Abitur NRW Geschichte 2021 · GK · Nachtermin

Abiturprüfung Geschichte in Nordrhein-Westfalen 2021, GK · Nachtermin: 1 Aufgabe mit Lösungen. Mit automatischer Korrektur.

Themen der Prüfung: Kaiserreich: Industriegesellschaft, Sozialpolitik und Nationalismus · Imperialismus und Erster Weltkrieg · Nationalsozialismus: Ideologie, Herrschaft und Verbrechen · Kalter Krieg, deutsche Teilung und Westintegration 1945-1988

Aufgabe 1 · Kaiserreich: Industriegesellschaft, Sozialpolitik und Nationalismus

Aufgabenstellung:

Interpretieren Sie den vorliegenden Quellentext, indem Sie

1.

den Text analysieren, (26 Punkte)

2.

ihn in den historischen Zusammenhang einordnen (14 Punkte) und Webers Standpunkt charakterisieren (14 Punkte), (28 Punkte)

3.

zur Haltung des Verfassers Stellung nehmen. (26 Punkte)

Materialgrundlage:

Ernst von Weber: Die Grundlegung zu deutschen Zukunftsstaaten auf der südlichen Halbkugel. In: Ders.: Die Erweiterung des deutschen Wirthschaftsgebietes und die Grundlegung zu überseeischen deutschen Staaten. Ein dringendes Gebot unserer wirthschaftlichen Nothlage, Leipzig 1879, S. 50 – 74, hier: S. 59 – 70.

(Rechtschreibung und Hervorhebungen wie im Original)

Hinweise zum Autor und zum Material:

Ernst von Weber (1830 – 1902) war ein deutscher Reiseschriftsteller und politischer Publizist. Das Kapitel, aus der der vorliegende Auszug entnommen ist, geht zurück auf einen Vortrag des Verfassers vor dem Berliner Verein für Handelsgeographie, gehalten am 29. April 1879. Dieser Verein setzte sich u. a. für die Gründung von Kolonien ein. Mitglieder waren vor allem Wissenschaftler, Publizisten und Kaufleute sowie Industrielle.

[...] Wer möchte daran zweifeln, daß [...] die neuangelegten deutschen Colonien in Südamerika 1 sich rasch und mächtig ausbreiten würden und aus unserem, jedes Jahr sich mehr und mehr mit Proletariern überfüllenden, Vaterlande fortdauernd Hunderttausende dieser immer gefährlicher werdenden Armenbevölkerung aufnehmen könnten, zum Segen der zurückbleibenden Bevölkerung wie zur Gründung ihres eigenen Glücks!

[...] Handelt es sich denn hier nicht um einen Act der Selbstrettung, dem Vorbeugen blutiger Revolutionen, die uns in Zukunft mit mathematischer Sicherheit bevorstehen, wenn ihre Ursache, die unaufhaltsam fortschreitende Ueberfüllung unseres Landes mit Proletariern, nicht nachdrücklich eingeschränkt und vermindert wird? Werden diese Revolutionen und ihre Unterdrückung durch Bajonette und Kartätschen nicht viel mehr Geld kosten als jetzt deren Vorbeugung? Wir leben im vollsten Sinne des Wortes auf einem Vulcan, in dessen Innern es mächtig kocht und braust. Seit dem Erlaß des Socialistengesetzes ist die Gährung der von der Hand zum Munde lebenden Volksklassen zwar von ihrer Erscheinung an der Oberfläche zurückgetreten, brodelt aber dafür nun desto intensiver in der verborgenen Tiefe.

[...] Und außerdem ist auch ein Theil unserer Armee (d. h. der gemeinen Soldaten, allerdings glücklicherweise noch nicht wie in Rußland auch des Officierskorps!) von den socialistischen Ideen inficirt und zwar ein größerer Theil als unsere Staatsmänner es sich wohl träumen lassen! Diese Verhältnisse werden sich, wie ich fürchte, von Jahr zu Jahr verschlimmern und es könnte leicht kommen, daß schon der hundertste Jahrestag der französischen Revolution unser schönes Vaterland von einem Meere von Blut überschwemmt finden würde! Nur dadurch kann in der gefährlichen Gesammtstimmung unserer unteren Volksschichten eine durchgreifende Aenderung herbeigeführt werden, daß den von ihrer Handarbeit lebenden Klassen eine reelle und handgreifliche Aussicht geboten wird, um ihre wirthschaftliche Lage dauernd zu verbessern. Wer möchte so sanguinisch 2 sein, allein von den neuen wirthschaftlichen Reformen und Schutzzöllen eine solche durchgreifende und dem Maßstabe der Wünsche der Betheiligten entsprechende Verbesserung der Lage unserer Proletariermassen zu erwarten? Dieselben mögen in engeren Kreisen erträglichere Verhältnisse schaffen – als Heilmittel für unseren Pauperismus im Großen und Ganzen können und werden sie nicht durchschlagen. Für die bedrängtesten unserer Proletarierschichten wäre aber eine rasche und durchgreifende Verbesserung ihrer Lage offenbar am leichtesten und sichersten durch ihre Uebersiedelung nach eigenen deutschen Ackerbaucolonien zu eröffnen. Gerade die unzufriedensten und gährendsten Elemente unsers Proletariats, welche zumeist die denkenden Köpfe unter den Arbeitern und ihre Führer und Leiter umfassen, würden sich am meisten von der ihnen gebotenen Aufbesserung ihrer wirthschaftlichen Lage angezogen fühlen und sich gewiß sehr gern nach den Colonien einschiffen lassen.

Also schon negativ würde ein solcher Massenexport des revolutionären Zündstoffes sich für uns bezahlen, indem derselbe für unsern Nationalwohlstand unschädlich gemacht und in Gegenden abgelagert würde, wo er sich in fruchtbaren Humus verwandeln und in den, dem heimathlichen Elende entrissenen, Kindern unserer Proletarier glücklichere Generationen emporwachsen lassen wird. Der deutschen Arbeit aber werden solche deutsche Ackerbaucolonien einen, von Jahr zu Jahr in Ausdehnung und Kaufkraft wachsenden, neuen und festen Absatzmarkt eröffnen und außerdem wird, was mir als eine Hauptsache erscheint, dadurch der Grund zu nationalen Tochterstaaten jenseits der Meere gelegt werden.

[...] Kann und wird denn unser Deutsches Reich in ungeschwächtem Maße seine Macht und seine Geltung in der Welt behalten, wenn die Angelsachsen und Russen ohne Aufhören ihre Volkszahl verdoppeln und verdoppeln, während die Zahl der Unterthanen des Deutschen Reiches, des engen Raumes wegen, worin sie heute eingepfercht und eingestopft sind, nie einer annähernd gleichbedeutenden Zunahme fähig ist [...]?

Das deutsche Volk in seinen heutigen engen Grenzen gleicht einem jungen Strauße, der etwa fortdauernd in einem Hühnerkäfig gehalten werden sollte. Sein Wachstum wird durch die engen Käfigstangen gewaltsam unterdrückt, während seine Nachbarn, die im Freien gehaltenen Strauße, (i. e. der russische und die englischen Volksstämme) den vollsten Spielraum haben, um sich zu kräftigen Riesenvögeln zu entwickeln.

[...]

Die drei Mächte, welche die Kraft und die Lust in sich fühlen, untereinander den Erdball zu vertheilen, die Briten, Nordamerikaner und Russen glauben jede an einen ihr von der Natur zugewiesenen, handgreiflichen und offenbaren historischen Beruf 3, für den die Angelsachsen das sehr passende Wort „Manifest destiny“ 4 ersonnen haben. [...]

Unsere großartigen Erfolge in den Jahren 1870 und 1871, berechtigen sie uns denn nicht, die alte bescheidene schüchterne und bedientenhafte Rolle endlich einmal gründlich beiseitezulegen, uns kühn und stolz unter die drei Bewerber um die künftige Weltherrschaft zu mischen und auch unserm, von seiner jahrhundertelangen Flügellahmheit endlich geheilten Reichsadler nunmehr am Himmel ein Ziel seiner „Manifest destiny“ zuzuweisen, nach dem er seinen Siegesflug zu richten hätte? [...]

1 Zu diesem Zeitpunkt gab es in Südamerika keine deutschen Kolonien, sondern nur einige von deutschen Händlern oder Siedlern erschlossene Gebiete.

2 sanguinisch: hier im Sinne von leichtfertig.

3 Beruf: hier im Sinne einer Berufung.

4 Manifest destiny: die Überzeugung vieler europäischstämmiger Nordamerikaner, dafür bestimmt zu sein, den (nord-)amerikanischen Kontinent zu beherrschen.

Aufgabe 2 · Nationalsozialismus: Ideologie, Herrschaft und Verbrechen

Abiturprüfung 2021 – Geschichte, Grundkurs

Aufgabenstellung:

Interpretieren Sie die vorliegende Quelle, indem Sie

1.

die Quelle analysieren, (26 Punkte)

2.

sie in den Kontext der gesellschaftlichen Entwicklung in Deutschland einordnen (14 Punkte) und auf der Grundlage des Textes das nationalsozialistische Frauenbild erläutern (14 Punkte), (28 Punkte)

3.

die Position von Goebbels bewerten. (26 Punkte)

Materialgrundlage:

Joseph Goebbels: Deutsches Frauentum. Eröffnungsrede zur Ausstellung „Die Frau“ am 18. März 1933 in Berlin. In: Ders.: Signale der Neuen Zeit – 25 ausgewählte Reden von Joseph Goebbels, München, 8. Auflage 1940 (¹1934), S. 118 – 126. (Rechtschreibung und Hervorhebungen wie im Original)

Hinweise zum Material: Der vollständige Titel der Ausstellung lautete „Die Frau in Familie, Haus und Beruf“.

Textquelle: Joseph Goebbels (18. März 1933)

Deutsche Frauen, Deutsche Männer!

1 Ich möchte einen glücklichen Zufall darin sehen, daß ich meine erste öffentliche Rede nach Übernahme des Ministeriums für Volksaufklärung und Propaganda grade vor deutschen Frauen halten darf. Wenn ich mich auch zu Treitschkes 1 Wort, daß Männer die Geschichte machen, bekenne, so vergesse ich dabei nicht, daß es die Frauen sind, die unsere Jungen zu

5 Männern erziehen. Es wird Ihnen bekannt sein: die nationalsozialistische Bewegung hält als einzige Partei die Frau aus der unmittelbaren Tagespolitik fern. Sie ist deshalb in vielfacher Beziehung bitter befehdet und angefeindet worden; und das sehr zu unrecht. Nicht, weil wir die Frauen nicht achteten, sondern weil wir sie zu hoch achteten, haben wir sie aus dem parlamentarisch-demokratischen Ränkespiel, das die Politik der ver-

10 gangenen vierzehn Jahre in Deutschland bestimmte, ferngehalten. Nicht, weil wir in der Frau etwas Minderwertiges, sondern weil wir in ihr und in ihrer Mission etwas Anderwertiges sehen, als die Bestimmung, die den Mann erfüllt. […]

Auch heute bedeutet die Frau im öffentlichen Leben nichts anderes als zu anderen Zeiten.

15 Niemand, der die moderne Zeit versteht, wird den aberwitzigen Gedanken fassen können, die Frau aus dem öffentlichen Leben, aus Arbeit, Beruf und Broterwerb herausdrängen zu wollen. Aber es darf dabei nicht ungesagt bleiben, daß Dinge, die dem Mann gehören, auch dem Mann bleiben müssen. Und dazu gehört die Politik und die Wehr. Das ist kein absprechendes Urteil über die

20 Frau, sondern nur ein Verweisen ihrer Fähigkeiten und Anlagen in die Gebiete der Arbeit und der Betätigung, die ihrem Wesen am nächsten entsprechen.

[…] Eine Verweiblichung des Mannes zieht immer eine Vermännlichung des Weibes nach sich. Eine Zeit, die alle großen Ideale der Tugend, des Trotzes, der Härte und Entschlossenheit vergessen läßt, darf sich dann am Ende nicht darüber wundern, daß der Mann seine

25 überragende Stellung im Leben der Politik und der öffentlichen Staatsführung nach und nach an die Frau verliert. […]

Die moderne Zeit mit all ihren großen revolutionären Umwälzungen auf dem Gebiete der Staatsschau, der Politik, der Wirtschaft und der sozialen Haltung ist auch nicht spurlos an der Frau und ihrer Stellung im öffentlichen

30 Leben vorbeigegangen. Dinge, die wir vor einigen Jahren oder Jahrzehnten noch für unmöglich hielten, gehören heute zu den Alltäglichkeiten. Vieles Gute, Edle und Begrüßenswerte hat sich in diesen Jahren durchgesetzt. Aber zugleich damit auch vieles Verächtliche und Demütigende. Die Frau ist zum großen Teil in diesen revolutionären Umwälzungen ihren eigentlichen Aufgaben entzogen worden. […]

35 Gerade während der letzten Jahre hat sich unter den deutschen Frauen eine große Wandlung vollzogen. Sie beginnen wieder einzusehen, daß sie nicht glücklicher dabei werden, daß man ihnen mehr Rechte und weniger Pflichten gab. Sie wissen bereits, daß das Vorrecht, in eine öffentliche Körperschaft gewählt zu werden, eingetauscht für das Anrecht auf Leben, Mutterschaft und tägliches Brot ein Danaergeschenk ist, das des Mitnehmens nicht wert er-

40 scheint.

Eine der charakteristischen Eigenschaften der Gegenwart ist der immer rascher ansteigende Geburtenrückgang in unseren Großstädten. […] Die Regierung ist fest entschlossen, diesem Verfall der Familie und der blutmäßigen Verarmung des Volkes Einhalt zu gebieten. Hier muß ein grundlegender Wandel geschaffen werden. Die liberale Einstellung zu Familie und

45 Kind ist mitschuldig daran, daß Deutschland während weniger Jahre so tief sinken konnte […].

Wir tragen in uns die blinde Überzeugung, daß Deutschland auch vor der Welt noch eine große Mission zu erfüllen hat. Wir sind des Glaubens, daß wir nicht am Ende unserer Geschichte stehen, daß vielmehr ein neuer, großer und ehren-

50 voller Abschnitt unserer Geschichte wieder beginnt. Dieser Glaube gibt uns die Kraft, zu arbeiten und nicht zu verzweifeln. Er hat uns vierzehn Jahre lang die unerhörtesten Opfer bringen lassen. Er gab all den Millionen deutscher Frauen die Kraft, auf Deutschland und seine Zukunft zu hoffen, ihre Söhne mitwirken zu lassen am Wiedererwachen der Nation. Dieser Glaube stand bei jenen tapferen

55 Frauen, die im Kriege ihre Männer und Ernährer verloren, bei jenen, die im Kampfe um die Wiedererneuerung unseres Volkes ihre Söhne als Unterpfand der deutschen Zukunft für die Nation hingaben. Dieser Glaube ließ sie aufrecht bleiben in der Not und in der Verzweiflung der vergangenen vierzehn Jahre. Und dieser Glaube erfüllt sie heute mit neuer Hoffnung, da über Deutschland wieder die

60 Sonne aufgeht.

Nichts macht härter und entschlossener, als der Kampf. Nichts gibt mehr Mut, als der Trotz. In den Jahren, da Deutschland dem Verfall geweiht schien, ist längst unter der Tünche des modernen Zivilisationsrummels ein neues Frauengeschlecht aufgestanden. Hart, entschlossen, mutig und opferbereit, so haben deutsche Frauen und Mütter die vergangenen vier Jahre des

65 großen Krieges und die darauffolgenden vierzehn Jahre des deutschen Zusammenbruchs als aufrechte Gefährtinnen des Mannes auf sich genommen, haben alle Bitterkeiten ertragen, hielten aus in Not und Gefahr und verzagten auch nicht, wenn sie von Unglück, Kummer und Bedrängnis geschlagen wurden. Solange ein Land ein so stolzes und hochgemutes Frauengeschlecht hat, solange kann es nicht untergehen. Denn in diesen Frauen

70 liegt das Unterpfand seiner Rasse, seines Blutes und seiner Zukunft. […]

1 Treitschke, Heinrich von (1834 – 1896): einflussreicher deutscher Historiker

Aufgabe 3 · Imperialismus und Erster Weltkrieg

Aufgabe 3: Beurteilen Sie die von den Verfassern aufgestellten Behauptungen. (26 Punkte)

Aufgabe 4 · Kalter Krieg, deutsche Teilung und Westintegration 1945-1988

Abiturprüfung 2021 – Geschichte, Grundkurs

Aufgabenstellung: Interpretieren Sie die Quelle

Materialgrundlage:

Anonymus: Unsere Pflicht in der europäischen Krise. In: The New York Times, 8. Juni 1947, S. 12.

(Rechtschreibung und Hervorhebungen wie in der Vorlage)

UNSERE PFLICHT IN DER EUROPÄISCHEN KRISE

1 Die Hauptursache für die menschliche Not der Gegenwart liegt weder in dem Mangel an Rohstoffen noch in den Zerstörungen durch den Krieg; sie liegt vielmehr im Zusammenbruch des Produktions- und Verteilungsapparates. Unter den verschont gebliebenen Ländern sind die Vereinigten Staaten das größte und reichste. Wir verfügen über einen großen Güterüberschuß,

5 den wir exportieren können. Aber amerikanische Exporte, wie lange man sie auch fortsetzen mag, können allein den Schaden nicht wiedergutmachen. Sie können nicht einmal lange ohne irgendeine Form der Bezahlung fortgesetzt werden, wenn wir nicht die wirtschaftlichen Herren der Welt werden wollen, die wohltätige Gaben unter die versklavten Völker verteilen – und diese Rolle wollen wir bestimmt nicht spielen. Die Spenden, die wir machen können und

10 machen werden, müssen dem Grundsatz einer sinnvollen Wohltätigkeit entsprechen – sie müssen die Empfänger instand setzen, Selbstversorger zu werden und Selbstachtung zurückzugewinnen. Gleichheit unter den Nationen und Völkern ist auf keiner anderen Grundlage denkbar.

Auf diese und ähnliche Argumente stützt sich die Rede, die Außenminister Marshall in der Harvard-Universität gehalten hat. In Europa haben, wie der Außenminister sagte, zehn Jahre

15 lang abnormale Verhältnisse geherrscht […]. Jetzt haben wir einen Punkt erreicht, an dem »die moderne Form der Arbeitsteilung, auf der der Güteraustausch beruht, aufs äußerste gefährdet ist«. Das sind ernste Worte, die darauf hindeuten, daß die Zivilisation in ihrer Gesamtheit zusammenzubrechen droht.

Angesichts dieser Gefahr sind wir zwar nicht untätig geblieben, aber wir haben uns bislang

20 nur von Fall zu Fall einzelnen Notlagen zugewandt. Wir haben seit Kriegsende Anleihen oder Unterstützungen im Wert von mehr als 17 Milliarden Dollar gewährt, und es hat den Anschein, als müßten wir noch viele Milliarden auf diese Weise zur Verfügung stellen. Ein Teil dieser Zuschüsse wird künftig wie bisher ein Bestandteil der Truman-Doktrin sein. Aber wenn man die Truman-Doktrin nicht mit einer gewissen Großzügigkeit anwendet, trägt sie den Keim

25 einer neuen Maginotlinie in sich. Wir waren gezwungen, gegen die sowjetische Aggression Front zu machen und unsere Position durch wirtschaftliche Mittel zu stärken. Die wahren Feinde bleiben, wie Außenminister Marshall gesagt hat, »Hunger, Armut, Verzweiflung und Chaos«. Sie sind nicht dadurch zu besiegen, daß man einen bestimmten Standpunkt verteidigt oder daß man sich von Fall zu Fall mit einer Reihe notleidender Gebiete befaßt. Es gibt nur

30 einen Notstand, das ist der Notstand der Welt. Es gibt viele Symptome, aber nur eine einzige Krankheit. Diese Krankheit macht selbst vor den großen ideologischen Grenzen nicht halt. Zweifellos ist ein Teil der Aggressivität des Kommunismus auf seine Unfähigkeit zurückzuführen, auf der Grundlage der Produktionsmethoden ein erträgliches Existenzniveau zu schaffen.

35 Außenminister Marshall sprach von der Notwendigkeit eines »Abkommens zwischen den europäischen Ländern über die Erfordernisse der Situation und über die Aufgaben, die diese Länder übernehmen könnten, um die Schritte, die unsere Regierung vorsieht, entsprechend wirksam zu machen«. Die Initiative, meinte er, muß von Europa ausgehen. Aber dieser Vorschlag eines amerikanischen Außenministers ist als solcher bereits eine Initiative. Wir haben

40 nicht das Recht, die Formen der Wirtschaftsorganisation vorzuschreiben, die das europäische Chaos überwinden soll. Aber wir haben das Recht, als Besatzungsmacht in Deutschland und Österreich alle künftige Hilfe an die Bedingung zu knüpfen, daß Anstrengungen zur Schaffung einer Organisation gemacht werden. Wir können den Rechten und Pflichten einer Partnerschaft nicht aus dem Wege gehen.

45 Umsicht und Tatkraft müssen die nächsten Schritte zur Verwirklichung der Truman-Doktrin leiten. Eine europäische Wirtschaftskonferenz muß dann ins Leben gerufen werden, an der England und die Vereinigten Staaten als interessierte Parteien teilnehmen, und zu der Vertreter aller europäischen Regierungen, einschließlich der Rußlands und seiner Satelliten, einzuladen wären. Unser Zutrauen in den Willen der Russen zur Zusammenarbeit ist begrenzt;

50 nichtsdestoweniger müßte der unmißdeutbare Anstoß, Europa in zwei Wirtschaftssphären zu teilen, von ihnen und nicht von den freien Nationen ausgehen. Sollten sie eine Zusammenarbeit ablehnen, wären die freien Länder zur Selbsthilfe im Rahmen ihrer eigenen Zuständigkeit genötigt.

Das Resultat einer solchen Konferenz müßten Abkommen über Währungen, Handels- und

55 Produktionspolitik, Kredite und andere Hilfsmaßnahmen sein. Ihr Ziel wäre es, ganz Europa – oder, falls das nicht gelingt, Westeuropa – zu einem einzigen Produktionsgebiet zusammenzuschließen, das imstande ist, seine Völker zu ernähren und seine Rechnungen zu begleichen. Diesem Wirtschaftsraum würden wir im Hinblick auf eine spätere Rückerstattung Anleihen gewähren, wie wir sie erfolgversprechenden Industrien unseres eigenen Landes zur Verfügung

60 stellen. Falls uns das mißlingt, gibt es nur eine Alternative: anhaltendes Chaos in Europa und als Folge totalitäre Systeme mit ihrer gedrosselten Produktionskapazität; darüber hinaus aber den Zusammenbruch und die Einengung unserer eigenen Wirtschaft. Wir sind vor dem Weltruin so wenig sicher wie vor dem Weltkrieg. Vor drei Jahren haben wir in Europa um eine militärische Operationsbasis gekämpft. Wir haben uns damals nicht zurückgezogen, und wir

65 können es heute nicht.

Anmerkung 1: Das nach dem französischen Verteidigungsminister Maginot benannte, zwischen 1930 – 1940 errichtete Verteidigungssystem entlang der Grenze Frankreichs zu den Nachbarländern Deutschland, Belgien, Luxemburg und Italien.

1.

Teilaufgabe 1: Analysieren Sie den vorliegenden Text. [26 Punkte]

2.

Teilaufgabe 2: Erläutern Sie die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Rahmenbedingungen im Europa der Nachkriegszeit, auf die der Text Bezug nimmt (16 Punkte), und arbeiten Sie heraus, wie der Autor das Verhältnis der USA zu Europa und zur Sowjetunion sieht (12 Punkte). [28 Punkte]

3.

Teilaufgabe 3: Beurteilen Sie die Positionen, die der Autor vertritt. [26 Punkte]

Hinweis zur Bewertung: Zusätzlich zu den 80 Punkten für die inhaltliche Leistung können bis zu 20 Punkte für die Darstellungsleistung erreicht werden (Gesamtpunktzahl: 100 Punkte).

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