Aufgabe 3 · Abitur NRW Sozialwissenschaften GK · Haupttermin 2021
Thema: Soziale Ungleichheit und Sozialstruktur · Aus der Prüfung GK · Haupttermin (2021)
Aufgabenstellung
Thema: Entwicklung der sozialen Ungleichheit – eine Gefahr für den sozialen Frieden in Deutschland?
Materialgrundlage
M 1: Harald Freiberger: Der soziale Frieden ist in Gefahr. In: Süddeutsche Zeitung vom 07. Mai 2019.
M 2: Statistisches Bundesamt / Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (Hrsg.): Datenreport 2018. Ein Sozialbericht für die Bundesrepublik Deutschland. Bonn 2018 (daraus entnommen: Tab. 1 Haushaltsnettoeinkommen der privaten Haushalte in Deutschland 1995 – 2016, S. 241, Auszug).
1.
Beschreiben Sie, was unter dem Begriff „soziale Ungleichheit“ zu verstehen ist, und stellen Sie zwei ihrer Dimensionen jeweils mit einem passenden Indikator dar. (24 Punkte)
2. a)
Analysieren Sie den Text M 1 hinsichtlich der Haltung des Autors und seiner Argumentation zum Umgang mit sozialer Ungleichheit in Deutschland. (30 Punkte)
M 1 – Harald Freiberger: Der soziale Frieden ist in Gefahr
[...]
Es lässt sich schwer vermeiden, dass die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden. Fünf Prozent von x sind nun mal mehr als fünf Prozent von nix, um einen Spruch eines ehemaligen deutschen Finanzministers abzuwandeln. Wer vermögend ist, profitierte in den vergangenen Jahren von einem gewaltigen Aktien- und Immobilienboom, sein Geld vermehrte sich wie von selbst. Wer dagegen nur über wenig Erspartes und über keine Immobilien verfügt, ist heute eher ärmer als vor zehn Jahren, auch weil die niedrigen Zinsen von der Inflation aufgefressen wurden.
Nichts anderes sagen die neuen Daten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) aus. Demnach ging die Schere zwischen Arm und Reich in Deutschland von 1991 bis 2016 deutlich auseinander: Das verfügbare Realeinkommen des reichsten Zehntels der Bevölkerung erhöhte sich um 31 Prozent. Im Durchschnitt der privaten Haushalte betrug das Plus noch 18 Prozent. Das ärmste Zehntel der Bevölkerung aber ist heute ärmer als vor 25 Jahren.
[...]
Diese Zahlen sind alles andere als trivial. Sie werfen die Frage auf, ob die Politik, Wirtschaft und andere gesellschaftliche Gruppen in Deutschland genug tun, um der wachsenden Ungleichheit entgegenzusteuern. Denn wenn sich in 25 Jahren eine solche Kluft auftut, liegt es auf der Hand, dass es so nicht weitergehen kann. Das scheinbar mathematische Gesetz, das Reiche immer reicher und Arme immer ärmer macht, muss mit den Mitteln der Politik gebrochen werden.
Wohin es führen kann, wenn dies nicht geschieht, lässt sich derzeit in Frankreich besichtigen, wo eine gleichgültige Führungskaste zumindest eine Mitverantwortung trägt für den gewalttätigen Protest der Gelbwesten¹. Die Alarmzeichen nehmen auch in Deutschland zu. Warum etwa löst eine umstürzlerische Forderung wie jene des Juso²-Chefs Kevin Kühnert, BMW zu verstaatlichen, ein solches Echo aus? Die Zeiten, in denen man so etwas ernsthaft diskutierte, schienen eigentlich seit Jahrzehnten vorbei. Warum gibt es in Berlin ein Volksbegehren, Wohnungseigentümer unter bestimmten Bedingungen zu enteignen? Weil sich viele Gering- und Normalverdiener gerade in den Ballungsräumen kaum mehr die Miete leisten können, während die Einnahmen der Vermieter kontinuierlich steigen. Wer hat, dem wird gegeben, wer nichts hat, steht auf der Straße.
Das gesellschaftliche Klima wird rauer, und das hat entscheidend mit der bedenklichen Ungleichheit zu tun, die nun die neuen Zahlen drastisch belegen. Das hohe Maß an sozialem Frieden, das Deutschland seit den Nachkriegsjahren auszeichnete, ist nicht mehr selbstverständlich. Deshalb sollte die Politik umsteuern, und das größte Steuerungsinstrument, das sie hat, um einen Ausgleich zu schaffen, sind die Steuern.
Vor 25 Jahren waren die Zeiten andere, unter der Regierung Kohl war es vielleicht noch angebracht, die Steuersätze für Besserverdienende zu senken und die Vermögensteuer abzuschaffen. Inzwischen ist das Gegenteil geboten, um Vermögen umzuverteilen und die Ungleichheit zu verringern. Auch eine Vermögensteuer von zum Beispiel einem Prozent speziell für Millionäre, Multimillionäre und Milliardäre ist ein angebrachtes Mittel. Das Argument, dies bringe in absoluten Zahlen nicht viel, zählt nicht, weil es nicht nur um Geld geht, sondern auch um Symbolik: Die Menschen müssen wieder das Gefühl bekommen, die Politik unternehme etwas dagegen, dass die Gesellschaft immer weiter auseinanderdriftet.
[...]
Auch die Arbeitgeber können etwas tun, um den sozialen Frieden zu festigen, und zum Beispiel überlegen, ob die Tarifsätze zwischen gut und schlecht Verdienenden im Unternehmen im Gleichgewicht sind. Klar sollte aber auch sein, dass die Veränderungen im bestehenden Rahmen stattfinden müssen, das heißt in der Marktwirtschaft. Ein Systemwechsel hin zu einer verstaatlichten Wirtschaft hat sich, gelinde gesagt, historisch nicht bewährt. Es führt auf Dauer zu einem Erlahmen der wirtschaftlichen Tätigkeit.
Dass Menschen durch Arbeit und eigene Anstrengung reich werden können, ist ein unschätzbarer Vorteil der kapitalistischen Wirtschaftsform. Es sorgt für Dynamik und vermehrt das Vermögen der Volkswirtschaft. Wenn sich die Dynamik aber zu einseitig entfaltet, wird es für die Gesellschaft kontraproduktiv. Die reichsten Deutschen, die in den vergangenen 25 Jahren um ein Drittel reicher geworden sind, können etwas von ihrem Reichtum abgeben, ohne dass für sie gleich die Welt zusammenbricht.
¹ Gelbwestenbewegung: organisierte Protestbewegung in Frankreich mit uneinheitlicher politischer Richtung.
² Juso(s): Arbeitsgemeinschaft der Jungsozialistinnen und Jungsozialisten in der SPD.
2. b)
Überprüfen Sie anhand des statistischen Materials M 2 zwei Aussagen des Autors über die Entwicklung sozialer Ungleichheit. (16 Punkte)
M 2 – Datenreport 2018 (Auszug): Haushaltsnettoeinkommen der privaten Haushalte in Deutschland 1995 – 2016
3.
Erörtern Sie unter Berücksichtigung des sozialen Friedens einerseits und des Wirtschaftswachstums andererseits, ob eine vom Autor angesprochene Maßnahme (z. B. die Erhebung einer Vermögenssteuer) umgesetzt werden sollte. (30 Punkte)

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Beschreiben Sie, was unter dem Begriff „soziale Ungleichheit“ zu verstehen ist, und stellen Sie zwei ihrer Dimensionen jeweils mit einem passenden Indikator dar.
Lösung: Beschreibung des Begriffs der sozialen Ungleichheit sowie Darstellung zweier Dimensionen (z. B. materieller Wohlstand, Bildung, Prestige) mit Indikatoren.
2. a) Analysieren Sie den Text M 1 hinsichtlich der Haltung des Autors und seiner Argumentation zum Umgang mit sozialer Ungleichheit in Deutschland.
Lösung: Analyse von M 1 bezüglich Position, Begründungsgang, Argumentationsweise und Intention.
2. b) Überprüfen Sie anhand des statistischen Materials M 2 zwei Aussagen des Autors über die Entwicklung sozialer Ungleichheit.
Lösung: Überprüfung zweier Thesen des Autors anhand der empirischen Kennzahlen aus M 2.
3. Erörtern Sie unter Berücksichtigung des sozialen Friedens einerseits und des Wirtschaftswachstums andererseits, ob eine vom Autor angesprochene Maßnahme (z. B. die Erhebung einer Vermögenssteuer) umgesetzt werden sollte.
Lösung: Differenzierte Erörterung und begründetes Urteil zur Einführung einer Vermögensteuer anhand der Kriterien sozialer Frieden und Wirtschaftswachstum.
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