Aufgabe 4 · Abitur NRW Geschichte GK · Nachtermin 2022

Thema: Friedliche Revolution 1989 und Wiedervereinigung · Aus der Prüfung GK · Nachtermin (2022)

Aufgabenstellung

Abiturprüfung 2022 – Geschichte, Grundkurs

Aufgabenstellung:

1. Analysieren Sie den Text. (26 Punkte)

2. Ordnen Sie den Text in den historischen Zusammenhang der Umbrüche von 1989/90 ein (14 Punkte) und charakterisieren Sie, wie der Autor den „Wiederaufstieg Deutschlands“ (Titel) sieht (14 Punkte). (28 Punkte)

3. Nehmen Sie Stellung zur Sicht des Autors. (26 Punkte)

Materialgrundlage:

• Charles Krauthammer: Der Wiederaufstieg Deutschlands. Original: The German revival. In: The New Republic, Vol. 202, Nr. 13, 26 March 1990, S. 18 – 21. (Rechtschreibung und Hervorhebungen wie im Original)

Hinweise zum Autor/Material:

Charles Krauthammer (1950 – 2018): bekannter und vielfach ausgezeichneter amerikanischer Journalist und einflussreicher Publizist.

The New Republic: ein wöchentlich in den USA erscheinendes, politisches Magazin, das 1914 gegründet wurde. Der Text wurde für das Projekt „Deutsche Geschichte in Dokumenten und Bildern“ des Deutschen Historischen Instituts in Washington D. C. übersetzt.

Zugelassene Hilfsmittel: Wörterbuch zur deutschen Rechtschreibung

DER WIEDERAUFSTIEG DEUTSCHLANDS 1

[...]

Wo liegt dann das wahre Problem der deutschen Wiedervereinigung? Sie wird eine der heilsamsten europäischen Entwicklungen der letzten fünfzig Jahre umkehren: die Verminderung der Souveränität. Die deutsche Wiedervereinigung bedeutet die dramatischste Wiedergeburt der Souveränität in der Nachkriegszeit. In dieser Ära hat Europa eine historisch beispiellose

5 Zeit des Friedens genießen können, weil die Souveränität seiner kriegsführenden Nationen durch den Eingriff zweier Großmächte unterdrückt wurde: brutal im Osten, friedlich im Westen. Was er auch sonst angerichtet haben mag, so hatte der Kalte Krieg und seine Teilung Europas in eine Pax Sovietica und eine Pax Americana 2 zumindest den Vorteil, einen vernichtenden innereuropäischen Konflikt unterdrückt zu haben.

10 Aber die Unterdrückung der Souveränität durch fremde Mächte darf nur provisorisch sein. Ein Imperium besteht nicht ewig. So lautet also die Frage, die sich nach dem Kalten Krieg aufdrängt: Wie kann die künstliche Unterdrückung der Souveränität durch die Supermächte abgeschafft werden, ohne die nationalen Explosionen zu riskieren, die fast immer dann folgen, wenn sich die Großmacht zurückzieht (siehe Asien, Afrika)? Westeuropa meinte, die Antwort

15 darauf gefunden zu haben. Während der letzten vierzig Jahre wurden Schritt für Schritt transnationale Institutionen aufgebaut, allen voran die Europäische Gemeinschaft. Das große Projekt, welches sich dem Ende nähert, war die Bildung eines europäischen Binnenmarktes bis 1992. Dieser soll die Wirtschaft der zwölf beteiligten Länder in ein einheitliches Gebiet verwandeln, das fast so frei von Rechtsbarrieren wäre wie das inneramerikanische System. Irland

20 und Griechenland würden so barrierefrei Handel treiben können wie Maine und Texas.

Aber die Bedeutung von Europa '92 liegt nicht nur in der Wirtschaft. Hier findet eine [sic!] der größten friedlichen Souveränitätstransfers der Geschichte statt. Indem sie umfassende wirtschaftliche, soziale und regulative Macht an eine zentrale europäische Autorität abgeben, verlieren die westeuropäischen Länder bewusst einen großen Teil ihrer politischen Autonomie.

25 [...] Noch kann keine Rede von den Vereinigten Staaten von Europa sein. Weithergeholt ist diese Vorstellung jedoch nicht. Das ist der Pfad, dem Westeuropa folgt.

Oder gefolgt ist – bis zum 9. November, dem Tag, an dem die Berliner Mauer fiel. Europa '92 sollte die durch die einstige amerikanische Vorherrschaft verminderte Souveränität mit einer durch die europäische Integration verminderte Souveränität ersetzen. Es sollte ein Übergang

30 sein von einer Gemeinschaft, die von einer Großmacht bestimmt wurde, zu einer Gemeinschaft, die sich selbst bestimmte. Große Hoffnungen lagen auf einem integrierten Europa: dass es die innere Stabilität eines föderalen Landes wie den USA erreichen würde und dass durch die verminderte Souveränität der individuellen Länder sowie die erhöhte Machtkonzentration in einem zentralen „Europa“ die Rivalitäten, die jahrhundertelang zu europäischen

35 Kriegen geführt hatten, beseitigt würden. Es wäre so, als ob Texas gegen Maine Krieg führen würde.

Die deutsche Wiedervereinigung stört diesen Prozess und stellt ihn in Frage. Westdeutschland hat zugesagt, durch den Beitritt zum europäischen Markt einen Teil seiner Souveränität aufzugeben. Nun aber wird es sich den Osten einverleiben und dadurch seine Bevölkerung,

40 sein Territorium, seine Wirtschaft, seine militärische Macht, seine politische Bedeutung und seinen diplomatischen Einfluss vergrößern. Deutschland ist dabei, der neue Gigant auf dem europäischen Kontinent zu werden. Auch wenn man potentielle Gebietsrückforderungen und eine mögliche Nuklearaufrüstung beiseite lässt, untergräbt allein die Tatsache der explosiven Geburt eines neuen und gewaltigen Deutschlands in der Mitte des Kontinents sofort alle Be-

45 strebungen in Richtung eines europäischen Staatenbundes.

Solch ein Deutschland ist sein eigener Staatenbund. Auch ohne böswillige Absichten, Feindseligkeiten oder „Romantik“ seitens der Staatsführung, wird sich das neue Deutschland zwangsläufig entsprechend seiner neuen Machtposition verhalten – unabhängig, mit einem Selbstbewusstsein und einer Berücksichtigung von Interessen in entfernten Gebieten, wie es auch

50 die anderen Großmächte, insbesondere die USA und die Sowjetunion, auszeichnet.

Die wahre Gefahr, die von einem wiedervereinigten Deutschland ausgeht, liegt nicht in der Auferstehung eines neuen Bismarck oder Hitler. Vielmehr liegt sie in der Geburt des neuen Giganten in der Mitte des Kontinents. Dieser wird das große europäische Vereinigungsprojekt aufhalten und stattdessen, wie The Economist 3 formuliert, eine „revidierte Fassung des

55 früheren, zerstörerischen Gleichgewichts der Mächte“ schaffen – eine Rekapitulation des internationalen Systems des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, das so katastrophal endete.

Wir können bereits jetzt sehen, wie sich das neue Kräfteverhältnis formiert. Es ist uns erschreckend vertraut. Westeuropäische Mächte suchen die Vorkriegsverbindungen zu den früheren sowjetischen Satellitenstaaten in Osteuropa wiederherzustellen, und zwar nicht nur, um wirt-

60 schaftliche Chancen zu nutzen, sondern bewusst, um eine deutsche Vorherrschaft in der Region zu verhindern. [...] Während die Europäer beginnen, neue Verbündete zu finden, um ein Gegengewicht zu Deutschland zu schaffen und es in Schach zu halten, sieht sich jedes Land in eine Art reaktiven Nationalismus zurückgedrängt. [...] Nun ist Europa auf dem Weg zurück

in die andere Richtung. Dieser Weg ist für einen Kontinent mit neunundzwanzig Staaten, in

65 denen fünfundvierzig Sprachen gesprochen werden, nicht nur ein Anachronismus, sondern die beste Voraussetzung für Instabilität.

[...] Die Berliner Mauer ist zu früh gefallen. Wäre die DDR der letzte sowjetische Satellitenstaat gewesen, der zusammenbrach – wir dachten, dass der Kreml darauf bestehen würde – so hätte sie nur einen kleinen Teil dargestellt, der leicht von einem neuen und stabilen Europa

70 hätte aufgenommen werden können. Durch die Schnelligkeit der Ereignisse jedoch droht die deutsche Wiedervereinigung das Ganze zu stören, indem im Herzen Europas ein Groß-Deutschland geschaffen wird, das Europa nicht in Schach halten kann. [...]

1 Titel im engl. Original: „The German revival“: revival: dt. Wiederbelebung.

2 pax Sovietica; pax Americana (Lat. Sowjetischer bzw. Amerikanischer Frieden): Die Begriffe beziehen sich auf das Konzept eines oktroyierten, aber andauernden Friedens durch die weltpolitische Dominanz der zwei Supermächte des Kalten Krieges.

3 The Economist: eine wöchentlich erscheinende, internationale Zeitung mit Sitz in London, deren Schwerpunkte auf Politik und internationaler Wirtschaft liegen.

1.

Analysieren Sie den Text. (26 Punkte)

2.

Ordnen Sie den Text in den historischen Zusammenhang der Umbrüche von 1989/90 ein (14 Punkte) und charakterisieren Sie, wie der Autor den „Wiederaufstieg Deutschlands“ (Titel) sieht (14 Punkte). (28 Punkte)

3.

Nehmen Sie Stellung zur Sicht des Autors. (26 Punkte)

Aufgabenstellung: Aufgabe 4 · Abitur NRW Geschichte GK · Nachtermin 2022

Lösung

Nach den offiziellen Korrekturhinweisen

1. Analysieren Sie den Text. (26 Punkte)

Lösung: Umfassende Textanalyse nach historisch-kritischer Methode: Einleitung mit formalen Kriterien (Autor, Textsorte, Entstehungszeit, Adressat, Thema, Intention) sowie differenzierte Wiedergabe von Inhalt und Gedankengang.

2. Ordnen Sie den Text in den historischen Zusammenhang der Umbrüche von 1989/90 ein (14 Punkte) und charakterisieren Sie, wie der Autor den „Wiederaufstieg Deutschlands“ (Titel) sieht (14 Punkte). (28 Punkte)

Lösung: Historische Einordnung in den Prozess der friedlichen Revolution und der internationalen Verhandlungen 1989/90 sowie detaillierte Charakterisierung der skeptischen bis ablehnenden Haltung des Autors.

3. Nehmen Sie Stellung zur Sicht des Autors. (26 Punkte)

Lösung: Differenzierte historische Beurteilung der Thesen Krauthammers unter Abwägung seiner Befürchtungen gegenüber der tatsächlichen historischen Entwicklung nach 1990.

Die ausführliche Erklärung Schritt für Schritt (mit KI) gibt es mit Premium. Premium

Löse sie direkt hier: automatische Korrektur, Hinweise und Lösung Schritt für Schritt.

‹ Aufgabe 2 · GK · Haupttermin · bilingual Französisch 2022 · Aufgabe NT 4 · GK · Nachtermin · bilingual Englisch 2022 ›

Mehr Aufgaben zu Friedliche Revolution 1989 und Wiedervereinigung