Aufgabe HT 2 - Wohlstandsmessung · Abitur NRW Sozialwissenschaften GK · Haupttermin · Wirtschaft 2022

Thema: Wirtschaftspolitische Ziele, Konjunktur und Wohlstandsmessung · Aus der Prüfung GK · Haupttermin · Wirtschaft (2022)

Aufgabenstellung

Janez Potočnik und Martin R. Stuchtey

Es geht um mehr als Lieferketten

[...]

Die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie verleiten einige zu dem Schluss, dass der schnelle Wiederaufbau unserer Volkswirtschaften Vorrang vor anderen politischen Projekten wie dem Green Deal 1 der EU hat. Doch wer dem Wiederaufbau der alten Strukturen das Wort redet 2, der wird schon bald mit der nächsten Krise konfrontiert sein. Der vor Kurzem eingetretene Zusammenbruch der globalen Lieferketten ist hierfür warnendes Beispiel. Seit den 70er-Jahren kannte die Globalisierung kein Halten mehr und schuf immer längere, komplexere, mitunter absurd erscheinende Produktionsverbundsysteme und Lieferketten. Als Verbraucher betrachteten wir diese Entwicklung einerseits mit Freude, andererseits mit Ignoranz. Wir verhielten uns wie Passagiere auf einem Kreuzfahrtschiff, denen egal war, was im Maschinenraum vor sich ging.

Mittlerweile haben wir verstanden, wie sehr uns gebrochene Lieferketten auch als einzelne Menschen konkret angehen. Auch wenn wir uns der bisweilen durchschlagenden Effekte von Trockenheit in Brasilien oder Unwettern in Thailand schon bisher irgendwie bewusst waren, die Unterbrechung der Lieferketten durch das Coronavirus und der weitreichende Effekt auf unsere Fabriken und Supermärkte haben uns die Fragilität unseres Wirtschaftssystems unmissverständlich vor Augen geführt.

Aber es ist nicht damit getan, dass die Covid19-Krise uns gelehrt hat, dass wir den globalen Lieferketten und dem globalen Risikomanagement weit mehr Aufmerksamkeit schenken müssen. Denn nach wie vor vernachlässigen wir eine andere, mindestens ebenso wichtige Kette. Diese stützt nicht nur die Weltwirtschaft, sondern unsere gesamte menschliche Existenz.

Diese andere Kette kann [man] am besten als „Ressourcenkette“ bezeichnen. Auch sie ist im doppelten Sinn eine Kette: Sie muss einerseits reibungslos funktionieren, andererseits sind wir Menschen aber auch an sie gekettet. Wie bei den Lieferketten haben wir die üppige und friktionslose 3 Verfügbarkeit natürlicher Ressourcen zu immer günstigeren Preisen für selbstverständlich genommen. Das erweist sich immer mehr als Trugschluss. Im blinden Vertrauen darauf, dass moderne Ketten uns Menschen immer weiter vorwärts ziehen, übersehen wir die zweite Eigenschaft von Ketten: Sie können uns auch nach unten ziehen.

Wie steht es nun um die Modernität und vor allem die Effizienz der Ressourcenkette? Auf Pro-Kopf-Basis stieg der weltweite durchschnittliche Materialbedarf von 7,4 Tonnen im Jahr 1970 auf 12,2 Tonnen pro Kopf im Jahr 2017. Dies entspricht einer Steigerung von 60 Prozent. Bei einer Weltbevölkerung von bald neun Milliarden Menschen ist dieser starke Anstieg eine alarmierende Entwicklung. Ohne entsprechende Anpassungsmaßnahmen würde sich der Ressourcenverbrauch bis 2060 von derzeit 92 Milliarden auf 190 Milliarden Tonnen mehr als verdoppeln, so der Kernbefund des vom International Resource Panel 4 veröffentlichten Global Resources Outlook 2019.

Galt ein brummendes, ressourcenintensives Wirtschaften lange Zeit als Maßstab für wachsenden Wohlstand, so bietet sich nun ein grundlegend neues Bild: Fakt ist, dass die Gewinnung und Verarbeitung der von uns genutzten Ressourcen mehr als 90 Prozent des weltweiten Verlusts an biologischer Vielfalt und des Wasserstresses sowie mehr als die Hälfte des Klimagasausstoßes verursacht. Die Intensität der weltweiten Ressourcenketten beeinträchtigt unsere Lebensumwelt immer mehr. Und eine Besserung ist nicht in Sicht. Anders als von Technologie-Experten wie Andrew McAfee prophezeit, nimmt unsere Ressourcenproduktivität derzeit nicht zu, sondern ab. Schauen wir uns genauer an, wie wir Land, Wasser, Biomasse, Metall und nichtmetallische Mineralien sowie fossile Brennstoffe nutzen, dann hat sich die globale Materialproduktivität, also der pro Einheit an Material geschaffene wirtschaftliche Wert, in den vergangenen 20 Jahren nicht verbessert, sondern verschlechtert.

Angesichts dieser ernüchternden Zahlen müssen wir auch hier ein sehr viel aktiveres Risikomanagement praktizieren. Das setzt voraus, dass wir die Tatsache akzeptieren, dass unsere derzeitige Produktions- und Konsumweise die planetaren Grenzen überschreitet – und daher unsere Gesellschaften in ihrem Bestand gefährdet. Das lange ignorierte Szenario eines durch Klima und Umwelt bedingten Wohlstandseinbruchs ist plötzlich in greifbare Nähe gerückt. Um dieses Schicksal abzuwenden, sollten wir unsere Ressourcenketten dringend in Ressourcenkreisläufe umgestalten. Diese Transformation erfolgt in zwei Schritten: Erstens müssen wir Ressourcen zum Bestandteil unseres gesamtwirtschaftlichen Wohlstands erklären. Und zweitens können wir sie dadurch schützen, dass nicht der Verbrauch, sondern die Sicherstellung ihrer dauerhaften Nutzbarkeit zu einem Kernziel künftigen Wirtschaftens wird. Die Circular Economy 5 muss also im Mittelpunkt unserer künftigen Wirtschaftsagenda stehen. Es ist höchste Zeit zu erkennen, dass die Überdehnung unserer Ressourcenketten neben den Lieferketten die zweite Achillesferse 6 der Weltwirtschaft darstellt.

In Demokratien haben wir das Recht, unsere Prioritäten zu ändern. Dementsprechend sollten wir nachhaltiges Ressourcenmanagement und zirkulares Wirtschaften nicht als eine umweltpolitische Last, sondern als elementares Wachstumsfeld für neue Systemangebote und als Chance für einen schnellen und beständigen Wiederaufbau verstehen. Hier umzudenken ist ein Appell an die menschliche Vernunft und unseren kollektiven Einfallsreichtum.

[...]

Wir stehen [...] keineswegs vor der Wahl Wiederaufbau der Wirtschaft oder Förderung der Nachhaltigkeit. Ja, wir müssen die Wirtschaft wieder aufbauen, aber wir können – und müssen – dabei gleichzeitig die Nachhaltigkeit sowie die Krisen- und Widerstandsfähigkeit unserer Volkswirtschaften deutlich verbessern.

Das ist das Signal, das vom European Green Deal ausgeht. Es ist gerade kein klimapolitisches Programm, sondern die sehr konkrete und wirtschaftlich dynamisierende Vision eines neuen, vom Ressourcenverbrauch unabhängigen und risikobefreiten Wohlstands. Statt auf die alten anfälligen Ressourcenketten baut er auf intelligentere Produktions- und Verbrauchslösungen. Nach Covid gibt es keine höhere Priorität.

Zu den Autoren:

Janez Potočnik, geb. 1958, war EU-Kommissar für Wissenschaft und Forschung (von 2004 – 2009) sowie für Umwelt (von 2010 – 2014) und ist tätig als Umweltschutzfunktionär.

Martin R. Stuchtey, geb. 1968, ist Geologe und Wirtschaftswissenschaftler. Er ist Professor für Ressourcenstrategie und Ressourcenmanagement an der Universität Innsbruck.

Worterläuterungen

1 Green Deal: Konzept der Europäischen Union mit dem Ziel, bis 2050 die Netto-Emissionen von Treibhausgasen auf null zu reduzieren.

2 einer Sache das Wort reden, hier: etwas verteidigen

3 friktionslos: reibungslos

4 International Resource Panel: Durch das UN-Umweltprogramm UNEP ins Leben gerufene Organisation, welche Nationen dabei unterstützen will, natürliche Ressourcen nachhaltig zu nutzen. Janez Potočnik ist Ko-Vorsitzender dieser Organisation.

5 Circular Economy (engl.): Kreislaufwirtschaft. Ein Modell der Produktion und des Verbrauchs, bei dem bestehende Materialien und Produkte so lange wie möglich geteilt, geleast, wiederverwendet, repariert, aufgearbeitet und recycelt werden.

6 Achillesferse, hier: verwundbare Stelle; empfindlicher, schwacher Punkt

2. Stellen Sie zwei Indikatoren bzw. Indizes dar, mit denen Wohlstand gemessen wird, und gehen Sie dabei auf deren Merkmale und Aussagekraft ein. (24 Punkte)

Aufgabenstellung: Aufgabe HT 2 - Wohlstandsmessung · Abitur NRW Sozialwissenschaften GK · Haupttermin · Wirtschaft 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

2. Stellen Sie zwei Indikatoren bzw. Indizes dar, mit denen Wohlstand gemessen wird, und gehen Sie dabei auf deren Merkmale und Aussagekraft ein.

Lösung: Darstellung der Merkmale und Aussagekraft zweier Wohlstandsindikatoren bzw. -indizes, beispielsweise des Bruttoinlandsprodukts (BIP) und des Human Development Index (HDI) (oder alternativer Konzepte wie des Nationalen Wohlfahrtsindex / NWI oder Better Life Index).

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