Aufgabe NT 3 - 1 · Abitur NRW Sozialwissenschaften LK · Nachtermin · Wirtschaft 2023
Thema: Wirtschaftspolitische Ziele, Konjunktur und Wohlstandsmessung · Aus der Prüfung LK · Nachtermin · Wirtschaft (2023)
Aufgabenstellung
Dennis Huchzermeier, Bernhard Köster, Axel Schrinner
Die atypische Rezession
[...]
Die deutsche Wirtschaft steht am Beginn einer Rezession, die mindestens drei Quartale an-
dauern wird. Dies erwartet das Handelsblatt Research Institute (HRI) in seiner neuen Kon-
junkturprognose für Deutschland. Wegen des gesamtwirtschaftlich noch recht guten ersten
5 Halbjahrs wird laut Prognose die deutsche Wirtschaft im laufenden Jahr noch um 1,4 Prozent
wachsen; für das Jahr 2023 rechnen die HRI-Ökonomen dann mit einem Rückgang um 0,4
Prozent.
Auslöser der neuerlichen Rezession sind die Energieknappheit sowie die damit einhergehende
Teuerung. Seit Beginn des Ukrainekriegs im Februar ist die Inflation in Deutschland in die
10 Höhe geschnellt. Betrug die Inflationsrate im Januar 2022 noch 4,9 Prozent, so lag sie im
August bei 7,9 Prozent. Das HRI geht davon aus, dass der Höhepunkt der Inflation mit rund
zwölf Prozent gegen Ende dieses Jahres erreicht sein dürfte. Von da an seien keine weiteren
Preissprünge zu erwarteten, sodass auch die Inflation allmählich zurückgehe und im Gesamt-
jahr 2023 bei durchschnittlich 5,5 Prozent liege, nach 8,4 Prozent im laufenden Jahr. Binnen
15 drei Jahren wäre dann das Preisniveau in Deutschland um rund 18 Prozent gestiegen. Zum
Vergleich: In der Phase davor dauerte es rund 14 Jahre, von 2006 bis 2020, bis das Preis-
niveau ähnlich stark anstieg.
Die Preissprünge schmälern die reale Kaufkraft der Konsumenten. Weder die kräftige Mindest-
lohnerhöhung im Herbst noch Tarifabschlüsse oder Lohnerhöhungen der Arbeitgeber oder
20 die Hilfsprogramme der Bundesregierung dürften diese Kaufkraftverluste auch nur annähernd
wettmachen. „Diese Krise macht die große Mehrheit der Einwohner ärmer“, konstatiert
HRI-Präsident Bert Rürup.
[...]
Das Arbeitsvolumen erreichte nach jüngsten Daten wieder annähernd das Vor-Corona-Niveau,
25 die Arbeitskräftenachfrage ist hoch. Der reale Auftragsbestand im verarbeitenden Gewerbe
war im Sommer so hoch wie noch nie seit Beginn der Erfassung im Jahr 2015. Acht Monate
müssten die Betriebe bei gleichbleibendem Umsatz ohne neue Auftragseingänge theoretisch
produzieren, um die vorhandenen Aufträge abzuarbeiten.
Außerdem sind die Innenstädte teils fast doppelt so voll wie im Vorjahr, wie Daten des
30 City-Scanner-Betreibers Hystreet zeigen. Eine Folge: Die Umsätze der großen Warenhäuser
stiegen teils sprunghaft an und liegen nunmehr im bisherigen Jahresverlauf etwa ein Viertel
über dem Vorjahresniveau. Und laut Statistischem Bundesamt erreichte die deutsche Volks-
wirtschaft im Frühsommer endlich wieder das Vor-Corona-Niveau. Die Freude darüber
dürfte jedoch kurz sein, denn der Wirtschaftskrieg zwischen Europa und Russland drückt
35 die deutsche Volkswirtschaft gerade in die nächste Rezession. Laut HRI-Prognose wird die
Wirtschaftsleistung bereits im laufenden dritten Quartal leicht sinken. Dieser Abschwung wird
sich im Spätherbst und Winter beschleunigen, ehe sich im Frühjahr 2023 die Konjunktur stabi-
lisieren dürfte. Am Ende des ersten Quartals 2023 wird die gesamtwirtschaftliche Leistung
nahezu auf das Niveau vom Herbst 2017 gesunken sein. Dann fehlen der deutschen Volks-
40 wirtschaft mehr als fünf Jahre Trendwachstum – rund 600 Milliarden Euro, der Gegenwert
von einer Million Einfamilienhäusern.
[...]
Die hohen Energiekosten sowie die allgemeine Konjunkturschwäche werden die Anzahl der
Firmenpleiten zwar steigen lassen, doch eine echte Insolvenzwelle wird es wohl nicht geben.
45 Daher bleibt auch über den Winter 2022/23 der Arbeitsmarkt die wichtigste Konjunkturstütze.
Die derzeit von der Bundesagentur für Arbeit (BA) ausgewiesenen Arbeitslosenzahlen sind
dadurch nach oben verzerrt, dass sich in den vergangenen Monaten Flüchtlinge aus der
Ukraine arbeitslos melden mussten, um Sozialleistungen zu bekommen. Ohne diesen Effekt
geht die Arbeitslosigkeit seit dem Ende des ersten Coronaschocks im Sommer 2020 nahezu
50 stetig zurück, während die Erwerbstätigkeit im Trend steigt.
[...]
Gleichwohl wird die Beschäftigung demografiebedingt in den kommenden Monaten ihren
Höhepunkt erreichen und dann zunächst auf hohem Niveau stagnieren, ehe sie zum Ende
dieser Legislaturperiode zu sinken beginnt. Mit 45,6 Millionen Erwerbstätigen im Jahres-
55 durchschnitt dürfte das Jahr 2023 als Rekordjahr in die Wirtschaftsannalen eingehen.
Vergangene konjunkturelle Schwächephasen endeten in Deutschland zumeist mit einem An-
ziehen der Auslandsnachfrage. Industrieaufträge und schließlich die Produktion und Exporte
legten zu, was dann allmählich auch die Inlandsnachfrage wieder stärkte. In diesem Winter
stecken jedoch die wichtigsten Handelspartner Deutschlands – die Euro-Zone, die USA und
60 China – ebenfalls in wirtschaftlichen Schwierigkeiten. In Europa leiden alle Staaten in ähnli-
chem Maße unter Energieknappheit, Inflation und den ökonomischen Folgen des Ukraine-
kriegs.
[...]
Wegen der großen Unsicherheit dürften viele geplante private Investitionen zunächst zurück-
65 gestellt werden. Allerdings investiert der Staat – aber auch Private – in die Umstellung der
Energieinfrastruktur, um sich schnellstmöglich aus der Abhängigkeit von Russland zu be-
freien. Viele Bauunternehmen berichten derweil wegen steigender Kosten und Zinsen von
Auftragsstornierungen, sodass die Bauinvestitionen dieses und kommendes Jahr zurückge-
hen werden. Insgesamt sinken daher die Bruttoanlageinvestitionen im laufenden Jahr um
70 0,6 Prozent und werden 2023 stagnieren.
Mittel- bis langfristig erfordert die angestrebte Dekarbonisierung erhebliche Investitionen,
die angesichts der Größenordnung überwiegend von der Privatwirtschaft gestemmt werden
müssen. Womöglich wird die aktuelle Energiekrise dazu beitragen, dass diese Schritte – sofern
technisch möglich – schneller umgesetzt werden.
75 Eine ähnlich dynamische Erholung wie nach der Weltfinanzkrise 2008/09 ist nicht zu erwarten.
Eine Rückkehr zu Zeiten mit scheinbar unbegrenzt verfügbarem preisgünstigen Gas aus
Russland scheint heute undenkbar. Insofern dürfte das Frühjahr 2022 tatsächlich den Beginn
einer Zeitenwende für die deutsche Volkswirtschaft darstellen. Energie – und damit ein wesent-
licher Input für die deutsche Industrie – wird auf absehbare Zeit teuer bleiben. Da etwa die
80 US-amerikanische, aber auch die chinesische Industrie von diesem Preisschock nicht in glei-
chem Maße betroffen ist, drohen deutschen Herstellern Nachteile im internationalen Wett-
bewerb.
Überdies setzt gegen Ende dieser Legislaturperiode ein Alterungsschub in der deutschen
Gesellschaft ein, der den Arbeitskräftemangel in weiten Teilen der Wirtschaft verstärken wird.
85 Auch dies schwächt die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands und senkt das Wachstumspoten-
zial. Reale Wachstumsraten von mehr als einem Prozent werden daher bald zur Ausnahme.
Deutschland dürfte es schwer haben, ab dem nächsten Jahrzehnt im Trend überhaupt noch
real zu wachsen. Konjunkturprogramme sind gegen diese Entwicklung machtlos. „Daher gilt
es auch in der aktuellen Krise, über angebotsseitige Maßnahmen die Wachstumskräfte unserer
90 Ökonomie zu stärken“, betont HRI-Präsident Rürup.
Zu den Autoren:
Dennis Huchzermeier, Wirtschaftswissenschaftler, Bernhard Köster, Volkswirt, und Axel Schrinner sind Journalisten beim Handelsblatt.
1. a)
Analysieren Sie, welche Position die Autoren zur konjunkturellen Lage einnehmen und wie sie diese im Text argumentativ begründen. [30 Punkte]
1. b)
Erläutern Sie unter Heranziehung von zwei Textbelegen, inwiefern sich die Autoren auf Ziele der Wirtschaftspolitik beziehen. [16 Punkte]

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. a) Analysieren Sie, welche Position die Autoren zur konjunkturellen Lage einnehmen und wie sie diese im Text argumentativ begründen. (30 Punkte)
Lösung: Ausführliche Textanalyse gemäß Vorgaben: - Textordnung und Thema: Diskussionsbeitrag von Dennis Huchzermeier, Bernhard Köster und Axel Schrinner („Die atypische Rezession“, Handelsblatt Nr. 185 vom 23. September 2022) über die wirtschaftliche Lage Deutschlands in Zeiten der Energiekrise. - Position der Autoren: Deutschland stehe am Beginn einer mindestens drei Quartale dauernden Rezession; es sei keine dynamische Erholung wie 2008/09 zu erwarten; geschwächte Wettbewerbsfähigkeit und Arbeitskräftemangel senken das Wachstumspotenzial; klassische Konjunkturprogramme seien wirkungslos. - Begründungsgang: Situative Einordnung (Kaufkraftverlust durch Inflation infolge von Energieknappheit, Verpuffen nachfrageorientierter Maßnahmen); Gegenüberstellung von noch robusten Indikatoren (hohe Beschäftigung, Auftragsbestände) mit strukturellen Abwärtsrisiken (internationale Konjunkturschwäche, dauerhaft hohe Energiekosten, demografischer Wandel); Notwendigkeit angebotsorientierter Maßnahmen. - Argumentationsweise: Autoritätsargumente (Berufung auf HRI-Ökonomen und Bert Rürup), sachliche Sprache mit parataktischem Satzbau zur Erzeugung von Expertise, anschauliche Vergleiche (z. B. Gegenwert von einer Million Einfamilienhäusern). - Intention: Aufklärung über die konjunkturellen Risiken, Warnung vor einem dauerhaft sinkenden Wachstumspotenzial und Plädoyer für angebotsseitige Reformen.
1. b) Erläutern Sie anhand eines ersten Textbeleges, welchen Bezug die Autoren zu wirtschaftspolitischen Zielen herstellen. (8 Punkte)
Lösung: Möglicher Beleg 1 (Schutz der natürlichen Umwelt): Verweis auf die „angestrebte Dekarbonisierung“, für die „erhebliche Investitionen [...] gestemmt werden müssen“. Bezug zum Schutz der Umwelt und nachhaltigem Wirtschaften. Alternativ (Hoher Beschäftigungsstand): Hinweis darauf, dass „die Arbeitslosigkeit [...] nahezu stetig zurück[geht], während die Erwerbstätigkeit im Trend steigt“. Alternativ (Außenwirtschaftliches Gleichgewicht): Hinweis auf drohende „Nachteile im internationalen Wettbewerb“ durch höhere Energiekosten im Vergleich zu Konkurrenten aus den USA und China.
1. b) Erläutern Sie anhand eines zweiten Textbeleges, welchen weiteren Bezug die Autoren zu wirtschaftspolitischen Zielen herstellen. (8 Punkte)
Lösung: Möglicher Beleg 2: Erläuterung eines zweiten Ziels anhand einer weiteren Textstelle (z. B. außenwirtschaftliches Gleichgewicht über internationale Wettbewerbsfähigkeit oder hoher Beschäftigungsstand über Rekordbeschäftigung vs. Fachkräftemangel).
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