Aufgabe 2 · Abitur NRW Sozialwissenschaften LK · Haupttermin · Wirtschaft 2022

Thema: Europäische Integration: Geschichte, Institutionen und Modelle · Aus der Prüfung LK · Haupttermin · Wirtschaft (2022)

Aufgabenstellung

Abiturprüfung 2022 – Sozialwissenschaften/Wirtschaft, Leistungskurs

SW (WI) LK HT 2

Thema: Europäische Integration – Welche Rolle soll die Europäische Union (EU) in einer globalisierten Welt übernehmen?

Materialgrundlage

Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel zur deutschen EU-Ratspräsidentschaft 2020 vor dem Europäischen Parlament am 8. Juli 2020 in Brüssel (gekürzt)

Sehr geehrter Herr Präsident, sehr geehrte Frau Kommissionspräsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen im Europäischen Parlament, meine Damen und Herren,

5 es ist mir eine Freude, zu Beginn der deutschen EU-Ratspräsidentschaft vor dem Plenum des Europäischen Parlaments zu sprechen. […]

Uns allen ist bewusst, dass mein heutiger Besuch vor dem Hintergrund der größten Bewährungsprobe in der Geschichte der Europäischen Union stattfindet. Die weltweite Coronavirus-Pandemie hat auch in Europa Menschen hart und unerbittlich getroffen. […]

10 Unsere Wirtschaft wurde und wird europaweit schwer erschüttert. Millionen Beschäftigte haben ihren Arbeitsplatz verloren. Zusätzlich zu den Sorgen um ihre Gesundheit und die Gesundheit ihrer Familien ist bei vielen Bürgerinnen und Bürgern so auch noch die Angst um ihre wirtschaftliche Existenz dazugekommen. Sie alle brauchen jetzt unsere gemeinsame Unterstützung.

15 Um die Infektionsketten zu durchbrechen, mussten vorübergehend die elementarsten Grundrechte eingeschränkt werden. Das war ein sehr hoher Preis, denn für diese Grundrechte haben Generationen in Europa hart gerungen. Menschen- und Bürgerrechte sind das wertvollste Gut, das wir in Europa haben. Sie dürfen nur aus sehr gewichtigen Gründen und nur sehr kurzfristig eingeschränkt werden. Eine Pandemie darf nie Vorwand sein, um demokratische Prinzipien auszuhebeln. […]

20 In dieser historischen Phase übernimmt nun Deutschland die EU-Ratspräsidentschaft. Diese Aufgabe erfüllt mich mit Respekt, aber auch mit großer Leidenschaft. Denn ich glaube an Europa. Ich bin überzeugt von Europa – nicht nur als Erbe der Vergangenheit, sondern als Hoffnung und Vision für die Zukunft.

25 Europa ist nicht nur etwas, das uns übergeben wurde, etwas Schicksalhaftes, das uns verpflichtet, sondern Europa ist etwas Lebendiges, das wir gestalten und verändern können. Europa nimmt uns keine Handlungsmöglichkeiten, sondern in einer globalisierten Welt gibt Europa uns erst welche. Nicht ohne, sondern nur mit Europa können wir unsere Überzeugungen und Freiheiten erhalten.

30 Dafür brauchen wir eben mehr denn je die Orientierung an den Grundrechten, zugleich mehr denn je die wechselseitige Unterstützung und den gemeinschaftlichen Zusammenhalt. […]

Die Pandemie hat uns allen nur zu deutlich vor Augen geführt, wie kostbar die Grundrechte sind, wie elementar die Freiheiten sind, die sie garantieren. Über den Schutz dieser Grundrechte wachen in der Europäischen Union starke Institutionen: die Europäische Kommission, der Europäische Gerichtshof und das Europäische Parlament. Die Grundrechte sind das erste, was mir in dieser Ratspräsidentschaft am Herzen liegt.

35 Gestützt und ergänzt werden muss das durch das zweite Prinzip, das Europa ausmacht: unseren Zusammenhalt. […] Allein kommt niemand durch diese Krise. Wir alle sind verwundbar. Europäische Solidarität ist nicht einfach nur eine humane Geste, sondern eine nachhaltige Investition. Europäischer Zusammenhalt ist nicht nur etwas, das politisch geboten ist, sondern etwas, das sich lohnen wird. […]

40 Gemeinsam mit dem französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron habe ich einen europäischen Aufbaufonds in Höhe von 500 Milliarden Euro vorgeschlagen. […] Ich bin davon überzeugt, dass die soziale Dimension ebenso entscheidend ist wie die wirtschaftliche. Ein sozial und wirtschaftlich gerechtes Europa ist für den demokratischen Zusammenhalt entscheidend. Es ist das beste Rezept gegen all jene, die unsere Demokratien schwächen und unsere Gemeinsamkeiten infrage stellen wollen. […]

45 In vielen Mitgliedstaaten warten die Europagegner nur darauf, die Krise für ihre Zwecke zu missbrauchen. All jenen müssen wir jetzt zeigen, wo der Mehrwert der Zusammenarbeit in der Europäischen Union liegt. Wir müssen zeigen, dass die Rückkehr zum Nationalismus nicht mehr, sondern weniger Kontrolle bedeutet und dass uns nur gemeinsames Handeln als Europa schützt und stärkt. […]

50 Aber gleichzeitig heißt das im Ergebnis immer auch, dass die Kraftanstrengung, die jetzt zum Wohle aller notwendig ist, nicht einseitig die wirtschaftlich starken Mitgliedstaaten über Gebühr belasten darf, sondern dass jeder von uns gefordert ist, sich in die Lage des anderen zu versetzen. Also bedenken Sie auch, was die einzelnen Mitgliedstaaten leisten können und was nicht – wirtschaftlich, gesellschaftlich und politisch. Bei all dem bitte ich Sie als europäische Abgeordnete heute um Ihre Unterstützung. Ich bin davon überzeugt, dass jeder in dieser Krise zur außergewöhnlichen Solidarität bereit ist. Deutschland ist es.

55 Die Bewältigung der Pandemie und ihrer Folgen wird unsere Ratspräsidentschaft prägen. Zugleich müssen wir immer auch die weiterhin bestehenden anderen großen Herausforderungen unserer Zeit im Blick haben. […]

Zunächst: der Klimawandel. […] Auch ich bin davon überzeugt, dass eine globale Lösung des Klimawandels nur dann möglich ist, wenn Europa eine Vorreiterrolle beim Klimaschutz einnimmt. Die Strategie für einen grünen Deal der Europäischen Kommission ist daher für uns eine wichtige Leitlinie. Mit ihrer engen Begleitung im Verlauf unserer Ratspräsidentschaft wollen wir den Wandel hin zu einer kohlenstoffneutralen Wirtschaft und Gesellschaft und zu einer grünen Wirtschaft mit starken und innovativen Unternehmen schaffen – einer Wirtschaft, die die natürlichen Lebensgrundlagen und die Wettbewerbsfähigkeit Europas für die kommenden Generationen schützt und stärkt. […]

60 Die weitere große Herausforderung […] ist der digitale Wandel. Wie auch der Klimaschutz erfordert er, dass wir unsere Art zu leben und zu wirtschaften nachhaltig ändern. Das löst bei vielen Menschen Angst aus – Angst vor dem Verlust von Vertrautem und Angst vor dem Tempo der Veränderung. Und das ist auch verständlich.

Aber lassen Sie mich sehr deutlich sagen: Das Engagement für die Digitalisierung wie für den Klimaschutz bedeutet nicht, dass wir alles Etablierte aufgeben und damit die Arbeitsplätze von Millionen Europäerinnen und Europäern aufs Spiel setzen. Im Gegenteil, es geht um einen notwendigen Wandel unserer Gesellschaft, der langfristig mehr Schutz und mehr Nachhaltigkeit bieten wird. […]

65 Wir können und müssen selbst entscheiden, wer Europa in dieser sich rasant verändernden Weltordnung sein will. Es kommt mehr denn je darauf an, ob wir es ernst meinen mit Europa und ob wir ein Europa wollen, das seine Freiheit und seine Identität auch in Zeiten der Globalisierung bewahrt. In dieser Lage ergibt sich die Notwendigkeit einer starken europäischen Außen- und Sicherheitspolitik. […]

Während der deutschen Ratspräsidentschaft wollen wir außerdem unsere Überlegungen darüber fortführen, ob wir in Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik am Einstimmigkeitsprinzip festhalten wollen oder nicht und welche Lehren Europa aus der Coronaviruskrise ziehen soll, zum Beispiel mit Blick darauf, wie Europas Souveränität im Gesundheitssektor gestärkt werden könnte.

70 Herr Präsident, Frau Kommissionspräsidentin, meine Damen und Herren, wollen wir Europa? Dann braucht es das, wovon ich heute gesprochen habe. Dann braucht es die Grundrechte und den Zusammenhalt. Dann braucht es Antworten auf den Klimawandel und die Digitalisierung. Dann braucht es Europas Verantwortung in der Welt. Dann müssen wir Europa grüner, digitaler und damit innovativer und wettbewerbsfähiger gestalten. Denn Europa soll international für eine Ordnung des Rechts und für Innovation und Nachhaltigkeit stehen. Das ist die Vision für Europa. […]

Herzlichen Dank!

Zur Rednerin und zum Material: Angela Merkel, geb. 1954, war von 2005 bis 2021 Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland. Vom 01. Juli bis zum 31. Dezember 2020 übernahm Deutschland die EU-Ratspräsidentschaft.

1.

Stellen Sie dar, welche Bedeutung die europäische Integration für Demokratie und Menschenrechte hat, und greifen Sie dazu drei Stationen des Integrationsprozesses nach dem Zweiten Weltkrieg auf. [24 Punkte]

2. a)

Analysieren Sie die Rede von Angela Merkel hinsichtlich ihrer Positionierung und ihrer Argumentation zur Situation der EU. [30 Punkte]

2. b)

Erläutern Sie mithilfe von zwei Belegstellen aus dem Text, inwiefern Modelle der europäischen Integration darin erkennbar werden. [16 Punkte]

3.

Gestalten Sie in der Rolle eines Mitglieds des Europäischen Parlaments einen Redebeitrag, der auf die Rede Angela Merkels antwortet. Gehen Sie darin auf zwei globale Herausforderungen ein, die Merkel mit Blick auf die Rolle Europas in der Welt nennt, und entwickeln Sie einen eigenen Vorschlag zu einer dieser Herausforderungen. [30 Punkte]

Aufgabenstellung: Aufgabe 2 · Abitur NRW Sozialwissenschaften LK · Haupttermin · Wirtschaft 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Stellen Sie dar, welche Bedeutung die europäische Integration für Demokratie und Menschenrechte hat, und greifen Sie dazu drei Stationen des Integrationsprozesses nach dem Zweiten Weltkrieg auf.

Lösung: Ausführliche Darstellung von drei historischen Stationen (z. B. Erste Direktwahl des Europäischen Parlaments 1979, Vertrag von Maastricht 1992, Festlegung der Kopenhagener Kriterien 1993, Vertrag von Lissabon 2009) mit jeweiligem Bezug zu Demokratie und Menschenrechten.

2. a) Analysieren Sie die Rede von Angela Merkel hinsichtlich ihrer Positionierung und ihrer Argumentation zur Situation der EU.

Lösung: Analyse der Rede: Textsorteneinordnung und Thema (2 P.), Herausarbeitung der Position (6 P.), Erläuterung des Begründungsgangs (10 P.), Argumentationsweise/Rhetorik (6 P.) sowie Intention (6 P.).

2. b) Erläutern Sie mithilfe von zwei Belegstellen aus dem Text, inwiefern Modelle der europäischen Integration darin erkennbar werden.

Lösung: Erläuterung von zwei Textbezügen zu Modellen der europäischen Integration (je 8 Punkte).

3. Gestalten Sie in der Rolle eines Mitglieds des Europäischen Parlaments einen Redebeitrag, der auf die Rede Angela Merkels antwortet. Gehen Sie darin auf zwei globale Herausforderungen ein, die Merkel mit Blick auf die Rolle Europas in der Welt nennt, und entwickeln Sie einen eigenen Vorschlag zu einer dieser Herausforderungen.

Lösung: Strukturierter, adressatengerechter Redebeitrag im Europäischen Parlament: Anrede und thematischer Einstieg (4 P.), Bezugnahme auf zwei globale Herausforderungen (je 6 P.), eigener fundierter Vorschlag (6 P.) sowie überzeugende argumentative Gestaltung mit Schlusspunkt (8 P.).

Die ausführliche Erklärung Schritt für Schritt (mit KI) gibt es mit Premium. Premium

Löse sie direkt hier: automatische Korrektur, Hinweise und Lösung Schritt für Schritt.

‹ Aufgabe HT 2 · LK · Haupttermin 2022 · Aufgabe 2 (SW LK NT 2) · LK · Nachtermin 2022 ›

Mehr Aufgaben zu Europäische Integration: Geschichte, Institutionen und Modelle