Aufgabe 1 · Abitur NRW Geschichte LK · Haupttermin 2021

Thema: Kaiserreich: Industriegesellschaft, Sozialpolitik und Nationalismus · Aus der Prüfung LK · Haupttermin (2021)

Aufgabenstellung

Abiturprüfung 2021 – Geschichte, Leistungskurs

Aufgabenstellung:

Interpretieren Sie die vorgelegte Quelle, indem Sie

1.

den Text analysieren, (26 Punkte)

2.

auf der Basis des Textes die verfassungsrechtlichen und innenpolitischen Voraussetzungen der Kanzlerschaft Bismarcks erläutern (14 Punkte) und die Position des Verfassers charakterisieren (14 Punkte), (28 Punkte)

3.

zu den Darlegungen des Verfassers Stellung nehmen und dabei die vorangegangene sowie die spätere Entwicklung des Deutschen Reiches einbeziehen. (26 Punkte)

Materialgrundlage:

Leitartikel Frankfurter Zeitung vom 18.03.1890 (Abendblatt) zum Rücktritt Bismarcks.

(Rechtschreibung, Interpunktion und Hervorhebungen wie im Original)

Hinweise zum Material:

Frankfurter Zeitung: Tageszeitung, die in der Zeit von 1866 bis 1943 in Frankfurt erschien und nach der Reichsgründung zu einem bedeutenden Organ der liberal-bürgerlichen Opposition wurde. Die liberale Haltung zeigte sich auch in der internen Organisation, bei der die Chefredaktion durch eine Redaktionskonferenz ersetzt wurde, die sich aus gleichberechtigten Mitgliedern zusammensetzte. Der Leitartikel repräsentierte die Meinung dieses Redaktionsgremiums und wurde deshalb nicht unter einem Verfassernamen veröffentlicht. Täglich erschienen drei Ausgaben der Frankfurter Zeitung, der vorliegende Artikel erschien im Abendblatt des 18.03.1890.

Politische Uebersicht.

Schon einmal, vor zweiundvierzig Jahren, ist in Preußen der 18. März der Markstein einer neuen Zeit gewesen; die Erhebung des Volkes gab damals dem morschen, in allen Fugen krachenden System des Absolutismus den letzten Stoß. Auch der heurige 18. März scheint einem System ein Ende machen zu sollen, einem System, dessen Zusammenbruch seit Jahr und Tag klar zu erkennen war […].

So still und geräuschlos sich der Rücktritt des Fürsten Bismarck bisher abgespielt hat und vollziehen wird, daß er ein welthistorisches Ereigniß ist, wird jedermann klar sein. Nicht um der Person willen, denn so gewaltig und mächtig sie war, es hat schon Mächtigere und Gewaltigere gegeben, die man scheiden sehen mußte. Wenn Fürst Bismarck jetzt die Stelle verläßt, auf der er […] enden wollte, so bedeutet das etwas Anderes als einen Personenwechsel, als daß Einer geht und ein Anderer kommt. Das System Bismarck fällt, es stirbt ab an dem jugendkräftigen Wesen einer neuen Zeit, die sich aus dem Volke heraus offenbart und auch auf der Höhe 1 die Geister beherrscht. Keiner Intrigue, keiner Rivalität erliegt der Mann, der länger als ein Vierteljahrhundert die Geschicke Preußens und Deutschlands geleitet hat, er weicht der Erkenntniß, daß seine Zeit vorüber ist, daß er den Anforderungen, die eine neue Zeit stellt, nicht zu genügen vermag.

Man denke nicht, daß diese Erkenntniß das Werk eines Augenblicks oder eines Tages gewesen ist, daß es eine einzelne Frage war, die sie zum Durchbruch gebracht hat. Langsam ist gereift, was sich heute oder in den nächsten Tagen vollziehen wird, ein System stürzt nur, wenn das Fundament sich als unhaltbar erwiesen hat. Vor zwei Jahren noch ging eine gewaltige Aufregung durch das Reich, als es hieß, der Kanzler wolle zurücktreten […]. Heute regt sich Nichts, trotzdem die Geister ergriffen sind, Alle bannt das Gefühl, daß ein historischer Prozeß, der unabwendbar sei, sich vollziehe. Das ist nicht etwa der berüchtigte „Undank“, den die Größe erntet, es ist die Unterordnung unter die Gebote des politischen und kulturellen Fortschritts, die unerbittlich das, was innerlich abgestorben ist, auch äußerlich dem Untergange weihen. Den „Undank“ wird Fürst Bismarck von ganz anderer Seite, als von der seiner ehrlichen Gegner erleben; gerade die sich rühmten, die Stützen seines Systems zu sein, werden die Ersten sein, die uns mit Enthüllungen darüber in Staunen setzen werden, wie schwer sich dieses System an dem Geiste des deutschen Volkes versündigt hat, wie es seine Werkzeuge ausgenutzt und gemißbraucht hat.

Die Quintessenz des Systems war die Bekämpfung und Niederhaltung jeder ihm entgegentretenden Meinung und Bestrebung durch äußere Machtmittel, die Uebertragung der Grundsätze der äußeren Politik auf das innere Staatsleben. In der Wahl der Mittel war der Fürst Bismarck nie verlegen, mit schnellem kräftigen Entschluß, der vor keinem Wechsel in der Politik zurückscheute, wenn damit dem Bedürfniß des Augenblicks genügt werden konnte, wußte er jeder Zeit das Spiel zu beherrschen. Darin lag seine Stärke, die alle Parteien zerrieb und zersetzte, die sich ihm einmal dienstbar gemacht hatten, die ihre Schranke nur fand an der festen selbstbewußten Haltung der Opposition, die auch der politischen und persönlichen Aechtung Trotz zu bieten wußte.

So lange das Bismarck’sche System sich der Mehrheit der Nation in dem „nationalen“ Nimbus zu zeigen vermochte, so lange ihm ein Herrscher zur Seite stand, der ihm in allen Phasen Schild und Deckung war, konnte er als unüberwindlich gelten. Unter der Regierung Wilhelms I. […] war Fürst Bismarck unumschränkter Leiter der gesammten Politik, und es gab, da er sich in den militärischen Dingen, in denen der greise Herrscher auch Gebieter sein wollte, vorsichtig zurückhielt, keinen Willen dem seinigen gegenüber. Es war keine Uebertreibung, wenn die Opposition von einem „Hausmeierthum“ 2 Bismarck’s sprach, der Kanzler herrschte wirklich, wenn er auch äußerlich den Unterthan und Diener der Krone keinen Augenblick verleugnete, ja oft sogar geflissentlich, als wolle er seine Machtfülle verdecken, hervorkehrte. Nicht ungestraft aber lebt sich ein Staatsmann politisch und seelisch hinein „in die unumschränkte Machtfülle einer allgewaltigen Stellung“, wie ein nationalliberales Blatt es bezeichnet. Auch das Herrschertum wird zur Gewohnheit und ist in seinem Gleichgewicht gestört, sobald ihm das Bewußtsein kommt, daß es sich in seiner Allgewalt nicht werde behaupten können.

Daß dieses Bewußtsein dem Reichskanzler unter der Regierung des Kaisers Wilhelm II. sich aufdrängen mußte, war Niemandem ein Geheimnis, der die Natur beider Männer zu würdigen verstand. „Der Kaiser wird einmal sein eigener Kanzler sein“, „der Kaiser liebt mich, aber imponieren kann ich ihm nicht“ – diese Aussprüche des Fürsten Bismarck beweisen, daß er das Ende seiner Herrschaft mit klarem Blick voraussah. Der Gegensatz erschöpft sich nicht darin, wenn man sagt: auf der einen Seite die stürmisch vorwärtsstrebende Kraft der Jugend, auf der anderen die bedächtige zurückhaltende Weisheit des Alters, denn Fürst Bismarck ist auch als Greis ein Mann der That, der kühne Brandenburgische Junker geblieben. Nicht in dem verschiedenen Temperament, in der gegensätzlichen Auffassung der weltbewegenden politischen und sozialen Fragen lag das Moment, das die Trennung zuletzt als gebieterische Forderung erscheinen ließ […]. Der Monarch aber hatte bekundet, daß er Herrscher sein wolle, der Kanzler war Herrscher gewesen; mußte er als solcher weichen, so konnte er auch nicht länger mehr die Verantwortung tragen, die für ihn mit den Jahren aus einer nur politischen und staatsrechtlichen zu einer historischen geworden war.

Daß die Gegensätze gerade auf einem Gebiete zuerst und am stärksten in Erscheinung traten, das die schlimmsten Versündigungen des Bismarck’schen Systems aufweist, auf dem sozialpolitischen, kann als strafende Nemesis bezeichnet werden. Das Ausnahmegesetz, unter dessen Herrschaft die Sozialdemokratie die stärkste Partei im Reiche geworden ist und eine Gefahr für die innere Entwicklung zu werden droht, hatte keinen entschiedeneren Verfechter, der Arbeiterschutz und die Anerkennung der Berechtigung des Emanzipationskampfes des vierten Standes keinen hartnäckigeren Gegner als den Fürsten Bismarck, der genug damit gethan zu haben glaubte, das Reich auf die breite demokratische Basis des allgemeinen Stimmrechts gestellt zu haben und wähnte 3, auf dieser Basis lasse sich der Bau eines absoluten Regiments errichten. An diesem verhängnißvollen Fehler mußte das Bismarck’sche System zugrunde gehen, und das Geschick hat es so gewollt, daß fast zu gleicher Zeit die Mehrheit der Nation wie auch der Träger der Krone zu der Erkenntniß gelangten, daß ein solches Fundament einen anderen Aufbau heische, wenn das Haus auf sicherer Grundlage stehen solle.

Das ist’s, was sich jetzt vor unseren Augen vollzieht. Es wird kein Bismarck wiederkommen! hört man sagen, aber zugleich, und hier wird der Ton voller und freudiger: Auch für ein Bismarck’ches System ist die Zeit dahin, in der Größe seiner Thaten und Sünden wird ihm kein anderes gleichkommen. Mögen wir schweren Kämpfen und noch schwereren Versuchungen entgegengehen, das Ende des Bismarck’schen Systems wird als eine Erlösung empfunden werden, es ist nicht das Werk eines Einzelnen, sondern eine That aus dem Geiste der Nation, der nun mit freiem Flügelschlag sich regen und aufschwingen kann zu neuen Thaten.

1 auf der Höhe, hier: auf der Ebene der gesellschaftlichen Eliten.

2 Hausmeierthum: Das Amt des Hausmeiers war ein wichtiges Amt am frühmittelalterlichen Königshof. Im Merowingerreich besaßen die Hausmeier große Macht und bestimmten wesentlich die Politik des Reiches. Später stürzten die Hausmeier den König und gründeten die karolingische Dynastie.

3 wähnen: glauben

1.

2.

3.

Aufgabenstellung: Aufgabe 1 · Abitur NRW Geschichte LK · Haupttermin 2021

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. den Text analysieren, (26 Punkte)

Lösung: Ausführliche quellengestützte Analyse des Leitartikels der Frankfurter Zeitung vom 18.03.1890 gemäß den historischen Analysekriterien.

2. auf der Basis des Textes die verfassungsrechtlichen und innenpolitischen Voraussetzungen der Kanzlerschaft Bismarcks erläutern (14 Punkte) und die Position des Verfassers charakterisieren (14 Punkte), (28 Punkte)

Lösung: Historische Erläuterung der Grundlagen der Bismarck-Ära und Charakterisierung der Haltung des Verfassers als links-liberal.

3. zu den Darlegungen des Verfassers Stellung nehmen und dabei die vorangegangene sowie die spätere Entwicklung des Deutschen Reiches einbeziehen. (26 Punkte)

Lösung: Differenzierte historische Stellungnahme zur zeitgenössischen Bewertung der Frankfurter Zeitung im Lichte der tatsächlichen weiteren Entwicklung des Kaiserreichs.

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