Abitur NRW Geschichte 2021 · LK · Haupttermin

Abiturprüfung Geschichte in Nordrhein-Westfalen 2021, LK · Haupttermin: 1 Aufgabe mit Lösungen. Mit automatischer Korrektur.

Themen der Prüfung: Deutsche Frage 1815-1871: Wiener Kongress, Revolution 1848/49, Reichsgründung · Kaiserreich: Industriegesellschaft, Sozialpolitik und Nationalismus · Nationalsozialismus: Ideologie, Herrschaft und Verbrechen · Friedliche Revolution 1989 und Wiedervereinigung

Aufgabe 1 · Kaiserreich: Industriegesellschaft, Sozialpolitik und Nationalismus

Abiturprüfung 2021 – Geschichte, Leistungskurs

Aufgabenstellung:

Interpretieren Sie die vorgelegte Quelle, indem Sie

1.

den Text analysieren, (26 Punkte)

2.

auf der Basis des Textes die verfassungsrechtlichen und innenpolitischen Voraussetzungen der Kanzlerschaft Bismarcks erläutern (14 Punkte) und die Position des Verfassers charakterisieren (14 Punkte), (28 Punkte)

3.

zu den Darlegungen des Verfassers Stellung nehmen und dabei die vorangegangene sowie die spätere Entwicklung des Deutschen Reiches einbeziehen. (26 Punkte)

Materialgrundlage:

Leitartikel Frankfurter Zeitung vom 18.03.1890 (Abendblatt) zum Rücktritt Bismarcks.

(Rechtschreibung, Interpunktion und Hervorhebungen wie im Original)

Hinweise zum Material:

Frankfurter Zeitung: Tageszeitung, die in der Zeit von 1866 bis 1943 in Frankfurt erschien und nach der Reichsgründung zu einem bedeutenden Organ der liberal-bürgerlichen Opposition wurde. Die liberale Haltung zeigte sich auch in der internen Organisation, bei der die Chefredaktion durch eine Redaktionskonferenz ersetzt wurde, die sich aus gleichberechtigten Mitgliedern zusammensetzte. Der Leitartikel repräsentierte die Meinung dieses Redaktionsgremiums und wurde deshalb nicht unter einem Verfassernamen veröffentlicht. Täglich erschienen drei Ausgaben der Frankfurter Zeitung, der vorliegende Artikel erschien im Abendblatt des 18.03.1890.

Politische Uebersicht.

Schon einmal, vor zweiundvierzig Jahren, ist in Preußen der 18. März der Markstein einer neuen Zeit gewesen; die Erhebung des Volkes gab damals dem morschen, in allen Fugen krachenden System des Absolutismus den letzten Stoß. Auch der heurige 18. März scheint einem System ein Ende machen zu sollen, einem System, dessen Zusammenbruch seit Jahr und Tag klar zu erkennen war […].

So still und geräuschlos sich der Rücktritt des Fürsten Bismarck bisher abgespielt hat und vollziehen wird, daß er ein welthistorisches Ereigniß ist, wird jedermann klar sein. Nicht um der Person willen, denn so gewaltig und mächtig sie war, es hat schon Mächtigere und Gewaltigere gegeben, die man scheiden sehen mußte. Wenn Fürst Bismarck jetzt die Stelle verläßt, auf der er […] enden wollte, so bedeutet das etwas Anderes als einen Personenwechsel, als daß Einer geht und ein Anderer kommt. Das System Bismarck fällt, es stirbt ab an dem jugendkräftigen Wesen einer neuen Zeit, die sich aus dem Volke heraus offenbart und auch auf der Höhe 1 die Geister beherrscht. Keiner Intrigue, keiner Rivalität erliegt der Mann, der länger als ein Vierteljahrhundert die Geschicke Preußens und Deutschlands geleitet hat, er weicht der Erkenntniß, daß seine Zeit vorüber ist, daß er den Anforderungen, die eine neue Zeit stellt, nicht zu genügen vermag.

Man denke nicht, daß diese Erkenntniß das Werk eines Augenblicks oder eines Tages gewesen ist, daß es eine einzelne Frage war, die sie zum Durchbruch gebracht hat. Langsam ist gereift, was sich heute oder in den nächsten Tagen vollziehen wird, ein System stürzt nur, wenn das Fundament sich als unhaltbar erwiesen hat. Vor zwei Jahren noch ging eine gewaltige Aufregung durch das Reich, als es hieß, der Kanzler wolle zurücktreten […]. Heute regt sich Nichts, trotzdem die Geister ergriffen sind, Alle bannt das Gefühl, daß ein historischer Prozeß, der unabwendbar sei, sich vollziehe. Das ist nicht etwa der berüchtigte „Undank“, den die Größe erntet, es ist die Unterordnung unter die Gebote des politischen und kulturellen Fortschritts, die unerbittlich das, was innerlich abgestorben ist, auch äußerlich dem Untergange weihen. Den „Undank“ wird Fürst Bismarck von ganz anderer Seite, als von der seiner ehrlichen Gegner erleben; gerade die sich rühmten, die Stützen seines Systems zu sein, werden die Ersten sein, die uns mit Enthüllungen darüber in Staunen setzen werden, wie schwer sich dieses System an dem Geiste des deutschen Volkes versündigt hat, wie es seine Werkzeuge ausgenutzt und gemißbraucht hat.

Die Quintessenz des Systems war die Bekämpfung und Niederhaltung jeder ihm entgegentretenden Meinung und Bestrebung durch äußere Machtmittel, die Uebertragung der Grundsätze der äußeren Politik auf das innere Staatsleben. In der Wahl der Mittel war der Fürst Bismarck nie verlegen, mit schnellem kräftigen Entschluß, der vor keinem Wechsel in der Politik zurückscheute, wenn damit dem Bedürfniß des Augenblicks genügt werden konnte, wußte er jeder Zeit das Spiel zu beherrschen. Darin lag seine Stärke, die alle Parteien zerrieb und zersetzte, die sich ihm einmal dienstbar gemacht hatten, die ihre Schranke nur fand an der festen selbstbewußten Haltung der Opposition, die auch der politischen und persönlichen Aechtung Trotz zu bieten wußte.

So lange das Bismarck’sche System sich der Mehrheit der Nation in dem „nationalen“ Nimbus zu zeigen vermochte, so lange ihm ein Herrscher zur Seite stand, der ihm in allen Phasen Schild und Deckung war, konnte er als unüberwindlich gelten. Unter der Regierung Wilhelms I. […] war Fürst Bismarck unumschränkter Leiter der gesammten Politik, und es gab, da er sich in den militärischen Dingen, in denen der greise Herrscher auch Gebieter sein wollte, vorsichtig zurückhielt, keinen Willen dem seinigen gegenüber. Es war keine Uebertreibung, wenn die Opposition von einem „Hausmeierthum“ 2 Bismarck’s sprach, der Kanzler herrschte wirklich, wenn er auch äußerlich den Unterthan und Diener der Krone keinen Augenblick verleugnete, ja oft sogar geflissentlich, als wolle er seine Machtfülle verdecken, hervorkehrte. Nicht ungestraft aber lebt sich ein Staatsmann politisch und seelisch hinein „in die unumschränkte Machtfülle einer allgewaltigen Stellung“, wie ein nationalliberales Blatt es bezeichnet. Auch das Herrschertum wird zur Gewohnheit und ist in seinem Gleichgewicht gestört, sobald ihm das Bewußtsein kommt, daß es sich in seiner Allgewalt nicht werde behaupten können.

Daß dieses Bewußtsein dem Reichskanzler unter der Regierung des Kaisers Wilhelm II. sich aufdrängen mußte, war Niemandem ein Geheimnis, der die Natur beider Männer zu würdigen verstand. „Der Kaiser wird einmal sein eigener Kanzler sein“, „der Kaiser liebt mich, aber imponieren kann ich ihm nicht“ – diese Aussprüche des Fürsten Bismarck beweisen, daß er das Ende seiner Herrschaft mit klarem Blick voraussah. Der Gegensatz erschöpft sich nicht darin, wenn man sagt: auf der einen Seite die stürmisch vorwärtsstrebende Kraft der Jugend, auf der anderen die bedächtige zurückhaltende Weisheit des Alters, denn Fürst Bismarck ist auch als Greis ein Mann der That, der kühne Brandenburgische Junker geblieben. Nicht in dem verschiedenen Temperament, in der gegensätzlichen Auffassung der weltbewegenden politischen und sozialen Fragen lag das Moment, das die Trennung zuletzt als gebieterische Forderung erscheinen ließ […]. Der Monarch aber hatte bekundet, daß er Herrscher sein wolle, der Kanzler war Herrscher gewesen; mußte er als solcher weichen, so konnte er auch nicht länger mehr die Verantwortung tragen, die für ihn mit den Jahren aus einer nur politischen und staatsrechtlichen zu einer historischen geworden war.

Daß die Gegensätze gerade auf einem Gebiete zuerst und am stärksten in Erscheinung traten, das die schlimmsten Versündigungen des Bismarck’schen Systems aufweist, auf dem sozialpolitischen, kann als strafende Nemesis bezeichnet werden. Das Ausnahmegesetz, unter dessen Herrschaft die Sozialdemokratie die stärkste Partei im Reiche geworden ist und eine Gefahr für die innere Entwicklung zu werden droht, hatte keinen entschiedeneren Verfechter, der Arbeiterschutz und die Anerkennung der Berechtigung des Emanzipationskampfes des vierten Standes keinen hartnäckigeren Gegner als den Fürsten Bismarck, der genug damit gethan zu haben glaubte, das Reich auf die breite demokratische Basis des allgemeinen Stimmrechts gestellt zu haben und wähnte 3, auf dieser Basis lasse sich der Bau eines absoluten Regiments errichten. An diesem verhängnißvollen Fehler mußte das Bismarck’sche System zugrunde gehen, und das Geschick hat es so gewollt, daß fast zu gleicher Zeit die Mehrheit der Nation wie auch der Träger der Krone zu der Erkenntniß gelangten, daß ein solches Fundament einen anderen Aufbau heische, wenn das Haus auf sicherer Grundlage stehen solle.

Das ist’s, was sich jetzt vor unseren Augen vollzieht. Es wird kein Bismarck wiederkommen! hört man sagen, aber zugleich, und hier wird der Ton voller und freudiger: Auch für ein Bismarck’ches System ist die Zeit dahin, in der Größe seiner Thaten und Sünden wird ihm kein anderes gleichkommen. Mögen wir schweren Kämpfen und noch schwereren Versuchungen entgegengehen, das Ende des Bismarck’schen Systems wird als eine Erlösung empfunden werden, es ist nicht das Werk eines Einzelnen, sondern eine That aus dem Geiste der Nation, der nun mit freiem Flügelschlag sich regen und aufschwingen kann zu neuen Thaten.

1 auf der Höhe, hier: auf der Ebene der gesellschaftlichen Eliten.

2 Hausmeierthum: Das Amt des Hausmeiers war ein wichtiges Amt am frühmittelalterlichen Königshof. Im Merowingerreich besaßen die Hausmeier große Macht und bestimmten wesentlich die Politik des Reiches. Später stürzten die Hausmeier den König und gründeten die karolingische Dynastie.

3 wähnen: glauben

1.

2.

3.

Aufgabe 2 · Nationalsozialismus: Ideologie, Herrschaft und Verbrechen

Aufgabenstellung:

Interpretieren Sie die vorliegende Quelle, indem Sie

1.

die Quelle analysieren, (26 Punkte)

2.

die Quelle in den historischen Zusammenhang einordnen (14 Punkte) und die Bezüge, die der Autor zur NS-Politik herstellt, herausarbeiten. (14 Punkte) (28 Punkte)

3.

zu den Darlegungen des Autors Stellung nehmen. (26 Punkte)

Materialgrundlage:

Carl Friedrich Goerdeler: Entwurf der für den 20. Juli 1944 vorbereiteten Rundfunkansprache.

(Rechtschreibung und Hervorhebungen wie in der Vorlage)

Hinweise zum Autor und zum Material:

Carl Friedrich Goerdeler (1884 – 2. Februar 1945): deutscher Politiker (DNVP) und Mitglied des Widerstands gegen den Nationalsozialismus. Goerdeler stand dem Nationalsozialismus nach 1933 zunächst positiv gegenüber, trat jedoch 1936 aus Protest vom Amt des Leipziger Oberbürgermeisters zurück. In der Folge näherte er sich dem Widerstand an und gehörte bald zu dessen führenden Köpfen. Er sollte nach dem Attentat vom 20. Juli den Posten des Reichskanzlers übernehmen.

Der Entwurf für die Rundfunkansprache wurde aus den Unterlagen der „Gestapo-Sonderkommission 20. Juli“ rekonstruiert. Ob die Hervorhebungen im Text auf das Original oder die Gestapo-Unterlagen zurückgehen, lässt sich nicht mehr ermitteln.

Deutsche!

Ihr wißt seit heute, worum es geht, was unsere Beweggründe und unsere Absichten sind. Das Recht äußerster Notwehr und die Pflicht der Selbsterhaltung zeichnen uns und euch den Weg vor. Nicht der versprochene Staat fester und weiser Führung, sondern eine schreckensvolle Zwangsherrschaft ist uns zuteil geworden. Tapferkeit, Todesmut und Können unserer Soldaten sind schändlich mißbraucht, unsere Heimat ist skrupellos der Not und Zerstörung ausgesetzt worden.

Als Endglied einer vermeidlichen Kette von Rechtsbeugungen und Rechtsbrüchen hat HITLER in seiner Reichstagsrede vom 25. 4. 1942 alle Deutschen für vogelfrei erklärt, indem er sich das Recht anmaßte, jedes Urteil nach seinem eigenen Ermessen umzustoßen. 1 Er hat damit einen Tiefstand der Rechtlosigkeit heraufbeschworen, der im Leben gesitteter Völker bisher unbekannt war und nicht mehr zu überbieten ist. Aus dem stolzen Deutschland des gleichen Rechts für alle hat er eine ohnmächtige Zwangsgemeinschaft von Sklaven gemacht, in der der Bürger nicht mehr die Möglichkeit hat, sich gegen Unrecht zur Wehr zu setzen. Höchste Würdenträger, auch Adolf HITLER selbst, haben zahllose Verbrechen gegen Leib und Leben, gegen Eigentum und Ehre begangen, angeordnet und geduldet. […]

Eine abenteuerliche, machthungrige Außenpolitik hat unser Volk in eine Lage gebracht, deren Ernst nicht mehr übersehen werden kann. Die Rücksicht auf den Krieg verbietet uns, alles beim Namen zu nennen. Aber ihr wißt oder fühlt, wohin Gewissenlosigkeit und Wahnwitz uns alle gebracht haben. Lautere Männer aller Stände und aus allen Gauen werden von uns berufen und ihre Namen euch bekanntgegeben werden, die alles, was geschehen ist, gewissenhaft prüfen und euch auch über den Stand der Dinge, den wir vorfanden, eingehend unterrichten sollen, sobald die Lage es gestattet.

Eins aber können wir euch jetzt schon sagen: das Gebäude des Staates, das auf Unrecht, Willkür, Verbrechen aller Art, Eigennutz, Lüge aufgebaut wurde, wird niedergerissen werden. Das Fundament des neuen Staatsbaues werden die sicheren Grundlagen des menschlichen Zusammenlebens bilden, werden Recht und Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit, Anstand, Sauberkeit, Vernunft, Rücksicht aufeinander und Rücksicht auch auf die von Gott geschaffenen Völker und ihre Lebensinteressen sein.

Wenn wir keinen zweiten November 1918 erleben wollen, so ist der letzte Augenblick gekommen, diesen Vorsatz in die Tat umzusetzen. Wir werden schon in den nächsten Tagen vor aller Öffentlichkeit diejenigen ohne Rücksicht auf ihre Stellung zur Rechenschaft ziehen, die für die Verbrechen von Staat und Volk verantwortlich sind. [sic!]

[…]

Ihr sollt so schnell wie möglich Verbrecher und Verbrechen erfahren. Ihr werdet selbst in die Lage versetzt werden, festzustellen, daß Ungeheuerliches geschehen ist. Aber wir werden auch dafür sorgen, daß nur gerechte Bestrafung nach den Gesetzen stattfindet. Niemand von euch lasse sich zu einer voreiligen Handlung hinreißen; denn über allen Rachegefühlen steht die Notwendigkeit, den Staat gleichen Rechts für alle unter einer gerechten Führung wiederherzustellen.

[…]

Niemand, der ein gutes Gewissen hat, braucht sich zu fürchten und zu sorgen. Es geht nicht um die Frage: Parteigenosse oder Volksgenosse. Fort mit diesen Unterschieden, die artfremd dem deutschen Wesen aufgepfropft sind! Es geht nicht um die Frage: SS, SA oder welche Organisationen auch immer. Es geht um die Frage: anständig oder unanständig!

Jeder hat seine Pflicht da weiter zu erfüllen, wo er steht, nur den Gesetzen und den Verordnungen der neuen Amtsgewalt gehorchend. Das Schicksal unserer schwer kämpfenden Soldaten hängt davon ab, daß jeder in der Heimat sein Äußerstes hergibt. Ihnen und unseren geliebten Toten sind wir alles schuldig. Sie und unsere Verwundeten müssen allen anderen Sorgen vorangehen.

[…]

Am ernstesten sieht es auf dem Gebiete der Außenpolitik aus. Hier haben wir mit den Interessen und dem Willen anderer Völker zu rechnen. Wir wissen noch nicht, wie sich das Ausland zu uns stellt. Wir haben handeln müssen aus der Verpflichtung des Gewissens heraus. Aber wir wollen euch sagen, was wir an außenpolitischen Zielen sehen. Wir Deutschen leben ebensowenig wie ein anderes Volk allein auf dieser Welt. Wir haben uns daher zu unserem eigenen Besten mit dem Vorhandensein, den Eigenschaften und Interessen anderer Völker auseinanderzusetzen. Es ist unsere Überzeugung, daß diese Auseinandersetzung nicht mit Waffengewalt erfolgen soll. Je weiter Gott uns gestattet hat, durch die Gaben des Geistes, die wir ihm verdanken, die Technik zu entwickeln, desto zerstörender ist der Krieg geworden. Er zerstört das, auf dessen Errichtung die Gaben des Geistes angesetzt sind. Er frißt sich schließlich selbst auf. Wir wollen daher einen friedlichen, gerechten Ausgleich der nun einmal in dieser Welt vorhandenen Interessengegensätze, die viel weniger durch die Menschen als durch ihre Umwelt bedingt sind. Wir sind der Überzeugung, daß ein solcher Ausgleich möglich ist, weil er bei ruhiger Betrachtung im Interesse aller Völker liegt. Er hat zur Voraussetzung, daß die Völker sich gegenseitig achten und jedem Volke das Recht zubilligen, selbständig einen Staat zu bilden und zu verwalten. Die Völker fördern ihre Wohlfahrt und ihr Seelenheil am besten, wenn sie zusammenarbeiten und so ihre verschiedenartigen Kräfte zu einem großen, harmonischen, alle erfreuenden Zusammenklang bringen. Eine solche Zusammenarbeit wird zu einem möglichst ungehinderten Güteraustausch führen. Unter ihm sind die großen und kleinen Staaten seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts zu Wohlstand und Blüte gelangt. Ihn gilt es so bald wie möglich wiederherzustellen. […]

Zu einer solchen Zusammenordnung im kleinen wie im großen sind wir, die Selbständigkeit aller Staaten, so wie sie sich im Laufe der Geschichte entwickelt haben, anerkennend, bereit. […] Dabei müssen wir den Gegebenheiten dieses unseligen Krieges Rechnung tragen. Aber wir werden dafür sorgen, daß, soweit zur Zeit noch fremde Gebiete besetzt gehalten werden müssen, den Betroffenen volle Selbstregierung wieder ermöglicht und die Anwesenheit deutscher Truppen so wenig lastend wie möglich gemacht wird. Wissen wir doch aus eigener schmerzvoller Erfahrung, wie tief die Seele jedes Volkes von der Tatsache berührt wird, die Soldaten eines anderen Volkes auf der geheiligten Heimaterde zu sehen.

Wir müssen also, nicht wissend, wie sich die Welt uns gegenüber stellen wird, den Kampf weiterführen, wir alle haben viele bittere Erfahrungen hinter uns. Wir sind Männer, die es gewohnt waren, unsere Pflicht auch unter den widerwärtigsten Umständen zu tun. Wir sind Männer, die ein böses Erbe übernehmen, ohne über die bisherigen ungetreuen Verwalter unserer Schicksale zu schimpfen. […]

So rufen wir auch auf zu tätiger Selbstbesinnung und zu opferbereiter Zuversicht. Hasset nicht, helft vielmehr! Vollbringt das Größte: findet die Seele unseres Volkes wieder. Gewinnt so die Kraft, noch mehr zu leisten und unseren tapferen Soldaten zu Lande, auf dem Meer und in der Luft noch wirksamer zu helfen. Vereinen wir uns mit ihnen in der Ruhe des Gewissens, daß kein deutsches Mannesblut mehr der Ruhmsucht unfähiger Führung, sondern nur noch der Verteidigung unserer Lebensinteressen geopfert werden wird.

Mit Gott für Recht, Freiheit und Sicherung friedlicher Arbeit.

1 In der Reichstagssitzung, die allerdings am 26. April 1942 stattfand, wurde Hitler ermächtigt, jeden Beamten und Richter ohne Vorbehalte aus seinem Amt zu entfernen. Hitler wurde damit auch im Bereich der Justiz zur letzten Entscheidungsinstanz.

Ihre Ausarbeitung:

1.

2.

3.

Aufgabe 3 · Friedliche Revolution 1989 und Wiedervereinigung

Abiturprüfung 2021 – Geschichte, Leistungskurs

Aufgabenstellung:

1.

Analysieren Sie den vorliegenden Auszug. (26 Punkte)

2.

Erläutern Sie auf der Grundlage des Textes zunächst den allgemeinen Umbruch in Osteuropa (12 Punkte) und anschließend die Besonderheiten des Umbruchs in der DDR 1989/90 (16 Punkte). (28 Punkte)

3.

Beurteilen Sie die Darlegungen des Autors. (26 Punkte)

Materialgrundlage:

Wolfgang Schuller: Die deutsche Revolution 1989. Berlin 2009, S. 298 – 302.

Hinweise zum Autor: Wolfgang Schuller (1935 – 2020) war ein deutscher Historiker, der zahlreiche Werke zur Geschichte der Antike und der DDR verfasste.

Der europäische Kontext

1 Die Revolution in der DDR war auch durch äußere Faktoren bedingt, vor allem durch ihr Verhältnis zur UdSSR und zu den anderen osteuropäischen Staaten. Richtig ist, dass sie nur deshalb stattfinden konnte, weil die Sowjetunion nicht eingriff, jedoch ist dieses nur irrefüh- rend. Dass sie nicht eingriff, hatte seine Gründe, die denen entsprachen, aus denen der Um- 5 sturz in der DDR geschah. Seit geraumer Zeit fand in der UdSSR eine Entwicklung statt, die es ihr in zunehmendem Maße erschwerte, ihr Herrschaftssystem im Inneren aufrechtzuerhal- ten, geschweige denn die Herrschaft über die ehemaligen Satellitenstaaten in der bisherigen Weise auszuüben. Sie war selbst labil und musste sich um ihre eigene innere Entwicklung sorgen.

10 Gorbatschows Kurs, der nicht nur das sowjetische Imperium gefährdete, sondern sogar russi- sche Besitzungen des 18. und 19. Jahrhunderts, stieß insbesondere in der Armee auf besonde- ren Widerstand. Die DDR einschließlich ihrer militärisch gesicherten Westgrenze wurde als das Symbol des Sieges im Zweiten Weltkrieg, wenn nicht sogar als Siegespreis angesehen, der nicht aufgegeben werden dürfe. Es gab gerade bei den in der DDR stationierten Truppen 15 starke Kräfte, die zur Intervention bereit waren und sich den politischen Entscheidungen nur widerwillig fügten. Auf der anderen Seite wird mehrfach von Zeichen der Solidarität einzel- ner Angehöriger der Sowjetarmee berichtet. [...] Aus Ludwigslust wird berichtet, dass sich ein sowjetischer Offizier für die friedliche Revolution bedankt habe; ein Foto zeigt, wie er anschließend vor den aufgestellten Kerzen niederkniete. Soldaten der sowjetischen Garnison 20 Mühlhausens stellten Kerzen in die Fenster und hielten ein Gorbatschow-Bild hoch, als am 20. Oktober die Demonstration vorbeizog. Das war jedoch nicht typisch und auch nur sehr selten möglich. Und doch behielt die Linie Gorbatschows im innenpolitischen Kräfteverhältnis der Sowjetunion die Oberhand, nicht zuletzt deshalb, weil angesichts der Verhältnisse in den anderen, dem sowjetischen Machtbereich entgleitenden Staaten ein militärisches Eingreifen 25 in der DDR katastrophale Folgen auch für die UdSSR selbst hätte haben können.

Die Entwicklung in den Bruderländern hatte nur mittelbare Auswirkungen auf die Herbstre- volution in der DDR. Intellektuelle Verbindungen, nicht selten durch persönliche Kontakte, bestanden schon seit längerem, insbesondere zu Polen und zur ČSSR, aber auch zu Russland und Ungarn. Diese vielfältigen Beziehungen hatten insbesondere die Jahre vor 1989 bestimmt, 30 erschwert durch generelle Reisebehinderungen bis hin zu individuellen Reiseverboten. Impulse gingen zum Beispiel von der Vereinigung Memorial¹ in Russland aus, für die ČSSR ist die Rolle der Charta 77² kaum zu überschätzen, und in Polen war es natürlich die Gewerkschaft Solidarność, die durch ihren Elan, ihre Zähigkeit und ihr wechselvolles, schließlich erfolgrei- ches Geschick zumindest als Ermunterung und Bekräftigung des eigenen Tuns auf die DDR- 35 Opposition ausstrahlte.

Ähnlich steht es mit dem Einfluss von Vorgängen in Osteuropa auf die konkreten Ereignisse. Dass Runde Tische ihr Vorbild in Polen und Ungarn hatten, ist selbstverständlich, ebenso gab es Einzelaktionen wie die Menschenkette vom 3. Dezember, die auf das Beispiel der balti- schen Menschenkette vom 23. August³ zurückging, und gelegentlich wurden sogar Wahlen 40 nach sowjetischem Muster gefordert. Aber wusste man über andere einschneidende politische Veränderungen in Osteuropa überhaupt Bescheid? War man sich beispielsweise der vollen Tragweite der ungarischen Ereignisse bewusst? Gewiss hatte man von solch spektakulären Vorgängen wie der feierlichen Beisetzung von Imre Nagy⁴ ausgerechnet am 16. Juni gehört. Aber was war mit dem Beschluss des ungarischen ZK vom Februar, die kommunistische Herr- 45 schaft zu beenden? Was mit der Abschaffung der inneren Struktur wie ZK und Politbüro, eine Entwicklung, die ihren Höhepunkt mit dem Parteitag ausgerechnet vom 6. bis zum 10. Oktober erreichte, an dem sich die Partei in eine sozialdemokratische Partei umwandelte? Von alldem und vielem anderen war nicht die Rede 1989, sodass der Eindruck unabweislich ist, dass all diese Vorgänge den damals Handelnden nur bruchstückhaft bekannt waren und nicht als Vor- 50 bild dienten. Das aber ist alles andere als ein Manko. Es zeigt vielmehr abermals, dass die Revolution in der DDR eigenständig war.

Die gewaltfreie Revolution 1989/1990 war eine demokratische Revolution der Freiheit und der Selbstbefreiung. Ihr Verlauf entspricht im Großen und Ganzen dem vieler anderer Revo- lutionen auch. Sie wies aber in ihrer Eigendynamik viele charakteristische Besonderheiten 55 auf, die bei den parallelen Vorgängen in Russland, im Baltikum, in Polen und Ungarn nicht oder nur teilweise auszumachen sind. Die Herbstrevolution war daher vor allem eine deutsche Revolution: Ihr Träger war das ganze Volk in allen seinen Schichten. Herausragende, die Bewegung beherrschende Leitfiguren gab es nicht. Zudem fand die Revolution überall statt, im ganzen Land, von Greifswald und Wismar bis Erfurt und Plauen, ein einziges, ausschließ- 60 liches Zentrum fehlte ihr. Sie war keine Angelegenheit nur der Großstädte, sondern sie hatte, im Verhältnis zur Einwohnerzahl vielleicht sogar noch mehr, mittlere Städte und Dörfer er- fasst. Davon unberührt waren Leipzig und Berlin allerdings die herausragenden und die Revo- lution vorwärtstreibenden Orte. Wenn zu einer Revolution unbedingt ein Revolutionsführer gehören müsste, dann wäre es die Stadt Leipzig. Aber ohne die anderen Städte und Gemein- 65 den hätte es diese Revolution nicht gegeben.

Der großen Anzahl der am Umbruch beteiligten Orte entsprach die Vielfalt der regionalen und lokalen Formen. Das begann schon mit den vielen nach Namen und Konzept verschie- denartigen Gruppen, zeigte sich in den unendlich vielen verschiedenen Personen, die sich engagierten, und der unterschiedlichen Art, wie Bürgerkomitees und Runde Tische gebildet, 70 benannt, zusammengesetzt und tätig wurden. Das revolutionäre Geschehen war anhaltend, steigerte sich sogar gelegentlich, und gleichzeitig war es sich nicht Selbstzweck. Die Freiheit, die die Revolution anstrebte, war nicht irgendeine, sondern diejenige, die sich durch die geis- tesgeschichtliche und politische Entwicklung Europas als einzig mögliche erwiesen hatte: die der freien Wahlen, zu denen politische Parteien notwendig gehörten. Die Revolution, die 75 nicht mehr von einzelnen Gruppen, sondern vom ganzen Volk, deutlicher gesagt auch vom Durchschnittsbürger getragen wurde, mündete also bewusst und gewollt in die parlamenta- rische Demokratie mit ihrem Parteiwesen. Dieses Ergebnis empfanden viele, die am Anfang der Revolution gestanden hatten und mit anderen Vorstellungen von einer freien Gesellschaft angetreten waren, als schmerzlich. Zur Freiheit gehörte es aber, dass auch sie den überwälti- 80 gend deutlich ausgedrückten Wunsch nach dieser Staatsform nicht nur hinnahmen, sondern auch akzeptierten. Es kommt hinzu, dass auch alle anderen ehemals kommunistisch regierten Staaten die parlamentarische Demokratie gewählt hatten, ohne dass das durch ein angebliches Übergewicht westlicher Parteien geschehen wäre. Hätte sich die DDR dem widersetzt, dann wäre das wahrlich ein deutscher Sonderweg gewesen.

¹ Vereinigung Memorial: 1988 in der Sowjetunion gegründete Menschenrechtsorganisation.

² Charta 77: 1977 gegründete Bürgerrechtsbewegung in der ČSSR.

³ 650 km lange Menschenkette von mehr als 1 Mio. Menschen durch die drei baltischen Staaten, mit der für Freiheit und Unabhängigkeit demonstriert wurde.

⁴ Imre Nagy (1896 – 16. Juni 1958): ungarischer Ministerpräsident, der nach dem gescheiterten Aufstand 1956 hingerichtet worden war. 1989 wurde er offiziell rehabilitiert, sein Leichnam aus einem Massengrab exhumiert und feierlich beigesetzt.

Aufgabe 4 · Deutsche Frage 1815-1871: Wiener Kongress, Revolution 1848/49, Reichsgründung

Abiturprüfung 2021 – Geschichte, Leistungskurs

Aufgabenstellung:

1.

Analysieren Sie den abgedruckten Textauszug. [24 Punkte]

2.

Erläutern Sie unter Bezugnahme auf den Text, auf welchen Grundlagen die Friedensordnung des Wiener Kongresses beruhte (12 Punkte), und welche Auswirkungen sie auf Deutschland hatte (16 Punkte). [28 Punkte]

3.

Nehmen Sie Stellung zu den Äußerungen des Autors über den Wiener Kongress und dessen Folgen. [28 Punkte]

Materialgrundlage

David King: Wien 1814. Von Kaisern, Königen und dem Kongress, der Europa neu erfand. München 2014, S. 390 – 399.

(Rechtschreibung und Hervorhebungen wie im Original)

Hinweise zum Autor: David King *1970 ist ein US-amerikanischer Historiker und Schriftsteller. Die englische Ausgabe seines Buches über den Wiener Kongress erschien 2008.

[...]

In den ersten Monaten des Jahres 1919 versammelten sich Diplomaten in Paris, um nach dem Ende des Ersten Weltkriegs einen Friedensvertrag auszuhandeln. Eines ihrer Hauptziele bestand darin, die abstoßende Dekadenz des Wiener Kongress oder, wie US-Präsident Wilson es ausdrückte, »den Geruch von Wien« zu vermeiden.

5 Der Wiener Kongress zog tatsächlich vielfältige Kritik auf sich, nicht zuletzt wegen der vielen Streitereien und der zahlreichen Feierlichkeiten, welche die Friedensstifter ablenkten und die Verhandlungen schier endlos in die Länge zogen. [...]

Ihre Geheimdiplomatie säte viel Misstrauen, und dass sie das meiste unter sich ausmachten, degradierte viele der kleineren Staaten zu bloßen Zuschauern. Die Grundsätze einer politi 10 schen Neuordnung Europas wurden nur selektiv und inkonsequent umgesetzt. Trotz der viel beschworenen Legitimität wurden beispielsweise alte Republiken wie Genua und Venedig nicht wiederhergestellt und verschwanden für immer. Auch das Heilige Römische Reich war und blieb Vergangenheit, und dem Ritterorden der Malteser wurden seine Besitztümer nicht zurückgegeben 1.

15 Die Kongressdelegierten verfolgten natürlich alle ihre eigenen Interessen. Immer wieder wurde darauf hingewiesen, dass die Belange der Völker häufig denen der herrschenden Dynastien geopfert wurden. »Die großen Fische fressen die kleinen«, protestierte der spanische Gesandte Labrador. [...]

Zweifellos ließ der Kongress auch viele unzufriedene Völker auf dem europäischen Kontinent 20 zurück. So wie die führenden Kongressteilnehmer das spanische Amerika und den größten Teil der außereuropäischen Welt ignorierten, ließen sie auch nationale Leidenschaften und unterdrückte Volksgruppen weitgehend unbeachtet. Doch dieser Vorwurf ist zumindest zum Teil anachronistisch, denn er wurde erst von Historikern des späteren 19. Jahrhunderts erhoben, zu einer Zeit, als der Nationalismus schon wesentlich ausgeprägter war als 1815. Auf 25 dem Kongress wurde er noch in erster Linie als eine potenziell gefährliche Kraft betrachtet, und die Friedensstifter von Wien ordneten ihn bei der Festlegung staatlicher Grenzen anderen Erwägungen unter – der Frage nach der Legitimität, dem Mächtegleichgewicht oder, wie Gentz 2 es schlicht ausdrückte, der Verteilung der Beute. [...]

In Mitteleuropa wurde Deutschland als loser Bund unabhängiger Staaten organisiert, der bis 30 1866 Bestand hatte. [...]

Der Deutsche Bund hatte viele Unzulänglichkeiten, es gab keine gemeinsame Armee, keine gemeinsame Währung, keine einheitliche Gerichtsbarkeit und keine Zollunion. Auf internationaler Ebene bewährte er sich schon eher. Wie Henry Kissinger 3 bemerkte, kam dieser Bund einer Lösung der »Deutschen Frage« in der neueren europäischen Geschichte am nächsten, das 35 heißt, er schuf ein Deutschland, das weder zu schwach noch zu stark war, ein Deutschland, das weder zu einer Versuchung für auswärtige Mächte noch zu einer Bedrohung für die Sicherheit seiner Nachbarn werden konnte. Nach 1815 erlebte Deutschland eine Zeit relativer Ruhe, die es nach den Verwüstungen der napoleonischen Kriege auch dringend benötigte.

Die weitreichendsten Auswirkungen, die der Kongress in Mitteleuropa hatte, betrafen Preu 40 ßen. Einige Mitglieder der preußischen Delegation waren zwar unzufrieden, weil sie nur einen Bruchteil dessen erreicht hatten, was ihrer Meinung nach ihrem Land zustand, doch Preußen hatte wertvolle Gebietsgewinne erzielt, die die Grundlage bildeten für seinen beachtlichen wirtschaftlichen Aufstieg im 19. Jahrhundert und seine führende Rolle bei der nationalen Einigung Deutschlands. Als Ergebnis des Kongresses beherrschte Preußen nun den Rhein, dazu 45 die Oder, die Elbe und die Weichsel; es bekam mehrere historisch bedeutsame Städte wie Köln und Trier sowie die Saar, wo bald die reichsten Kohle- und Eisenvorkommen Europas entdeckt werden sollten. »Deutschland hat einen wesentlich sichereren Stand erreicht als jemals zuvor in der Geschichte«, erklärte Castlereagh 4. Wie das späte 19. und das frühe 20. Jahrhundert zeigen sollten, hatten Castlereagh und die übrigen Friedensstifter in Wien in diesem 50 Punkt mehr erreicht, als ihnen damals bewusst gewesen war. [...]

Bis zur Flucht Napoleons konnte man den Wiener Kongress als ein Vorbild für einen großzügigen Umgang mit einem besiegten Staat betrachten. Frankreich wurde nicht aus der internationalen Gemeinschaft ausgestoßen und auch nicht streng bestraft für seine wiederholten Invasionen. Eine derartige Vergeltungssucht, hatte Castlereagh gewarnt, würde nur zu weite 55 rem Blutvergießen und neuen kriegerischen Auseinandersetzungen führen, eine Einsicht, die in Paris im Herbst 1815 bedauerlicherweise in Vergessenheit geraten war. Die wesentlich härteren Bedingungen führten in erster Linie dazu, dass Frankreich in der Weltpolitik isoliert wurde, was letztlich allen Beteiligten schadete. [...]

Doch trotz aller Skandale, Streitereien und Fehler dieses Jahrmarkts der Eitelkeiten erzielte 60 der Wiener Kongress einige überraschende Erfolge. Die Gesandten legten neue Staatsgrenzen fest, von der Errichtung des Großherzogtums Luxemburg bis zur Reorganisation der Schweiz als föderalistischer Bund von Kantonen mit einer schriftlichen Verfassung und einer formellen Garantie ihrer »immerwährenden Neutralität«. [...]

Darüber hinaus war der Wiener Kongress die erste internationale Friedenskonferenz, auf der 65 humanitäre Fragen diskutiert wurden. Die Staatenlenker bestätigten die bürgerlichen Rechte der Juden, verurteilten den Sklavenhandel, sagten dem Diebstahl geistigen Eigentums den Kampf an und entwickelten zahlreiche diplomatische Verfahren und Gepflogenheiten, die bis in die heutige Zeit erhalten geblieben sind. [...]

Schließlich, und das war das wichtigste Ergebnis, stellte der Kongress den Frieden wieder 70 her – einen echten Frieden, der länger Bestand hatte, als alle Gesandten erwartet hätten. Trotz der vielen Spannungen und Feindseligkeiten, die im Zeitalter des Nationalismus schwelten und zu zahlreichen Aufständen, Rebellionen und Bürgerkriegen führten – Fakt ist, dass für 100 Jahre kein Konflikt mehr so sehr außer Kontrolle geriet, dass er alle Großmächte in einen Krieg hineinzog. Der nächste größere Konflikt war der Krimkrieg, gefolgt von den nationa 75 len Einigungen Italiens und Deutschlands, doch es kam zu keiner kriegerischen Auseinandersetzung in der Größenordnung der napoleonischen Kriege oder des Ersten Weltkriegs.

Auch wenn der Wiener Kongress nicht der einzige Faktor war, der zu diesem Erfolg geführt hat, so spielte er doch eine unverzichtbare Rolle. Die in Wien versammelten Friedensstifter hatten ein System kollektiver Sicherheit etabliert und dadurch eine Entwicklung in Gang ge 80 setzt, die von Lord Castlereagh zu Recht als der »große Apparat der europäischen Sicherheit« gepriesen wurde. Sie hatten zudem ein Forum geschaffen, bei dem sich Staatsführer regelmäßig trafen, um ihre Differenzen auszuräumen – es war tatsächlich das erste Mal, dass die Staatsoberhäupter der Welt in einer Friedenszeit zu dem Zweck zusammenkamen, den Frieden auch weiterhin zu erhalten. Nachdem die regelmäßigen Zusammenkünfte 1822 eingestellt 85 worden waren, gab es noch gelegentliche Treffen, und Beratungen auf einem Kongress blieben fast ein Jahrhundert lang das bevorzugte Mittel der Konfliktlösung. Der Wiener Kongress förderte einen Geist der Verständigung, der in gewisser Weise bis heute unübertroffen blieb. Keine andere Friedenskonferenz der Geschichte kann als ähnlich erfolgreich gelten.

1 Der Wiener Kongress bestätigte die durch den Reichsdeputationshauptschluss vorgenommenen Enteignungen der Malteser und bestätigte den englischen Anspruch auf die Insel Malta.

2 Friedrich Gentz (1764 – 1832): österreichischer Staatstheoretiker und Berater Metternichs.

3 Henry Kissinger (geb. 1923): ehemaliger amerikanischer Außenminister und Autor eines Standardwerks über die Geschichte der Diplomatie.

4 Robert Stewart Viscount of Castlereagh (1769 – 1822): britischer Außenminister und Vertreter Großbritanniens auf dem Wiener Kongress.

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