Abitur NRW Geschichte 2022 · GK · Nachtermin

Abiturprüfung Geschichte in Nordrhein-Westfalen 2022, GK · Nachtermin: 1 Aufgabe mit Lösungen. Themen: Imperialismus und Erster Weltkrieg. Kostenlos.

Themen der Prüfung: Imperialismus und Erster Weltkrieg · Revolution 1918/19, Versailler Frieden und Weimarer Republik · Kalter Krieg, deutsche Teilung und Westintegration 1945-1988 · Friedliche Revolution 1989 und Wiedervereinigung

Aufgabe 1 · Revolution 1918/19, Versailler Frieden und Weimarer Republik

Aufgabenstellung

Interpretieren Sie die vorliegende Quelle, indem Sie

1.

die Quelle analysieren, (26 Punkte)

2.

die Quelle in den historischen Zusammenhang seit November 1918 einordnen (14 Punkte) und die Position des Autors charakterisieren (14 Punkte), (28 Punkte)

3.

zur Sichtweise des Verfassers Stellung nehmen. (26 Punkte)

Hinweis zur Darstellungsleistung

Bis zu 20 Punkte können für die Darstellungsleistung erreicht werden (Schlüssigkeit, Belege, Fachsprache, sprachliche Richtigkeit). Insgesamt sind 100 Punkte möglich.

Materialgrundlage

Theodor Wolff: Heute... In: Berliner Tageblatt Nr. 289, Morgenausgabe, 28. Juni 1919, S. 1 f. (Rechtschreibung wie im Original)

Hinweise zum Autor: Theodor Wolff (1868 – 1943) war ein deutscher Schriftsteller, Publizist und Kritiker.

Heute...

Heute nachmittag um drei Uhr werden die Reichsminister Hermann Müller und Bell in die Spiegelgallerie des Versailler Schlosses geführt werden, um den Vertrag zu unterzeichnen, den man dem deutschen Volke aufgezwungen hat. Der Vertrag ist auf Pergament geschrieben, der Tisch stammt aus der Epoche Ludwig des Fünfzehnten und das Tintenfaß aus der Zeit Ludwig des Vierzehnten, und Clemenceau hat zum Siegeln ein Petschaft mit einer Eule gewählt, obgleich die Eule der Symbolvogel der Weisheit ist. Wir haben die Unterschriftspolitik bekämpft, sind überzeugt, daß ohne das voreilige und laute Hinausschreien des Unterzeichnungswillens die Entente uns andere Bedingungen geboten hätte, aber man hat ja versichert, ohne die Unterzeichnung seien innere Ruhe und Ordnung im Lande nicht herzustellen. [...] Indessen, gerade am heutigen Tage weisen wir tatscheue Mutlosigkeit zurück. Wenn das deutsche Volk sein inneres Gleichgewicht wiederfindet, wird es sich aus dem Elend emporraffen, unter das Clemenceau sein Eulensiegel drücken will. Darüber können noch Jahre vergehen? Mag sein, aber Jahre zählen wenig in der Geschichte, und der immer wieder neues Leben weckende Zeitenwind hat festergefügte Türme umgeworfen als diesen von kleinen Weltbaumeistern erkünstelten, heute schon brüchigen und unhaltbaren Versailler Vertrag.

An diesem Tage des Unterschreibens und Besiegelns wird mancher die Gedanken zu jenen anderen Tagen zurückwenden, wo sich der Deckel von der Pandorabüchse 1 hob. Das ist nun beinahe volle fünf Jahre her. In seinen „Betrachtungen zum Weltkriege“ bestreitet Herr v. Bethmann Hollweg jegliche Schuld. Weder absichtlich noch unabsichtlich, weder planmäßig noch fahrlässig, weder durch die in den letzten Friedensjahren betriebene Politik, noch durch die Politik in den letzten Friedenswochen habe die deutsche Reichsleitung irgendwie gefehlt. [...] So harmlos, und vor allem so klug und vorsichtig, wie er es uns und sich selber beweisen möchte, war die deutsche Politik leider nicht. Für so unschuldig vermag sie auch derjenige nicht zu halten, der sehr genau die Schuld der Ententemächte sieht. Auch Herr v. Bethmann Hollweg vermag nichts gegen die peinliche Fragestellung, die einfach so lautet: „Wenn ihr nicht geglaubt habt, daß das Ultimatum an Serbien zum Weltkriege führen würde, so seid ihr sehr kurzsichtig gewesen, und wenn ihr es geglaubt habt, was wart ihr dann?“ Als schließlich die in Wien und Berlin waltende Staatskunst die Fehler gehäuft, sich im Engpaß festgerannt, vor der Welt alles Odium übernommen hatte, hielten Gegner, die eine solche Gelegenheit nicht versäumen wollten, sie mit geschicktem Griff in der Falle fest. Herr v. Bethmann Hollweg will auch noch immer nicht erkennen, daß im Sommer 1914 allerlei ihm unsichtbare Kräfte sein Boot vorwärtstrieben, und daß der bedrohliche Geist, den man bei der Zabernaffäre 2 gesehen hatte, hinter ihm war. Dieser Geist des hochfahrenden Militarismus und des engen Nationalismus, der auch in Aeußerlichkeiten das Bild der Nation entstellt hatte, erwartete seine große Stunde, während in Petersburg, in Paris und London eine intrigierende Kamarilla auf der Lauer lag.

Die Wortführer der Entente haben immer wieder erklärt, man müsse das deutsche Volk hart bestrafen, denn es habe die Vergehungen seines Militarismus noch nicht begriffen, habe sich nicht gewandelt und verurteilte nichts von dem, was in Belgien und in Nordfrankreich, auf dem Lande und auf dem Meere geschehen ist. Wenn an dieser Behauptung, mit der die Redner und Schreiber der Entente doch nur ihre eigene Gewaltpolitik zu decken und zu entschuldigen versuchen, etwas Wahres ist, so liegen die Gründe dafür wohl nicht nur bei uns. Die Entente hat uns leider auch nicht die leuchtenden, edlen und strahlenreinen Vorbilder gezeigt. [...] Die Männer, die heute im Spiegelsaale zu Versailles den deutschen Delegierten gegenüberstehen, sind Sieger, weil sie, die vielen, die Uebermacht hatten, und die Zahl ihrer Kanonen, ihrer Soldaten und ihrer Flugzeuge der deutschen Zahl überlegen war. Daß in ihnen das Recht triumphiere, erkennen wir nicht an. Sie sind nicht die Adler der Weltgeschichte, sondern nur eine Schar von niederen Raubvögeln, die sich die Beute teilt. Und diejenigen von ihnen, die mit der Gebärde des Weltordners über der Menschheit zu thronen meinen, sind nur eitle Schönredner im Richtertalar.

Trotzdem muß, auch wenn die anderen nicht lernen wollen, das deutsche Volk in strenger Prüfung und Selbstprüfung die Lehren überdenken, die dieser furchtbare Tag ihm bringt. Nur durch mutiges Erkennen wird es den Weg aus dem Abgrunde empor finden, in den es gestürzt worden ist. Es verwirft den Vertrag, den seine Delegierten unterzeichnen, und es glaubt nicht einen Augenblick lang, er könne und werde von Dauer sein. [...]

1 Heben des Deckels der Pandorabüchse: Beginn unheilbringender Entwicklungen

2 Im elsässischen Ort Zabern hatte es 1913 einen Eklat gegeben, der durch das Fehlverhalten dort stationierter preußischer Soldaten ausgelöst worden war. Das Militär hielt trotz politischer Einflussnahme daran fest, den Hauptakteur zu schützen und setzte sich dabei über geltendes Recht hinweg. Viele Zeitgenossen sahen daraufhin das deutsche Militär als einen „Staat im Staate“ an, der durch die Politik nicht kontrolliert werden konnte.

Aufgabe 2 · Kalter Krieg, deutsche Teilung und Westintegration 1945-1988

Abiturprüfung 2022 – Geschichte, Grundkurs

Aufgabe 2

Materialgrundlage

Abschrift einer Radioansprache, die der Regierende Bürgermeister von Berlin, Ernst Reuter, am 21. März 1951 im Bayerischen Rundfunk hielt. (Rechtschreibung wie im Original)

Hinweise zum Autor: Ernst Reuter (1889 – 1953, SPD) war ab 1948 Oberbürgermeister, ab 1951 Regierender Bürgermeister von Berlin (West).

Aufgabenstellung

Interpretieren Sie die Quelle, indem Sie folgende Schritte durchführen:

1.

Analysieren Sie die Quelle, (26 Punkte)

2.

Ordnen Sie die Quelle in den historischen Zusammenhang der Jahre 1947 bis 1951 ein (14 Punkte) und untersuchen Sie die Perspektive des Redners (14 Punkte), (28 Punkte)

3.

Nehmen Sie zur Perspektive des Redners Stellung. (26 Punkte)

Hinweis: Zusätzlich werden für die Darstellungsleistung 20 Punkte vergeben. (Gesamt: 100 Punkte)

[...]

1 Alle diese Ereignisse¹ in ihrem Zusammenhang gesehen und verstanden, demonstrieren mit

einer nicht mehr zu überbietenden Deutlichkeit, daß es im Augenblick nur ein Problem gibt,

dessen Lösung alle anderen Sorgen und Nöte aller Völker überschattet, das ist das Problem

der Auseinandersetzung zwischen der westlichen Welt und der kommunistischen Aggression,

5 die versucht, die ganze Welt aus den Angeln zu heben.

Erste Voraussetzung jeder klaren politischen Haltung ist eine nüchterne Erkenntnis der tat-

sächlich die Welt bewegenden Kräfte. In allen Ländern und zu allen Zeiten hat es nach großen

Kriegen die natürliche Tendenz der Menschen und darum auch der Politiker gegeben, zu den

guten alten Zeiten zurückzukehren. Diese Tendenz war nach dem ersten Weltkrieg so stark,

10 daß sie für alle Völker zum Verlust des Friedens geführt hat. [...]

Dieselbe Gefahr bestand auch nach dem letzten Weltkrieg. Alles war vorüber, die Nazigefahr

beseitigt, Deutschland erledigt, die Abrüstung in ungeheurem Tempo vollzogen und es hat

lange Zeit gedauert, bis die gesamte öffentliche Weltmeinung begriff, daß sie vor ganz neuen

und viel grösseren Problemen stand, deren Lösung vielleicht noch größer war und ist als die

15 rein militärische Lösung des Problems der Auseinandersetzung mit dem Naziregime. Lang-

sam, aber mit unheimlicher Sicherheit haben die Beherrscher des Kremls der Welt klar ge-

macht, daß ein viel größeres Problem als Erbe des Krieges übrig geblieben ist. Sie haben in

Europa einen Staat wie Polen gewissermaßen mit einem Ruck von Osten nach dem Westen

verfrachtet, haben ihm in der Oder-Neiße-Linie entgegen allen Vereinbarungen im Augen-

20 blick eine Grenze gegeben, die niemals haltbar sein wird. Sie haben entgegen allen Zusiche-

rungen ihre jetzigen Satellitenstaaten nicht von Hitler befreit, sondern sich selbst unterworfen.

Sie haben ganz China in die Hand genommen und in Korea gezeigt, daß sie mit dem Erreich-

ten noch lange nicht zufrieden sind. Sie haben Ost- und Mitteldeutschland sich unterworfen

und ihr Herrschaftsbereich dehnt sich bis in die Mitte Europas aus. Denn sie stehen keines-

25 wegs nur am Ufer der Elbe, sie beherrschen nicht nur Wittenberg und Weimar, sie stehen

wenige Kilometer vor den Toren Kassels. Sie benutzen diese widerrechtlich errungene Beherr-

schung Mittel- und Ostdeutschlands ganz ungeniert zu dem klar ausgesprochenen Zweck, den

Rest Deutschlands durch ihre Rattenfängermelodien von der deutschen Einheit auch noch

ihrem Einfluß zu unterwerfen.

[30] [...]

Wenn sie nicht die Sowjets wären, wenn sie nicht durch eine stümperhafte Unkenntnis der

moralischen und geistigen Kräfte in der von ihnen unterworfenen Welt und in der freien Welt

sich auszeichneten, wenn sie nicht die grösste Chance, die je einer siegreichen Macht gege-

ben war, ihren Einfluss weiter auszudehnen durch ihr eigenes Verhalten im Jahre 1945 und

35 danach verpasst hätten, dann hätte es leicht sein können, dass sie weitere Erfolge aufweisen

könnten. Sie sind bisher mehr daran gescheitert, dass ein dumpfer, passiver Widerstand ihnen

entgegengesetzt wurde. Aber sie haben bisher noch nicht einen entschlossenen einheitlichen

und planmässigen politischen Widerstand in der Welt gefunden. Jetzt seit dem Angriff auf

Korea, nachdem der Kampf um Berlin und ihren Misserfolg in Jugoslawien² schon vorher

40 psychologische Voraussetzungen für neue Entwicklungen geschaffen hatte, beginnen die

Westmächte und die öffentliche Meinung der freien Welt allmählich fest zu werden.

Es kommt aber nicht nur darauf an, dass man fest wird im Nein sagen, dass man fest wird in

der Entschlossenheit militärischer Staat zu werden, um neuen Angriffen besser gerüstet ent-

gegentreten zu können, es kommt vielmehr darauf an, dass eine positive, konstruktive in die

45 Zukunft weisende Politik entwickelt wird mit dem festen Ziel, die Sowjets zurückzudrängen

und die Völker, die sich unterworfen haben, in ihrem Kampf um ihre eigene Befreiung nicht

im Stich zu lassen.

[...]

Soweit unser Deutschland und Mitteleuropa in Frage kommen, müssen wir eine Forderung

50 immer wieder erheben: Es dürfen keine irgendwie gearteten Vereinbarungen zwischen den

grossen Mächten ins Auge gefasst werden, ehe nicht durch Unterzeichnung des österreichi-

schen Friedensvertrages Österreich seine Selbständigkeit, Freiheit und Unabhängigkeit wie-

der gewinnt³ und es müssen im sowjetisch besetzten Gebiet Deutschlands durch klare, alle

Einzelheiten genau regelnde Vereinbarungen die elementaren Voraussetzungen bürgerli-

55 cher Freiheit wiederhergestellt werden. Wir dürfen nicht durch die Ankündigung überrascht

werden, dass zu irgend einem naheliegenden Zeitpunkt sogenannte Wahlen im sowjetischen

Stile stattfinden, sondern es muss dafür gesorgt werden, dass die Bevölkerung Ostdeutsch-

lands wirklich ihre politische Freiheit wiedergewinnt. [...] Die Bevölkerung muss in einer

unvermeidlichen Übergangsperiode das absolut sichere Gefühl erhalten, dass sie vor und nach

60 den Wahlen ihre politische Freiheit behalten wird. Das Polizeiregime, das Regime der Kon-

zentrations- und Straflager muss beseitigt, die Gefangenen freigelassen werden. Nur unter

solchen Voraussetzungen, die ausreichend garantiert sein müssen, kann es überhaupt zur Vor-

bereitung von Wahlen kommen. Es versteht sich von selbst, dass bei Herstellung solcher bür-

gerlichen Freiheiten mit ausreichender Garantie die Einheit Deutschlands sofort wiederher-

65 gestellt wird. Dann erst wird das ganze deutsche Volk, auch Westdeutschland, die Grösse der

Aufgabe erkennen, die ihm bevorsteht.

[...]

¹ Reuter bezieht sich hier auf gegen die UdSSR gerichtete Aktionen des Westens (Luftbrücke während der Berlin-Blockade, Unterstützung Süd-Koreas im Korea-Krieg) und Jugoslawiens seit 1948.

² Jugoslawien verfolgte seit 1948 einen sich klar von der UdSSR abgrenzenden eigenen Weg zum Kommunismus und wehrte erfolgreich eine versuchte Einflussnahme von Seiten Moskaus ab.

³ Die 1947 begonnenen Verhandlungen der Alliierten über den Status eines zukünftigen österreichischen Staates waren 1951 unterbrochen. Erst 1955 wurde Österreich durch den österreichischen Staatsvertrag ein souveräner Staat. Ein Friedensvertrag wurde, da Österreich als befreites Land galt, nicht abgeschlossen.

1.

2.

3.

Aufgabe 3 · Imperialismus und Erster Weltkrieg

Abiturprüfung 2022 – Geschichte, Grundkurs

Aufgabenstellung:

1. Analysieren Sie den Text. (24 Punkte)

2. Erläutern Sie auf der Grundlage des Textes die deutsche Flottenpolitik (14 Punkte) sowie den Zusammenhang zwischen dem europäischen Imperialismus und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs (14 Punkte). (28 Punkte)

3. Beurteilen Sie die vom Autor getroffenen Aussagen. (28 Punkte)

Materialgrundlage:

John Darwin: Das unvollendete Weltreich. Aufstieg und Niedergang des Britischen Empire 1600 – 1997, Frankfurt / New York 2013, S. 345 – 348.

Hinweise zum Autor:

John Darwin (geboren 1948): anerkannter britischer Historiker, der sich auf die britische Kolonialgeschichte spezialisiert hat und an den Universitäten Reading und Oxford lehrt.

DIE »PAX BRITANNICA« (1815 – 1914)

[...]

Mitte der 1890er-Jahre schauten die britischen Staatslenker (fälschlicherweise) auf die Jahrhundertmitte als eine goldene Sicherheitsära zurück. Sie hegten allmählich den Verdacht, dass die ungeheure Ausdehnung ihres Empire eher zu einem Klotz am Bein geworden sei und dass ihnen selbst inzwischen der Wille und die Mittel fehlten, die britischen Ansprüche mit dem

5 Machismo ihrer viktorianischem Vorgängergeneration durchzusetzen. Diese Stimmung speiste sich vor allem aus zwei beunruhigenden Entwicklungen. Die erste war die wachsende Aggressivität der europäischen Ambitionen im außereuropäischen Raum, die an das Zeitalter des Merkantilismus vor 1815 erinnerte. Frankreich und Russland, ihre gefährlichsten Rivalen im Nahen Osten, Asien und Afrika schlossen ein Verteidigungsbündnis. Das Wilhelminische

10 Deutschland machte den Begriff »Weltpolitik« zu seinem Motto, forderte ebenfalls seinen »Platz an der Sonne« und begann mit dem Aufbau einer gewaltigen Marine. Der Zusammenstoß mit einem mächtigen Gegner wurde immer wahrscheinlicher. Die zweite Entwicklung war ein immer bedrohlicher werdender neuer Krisenherd in einem Teil der außereuropäischen Welt, wo die Briten große Interessen hatten. Die Aufteilung Chinas erschien immer wahr-

15 scheinlicher, als seine Mandschu-Kaiser immer mehr an Macht einbüßten. Russland, Frankreich, Deutschland und die neue Regionalmacht Japan meldeten bereits ihre Ansprüche an. Die Briten würden um ihren Anteil vielleicht sogar hart kämpfen müssen. Fast gleichzeitig brachte der Aufstieg des goldreichen Transvaal, das seit 1857 als Südafrikanische Republik firmierte, das lokale Kräftegleichgewicht in Südafrika durcheinander. [...]

20 Die Angst, plötzlich in einen Konflikt mit Frankreich oder Russland im Nahen Osten und Ostasien zu geraten, während sich der Krieg in Südafrika in die Länge zog, schreckte die britische Öffentlichkeit auf. »Wir müssen über eine Militärmacht verfügen, die so ausgestaltet ist, dass sie Frankreich und Russland schlagen kann und dabei immer noch etwas gegen Deutschland in der Hinterhand behält«, erklärte Lord Selborne, der Erste Lord der Admirali-

25 tät, im Januar 1903. Im Jahr 1905 gab Großbritannien 50 Prozent mehr für die Flotte aus als im Jahr 1899. Die Briten begannen das »Great Naval Race«, das »große Flottenwettrüsten«. Konkurrenten waren zunächst Russland und Frankreich und seit 1908 das Deutsche Reich. Die Briten wollten unbedingt ihren Vorsprung vor der Kaiserlichen Hochseeflotte behalten. Für einige stramme Imperialisten war dies jedoch nur der Anfang. [...] Wieder andere forder-

30 ten ein Bündnis mit Deutschland gegen die Franco-Russe-Allianz. Der diplomatische Preis dafür war jedoch viel zu hoch. Großbritannien hätte sich verpflichten müssen, das marode Habsburgerreich mit seinen vielen aufbegehrenden Nationalitäten zu verteidigen. In anderer Hinsicht hatten die Briten Glück. Ihre bisher oft sehr angespannten Beziehungen zu den Vereinigten Staaten verbesserten sich nach der Jahrhundertwende in hohem Maße. Beide Seiten

35 erkannten die Vorteile einer stillschweigenden Flottenpartnerschaft. Die britische Seeüberlegenheit sei »die große Garantie des Weltfriedens«, bemerkte Theodore Roosevelt einmal. Ein Zweckbündnis mit Japan brachte eine erstaunliche Dividende, als die Japaner im Mai 1905 die russische Flotte vor Tsushima vernichtend schlugen. Inzwischen hatten die Briten auch die Franzosen davon überzeugen können, ihre gegenseitigen (hauptsächlich) afrikani-

40 schen Differenzen in der Entente von 1904 auszuräumen. Ein geschwächtes Russland schloss sich im Jahr 1907 einer zweiten Entente an, die die Spannungen in Zentralasien und Persien abbaute. Blieben noch die Deutschen.

Die gegenseitigen Überlegungen waren äußerst komplex. Die Deutschen entschieden sich für den Bau einer Flotte, die groß genug war, um die Briten von der Teilnahme an einem euro-

45 päischen Krieg gegen sie abzuschrecken. [...] Im Gegenzug lag für die Briten ein doppelter Grund vor, diese Bedrohung einzudämmen. Wie Winston Churchill immer wieder betonte, bestand die beste Verteidigungsstrategie des Empire darin, die feindliche Flotte an einem Verlassen der europäischen Randmeere zu hindern. Aber es gab auch noch ein tieferliegendes Argument. Wenn Großbritannien als europäische Großmacht eine derart gefährliche Störung

50 des geopolitischen Gleichgewichts zuließ, fehlten ihm künftig auch die Mittel, die größte aller Gefahren zu verhindern: ein Europa, dass sich durch Gewalt oder Diplomatie vereint gemeinsam gegen das Empire wendete. Aus diesem Grund entschieden sie sich für ein gewaltiges Flottenbauprogramm, das ihnen einen gewaltigen Vorsprung bei den neuartigen Schlachtschiffen vom Typ »Dreadnought« verschaffen sollte. [...]

55 Es hätte eigentlich funktionieren sollen, und [...] tat es in mancherlei Hinsicht auch. Aber es konnte die Deutschen nicht von einem Krieg in Europa selbst abschrecken, den sie immer noch durch einen kurzen vernichtenden Schlag gegen Frankreich zu gewinnen hofften, wie ihn der Schlieffen-Plan vorsah. Als ein obskurer Konflikt auf dem Balkan zuerst Österreich und Russland und danach Deutschland und Frankreich in den ersten allgemeinen europäischen

60 Krieg seit einem Jahrhundert stürzte, konnte sich Großbritannien nicht einfach heraushalten – auch wenn der vorgebliche Grund in Berlins Verletzung der belgischen Neutralität lag. Als vier Jahre später Frieden eintrat, hatte sich die Aufgabe, das Empire zu verteidigen, auf fast erschreckende Weise verändert.

1.

2.

3.

Hinweis: Für die Darstellungsleistung können zusätzlich bis zu 20 Punkte erreicht werden (Gesamtpunktzahl: 100 Punkte).

Aufgabe 4 · Friedliche Revolution 1989 und Wiedervereinigung

Abiturprüfung 2022 – Geschichte, Grundkurs

Aufgabenstellung:

1. Analysieren Sie den Text. (26 Punkte)

2. Ordnen Sie den Text in den historischen Zusammenhang der Umbrüche von 1989/90 ein (14 Punkte) und charakterisieren Sie, wie der Autor den „Wiederaufstieg Deutschlands“ (Titel) sieht (14 Punkte). (28 Punkte)

3. Nehmen Sie Stellung zur Sicht des Autors. (26 Punkte)

Materialgrundlage:

• Charles Krauthammer: Der Wiederaufstieg Deutschlands. Original: The German revival. In: The New Republic, Vol. 202, Nr. 13, 26 March 1990, S. 18 – 21. (Rechtschreibung und Hervorhebungen wie im Original)

Hinweise zum Autor/Material:

Charles Krauthammer (1950 – 2018): bekannter und vielfach ausgezeichneter amerikanischer Journalist und einflussreicher Publizist.

The New Republic: ein wöchentlich in den USA erscheinendes, politisches Magazin, das 1914 gegründet wurde. Der Text wurde für das Projekt „Deutsche Geschichte in Dokumenten und Bildern“ des Deutschen Historischen Instituts in Washington D. C. übersetzt.

Zugelassene Hilfsmittel: Wörterbuch zur deutschen Rechtschreibung

DER WIEDERAUFSTIEG DEUTSCHLANDS 1

[...]

Wo liegt dann das wahre Problem der deutschen Wiedervereinigung? Sie wird eine der heilsamsten europäischen Entwicklungen der letzten fünfzig Jahre umkehren: die Verminderung der Souveränität. Die deutsche Wiedervereinigung bedeutet die dramatischste Wiedergeburt der Souveränität in der Nachkriegszeit. In dieser Ära hat Europa eine historisch beispiellose

5 Zeit des Friedens genießen können, weil die Souveränität seiner kriegsführenden Nationen durch den Eingriff zweier Großmächte unterdrückt wurde: brutal im Osten, friedlich im Westen. Was er auch sonst angerichtet haben mag, so hatte der Kalte Krieg und seine Teilung Europas in eine Pax Sovietica und eine Pax Americana 2 zumindest den Vorteil, einen vernichtenden innereuropäischen Konflikt unterdrückt zu haben.

10 Aber die Unterdrückung der Souveränität durch fremde Mächte darf nur provisorisch sein. Ein Imperium besteht nicht ewig. So lautet also die Frage, die sich nach dem Kalten Krieg aufdrängt: Wie kann die künstliche Unterdrückung der Souveränität durch die Supermächte abgeschafft werden, ohne die nationalen Explosionen zu riskieren, die fast immer dann folgen, wenn sich die Großmacht zurückzieht (siehe Asien, Afrika)? Westeuropa meinte, die Antwort

15 darauf gefunden zu haben. Während der letzten vierzig Jahre wurden Schritt für Schritt transnationale Institutionen aufgebaut, allen voran die Europäische Gemeinschaft. Das große Projekt, welches sich dem Ende nähert, war die Bildung eines europäischen Binnenmarktes bis 1992. Dieser soll die Wirtschaft der zwölf beteiligten Länder in ein einheitliches Gebiet verwandeln, das fast so frei von Rechtsbarrieren wäre wie das inneramerikanische System. Irland

20 und Griechenland würden so barrierefrei Handel treiben können wie Maine und Texas.

Aber die Bedeutung von Europa '92 liegt nicht nur in der Wirtschaft. Hier findet eine [sic!] der größten friedlichen Souveränitätstransfers der Geschichte statt. Indem sie umfassende wirtschaftliche, soziale und regulative Macht an eine zentrale europäische Autorität abgeben, verlieren die westeuropäischen Länder bewusst einen großen Teil ihrer politischen Autonomie.

25 [...] Noch kann keine Rede von den Vereinigten Staaten von Europa sein. Weithergeholt ist diese Vorstellung jedoch nicht. Das ist der Pfad, dem Westeuropa folgt.

Oder gefolgt ist – bis zum 9. November, dem Tag, an dem die Berliner Mauer fiel. Europa '92 sollte die durch die einstige amerikanische Vorherrschaft verminderte Souveränität mit einer durch die europäische Integration verminderte Souveränität ersetzen. Es sollte ein Übergang

30 sein von einer Gemeinschaft, die von einer Großmacht bestimmt wurde, zu einer Gemeinschaft, die sich selbst bestimmte. Große Hoffnungen lagen auf einem integrierten Europa: dass es die innere Stabilität eines föderalen Landes wie den USA erreichen würde und dass durch die verminderte Souveränität der individuellen Länder sowie die erhöhte Machtkonzentration in einem zentralen „Europa“ die Rivalitäten, die jahrhundertelang zu europäischen

35 Kriegen geführt hatten, beseitigt würden. Es wäre so, als ob Texas gegen Maine Krieg führen würde.

Die deutsche Wiedervereinigung stört diesen Prozess und stellt ihn in Frage. Westdeutschland hat zugesagt, durch den Beitritt zum europäischen Markt einen Teil seiner Souveränität aufzugeben. Nun aber wird es sich den Osten einverleiben und dadurch seine Bevölkerung,

40 sein Territorium, seine Wirtschaft, seine militärische Macht, seine politische Bedeutung und seinen diplomatischen Einfluss vergrößern. Deutschland ist dabei, der neue Gigant auf dem europäischen Kontinent zu werden. Auch wenn man potentielle Gebietsrückforderungen und eine mögliche Nuklearaufrüstung beiseite lässt, untergräbt allein die Tatsache der explosiven Geburt eines neuen und gewaltigen Deutschlands in der Mitte des Kontinents sofort alle Be-

45 strebungen in Richtung eines europäischen Staatenbundes.

Solch ein Deutschland ist sein eigener Staatenbund. Auch ohne böswillige Absichten, Feindseligkeiten oder „Romantik“ seitens der Staatsführung, wird sich das neue Deutschland zwangsläufig entsprechend seiner neuen Machtposition verhalten – unabhängig, mit einem Selbstbewusstsein und einer Berücksichtigung von Interessen in entfernten Gebieten, wie es auch

50 die anderen Großmächte, insbesondere die USA und die Sowjetunion, auszeichnet.

Die wahre Gefahr, die von einem wiedervereinigten Deutschland ausgeht, liegt nicht in der Auferstehung eines neuen Bismarck oder Hitler. Vielmehr liegt sie in der Geburt des neuen Giganten in der Mitte des Kontinents. Dieser wird das große europäische Vereinigungsprojekt aufhalten und stattdessen, wie The Economist 3 formuliert, eine „revidierte Fassung des

55 früheren, zerstörerischen Gleichgewichts der Mächte“ schaffen – eine Rekapitulation des internationalen Systems des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, das so katastrophal endete.

Wir können bereits jetzt sehen, wie sich das neue Kräfteverhältnis formiert. Es ist uns erschreckend vertraut. Westeuropäische Mächte suchen die Vorkriegsverbindungen zu den früheren sowjetischen Satellitenstaaten in Osteuropa wiederherzustellen, und zwar nicht nur, um wirt-

60 schaftliche Chancen zu nutzen, sondern bewusst, um eine deutsche Vorherrschaft in der Region zu verhindern. [...] Während die Europäer beginnen, neue Verbündete zu finden, um ein Gegengewicht zu Deutschland zu schaffen und es in Schach zu halten, sieht sich jedes Land in eine Art reaktiven Nationalismus zurückgedrängt. [...] Nun ist Europa auf dem Weg zurück

in die andere Richtung. Dieser Weg ist für einen Kontinent mit neunundzwanzig Staaten, in

65 denen fünfundvierzig Sprachen gesprochen werden, nicht nur ein Anachronismus, sondern die beste Voraussetzung für Instabilität.

[...] Die Berliner Mauer ist zu früh gefallen. Wäre die DDR der letzte sowjetische Satellitenstaat gewesen, der zusammenbrach – wir dachten, dass der Kreml darauf bestehen würde – so hätte sie nur einen kleinen Teil dargestellt, der leicht von einem neuen und stabilen Europa

70 hätte aufgenommen werden können. Durch die Schnelligkeit der Ereignisse jedoch droht die deutsche Wiedervereinigung das Ganze zu stören, indem im Herzen Europas ein Groß-Deutschland geschaffen wird, das Europa nicht in Schach halten kann. [...]

1 Titel im engl. Original: „The German revival“: revival: dt. Wiederbelebung.

2 pax Sovietica; pax Americana (Lat. Sowjetischer bzw. Amerikanischer Frieden): Die Begriffe beziehen sich auf das Konzept eines oktroyierten, aber andauernden Friedens durch die weltpolitische Dominanz der zwei Supermächte des Kalten Krieges.

3 The Economist: eine wöchentlich erscheinende, internationale Zeitung mit Sitz in London, deren Schwerpunkte auf Politik und internationaler Wirtschaft liegen.

1.

Analysieren Sie den Text. (26 Punkte)

2.

Ordnen Sie den Text in den historischen Zusammenhang der Umbrüche von 1989/90 ein (14 Punkte) und charakterisieren Sie, wie der Autor den „Wiederaufstieg Deutschlands“ (Titel) sieht (14 Punkte). (28 Punkte)

3.

Nehmen Sie Stellung zur Sicht des Autors. (26 Punkte)

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