Aufgabe 3 · Abitur NRW Geschichte LK · Haupttermin 2023

Thema: Friedliche Revolution 1989 und Wiedervereinigung · Aus der Prüfung LK · Haupttermin (2023)

Aufgabenstellung

Abiturprüfung 2023 – Geschichte, Leistungskurs

Aufgabenstellung 3: Analyse einer historischen Darstellung

Materialgrundlage

Jürgen Busche: Helmut Kohl. Anatomie eines Erfolgs, Berlin 1998, S. 221 – 231.

(Rechtschreibung und Hervorhebungen wie im Original)

Hinweise zum Autor: Jürgen Busche (geb. 1944) ist ein deutscher Journalist und Autor, der mehrere Werke zur Geschichte der Antike und des 20. Jahrhunderts verfasst hat.

[...]

Am Vorabend der Feiern zum 40. Jahrestag der Gründung der DDR gingen aus Prag dramati-

sche Bilder um die Welt, die zeigten, wie Hunderte von Flüchtlingen auf dem Gelände der

Botschaft der Bundesrepublik kampierten und darauf warteten, was mit ihnen geschehen

5 würde. Die DDR erklärte sich, um das für sie peinliche Schauspiel abzubrechen, bereit, die

dort Wartenden ausreisen zu lassen, bestand aber darauf, daß die Ausreiseroute über das Terri-

torium der DDR führen müsse, sie also gewissermaßen aus der DDR ausreisten. Es wurde ein

Sonderzug losgeschickt, in dem hohe Beamte der Bundesrepublik mitfuhren, um die Einhal-

tung der Vereinbarung zu überwachen. Die Opposition in der DDR, die den ganzen Sommer

10 über Zulauf bekommen hatte und besonders in Leipzig durch die Montagsdemonstrationen

Aufsehen erregte, trat von nun an immer mächtiger in Erscheinung. Mit knapper Not erreichte

die DDR Erich Honeckers das Datum ihres 40. Geburtstags.

[...] Als eine neue DDR-Regierung nicht mehr verheimlichen konnte, wie schlecht die wirt-

schaftliche Lage des Landes war, mochten viele nicht noch weitere Jahre mit sozialistischen

15 Experimenten – wie auch immer finanziert mit neuem Geld aus der Bundesrepublik – verbrin-

gen. Wer nicht gleich in den Westen ging – inzwischen hatte auch die DDR ihre Grenzen ge-

öffnet –, plädierte für eine Vereinigung der beiden deutschen Staaten. »Wenn die D-Mark

nicht zu uns kommt«, wurde die Alternative formuliert, »kommen wir zur D-Mark.« Wieder

einmal drohten der DDR gerade die besten Leute wegzulaufen. In rapidem Tempo verlor der

20 Staat jede Autorität. Der amerikanische Außenminister James Baker, ein Texaner, verglich

die Bevölkerung der DDR mit einer durchgehenden Herde.

[...]

Von Anfang an waren die Amerikaner bereit, eine Entwicklung wohlwollend zu begleiten, an

deren Ende irgendwann ein wiedervereinigtes Deutschland stehen könnte. Die Russen dachten

25 nicht daran – aber weniger, weil sie es entschlossen verhindern wollten, als weil sie näherhin

an anderes zu denken hatten, an Grundfragen, die Existenz ihres eigenen Staatswesens, die

Sowjetunion betreffend. Dazu konnte auch die Behauptung der DDR als Teil ihres Machtbe-

reichs gehören – das mußte aber nicht so sein. Die Franzosen waren nicht dafür, weil das neue,

das europäische Spiel mit der durch die Teilung gehandicapten Bundesrepublik Deutschland

30 gerade erst so schön angefangen hatte. Die Engländer waren dagegen, weil sie an kein neues

Spiel mit den Deutschen glaubten und nicht sicher waren, ob sie ein europäisches wollten.

Die anderen europäischen Länder sahen zu, was passieren würde und schienen für ihre Neben-

rolle dankbar zu sein. Insgesamt überwogen die Sympathie für die Bundesrepublik und das

Vertrauen in ihren Kanzler.

35 »Ich wollte Deutschlands Einheit«, sagte Kohl. Aber zunächst war er klug genug, nicht zu

sagen, nicht einmal erkennen zu lassen, wie sehr, wie schnell – und wie er sich die Einheit

überhaupt vorstellte. Er war jetzt acht Jahre Bundeskanzler, vierzehn Jahre der erste Mann

der Union in der Bundeshauptstadt und siebzehn Jahre CDU-Vorsitzender. Er konnte von

seinen Partnern erwarten, daß sie ihn richtig einschätzten. Die Amerikaner kannten ihn seit

40 langem als ihren verläßlichsten und belastbarsten Verbündeten in der Nato. [...] Die Franzo-

sen wußten, daß Kohl nie darauf verzichten würde, zu ihnen ein besonders herzliches Ver-

hältnis zu pflegen, was für ihn die Voraussetzung war für das wichtigste und am längsten ver-

folgte Ziel seines politischen Lebens überhaupt: die Einigung Europas.

[...]

45 Bei dieser Konstellation konnten die Engländer nur noch die unterlegene Position einnehmen,

wenn sie sich zu irgendeinem Zeitpunkt der Wiedervereinigung widersetzten. Es war allen-

falls eine Frage, wie erkennbar sie dies werden lassen wollten. Englands Premierministerin

Margaret Thatcher versuchte, Bush vor den Deutschen zu warnen. Aber sie bekam den Ein-

druck, der amerikanische Präsident verstehe sie nicht. Doch was hätte London zu bieten ge-

50 habt, wenn die Amerikaner sich der Wiedervereinigung auf ihren Wunsch hin widersetzt hät-

ten? Es wäre jenseits der Elbe ein großer Unruheherd entstanden, vielleicht schon jenseits des

Rheins. Erfolgreiche amerikanische Bündnispolitik aus vierzig Jahren wäre diskreditiert ge-

wesen. Kohls Gegner in der Bundesrepublik waren kaum amerikafreundlicher als die CDU.

Den Engländern hatte Wirrwarr auf dem Kontinent in ihrer Geschichte immer gutgetan. Aber

55 was hatte Amerika davon?

Amerika hatte in den Ersten Weltkrieg eingegriffen, um England und Frankreich zu helfen.

Aber der maßvolle Friede, auf den es gedrängt hatte, war wegen der Rachegelüste der Euro-

päer nicht zustande gekommen. So hatte Amerika zwanzig Jahre danach England und Frank-

reich noch einmal helfen müssen. Dieses Mal waren wenigstens die Westdeutschen in den

60 Genuß eines Friedens gekommen, der zumindest die Bürger des Landes schonte und ihnen

darüber hinaus die Chance gab, sich in einem neuen Staat in die Gemeinschaft der westlich

zivilisierten Länder einzufügen. Vierzig Jahre hatten bewiesen, daß diese Politik richtig gewe-

sen war. Wozu jetzt die Deutschen vor den Kopf stoßen, wo doch mit einer Verhinderung der

Wiedervereinigung absehbar in Europa kein Zustand zu erreichen war, in dem man Bonn

65 weniger gebraucht hätte als vorher. Außerdem gab es an anderen Orten der Welt genug zu

tun.

Margaret Thatcher wandte sich an Mitterrand. In schwierigen Zeiten habe doch immer eine

Entente cordiale zwischen Paris und London funktioniert. Der französische Staatspräsident

widersprach nicht, aber die britische Premierministerin mußte registrieren, daß nichts geschah,

70 was nach ihrem Sinn gewesen wäre. Was konnte die englische Politik Frankreich bieten?

Frankreich hatte im Prozeß der europäischen Vereinigung gute Erfahrungen gemacht. London

hatte erst beiseite gestanden, hatte ein Konkurrenzunternehmen zur Europäischen Wirtschafts-

gemeinschaft gegründet, war mit dem gescheitert, hatte sich dann muffig der EWG angeschlos-

sen und war dort oft der Bremser gewesen. England dachte nicht europäisch, war indes klug

genug zu wissen, daß es nicht draußen bleiben konnte, wenn Europa funktionierte.

75 Mehr war aber auch nicht. Es wäre aus Pariser Sicht unklug gewesen, das mit Deutschland

Erreichte zu gefährden, um sich Englands vergangenheitsverliebten Phobien in der Neuauf-

lage eines historisierenden Spektakels anzuschließen.

[...]

Kohl, der seinen Platz am Tisch behauptet hatte, bis ihm die Karten für ein gutes Blatt in die

80 Hände kamen, handelte kunstgerecht: Ein guter Spieler nimmt nicht mehr, als er braucht. Er

tut nicht mehr, als er muß. Aber das tut er schnell. Bei dem Prozeß ging es darum, den Mit-

spielern keine Vorlage zu geben, die ihnen erlaubt hätte, mit einer Reaktion das Gesetz des

Handelns an sich zu reißen. [...]

Zunächst sprach Bonn gar nicht von Wiedervereinigung. Auf dem Sondergipfel der zwölf

85 Regierungschefs der Europäischen Gemeinschaft, zu dem Mitterrand kurz nach dem Fall der

Berliner Mauer am 9. November 1989 eingeladen hatte, sprach er über das Selbstbestimmungs-

recht der Völker und nannte Diskussionen über die Grenzen in Europa überflüssig. Das Wort

Wiedervereinigung fiel nicht einmal. [...]

Aber Kohl konnte natürlich zu Hause jederzeit auf die innenpolitische Lage reagieren, und

90 die konnte zu jeder Zeit als dramatisch verändert hingestellt werden, weil pausenlos Zuzüg-

ler über die offene Grenze aus der DDR in die Bundesrepublik kamen. Kohl reagierte am

28. November mit einem Zehn-Punkte-Programm zur Überwindung der deutschen Teilung.

Dieses Programm stellt eine brillante Mischung aus aggressivem Positionsbesetzen und retar-

dierendem Offenhalten dar. [...]

1.

Analysieren Sie den abgedruckten Auszug aus dem Text. [26 Punkte]

2.

Erläutern Sie auf der Grundlage des Textes den Umbruch im Jahr 1989 (14 Punkte) und untersuchen Sie, wie der Autor diesen Vorgang sieht (14 Punkte). [28 Punkte]

3.

Beurteilen Sie die Darlegungen des Autors. [26 Punkte]

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Lösung

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1. Analysieren Sie den abgedruckten Auszug aus dem Text.

Lösung: Individuelle Ausarbeitung gemäß Kriterienkatalog zur Textanalyse.

2. Erläutern Sie auf der Grundlage des Textes den Umbruch im Jahr 1989 (14 Punkte) und untersuchen Sie, wie der Autor diesen Vorgang sieht (14 Punkte).

Lösung: Individuelle Erläuterung und Untersuchung gemäß Kriterienkatalog.

3. Beurteilen Sie die Darlegungen des Autors.

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