Abitur NRW Geschichte 2022 · LK · Nachtermin

Abiturprüfung Geschichte in Nordrhein-Westfalen 2022, LK · Nachtermin: 1 Aufgabe mit Lösungen. Mit automatischer Korrektur.

Themen der Prüfung: Deutsche Frage 1815-1871: Wiener Kongress, Revolution 1848/49, Reichsgründung · Imperialismus und Erster Weltkrieg · Nationalsozialismus: Ideologie, Herrschaft und Verbrechen · Kalter Krieg, deutsche Teilung und Westintegration 1945-1988

Aufgabe 1 · Deutsche Frage 1815-1871: Wiener Kongress, Revolution 1848/49, Reichsgründung

Aufgabenstellung:

Interpretieren Sie die vorliegende Quelle, indem Sie

1.

die Quelle analysieren, (26 Punkte)

2.

auf der Grundlage des Textes die Entwicklungen von 1806 bis zum Sommer 1848 erläutern (16 Punkte) und die politische Position des Autors charakterisieren (12 Punkte), (28 Punkte)

3.

die Darlegungen des Autors beurteilen. (26 Punkte)

Materialgrundlage:

Ernst von Bülow-Cummerow: Rede auf der Generalversammlung zur Wahrung der Interessen der Grundbesitzer und zur Förderung des Wohlstandes aller Volksklassen. Berlin, 18. August 1848. In: Neue Preußische Zeitung, 1. Jg., Beilage zur Nr. 44 (20. August), S. 3.

(Rechtschreibung und Grammatik wie im Original)

Hinweise zum Autor/Material:

Ernst von Bülow-Cummerow (1775 – 1851): preußischer Gutsbesitzer und Politiker. Wegen dessen schwacher Konstitution wurde der hier vorgelegte Text auf der Versammlung von Hans Hugo von Kleist-Retzow, einem Mitbegründer der Neuen Preußischen Zeitung, vorgetragen.

Neue Preußische Zeitung: von 1848 bis 1939 erschienene überregionale Zeitung in Preußen. Wegen des auf der Titelseite abgebildeten Eisernen Kreuzes wurde sie auch Kreuzzeitung genannt.

[...]

Meine Herren! Durch die Gewalt der Zeit und den Strom der Geister ist in wenigen Monaten ganz Mittel-Europa bis auf seine innersten Grundfesten erschüttert, und die entfesselten Leidenschaften haben Zustände herbeigeführt, welche so mächtig in die staatlichen, socialen und materiellen Verhältnisse der Bevölkerung unseres Welttheils eingreifen, daß kein menschlicher Scharfsinn den Ausgang der gegenwärtigen Krisis zu ergründen vermag, oder zu bestimmen: welche Völker in ihr untergehen, welche aus ihr neu hervorgehen werden; doch ersparen Sie es mir, auf die chaotischen Zustände einzugehen, welche uns umgeben, unsere eigenen sind schon geeignet, unsere ganze Aufmerksamkeit in Anspruch zu nehmen. Vor Allem muß ich auf die Gefahr aufmerksam machen sich über die Größe und Nähe des Uebels, welches uns droht, täuschen zu wollen; oder über den Umfang der Schwierigkeiten, welche uns umgeben; denn die Kraft, die wir anwenden, um sie zu überwinden, muß danach abgemessen werden.

Obgleich einer verehrten Versammlung die Zustände, in welchen sich das Land befindet, und die Ursachen, die diese herbeigeführt haben, wohl bekannt sind, so muß ich doch um die Erlaubniß bitten, einige Worte drüber fallenzulassen.

Im Jahre 1806, durch Verhältnisse gedrängt, begann der vorige König, von Stein und Hardenberg unterstützt, die Umwandlung der Verfassung und der inneren Zustände des Reiches, aus welchen Institutionen hervorgegangen sind, die uns auch jetzt noch bedeutende Anhaltspunkte gewähren. Der Krieg von 1813 hinderte die Vollendung des begonnenen Werkes. Als demnächst durch die Begeisterung des preußischen Volkes und die innige Verbindung zwischen dem Könige und diesem die Selbständigkeit Preußens hergestellt war, unterließ man, den begonnenen Bau zu vollenden, er blieb ein Stückwerk, die rückschreitende Bewegung, die jetzt folgte, (die Nichterfüllung der Königlichen Verheißungen) erzeugte eine um so größere Mißstimmung, weil die absolute Gewalt des Königs in der Wirklichkeit auf eine riesenhafte Verwaltung übergegangen war, die sich nichts weniger als geeignet zeigte, die vielfachen Mängel in der Gesetzgebung und Verwaltung abzustellen.

Bis zum Antritt der Regierung des jetzigen Monarchen hatte sich nun der Polizei-Staat förmlich systematisirt, und namentlich durch die Censur dahin gewirkt, jede politische Ausbildung im Volke zu verhindern. Bis zum Jahre 1840 ward dieses System mit großer Consequenz verfolgt. Seit dem Antritt der Regierung des jetzigen Königs fühlte man jedoch, daß es nicht länger zu halten sei, wählte aber den allerverkehrtesten Weg, den der halben, oft wieder zurückgenommenen Zugeständnisse. Dieser konnte daher auch nur dahin führen: Alles aufzuregen, ohne wieder zu beschwichtigen. Die radikale Parthei gewann dadurch an Stärke, und die Regierung verlor an Kraft, ihr blieb im ganzen Lande keine Parthei, auf die sie sich stützen konnte, nichts war daher erklärlicher, als daß sie demnächst bei dem ersten Stoß zusammenbrach.

Da alle politischen Fragen unserer Berathung so viel wie möglich fernbleiben müssen, so lassen Sie uns darüber fortgehen, welcher Antheil an der Revolution, „denn diese ist nicht abzuleugnen“ 1 dem moralischen Eindrucke der eingetretenen politischen Bewegung auf König und Volk, welcher dem Straßenkampfe in Berlin zuzuschreiben ist.

Faktisch steht es fest, und ich bitte dieses wohl zu bemerken:

1) daß die eigentliche Gewalt auf Seiten der Regierung blieb, diese sie aber nicht anders, als in Uebereinstimmung mit der öffentlichen Meinung, und zwar der von Berlin, anzuwenden wagte;

2) daß der König gleich nach den März-Tagen sich unter dem Einfluß der einzigen Partei der Radikalen, die sich damals schon gebildet hatte, befand; und daß diese von der französischen und polnischen Propaganda geleitet, die Volksherrschaft im ausgedehntesten Maße beabsichtigte;

3) daß infolge davon dem preußischen Volke politische Rechte eingeräumt sind, welche zu üben, die dazu berufene Masse noch nichts weniger als reif war;

4) daß bei der gänzlichen Unklarheit der untersten Volksklassen darüber, zu welchem politischen Akt sie berufen wären, sich die Meinung verbreitete, es sei auf Theilung des Eigenthums, auf Befreiung von allen Abgaben und auf Erhöhung des Arbeitslohns abgesehen, diese daher zur Nationalversammlung oft nur Personen wählten, welche ihren kommunistischen Ansichten zu schmeicheln verstanden hatten;

5) daß in Folge davon die besitzende Masse von der Wahl so gut wie ausgeschlossen geblieben ist; endlich steht es

6) faktisch fest, daß die Rathgeber der Krone, welchen die Aufgabe geworden war, sich über die Verfassung mit den Vertretern des Volkes zu einigen, zum Theil auf die communistischen Ideen der radikalen Partei eingegangen sind und, statt das Eigenthum durch ein Staats-Grundgesetz zu schützen, es den Angriffen Preis geben zu wollen scheinen.

Meine Herren!

Es bedarf wohl keiner Ausführung, daß die Sicherheit des Eigenthums und die Heiligkeit der Verträge die Säulen eines jeden Staatenverbandes sind und bleiben müssen, und daß nicht allein die etwa direkt Betheiligten, sondern alle, die einen freien, geordneten Staatsverband verlangen, ein gleiches Interesse haben, den Rechtsboden zu wahren und sich jedem Plünderungs-System entgegenzustellen. Daher ergeht auch meine Aufforderung an alle diejenigen, welche im ganzen Umfange des Reichs die konstitutionelle Monarchie (auf die [sic!] Basis der Verheißungen, welche der Monarch in seinem Erlaß vom 18. und 22. März in Aussicht gestellt hat), wünschen, mit aller Kraft dahin zu wirken, daß das neue Gebäude nicht schon in seinem Entstehen untergraben und durch Angriffe auf das Eigenthum aus einer politischen Revolution eine sociale gemacht werde, die mit einer Theilung des Vermögens endigt. [...]

Meine Herren!

Die Versammlung, an die ich die Ehre habe, diese Worte zu richten, hat sich gebildet, theils aus Deputirten einer großen Anzahl von Vereinen, welche zur Vertheidigung des Eigenthums und zur Aufrechterhaltung der bestehenden Verträge entstanden sind, theils aus Männern aus allen Ständen und Provinzen, die sich diesen in gleicher Absicht anschließen wollen.

Zur Erreichung des vorgesetzten Zweckes scheint es mir aber durchaus nothwendig, daß die Versammlung beschließe, einen großen Ausschuß von etwa 50 Personen zu wählen, der in Berlin verbleibt, sich fortwährend mit Abwehr aller der Maßregeln welche Eingriffe in das Eigenthum besorgen lassen, wie mit Prüfung der Gegenstände beschäftigt, welche zur Förderung der materiellen Wohlfahrth aller Klassen des Volkes führen, und zu bestimmen, daß vorläufig in diesem Ausschuß das interimistische Central-Comité, welchem ich die Ehre habe vorzustehen, aufgeht.

Ich schlage Ihnen ferner vor, mit Organisation von Kreisvereinen im ganzen Umfange der Monarchie fortzufahren und zwischen dem Ausschuß und diesen Vereinen eine ununterbrochene Wechsel-Wirkung eintreten zu lassen.

Ich beantrage ferner, daß Sie diesem Ausschuß die Vollmacht ertheilen, in allen solchen Fällen, wo Gefahr im Verzuge liegt, im Namen des ganzen Vereins energisch einschreiten zu können.

[...]

1 Die Herkunft dieses Zitats ist unklar.

Aufgabe 2 · Nationalsozialismus: Ideologie, Herrschaft und Verbrechen

Abiturprüfung 2022 – Geschichte, Leistungskurs

Aufgabenstellung: Interpretieren Sie die vorgelegte Quelle

1.

Analysieren Sie die vorliegende Quelle. [26 Punkte]

2.

Ordnen Sie die Quelle in den maßgeblichen historischen Zusammenhang ein (12 Punkte) und untersuchen Sie, welche politischen Ziele des Nationalsozialismus in ihr erkennbar werden (16 Punkte). [28 Punkte]

3.

Bewerten Sie die Darlegungen Hitlers. [26 Punkte]

Hinweis: Für die Darstellungsleistung nach den Abiturvorgaben werden zusätzlich 20 Punkte vergeben (Gesamtpunktzahl: 100 Punkte).

Materialgrundlage

1. Abschrift des kommunistischen Nachrichtendienstes der Rede Adolf Hitlers am 3. Februar 1933 vor den Kommandeuren der Reichswehr. (Rechtschreibung und Grammatik wie im Original)

Hinweise zum Autor/Material:

Von der in der Berliner Villa des Chefs der Heeresleitung, Kurt von Hammerstein-Equord, gehaltenen Rede vor den Reichswehrkommandeuren liegt kein offizieller Redetext vor. Es existieren lediglich verschiedene, im Kern inhaltlich übereinstimmende Protokolle. Der vorliegende Text fasst den Inhalt der Rede vermutlich auf Grundlage des Protokolls von einem Adjutanten der anwesenden Generäle zusammen und wurde von einer Tochter Hammersteins, die selbst Mitglied der KPD war, dem kommunistischen Nachrichtendienst zugespielt. Es handelt sich höchstwahrscheinlich um die zeitnächste Überlieferung dieser Hitler-Rede.

[...]

1 Wie im Leben der Einzelnen sich stets der Stärkere und Bessere durchsetzt, so im Leben der 2 Völker. Die starke europäische Rasse, eine kleine Minderheit hat sich Jahrhunderte lang Mil- 3 lionen Menschen dienstbar gemacht und auf ihrem Rücken die europäische Kultur aufgebaut. 4 Es bestand ein Austausch. Europa gab Industrieprodukte, Kulturgüter usw. während die Kolo- 5 nien, die niedrigstehenden Rassen, ihre Arbeit, ihre Rohstoffe usw., hergeben mussten. Heute 6 ist in dieser normalen Entwicklung der Dinge ein Umschwung eingetreten. Wenn man in 7 Europa die gesamte Kapazität der Industrien voll ausnutzen würde, so wären die Kolonien 8 nicht imstande, eine vollwertige Gegenleistung zu bieten. Zudem sind, z. B. in Ostasien, in 9 weitem Masse in Südosteuropa, Industrien entstanden, die mit billigeren Arbeitskräften pro- 10 duzieren und versuchen die Herrenrasse von einst zu verdrängen.

11 Zu diesen Gründen der allgemeinen Krise kommen die Schäden des Weltkrieges. Warum 12 ist im Weltkrieg keiner der europäischen Staaten gesund geworden? Weil keiner konsequent 13 genug war. Hätte England z. B. Deutschland nur folgende Bedingungen aufgezwungen: Kei- 14 nerlei Schiffahrt, keinerlei Aussenhandel und keinerlei Bündnisse mit anderen Staaten, so 15 wäre England heute gesund. England kann nur noch gesund werden, wenn es vom Standpunkt 16 eines Weltbürgers zurückkommt auf den Standpunkt einer Herrenrasse, durch den es gross 17 geworden ist. Dasselbe hätte für Deutschland im Falle eines Sieges gegolten.

18 Wie sieht nun die Lage nach dem Weltkrieg tatsächlich aus? In Deutschland bestand 1918 19 vollkommene Autarkie, doch waren etwa 8 Millionen Menschen vollkommen aus der Produk- 20 tion ausgeschaltet. Um die Reparationszahlungen leisten zu können, begann man zu exportie- 21 ren, die Sachlieferungen riefen eine erhöhte Produktion hervor, die 8 Millionen Menschen 22 wurden allmählich wieder eingestellt. Natürlich zogen diese Tatsachen den Import nach sich. 23 Dann setzte die Rationalisierung ein, Menschen wurden überflüssig, die Arbeitslosigkeit be- 24 gann.

25 Der dritte Grund ist die Vergiftung der Welt durch den Bolschewismus. Für den Bolschewis- 26 mus ist Armut und tiefer Lebensstandardt [sic!] das Ideal. Er ist die Weltanschauung derjeni- 27 gen, die sich durch lange Arbeitslosigkeit an die Bedürfnislosigkeit gewöhnt haben. Es ist ja 28 Tatsache, dass rassisch niedrig stehende Menschen zur Kultur gezwungen werden müssen. 29 Wenn ein Rekrut nicht dauernd gezwungen wird, sich zu waschen, wäscht er sich nicht. So 30 möchten diese Menschen in einer freiwilligen Kulturlosigkeit verharren. Es kommt dann dazu, 31 dass diese Menschen sich mit gleich Tiefstehenden anderer Völker eher solidarisch fühlen, als 32 mit eigenen Volksgenossen. Schon einmal ist eine Kultur an dem Ideal der Armut zugrunde 33 gegangen. Als das Christentum die freiwillige Armut predigte, musste die Antike zugrunde 34 gehen.

35 Wie kann Deutschland nun gerettet werden? Wie kann man die Arbeitslosigkeit beseitigen! 36 Ich bin seit 14 Jahren ein Prophet, und sage immer wieder: all diese Wirtschaftspläne, die 37 Kreditgewährung an die Industrie, die staatlichen Subventionen sind Unsinn. Man kann die 38 Arbeitslosigkeit auf zweierlei Art beseitigen: 1.) durch Export auf jeden Preis und mit jedem 39 Mittel 2.) durch gross angelegte Siedlungspolitik, die eine Ausweitung des Lebensraumes des 40 deutschen Volkes zur Voraussetzung hat. Dieser letzte Weg wäre mein Vorschlag. Man würde 41 in einem Zeitraum von 50 – 60 Jahren einen vollkommen neuen gesunden Staat haben. Doch 42 die Verwirklichung dieser Pläne kann erst in Angriff genommen werden, wenn die Vorausset- 43 zungen dazu geschaffen sein werden. Diese Voraussetzung heisst Konsolidierung des Staates. 44 Man muss zurück zu den Anschauungen, in denen der Staat gegründet wurde. Man darf nicht 45 mehr Weltbürger sein. Demokratie und Pazifismus sind unmöglich. Jeder Mensch weiss, dass 46 Demokratie im Heer ausgeschlossen ist. Auch in der Wirtschaft ist die [sic!] schädlich. Be- 47 triebsräte wie Soldatenräte sind der gleiche Unsinn. Warum hält man also eine Demokratie im 48 Staate für möglich? In Deutschland ist es so, dass heute 50 % des Volkes einen Staat in unse- 49 rem Sinne wollen und positiv zum Nationalsozialismus eingestellt sind, während 50 % den 50 Staat verneinen und sagen, er sei nichts als ein Unterdrückungsinstrument gegen sie. Die einen 51 verabscheuen den Landesverrat, die anderen sagen, Landesverrat ist unsere Pflicht. Und bei- 52 den lässt die Demokratie ihre freie Meinung. Nur wenn die einen dann ihrer Weltanschauung 53 entsprechend tatsächlich Hochverrat begehen, werden sie bestraft. Das ist widerspruchsvoll 54 und sinnlos. Darum ist es unsere Aufgabe die politische Macht zu erobern, jede zersetzende 55 Meinung auf das schärfste zu unterdrücken, und das Volk zur Moral zu erziehen. Jeder Ver- 56 such des Landesverrats muss rücksichtslos mit dem Tode bestraft werden. Niederwerfung des 57 Marxismus mit allen Mitteln ist mein Ziel.

58 Wenn man jetzt in Genf für Gleichberechtigung eintritt und sich nur darauf beschränkt, 59 dann das Heer zu vergrössern 1, so ist das meiner Meinung nach sinnlos. Was nützt eine Armee 60 aus marxistisch infizierten Soldaten. Was nützt die allgemeine Wehrpflicht, wenn vor und 61 nach der Dienstzeit die Soldaten jeder Propaganda zugänglich sind. Erst muss der Marxismus 62 ausgerottet werden. Dann wird das Heer durch die Erziehungsarbeit meiner Bewegung erst- 63 klassiges Rekrutenmaterial haben, und es wird die Garantie bestehen, dass der Geist der Moral 64 und des Nationalismus auch nach der Dienstzeit in den Rekruten erhalten bleibt. Um dieses 65 Ziel zu erreichen, erstrebe ich die gesamte politische Macht. Ich setze mir die Frist von 6 – 8 66 Jahren um den Marxismus vollständig auszurotten zu vernichten. Dann wird das Heer fähig 67 sein eine aktive Aussenpolitik zu führen, und das Ziel der Ausweitung des Lebensraumes des 68 deutschen Volkes wird auch mit bewaffneter Hand erreicht werden – Das Ziel würde wahr- 69 scheinlich der Osten sein. Doch eine Germanisierung der Bevölkerung des annektierten 70 bezw. eroberten Landes ist nicht möglich. Man kann nur Boden germanisieren. Man muss 71 wie Polen und Frankreich nach dem Kriege rücksichtslos einige Millionen Menschen aus- 72 weisen.

73 Für Deutschland sehr gefährlich ist die Übergangszeit. Wenn Frankreich kluge Staatsmänner 74 haben wird, wird es um jeden Preis angreifen. Es wird Russland zu gewinnen suchen, viel- 75 leicht sogar sich mit ihm einigen. Darum ist grösste Beschleunigung am Platze. Ich habe mit 76 meiner Bewegung jetzt schon einen Fremdkörper im demokratischen Staat gebildet, der seiner 77 ganzen Struktur nach sofort befähigt ist, den neuen Staat aufzubauen. Sie bildet eine Hierar- 78 chie mit unbedingter Befehlsgewalt, ein Abbild des neuen Staates im Kleinen.

79 Die Entwicklung in Deutschland wird anders sein als die des italienischen Faschismus. Wir 80 werden genau so den Marxismus niederschlagen wie er. Aber unser Verhältnis zur Armee 81 wird ein anderes sein. Wir werden der Armee zur Seite stehen und mit der Armee und für die 82 Armee arbeiten. Die ruhmreiche deutsche Armee in der noch derselbe Geist herrscht wie wäh- 83 rend ihrer Heldenzeit im Weltkrieg, wird selbstständig ihre Aufgaben erfüllen.

84 Nun richte ich an Sie, meine Herren Generäle, die Bitte, mit mir für das grosse Ziel zu kämp- 85 fen, mich zu verstehen und mich zwar nicht mit Waffen aber moralisch zu unterstützen. Für 86 den inneren Kampf habe ich mir meine eigene Waffe geschaffen, die Armee ist nur da für 87 aussenpolitische Auseinandersetzungen. Sie werden nicht wieder einen Mann finden, der 88 sich so mit ganzer Kraft für sein Ziel, für die Errettung Deutschlands einsetzt, wie ich. Und 89 wenn man mir sagt: „Die Erreichung des Zieles hängt an ihren Augen!“ so antworte ich: Nun 90 gut, so nutzen wir mein Leben aus!

1 Seit Februar 1932 tagte die Genfer Abrüstungskonferenz unter Leitung des Völkerbundes, auf der die Vertreter der Weimarer Republik auf eine militärische Gleichberechtigung Deutschlands drängten. Diese wurde am 11. Dezember 1932 von den Alliierten theoretisch zugestanden.

Aufgabe 3 · Kalter Krieg, deutsche Teilung und Westintegration 1945-1988

Abiturprüfung 2022 – Geschichte, Leistungskurs (Nachtermin)

Aufgabenstellung 3

Materialgrundlage

Ian Buruma: '45. Die Welt am Wendepunkt. München 2014, S. 332 – 339. (Rechtschreibung und Hervorhebungen wie im Original)

Hinweise zum Autor/Material: Ian Buruma (*1951) ist ein anglo-niederländischer Schriftsteller und Publizist mit dem Spezialgebiet Asien. Sein Buch zum Jahr 1945 erschien im Jahr 2013 in englischer Sprache unter dem Titel „Year Zero: A History of 1945“.

Zugelassene Hilfsmittel: Wörterbuch zur deutschen Rechtschreibung

Textauszug: Zivilisierung der Unmenschen

[...]

Das Hauptproblem bei der amerikanischen und in geringerem Ausmaß auch der britischen Umerziehung war ein ungelöstes, vielleicht überhaupt unlösbares Dilemma. Ziel war es, die Deutschen und später die Japaner in den Tugenden Freiheit, Gleichheit und Demokratie zu unterrichten. Aber die Lektionen in Sachen Redefreiheit kamen von Militärregierungen, deren 5 Macht praktisch absolut war, deren Propaganda häufig eine Erweiterung der psychologischen Kriegsführung darstellte und die Zensur praktizierten, wann immer es ihren Zwecken diente. Natürlich – Kultur und Pädagogik waren nirgendwo auch nur annähernd so repressiv wie unter den Nazis oder dem japanischen Kriegsregime, und sicherlich war es einigermaßen dreist, wenn Hitlers ehemalige Soldaten, darunter ein Günter Grass 1, die Amerikaner wegen ihres 10 Rassismus verhöhnten, aber der Vorwurf der Scheinheiligkeit gegen die Alliierten war nicht ganz ungerechtfertigt: Wenn es von Besatzern kam, die sogar Vom Winde verweht 2 zurückhielten und keine Meinungen, ja keine faktischen Informationen duldeten, die ihre eigene Politik in ein negatives Licht rückten, klang das Lob der Demokratie ein bisschen hohl.

[...]

15 Die Umerziehung amerikanischen Stils im Jahr 1945 ging, trotz eines starken anfänglichen Bedürfnisses, Strafen auszuteilen, letztlich doch sehr sanft vor sich. Vielleicht war dies ein Grund, weshalb sich die Deutschen, übrigens nicht ohne Zwiespältigkeit und sogar Groll, auf das amerikanische Jahrhundert viel leichter einließen als die Franzosen. Nachdem ihnen ja klar geworden war, was sie den Slawen und vor allem den Juden angetan hatten, können die 20 Deutschen in der Mehrzahl nur zutiefst erleichtert darüber gewesen sein, wie sie von den Amerikanern behandelt wurden. In der englischen und der amerikanischen Besatzungszone war das Leben mit Sicherheit besser als in der sowjetischen oder sogar, jedenfalls am Anfang, der viel kleineren französischen Zone im Rheinland entlang der Grenze. Die wichtigste Stadt unter französischer Besatzung war der elegante Kurort Baden-Baden, nun ohne kurende Gäste. 25 Dass Frankreich überhaupt eine Zone bekam, war keineswegs selbstverständlich gewesen; obwohl General de Gaulle (dem Roosevelt immer misstraut hatte) und die Streitkräfte seines Freien Frankreichs beim Sieg über NS-Deutschland eine wichtige Rolle gespielt hatten, waren die USA dagegen – aber de Gaulles Wille siegte, wie immer. Das andere Problem mit Frankreich war, dass viele seiner Bürger auf Rache sannen und aus Deutschland so viel Beute wie 30 möglich herausholen wollten.

Dies war besonders im ersten Jahr der Okkupation der Fall, in dem sich die Franzosen als Eroberer aufführten, mehr als die Amerikaner oder Briten. Soldaten verhielten sich manchmal undiszipliniert. Rohstoffe, Kohle zum Beispiel, wurden nach Frankreich abtransportiert. Es gab französische Pläne, Teile Deutschlands zu annektieren, vor allem die Industriegebiete 35 im Rheinland und in Westfalen und das kohlereiche Saarland; sie fanden aber bei den anderen Alliierten keine Unterstützung und verliefen schließlich im Sand. Auch manche französischen Generäle waren dagegen, weil sie befürchteten, solche Maßnahmen könnten bei den Deutschen genau die Art von Revanchismus provozieren, der den jetzt endlich beendeten Krieg ausgelöst hatte.

40 Aber die Franzosen, wie immer von ihrer mission civilisatrice 3 beseelt, meinten es ernst mit der Kultur, vor allem mit dem Export französischer Kultur und der zivilisatorischen Wirkung auf die Deutschen. [...]

Die Idee war, die Deutschen, die von den Entwicklungen der modernen Kunst außerhalb des NS-Staates nichts mitbekommen hatten, Schritt für Schritt in die Zivilisation zurückzuho- 45 len. Deren Zentrum war natürlich Europa und die Hauptstadt der Kultur war, natürlich, Paris.

Es gab ein politisches Argument dafür – abgesehen von der Wiederherstellung der französischen Selbstachtung. Zwar klappte es nicht mit der Annexion des Grenzlandes entlang dem Rhein, aber dort geschah bald etwas Wichtigeres. Die umfangreiche Kohleförderung und Stahlproduktion wurde der Kontrolle einer gesamteuropäischen Institution unterstellt, von der 50 Deutschland, Frankreich und die übrigen Mitglieder der 1951 in Paris gegründeten Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl, der sogenannten Montanunion, profitierten. Die französische Besatzungszone war also die Geburtsstätte der späteren Europäischen Union. Die Initiative zu einer gemeinsam betriebenen Montanindustrie war von Frankreich ausgegangen, und der Mann, der offiziell den Vorschlag machte, war der französische Außenmi- 55 nister Robert Schuman, der als Sohn eines französischen Vaters und einer deutschen Mutter in Luxemburg zur Welt gekommen war. Der westdeutsche Kanzler, der sofort zustimmte, die Kontrolle über eine der wohlhabendsten Gegenden Deutschlands gemeinsam auszuüben, war der ehemalige Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer.

Zu behaupten, die Aufteilung in vier Besatzungszonen sei ein Glück für Deutschland gewe- 60 sen, wäre grausam gegenüber jenen, die vier Jahrzehnte lang eine kommunistische Diktatur ertragen mussten. Aber vielleicht passte die Aufteilung tatsächlich am besten zur föderalen Natur Deutschlands. Die alliierten Besatzer brachten es nie fertig, das Bildungswesen zu zentralisieren oder regionale Unterschiede in Kultur und Politik einzuebnen, und ob die Deutschen tatsächlich umerzogen wurden, ist zweifelhaft. Die größte Leistung der Alliierten war 65 womöglich, dass sie in Westdeutschland keine Animositäten zurückließen. Man mag den Wunsch, einen früheren Feind umzuerziehen, als Bevormundung empfinden, aber es ist eine wohlwollendere, viel weniger gefährliche Politik als Rache. Dass die Alliierten ihrem früheren Feind wieder auf die Beine halfen, war vielleicht mehr, als mancher Deutsche verdient hatte, aber es war besser, als das Land auszupressen. Diesmal gab es keine »Dolchstoßlegende«, 70 keine bewaffneten Banden von Desperados, die nur darauf lauerten, die Niederlage ihres Landes zu rächen. Was Deutschlands Zukunft wirklich gestaltete, hatte weniger mit Kultur oder Bildung, mit Gerechtigkeit oder auch nur normalem Anstand zu tun als mit politischen Umständen: dem Kalten Krieg, der Notwendigkeit, haltbare Demokratien in Europa aufzubauen, mit dem Opportunismus der deutschen Eliten, mit amerikanischen Interessen und dem utopi- 75 schen Projekt, das, wie Robert Schuman sagte, darauf angelegt war, »Krieg [in Europa] unmöglich zu machen« und »den Weltfrieden zu fördern«.

Was militärischen und politischen Einfluss betrifft, so mag die französische Besetzung des Rheinlands nicht besonders folgenreich gewesen sein, aber sie trug dazu bei, einen der blutigsten Risse in Europa wieder zu flicken. Ein vereintes Europa war nicht nur ein französisch- 80 deutscher, sondern auch ein christlich-demokratischer Traum. [...] Was immer die Zukunft der derzeit in Aufruhr befindlichen EU bringen mag – dieser Traum von Vereinigung und Einheit hat für die Wiedereingliederung Deutschlands in die Gemeinschaft der europäischen Nationen mehr getan als alle Umerziehungsprogramme zusammen.

1 deutscher Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger (1927 – 2015). 2006 gab Grass zu, als 17-jähriger Angehöriger der Waffen-SS gewesen zu sein und als Panzerschütze in der Endphase des Zweiten Weltkriegs gedient zu haben. Grass war Zeit seines Lebens ein Kritiker der US-amerikanischen Politik.

2 Roman von Margaret Mitchell bzw. dessen Verfilmung. Die Handlung spielt während des amerikanischen Bürgerkriegs (1861 – 1865) in den Südstaaten und thematisiert das Sklavereiproblem.

3 mission civilisatrice (frz.): zivilisatorische Mission

1.

Analysieren Sie den hier abgedruckten Auszug. [24 Punkte]

2.

Erläutern Sie unter Bezugnahme auf den Text die Politik der Alliierten in den westlichen Besatzungszonen (14 Punkte) und arbeiten Sie heraus, wie sich die europäische Einigung entwickelte (14 Punkte). [28 Punkte]

3.

Beurteilen Sie die Darlegungen des Autors. [28 Punkte]

Hinweis zur Gesamtbewertung: Zusätzlich zu den 80 Inhaltspunkten der Teilaufgaben 1–3 werden 20 Punkte für die Darstellungsleistung vergeben (Gesamtpunktzahl: 100 Punkte).

Aufgabe 4 · Imperialismus und Erster Weltkrieg

Abiturprüfung 2022 – Geschichte, Leistungskurs (Nachtermin)

Aufgabe 4

Materialgrundlage

August Winnig: Die Kolonien und die Arbeiter. In: Sozialistische Monatshefte. 5. Heft, 18. März 1915, S. 219–224. (Rechtschreibung und Hervorhebungen wie im Original)

Hinweise zum Autor/Material:

August Winnig (1878–1956) war ein deutscher Politiker und zum Erscheinungszeitpunkt des vorliegenden Artikels Mitglied der SPD.

Sozialistische Monatshefte: Die Zeitschrift „Sozialistische Monatshefte – Internationale Revue des Sozialismus“ wurde zwischen 1897 und 1933 in Berlin herausgegeben. Sie stand der SPD nahe, wurde aber nicht von ihr kontrolliert und von führenden Funktionären der Partei kritisch gesehen.

Textgrundlage

[...]

1 Auch wer mit der Kolonialpolitik, so wie sie von der Regierung und der Reichstagsmehrheit

2 betrieben wurde, gar nicht einverstanden war, wird sich gegen den Gedanken sträuben, dass

3 diese Gebiete für Deutschland verloren sein sollen. Es steckt denn doch zu viel an Opfern in

4 diesen Kolonieen, als dass man sich leichterherzig mit ihrem Verlust abfinden könnte. Und sie

5 repräsentieren auch zu hohe Werte, als dass es angebracht wäre ihr Schicksal auf die leichte

6 Schulter zu nehmen. [...]

7 Die Notwendigkeit die Wirtschaft des Mutterlandes durch Kolonialwirtschaft zu ergänzen

8 und zu stützen, liegt vor allem für unser Land in greifbarer Deutlichkeit vor. Die dauernd starke

9 Vermehrung der Bevölkerung hat uns ein Wirtschaftssystem aufgenötigt, das ohne koloniale

10 Ergänzungswirtschaft überhaupt nicht denkbar und schlechthin unmöglich ist. Deutschlands

11 Bevölkerung ist zu zahlreich geworden, als daß sie aus einer national begrenzten Wirtschaft

12 die Güter beschaffen könnte, die sie zu einer Lebensführung, wie sie durch die Zugehörigkeit

13 zum europäischen Kulturkreis gegeben ist, bedarf. Man kann dabei zunächst die allgemeine

14 Abhängigkeit unserer Lebensführung von kolonialen Erzeugnissen ganz außer Betracht lassen,

15 obwohl selbstverständlich auch diese alltäglichen Gebrauchsgüter für Richtung und Wesen

16 des kolonialen Strebens sehr wichtig sind; das deutsche Volk kann zur Not wohl für die Zeit

17 eines außergewöhnlichen Zustands zur Lebensweise eines Harzköhlers zurückkehren, aber

18 es kann nicht dauernd Verzicht auf eine geschichtlich gegebene Lebensführung leisten, wenn

19 es sich nicht selbst aus dem großen Weltgeschehen ausschalten will. Das deutsche Volk ist

20 nicht aus freier Wahl, sondern unter dem Druck einer zwangsmäßig sich vollziehenden Ent-

21 wickelung ein hochindustrielles Volk geworden. Damit hat es das Gerüst seiner wirtschaftli-

22 chen Beziehungen weit über den nationalen Rahmen hinaus gestreckt und muss darum notwen-

23 dig danach streben es auch außerhalb seiner staatlichen Grenzen zu stützen und zu verankern.

24 Es muss vor allem dafür Sorge tragen, dass seiner Industrie, die immer mehr das Rückgrat

25 seiner Wirtschaft geworden ist, der Bezug der Rohstoffe gesichert bleibt. [...]

26 Wir können uns heute keine Entwickelung denken, die nicht zu einer Ausweitung und Stei-

27 gerung des Industrialismus führte, die uns in den Stand setzte, auf diese Rohstoffe und Pro-

28 dukte zu verzichten. Solange es menschliches Kulturleben geben wird, so lange wird es nur

29 mit Hilfe der heutigen Kolonialgebiete möglich sein.

30 Kein Mensch, keine Klasse und keine Partei kann diese Tatsache ignorieren. Vor allem

31 kann sie keine Partei und keine Klasse unbeachtet lassen, die Anspruch auf Teilnahme an der

32 Leitung und Verwaltung des öffentlichen Wesens erhebt. Und am allerwenigsten kann sich

33 die Arbeiterklasse und als ihr politischer Ausdruck die Sozialdemokratie über diese Tatsache

34 und die aus ihr fließenden Notwendigkeiten hinwegsetzen. Am allerwenigsten: denn das wirt-

35 schaftspolitische System der sozialistischen Arbeiterschaft ist ja mehr als das System jeder

36 andern Klasse aus den Notwendigkeiten der künftigen Entwickelung abgeleitet und strebt

37 nach der vollkommensten Erfüllung aller gesellschaftlichen Bedürfnisse. Wie wollten wir unsern

38 Kampf um die politische Macht rechtlich und sittlich stützen, wenn wir die Notwendigkeit

39 kolonialer Wirtschaft leugneten oder uns weigerten, deren Gebote zu erfüllen? Man kann sich

40 dieser Notwendigkeit nicht damit entziehen, dass man sich auf die kolonisatorische Tätigkeit

41 der anderen Staaten verlässt; denn das würde die Preisgabe wichtiger ökonomischer und poli-

42 tischer Interessen des eigenen Volkes bedeuten und wäre doch nur ein klägliches Auswei-

43 chen vor den Entscheidungen, die man damit den Bruderparteien der anderen Länder zuwiese.

44 Gesetzt den Fall, die Arbeiterklasse eroberte in den großen Industriestaaten die politische

45 Macht: könnte sie dann auch nur daran denken, die Kolonialpolitik aufzugeben? Täte sie es, so

46 würde sie damit selbst ihrer Herrschaft den Todesstoß versetzen. Denn ökonomische Lebens-

47 interessen der Völker lassen sich durch keinerlei Prinzipien vergewaltigen, sie zerschlagen

48 die Prinzipien und setzen sich durch.

49 Heute ist die offizielle Stellung der Sozialdemokratie zur Kolonialpolitik noch durch die Reso-

50 lutionen des Mainzer Parteitags /1890/ und der internationalen Kongresse von Amsterdam /

51 1904/ und Stuttgart /1907/ gegeben. In all diesen Resolutionen wird den sozialdemokratischen

52 Parteien der entschiedenste Widerstand gegen die Kolonialpolitik zur Pflicht gemacht; doch

53 fordern sie daneben auch das Eintreten für Reformen zur Erleichterung des Loses der Einge-

54 borenen. [...]

55 Sie [die Auffassung der Partei] bedeutet eine Ablehnung der bis dahin beobachteten Metho-

56 den der Kolonialpolitik, nämlich der »gewaltsamen Aneignung fremder Ländergebiete und

57 der rücksichtslosen Unterjochung und Ausbeutung der in den selben wohnenden Völkerschaf-

58 ten.«¹ Aber auch eine Anerkennung der volkswirtschaftlichen Notwendigkeit der »Kultur-

59 und Verkehrsbeziehungen« zu den Völkern, die heute Gegenstand der Kolonialpolitik sind.

60 Darüber kann nirgends Zweifel bestehen, dass solche Beziehungen die Obhut und Aufsicht

61 der Staatsgewalt bedingen, dass es untunlich wäre die Anbahnung und Pflege solcher Bezie-

62 hungen privaten Erwerbs- oder Handelsgesellschaften zu überlassen. [...] Es ist zwar oft ver-

63 sucht worden, die Partei grundsätzlich gegen die Kolonialpolitik schlechthin festzulegen, aber

64 einen dauernden Erfolg haben diese Versuche nicht gehabt und konnten sie nicht haben, da

65 eine solche grundsätzliche Verneinung vor keiner ernsthaften Kritik und noch weniger vor

66 den Anforderungen der Wirklichkeit besteht.

67 Oder kann sich die Arbeiterklasse auf den Standpunkt stellen, dass es ihr ganz gleichgültig

68 sei, ob die deutsche Volkswirtschaft die nötigen Rohstoffe erhalte oder nicht? Selbstverständ-

69 lich wäre ein solcher Standpunkt unmöglich. Es kann einfach der Arbeiterschaft nicht gleich-

70 gültig sein, unter welchen Bedingungen sich der Ablauf der wirtschaftlichen Funktionen voll-

71 zieht. Es berührt selbstverständlich die Interessen der Arbeiterschaft, ob die Industrie, von

72 deren Gedeihen sie selbst abhängt, die nötigen Rohstoffe erhält, und ob sie sie zu günstigen

73 Preisen erhält. [...] Es steht außer Frage, dass diese Erwägungen insbesondere auf Deutsch-

74 land zutreffen, dessen hochentwickelte Industrie unter den Nachteilen, die sich aus der Abhän-

75 gigkeit von ausländischen Rohstoffen ergeben, weit empfindlicher leidet als eine Industrie,

76 die für den Gesamthaushalt ihres Landes nur von untergeordneter Bedeutung ist. Wenn dann

77 die deutschen Arbeiter bei den vielen Sorgen, die der Krieg wachruft, auch um das Schicksal

78 der Kolonien besorgt sind, so sind sie es in der Erkenntnis, dass es sich hier um ein wertvolles

79 Stück deutscher Zukunft handelt, die eben auch ihre Zukunft ist.

80 Für unsere künftige Stellung zu kolonialen Fragen müssen wir uns die Erfahrungen zunutze

81 machen, die man in der bisherigen Kolonialpolitik gesammelt hat. Das entschiedene Bekennt-

82 nis zur Humanität auch gegenüber den Eingeborenen darf uns nicht verkennen lassen, dass an

83 ihnen zunächst ein gutes Stück Erziehungsarbeit zu leisten ist. Die Formel von der Gleichheit

84 alles dessen, was Menschenantlitz trägt, ist sicherlich edel und hochherzig. Aber Jahrtausende

85 fehlender anthropologischer Entwicklung lassen sich nicht in einem Menschenalter ausglei-

86 chen. Die notwendige wirtschaftliche Erschließung primitiver Länder ist ohne Eingriffe in die

87 »Rechte« und »Freiheiten« ihrer Bevölkerung ebensowenig möglich wie die Erziehung des

88 Kindes ohne Schulzwang und Zucht.

[...]

¹ Dieses im Original des Textes nicht belegte Zitat bezieht sich offenbar auf eine Parteiresolution.

Interpretieren Sie die Quelle, indem Sie die nachstehenden drei Teilaufgaben lösen:

1.

Analysieren Sie die Quelle. [26 Punkte]

2.

Ordnen Sie die Quelle in den passenden historischen Zusammenhang ein (16 Punkte) und charakterisieren Sie die politische Position des Verfassers (12 Punkte). [28 Punkte]

3.

Nehmen Sie Stellung zu der von Winnig vertretenen Position. [26 Punkte]

Hinweis: Für die Darstellungsleistung werden zusätzlich 20 Punkte vergeben (insgesamt 100 Punkte).

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