Aufgabe GE LK NT 3 · Abitur NRW Geschichte LK · Nachtermin 2023

Thema: Friedliche Revolution 1989 und Wiedervereinigung · Aus der Prüfung LK · Nachtermin (2023)

Aufgabenstellung

Abiturprüfung 2023 – Geschichte, Leistungskurs

Aufgabe GE LK NT 3

Aufgabenstellung:

Analysieren Sie den vorliegenden Textauszug. (26 Punkte)

Erläutern Sie, wie Kohl die deutschland- und außenpolitische Situation des Jahres 1989 darstellt (14 Punkte), und erläutern Sie die im Text genannten politischen Weichenstellungen Adenauers (14 Punkte). (28 Punkte)

Beurteilen Sie Kohls Argumentation. (26 Punkte)

Materialgrundlage: Helmut Kohl: Vom Mauerfall zur Wiedervereinigung. Meine Erinnerungen, München 2009, S. 9–11.

Zugelassene Hilfsmittel: Wörterbuch zur deutschen Rechtschreibung

Textgrundlage: Helmut Kohl (2009)

1 [...] Zum historischen Bewusstsein gehört auch die Erkenntnis: Mit dem Mauerfall war die Ein-

heit noch nicht erreicht. Im Gegenteil, noch nichts war entschieden am 9. November 1989.

Eine Tür hatte sich einen Spalt breit geöffnet, das ist wahr, aber entschieden war noch nichts

an diesem Tag des Mauerfalls. Die Wiedervereinigung unseres Landes war vielmehr ein poli-

5 tischer Machtkampf um die europäische Statik und die Sicherheitsinteressen in Ost wie West.

Sie war bis zuletzt ein Balanceakt im Spannungsfeld des Kalten Krieges.

Ich zitiere für die Situation, in der ich mich damals wiederfand, gerne Otto von Bismarck,

denn es gibt kein besseres Bild: Wenn der Mantel Gottes durch die Geschichte wehe, müsse

man zuspringen und ihn festhalten. Dafür müssen drei Voraussetzungen gegeben sein: Erstens

10 muss man einen Blick dafür haben, dass es den Mantel Gottes gibt. Zweitens muss man ihn

spüren, den historischen Moment, und drittens muss man springen und ihn festhalten (wollen).

Dazu gehört nicht nur Mut. Es bedarf vielmehr einer Paarung von Mut und Klugheit. [...]

Politik braucht Gespür für das Machbare, auch für das dem anderen Zumutbare. Dies galt

in besonderer Weise für die deutsche Frage, und hier erst recht in der Zeit nach dem Mauer-

15 fall. Der politische Einigungsprozess war in höchstem Maße sensibel, denn wir Deutschen

waren ja nicht allein auf der Welt. In dem Moment, als die Einheit greifbar nahe schien, wäre

es für die Sache der Deutschen in hohem Maße schädlich gewesen, der deutschen Einheit das

Wort zu reden oder etwa deutschnationale Reden zu führen. Innerlich war ich, zumal nach

dem Fall der Mauer, auf dem Weg der Einheit schon viel weiter, als ich aussprechen durfte.

20 Ein besonders eindringliches Beispiel dafür ist mein Zehn-Punkte-Programm, das ich zwei-

einhalb Wochen nach dem Mauerfall, am 28. November 1989, im Deutschen Bundestag im

Alleingang, das heißt ohne jede innen- und außenpolitische Abstimmung, vorgelegt habe. Als

Ziel nannte ich in Punkt zehn die Wiedergewinnung der staatlichen Einheit Deutschlands

beim Namen, verzichtete allerdings bewusst auf eine zeitliche Festlegung. Mit dem in zehn

25 Punkte gekleideten Fahrplan habe ich die Initiative auf dem Weg zur deutschen Einheit über-

nommen und die Richtung unzweideutig vorgegeben. Es war damals das Äußerste, das ich

wagen durfte. Die Reaktionen verdeutlichten dies einmal mehr.

Ein anderes Beispiel für die gebotene Vorsicht ist meine Rede in Dresden wiederum drei

Wochen später, am 19. Dezember 1989. Zahlreiche Journalisten aus dem In- und Ausland

30 waren angereist. Auch hier, vor der gesamten Weltöffentlichkeit, die auf uns schaute, durfte

es nicht mein Thema sein, in der Frage der Einheit die Stimmung anzuheizen, auch wenn die

Menschen offenkundig auf eine klare Antwort von mir warteten. Und das machte die Rede,

die ich gewissermaßen aus dem Stegreif hielt, so schwierig. Ich musste den rund 100 000 Men-

schen in einer aufgeheizten Stimmung ein Wort der Treue und der Besonnenheit sagen. Ich

35 durfte zugleich aber keine Formulierung wählen, die im Ausland auch nur den geringsten

Anlass gegeben hätte, zu glauben, dass wir Deutschen einen unverständlichen Alleingang

unternehmen würden.

Auf die Wiedervereinigung unseres Landes hatte ich immer hingearbeitet. Es entsprach mei-

ner tiefsten Überzeugung, dass wir die deutsche Frage offenhalten mussten, bis der Moment

40 kommen würde. Ich habe mich dabei immer in der Kontinuität Konrad Adenauers gesehen.

Der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland hat die entscheidenden Weichen in

der deutschen Frage gestellt. Von Beginn an hatte Adenauer einen klaren Kompass. Er wollte

Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg wieder in die Gemeinschaft der freien Völker zu-

rückführen, er wollte ein freies und geeintes Europa mit einem freien und geeinten Deutsch-

45 land. Er stand klar auf der Seite des freiheitlichen Westens, er war kein Wanderer zwischen

West und Ost. Die Integration der Bundesrepublik in den freien Westen und die Bindung an

die USA standen für ihn eindeutig vor der deutschen Wiedervereinigung, die er gleichwohl

immer fest im Blick hatte.

So rief Konrad Adenauer am 5. Mai 1955, dem Tag, an dem die Westmächte die Bundes-

50 republik für souverän erklärten, an dem die Bundesrepublik der Westeuropäischen Union bei-

trat und an dem sie in die Nato aufgenommen wurde, den Landsleuten in der DDR zu: »Ihr

gehört zu uns, wir gehören zu Euch. Ihr könnt Euch immer auf uns verlassen, denn gemein-

sam mit der freien Welt werden wir nicht rasten und nicht ruhen, bis auch Ihr die Menschen-

rechte wiedererlangt habt und mit uns friedlich vereint im gleichen Staate seid.« Beharrlich

55 hielt er auch am Alleinvertretungsanspruch der Bundesrepublik für Deutschland fest.

Was heute manchem wie eine Selbstverständlichkeit erscheint, war in den insgesamt labi-

len Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg in höchstem Maße unsicher. Der Schuman-Plan von

1950 als Grundstein der heutigen Europäischen Union, der Deutschlandvertrag von 1952 mit

der Aufhebung des Besatzungsstatuts und zugleich der Verpflichtung der Westmächte auf ein

60 wiedervereinigtes Deutschland, der Beitritt der Bundesrepublik zur Nato im Mai 1955, um

nur einige wenige Punkte zu nennen – all dies trägt Adenauers Handschrift. Adenauer war

sich sicher, dass die Attraktivität des Westens und der Freiheit irgendwann zur deutschen Wie-

dervereinigung führen müsste. Und er war immer auch klug genug, dies nicht um den Preis

der Neutralität erreichen zu wollen.

65 [...] Aus meiner Sicht hatten Adenauers Überzeugungen nie an Aktualität verloren: Eine Wie-

dervereinigung ohne feste Einbettung in die westlichen Bündnisse hätte unser Land in die

Neutralität geführt. Die Folge wäre letztlich ein unfreies Deutschland im Machtbereich der

Sowjetunion gewesen. Der Mauerfall am 9. November 1989 und die deutsche Wiedervereini-

gung am 3. Oktober 1990 sind daher nicht zuletzt die beeindruckende, späte Bestätigung von

70 Adenauers konsequentem Kurs der Westbindung mit Wiedervereinigungsvorbehalt, an dem

wir über Jahre festgehalten hatten.

Wahr ist auch, dass das Festhalten an der deutschen Frage immer schwieriger wurde, weil

der Zeitgeist immer stärker dagegen stand. [...]

Weil ich einer der wenigen war, die noch an die deutsche Einheit glaubten, stand ich in

75 dem Ruf des »Hardliners«. Mit meinem Amtsantritt als Bundeskanzler 1982 schürten meine

innenpolitischen Gegner sogleich Ängste vor einer vermeintlichen »neuen Eiszeit« zwischen

Ost und West, die mit mir als Regierungschef anbrechen sollte. Meine Gegner sollten sich

irren, das Gegenteil war der Fall: Unter meiner politischen Führung wurden ganz wesentliche

Weichenstellungen auf dem Weg zur Einheit vorgenommen. Ich trieb den europäischen Inte-

80 grationsprozess im Tandem mit Frankreichs Staatspräsident François Mitterrand voran. Ich

bemühte mich um ganz konkrete Erleichterungen für die Menschen in der DDR, ich versuchte,

keinen Anlass für Spannungen zwischen Ost und West zu geben, signalisierte auch der Sow-

jetunion Gesprächsbereitschaft, bot Möglichkeiten der Zusammenarbeit an und hielt doch an

meinen deutschlandpolitischen Grundpositionen fest.

Teilaufgabe 1

1. Analysieren Sie den vorliegenden Textauszug. [26 Punkte]

Teilaufgabe 2

2. Erläutern Sie, wie Kohl die deutschland- und außenpolitische Situation des Jahres 1989 darstellt (14 Punkte), und erläutern Sie die im Text genannten politischen Weichenstellungen Adenauers (14 Punkte). [28 Punkte]

Teilaufgabe 3

3. Beurteilen Sie Kohls Argumentation. [26 Punkte]

Aufgabenstellung: Aufgabe GE LK NT 3 · Abitur NRW Geschichte LK · Nachtermin 2023

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Analysieren Sie den vorliegenden Textauszug.

Lösung: Umfassende und strukturierte Textanalyse gemäß den Kriterien des amtlichen Erwartungshorizonts (maximal 26 Punkte für die inhaltliche Leistung).

2. Erläutern Sie, wie Kohl die deutschland- und außenpolitische Situation des Jahres 1989 darstellt (14 Punkte), und erläutern Sie die im Text genannten politischen Weichenstellungen Adenauers (14 Punkte).

Lösung: Detaillierte historische Erläuterung der beiden Themenkomplexe auf der Basis fundierter historischer Kenntnisse (insgesamt 28 Punkte).

3. Beurteilen Sie Kohls Argumentation.

Lösung: Eigenständiges, differenziertes historisches Urteil unter Abwägung von zustimmenden und relativierenden Aspekten (maximal 26 Punkte).

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