Abitur NRW Geschichte 2021 · GK · Haupttermin

Abiturprüfung Geschichte in Nordrhein-Westfalen 2021, GK · Haupttermin: 1 Aufgabe mit Lösungen. Mit automatischer Korrektur.

Themen der Prüfung: Deutsche Frage 1815-1871: Wiener Kongress, Revolution 1848/49, Reichsgründung · Revolution 1918/19, Versailler Frieden und Weimarer Republik · Kalter Krieg, deutsche Teilung und Westintegration 1945-1988 · Friedliche Revolution 1989 und Wiedervereinigung

Aufgabe 1 · Deutsche Frage 1815-1871: Wiener Kongress, Revolution 1848/49, Reichsgründung

Abiturprüfung 2021 – Geschichte, Grundkurs

Aufgabenstellung:

Interpretieren Sie die Quelle, indem Sie folgende Teilschritte bearbeiten:

1. die Quelle analysieren, (26 Punkte)

2. anhand des Textes die relevanten historischen Hintergründe erläutern (14 Punkte) und die Position des Autors zur historischen Bedeutung der Revolution von 1848 charakterisieren (14 Punkte), (28 Punkte)

3. die Haltung des Autors zur Revolution beurteilen. (26 Punkte)

Materialgrundlage:

• Unbekannter Autor: Ein Gedenktag. In: Volks-Zeitung. Organ für Jedermann aus dem Volke, Nr. 65, Berlin, 18. März 1890, S. 1.

(Rechtschreibung und Hervorhebungen wie im Original)

Hinweise zum Autor und zum Material:

Die Volks-Zeitung – Organ für Jedermann aus dem Volke: eine sozialdemokratische Tageszeitung im Kaiserreich.

Der Artikel erschien zum ersten Mal am 18. März 1889 zum 41. Jahrestag der Märzereignisse. Daraufhin wurde die Zeitung für mehrere Wochen auf Grundlage der Sozialistengesetze verboten. Genau ein Jahr später druckte die Volks-Zeitung den Artikel erneut ab.

Ein Gedenktag.

Am 18. März dieses Jahres vollenden sich einundvierzig Jahre, seitdem der preußische Staat in die Reihe der modernen Kulturstaaten getreten ist. Dieser Tag ist der wichtigste Gedenktag unserer neueren Geschichte, der wichtigste und – der am wenigsten gefeierte. Die Todten des 18. März schlummern vergessen in einem verborgenen Winkel des Friedrichshains 1: auf ihren

5 Gräbern wuchert Unkraut und nur an ihrem Todestage pflegen die Pickelhauben in schwerer Menge aus den Hecken aufzutauchen, um die kleine Schaar der allezeit Getreuen zu überwachen, die denn doch noch am 18. März den Weg der Pietät zu finden weiß.

Es wäre eine sehr oberflächliche Auffassung der Geschichte, wenn man den Kämpfern des 18. März das Verdienst, Preußen in die Reihe der modernen Kulturstaaten geführt zu haben,

10 in dem Sinne zubilligen wollte, als hätten sie diesen Entschluss aus freiem Antriebe gefasst, als seien sie eines beliebigen Tages mit den Waffen in der Hand auf die Straße hinabgestiegen, um eine Verfassung zu erkämpfen. Diese Auffassung wäre nur der Gegenpol jener kindlichen Vorstellung, nach welcher Fürsten, Diplomaten und Generale die Geschichte machen. Nein, Preußen musste erst innerlich reif sein für die Erfüllung seiner Geschicke; es musste die

15 politisch-sozialen Voraussetzungen eines Verfassungsstaates besitzen, ehe es ein solcher Staat werden konnte. Erst dann konnte das Volk verlangen, daß ihm sein Recht werde, erst dann musste es pflichtgemäß das Recht, das ihm hartnäckig verweigert wurde, mit eigener Hand nehmen.

Jene Voraussetzungen waren nun freilich schon seit dem Anfange dieses Jahrhunderts erfüllt

20 und die großen Staatsmänner der nach-jenaischen Epoche 2, ein Stein, ein Hardenberg, ein Schön 3, hatten gebieterisch verfassungsmäßiges Recht für das Volk verlangt. Auch hatte König Friedrich Wilhelm III., als ihm das Volk unter unermesslichen Opfern von Gut und Blut Krone und Thron rettete, den Erlass einer Verfassung versprochen. Allein nach der Beseitigung der Gefahr wurde das Königswort vergessen, wurden die furchtbarsten Verfolgungen über die

25 deutsche Jugend verhängt, welche das Idealbild der Freiheit in ihrem Herzen bewahrte. Das Volk ist immer geduldig und großmütig, ja geduldig und großmütig bis zur sentimentalen Schwäche. Es wartete schweigend, so lange der alte König lebte; es hoffte, daß der Thronfolger die gebieterische Notwendigkeit der Zeit, die gerechten Forderungen der Nation erfüllen werde. Groß war die Enttäuschung, als Friedrich Wilhelm IV. den Thron bestieg, und, statt

30 sein Gesicht voll der Zukunft zuzuwenden, völlig in mittelalterliche Schatten und Schemen versank. Aber wieder erwies sich das Volk als geduldig und großmütig; es wartete noch volle acht Jahre und trug schweigend ein Joch, das ihm jede Stunde die Schultern wunder rieb. Erst als jede Hoffnung geschwunden war und als ringsum in Europa die faulen Gase einer dreißigjährigen Reaktionszeit explodirten, da brachen die Kämpfer des 18. März entschlossen und

35 schnell den eigensinnigen Menschenwillen, der sich der gebieterischen Notwenigkeit der geschichtlichen Entwickelung widersetzte.

Diese geschichtliche Notwendigkeit erkannt und für ihre Erfüllung bereitwillig das Leben daran gesetzt zu haben, ist der wahre Ruhm der Märzkämpfer, und es ist der höchste Ruhm, den staubgeborene Menschen erreichen können. Als das Volk seine gefallenen Brüder nach

40 dem Schlosshofe trug, und der gebrochene König auf dem Balkon erschien, um die Leichen zu grüßen, deren klaffende Wunden eine stumme und doch so beredte Klage gegen ihn führten, da schlug die letzte Stunde der absoluten Monarchie und fortan war Preußen ein moderner Staat. Dies ist die geschichtliche Bedeutung der Märztage von 1848, und mit welcher Gewalt und List immer die Feinde des Volks die Bedeutung dieser Tage wegzufälschen, wegzuleug-

45 nen, wegzuschweigen und wegzuvernichten gesucht haben, es wird ihnen nimmermehr gelingen. Der 18. März wächst um so mächtiger in die Zukunft hinein, je mehr von dem reichen Erbe, das er der Nation hinterließ, im Laufe der Jahrzehnte durch Lug und Trug und nicht zuletzt auch durch die großmütige Vertrauensseligkeit des Volkes selbst verlottert und verloren worden ist.

50 Und wie an dem Tage selbst, so hat auch an dem Andenken seiner Kämpfer der Zahn der Verläumdung genagt. […] Weder unter den rekognoszirten 4 200 Todten, noch unter den 700 Gefangenen befand sich auch nur eine kriminell bestrafte Persönlichkeit […]; so ist es sonnenklar, daß der 18. März von 1848 dem ehrlichen und treuen Volke gehört und ihm allein. Auch nicht der leiseste Makel haftet an seinen Kämpfern. Hofprediger, Professoren, Kommerzien-

55 räte waren freilich nicht unter ihnen vertreten, aber umso reichlicher alle arbeitenden Schichten der Nation.

Ständen sie heute auf, die Todten des Friedrichshains, bitterste Empfindung würde sich in ihren Herzen regen, wenn sie sähen, wie wenig von dem, was sie in die Hand des Volkes legten, in dieser Hand geblieben ist. Sie schlafen aber den traumlosen Schlaf des Todes, und das

60 Gefühl der tiefsten Beschämung bleibt allein den Lebenden. Wie viele es empfinden, wir wissen es nicht, aber das wissen wir: es ist eine von Tage zu Tage wachsende Schaar. Und im Namen dieser Tapferen und Treuen grüßen wir heute die Kämpfer des 18. März, die lebenden, wie die todten, mit dankbarem Gruße.

1 Friedrichshain: gemeint ist hier der Friedhof für die Gefallenen der Revolution von 1848.

2 nach-jenaisch: die Zeit nach den Niederlagen der preußischen Armee gegen die napoleonischen Heere bei Jena und Auerstedt 1806.

3 Theodor von Schön (1773 – 1856) war wie Stein und Hardenberg ein preußischer Reformer und arbeitete insbesondere mit Stein zusammen.

4 rekognoszirt (rekognoszieren), hier: identifiziert, namentlich bekannt

1.

2.

3.

Aufgabe 2 · Kalter Krieg, deutsche Teilung und Westintegration 1945-1988

Abiturprüfung 2021 – Geschichte, Grundkurs

Aufgabe 2

Aufgabenstellung:

Interpretieren Sie die Quelle, indem Sie folgende Teilaufgaben bearbeiten: folgende Schritte durchführen:

1. die Quelle analysieren, [26 Punkte]

2. die historischen Bezüge, die Pieck herstellt, erläutern [14 Punkte] und seine jeweilige Haltung gegenüber den beiden deutschen Teilstaaten herausarbeiten [14 Punkte], [28 Punkte]

3. Piecks Position beurteilen. [26 Punkte]

(Darstellungsleistung: 20 Punkte; Gesamtpunktzahl: 100 Punkte)

Materialgrundlage:

Wilhelm Pieck: Verteidigen wir unsere Errungenschaften! Rundfunkansprache des Präsidenten an alle Deutschen zum 10. Jahrestag der Befreiung. Zitiert nach: Neues Deutschland, Organ des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, Nr. 107, 8. Mai 1955, S. 1. (Rechtschreibung wie im Original)

Hinweise zum Autor und zum Material:

Wilhelm Pieck (1876 – 1960): von 1949 bis 1960 erster und einziger Präsident der Deutschen Demokratischen Republik.

Die Rundfunkansprache hielt Pieck am Abend des 7. Mai 1955. Sie wurde am nächsten Tag in mehreren großen Zeitungen der DDR abgedruckt.

Liebe deutsche Landsleute!

Männer, Frauen und Jugendliche in der Deutschen Demokratischen Republik!

5 Morgen sind zehn Jahre vergangen, seitdem das faschistische Oberkommando der Wehrmacht mit der Unterzeichnung der bedingungslosen Kapitulation seine totale Niederlage eingestehen mußte. Das war der völlige Bankrott des deutschen Militarismus, der zum zweiten Male ausgezogen war, um die Völker Europas grausam zu unterwerfen. Dieser Krieg für die Weltherrschaft der deutschen Imperialisten schlug mit ungeheurer Gewalt gegen das deutsche Volk zurück. […] So brachte der 8. Mai unserem deutschen Volke die Erlösung aus endlosem Krieg und maßloser Zerstörung.

10 In den Trümmern und Ruinen bedrohten jedoch Hunger, Seuchen und Krankheiten das Leben des Volkes. Der Verkehr stand still, die Versorgungsbetriebe lieferten weder Wasser noch Gas, noch Strom. Hier packten die Kommandostellen der Sowjetarmee zu. Gemeinsam mit den deutschen Antifaschisten, die in dieser Zeit tödlicher Gefahr treu zu ihrem Volke standen, trafen sie die ersten Maßnahmen zur Wiederherstellung eines normalen Lebens. So wurde der 8. Mai auch zur Rettung des Lebens der Nation.

15 In den unerhört kritischen Wochen und Monaten des Jahres 1945 begriffen die Werktätigen, daß Schluß gemacht werden muß mit den Kräften, die Deutschland in zwei Kriegskatastrophen gestürzt hatten. In unserem Teile Deutschlands halfen die Vertreter der Sowjetunion den sozialistischen und demokratischen Kräften, den kriegsschuldigen Imperialismus und Militarismus auszurotten und eine neue, antifaschistisch-demokratische Ordnung zu errichten. So wurde der 8. Mai zum Tag der Befreiung des deutschen Volkes von Faschismus und Militarismus.

25 Seit dem Siege über den Hitlerfaschismus ist die Sowjetunion unbeirrbar für das nationale Selbstbestimmungsrecht der Deutschen, für den Abschluß eines Friedensvertrages mit einem einheitlichen und unabhängigen, demokratischen und friedliebenden Deutschland eingetreten. Die Sowjetunion hat der Deutschen Demokratischen Republik die Souveränität gewährt, sie von allen Kriegslasten befreit und ihr große Hilfe beim Neuaufbau erwiesen. Darum ist der Tag der Befreiung für jeden friedliebenden Deutschen auch ein Tag des Dankes an die Sowjetvölker und ihre Regierung.

30 Nach zehn Jahren angestrengter Aufbauarbeit erzeugt die volkseigene Industrie unserer Republik doppelt soviel wie die kapitalistische Industrie vor dem zweiten Weltkrieg. […] Noch keine deutsche Regierung hat so wie die Regierung der Deutschen Demokratischen Republik ihre gesamte Politik und Arbeit in den Dienst des Friedens, des Aufbaus und des Wohlstands für das Volk gestellt. Unsere Werktätigen blicken am 8. Mai auf diese zehn Jahre der Arbeit und des Aufstiegs zurück in dem Bewußtsein, daß sie ihre Erfolge nicht nur zu bewahren, sondern auch zu vermehren, nicht nur zu schätzen, sondern auch zu schützen wissen. […]

Liebe deutsche Landsleute!

40 In Westdeutschland weist die Bilanz der zehn Jahre seit der Befreiung vom Faschismus jedoch ein völlig anderes Ergebnis aus. Dort sind die alten Kräfte des deutschen Imperialismus und Militarismus wieder an der Herrschaft. Ihre wirtschaftliche und politische Macht erkauften sie sich mit dem Verrat an der Nation. Sie unterstützen die imperialistische Politik der Spaltung Deutschlands, die 1946 mit der Bildung der Bi-Zone begann 1 und 1949 zur Errichtung der separaten Bundesrepublik führte. Mit tiefer Sorge sieht die werktätige und friedliebende Bevölkerung Westdeutschlands, daß ihre Heimat durch die Pariser Verträge nun auf ein halbes Jahrhundert zu einem amerikanischen Protektorat gemacht wird. Das Gerede von der Souveränität ist also ein glatter Betrug. Die Mehrheit der westdeutschen Bevölkerung wendet sich entschieden gegen einen militaristischen Obrigkeitsstaat, in dem bankrotte Hitlergenerale eine neue Wehrmacht kommandieren. Jeder vaterlandsliebende Deutsche versteht, daß die Verteidigung einer remilitarisierten Bundesrepublik unter amerikanischer Botmäßigkeit mit der souveränen Deutschen Demokratischen Republik unmöglich ist.

50 Zehn Jahre nach der Beendigung des Hitlerkrieges kann sich das deutsche Volk mit dieser Lage jedoch nicht abfinden. Es verlangt die friedliche Wiedervereinigung in einem demokratischen und unabhängigen Deutschland. […] Durch den einheitlichen Kampf der Arbeiterklasse, durch den Zusammenschluß aller friedliebenden Deutschen kann erreicht werden, daß die USA und Großbritannien auf ihre Pläne verzichten müssen, Westdeutschland zur Militärbasis und zum Aufmarschgebiet für neue Kriegsabenteuer zu machen. Ein solcher Volkskampf schafft die Voraussetzungen, damit neue Verhandlungen über einen Friedensvertrag mit einem demokratisch geeinten Deutschland möglich werden.

60 Darum ist der Tag der Befreiung auch ein Tag der Mahnung an alle vaterlandsliebenden Deutschen, sich fest zusammenzuschließen, um durch gemeinsamen Kampf die Annullierung der Pariser Verträge zu erzwingen und damit das Haupthindernis für die deutsche Wiedervereinigung zu beseitigen. […]

1 Der amerikanisch-britische Vertrag über die Bildung des Vereinigten Wirtschaftsgebietes der Bizone trat am 1. Januar 1947 in Kraft.

1.

2.

3.

Aufgabe 3 · Revolution 1918/19, Versailler Frieden und Weimarer Republik

Abiturprüfung 2021 – Geschichte, Grundkurs

Aufgabenstellung:

1.

Analysieren Sie den Text. (26 Punkte)

2.

Erläutern Sie auf der Grundlage des Textes, worin die Stärken und Erfolge der Weimarer Republik bestanden (14 Punkte), und arbeiten Sie die langfristigen und kurzfristigen Belastungsfaktoren der Weimarer Republik heraus (14 Punkte). (28 Punkte)

3.

Nehmen Sie Stellung zur Auffassung des Autors, die Weimarer Republik dürfe nicht länger als schwache Demokratie bezeichnet werden (vgl. Z. 59 f.). (26 Punkte)

Materialgrundlage:

Tim B. Müller: Die starke Demokratie. In: ZEIT Geschichte Nr. 3/2016, S. 66 – 71.

(Rechtschreibung und Hervorhebungen entsprechen dem Original)

Hinweise zum Autor: Tim B. Müller ist Historiker aus Deutschland.

Zugelassene Hilfsmittel: Wörterbuch zur deutschen Rechtschreibung

Die starke Demokratie

1 Nicht nur im Fußball kennt man die Art von Berichterstattung, in der sich mit dem Ergebnis

– und oft sogar dem aktuellen Spielstand – die Bewertung ändert. Wer siegt, hat zuvor alles

richtig gemacht; wer verliert, bei dem war es schon lange abzusehen: Mentalität, Taktik,

Nachwuchsarbeit, alles in der Krise. Intellektuell überzeugend sind solche Urteile nicht. Sie

5 verdoppeln einfach, was auf dem Platz gerade zu sehen ist, verlängern es in die Vergangen-

heit und kleiden es in die Sprache der Kausalität. Die klügeren Sportreporter spotten gern

selbstironisch über diese Standards ihres Metiers.

Einer ähnlich selbstkritischen Haltung bedarf es bei Historikern, vor allem, wenn es um die

Geschichte der deutschen Demokratie im Allgemeinen und um die Geschichte der Weimarer

10 Republik im Besonderen geht. Zu groß ist hier die Verlockung, die Niederlage von 1933 kau-

sal zu verdoppeln und den Anschein einer Notwendigkeit zu beschwören: Weil die Katastro-

phe eingetreten ist, muss sie sich ja aus dem Vorherigen ergeben haben. [...]

Die jüngere Forschung hat diese Gewissheiten infrage gestellt. Was immer die Probleme der

Weimarer Republik waren, wir können wenig darüber herausfinden, wenn unser Blick von

15 den Nationalsozialisten ausgeht, die ihre Terrorherrschaft 1933 mit Gewalt etablierten, ihre

Gegner zum Schweigen brachten, vertrieben oder ermordeten. [...]

Die Weimarer Republik war nach damaligen Begriffen eine stabile Demokratie. Sie hatte

früher als andere auch die Frauen zu Staatsbürgern gemacht und ihnen das gleiche Wahlrecht

eröffnet. Ihre Sozialpolitik wurde weithin bewundert und zunehmend als Bürgerrecht und

20 Ausdruck der Menschenwürde verstanden. Die staatsrechtliche und politische Debatte über

Grundrechte, die Aufgaben des Staates und die Demokratie war brillant und bietet Anregun-

gen bis heute. Die soziale Marktwirtschaft, der regulierte Kapitalismus, wurde erstmals expe-

rimentell erkundet. Die Republik war wehrhaft und verbot immer wieder demokratiefeindli-

che Organisationen. Mehr begeisterte Demokraten hätten ihr zweifellos gutgetan, aber deren

25 Zahl war auch in anderen Demokratien jener Zeit noch gering.

Und wie ungerecht wäre es, zu übersehen, dass die Mitglieder des demokratischen »Reichs-

banners Schwarz-Rot-Gold« noch 1932 die Anzahl der SA-Mitglieder sowie der deutsch-

nationalen und kommunistischen Massenorganisationen zusammengenommen um ein Mehr-

faches übertrafen. Nein, die Weimarer Demokratie war nicht schwach. Weder war sie von

30 Anfang an zum Scheitern verurteilt noch 1930 am Ende, als die große Koalition zerbrach und

die Präsidialkabinette begannen, noch nicht einmal 1932, als mit Franz von Papen erstmals

ein antidemokratischer Politiker an die Macht kam.

[...] »Der Wendepunkt ist da«, stellte das führende liberal-demokratische Blatt der Republik

fest. Die NSDAP, zuvor geradezu zur Volkspartei angewachsen, war entzaubert und erlebte

35 nun eine »Serie von Mißerfolgen und Verlusten«. Für die Frankfurter Zeitung galt als erwie-

sen, »daß nichts falscher ist, als den Geist der freiheitlichen Demokratie in Deutschland tot-

zusagen«. Im Jahr 1932 habe »die Demokratie [...] nicht weiter gelitten; sie hat während des

letzten halben Jahres geradezu einen Triumph erlebt« 1.

Man kann solche Äußerungen nicht mit den alten Deutungsmustern begreifen; man muss

40 sie zum Ausgangspunkt neuer Fragen an die Weimarer Demokratie machen. Das rechte Bür-

gertum integrierte sich nur langsam, die extreme Wirtschaftskrise erschütterte die Welt seit

1929, verschärft seit 1931, und trieb die Arbeitslosigkeit in extreme Höhen. Hunger und Leid

waren real. Dass Brünings Sparpolitik diese Not zunächst verstärkte, dass sozialpolitische

Hilfsmaßnahmen und mehr politisches Pathos geholfen hätten, steht außer Zweifel. Aber all

45 diese Belastungen zerstörten weder die Demokratie, noch brachten sie Hitler an die Macht.

Wenn wir die Einsicht der internationalen Forschung berücksichtigen, nach der Demokra-

tie eine Geschichte voller Widersprüche ist, dann kann dem demokratischen Experiment von

Weimar endlich die historische Gerechtigkeit widerfahren. Diese junge Demokratie, Teil einer

Welt junger Demokratien, kam ziemlich weit voran mit ihrem Versuch, eine Balance der

50 Grundspannung zwischen Volkssouveränität und Rechtsstaat, effizientem Regieren und

Massenpartizipation herzustellen. [...]

Eine überzeugende Geschichtswissenschaft kann die Vergangenheit nicht an späteren Ge-

wissheiten messen, sie muss erforschen, welche Geschichte für die Zeitgenossen denkbar und

machbar war, also ihre Zukunft, den Horizont ihrer Erwartungen. Woran Weimar gescheitert

55 ist? Wir wissen noch viel zu wenig darüber, wir müssen noch viel genauer hinschauen. Aber

so viel ist klar: Die Demokratie lässt sich nicht restlos absichern. Und wie auf dem Spielfeld

ist auch in der Geschichte – und besonders in der Geschichte der katastrophalen Wirtschafts-

krise – immer mit dem Faktor Kontingenz 2 zu rechnen, mit dem Zufall, damit, dass zur fal-

schen Zeit die falschen Männer am falschen Ort sind. Aber dass die Weimarer Republik eine

60 schwache Demokratie war, das sollte man einfach nicht länger behaupten.

1 So die liberale Frankfurter Zeitung am 1. Januar 1933.

2 Kontingenz, hier: der Einfluss des nicht kalkulierbaren Zufalls auf die Geschichte.

1.

2.

3.

Aufgabe 4 · Friedliche Revolution 1989 und Wiedervereinigung

Abiturprüfung 2021 – Geschichte, Grundkurs

Aufgabe 4

Materialgrundlage

George H. W. Bush: Ein ungeteiltes freies Europa. Rede zu den Bürgern von Mainz, Rheingoldhalle Mainz, 31. Mai 1989.

(Rechtschreibung und Hervorhebungen wie im Original)

1 [...] Wir müssen uns vor Augen führen, dass die jetzt in Amerika und Europa heranwachsende

Generation ein größeres Erbe antritt, als es jeder Generation vor ihr hinterlassen wurde – Frie-

den, Freiheit und Wohlstand.

Dieses Erbe ist möglich, weil sich vor vierzig Jahren die Länder der westlichen Welt in einer

5 großen gemeinsamen Sache – der NATO – zusammengeschlossen haben. Zuerst gab es die

Vision und damit ein Konzept von freien Völkern, die in Europa und Nordamerika zum Schutz

ihrer Werte zusammenarbeiten. Dann wurden die Risiken und Lasten aufgeteilt und der sowje-

tische Expansionismus realistisch eingeschätzt. Schließlich war man entschlossen, über alte

Feindschaften hinwegzusehen. Das NATO-Bündnis leistete nichts Geringeres als Westeuropa

10 den Weg zu bereiten, um jahrhundertelange Rivalitäten zu begraben und ein Zeitalter der Ver-

söhnung und des Wiederaufbaus einzuleiten. Dies war eine zweite Renaissance 1 Europas.

Wie Sie wissen, ist dies nicht nur der 40. Jahrestag des Bündnisses. Es ist auch der 40. Jahres-

tag der Gründung der Bundesrepublik Deutschland – einer Republik, die aus der Hoffnung

geboren wurde, aber auch Herausforderungen bestehen mußte. Auf dem Höhepunkt der Ber-

15 linkrise forderte Ernst Reuter 2 die Deutschen auf, Standhaftigkeit und Vertrauen zu zeigen –

und das haben sie getan – mutig und großartig.

Die im Verlauf der Geschichte oftmals unter Beweis gestellten Gaben des deutschen Volkes

kommen in diesem Zeitalter des Friedens zum Tragen. Die Bundesrepublik nimmt in der Tech-

nologie eine Spitzenstellung ein und ist viertgrößte Wirtschaftsmacht der Welt. Aber noch

20 wichtiger ist die Tatsache, daß Sie der Welt ein Zeichen gesetzt haben, indem Sie sich wir-

kungsvoll für Grundwerte wie Menschenrechte, Demokratie und Freiheit einsetzen. Die Ame-

rikaner und die Bundesrepublik waren immer enge Freunde und Verbündete. Heute überneh-

men wir darüber hinaus noch eine gemeinsame Aufgabe – als Partner in einer Führungsrolle.

Und natürlich ist diese Führungsrolle fest mit einem weiteren Element verbunden – Verant-

25 wortung. Und unsere Verantwortung besteht darin, daß wir vorausschauen und die Verheißun-

gen der Zukunft verwirklichen können.

Ich habe in jüngster Zeit darauf verwiesen, daß wir an der Schwelle zu einem neuen Zeitalter

stehen. Und ich habe unsere neue Politik gegenüber der Sowjetunion als Überwindung des

Containment bezeichnet.

30 Seit vierzig Jahren liegt die Saat der Demokratie in Osteuropa brach, begraben unter der im

Kalten Krieg gefrorenen Erde der Tundra.

Seit vierzig Jahren wartet die Welt auf ein Ende des Kalten Krieges. Jahrzehntelang und immer

wieder wurde der schöpferische Geist des Menschen Opfer von Krisen und Unterdrückung.

Und die Welt hat lange gewartet.

35 Aber der leidenschaftliche Wunsch nach Frieden kann nicht ewig verwehrt werden. Die Welt

hat lange genug gewartet. Die Zeit ist reif. Europa muß frei und ungeteilt sein.

Für die Gründerväter des Bündnisses war diese Hoffnung ein ferner Traum. Jetzt ist diese

Hoffnung die neue Aufgabe der NATO. Wenn sich alte Gegner wie Großbritannien und Frank-

reich oder Frankreich und Deutschland versöhnen können – warum können es dann nicht die

40 Länder in Ost und West? In Osteuropa weisen uns tapfere Zeitgenossen den Weg. Nehmen

wir Polen, wo die Gewerkschaft Solidarität und die Katholische Kirche zugelassen worden

sind. Die Kräfte der Freiheit treiben den sowjetischen Status quo in die Defensive.

Im Westen hatten wir Erfolg, weil wir unseren Werten und unserer Vision treu geblieben sind.

Aber auf der anderen Seite des rostigen Eisernen Vorhangs konnte die Vision nicht verwirk-

45 licht werden.

Der Kalte Krieg begann mit der Teilung Europas. Er kann nur beendet werden, wenn die Tei-

lung Europas aufgehoben ist.

[...] In meiner Eigenschaft als Präsident werde ich alles in meiner Macht Stehende tun, um

die geschlossenen Gesellschaften Osteuropas zu öffnen. Wir streben die Selbstbestimmung

50 für ganz Deutschland und alle Länder Osteuropas an. Wir werden nicht ruhen und uns nicht

beirren lassen. Die Welt hat lange genug gewartet.

[...] Mehr politische Freiheit im Osten, ein Berlin ohne Mauer, eine sauberere Umwelt, ein

weniger militarisiertes Europa – dies sind jedes für sich schon ehrenwerte Ziele. Zusammen-

genommen sind sie Merkmale einer umfassenderen Vision – eines Europas, das frei und im

55 Frieden mit sich selbst lebt. Die Sowjets sollten wissen, daß unser Ziel nicht darin besteht,

ihre legitimen Sicherheitsinteressen zu untergraben. Unser Ziel ist es, sie schrittweise davon

zu überzeugen, daß ihre Definition von Sicherheit überholt ist und ihre innersten Ängste unbe-

gründet sind.

Westeuropa wird im Jahr 1992 mit einem großen Schritt institutionalisieren, was faktisch be-

60 reits seit Jahren vollzogen wurde – Grenzen, die Menschen, Waren und Ideen offenstehen.

Zwischen Ihnen gibt es keinen Schatten eines Verdachts, keine tiefsitzenden Ängste. Die Mög-

lichkeit eines Krieges innerhalb des Westens ist für unsere Bürger schlicht undenkbar. Eine

solche friedliche Integration von Nationen in eine Weltgemeinschaft bedeutet jedoch nicht,

daß irgendein Land seine Kultur, geschweige denn seine Souveränität aufgeben müßte.

65 Dieser Prozeß der Integration, eine subtile Verflechtung gemeinsamer Interessen, der in West-

europa so kurz vor seiner Vollendung steht, hat nun endlich auch im Osten begonnen. Wir

möchten den Staaten Osteuropas zu einer Erkenntnis verhelfen, die sich in Westeuropa schon

vor langer Zeit durchgesetzt hat. Die Grundlage dauerhafter Sicherheit erwächst nicht von

Panzern, Truppen oder Stacheldraht. Sie wird auf gemeinsame Werte und Vereinbarungen

70 gegründet, die freie Völker verbinden.

[...] Vierzig Jahre des Kalten Kriegs waren ein Prüfstein für unsere Entschlossenheit und die

Stärke unserer Werte. Nun ist die erste Aufgabe der NATO nahezu vollendet. Aber wenn wir

unsere europäische Vision verwirklichen wollen, wird uns die Herausforderung der nächsten

vierzig Jahre nicht weniger abverlangen. Gemeinsam werden wir diesem Ruf folgen. Die Welt

75 hat lange genug gewartet.

[...]

1 Renaissance: europäische Epoche (15. – 16. Jh.) gekennzeichnet durch die Wiederentdeckung der Antike und eine neue, humanistische Denkweise sowie eine Blüte in Kunst, Architektur, Politik, Wissenschaft und Literatur.

2 Ernst Reuter (1889 – 1953): Bürgermeister West-Berlins (1948 – 1953).

Interpretieren Sie den Text, indem Sie die nachstehenden Teilaufgaben bearbeiten:

1.

Analysieren Sie den abgedruckten Auszug aus der Rede. [26 Punkte]

2.

Erläutern Sie die im Text enthaltenen historischen Bezüge (12 Punkte) und arbeiten Sie heraus, wie der Redner die USA, die Sowjetunion und Europa sieht (16 Punkte). [28 Punkte]

3.

Nehmen Sie zu den Äußerungen Bushs Stellung. [26 Punkte]

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