Abitur NRW Sozialwissenschaften 2022 · GK · Haupttermin · Wirtschaft
Abiturprüfung Sozialwissenschaften in Nordrhein-Westfalen 2022, GK · Haupttermin · Wirtschaft: 6 Aufgaben mit Lösungen. Mit automatischer Korrektur.
Themen der Prüfung: Wirtschaftspolitische Ziele, Konjunktur und Wohlstandsmessung · Wirtschaftspolitische Konzeptionen, Staatsverschuldung und Fiskalpolitik · Ökonomie und Ökologie: Umweltpolitik und nachhaltiges Wachstum · Sozialstaat und soziale Sicherung · Globalisierung, internationaler Handel und Standort Deutschland
Aufgabe HT 1 - Wirtschaftspolitische Ziele · Wirtschaftspolitische Ziele, Konjunktur und Wohlstandsmessung
Moritz Schularick, Jens Südekum
Schulden müssen kommende Generationen nicht belasten
[...]
Staatsschulden belasten kommende Generationen. Nicht erst seit der Corona-Krise hört man
diesen Satz tagein, tagaus. Doch stimmt er überhaupt? Dieser Frage haben sich kürzlich die
Ökonomen Christian Bayer und Philip Jung in der F.A.Z. 1 intensiv gewidmet. Sie argumen-
tieren, dass es sehr wohl echte Belastungen geben kann und man deshalb sorgsam im Umgang
5 mit Staatsschulden sein muss.
Dieser allgemeinen Warnung ist sicherlich zuzustimmen. Ihre Analyse ist wohltuend differen-
ziert. Das ist keine Selbstverständlichkeit bei diesem emotionalen Thema, das Wissenschaft
wie Politik umtreibt wie kaum ein zweites. Es fehlt jedoch ein wesentlicher Aspekt, der in der
aktuellen wirtschaftspolitischen Diskussion von zentraler Bedeutung ist.
10 Zur Illustration zeichnen wir das theoretische Argument zunächst anhand eines grob verein-
fachten Beispiels nach. Nehmen wir an, der Bund wäre auf die Idee gekommen, allen derzei-
tigen Rentnern eine Urlaubsreise nach Lanzarote zu schenken. Die Rentner konsumieren also
nicht im Inland, was zusätzliche Nachfrage schaffen könnte. Vielmehr ist das Geld einfach
weg. Zur Finanzierung könnte der Staat Steuern erheben und die aktuell aktive Generation
15 direkt zur Kasse bitten. Aber das schließen wir aus. Stattdessen begibt 2 er eine 30-jährige
Anleihe – praktischerweise zu Nullzinsen, so wie derzeit tatsächlich der Fall.
[...]
Was passiert nun? Die heutigen Rentner erfreuen sich am geschenkten Urlaub und sind zum
Rückzahlungszeitpunkt tot. Das Problem hat die junge Generation von heute. Sie muss in
30 Jahren die Lanzarote-Anleihen bedienen. Das geht auf zweierlei Art. Entweder werden
20 dann die Steuern angehoben, um die Schulden zu tilgen. Oder der Staat begibt eine neue
Anleihe zum dann gültigen Zinssatz und löst die alten Schulden damit ab. Hierdurch wird die
Rückzahlung einfach in die Zukunft geschoben und die übernächste Generation muss sich
darum kümmern. Aber diese Strategie birgt Risiken, denn wer weiß schon, wie hoch die Zin-
sen dann sind?
25 Die Lanzarote-Schulden belasten also tatsächlich die kommenden Generationen. [...] Doch
welche Relevanz hat dieses theoretische Ergebnis für die Fragen, um die es gerade geht?
Niemand schlägt ernsthaft schuldenfinanzierte Einkommenstransfers an die alte Generation
vor. Vielmehr geht es in der aktuellen Diskussion doch um die Frage, welche Rolle Schulden-
finanzierung in einem historisch niedrigen Zinsumfeld spielen kann, um die großen gesell-
30 schaftlichen Herausforderungen unserer Zeit zu meistern.
Es geht nicht um imaginäre Rentner-Urlaube, sondern um Investitionen: in die Energiewende
und nachhaltige Mobilität, Digitalisierung, Bildung, die Stärkung Europas im geostrategischen
Gefüge zwischen Amerika und China. Alles Dinge, die das Produktionspotential der Volks-
wirtschaft erhöhen und die Lebensbedingungen kommender Generationen maßgeblich mit-
35 bestimmen werden.
Es ist gut möglich, dass sich die alte Generation bei Schuldenfinanzierung weniger an diesen
Investitionen beteiligt als die jüngere Generation. Aber das ist auch völlig in Ordnung, da die
Alten nicht mehr leben werden, wenn der Handyempfang in der Bahn irgendwann nicht mehr
alle fünf Minuten verlorengeht. Nutzen und Lasten fallen komplett in der jungen Generation
40 an.
Wenn wir Schuldenfinanzierung ausschließen, könnte es zu einem anderen Problem kommen,
das sich gedanklich nahtlos an die obige Generationenbetrachtung anschließt. Die heute Alten
haben von den Erträgen von Zukunftsinvestitionen nichts mehr. Wenn die Ausgaben komplett
aus heutigen Steuern finanziert werden müssen, dann werden ältere Haushalte finanziell belas-
45 tet, ohne daraus Vorteile ziehen zu können.
Sie müssten zum Beispiel für eine grüne und digitale Zukunft zahlen, die sie selbst gar nicht
mehr erleben. Viele werden zum Wohle ihrer Enkel wohl trotzdem dazu bereit sein und höhere
Steuern akzeptieren.
Doch wie Bayer und Jung schreiben, Altruismus 3 zwischen den Generationen hat auch Gren-
50 zen – etwa dort, wo Haushalte gar keine Enkel haben. Im Resultat investieren wir bei einem
strikten Verbot von Schuldenfinanzierung heute zu wenig für wichtige Zukunftsprojekte und
belasten dadurch künftige Generationen, aber nicht durch zu viele Schulden. Beim Klima-
schutz wird das besonders deutlich.
[...]
Es stimmt: Im Umgang mit Staatsschulden ist immer Vorsicht geboten. Konsum auf Pump ist
55 eine schlechte Idee. Doch die realere Gefahr zurzeit liegt darin, dass der Schuldenbremsen-
Michel 4 die Zukunftschancen verschläft, die das gegenwärtige Zinsniveau eröffnet. An die-
sem Punkt muss die aktuelle wirtschaftspolitische Debatte ansetzen. Natürlich gilt es weiter-
hin zu entscheiden, welche Investitionen sinnvoll sind und eine positive Rendite erbringen.
An dieser Abwägung führt kein Weg vorbei.
60 Hier kann man mehr oder weniger optimistisch sein, inwiefern es der Politik gelingt, solche
Projekte zu finden und umzusetzen. Aber wenn das Kernproblem in dieser Auswahl liegt,
dann sollte mehr unabhängige Expertise in den politischen Entscheidungsprozess eingebracht
werden.
Es ist auch absehbar, dass die ökonomischen Folgen der Pandemie die Konjunktur noch lange
65 belasten werden. In dem Maße, in dem eine schuldenfinanzierte Stabilisierungspolitik dafür
sorgt, dass sich die deutsche und europäische Wirtschaft so schnell wie möglich von der Pan-
demie erholt, kommt dies allen künftigen Generationen zugute. Auch aus dieser Perspektive
gibt es keinen Grund, im vermeintlichen Interesse künftiger Generationen übereilt auf die
Schuldenbremse zu treten.
1 F.A.Z.: Frankfurter Allgemeine Zeitung
2 begeben: herausgeben
3 Altruismus: Selbstlosigkeit
4 Deutscher Michel: Personifikation der Deutschen; u. a. sprichwörtlich und in Karikaturen verwendet
Zu den Autoren:
Moritz Schularick, geb. 1975, ist Professor für Makroökonomie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.
Jens Südekum, geb. 1975, ist Professor für internationale Volkswirtschaftslehre an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.
Abiturprüfung 2022 – Sozialwissenschaften/Wirtschaft, Grundkurs
Thema: Schuldenfinanzierte Investitionen des Staates – (k)ein Problem?
1.
Stellen Sie zu jedem der Ziele des „magischen Sechsecks“ je einen Indikator dar und geben Sie dabei jeweils die Definition oder die Berechnungsweise an. [24 Punkte]
2. b)
Erläutern Sie anhand von zwei Belegen aus dem Text, in welcher Weise sich die Aussagen der Autoren auf Ziele des „magischen Sechsecks“ beziehen. [16 Punkte]
Aufgabe HT 1 - Staatsverschuldung und Fiskalpolitik · Wirtschaftspolitische Konzeptionen, Staatsverschuldung und Fiskalpolitik
Moritz Schularick, Jens Südekum
Schulden müssen kommende Generationen nicht belasten
[...]
Staatsschulden belasten kommende Generationen. Nicht erst seit der Corona-Krise hört man
diesen Satz tagein, tagaus. Doch stimmt er überhaupt? Dieser Frage haben sich kürzlich die
Ökonomen Christian Bayer und Philip Jung in der F.A.Z. 1 intensiv gewidmet. Sie argumen-
tieren, dass es sehr wohl echte Belastungen geben kann und man deshalb sorgsam im Umgang
5 mit Staatsschulden sein muss.
Dieser allgemeinen Warnung ist sicherlich zuzustimmen. Ihre Analyse ist wohltuend differen-
ziert. Das ist keine Selbstverständlichkeit bei diesem emotionalen Thema, das Wissenschaft
wie Politik umtreibt wie kaum ein zweites. Es fehlt jedoch ein wesentlicher Aspekt, der in der
aktuellen wirtschaftspolitischen Diskussion von zentraler Bedeutung ist.
10 Zur Illustration zeichnen wir das theoretische Argument zunächst anhand eines grob verein-
fachten Beispiels nach. Nehmen wir an, der Bund wäre auf die Idee gekommen, allen derzei-
tigen Rentnern eine Urlaubsreise nach Lanzarote zu schenken. Die Rentner konsumieren also
nicht im Inland, was zusätzliche Nachfrage schaffen könnte. Vielmehr ist das Geld einfach
weg. Zur Finanzierung könnte der Staat Steuern erheben und die aktuell aktive Generation
15 direkt zur Kasse bitten. Aber das schließen wir aus. Stattdessen begibt 2 er eine 30-jährige
Anleihe – praktischerweise zu Nullzinsen, so wie derzeit tatsächlich der Fall.
[...]
Was passiert nun? Die heutigen Rentner erfreuen sich am geschenkten Urlaub und sind zum
Rückzahlungszeitpunkt tot. Das Problem hat die junge Generation von heute. Sie muss in
30 Jahren die Lanzarote-Anleihen bedienen. Das geht auf zweierlei Art. Entweder werden
20 dann die Steuern angehoben, um die Schulden zu tilgen. Oder der Staat begibt eine neue
Anleihe zum dann gültigen Zinssatz und löst die alten Schulden damit ab. Hierdurch wird die
Rückzahlung einfach in die Zukunft geschoben und die übernächste Generation muss sich
darum kümmern. Aber diese Strategie birgt Risiken, denn wer weiß schon, wie hoch die Zin-
sen dann sind?
25 Die Lanzarote-Schulden belasten also tatsächlich die kommenden Generationen. [...] Doch
welche Relevanz hat dieses theoretische Ergebnis für die Fragen, um die es gerade geht?
Niemand schlägt ernsthaft schuldenfinanzierte Einkommenstransfers an die alte Generation
vor. Vielmehr geht es in der aktuellen Diskussion doch um die Frage, welche Rolle Schulden-
finanzierung in einem historisch niedrigen Zinsumfeld spielen kann, um die großen gesell-
30 schaftlichen Herausforderungen unserer Zeit zu meistern.
Es geht nicht um imaginäre Rentner-Urlaube, sondern um Investitionen: in die Energiewende
und nachhaltige Mobilität, Digitalisierung, Bildung, die Stärkung Europas im geostrategischen
Gefüge zwischen Amerika und China. Alles Dinge, die das Produktionspotential der Volks-
wirtschaft erhöhen und die Lebensbedingungen kommender Generationen maßgeblich mit-
35 bestimmen werden.
Es ist gut möglich, dass sich die alte Generation bei Schuldenfinanzierung weniger an diesen
Investitionen beteiligt als die jüngere Generation. Aber das ist auch völlig in Ordnung, da die
Alten nicht mehr leben werden, wenn der Handyempfang in der Bahn irgendwann nicht mehr
alle fünf Minuten verlorengeht. Nutzen und Lasten fallen komplett in der jungen Generation
40 an.
Wenn wir Schuldenfinanzierung ausschließen, könnte es zu einem anderen Problem kommen,
das sich gedanklich nahtlos an die obige Generationenbetrachtung anschließt. Die heute Alten
haben von den Erträgen von Zukunftsinvestitionen nichts mehr. Wenn die Ausgaben komplett
aus heutigen Steuern finanziert werden müssen, dann werden ältere Haushalte finanziell belas-
45 tet, ohne daraus Vorteile ziehen zu können.
Sie müssten zum Beispiel für eine grüne und digitale Zukunft zahlen, die sie selbst gar nicht
mehr erleben. Viele werden zum Wohle ihrer Enkel wohl trotzdem dazu bereit sein und höhere
Steuern akzeptieren.
Doch wie Bayer und Jung schreiben, Altruismus 3 zwischen den Generationen hat auch Gren-
50 zen – etwa dort, wo Haushalte gar keine Enkel haben. Im Resultat investieren wir bei einem
strikten Verbot von Schuldenfinanzierung heute zu wenig für wichtige Zukunftsprojekte und
belasten dadurch künftige Generationen, aber nicht durch zu viele Schulden. Beim Klima-
schutz wird das besonders deutlich.
[...]
Es stimmt: Im Umgang mit Staatsschulden ist immer Vorsicht geboten. Konsum auf Pump ist
55 eine schlechte Idee. Doch die realere Gefahr zurzeit liegt darin, dass der Schuldenbremsen-
Michel 4 die Zukunftschancen verschläft, die das gegenwärtige Zinsniveau eröffnet. An die-
sem Punkt muss die aktuelle wirtschaftspolitische Debatte ansetzen. Natürlich gilt es weiter-
hin zu entscheiden, welche Investitionen sinnvoll sind und eine positive Rendite erbringen.
An dieser Abwägung führt kein Weg vorbei.
60 Hier kann man mehr oder weniger optimistisch sein, inwiefern es der Politik gelingt, solche
Projekte zu finden und umzusetzen. Aber wenn das Kernproblem in dieser Auswahl liegt,
dann sollte mehr unabhängige Expertise in den politischen Entscheidungsprozess eingebracht
werden.
Es ist auch absehbar, dass die ökonomischen Folgen der Pandemie die Konjunktur noch lange
65 belasten werden. In dem Maße, in dem eine schuldenfinanzierte Stabilisierungspolitik dafür
sorgt, dass sich die deutsche und europäische Wirtschaft so schnell wie möglich von der Pan-
demie erholt, kommt dies allen künftigen Generationen zugute. Auch aus dieser Perspektive
gibt es keinen Grund, im vermeintlichen Interesse künftiger Generationen übereilt auf die
Schuldenbremse zu treten.
1 F.A.Z.: Frankfurter Allgemeine Zeitung
2 begeben: herausgeben
3 Altruismus: Selbstlosigkeit
4 Deutscher Michel: Personifikation der Deutschen; u. a. sprichwörtlich und in Karikaturen verwendet
Zu den Autoren:
Moritz Schularick, geb. 1975, ist Professor für Makroökonomie an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn.
Jens Südekum, geb. 1975, ist Professor für internationale Volkswirtschaftslehre an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.
Abiturprüfung 2022 – Sozialwissenschaften/Wirtschaft, Grundkurs
Thema: Schuldenfinanzierte Investitionen des Staates – (k)ein Problem?
2. a)
Analysieren Sie den Text hinsichtlich der Haltung der Autoren zur Staatsverschuldung und ihrer Argumentation. [30 Punkte]
3.
Erörtern Sie, ob der Staat im Bildungsbereich sowie in einem weiteren, von den Autoren erwähnten Feld (vgl. Z. 32 – 34) mehr investieren sollte, selbst wenn dafür Kredite aufgenommen werden müssten. [30 Punkte]
Aufgabe HT 2 - Ökonomie und Ökologie · Ökonomie und Ökologie: Umweltpolitik und nachhaltiges Wachstum
Thema: Dauerhafte Ressourcennutzung – eine angemessene Ausrichtung für die deutsche Wirtschaftspolitik?
Janez Potočnik und Martin R. Stuchtey
Es geht um mehr als Lieferketten
[...]
Die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie verleiten einige zu dem Schluss, dass der schnelle Wiederaufbau unserer Volkswirtschaften Vorrang vor anderen politischen Projekten wie dem Green Deal 1 der EU hat. Doch wer dem Wiederaufbau der alten Strukturen das Wort redet 2, der wird schon bald mit der nächsten Krise konfrontiert sein. Der vor Kurzem eingetretene Zusammenbruch der globalen Lieferketten ist hierfür warnendes Beispiel. Seit den 70er-Jahren kannte die Globalisierung kein Halten mehr und schuf immer längere, komplexere, mitunter absurd erscheinende Produktionsverbundsysteme und Lieferketten. Als Verbraucher betrachteten wir diese Entwicklung einerseits mit Freude, andererseits mit Ignoranz. Wir verhielten uns wie Passagiere auf einem Kreuzfahrtschiff, denen egal war, was im Maschinenraum vor sich ging.
Mittlerweile haben wir verstanden, wie sehr uns gebrochene Lieferketten auch als einzelne Menschen konkret angehen. Auch wenn wir uns der bisweilen durchschlagenden Effekte von Trockenheit in Brasilien oder Unwettern in Thailand schon bisher irgendwie bewusst waren, die Unterbrechung der Lieferketten durch das Coronavirus und der weitreichende Effekt auf unsere Fabriken und Supermärkte haben uns die Fragilität unseres Wirtschaftssystems unmissverständlich vor Augen geführt.
Aber es ist nicht damit getan, dass die Covid19-Krise uns gelehrt hat, dass wir den globalen Lieferketten und dem globalen Risikomanagement weit mehr Aufmerksamkeit schenken müssen. Denn nach wie vor vernachlässigen wir eine andere, mindestens ebenso wichtige Kette. Diese stützt nicht nur die Weltwirtschaft, sondern unsere gesamte menschliche Existenz.
Diese andere Kette kann [man] am besten als „Ressourcenkette“ bezeichnen. Auch sie ist im doppelten Sinn eine Kette: Sie muss einerseits reibungslos funktionieren, andererseits sind wir Menschen aber auch an sie gekettet. Wie bei den Lieferketten haben wir die üppige und friktionslose 3 Verfügbarkeit natürlicher Ressourcen zu immer günstigeren Preisen für selbstverständlich genommen. Das erweist sich immer mehr als Trugschluss. Im blinden Vertrauen darauf, dass moderne Ketten uns Menschen immer weiter vorwärts ziehen, übersehen wir die zweite Eigenschaft von Ketten: Sie können uns auch nach unten ziehen.
Wie steht es nun um die Modernität und vor allem die Effizienz der Ressourcenkette? Auf Pro-Kopf-Basis stieg der weltweite durchschnittliche Materialbedarf von 7,4 Tonnen im Jahr 1970 auf 12,2 Tonnen pro Kopf im Jahr 2017. Dies entspricht einer Steigerung von 60 Prozent. Bei einer Weltbevölkerung von bald neun Milliarden Menschen ist dieser starke Anstieg eine alarmierende Entwicklung. Ohne entsprechende Anpassungsmaßnahmen würde sich der Ressourcenverbrauch bis 2060 von derzeit 92 Milliarden auf 190 Milliarden Tonnen mehr als verdoppeln, so der Kernbefund des vom International Resource Panel 4 veröffentlichten Global Resources Outlook 2019.
Galt ein brummendes, ressourcenintensives Wirtschaften lange Zeit als Maßstab für wachsenden Wohlstand, so bietet sich nun ein grundlegend neues Bild: Fakt ist, dass die Gewinnung und Verarbeitung der von uns genutzten Ressourcen mehr als 90 Prozent des weltweiten Verlusts an biologischer Vielfalt und des Wasserstresses sowie mehr als die Hälfte des Klimagasausstoßes verursacht. Die Intensität der weltweiten Ressourcenketten beeinträchtigt unsere Lebensumwelt immer mehr. Und eine Besserung ist nicht in Sicht. Anders als von Technologie-Experten wie Andrew McAfee prophezeit, nimmt unsere Ressourcenproduktivität derzeit nicht zu, sondern ab. Schauen wir uns genauer an, wie wir Land, Wasser, Biomasse, Metall und nichtmetallische Mineralien sowie fossile Brennstoffe nutzen, dann hat sich die globale Materialproduktivität, also der pro Einheit an Material geschaffene wirtschaftliche Wert, in den vergangenen 20 Jahren nicht verbessert, sondern verschlechtert.
Angesichts dieser ernüchternden Zahlen müssen wir auch hier ein sehr viel aktiveres Risikomanagement praktizieren. Das setzt voraus, dass wir die Tatsache akzeptieren, dass unsere derzeitige Produktions- und Konsumweise die planetaren Grenzen überschreitet – und daher unsere Gesellschaften in ihrem Bestand gefährdet. Das lange ignorierte Szenario eines durch Klima und Umwelt bedingten Wohlstandseinbruchs ist plötzlich in greifbare Nähe gerückt. Um dieses Schicksal abzuwenden, sollten wir unsere Ressourcenketten dringend in Ressourcenkreisläufe umgestalten. Diese Transformation erfolgt in zwei Schritten: Erstens müssen wir Ressourcen zum Bestandteil unseres gesamtwirtschaftlichen Wohlstands erklären. Und zweitens können wir sie dadurch schützen, dass nicht der Verbrauch, sondern die Sicherstellung ihrer dauerhaften Nutzbarkeit zu einem Kernziel künftigen Wirtschaftens wird. Die Circular Economy 5 muss also im Mittelpunkt unserer künftigen Wirtschaftsagenda stehen. Es ist höchste Zeit zu erkennen, dass die Überdehnung unserer Ressourcenketten neben den Lieferketten die zweite Achillesferse 6 der Weltwirtschaft darstellt.
In Demokratien haben wir das Recht, unsere Prioritäten zu ändern. Dementsprechend sollten wir nachhaltiges Ressourcenmanagement und zirkulares Wirtschaften nicht als eine umweltpolitische Last, sondern als elementares Wachstumsfeld für neue Systemangebote und als Chance für einen schnellen und beständigen Wiederaufbau verstehen. Hier umzudenken ist ein Appell an die menschliche Vernunft und unseren kollektiven Einfallsreichtum.
[...]
Wir stehen [...] keineswegs vor der Wahl Wiederaufbau der Wirtschaft oder Förderung der Nachhaltigkeit. Ja, wir müssen die Wirtschaft wieder aufbauen, aber wir können – und müssen – dabei gleichzeitig die Nachhaltigkeit sowie die Krisen- und Widerstandsfähigkeit unserer Volkswirtschaften deutlich verbessern.
Das ist das Signal, das vom European Green Deal ausgeht. Es ist gerade kein klimapolitisches Programm, sondern die sehr konkrete und wirtschaftlich dynamisierende Vision eines neuen, vom Ressourcenverbrauch unabhängigen und risikobefreiten Wohlstands. Statt auf die alten anfälligen Ressourcenketten baut er auf intelligentere Produktions- und Verbrauchslösungen. Nach Covid gibt es keine höhere Priorität.
Zu den Autoren:
Janez Potočnik, geb. 1958, war EU-Kommissar für Wissenschaft und Forschung (von 2004 – 2009) sowie für Umwelt (von 2010 – 2014) und ist tätig als Umweltschutzfunktionär.
Martin R. Stuchtey, geb. 1968, ist Geologe und Wirtschaftswissenschaftler. Er ist Professor für Ressourcenstrategie und Ressourcenmanagement an der Universität Innsbruck.
Worterläuterungen
1 Green Deal: Konzept der Europäischen Union mit dem Ziel, bis 2050 die Netto-Emissionen von Treibhausgasen auf null zu reduzieren.
2 einer Sache das Wort reden, hier: etwas verteidigen
3 friktionslos: reibungslos
4 International Resource Panel: Durch das UN-Umweltprogramm UNEP ins Leben gerufene Organisation, welche Nationen dabei unterstützen will, natürliche Ressourcen nachhaltig zu nutzen. Janez Potočnik ist Ko-Vorsitzender dieser Organisation.
5 Circular Economy (engl.): Kreislaufwirtschaft. Ein Modell der Produktion und des Verbrauchs, bei dem bestehende Materialien und Produkte so lange wie möglich geteilt, geleast, wiederverwendet, repariert, aufgearbeitet und recycelt werden.
6 Achillesferse, hier: verwundbare Stelle; empfindlicher, schwacher Punkt
1. a)
Analysieren Sie den Text hinsichtlich der Haltung der Autoren und ihrer Argumentation zur Art, wie moderne Gesellschaften produzieren und konsumieren.
(30 Punkte)
1. b)
Erläutern Sie anhand von zwei Belegen aus dem Text, in welcher Weise die Autoren auf Wachstumskonzeptionen Bezug nehmen.
(16 Punkte)
3.
Erörtern Sie, ob das von den Autoren dargelegte Modell der dauerhaften Ressourcennutzung (vgl. „Circular Economy“, Z. 56 f.) zur Leitlinie der deutschen Wirtschaftspolitik werden sollte. Beziehen Sie dabei sowohl eine ökonomische als auch eine soziale Sichtweise ein.
(30 Punkte)
Aufgabe HT 2 - Wohlstandsmessung · Wirtschaftspolitische Ziele, Konjunktur und Wohlstandsmessung
Janez Potočnik und Martin R. Stuchtey
Es geht um mehr als Lieferketten
[...]
Die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie verleiten einige zu dem Schluss, dass der schnelle Wiederaufbau unserer Volkswirtschaften Vorrang vor anderen politischen Projekten wie dem Green Deal 1 der EU hat. Doch wer dem Wiederaufbau der alten Strukturen das Wort redet 2, der wird schon bald mit der nächsten Krise konfrontiert sein. Der vor Kurzem eingetretene Zusammenbruch der globalen Lieferketten ist hierfür warnendes Beispiel. Seit den 70er-Jahren kannte die Globalisierung kein Halten mehr und schuf immer längere, komplexere, mitunter absurd erscheinende Produktionsverbundsysteme und Lieferketten. Als Verbraucher betrachteten wir diese Entwicklung einerseits mit Freude, andererseits mit Ignoranz. Wir verhielten uns wie Passagiere auf einem Kreuzfahrtschiff, denen egal war, was im Maschinenraum vor sich ging.
Mittlerweile haben wir verstanden, wie sehr uns gebrochene Lieferketten auch als einzelne Menschen konkret angehen. Auch wenn wir uns der bisweilen durchschlagenden Effekte von Trockenheit in Brasilien oder Unwettern in Thailand schon bisher irgendwie bewusst waren, die Unterbrechung der Lieferketten durch das Coronavirus und der weitreichende Effekt auf unsere Fabriken und Supermärkte haben uns die Fragilität unseres Wirtschaftssystems unmissverständlich vor Augen geführt.
Aber es ist nicht damit getan, dass die Covid19-Krise uns gelehrt hat, dass wir den globalen Lieferketten und dem globalen Risikomanagement weit mehr Aufmerksamkeit schenken müssen. Denn nach wie vor vernachlässigen wir eine andere, mindestens ebenso wichtige Kette. Diese stützt nicht nur die Weltwirtschaft, sondern unsere gesamte menschliche Existenz.
Diese andere Kette kann [man] am besten als „Ressourcenkette“ bezeichnen. Auch sie ist im doppelten Sinn eine Kette: Sie muss einerseits reibungslos funktionieren, andererseits sind wir Menschen aber auch an sie gekettet. Wie bei den Lieferketten haben wir die üppige und friktionslose 3 Verfügbarkeit natürlicher Ressourcen zu immer günstigeren Preisen für selbstverständlich genommen. Das erweist sich immer mehr als Trugschluss. Im blinden Vertrauen darauf, dass moderne Ketten uns Menschen immer weiter vorwärts ziehen, übersehen wir die zweite Eigenschaft von Ketten: Sie können uns auch nach unten ziehen.
Wie steht es nun um die Modernität und vor allem die Effizienz der Ressourcenkette? Auf Pro-Kopf-Basis stieg der weltweite durchschnittliche Materialbedarf von 7,4 Tonnen im Jahr 1970 auf 12,2 Tonnen pro Kopf im Jahr 2017. Dies entspricht einer Steigerung von 60 Prozent. Bei einer Weltbevölkerung von bald neun Milliarden Menschen ist dieser starke Anstieg eine alarmierende Entwicklung. Ohne entsprechende Anpassungsmaßnahmen würde sich der Ressourcenverbrauch bis 2060 von derzeit 92 Milliarden auf 190 Milliarden Tonnen mehr als verdoppeln, so der Kernbefund des vom International Resource Panel 4 veröffentlichten Global Resources Outlook 2019.
Galt ein brummendes, ressourcenintensives Wirtschaften lange Zeit als Maßstab für wachsenden Wohlstand, so bietet sich nun ein grundlegend neues Bild: Fakt ist, dass die Gewinnung und Verarbeitung der von uns genutzten Ressourcen mehr als 90 Prozent des weltweiten Verlusts an biologischer Vielfalt und des Wasserstresses sowie mehr als die Hälfte des Klimagasausstoßes verursacht. Die Intensität der weltweiten Ressourcenketten beeinträchtigt unsere Lebensumwelt immer mehr. Und eine Besserung ist nicht in Sicht. Anders als von Technologie-Experten wie Andrew McAfee prophezeit, nimmt unsere Ressourcenproduktivität derzeit nicht zu, sondern ab. Schauen wir uns genauer an, wie wir Land, Wasser, Biomasse, Metall und nichtmetallische Mineralien sowie fossile Brennstoffe nutzen, dann hat sich die globale Materialproduktivität, also der pro Einheit an Material geschaffene wirtschaftliche Wert, in den vergangenen 20 Jahren nicht verbessert, sondern verschlechtert.
Angesichts dieser ernüchternden Zahlen müssen wir auch hier ein sehr viel aktiveres Risikomanagement praktizieren. Das setzt voraus, dass wir die Tatsache akzeptieren, dass unsere derzeitige Produktions- und Konsumweise die planetaren Grenzen überschreitet – und daher unsere Gesellschaften in ihrem Bestand gefährdet. Das lange ignorierte Szenario eines durch Klima und Umwelt bedingten Wohlstandseinbruchs ist plötzlich in greifbare Nähe gerückt. Um dieses Schicksal abzuwenden, sollten wir unsere Ressourcenketten dringend in Ressourcenkreisläufe umgestalten. Diese Transformation erfolgt in zwei Schritten: Erstens müssen wir Ressourcen zum Bestandteil unseres gesamtwirtschaftlichen Wohlstands erklären. Und zweitens können wir sie dadurch schützen, dass nicht der Verbrauch, sondern die Sicherstellung ihrer dauerhaften Nutzbarkeit zu einem Kernziel künftigen Wirtschaftens wird. Die Circular Economy 5 muss also im Mittelpunkt unserer künftigen Wirtschaftsagenda stehen. Es ist höchste Zeit zu erkennen, dass die Überdehnung unserer Ressourcenketten neben den Lieferketten die zweite Achillesferse 6 der Weltwirtschaft darstellt.
In Demokratien haben wir das Recht, unsere Prioritäten zu ändern. Dementsprechend sollten wir nachhaltiges Ressourcenmanagement und zirkulares Wirtschaften nicht als eine umweltpolitische Last, sondern als elementares Wachstumsfeld für neue Systemangebote und als Chance für einen schnellen und beständigen Wiederaufbau verstehen. Hier umzudenken ist ein Appell an die menschliche Vernunft und unseren kollektiven Einfallsreichtum.
[...]
Wir stehen [...] keineswegs vor der Wahl Wiederaufbau der Wirtschaft oder Förderung der Nachhaltigkeit. Ja, wir müssen die Wirtschaft wieder aufbauen, aber wir können – und müssen – dabei gleichzeitig die Nachhaltigkeit sowie die Krisen- und Widerstandsfähigkeit unserer Volkswirtschaften deutlich verbessern.
Das ist das Signal, das vom European Green Deal ausgeht. Es ist gerade kein klimapolitisches Programm, sondern die sehr konkrete und wirtschaftlich dynamisierende Vision eines neuen, vom Ressourcenverbrauch unabhängigen und risikobefreiten Wohlstands. Statt auf die alten anfälligen Ressourcenketten baut er auf intelligentere Produktions- und Verbrauchslösungen. Nach Covid gibt es keine höhere Priorität.
Zu den Autoren:
Janez Potočnik, geb. 1958, war EU-Kommissar für Wissenschaft und Forschung (von 2004 – 2009) sowie für Umwelt (von 2010 – 2014) und ist tätig als Umweltschutzfunktionär.
Martin R. Stuchtey, geb. 1968, ist Geologe und Wirtschaftswissenschaftler. Er ist Professor für Ressourcenstrategie und Ressourcenmanagement an der Universität Innsbruck.
Worterläuterungen
1 Green Deal: Konzept der Europäischen Union mit dem Ziel, bis 2050 die Netto-Emissionen von Treibhausgasen auf null zu reduzieren.
2 einer Sache das Wort reden, hier: etwas verteidigen
3 friktionslos: reibungslos
4 International Resource Panel: Durch das UN-Umweltprogramm UNEP ins Leben gerufene Organisation, welche Nationen dabei unterstützen will, natürliche Ressourcen nachhaltig zu nutzen. Janez Potočnik ist Ko-Vorsitzender dieser Organisation.
5 Circular Economy (engl.): Kreislaufwirtschaft. Ein Modell der Produktion und des Verbrauchs, bei dem bestehende Materialien und Produkte so lange wie möglich geteilt, geleast, wiederverwendet, repariert, aufgearbeitet und recycelt werden.
6 Achillesferse, hier: verwundbare Stelle; empfindlicher, schwacher Punkt
2. Stellen Sie zwei Indikatoren bzw. Indizes dar, mit denen Wohlstand gemessen wird, und gehen Sie dabei auf deren Merkmale und Aussagekraft ein. (24 Punkte)
Aufgabe HT 3 - Sozialstaat und soziale Sicherung · Sozialstaat und soziale Sicherung
Abiturprüfung 2022 · Sozialwissenschaften/Wirtschaft, Grundkurs
Thema: Lehren aus der Krise – Wie soll der Sozialstaat zukünftig ausgestaltet werden?
Materialgrundlage
Verena Bentele: Gegen den sozialen Abschwung
Rede auf der Jahrespressekonferenz des Sozialverbands VdK Bayern, München, 16. Dezember 2020 (Manuskript; gekürzt; Anpassungen an die sprachliche Richtigkeit wurden vorgenommen)
Sehr geehrte Damen und Herren,
ab heute heißt es wieder: „Lockdown!“ Doch bitte nicht: „Stillstand!“ Schon gar nicht in der Politik. Denn wir brauchen Ideen und Lösungen, wie wir mit den sozialen Folgen der Krise umgehen und gegen den sozialen Abschwung kämpfen.
5 Die wichtigste, für mich aber nicht überraschende Erkenntnis lautet: Der Sozialstaat bringt uns bisher ganz gut durch die Krise.
Ich bin mir sicher, dass diese Erkenntnis nicht allen gefällt. Allen voran den marktliberalen Kräften, die am liebsten jeden Einzelnen für sein Überleben alleine verantwortlich machen wollen.
10 Instrumente wie das Kurzarbeitergeld 1 haben sich bewährt. Auch der vereinfachte Zugang zu Grundsicherungsleistungen und Steuererleichterungen für Eltern. Das wird in allen Studien zur finanziellen Auswirkung der Pandemie auf die Bevölkerung herausgehoben.
Doch können wir wirklich aufatmen und uns zurücklehnen? Sicher nicht. Denn zum Beispiel vom Kurzarbeitergeld profitieren nur sozialversicherungspflichtig Beschäftigte. Die größten 15 Verlierer sind derzeit die kleinen Selbstständigen.
Die Creditreform 2 etwa warnt, dass die aktuellen staatlichen Stützungsmaßnahmen die Pleiten von vielen Unternehmen nur hinauszögern, aber nicht verhindern. Zu viele hätten durch die Pandemie ihre Geschäftsgrundlage komplett eingebüßt und können sich nicht mehr erholen. Restaurants, Reiseanbieter, Fitnessstudios, Messebauer und viele mehr müssen sich des- 20 halb 2021 auf die Insolvenz einstellen. Was die Arbeitslosigkeit nach oben schnellen lassen wird. [...]
Ganz aktuell kam eine Studie des WSI 3 heraus. Demnach verzeichnen im November 40 Prozent der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer Einkommenseinbußen. Überproportional häufig trifft es Haushalte mit ohnehin geringem Einkommen. Jeder zweite, der normaler- 25 weise 1500 Euro netto im Monat hat, muss Abstriche hinnehmen, aber nur jeder dritte mit 2000 Euro und mehr. Die Einbußen in den unteren Einkommensgruppen betragen bei den Betroffenen mehr als ein Viertel. Da kommen jetzt viele ins Straucheln.
Das heißt: Trotz aller staatlichen Bemühungen lässt Corona die soziale Kluft wachsen. Deshalb halten wir an unserer Forderung nach steuerlicher Umverteilung fest. Schon eine einma- 30 lige Vermögensabgabe für Einkommen oberhalb von einer Million Euro würde den Bundeshaushalt deutlich entlasten.
Für diese Idee können sich übrigens grundsätzlich auch andere erwärmen: von Entwicklungshilfeminister Gerd Müller 4 bis zu Sänger Herbert Grönemeyer. Das ist doch ein unerwartet breiter gesellschaftlicher Konsens.
35 Die Kluft wächst. In den VdK-Beratungen jedenfalls stellen wir durch die Corona-Pandemie schon jetzt deutliche soziale Erosionsbewegungen 5 fest.
Zuerst bleiben diejenigen auf der Strecke, die sich bisher immer irgendwie durchgewurstelt haben. Zum Beispiel Rentnerinnen und Rentner, die sich mit Minijobs vor der Grundsicherung gerettet haben. [...]
40 850.000 Minijobber haben in der Krise bereits ihre Beschäftigung verloren. Sie belasten die Arbeitslosenstatistik nicht, denn sie haben ja keine Beiträge bezahlt. Dennoch gefährdet der Jobverlust für viele die Existenz.
Eine Lehre aus der aktuellen Krise muss also lauten: Schluss mit den Minijobs!
Der Sozialverband VdK fordert eine Sozialversicherungspflicht, am besten vom ersten ver- 45 dienten Euro an. Das verschafft auch im Niedriglohnbereich bei Jobverlust Ansprüche in Krisen wie diesen und trägt zur eigenen Alterssicherung bei. Minijobs halten nicht, was man den Menschen 2003 bei deren Einführung versprochen hat. Sie sind keine Brücke in reguläre Beschäftigung und tragen nicht zur Eindämmung der Schwarzarbeit bei. Deshalb fordern wir, dass es für jede Art der Beschäftigung, egal in welchem Umfang, einen ordentlichen 50 Arbeitsvertrag mit allen Sozialversicherungsleistungen geben muss.
Wir widersprechen auch der aus Teilen der Unionsparteien erhobenen Forderung nach Anhebung der Minijobgrenze auf 600 Euro. Das entzieht dem Sozialversicherungssystem noch mehr Beiträge als bisher und liefert noch mehr Beschäftigte der Unsicherheit und Armut aus.
Die zweite Lehre aus der aktuellen Krise ist: Sozialversicherungssysteme ausbauen!
55 Ein starker Sozialstaat ist wichtig. Am offenkundigsten wird das bei der Situation von Selbstständigen, die sehr häufig kein soziales Netz haben. Ihnen bleibt oft nur der Gang zum Sozialamt.
Der Sozialverband VdK fordert, dass Selbstständige so rasch wie möglich in das Sozialversicherungssystem aufgenommen werden. Und zwar nicht nur in die gesetzliche Rentenver- 60 sicherung, wie es bereits geplant ist, sondern generell.
Zumindest muss ihnen diese Möglichkeit eröffnet werden.
Wir plädieren grundsätzlich für ein Sozialversicherungssystem für alle, die einer beruflichen Tätigkeit nachgehen. Das heißt konkret: alle Selbstständigen, Politikerinnen und Politiker, Beamtinnen und Beamte. Denn wenn die Krise eines gezeigt hat, dann das: Dass wir alle in 65 einem Boot sitzen. Ein solidarisches System verteilt die Belastungen gerechter. Hinzu kommt ein psychologisches Moment: Wer den Eindruck hat, in einem sozial gerechten Land zu leben, trägt auch harte Entscheidungen wie aktuell den Lockdown besser mit.
Ich bin der Überzeugung: Nach der Corona-Krise könnte der Umbau des Sozialversicherungssystems beginnen. Verbündete dafür gibt es durch alle Lager: Denn sogar in einem aktuellen 70 Unionspapier wird über den Einbezug von Beamtinnen und Beamten in die gesetzliche Rente nachgedacht und damit eine zentrale VdK-Forderung aufgegriffen. [...]
Unsere Forderungen für eine sozial gerechte Politik werden wir 2021 in die Parteien tragen. Ich freue mich schon auf lebhafte Auseinandersetzungen und bin mir der Unterstützung unserer Mitglieder sicher.
75 Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!
Zur Rednerin: Verena Bentele, geb. 1982, ist Präsidentin des VdK, des größten deutschen Verbandes zur Vertretung der politischen und sozialen Interessen von Leistungsempfängerinnen und Leistungsempfängern der deutschen Sozialversicherungen und anderer sozialstaatlicher Leistungen.
1 Kurzarbeitergeld: Leistung der Arbeitslosenversicherung an Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die in beitragspflichtiger Beschäftigung stehen, deren Arbeitszeit aber infolge eines auf wirtschaftlichen Ursachen beruhenden, unvermeidbaren Arbeitsausfalls gekürzt ist. Das Kurzarbeitergeld soll die bestehenden Arbeitsverhältnisse während dieser Zeit erhalten.
2 Creditreform: Unternehmensgruppe, unter anderem mit dem Zweck, gesicherte Unternehmensdaten und Informationen über Unternehmen im Hinblick auf deren wirtschaftliche Situation zu erheben und Mitgliedern zur Verfügung zu stellen.
3 WSI: Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung.
4 Gerd Müller: Entwicklungsminister von 2013–2021 und Mitglied der CSU.
5 Erosion: Prozess der Auflösung.
1.
Stellen Sie in ihren Grundzügen sowohl die Zielsetzungen des deutschen Sozialstaats als auch eine sozialpolitische Maßnahme (Ziele, Merkmale, Leistungen) dar. [24 Punkte]
2. a)
Analysieren Sie den Text hinsichtlich der Haltung der Rednerin und ihrer Argumentation zur Sozialpolitik in Deutschland. [30 Punkte]
2. b)
Erläutern Sie anhand von zwei Textbelegen, inwiefern die Rednerin auf Grundprinzipien staatlicher Sozialpolitik Bezug nimmt. [16 Punkte]
3.
Gestalten Sie als Teilnehmerin bzw. Teilnehmer einer Fachkonferenz über die Zukunft des deutschen Sozialstaats einen Redebeitrag, der auch ökonomische Gesichtspunkte einbezieht. Greifen Sie darin zwei Forderungen von Verena Bentele auf und formulieren Sie einen eigenen Vorschlag für „sozial gerechte Politik“ (Z. 72) in Deutschland. [30 Punkte]
Aufgabe HT 4 - Ökonomische Globalisierung und WTO · Globalisierung, internationaler Handel und Standort Deutschland
Abiturprüfung 2022 · Sozialwissenschaften/Wirtschaft, Grundkurs
Thema: Grenzen der ökonomischen Globalisierung – Kann die Welthandelsorganisation (WTO) zur weltweiten Wohlstandsmehrung beitragen?
1.
Stellen Sie für die ökonomische Globalisierung jeweils zwei Ursachen, zwei Merkmale und zwei Indikatoren dar.
(24 Punkte)
M 1: Jan Dirk Herbermann: Die WTO muss sich neu erfinden – sonst droht sie unterzugehen
[...]
Drei Frauen und fünf Männer aus vier Kontinenten wollen den Job an der Spitze der krisengeplagten Welthandelsorganisation. Egal wer sich durchsetzen wird, die neue Generaldirektorin oder der neue Generaldirektor übernimmt die WTO-Chefposition in einer dramatischen Zeitenwende. 1
5 In dieser Zeitenwende muss die Institution in Genf eine neue Rolle finden. Falls das nicht gelingt, wird die vor 25 Jahren mit viel Vorschusslorbeeren gegründete Organisation immer weiter in die Bedeutungslosigkeit abrutschen. Sie wäre dann ein weiteres Opfer der Abkehr vom Multilateralismus.
Es ist eine Zeitenwende, in der die bisher gültigen Regeln der Weltwirtschaft und vor allem 10 des Welthandels auf der Kippe stehen. Die marktgesteuerte Globalisierung könnte in eine „Deglobalisierung“ umschlagen: Wuchs die Weltwirtschaft bislang immer enger zusammen, angetrieben durch den zunehmenden Warenaustausch, durch Direktinvestitionen in nahen und fernen Ländern, durch Kapitalströme und Digitalisierung, geht der Trend nun in die entgegengesetzte Richtung.
15 Protektionismus und Handelskriege, diese wohlstandszersetzenden Übel, dominieren die Agenda des Welthandels und damit der WTO. Die WTO meldete in den vergangenen Jahren historische Höchststände an Zöllen, Kontingenten und anderen Abschottungsmechanismen.
Zu all dem kommt jetzt die epochale Corona-Pandemie. [...]
Die Pandemie könnte zu einer langfristigen Abriegelung von Märkten vor fremden Anbietern 20 führen. Viele Regierungen dürften Gefallen an dem Argument finden, die Grenzen für Personen und Waren zu schließen, um die Gesundheit des Volkes zu schützen.
[...]
Die WTO läuft Gefahr, in dem Strudel aus Protektionismus, Handelskriegen und der Angst vor Corona und neuen Pandemien unterzugehen. Dabei könnte sie als Forum der Vernunft 25 helfen, den Weg aus der Krise zu finden.
Dem Nachfolger oder der Nachfolgerin des glücklosen WTO-Generaldirektors Roberto Azevêdo kommt dabei ein wichtiger Part 2 zu. Zwar verfügt der Generaldirektor gegenüber den WTO-Mitgliedern nicht über formale Macht. Er oder sie kann aber Reformdebatten antreten, mutig Position beziehen. Vor allem muss sich die oder der Neue viel stärker öffentlich 30 und hinter verschlossenen Türen für einen möglichst freien Welthandel einsetzen.
Azevêdo, ein diskreter Handelsdiplomat der alten Schule, bot Protektionisten wie US-Präsident Donald Trump nie ernsthaft Paroli 3. Selbst in seiner zweiten Amtszeit, als er wusste, dass seine Zeit in dieser Funktion zu Ende geht, schwieg er zu oft. Dass Politiker wie Trump sowieso nicht zuhören, darf kein Argument für Leisetreterei sein. Im Gegenteil.
35 Innerhalb der WTO warten ebenfalls eine Menge Baustellen auf die neue Frau oder den neuen Mann. Ganz oben auf der To-do-Liste steht das lahmgelegte WTO-Streitschlichtungssystem. Die USA haben sich gegen Neubesetzungen von Richtern in der Berufungsinstanz gesperrt und so das „Herzstück“ der WTO arbeitsunfähig gemacht.
[...]
40 Zudem gilt es, die Scherben der letzten Welthandelsrunde zusammenzukehren. Im Jahr 2001 startete die WTO in Doha ihr bis dato größtes Projekt: Ein neuer viele Bereiche umfassender Welthandelsvertrag sollte in drei Jahren unterschriftsreif vorliegen. Damit wollten die WTO-Granden 4 die Globalisierung weiter beschleunigen und die Entwicklungsländer stärker einbinden.
45 Doch die vielen Streitpunkte zwischen Armen und Reichen, zwischen EU, China, Indien und den USA, vor allem die leidigen Agrarsubventionen, ließen das ehrgeizige Projekt versanden. Es ist an der Zeit, das Scheitern offiziell einzugestehen. Darauf sollte die neue Person an der Spitze der Welthandelsorganisation dringen.
Die nächste WTO-Führung muss mit den Mitgliedern eine neue, attraktive Agenda ausloten. 50 Angesichts des Klimawandels könnten Umweltfragen und Warenaustausch besser integriert werden. Die faire Verteilung von Medikamenten und Impfstoffen könnte die WTO nach den Erfahrungen in der Coronakrise in den Blick nehmen.
Zudem muss die lähmende Konsensregel auf den Prüfstand. Schon oft verhinderten einzelne Mitglieder Fortschritte hin zu offeneren Märkten. Doch zunächst müssen die 164 WTO-Mit 55 glieder die beste Besetzung für den Topjob finden. Bei der Auswahl sollte weder das Geschlecht noch die regionale Herkunft eine Rolle spielen, sondern Ideen und Durchsetzungsfähigkeit.
1 Zwischenzeitlich wurde die Nigerianerin Ngozi Okonjo-Iweala gewählt. Sie trat das Amt am 1. März 2021 an.
2 Part: Rolle
3 Paroli bieten: ebenbürtig zur Wehr setzen
4 Granden, hier: Personen von besonderer Bedeutung, Schlüsselfiguren
Jan Dirk Herbermann: Die WTO muss sich neu erfinden – sonst droht sie unterzugehen. In: Handelsblatt Online, 09. Juli 2020. URL: https://www.handelsblatt.com/meinung/kommentare/kommentar-die-wto-muss-sich-neu-erfinden-sonst-droht-sie-unterzugehen/25992110.html (Zugriff am 05.02.2021)
2. a)
Analysieren Sie den Text M 1 hinsichtlich der Position des Autors und seiner Argumentation zur Bedeutung der WTO in der Weltwirtschaft.
(30 Punkte)
M 2: Burkhard Mohr: Karikatur zum Artikel „Die WTO muss sich neu erfinden – sonst droht sie unterzugehen“
Burkhard Mohr, in: Handelsblatt Online, 09. Juli 2020. URL: https://www.handelsblatt.com/meinung/kommentare/kommentar-die-wto-muss-sich-neu-erfinden-sonst-droht-sie-unterzugehen/25992110.html (Zugriff am 05.02.2021)
2. b)
Interpretieren Sie die Karikatur M 2 hinsichtlich der Haltung des Karikaturisten zur Bedeutung der WTO in der Weltwirtschaft und vergleichen Sie anschließend die Position des Autors von M 1 mit der des Karikaturisten.
(16 Punkte)
3.
Erörtern Sie, ob Protektionismus ein „wohlstandszersetzende[s] Übel“ (Z. 15) darstellt, und beziehen Sie sich dabei sowohl auf ökonomische als auch auf soziale Aspekte. Beziehen Sie in Ihre Überlegungen ebenfalls die Position des Autors ein.
(30 Punkte)
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Übe ein Thema mit gemischten Aufgaben aus den Prüfungen aller Jahre.
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- Soziale Ungleichheit und Sozialstruktur · 23 Aufgaben · 55 % Wahrscheinlichkeit
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