Aufgabe 3 · Abitur NRW Geschichte LK · Haupttermin 2021

Thema: Friedliche Revolution 1989 und Wiedervereinigung · Aus der Prüfung LK · Haupttermin (2021)

Aufgabenstellung

Abiturprüfung 2021 – Geschichte, Leistungskurs

Aufgabenstellung:

1.

Analysieren Sie den vorliegenden Auszug. (26 Punkte)

2.

Erläutern Sie auf der Grundlage des Textes zunächst den allgemeinen Umbruch in Osteuropa (12 Punkte) und anschließend die Besonderheiten des Umbruchs in der DDR 1989/90 (16 Punkte). (28 Punkte)

3.

Beurteilen Sie die Darlegungen des Autors. (26 Punkte)

Materialgrundlage:

Wolfgang Schuller: Die deutsche Revolution 1989. Berlin 2009, S. 298 – 302.

Hinweise zum Autor: Wolfgang Schuller (1935 – 2020) war ein deutscher Historiker, der zahlreiche Werke zur Geschichte der Antike und der DDR verfasste.

Der europäische Kontext

1 Die Revolution in der DDR war auch durch äußere Faktoren bedingt, vor allem durch ihr Verhältnis zur UdSSR und zu den anderen osteuropäischen Staaten. Richtig ist, dass sie nur deshalb stattfinden konnte, weil die Sowjetunion nicht eingriff, jedoch ist dieses nur irrefüh- rend. Dass sie nicht eingriff, hatte seine Gründe, die denen entsprachen, aus denen der Um- 5 sturz in der DDR geschah. Seit geraumer Zeit fand in der UdSSR eine Entwicklung statt, die es ihr in zunehmendem Maße erschwerte, ihr Herrschaftssystem im Inneren aufrechtzuerhal- ten, geschweige denn die Herrschaft über die ehemaligen Satellitenstaaten in der bisherigen Weise auszuüben. Sie war selbst labil und musste sich um ihre eigene innere Entwicklung sorgen.

10 Gorbatschows Kurs, der nicht nur das sowjetische Imperium gefährdete, sondern sogar russi- sche Besitzungen des 18. und 19. Jahrhunderts, stieß insbesondere in der Armee auf besonde- ren Widerstand. Die DDR einschließlich ihrer militärisch gesicherten Westgrenze wurde als das Symbol des Sieges im Zweiten Weltkrieg, wenn nicht sogar als Siegespreis angesehen, der nicht aufgegeben werden dürfe. Es gab gerade bei den in der DDR stationierten Truppen 15 starke Kräfte, die zur Intervention bereit waren und sich den politischen Entscheidungen nur widerwillig fügten. Auf der anderen Seite wird mehrfach von Zeichen der Solidarität einzel- ner Angehöriger der Sowjetarmee berichtet. [...] Aus Ludwigslust wird berichtet, dass sich ein sowjetischer Offizier für die friedliche Revolution bedankt habe; ein Foto zeigt, wie er anschließend vor den aufgestellten Kerzen niederkniete. Soldaten der sowjetischen Garnison 20 Mühlhausens stellten Kerzen in die Fenster und hielten ein Gorbatschow-Bild hoch, als am 20. Oktober die Demonstration vorbeizog. Das war jedoch nicht typisch und auch nur sehr selten möglich. Und doch behielt die Linie Gorbatschows im innenpolitischen Kräfteverhältnis der Sowjetunion die Oberhand, nicht zuletzt deshalb, weil angesichts der Verhältnisse in den anderen, dem sowjetischen Machtbereich entgleitenden Staaten ein militärisches Eingreifen 25 in der DDR katastrophale Folgen auch für die UdSSR selbst hätte haben können.

Die Entwicklung in den Bruderländern hatte nur mittelbare Auswirkungen auf die Herbstre- volution in der DDR. Intellektuelle Verbindungen, nicht selten durch persönliche Kontakte, bestanden schon seit längerem, insbesondere zu Polen und zur ČSSR, aber auch zu Russland und Ungarn. Diese vielfältigen Beziehungen hatten insbesondere die Jahre vor 1989 bestimmt, 30 erschwert durch generelle Reisebehinderungen bis hin zu individuellen Reiseverboten. Impulse gingen zum Beispiel von der Vereinigung Memorial¹ in Russland aus, für die ČSSR ist die Rolle der Charta 77² kaum zu überschätzen, und in Polen war es natürlich die Gewerkschaft Solidarność, die durch ihren Elan, ihre Zähigkeit und ihr wechselvolles, schließlich erfolgrei- ches Geschick zumindest als Ermunterung und Bekräftigung des eigenen Tuns auf die DDR- 35 Opposition ausstrahlte.

Ähnlich steht es mit dem Einfluss von Vorgängen in Osteuropa auf die konkreten Ereignisse. Dass Runde Tische ihr Vorbild in Polen und Ungarn hatten, ist selbstverständlich, ebenso gab es Einzelaktionen wie die Menschenkette vom 3. Dezember, die auf das Beispiel der balti- schen Menschenkette vom 23. August³ zurückging, und gelegentlich wurden sogar Wahlen 40 nach sowjetischem Muster gefordert. Aber wusste man über andere einschneidende politische Veränderungen in Osteuropa überhaupt Bescheid? War man sich beispielsweise der vollen Tragweite der ungarischen Ereignisse bewusst? Gewiss hatte man von solch spektakulären Vorgängen wie der feierlichen Beisetzung von Imre Nagy⁴ ausgerechnet am 16. Juni gehört. Aber was war mit dem Beschluss des ungarischen ZK vom Februar, die kommunistische Herr- 45 schaft zu beenden? Was mit der Abschaffung der inneren Struktur wie ZK und Politbüro, eine Entwicklung, die ihren Höhepunkt mit dem Parteitag ausgerechnet vom 6. bis zum 10. Oktober erreichte, an dem sich die Partei in eine sozialdemokratische Partei umwandelte? Von alldem und vielem anderen war nicht die Rede 1989, sodass der Eindruck unabweislich ist, dass all diese Vorgänge den damals Handelnden nur bruchstückhaft bekannt waren und nicht als Vor- 50 bild dienten. Das aber ist alles andere als ein Manko. Es zeigt vielmehr abermals, dass die Revolution in der DDR eigenständig war.

Die gewaltfreie Revolution 1989/1990 war eine demokratische Revolution der Freiheit und der Selbstbefreiung. Ihr Verlauf entspricht im Großen und Ganzen dem vieler anderer Revo- lutionen auch. Sie wies aber in ihrer Eigendynamik viele charakteristische Besonderheiten 55 auf, die bei den parallelen Vorgängen in Russland, im Baltikum, in Polen und Ungarn nicht oder nur teilweise auszumachen sind. Die Herbstrevolution war daher vor allem eine deutsche Revolution: Ihr Träger war das ganze Volk in allen seinen Schichten. Herausragende, die Bewegung beherrschende Leitfiguren gab es nicht. Zudem fand die Revolution überall statt, im ganzen Land, von Greifswald und Wismar bis Erfurt und Plauen, ein einziges, ausschließ- 60 liches Zentrum fehlte ihr. Sie war keine Angelegenheit nur der Großstädte, sondern sie hatte, im Verhältnis zur Einwohnerzahl vielleicht sogar noch mehr, mittlere Städte und Dörfer er- fasst. Davon unberührt waren Leipzig und Berlin allerdings die herausragenden und die Revo- lution vorwärtstreibenden Orte. Wenn zu einer Revolution unbedingt ein Revolutionsführer gehören müsste, dann wäre es die Stadt Leipzig. Aber ohne die anderen Städte und Gemein- 65 den hätte es diese Revolution nicht gegeben.

Der großen Anzahl der am Umbruch beteiligten Orte entsprach die Vielfalt der regionalen und lokalen Formen. Das begann schon mit den vielen nach Namen und Konzept verschie- denartigen Gruppen, zeigte sich in den unendlich vielen verschiedenen Personen, die sich engagierten, und der unterschiedlichen Art, wie Bürgerkomitees und Runde Tische gebildet, 70 benannt, zusammengesetzt und tätig wurden. Das revolutionäre Geschehen war anhaltend, steigerte sich sogar gelegentlich, und gleichzeitig war es sich nicht Selbstzweck. Die Freiheit, die die Revolution anstrebte, war nicht irgendeine, sondern diejenige, die sich durch die geis- tesgeschichtliche und politische Entwicklung Europas als einzig mögliche erwiesen hatte: die der freien Wahlen, zu denen politische Parteien notwendig gehörten. Die Revolution, die 75 nicht mehr von einzelnen Gruppen, sondern vom ganzen Volk, deutlicher gesagt auch vom Durchschnittsbürger getragen wurde, mündete also bewusst und gewollt in die parlamenta- rische Demokratie mit ihrem Parteiwesen. Dieses Ergebnis empfanden viele, die am Anfang der Revolution gestanden hatten und mit anderen Vorstellungen von einer freien Gesellschaft angetreten waren, als schmerzlich. Zur Freiheit gehörte es aber, dass auch sie den überwälti- 80 gend deutlich ausgedrückten Wunsch nach dieser Staatsform nicht nur hinnahmen, sondern auch akzeptierten. Es kommt hinzu, dass auch alle anderen ehemals kommunistisch regierten Staaten die parlamentarische Demokratie gewählt hatten, ohne dass das durch ein angebliches Übergewicht westlicher Parteien geschehen wäre. Hätte sich die DDR dem widersetzt, dann wäre das wahrlich ein deutscher Sonderweg gewesen.

¹ Vereinigung Memorial: 1988 in der Sowjetunion gegründete Menschenrechtsorganisation.

² Charta 77: 1977 gegründete Bürgerrechtsbewegung in der ČSSR.

³ 650 km lange Menschenkette von mehr als 1 Mio. Menschen durch die drei baltischen Staaten, mit der für Freiheit und Unabhängigkeit demonstriert wurde.

⁴ Imre Nagy (1896 – 16. Juni 1958): ungarischer Ministerpräsident, der nach dem gescheiterten Aufstand 1956 hingerichtet worden war. 1989 wurde er offiziell rehabilitiert, sein Leichnam aus einem Massengrab exhumiert und feierlich beigesetzt.

Aufgabenstellung: Aufgabe 3 · Abitur NRW Geschichte LK · Haupttermin 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Analysieren Sie den vorliegenden Auszug.

Lösung: Individuelle Ausarbeitung entsprechend den Kriterien der Aufgabenstellung und des Erwartungshorizonts.

2. Erläutern Sie auf der Grundlage des Textes zunächst den allgemeinen Umbruch in Osteuropa (12 Punkte) und anschließend die Besonderheiten des Umbruchs in der DDR 1989/90 (16 Punkte).

Lösung: Individuelle Ausarbeitung entsprechend den Kriterien der Aufgabenstellung und des Erwartungshorizonts.

3. Beurteilen Sie die Darlegungen des Autors.

Lösung: Individuelle Ausarbeitung entsprechend den Kriterien der Aufgabenstellung und des Erwartungshorizonts.

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