegner des Vertrages sind die Bilder brennender Urwälder in
Brasilien. Das Problem illegaler Brandrodungen würde durch das Abkommen weiter ver-
schärft. Dabei ist die Frage doch nicht, ob der Amazonas-Regenwald geschützt werden sollte,
sondern wie dies am effektivsten geschehen kann. Das Abkommen nicht abzuschließen,
70 würde bedeuten, die Tür für europäischen Einfluss in Lateinamerika zuzuschlagen und keinen
Einfluss auf die Lösung des Problems zu haben. Präsident Bolsonaro 2 hat mehrfach erklärt,
dass Brasilien das Pariser Klimaabkommen ohne die Perspektive eines Abkommens mit der
EU schon längst verlassen hätte.
[...]
75 Das Abkommen schafft Anreize für hochwertige Produkte, weil die Importzölle zwar abge-
senkt, aber nicht aufgehoben werden, auch um unsere heimische Landwirtschaft vor Massen-
importen zu schützen. Damit geben wir nicht nur vielen Menschen in den ärmsten Regionen
der Mercosur-Staaten eine wirtschaftliche Perspektive, wir schützen auch den unwieder-
bringlichen Lebensraum seltener Arten.
80 [...]
Regelbasierter Freihandel steht effektivem Klimaschutz nicht im Weg. Im Gegenteil, ohne
solche Abkommen werden wir dem Klimaschutz perspektivisch schaden. Wenn die EU ihre
Zusagen gegenüber den Mercosur-Staaten nicht einhält und das Abkommen scheitern lässt,
werden sich Argentinien, Brasilien, Paraguay und Uruguay noch stärker als bisher dem
85 chinesischen Markt zuwenden. In etwaigen Abkommen mit der chinesischen Regierung
wird es dann wohl eher keine Verpflichtungen zu europäischen Umwelt- und Sozialstandards
geben. [...]
An der Entscheidung über das EU-Mercosur-Abkommen wird sich zeigen, ob die Europäer
willens und in der Lage sind, die Funktion einer Ordnungsmacht der wertebasierten Globali-
90 sierung zu übernehmen oder ob sie ihren normativen Gestaltungsanspruch an andere abtreten.
Zum Autor: Sven Simon, geb. 1978, ist Professor für Völker- und Europarecht an der Philipps-Universität Marburg und, als Fraktionsmitglied der Europäischen Volkspartei (EVP) im Europäischen Parlament, Berichterstatter für das EU-Mercosur-Abkommen.
Anmerkungen:
1 Mercosur: Mercado Común del Sur (dt.: Gemeinsamer Markt des Südens). EU-Mercosur-Abkommen: verhandeltes Freihandelsabkommen zwischen einer Mehrzahl südamerikanischer Staaten (Mercosur-Gruppe: u.a. Argentinien, Brasilien, Uruguay) und der Europäischen Union.
2 Jair Bolsonaro war von 2019–2022 Präsident Brasiliens.
3.
Erörtern Sie unter ökonomischen und politischen Gesichtspunkten, ob es sinnvoll ist, dass die EU bei Freihandelsabkommen einen „Export europäischer Normen“ (Z. 48) fördert. Beziehen Sie in Ihre Überlegungen auch den Standpunkt des Autors mit ein. [30 Punkte]
Aufgabe HT 3 - Aufgabe 1 · Sozialstaat und soziale Sicherung
M 1
Marcel Fratzscher
Das gebrochene Aufstiegsversprechen
Die Mittelschicht ist in den vergangenen 25 Jahren deutlich geschrumpft – und dies in keinem
vergleichbaren Industrieland so stark wie in Deutschland, selbst in den USA nicht. Das zeigt
eine neue Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD)
und der Bertelsmann Stiftung. Vor allem die untere Einkommensschicht ist deutlich gewachsen.
5 Trotz Wirtschaftsbooms in den 2010er-Jahren hat das Armutsrisiko in Deutschland zuge-
nommen.
Die eine Seite der Kommentatoren wiegelt ab, dies sei kein Problem und hätte gute Erklärungen.
Die andere Seite sieht darin eine zunehmende soziale Polarisierung und das Spiegelbild abneh-
mender Chancengleichheit und sozialer Mobilität. In der Tat ist die schrumpfende Mittelschicht
10 ein viel größeres Problem, als viele wahrnehmen, und könnte sich für Deutschland in den kom-
menden Jahren rächen.
Die Zahlen und Fakten sprechen eine klare Sprache: Die Mittelschicht in Deutschland (defi-
niert über ein monatliches Nettoeinkommen für eine vierköpfige Familie zwischen 3.000 und
8.000 Euro) ist von 70 Prozent der gesamten Bevölkerung 1995 auf 64 Prozent im Jahr 2018
15 geschrumpft. Dies wird vor allem durch eine abnehmende „untere Mittelschicht“ (Einkommen
zwischen 3.000 und 4.000 Euro) erklärt, die in die untere Einkommensschicht (Einkommen
von weniger als 3.000 Euro) abgerutscht sind. Die Gruppe der Spitzenverdienerinnen (Ein-
kommen von mehr als 8.000 Euro) ist dagegen gewachsen.
Im Klartext heißt das, dass die Polarisierung bei den Einkommen zunimmt. Eine vielleicht
20 noch wichtigere Botschaft ist jedoch eine andere: Diese zunehmende soziale Polarisierung
ist vor allem auch ein Resultat von abnehmender Chancengleichheit und sozialer Mobilität
in Deutschland. Zwar mag ein hohes Maß an Ungleichheit per se problematisch sein. Proble-
matischer ist es jedoch, wenn dies durch eine abnehmende Chancengleichheit in der Gesell-
schaft verursacht wird, also das Einkommen immer weniger durch eigene Entscheidungen
25 bestimmt wird, sondern durch die Herkunft, das Geschlecht, die Hautfarbe oder die sexuelle
Orientierung. Und auch das zeigt die Studie: Es sind vor allem Frauen, die einen besonders
großen Teil der Menschen mit geringen Einkommen ausmachen.
Die abnehmende soziale Mobilität betrifft immer stärker junge Menschen. Haben in den
Achtziger- und Neunzigerjahren noch 71 Prozent der damaligen 30- bis 39-Jährigen (Baby-
30 boomer) den Aufstieg in die Mittelschicht geschafft, so gelingt dies heute nur noch 61 Pro-
zent dieser Altersgruppe (Millenials).
Aber auch für andere Gruppen ist die soziale Mobilität gering und hat deutlich abgenommen.
Drei von vier Menschen, die vor vier Jahren von Armut betroffen waren, leben auch heute
noch in Armut oder sind zumindest von Armut bedroht. Die größte Persistenz 1 der Stellung
35 bei den Einkommen gibt es jedoch bei den Spitzenverdienern. Zwei von drei Menschen, die
vor vier Jahren zu den Topverdienern gehörten, sind auch heute noch in dieser Gruppe. Ein
Rückgang der Einkommen ist für sie ungewöhnlich selten und geschieht meist erst dann, wenn
sie aus dem aktiven Arbeitsleben in die Rente wechseln.
Eine zentrale Ursache ist, dass Bildung immer wichtiger wird, um die Stellung der Menschen
40 innerhalb der Einkommensverteilung in Deutschland zu erklären. Der Anteil junger Menschen
mit einem niedrigen und mittleren Bildungsniveau, die es in die Mittelschicht schaffen, nimmt
dramatisch ab. Das Spiegelbild der zunehmenden Polarisierung und der seit 1995 gewach-
senen Gruppe mit geringem Einkommen und Armutsgefährdung ist auch der gewachsene
Niedriglohnsektor sowie der deutlich größere Anteil prekärer Beschäftigung wie Minijobs.
45 Auch die hohe Vermögensungleichheit in Deutschland, die eine der höchsten unter Industrie-
ländern ist, spielt eine erhebliche Rolle. Denn ein immer größerer Teil des Vermögens wird
vererbt, meistens an Menschen, die selbst ein hohes Einkommen und Vermögen haben. Somit
steigt auch der Anteil der Kapitaleinkommen für die Spitzenverdienerinnen und Spitzenver-
diener. Dies bedeutet, ein steigender Anteil der Einkommen von Menschen mit ohnehin sehr
50 hohen Einkommen stammt aus Erträgen von Vermögen wie Immobilien, Aktien oder Unter-
nehmen – und ein abnehmender Teil von der eigenen Hände Arbeit. Auch dies reduziert die
Einkommensmobilität und trägt mit zur Polarisierung der Gesellschaft bei.
[...]
Bei der Verteilung von Einkommen und Vermögen geht es um Gerechtigkeit, wirtschaftliche
55 Chancen und Effizienz und vor allem auch um soziale Teilhabe. Eine schrumpfende Mittel-
schicht und eine zunehmende Gruppe von Menschen in Armut oder mit Armutsrisiko ist ein
existenzielles Problem für eine jede Gesellschaft – sowohl sozial, wirtschaftlich als auch
politisch.
Die Corona-Pandemie wird in den kommenden Jahren das Problem der sozialen Polarisierung
60 nicht besser machen, sondern deutlich verschärfen. Denn zahlreiche Studien zeigen, dass vor
allem Kinder und Jugendliche aus einkommensschwachen Familien bei Bildung, Gesund-
heit und Chancen besonders großen Schaden erlitten haben und dies noch immer tun. Auf
dem Arbeitsmarkt sind vor allem Menschen mit prekären Jobs und Solo-Selbstständige 2
besonders gefährdet. Alles deutet darauf hin, dass die Pandemie und auch die anstehende
65 wirtschaftliche Transformation in Bezug auf Digitalisierung Beschleuniger einer weiterhin
schrumpfenden Mittelschicht sein werden.
Auch daher muss die Politik die Frage der sozialen Polarisierung sehr viel stärker in den
Mittelpunkt rücken, als sie es bisher getan hat. Die gute Nachricht ist, dass wir sehr genau
wissen, wie die zunehmende Polarisierung adressiert werden kann. Eine Verbesserung der
70 Qualität der Bildung und vor allem gleichere Bildungschancen, ein kleinerer Niedriglohn-
sektor und bessere Löhne und Einkommen vor allem auch systemrelevanter Berufe, ein
Steuersystem, das Arbeit weniger stark und dafür Vermögen stärker belastet, und ein Sozial-
system, das viel stärker aktivierend wirkt und Chancen eröffnet, sind alles essenzielle Ele-
mente einer Strategie, die der sozialen Polarisierung entgegenwirkt. So können wir unserem
75 Gesellschaftsvertrag der sozialen Marktwirtschaft wieder gerechter werden.
1 Persistenz: Dauerhaftigkeit eines Zustands
2 Solo-Selbstständige: Selbstständige, die keine Mitarbeitenden beschäftigen – häufig in der Anfangsphase eines Unternehmens
Zum Autor:
Marcel Fratzscher, geb. 1971, leitet das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und ist Professor für Makroökonomie an der Humboldt-Universität zu Berlin.
M 2: Einkommensschichtung 1995 – 2018 (in %; Auszug)
Datenbasis: SOEPv35
Zur Datenbasis:
Das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) ist eine repräsentative Wiederholungsbefragung privater Haushalte in Deutschland, die im jährlichen Rhythmus seit 1984 bei denselben Personen und Familien in der Bundesrepublik durchgeführt wird.
Zur besseren Vergleichbarkeit der Einkommenssituation von Haushalten mit jeweils unterschiedlichen Größen werden die den Haushalten verfügbaren gewichteten Nettoäquivalenzeinkommen berechnet. Dazu wird die Summe der Nettoeinkommen der Haushaltsmitglieder mit der Anzahl der Haushaltsmitglieder verrechnet, wobei entlang deren Alter gewichtet wird.
Aufgabenstellung:
Thema: Gesellschaftliche Polarisierung – Soll der Staat in Deutschland stärker darauf hinwirken, Einkommensungleichheiten abzubauen?
1. Stellen Sie die Ziele und die verfassungsrechtlichen Grundlagen des deutschen Sozialstaats sowie zwei Prinzipien der sozialen Sicherung dar. [24 Punkte]
Aufgabe HT 3 - Aufgabe 2 · Soziale Ungleichheit und Sozialstruktur
M 1
Marcel Fratzscher
Das gebrochene Aufstiegsversprechen
Die Mittelschicht ist in den vergangenen 25 Jahren deutlich geschrumpft – und dies in keinem
vergleichbaren Industrieland so stark wie in Deutschland, selbst in den USA nicht. Das zeigt
eine neue Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD)
und der Bertelsmann Stiftung. Vor allem die untere Einkommensschicht ist deutlich gewachsen.
5 Trotz Wirtschaftsbooms in den 2010er-Jahren hat das Armutsrisiko in Deutschland zuge-
nommen.
Die eine Seite der Kommentatoren wiegelt ab, dies sei kein Problem und hätte gute Erklärungen.
Die andere Seite sieht darin eine zunehmende soziale Polarisierung und das Spiegelbild abneh-
mender Chancengleichheit und sozialer Mobilität. In der Tat ist die schrumpfende Mittelschicht
10 ein viel größeres Problem, als viele wahrnehmen, und könnte sich für Deutschland in den kom-
menden Jahren rächen.
Die Zahlen und Fakten sprechen eine klare Sprache: Die Mittelschicht in Deutschland (defi-
niert über ein monatliches Nettoeinkommen für eine vierköpfige Familie zwischen 3.000 und
8.000 Euro) ist von 70 Prozent der gesamten Bevölkerung 1995 auf 64 Prozent im Jahr 2018
15 geschrumpft. Dies wird vor allem durch eine abnehmende „untere Mittelschicht“ (Einkommen
zwischen 3.000 und 4.000 Euro) erklärt, die in die untere Einkommensschicht (Einkommen
von weniger als 3.000 Euro) abgerutscht sind. Die Gruppe der Spitzenverdienerinnen (Ein-
kommen von mehr als 8.000 Euro) ist dagegen gewachsen.
Im Klartext heißt das, dass die Polarisierung bei den Einkommen zunimmt. Eine vielleicht
20 noch wichtigere Botschaft ist jedoch eine andere: Diese zunehmende soziale Polarisierung
ist vor allem auch ein Resultat von abnehmender Chancengleichheit und sozialer Mobilität
in Deutschland. Zwar mag ein hohes Maß an Ungleichheit per se problematisch sein. Proble-
matischer ist es jedoch, wenn dies durch eine abnehmende Chancengleichheit in der Gesell-
schaft verursacht wird, also das Einkommen immer weniger durch eigene Entscheidungen
25 bestimmt wird, sondern durch die Herkunft, das Geschlecht, die Hautfarbe oder die sexuelle
Orientierung. Und auch das zeigt die Studie: Es sind vor allem Frauen, die einen besonders
großen Teil der Menschen mit geringen Einkommen ausmachen.
Die abnehmende soziale Mobilität betrifft immer stärker junge Menschen. Haben in den
Achtziger- und Neunzigerjahren noch 71 Prozent der damaligen 30- bis 39-Jährigen (Baby-
30 boomer) den Aufstieg in die Mittelschicht geschafft, so gelingt dies heute nur noch 61 Pro-
zent dieser Altersgruppe (Millenials).
Aber auch für andere Gruppen ist die soziale Mobilität gering und hat deutlich abgenommen.
Drei von vier Menschen, die vor vier Jahren von Armut betroffen waren, leben auch heute
noch in Armut oder sind zumindest von Armut bedroht. Die größte Persistenz 1 der Stellung
35 bei den Einkommen gibt es jedoch bei den Spitzenverdienern. Zwei von drei Menschen, die
vor vier Jahren zu den Topverdienern gehörten, sind auch heute noch in dieser Gruppe. Ein
Rückgang der Einkommen ist für sie ungewöhnlich selten und geschieht meist erst dann, wenn
sie aus dem aktiven Arbeitsleben in die Rente wechseln.
Eine zentrale Ursache ist, dass Bildung immer wichtiger wird, um die Stellung der Menschen
40 innerhalb der Einkommensverteilung in Deutschland zu erklären. Der Anteil junger Menschen
mit einem niedrigen und mittleren Bildungsniveau, die es in die Mittelschicht schaffen, nimmt
dramatisch ab. Das Spiegelbild der zunehmenden Polarisierung und der seit 1995 gewach-
senen Gruppe mit geringem Einkommen und Armutsgefährdung ist auch der gewachsene
Niedriglohnsektor sowie der deutlich größere Anteil prekärer Beschäftigung wie Minijobs.
45 Auch die hohe Vermögensungleichheit in Deutschland, die eine der höchsten unter Industrie-
ländern ist, spielt eine erhebliche Rolle. Denn ein immer größerer Teil des Vermögens wird
vererbt, meistens an Menschen, die selbst ein hohes Einkommen und Vermögen haben. Somit
steigt auch der Anteil der Kapitaleinkommen für die Spitzenverdienerinnen und Spitzenver-
diener. Dies bedeutet, ein steigender Anteil der Einkommen von Menschen mit ohnehin sehr
50 hohen Einkommen stammt aus Erträgen von Vermögen wie Immobilien, Aktien oder Unter-
nehmen – und ein abnehmender Teil von der eigenen Hände Arbeit. Auch dies reduziert die
Einkommensmobilität und trägt mit zur Polarisierung der Gesellschaft bei.
[...]
Bei der Verteilung von Einkommen und Vermögen geht es um Gerechtigkeit, wirtschaftliche
55 Chancen und Effizienz und vor allem auch um soziale Teilhabe. Eine schrumpfende Mittel-
schicht und eine zunehmende Gruppe von Menschen in Armut oder mit Armutsrisiko ist ein
existenzielles Problem für eine jede Gesellschaft – sowohl sozial, wirtschaftlich als auch
politisch.
Die Corona-Pandemie wird in den kommenden Jahren das Problem der sozialen Polarisierung
60 nicht besser machen, sondern deutlich verschärfen. Denn zahlreiche Studien zeigen, dass vor
allem Kinder und Jugendliche aus einkommensschwachen Familien bei Bildung, Gesund-
heit und Chancen besonders großen Schaden erlitten haben und dies noch immer tun. Auf
dem Arbeitsmarkt sind vor allem Menschen mit prekären Jobs und Solo-Selbstständige 2
besonders gefährdet. Alles deutet darauf hin, dass die Pandemie und auch die anstehende
65 wirtschaftliche Transformation in Bezug auf Digitalisierung Beschleuniger einer weiterhin
schrumpfenden Mittelschicht sein werden.
Auch daher muss die Politik die Frage der sozialen Polarisierung sehr viel stärker in den
Mittelpunkt rücken, als sie es bisher getan hat. Die gute Nachricht ist, dass wir sehr genau
wissen, wie die zunehmende Polarisierung adressiert werden kann. Eine Verbesserung der
70 Qualität der Bildung und vor allem gleichere Bildungschancen, ein kleinerer Niedriglohn-
sektor und bessere Löhne und Einkommen vor allem auch systemrelevanter Berufe, ein
Steuersystem, das Arbeit weniger stark und dafür Vermögen stärker belastet, und ein Sozial-
system, das viel stärker aktivierend wirkt und Chancen eröffnet, sind alles essenzielle Ele-
mente einer Strategie, die der sozialen Polarisierung entgegenwirkt. So können wir unserem
75 Gesellschaftsvertrag der sozialen Marktwirtschaft wieder gerechter werden.
1 Persistenz: Dauerhaftigkeit eines Zustands
2 Solo-Selbstständige: Selbstständige, die keine Mitarbeitenden beschäftigen – häufig in der Anfangsphase eines Unternehmens
Zum Autor:
Marcel Fratzscher, geb. 1971, leitet das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und ist Professor für Makroökonomie an der Humboldt-Universität zu Berlin.
M 2: Einkommensschichtung 1995 – 2018 (in %; Auszug)
Datenbasis: SOEPv35
Zur Datenbasis:
Das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) ist eine repräsentative Wiederholungsbefragung privater Haushalte in Deutschland, die im jährlichen Rhythmus seit 1984 bei denselben Personen und Familien in der Bundesrepublik durchgeführt wird.
Zur besseren Vergleichbarkeit der Einkommenssituation von Haushalten mit jeweils unterschiedlichen Größen werden die den Haushalten verfügbaren gewichteten Nettoäquivalenzeinkommen berechnet. Dazu wird die Summe der Nettoeinkommen der Haushaltsmitglieder mit der Anzahl der Haushaltsmitglieder verrechnet, wobei entlang deren Alter gewichtet wird.
a)
Analysieren Sie den Text M 1 hinsichtlich der Haltung des Autors zur Sozialstruktur Deutschlands und der Art, wie er dafür argumentiert.
[30 Punkte]
b)
Werten Sie das statistische Material M 2 mit Blick auf Strukturen der Einkommensungleichheit aus und vergleichen Sie Ihr Ergebnis mit den entsprechenden Aussagen des Autors von M 1.
[16 Punkte]
Aufgabe HT 3 - Aufgabe 3 · Soziale Ungleichheit und Sozialstruktur
M 1
Marcel Fratzscher
Das gebrochene Aufstiegsversprechen
Die Mittelschicht ist in den vergangenen 25 Jahren deutlich geschrumpft – und dies in keinem
vergleichbaren Industrieland so stark wie in Deutschland, selbst in den USA nicht. Das zeigt
eine neue Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD)
und der Bertelsmann Stiftung. Vor allem die untere Einkommensschicht ist deutlich gewachsen.
5 Trotz Wirtschaftsbooms in den 2010er-Jahren hat das Armutsrisiko in Deutschland zuge-
nommen.
Die eine Seite der Kommentatoren wiegelt ab, dies sei kein Problem und hätte gute Erklärungen.
Die andere Seite sieht darin eine zunehmende soziale Polarisierung und das Spiegelbild abneh-
mender Chancengleichheit und sozialer Mobilität. In der Tat ist die schrumpfende Mittelschicht
10 ein viel größeres Problem, als viele wahrnehmen, und könnte sich für Deutschland in den kom-
menden Jahren rächen.
Die Zahlen und Fakten sprechen eine klare Sprache: Die Mittelschicht in Deutschland (defi-
niert über ein monatliches Nettoeinkommen für eine vierköpfige Familie zwischen 3.000 und
8.000 Euro) ist von 70 Prozent der gesamten Bevölkerung 1995 auf 64 Prozent im Jahr 2018
15 geschrumpft. Dies wird vor allem durch eine abnehmende „untere Mittelschicht“ (Einkommen
zwischen 3.000 und 4.000 Euro) erklärt, die in die untere Einkommensschicht (Einkommen
von weniger als 3.000 Euro) abgerutscht sind. Die Gruppe der Spitzenverdienerinnen (Ein-
kommen von mehr als 8.000 Euro) ist dagegen gewachsen.
Im Klartext heißt das, dass die Polarisierung bei den Einkommen zunimmt. Eine vielleicht
20 noch wichtigere Botschaft ist jedoch eine andere: Diese zunehmende soziale Polarisierung
ist vor allem auch ein Resultat von abnehmender Chancengleichheit und sozialer Mobilität
in Deutschland. Zwar mag ein hohes Maß an Ungleichheit per se problematisch sein. Proble-
matischer ist es jedoch, wenn dies durch eine abnehmende Chancengleichheit in der Gesell-
schaft verursacht wird, also das Einkommen immer weniger durch eigene Entscheidungen
25 bestimmt wird, sondern durch die Herkunft, das Geschlecht, die Hautfarbe oder die sexuelle
Orientierung. Und auch das zeigt die Studie: Es sind vor allem Frauen, die einen besonders
großen Teil der Menschen mit geringen Einkommen ausmachen.
Die abnehmende soziale Mobilität betrifft immer stärker junge Menschen. Haben in den
Achtziger- und Neunzigerjahren noch 71 Prozent der damaligen 30- bis 39-Jährigen (Baby-
30 boomer) den Aufstieg in die Mittelschicht geschafft, so gelingt dies heute nur noch 61 Pro-
zent dieser Altersgruppe (Millenials).
Aber auch für andere Gruppen ist die soziale Mobilität gering und hat deutlich abgenommen.
Drei von vier Menschen, die vor vier Jahren von Armut betroffen waren, leben auch heute
noch in Armut oder sind zumindest von Armut bedroht. Die größte Persistenz 1 der Stellung
35 bei den Einkommen gibt es jedoch bei den Spitzenverdienern. Zwei von drei Menschen, die
vor vier Jahren zu den Topverdienern gehörten, sind auch heute noch in dieser Gruppe. Ein
Rückgang der Einkommen ist für sie ungewöhnlich selten und geschieht meist erst dann, wenn
sie aus dem aktiven Arbeitsleben in die Rente wechseln.
Eine zentrale Ursache ist, dass Bildung immer wichtiger wird, um die Stellung der Menschen
40 innerhalb der Einkommensverteilung in Deutschland zu erklären. Der Anteil junger Menschen
mit einem niedrigen und mittleren Bildungsniveau, die es in die Mittelschicht schaffen, nimmt
dramatisch ab. Das Spiegelbild der zunehmenden Polarisierung und der seit 1995 gewach-
senen Gruppe mit geringem Einkommen und Armutsgefährdung ist auch der gewachsene
Niedriglohnsektor sowie der deutlich größere Anteil prekärer Beschäftigung wie Minijobs.
45 Auch die hohe Vermögensungleichheit in Deutschland, die eine der höchsten unter Industrie-
ländern ist, spielt eine erhebliche Rolle. Denn ein immer größerer Teil des Vermögens wird
vererbt, meistens an Menschen, die selbst ein hohes Einkommen und Vermögen haben. Somit
steigt auch der Anteil der Kapitaleinkommen für die Spitzenverdienerinnen und Spitzenver-
diener. Dies bedeutet, ein steigender Anteil der Einkommen von Menschen mit ohnehin sehr
50 hohen Einkommen stammt aus Erträgen von Vermögen wie Immobilien, Aktien oder Unter-
nehmen – und ein abnehmender Teil von der eigenen Hände Arbeit. Auch dies reduziert die
Einkommensmobilität und trägt mit zur Polarisierung der Gesellschaft bei.
[...]
Bei der Verteilung von Einkommen und Vermögen geht es um Gerechtigkeit, wirtschaftliche
55 Chancen und Effizienz und vor allem auch um soziale Teilhabe. Eine schrumpfende Mittel-
schicht und eine zunehmende Gruppe von Menschen in Armut oder mit Armutsrisiko ist ein
existenzielles Problem für eine jede Gesellschaft – sowohl sozial, wirtschaftlich als auch
politisch.
Die Corona-Pandemie wird in den kommenden Jahren das Problem der sozialen Polarisierung
60 nicht besser machen, sondern deutlich verschärfen. Denn zahlreiche Studien zeigen, dass vor
allem Kinder und Jugendliche aus einkommensschwachen Familien bei Bildung, Gesund-
heit und Chancen besonders großen Schaden erlitten haben und dies noch immer tun. Auf
dem Arbeitsmarkt sind vor allem Menschen mit prekären Jobs und Solo-Selbstständige 2
besonders gefährdet. Alles deutet darauf hin, dass die Pandemie und auch die anstehende
65 wirtschaftliche Transformation in Bezug auf Digitalisierung Beschleuniger einer weiterhin
schrumpfenden Mittelschicht sein werden.
Auch daher muss die Politik die Frage der sozialen Polarisierung sehr viel stärker in den
Mittelpunkt rücken, als sie es bisher getan hat. Die gute Nachricht ist, dass wir sehr genau
wissen, wie die zunehmende Polarisierung adressiert werden kann. Eine Verbesserung der
70 Qualität der Bildung und vor allem gleichere Bildungschancen, ein kleinerer Niedriglohn-
sektor und bessere Löhne und Einkommen vor allem auch systemrelevanter Berufe, ein
Steuersystem, das Arbeit weniger stark und dafür Vermögen stärker belastet, und ein Sozial-
system, das viel stärker aktivierend wirkt und Chancen eröffnet, sind alles essenzielle Ele-
mente einer Strategie, die der sozialen Polarisierung entgegenwirkt. So können wir unserem
75 Gesellschaftsvertrag der sozialen Marktwirtschaft wieder gerechter werden.
1 Persistenz: Dauerhaftigkeit eines Zustands
2 Solo-Selbstständige: Selbstständige, die keine Mitarbeitenden beschäftigen – häufig in der Anfangsphase eines Unternehmens
Zum Autor:
Marcel Fratzscher, geb. 1971, leitet das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und ist Professor für Makroökonomie an der Humboldt-Universität zu Berlin.
M 2: Einkommensschichtung 1995 – 2018 (in %; Auszug)
Datenbasis: SOEPv35
Zur Datenbasis:
Das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) ist eine repräsentative Wiederholungsbefragung privater Haushalte in Deutschland, die im jährlichen Rhythmus seit 1984 bei denselben Personen und Familien in der Bundesrepublik durchgeführt wird.
Zur besseren Vergleichbarkeit der Einkommenssituation von Haushalten mit jeweils unterschiedlichen Größen werden die den Haushalten verfügbaren gewichteten Nettoäquivalenzeinkommen berechnet. Dazu wird die Summe der Nettoeinkommen der Haushaltsmitglieder mit der Anzahl der Haushaltsmitglieder verrechnet, wobei entlang deren Alter gewichtet wird.
Erörtern Sie sowohl unter ökonomischem als auch unter sozialem Blickwinkel, ob der Staat in Deutschland stärker darauf hinwirken sollte, die Ungleichheit der Einkommen zu verringern. Beziehen Sie dabei die Haltung des Autors sowie die Resultate aus Aufgabe 2 b) mit ein.
[30 Punkte]
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