Aufgabe 4 · Abitur NRW Geschichte LK · Haupttermin 2021
Thema: Deutsche Frage 1815-1871: Wiener Kongress, Revolution 1848/49, Reichsgründung · Aus der Prüfung LK · Haupttermin (2021)
Aufgabenstellung
Abiturprüfung 2021 – Geschichte, Leistungskurs
Aufgabenstellung:
1.
Analysieren Sie den abgedruckten Textauszug. [24 Punkte]
2.
Erläutern Sie unter Bezugnahme auf den Text, auf welchen Grundlagen die Friedensordnung des Wiener Kongresses beruhte (12 Punkte), und welche Auswirkungen sie auf Deutschland hatte (16 Punkte). [28 Punkte]
3.
Nehmen Sie Stellung zu den Äußerungen des Autors über den Wiener Kongress und dessen Folgen. [28 Punkte]
Materialgrundlage
David King: Wien 1814. Von Kaisern, Königen und dem Kongress, der Europa neu erfand. München 2014, S. 390 – 399.
(Rechtschreibung und Hervorhebungen wie im Original)
Hinweise zum Autor: David King *1970 ist ein US-amerikanischer Historiker und Schriftsteller. Die englische Ausgabe seines Buches über den Wiener Kongress erschien 2008.
[...]
In den ersten Monaten des Jahres 1919 versammelten sich Diplomaten in Paris, um nach dem Ende des Ersten Weltkriegs einen Friedensvertrag auszuhandeln. Eines ihrer Hauptziele bestand darin, die abstoßende Dekadenz des Wiener Kongress oder, wie US-Präsident Wilson es ausdrückte, »den Geruch von Wien« zu vermeiden.
5 Der Wiener Kongress zog tatsächlich vielfältige Kritik auf sich, nicht zuletzt wegen der vielen Streitereien und der zahlreichen Feierlichkeiten, welche die Friedensstifter ablenkten und die Verhandlungen schier endlos in die Länge zogen. [...]
Ihre Geheimdiplomatie säte viel Misstrauen, und dass sie das meiste unter sich ausmachten, degradierte viele der kleineren Staaten zu bloßen Zuschauern. Die Grundsätze einer politi 10 schen Neuordnung Europas wurden nur selektiv und inkonsequent umgesetzt. Trotz der viel beschworenen Legitimität wurden beispielsweise alte Republiken wie Genua und Venedig nicht wiederhergestellt und verschwanden für immer. Auch das Heilige Römische Reich war und blieb Vergangenheit, und dem Ritterorden der Malteser wurden seine Besitztümer nicht zurückgegeben 1.
15 Die Kongressdelegierten verfolgten natürlich alle ihre eigenen Interessen. Immer wieder wurde darauf hingewiesen, dass die Belange der Völker häufig denen der herrschenden Dynastien geopfert wurden. »Die großen Fische fressen die kleinen«, protestierte der spanische Gesandte Labrador. [...]
Zweifellos ließ der Kongress auch viele unzufriedene Völker auf dem europäischen Kontinent 20 zurück. So wie die führenden Kongressteilnehmer das spanische Amerika und den größten Teil der außereuropäischen Welt ignorierten, ließen sie auch nationale Leidenschaften und unterdrückte Volksgruppen weitgehend unbeachtet. Doch dieser Vorwurf ist zumindest zum Teil anachronistisch, denn er wurde erst von Historikern des späteren 19. Jahrhunderts erhoben, zu einer Zeit, als der Nationalismus schon wesentlich ausgeprägter war als 1815. Auf 25 dem Kongress wurde er noch in erster Linie als eine potenziell gefährliche Kraft betrachtet, und die Friedensstifter von Wien ordneten ihn bei der Festlegung staatlicher Grenzen anderen Erwägungen unter – der Frage nach der Legitimität, dem Mächtegleichgewicht oder, wie Gentz 2 es schlicht ausdrückte, der Verteilung der Beute. [...]
In Mitteleuropa wurde Deutschland als loser Bund unabhängiger Staaten organisiert, der bis 30 1866 Bestand hatte. [...]
Der Deutsche Bund hatte viele Unzulänglichkeiten, es gab keine gemeinsame Armee, keine gemeinsame Währung, keine einheitliche Gerichtsbarkeit und keine Zollunion. Auf internationaler Ebene bewährte er sich schon eher. Wie Henry Kissinger 3 bemerkte, kam dieser Bund einer Lösung der »Deutschen Frage« in der neueren europäischen Geschichte am nächsten, das 35 heißt, er schuf ein Deutschland, das weder zu schwach noch zu stark war, ein Deutschland, das weder zu einer Versuchung für auswärtige Mächte noch zu einer Bedrohung für die Sicherheit seiner Nachbarn werden konnte. Nach 1815 erlebte Deutschland eine Zeit relativer Ruhe, die es nach den Verwüstungen der napoleonischen Kriege auch dringend benötigte.
Die weitreichendsten Auswirkungen, die der Kongress in Mitteleuropa hatte, betrafen Preu 40 ßen. Einige Mitglieder der preußischen Delegation waren zwar unzufrieden, weil sie nur einen Bruchteil dessen erreicht hatten, was ihrer Meinung nach ihrem Land zustand, doch Preußen hatte wertvolle Gebietsgewinne erzielt, die die Grundlage bildeten für seinen beachtlichen wirtschaftlichen Aufstieg im 19. Jahrhundert und seine führende Rolle bei der nationalen Einigung Deutschlands. Als Ergebnis des Kongresses beherrschte Preußen nun den Rhein, dazu 45 die Oder, die Elbe und die Weichsel; es bekam mehrere historisch bedeutsame Städte wie Köln und Trier sowie die Saar, wo bald die reichsten Kohle- und Eisenvorkommen Europas entdeckt werden sollten. »Deutschland hat einen wesentlich sichereren Stand erreicht als jemals zuvor in der Geschichte«, erklärte Castlereagh 4. Wie das späte 19. und das frühe 20. Jahrhundert zeigen sollten, hatten Castlereagh und die übrigen Friedensstifter in Wien in diesem 50 Punkt mehr erreicht, als ihnen damals bewusst gewesen war. [...]
Bis zur Flucht Napoleons konnte man den Wiener Kongress als ein Vorbild für einen großzügigen Umgang mit einem besiegten Staat betrachten. Frankreich wurde nicht aus der internationalen Gemeinschaft ausgestoßen und auch nicht streng bestraft für seine wiederholten Invasionen. Eine derartige Vergeltungssucht, hatte Castlereagh gewarnt, würde nur zu weite 55 rem Blutvergießen und neuen kriegerischen Auseinandersetzungen führen, eine Einsicht, die in Paris im Herbst 1815 bedauerlicherweise in Vergessenheit geraten war. Die wesentlich härteren Bedingungen führten in erster Linie dazu, dass Frankreich in der Weltpolitik isoliert wurde, was letztlich allen Beteiligten schadete. [...]
Doch trotz aller Skandale, Streitereien und Fehler dieses Jahrmarkts der Eitelkeiten erzielte 60 der Wiener Kongress einige überraschende Erfolge. Die Gesandten legten neue Staatsgrenzen fest, von der Errichtung des Großherzogtums Luxemburg bis zur Reorganisation der Schweiz als föderalistischer Bund von Kantonen mit einer schriftlichen Verfassung und einer formellen Garantie ihrer »immerwährenden Neutralität«. [...]
Darüber hinaus war der Wiener Kongress die erste internationale Friedenskonferenz, auf der 65 humanitäre Fragen diskutiert wurden. Die Staatenlenker bestätigten die bürgerlichen Rechte der Juden, verurteilten den Sklavenhandel, sagten dem Diebstahl geistigen Eigentums den Kampf an und entwickelten zahlreiche diplomatische Verfahren und Gepflogenheiten, die bis in die heutige Zeit erhalten geblieben sind. [...]
Schließlich, und das war das wichtigste Ergebnis, stellte der Kongress den Frieden wieder 70 her – einen echten Frieden, der länger Bestand hatte, als alle Gesandten erwartet hätten. Trotz der vielen Spannungen und Feindseligkeiten, die im Zeitalter des Nationalismus schwelten und zu zahlreichen Aufständen, Rebellionen und Bürgerkriegen führten – Fakt ist, dass für 100 Jahre kein Konflikt mehr so sehr außer Kontrolle geriet, dass er alle Großmächte in einen Krieg hineinzog. Der nächste größere Konflikt war der Krimkrieg, gefolgt von den nationa 75 len Einigungen Italiens und Deutschlands, doch es kam zu keiner kriegerischen Auseinandersetzung in der Größenordnung der napoleonischen Kriege oder des Ersten Weltkriegs.
Auch wenn der Wiener Kongress nicht der einzige Faktor war, der zu diesem Erfolg geführt hat, so spielte er doch eine unverzichtbare Rolle. Die in Wien versammelten Friedensstifter hatten ein System kollektiver Sicherheit etabliert und dadurch eine Entwicklung in Gang ge 80 setzt, die von Lord Castlereagh zu Recht als der »große Apparat der europäischen Sicherheit« gepriesen wurde. Sie hatten zudem ein Forum geschaffen, bei dem sich Staatsführer regelmäßig trafen, um ihre Differenzen auszuräumen – es war tatsächlich das erste Mal, dass die Staatsoberhäupter der Welt in einer Friedenszeit zu dem Zweck zusammenkamen, den Frieden auch weiterhin zu erhalten. Nachdem die regelmäßigen Zusammenkünfte 1822 eingestellt 85 worden waren, gab es noch gelegentliche Treffen, und Beratungen auf einem Kongress blieben fast ein Jahrhundert lang das bevorzugte Mittel der Konfliktlösung. Der Wiener Kongress förderte einen Geist der Verständigung, der in gewisser Weise bis heute unübertroffen blieb. Keine andere Friedenskonferenz der Geschichte kann als ähnlich erfolgreich gelten.
1 Der Wiener Kongress bestätigte die durch den Reichsdeputationshauptschluss vorgenommenen Enteignungen der Malteser und bestätigte den englischen Anspruch auf die Insel Malta.
2 Friedrich Gentz (1764 – 1832): österreichischer Staatstheoretiker und Berater Metternichs.
3 Henry Kissinger (geb. 1923): ehemaliger amerikanischer Außenminister und Autor eines Standardwerks über die Geschichte der Diplomatie.
4 Robert Stewart Viscount of Castlereagh (1769 – 1822): britischer Außenminister und Vertreter Großbritanniens auf dem Wiener Kongress.
Hinweis: Weitere 20 Punkte entfallen auf die Darstellungsleistung (Gesamtpunktzahl: 100 Punkte).

Lösung
Nach den offiziellen Korrekturhinweisen
1. Analysieren Sie den abgedruckten Textauszug. (24 Punkte)
Lösung: Individuelle Ausarbeitung gemäß den Kriterien des amtlichen Erwartungshorizonts.
2. Erläutern Sie unter Bezugnahme auf den Text, auf welchen Grundlagen die Friedensordnung des Wiener Kongresses beruhte (12 Punkte), und welche Auswirkungen sie auf Deutschland hatte (16 Punkte). (28 Punkte)
Lösung: Individuelle Erläuterung der Prinzipien und der territorial-politischen Folgen für Deutschland.
3. Nehmen Sie Stellung zu den Äußerungen des Autors über den Wiener Kongress und dessen Folgen. (28 Punkte)
Lösung: Differenzierte Stellungnahme und historisches Sach- und Werturteil.
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