Abitur NRW Geschichte 2021 · LK · Nachtermin
Abiturprüfung Geschichte in Nordrhein-Westfalen 2021, LK · Nachtermin: 1 Aufgabe mit Lösungen. Mit automatischer Korrektur.
Themen der Prüfung: Deutsche Frage 1815-1871: Wiener Kongress, Revolution 1848/49, Reichsgründung · Revolution 1918/19, Versailler Frieden und Weimarer Republik · Kalter Krieg, deutsche Teilung und Westintegration 1945-1988 · Friedliche Revolution 1989 und Wiedervereinigung
Aufgabe 1 (GE LK NT 1) · Deutsche Frage 1815-1871: Wiener Kongress, Revolution 1848/49, Reichsgründung
Abiturprüfung 2021 – Geschichte, Leistungskurs (Nachtermin)
Aufgabe 1 (GE LK NT 1)
Aufgabenstellung:
Interpretieren Sie die vorgelegte Quelle, indem Sie die Quelle analysieren, [26 Punkte]
die Quelle historisch kontextualisieren (16 Punkte) und Biedermanns politische Position charakterisieren (12 Punkte), [28 Punkte]
Biedermanns Einschätzung der Rolle Preußens und seine Zukunftsvorstellungen beurteilen. [26 Punkte]
Hinweis: Für die Darstellungsleistung werden zusätzlich 20 Punkte vergeben. Insgesamt sind 100 Punkte erreichbar.
Materialgrundlage:
Karl Biedermann: Die Fortschritte des nationalen Prinzips in Deutschland. In: Ders. (Hrsg.): Deutsche Monatsschrift für Litteratur und öffentliches Leben, Bd. 1 (Januar 1842), S. 1 – 17.
(Rechtschreibung, Grammatik und Hervorhebungen wie im Original)
Hinweise zum Autor und zum Material:
Karl Biedermann (1812 – 1901) war ein deutscher Philosoph und Politiker. In den 1840er Jahren gab er mehrere politische Zeitschriften heraus, die ihn in Konflikt mit den Zensurbehörden brachten. Er selbst verlor in den 1840er und 1850er Jahren wegen politischer Äußerungen und Publikationen mehrfach seine berufliche Stellung und verbüßte eine Zuchthausstrafe. 1848 war er Mitglied des Vorparlaments und wurde als Abgeordneter in die Nationalversammlung gewählt. 1849 gehörte er der Kaiserdeputation an.
Deutsche Monatsschrift für Litteratur und öffentliches Leben, von Karl Biedermann 1842 bis 1845 in Leipzig herausgegebene Zeitschrift, die sich mit politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Themen beschäftigte.
Die Fortschritte des nationalen Prinzips in Deutschland
1 Indem wir unsern Blick, bevor wir ihn in die einzelnen Verhältnisse unsres Nationallebens versenken, zuerst auf dem Ganzen ruhen lassen, begegnen wir einer Thatsache, welche wohl geeignet ist, uns mit Freude und Stolz zu erfüllen. Diese Thatsache ist das wiedererwachte Nationalbewußtsein der Deutschen, das wiedergewonnene Band der innern Einheit für die
5 bisher nur äußerlich verbundenen deutschen Stämme.
[...]
7 Eine lange trübe Zeit der Schmach, der Schwäche, der Zerstückelung liegt hinter uns, eine Zeit, deren Andenken um so schwerer auf uns lastet, als wir jetzt endlich klar erkennen, wie thöricht die Freude war, die wir selbst über diese Vereinzelung der deutschen Staaten, über
10 diese politische Ohnmacht Deutschlands empfanden; mit wie unverständigem Hochmuthe wir auf die politischen und materiellen Verbesserungen anderer Nationen herabsahen, stolz im Gefühle vermeintlicher geistiger Ueberlegenheit; wie kindisch kurzsichtig wir jeden Versuch abwiesen, uns aus diesem trägen Wahne aufzuschütteln und zum Wettlaufe mit unsern Nachbarn anzuspornen.
15 [...]
Anklagen wollen wir aber Niemand wegen des Geschehenen, weder einzelne Völker, noch einzelne Fürsten, sondern jene Schuld als eine gemeinsame, als eine Schuld unsrer gesammten Nationalentwicklung tragen und bekennen, denn das war sie in der That. Gewiß ist es als ein höchst beklagenswerthes Ereigniß anzusehen, daß deutsche Fürsten sich dem fremden Unter-
20 drücker anschließen und gegen ihre eignen Brüder kämpfen konnten; aber dies Ereigniß hätte nie stattgefunden, wäre nicht die Einheit Deutschlands schon lange vorher verloren gegangen, wären nicht alle die kleinern deutschen Staaten, durch das abgeschlossene und selbstständige Heraustreten Preußens und Oestreichs aus dem Gesammtverbande, auf eine solche Politik der Vereinzelung, auf ein solches macht- und ruhmloses Dasein verwiesen gewesen. [...]
25 Doch war dies 1 mehr die Stimmung der Kabinette als die der Völker. Diese huldigten vielmehr in rückhaltlosem Enthusiasmus dem erhebenden Beispiele Preußens, an dessen Sieg sich für sie die Ehre des deutschen Namens und – die Sache der Freiheit knüpfte, und hätte damals Preußen, diese Sympathien benutzend, sich an die Spitze eines deutschen Völkerbundes gestellt, gegründet auf dasselbe System des Fortschritts, durch welches schon die innere
30 Regeneration des preußischen Staates so glücklich bewerkstelligt worden war, wer weiß, ob nicht ein solcher Versuch gelungen und Deutschland schon damals zu einer Einheit gelangt wäre, welcher es erst jetzt, nach mehr als einem Vierteljahrhundert, auf einem andern Wege entgegenstrebt.
1 Gemeint sind zuvor erläuterte antipreußische Stimmungen in den kleineren deutschen Staaten.
33 Es kam anders. Preußen und Oestreich, durch bedeutende Gebietsvergrößerungen in ihrer
35 Macht befestigt und erweitert, nahmen ihre frühere Stellung als europäische Großmächte wieder ein; die Staaten zweiten und dritten Ranges wurden von neuem zu einer politischen Unthätigkeit und Ohnmacht verdammt. Die hierdurch wieder auflebende Spannung zwischen Preußen und dem übrigen Deutschland erhielt aber auch noch von einer andern Seite her bedenkliche Nahrung. Die durch die französische Revolution erweckten, durch die gewaltigen
40 Aufregungen des heiligen Kriegs verstärkten und ermuthigten Freiheitsideen lebten in einem großen Theile des deutschen Volkes fort und erzeugten mannigfache Wünsche und Versuche einer allgemeinen Regeneration des deutschen Staats- und Nationallebens. Die preußische Regierung schien anfangs nicht abgeneigt, diesen Wünschen durch zeitgemäße Zugeständnisse entgegenzukommen; allein ängstlich gemacht durch den Ungestüm, womit die liberale
45 Partei ihre Anforderungen erhob, und durch einzelne Beispiele von gefährlichem Mißbrauch jener Freiheit in andern Staaten, hielt sie sich für verpflichtet, jedem weitern Vordringen der liberalen Ideen mit Ernst entgegenzutreten und die Integrität des monarchischen Prinzips, in welchem sie die einzige Schutzwehr für die Sicherheit und Stärke der deutschen Nationalität, gegenüber dem Auslande, zu erblicken glaubte, mit größter Strenge aufrecht zu erhalten.
50 [...]
Hierdurch war der Grund zu einer neuen Spaltung der deutschen Nation gegeben, die, indem sie sich durch die alte Eifersucht der kleinern und besonders der süddeutschen Staaten gegen Preußen verstärkte, einen höchst bedenklichen Charakter annahm. Die liberale Partei gab Preußen schuld, daß es die gemeinsame Sache Deutschlands und der Freiheit an Rußland ver-
55 rathe, und preußischerseits ward den Liberalen ihre Hinneigung zu Frankreich zum Vorwurfe gemacht.
Diese Spannung und Erbitterung erreichte ihren höchsten Grad in und nach dem verhängnißvollen Jahre 1830, und wäre es damals nicht den vereinten Anstrengungen der Kabinette gelungen, den allgemeinen Frieden zu erhalten, so hätten wir leicht eine Wiederholung der
60 frühern Ereignisse und den abermaligen Abfall eines großen Theils von Deutschland zu der Sache Frankreichs erleben können. So sehr überwog damals die Gleichheit der politischen Prinzipien den Gegensatz der Nationalitäten.
Preußen sah dies wohl ein und ergriff deshalb die Initiative zu einer neuen Vereinigung der so getrennten deutschen Stämme, zu einer Vereinigung, bei welcher sich ebensowohl die
65 Regierungen als die Völker betheiligt und befriedigt finden mußten; es gründete den deutschen Zollverein. Der Zollverein drängte die politischen Parteikämpfe in den Hintergrund durch die großen nationellen [sic!] Fragen, die er ins Leben rief; er bezeichnete den Weg zur Verschmelzung der Interessen Preußens mit denen des übrigen Deutschlands, ohne Aufopferung der einen oder der andern.
70 [...]
Die Bedingungen sind somit gegeben, um die Einheit, Macht und Untheilbarkeit der deutschen Nation dauernd zu begründen; der Punkt ist gefunden, in welchem die verschiedenen Theile Deutschlands, in welchem Regierungen und Völker sich begegnen; die Schranken beginnen zu fallen, welche bisher die kleineren deutschen Staaten von dem großen preußi-
75 schen, den Süden von dem Norden, die constitutionellen Gemeinwesen von der absoluten Monarchie trennten. Der Gang der Ereignisse hat uns mit wunderbarer Gewalt in diese Bahn fortgerissen, und fast überraschend, wie mit einem Zauberschlag hervorgerufen, tritt uns ein deutscher Gemeingeist, ein deutsches Nationalleben entgegen, kräftig, bewußt, und selbst dem Auslande, das uns eben noch verspottete, Achtung gebietend. [...]
80 Eine reiche Zukunft liegt vor uns aufgeschlossen; sorgen wir dafür, daß sie uns nicht entgehe! der erste Schritt auf der neuen Bahn ist gethan, die Richtung ist bezeichnet; haben wir Acht auf jeden folgenden Schritt! heften wir das Auge unverwandten Blicks auf das hohe Ziel, welches uns entgegenleuchtet! Es ist ein großes, ein erhabenes Wort, das Wort: Nationalität; suchen wir es recht zu verstehen und recht zu gebrauchen! Die Kraft dieses Wortes ruht auf
85 zwei mächtigen Säulen; sie heißen: Einheit und Fortschritt. Eine Nation ohne Einheit, ohne einen festen Zusammenhalt im Innern und eine starke Widerstandsfähigkeit nach Außen, ist Nichts als eine kraftlose Masse von Elementen, von der jeder Nachbar ein Stück abreißt, die jeder kühne Abentheurer nach seinen Zwecken gestaltet und benutzt. Deshalb hinweg mit dem kosmopolitischen Liberalismus, der nur von einer Propaganda der Freiheit, von einer
90 Gemeinde der politisch Gleichgesinnten träumt, aber darüber die näheren Bedürfnisse und Verhältnisse des Nationallebens vernachlässigt; der nicht eher für das Vaterland wirken und kämpfen möchte, als bis alle seine Forderungen erfüllt wären; der gern dem Nationalfeinde die Hand böte, wenn er Hoffnung hätte, durch diesen das zu erreichen, was ihm allein des Strebens werth erscheint. Die Zeiten dieses Liberalismus sind, dem Himmel sei Dank! in
95 Deutschland vorüber und werden hoffentlich niemals wiederkehren. Wir haben einsehen gelernt, daß das keine wahre politische Freiheit ist, welche nicht zugleich und vor allen Dingen das Vaterland, die Nation groß, einig und frei macht; wir haben die Täuschungen der französischen Freiheitssympathien in ihrer ganzen Gefährlichkeit und Heimtücke erkannt.
[...]
1.
2.
3.
Aufgabe 2 (GE LK NT 2) · Kalter Krieg, deutsche Teilung und Westintegration 1945-1988
Abiturprüfung 2021 – Geschichte, Leistungskurs (Nachtermin)
Aufgabe 2 (GE LK NT 2)
Aufgabenstellung
Interpretieren Sie die vorgelegte Quelle, indem Sie
1.
sie analysieren, (26 Punkte)
2.
sie in den Zusammenhang des Kalten Krieges bis zum Zeitpunkt der Rede einordnen (14 Punkte) und Strauß' Haltung zur künftigen Ausrichtung der deutschen und europäischen Politik charakterisieren (14 Punkte), (28 Punkte)
3.
zu den Aussagen von Strauß Stellung nehmen. (26 Punkte)
Hinweis: Die Darstellungsleistung wird zusätzlich mit 20 Punkten bewertet (Gesamtpunktzahl: 100 Punkte).
Materialgrundlage
Rede von Franz-Josef Strauß vor dem Bundestag in Bonn am 7. Februar 1952.
(Rechtschreibung, Interpunktion und Hervorhebungen wie im Original)
Hinweise zum Autor: Franz Josef Strauß (1915 – 1988) war ein deutscher CSU-Politiker und von 1961 bis zu seinem Tod Vorsitzender seiner Partei. Er gehörte seit 1949 dem Deutschen Bundestag an. Von 1952 bis 1956 war er außerdem Mitglied des Europäischen Parlaments.
[...] Der sowjetische Machtbereich, meine Damen und Herren, das ist eine bekannte Tatsache, sie kann trotzdem nicht oft genug, nicht laut genug und nicht eindringlich genug gesagt werden, ist seit 1939 von dem damaligen Staatsgebiet Sowjetrußlands mit etwa 180 Millionen Menschen bis 1952 auf etwa ein Drittel der Erdoberfläche und ein Viertel der Einwohner dieser Erde erweitert worden. [...]
Aber an drei Stellen ist der politische und militärische Vormarsch des Bolschewismus aufgehalten worden: erstens in Deutschland an der Zonengrenze, wo außerdem noch Berlin als Symbol der Freiheit, als Leuchtturm der Hoffnung inmitten des sowjetisch besetzten Territoriums durch den beispiellosen Mut seiner Bevölkerung und durch die Hilfe der Westmächte erhalten geblieben ist. [...]
Zum zweiten ist er in Jugoslawien aufgehalten worden, wo Tito 1 – selbst kommunistischer Partisanenführer; abtrünniger Genosse, zum Tode verurteilt 2 –
(Heiterkeit)
sich dem Zugriff Stalins entzogen hat. Und drittens in Korea, wo das Eingreifen der Vereinten Nationen in letzter Minute und unter furchtbaren Opfern für dieses Land – auch das ist für unsere Entschlußfassung ein wesentliches Moment – den Vormarsch der roten Satellitenarmee aufgehalten hat. [...]
Die Bedeutung des Eingreifens der Vereinten Nationen in Korea liegt nicht so sehr darin, daß Südkorea von der Sowjetherrschaft bewahrt wurde, als vielmehr darin, daß ohne dieses Eingreifen längst an einer anderen Stelle der Welt ein neues Feuer angezündet worden wäre, – vielleicht in Europa!
(Sehr richtig! in der Mitte.)
Das Gewitter von Korea hat den Vorhang vor dem wirklichen Zustand der Welt zerrissen und die freien Völker vor die Entscheidung gestellt, ob sie einzeln nach und nach von dem bolschewistischen Sog verschluckt werden oder ihre Kräfte vereinigen wollen, um dieser Entwicklung auf der Welt Einhalt zu gebieten.
[...] Es besteht kein Zweifel darüber, daß die Vereinigten Staaten von Amerika das Rückgrat der Verteidigung der freien Welt darstellen. Ob unsere eigene innere Einstellung zu den Besatzungsmächten eine freundliche oder nichtfreundliche Gesinnung ist, spielt in diesem Zusammenhang überhaupt keine Rolle. [...]
Auch die Sicherheit der Bundesrepublik und die Sicherheit der anderen europäischen Völker westlich des Eisernen Vorhangs beruht zur Zeit leider nur auf der amerikanischen Sicherheitsgarantie, wonach ein Angriff auf das Bundesgebiet einschließlich Berlins als ein Angriff auf die Vereinigten Staaten selbst angesehen wird. Damit ist die Bundesrepublik in den Sicherheitsgürtel, in die Sicherheitslinie der freien Welt einbezogen worden. [...]
Warum führen wir diese Verteidigungsdebatte? Es ist unsere geographische Lage auf der einen und die Weltsituation auf der anderen Seite, die uns zwingen, uns mit dieser Frage zu beschäftigen, ob wir wollen oder nicht.
(Sehr gut! bei den Regierungsparteien.)
[...] In absehbarer Zeit werden wir uns zu entscheiden haben, ob Deutschland in den Vertrag über eine europäische Verteidigungsgemeinschaft eintreten soll oder nicht. Schon der Begriff der europäischen Verteidigungsgemeinschaft setzt voraus, daß mehr als ein System von Koalitionsarmeen geschaffen wird. Nach diesem Vertrag sollen die Länder Deutschland, Frankreich, Italien, Belgien, Niederlande und Luxemburg ihre wirtschaftlichen und militärischen Verteidigungskräfte zusammenfassen. [...]
Was muß in Europa erreicht werden? Ohne Zweifel mehr als eine Verteidigungsgemeinschaft! Aus dem in 17 Staaten aufgespaltenen Resteuropa zwischen dem bolschewistischen Koloß und der Weltmacht Amerika muß ein in Freiheit und Gleichberechtigung geeintes Europa entstehen, oder Europa wird in absehbarer Zeit nicht mehr sein als ein geographischer Begriff auf der Landkarte. [...]
Es wird zu einer gemeinsamen Politik kommen, wenn es gelingt, eine europäische Staatsidee statt einer Addition von nationalistischen Länderideen zu entwickeln,
(erneuter Beifall bei den Regierungsparteien)
eine Staatsidee, die viel guten Willen und manchen Verzicht von jedem Teilnehmer erfordert. Der politische Weg dieser europäischen Staatsidee ist vorgezeichnet durch Geschichte und Kultur des Abendlandes. Eine echte europäische Verteidigungsgemeinschaft kann in diesem Sinne nichts anderes sein als das natürliche Ergebnis einer europäischen Staatsidee. [...]
Wir haben uns mit zwei Argumenten zu befassen, die grundsätzlich gegen einen Verteidigungsbeitrag angeführt werden. Erstens einmal: Ein deutscher Verteidigungsbeitrag verhindert die deutsche Einigung und verewigt die Spaltung unseres Volkes. Zweitens: Ein deutscher Verteidigungsbeitrag erhöht die Kriegsgefahr. [...]
Wir wollen – das sei mit aller Deutlichkeit und endgültig für den Standpunkt unserer Fraktion klargestellt; Herr Kollege Ollenhauer 3, ich darf darauf eine Antwort geben – uns auf keinen Fall abfinden mit dem Provisorium der Bundesrepublik. [...]
Wer auf den Anschluß der Bundesrepublik an die Gemeinschaft der freien Völker verzichtet, gibt die deutsche Einheit preis, ob er will oder nicht,
(Sehr gut! bei der CDU)
ob er es weiß oder nicht. Die verhängnisvolle These, die manchmal auch in der SPD angeklungen ist: Zuerst Einheit, dann Europa, wird von uns mit der klaren Parole beantwortet: Über die Einheit Europas zur Wiedervereinigung Deutschlands! [...]
Ein deutscher Beitrag für die europäische Verteidigungsgemeinschaft bedeutet für Rußland keine Gefahr, da die europäische Verteidigungsgemeinschaft bewußt auf dem Gedanken der Sicherung und des Verzichtes auf jeden Angriffskrieg aufgebaut ist. Rußland weiß, daß ein Angriff auf einen Staat der europäischen Verteidigungsgemeinschaft den dritten Weltkrieg auslösen würde. Die bisherigen Erfahrungen zeigen nicht, daß Rußland bereit ist, dieses Risiko auf sich zu nehmen. [...]
Auf lange Sicht gesehen wird ein deutsches Nein und französische Halsstarrigkeit nicht nur zum Scheitern der europäischen Einigung, sondern zu einer Verkürzung der amerikanischen Verteidigungslinie führen, mit andern Worten, zur Aufgabe des kontinentalen Europa, wenn von ihm nicht in absehbarer Zeit die eigene Verteidigung unter dem Schutz der amerikanischen Garantie aufgebaut wird. [...]
Das Schicksal Deutschlands ist untrennbar mit dem Schicksal der freien Welt verbunden. Die amerikanische Sicherheitsgarantie muß so lange ausreichen, bis die europäische Wirtschaftskraft, die staatliche Kraft und die politische und verteidigungsmäßige Kraft, organisiert ist. [...]
Wir müssen uns bei der kommenden Entscheidung von einer dumpfen Erwartung der Zukunft lossagen. Wir sollten diesen Weg, meine Damen und Herren von der SPD, in gemeinsamer Verantwortung gehen. Möge es uns erspart bleiben, einmal darüber nachzudenken – wie es Ihren Parteifreunden und meinen Gesinnungsfreunden in der Vergangenheit gegangen ist –, was man hätte tun sollen, als es Zeit war. Heute ist noch Zeit, erstens zu prüfen, zweitens zu entscheiden und drittens in europäischer Verantwortung danach zu handeln. Es lebe Europa!
1 Josip Broz Tito (1892 – 1980), jugoslawischer kommunistischer Politiker, 1945 – 1980 Ministerpräsident und Staatspräsident Jugoslawiens. Nach dem Bruch zwischen Tito und Stalin im Jahr 1948 verfolgte er eine von der Sowjetunion unabhängige Politik.
2 Vermutlich bezieht sich Strauß hier auf eine 1948 von Stalin getätigte Aufforderung an die jugoslawische Bevölkerung, sich ihrer politischen Führung unter Tito zu entledigen.
3 Erich Ollenhauer (1901 – 1963), SPD-Politiker, 1952 – 1963 Parteivorsitzender der SPD und Vorsitzender der SPD-Fraktion im Bundestag.
Aufgabe 3 (GE LK NT 3) · Revolution 1918/19, Versailler Frieden und Weimarer Republik
Aufgabenstellung:
1.
Analysieren Sie den abgedruckten Textauszug. (26 Punkte)
2.
Erläutern Sie auf der Grundlage des Textes die politischen Umwälzungen in Deutschland in den Jahren 1918/19 (16 Punkte) und die im Text genannten Belastungen der Weimarer Republik (12 Punkte). (28 Punkte)
3.
Beurteilen Sie die Positionen, die der Bundespräsident vertritt. (26 Punkte)
Materialgrundlage:
Frank-Walter Steinmeier: Rede bei der Gedenkstunde des Deutschen Bundestages zum 9. November 2018.
(Rechtschreibung und Hervorhebungen wie im Original)
„Es lebe die deutsche Republik!“
2 Was war das für ein gewaltiger Umbruch, den Philipp Scheidemann am 9. November 1918 den Menschen auf den Straßen Berlins verkündete, hier an diesem Ort, von einem Fenster des Reichstags aus: der Zusammenbruch des Kaiserreichs, das Ende einer jahrhundertealten
5 monarchischen Ordnung, der Beginn einer demokratischen Zukunft für Deutschland. […] Ein Lichtblick an einem trüben Novembertag! Die Revolution, so ungeplant und improvisiert sie auch war, steht für eine tiefgreifende Zäsur in der deutschen Geschichte, für einen Aufbruch in die Moderne. […]
9 Aber trotz alledem hat die Revolution bis heute kaum Spuren im Gedächtnis unserer Nation
10 hinterlassen. Der 9. November 1918 ist auf der Landkarte der deutschen Erinnerungsorte zwar verzeichnet, aber er hat nie den Platz gefunden, der ihm eigentlich zusteht. Er ist ein Stiefkind unserer Demokratiegeschichte – eben auch, weil der 9. November tatsächlich ein ambivalenter Tag ist, weil er für Licht und für Schatten 1 steht, weil wir jene Demokratie, die damals begann, fast nie von ihrem Anfang, sondern meist von ihrem Ende her denken.
15 Manchmal scheint mir, als sei jene Zeitenwende auf ewig überschattet vom Scheitern der Republik, als sei der 9. November 1918 diskreditiert und entwürdigt durch den 30. Januar 1933. Ja, das Ende der Weimarer Republik führte hinab ins furchtbarste Kapitel der deutschen Geschichte. Aber: Historisch gescheitert ist nicht die Demokratie – historisch gescheitert sind die Feinde der Demokratie. Der übersteigerte Nationalismus, die Diktatur, die menschenver-
20 achtende Ideologie der Nationalsozialisten haben Europa mit Krieg und abscheulichen Verbrechen überzogen, sie haben dieses Land politisch und moralisch ruiniert. Zu unser aller Glück erhielten wir eine neue Chance auf Selbstbestimmung in Einheit und Freiheit – und diese Chance ist Wirklichkeit geworden: Sie, die Republik, hat sich historisch behauptet! Das dürfen wir hundert Jahre später für uns festhalten und ich füge hinzu: auch feiern.
25 Dabei bleibt natürlich richtig: Jene Revolution war vom ersten Tag an auch eine paradoxe, eine widersprüchliche Revolution. Ihre Geschichte lässt sich nicht geradlinig erzählen. Doch welche deutsche Geschichte lässt sich das schon?
28 Die Widersprüchlichkeit der Revolution zeigte sich bereits am selben 9. November, als Karl Liebknecht, der Führer des Spartakusbundes, ein zweites Mal die Republik ausrief – nur
30 zwei Stunden nach Philipp Scheidemann. Friedrich Ebert wollte zuvörderst Chaos, Bürgerkrieg und ein militärisches Eingreifen der Siegermächte verhindern; er war getrieben von dem Wunsch, den Menschen Arbeit und Brot zu geben. Der Rat der Volksbeauftragten sah seine Handlungsspielräume eng begrenzt in diesen ungewissen Monaten, im Strudel radikalerer Kräfte von rechts wie von links.
35 Und doch hätten die Volksbeauftragten wohl mehr Veränderung wagen müssen, als sie aus ihrer damaligen Sicht für verantwortbar hielten. Zu viele geschworene Gegner der jungen Republik behielten ihre Ämter in Militär, Justiz und Verwaltung. Sicher: Gegen den Versuch der radikalen Linken, die Wahlen zur Nationalversammlung mit Gewalt zu verhindern, mussten die Volksbeauftragten um Friedrich Ebert sich zur Wehr setzen. Aber es gab keinerlei
40 Rechtfertigung dafür, der Brutalität nationalistischer Freikorps faktisch freie Hand zu lassen. Viele wurden damals ermordet, unter ihnen Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Auch der vielen Opfer jener Tage wollen wir heute gedenken.
43 Ja, diese Revolution war auch eine Revolution mit Irrwegen und enttäuschten Hoffnungen. Aber es bleibt das große Verdienst der gemäßigten Arbeiterbewegung, dass sie – in einem
45 Klima der Gewalt, inmitten von Not und Hunger – den Kompromiss mit den gemäßigten Kräften des Bürgertums suchte, dass sie der parlamentarischen Demokratie den Vorrang gab.
47 Der 9. November 1918 ist ein Meilenstein der deutschen Demokratiegeschichte: Er steht für die Geburt der Republik in Deutschland. Er steht für den Durchbruch der parlamentarischen Demokratie. Und deshalb verdient er einen herausragenden Platz in der Erinnerungs-
50 kultur unseres Landes. […]
51 In der Weimarer Republik hat der 9. November nie die symbolische Kraft eines Gründungsmythos gewinnen können. Selbst entschiedene Republikaner mochten sich nicht aus vollem Herzen zu einer Revolution bekennen, deren Sonne so „getrübt“ aufgegangen war, wie Theodor Wolff an ihrem ersten Jahrestag im Berliner Tageblatt schrieb. Statt Einheit zu
55 stiften, verschärfte die Erinnerung an den 9. November sogar die ideologische Spaltung der Gesellschaft: Für Teile der radikalen Linken stand das Datum für den vermeintlichen Verrat an der Arbeiterklasse, für die Republikfeinde von rechts für ihre Lüge vom „Dolchstoß“, den angeblichen Verrat an den Frontkämpfern. Es war kein Zufall, dass Adolf Hitler ausgerechnet am 9. November 1923 in München den ersten Anlauf zum Sturz der Republik unternahm,
60 jenes „undeutschen Systems“, dessen Repräsentanten die völkische Rechte mit mörderischem Hass überzog. […]
62 Die Revolution von 1918/19 war ein Aufbruch in die Demokratie, in ein politisches Experiment mit offenem Ausgang. Heute wissen wir, welch schwere Lasten die Zeitgenossen zu schultern hatten, die damals in Reich und Ländern die Demokratie erprobten.
65 Der verlorene Krieg und sein blutiges Erbe der Gewalt, die Folgen des Versailler Vertrages, die Wirbelstürme von Wirtschaftskrise und Inflation, von Hunger und Massenelend – all das belastete die Weimarer Republik und überforderte sie bisweilen auch. […]
68 Wenn wir uns diese Anfechtungen heute vor Augen führen, dann wird uns bewusst, wie beeindruckend die Leistung derjenigen war, die damals politische Verantwortung schulterten:
70 die eine demokratische Verfassung auf den Weg brachten, das Justiz- und Bildungssystem modernisierten, für Wohnungsbau und Arbeitslosenversicherung sorgten, die Kunst und Wissenschaft erblühen ließen und – in all diesen Jahren – höchst zerbrechliche Koalitionen durch innen- wie außenpolitische Krisenstürme steuerten: Reichskanzler und -minister wie Hermann Müller, Gustav Stresemann oder Matthias Erzberger, Abgeordnete wie Marianne Weber und
75 Helene Weber, Ernst Heilmann, Marie Elisabeth Lüders oder Marie Juchacz. Zu viele von ihnen sind heute vergessen. […] Viele, die sich für die Republik engagierten, wurden von den Feinden der Demokratie verhöhnt, verfemt und angegriffen. Führende Politiker wie Erzberger und Walter Rathenau fielen rechtsextremen, meist antisemitisch motivierten Morden zum Opfer. Lassen Sie uns nicht länger behaupten, dass die Weimarer Republik eine Demokratie
80 ohne Demokraten war! Diese mutigen Frauen und Männer standen viel zu lange im Schatten der Geschichte vom Scheitern der Weimarer Demokratie. Ich finde: Wir schulden ihnen Respekt, Hochachtung und Dankbarkeit. […]
83 So wenig der Demokratie am 9. November 1918 ihr Scheitern schon vorherbestimmt war, so wenig ist heute, einhundert Jahre später, ihr Gelingen garantiert. […]
1 Steinmeier geht im späteren Teil seiner Rede auch auf den 9. November der Jahre 1938 und 1989 ein.
1.
2.
3.
Aufgabe 4 (GE LK NT 4) · Friedliche Revolution 1989 und Wiedervereinigung
Abiturprüfung 2021 – Geschichte, Leistungskurs
Aufgabe 4 (GE LK NT 4)
Aufgabenstellung
Interpretieren Sie den vorliegenden Quellentext, indem Sie
1.
den Text analysieren, (26 Punkte)
2.
ihn in seinen Entstehungskontext einordnen (14 Punkte) und die für von Weizsäckers Argumentation bedeutsamen historischen Bezüge zur deutsch-polnischen Geschichte erläutern (14 Punkte), (28 Punkte)
3.
die Aussagen des Bundespräsidenten auch im Hinblick auf die spätere Entwicklung beurteilen. (26 Punkte)
Hinweis: Die Darstellungsleistung wird mit zusätzlich 20 Punkten bewertet (Gesamtpunktzahl: 100 Punkte).
Materialgrundlage
Richard von Weizsäcker, Bundespräsident (1984 – 1994): Ansprache am 02.05.1990 in Warschau anlässlich eines Abendessens zu Ehren des Bundespräsidenten in Anwesenheit der Staatspräsidenten der Republik Polen, Wojciech Jaruzelski.
(Rechtschreibung, Interpunktion und Hervorhebungen wie im Original.)
[...]
1 Gemeinsam erleben wir eine der seltenen Phasen der Geschichte, in der wahrhaft Neues entstehen und zum Schicksal werden kann. Wir sind am Beginn einer neuen Epoche. Für alle Europäer ist es von ausschlaggebender Bedeutung, daß wir, Deutsche und Polen, in größeren Zusammenhängen denken, über den Horizont des eigenen Kirchturms hinausblicken, die Zei- 5 chen der Zeit erkennen und sie zur Maxime unseres gemeinsamen Handelns machen.
Polen hat den Weg in die Freiheit gesucht und gefunden. In einem leidvollen und doch friedlichen Prozeß hat es nach allen Seiten Kühnheit und Vernunft bewiesen. Damit hat Polen eine prägende Rolle von bahnbrechender Bedeutung für Europa übernommen. Es hat seinen Nachbarn ein zündendes Beispiel gegeben.
10 So hat auch das Volk in der Deutschen Demokratischen Republik durch eine friedliche Revolution Freiheit und Selbstbestimmung errungen. Die Folge davon wird in naher Zukunft die staatliche Einheit der Deutschen sein. Auf diese Weise werden Polen und Deutsche als freie, ungeteilte Völker an einen Wendepunkt ihrer nachbarschaftlichen Geschichte gelangen.
[...]
15 Im Mittelpunkt eines europäischen Friedens steht die Verpflichtung für alle Völker, nie mehr den unseligen Kampf um Grenzen und Gebiete aufzunehmen. Wir Deutsche wissen, was dies für uns den Polen gegenüber bedeutet.
Herr Präsident, Polen kann ohne Vorbehalt darauf vertrauen, daß die Grenzfragen zwischen uns in ihrer Substanz unwiderruflich geklärt sind und daß sie im Zuge der werdenden deut- 20 schen Einheit die nötige völkerrechtlich verbindliche Vertragsform erhalten werden.
Die heutige Westgrenze Polens bleibt unangetastet. Wir respektieren sie und haben jetzt und in Zukunft keinerlei Gebietsansprüche gegenüber Polen oder irgendeinem anderen Nachbarn.
Wir Deutschen sagen dies nicht, um menschlich erlittenes Unrecht zu legitimieren; wir sagen es in bleibender Verbundenheit mit dem schweren Los unserer Landsleute, die Haus und Hof, 25 Dorf und Heimat verloren haben.
Wir wissen, wie viele Polen ein solches Schicksal aus eigener bitterer Erfahrung kennenlernen mußten, und ebenso wissen wir, daß es gewiß nicht die polnische Bevölkerung war, die am Ende des Krieges die Verlagerung des polnischen Territoriums nach Westen veranlaßt und durchgesetzt hat.
30 Es geht zwischen Polen und Deutschen, wie in ganz Europa, aber nicht um das Ziel, Grenzen anzuerkennen, damit sie uns besser gegeneinander abgrenzen. Ganz im Gegenteil: Grenzen sollen ihren trennenden Charakter verlieren. Aus Grenzen sollen Brücken werden. Wir wollen nicht die Berliner Mauer abreißen, um sie an Oder und Neiße neu aufzubauen. Und wir bitten auch Sie, den Gedanken der offenen Grenze zu fördern. [...]
35 Die gesamteuropäische Entwicklung wird es uns erlauben, alte historische Spannungen als obsolet zu erkennen und in der Gegenwart zu überwinden. Immer wieder in seiner Geschichte war Polen durch die doppelte Sorge vor zwei Nachbarn belastet. Es hatte entweder eine deutsch-russische Zusammenarbeit auf seine Kosten zu befürchten, oder es schien, vereinfacht gesagt, vor der Wahl zu stehen, sich mit Hilfe des einen Nachbarn gegen die Bedrohung durch 40 den anderen schützen zu müssen. Das letzte Kapitel war das Konzept Stalins, eine Annäherung der Polen und Deutschen für immer zu verhindern.
Verfolgt man heute die sehr eindrucksvolle öffentliche Debatte in polnischen Medien, dann registriert man neben neuer Zuversicht wieder eine doppelte Sorge, nämlich einmal vor den Folgen einer drohenden Instabilität in der Sowjetunion und zum anderen vor einem erstarkten 45 Deutschland nach seiner Vereinigung.
Solchen Befürchtungen gilt es, nicht allein mit der Beteuerung guter Absichten entgegenzutreten, sondern mit nüchterner Erkenntnis der Chancen und Interessen. Wir sollten ein rationales Verhältnis zu neuen Realitäten gewinnen und ihnen nicht durch ängstlichen Verdacht, sondern durch konkrete Lösungen der Zusammenarbeit und auch durch vernünftige Schutz- 50 maßnahmen begegnen.
Polen und Deutsche teilen heute zwei zentrale Ziele, nämlich
– die Hinwendung Mittel-, Ost- und Südeuropas zum ganzen Kontinent zu fördern, auch zum Westen
55 – und die Sowjetunion in die europäische Entwicklung einzubeziehen, den Erfolg der Politik von Präsident Gorbatschow zur Perestroika und zur Konföderalisierung der Republiken zu unterstützen.
Wenn die Sowjetunion die Zusammenarbeit mit uns Deutschen sucht, was sie tut, dann soll dies nicht über die Köpfe der Polen hinweg geschehen. [...]
Das Wohl der Deutschen hängt untrennbar von unserer Teilnahme und Stellung in unserer 60 westlichen Partnerschaft ab. Wir können in unserem eigenen Interesse gar keine national beschränkten machtpolitischen Wege suchen. Niemand weiß aus Erfahrung genauer als wir selbst, daß es für uns Deutsche keinen isolierten Platz zwischen West und Ost mehr geben kann.
Der Weg der Deutschen zur Einheit entspricht dem völlig normalen und menschlichen Bedürf- 65 nis eines zusammengehörigen Volkes. Die Staatskunst kann allseits nur darin bestehen, einen solchen natürlichen Prozeß zu lenken und für weitergehende Ziele nutzbar zu machen, nicht aber, ihn zu behindern.
Die Europäische Gemeinschaft, der wir angehören, wird sich rascher zur Politischen Union entwickeln, als dies ohne die werdende deutsche Einheit geschähe. Die Sicherheitsbedürfnisse 70 in Europa werden es nicht bei folgenlosen Abrüstungsschritten belassen können. Vielmehr werden sie konkrete Schritte in Richtung auf neue kooperative und kollektive Strukturen einer Sicherheit gehen, welche ihre Aufgabe nicht auf das Militärische beschränken kann.
Die Vereinigung der beiden deutschen Staaten wird hierzu nicht nur die Möglichkeit, sondern vor allem auch die Notwendigkeit liefern.
75 [...]
Dies alles ist im Zeichen der freiheitlichen Entwicklung in ganz Europa möglich geworden. Sie ist Ausdruck der Gefühle, die unsere beiden Völker immer wieder verbunden haben. So war es schon in der Zeit des ersten Völkerfrühlings zwischen 1830 und 1848. Bereits damals war die polnische Nationalbewegung Teil der demokratischen Bewegung Europas.
80 Auf dem Hambacher Schloß in der Pfalz im Jahre 1832 wehte neben der schwarz-rot-goldenen Fahne der Deutschen die weiß-rote der Polen. Heinrich Heine sagte: »Wenn Vaterland das erste Wort des Polens ist, so ist Freiheit das zweite.« Dieser polnische Freiheitsanspruch war immer ein universaler. Es war Adam Mickiewicz 1, der von einer Lage Europas sprach, die keinen isolierten Fortschritt eines einzelnen Volkes zulasse, sondern nur den Zusammen- 85 schluß unserer Interessen.
Hundertfünfzig Jahre später reifen diese großen Gedanken zu neuer Blüte heran, aber in einer Epoche der Geschichte, die weit stärker als früher von den Völkern selber gestaltet wird. [...]
1 bedeutender polnischer Dichter (1798 – 1855)
1.
2.
3.
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- Kalter Krieg, deutsche Teilung und Westintegration 1945-1988 · 15 Aufgaben · 55 % Wahrscheinlichkeit
- Nationalsozialismus: Ideologie, Herrschaft und Verbrechen · 12 Aufgaben · 55 % Wahrscheinlichkeit
- Deutsche Frage 1815-1871: Wiener Kongress, Revolution 1848/49, Reichsgründung · 10 Aufgaben · 45 % Wahrscheinlichkeit
- Revolution 1918/19, Versailler Frieden und Weimarer Republik · 7 Aufgaben · 35 % Wahrscheinlichkeit
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